Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.
Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.
Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von
diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die
Militärmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und
ich bin nichts als ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen
Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben soll. Ich werde zwischen
türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine
Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. Ich bin dem Stabe des
Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr
habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf Tage lang suchte ich meinen
beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen,
um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere
Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens
für mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten,
jedesmal über achtzig Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des
Kriegsministeriums betrat.
Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in
der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen.
Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört,
ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere,
meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die
Gräben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will.
Schließlich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem
dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser Haupt schwirrt. Denn
niemand kann die Wechselfälle des Lebens voraussehen, die mich immer
gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum Tode.
Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe für mich, nicht für das
Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der
Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe
mein Leben eingesetzt für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich ich
bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von
Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden
Epauletten und goldenen Schnüren über der Brust? Wie sie am Rande der
Wüste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. Unter
ihnen ist einer von schlanker Gestalt, groß, den Kopf ein wenig
vornübergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der
Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es
ist Euer Sohn. Er ist glücklich, auch hier das Leben als ein
Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten
Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind.
Mit zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu
verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem
Leben zu beugen.
Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser
Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo morgen?
Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat.