Pera, den 7. November 1915.
Mit dem Blick auf das Goldene Horn.
Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen hältst, meine Liebe, so denke
daran, daß ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich
mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die
Wärme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch so viele
verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das
Letzte, was ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn zufällig in
meiner Tasche fühlte, weckte er alle heißen, o so greifbar nahen Bilder
von neuem in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern
von ihm trenne, als wäre dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause,
sondern auch Deines Herzens und der Pförtner aller Glückseligkeit. Das
erste Mal fühlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem
Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenüber saß, die mit ihrem
Schoßhund spielte: »_O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn
Sie müssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus
Paris geflohen und hat Lüttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un
baiser ...!_« Und sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit Butter
bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlüssel wie eine
Waffe vor mir auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt in den
weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu
werden, aufgespießt von den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer
Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören mit gehässigem Lachen das
Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. »_Ah, le Kaiser, le fou_«,
sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwärtig wie ein
Flaubertscher Landpächter.
Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der Galatabrücke in der hellen
Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in
der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und
Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das
liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, das Dir Grüße und Dank bringt
für jene von Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen
Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen
setzen, daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wußten. Ach,
ich könnte mir vorstellen, daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze
Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem
Schatten lebend, und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, ihn auch
jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wüste zu nehmen, wohin
ich in diesen Tagen reise. Über das schimmernde Wasser blickend, neige
ich mich in der heißen Sonne über die Brüstung, und nachdem ich so viele
kostbare und unwiderbringliche Schätze in den grundlosen Brunnen des
Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt mich eine warme Verlockung,
in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu
empfangen.