Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der
Treskaschlucht.
In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,
den 26. November 1915.
Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich
Sie in weißen Hauben durch die Säle schreiten wie durch einen
leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Händen aufblühen,
sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer
gut gelaunten, lustig zerzausten und höchst garstigen Diestel? Man
reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas
bestürzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten.
Heute sind wir über den Amanus gefahren, vor zwei Tagen über den Taurus.
Nur von spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich seine steinerne
Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit
eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur
Seekrankheit hin und her geschüttelt, bei fast vollem Mond in die
geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der
Landstraße hinter uns herziehend, deutete jemand über den Rauch
nächtlicher Zeltdächer, die einsam in der Ebene standen, auf einen
hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden
in die Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer liegen. Und wie ich
Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da
schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr meerumgürtetes Haus und dachte
wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht
gehen! Wie schön, wenn am Abend die schwarzen Winterstürme heraufkommen
und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen. Sich dann
in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe
kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich zu sein?
Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten, könnte mir nie ein
Unglück zustoßen, und fast will ich glauben, daß Sie recht haben. Ich
fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen,
trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen sind
mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flüchtlinge
besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der
sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen ein schmerzliches
Spießrutenlaufen beginnen.
Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das
Lager zurückgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit,
Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus
einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an
den dunkelvioletten Aufschlägen meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur
Sanitätstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf mich zu. Mich
für einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich
Ärmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem
es verboten war, ihr zu helfen.
Dies alles aber wurde übertroffen durch den furchtbaren Anblick der
täglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte
man ihnen eine Reihe von Löchern in die Erde gegraben, die mit alten
Lappen bedeckt waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf, Knaben und
Mädchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung
und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der
Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt, ein kleines Stückchen
glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie
vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige weinten unaufhörlich. Ihr
gelbes Haar hing ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter waren von
Schmutz und Tränen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen
waren unergründlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor
sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die
Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das Schicksal alle
Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wüste gestellt, uns noch einmal
zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, daß ich klopfenden
Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde
dahinschritt, erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden zu beiden
Seiten in einen Abgrund zusammen.
Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse sind von diesen Lagern des
Elends erfüllt. Über die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich dieser
gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von
Verfluchten, der um den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und schmäler
werdend, in unabsehbaren Zügen in die Ebene hinabzugleiten und in der
Wüste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine
Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber
beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwürdigen
Härte des Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle du das deine!
So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige
Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten
Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhöfen
ohne Licht in den Eisenbahnzügen und führe mit den Kameraden die
heitersten Gespräche über den Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter
uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Männer, die
ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche
Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, daß die Schamas die
Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt;
sie erzählen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen
vielen und mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste
Speisekarte schöner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich,
an ihren Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend
wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tödlicher Seuche
anstecken. Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an
Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler
und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie
entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide
aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt
flüchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der
Straße liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das alles erzählt man dir mit
lächelndem Auge, als wäre der Tod das heiterste Schaustück der Welt. Und
auch du lächelst, gehst schlafen und beschließt im stillen bei dir
achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nächsten
Augenblick zu entdecken, daß man dein Kochgeschirr in einer
übelriechenden Lache reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen
beschmutzt haben.
Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück seines Schicksals glauben!
Darum fürchten Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden und
ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig
durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern
Sie sich stets daran, daß es Pflanzen mit blassen Blättern gibt, die,
wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Kräfte
haben. Zu diesen gehöre ich.
Daß Sie hier wären! Den Tag über mit mir im Sattel zu sitzen und in die
Steppe hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und
ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht und
wären ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen
auch ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie selbst für eine
hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wäre doch zu nichts
nütze.