An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten

Bagdad, den 18. Januar 16.

Diesseits des Flusses.

Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute

Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nähme, so

wüßte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich

meine Kerze entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten Büchse

steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser

langsam die Umschläge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen

auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die

Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse

ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine längst

eingenommene Festung bin.

Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor

meinem Fenster rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der Regen rast mit

eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kämpfen mit den

Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu

trinken. Mein Gesicht aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin so

überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust

gelegt. Ich bin richtig ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das

Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann

will ich Dir auch gestehen, daß ich wieder krank gewesen bin. Du wirst

nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafür, daß

ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo

ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch weiß ich nicht,

weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe

zu wohnen. Oft scheint es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche

die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den

Menschen besiegt.

Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhütte auf dem Kelek und

fieberte. Das Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei

Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene

Tür in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend

waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter

Palmen. Palmen -- dachte ich und daß das Paradies im Schatten ihrer

Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse

wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus

ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen.

Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine

deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht

genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht noch einmal zwanzig

Tage durch die Wüste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer

Augen zu schauen? Am nächsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der

Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weißgedeckten

Tisch mit blühenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die

Sonne schien durch die offene Tür.

Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen,

und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen ans Bett.

Hier war ein kleines Bäumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine

Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt,

die ich auf mein Bett über die Füße breitete, um sie liebevoll immer

wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer

verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die

Kerzen flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten mir entgegen, nun

entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, und der Duft verbrannter

Tannenzweige führte mich über so viel Jahre in die Zeiten zurück, da

noch das Wunder dieser Nacht für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich

die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange

Wochen mit mir durch die Wüste trug. »So viel Liebe! So viel Liebe!«

dachte ich, und wieder überströmte es mich. Wie viel hatte doch diese

arme und geschändete Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! Ja,

einen Augenblick schien es mir, als wäre die Erde nur darum des Grauens

und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eifersüchtigen

Herzen verschlossen hielte.

Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Füßen

ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht überkam mich ein

neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der

Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden Hämmern

geschlagenen Kopfe davon. Und während nasse Tücher meine Stirn kühlten,

während ich von helfenden Händen in das Badewasser gehoben wurde, zog

aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der

ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schöpfung verlassen.

Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so

reich an Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich leibhaftig in

Händen gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett

das »Fieberschiff« getauft und über Meere und Länder die

abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. Hat schon jemand das Märchen

des fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich es tun.

Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht

stieg herauf. Während vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte der

Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die

blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt

Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des

Dichters verwünscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns

zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles

ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen?

Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das

mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und

die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter

rufen, der mich zurück in die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von

neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube verdorbenen Fleisches und

faulender Pflanzen. Ich ließ mir Tee kochen. »Dies ist mein

Neujahrs-Punsch,« sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens,

und ich wurde der Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des

Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die

Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten.

Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es

arbeitete in mir am Tag und in den Nächten, ich lag von einer wohligen

Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich

als ein fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht

segnen, die so reiche Schätze in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar

sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus

ungeahnten Tiefen steigt die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke

erfüllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.

Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken blätternd wie in einem schönen

Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen

Abenden, die uns Regen und Stürme bringen, eingehüllt in das warme

Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber der

gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten

habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und

die weißen Häuser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern

werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und

Schlummer eingesponnen, daß ich erneut das Wunder der Wiedergeburt

schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, daß

nicht ein Körnchen Staubes und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf

der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel

entgeht.

Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene

nächtliche Saat der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn ich erst

wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von

Bett zu Bett abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände in meinen Eimer

zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Veränderungen, in denen uns die

Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und wir immer mehr der

Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu

einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. So sehr ich

auch fühle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde

ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein.

Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor

unserer Ankunft in den nächtlichen Straßen der Stadt einem lahmen Esel

begegnete, dessen linker Hinterfuß gebrochen war und auf dessen

schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben

hing der Mond, eine kühle Lampe, während aus einem Hause leise Musik

erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saßen, ihre Gebete sagend.

Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen

Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach

Gräsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem

Geschöpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber

der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet.

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 17 / 38 题