Konstantinopel, den 24. Oktober 1915.
In einem Hotelzimmer.
Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine
Küste nicht mehr schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer, der
sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande losriß, oder war es das
Land selbst, das sich ablöste von mir, das eine unendliche Weite
zwischen uns stieß, während ich, die geliebte Küste vor Augen, hinter
der Brandung kämpfe, die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe ich
das Haar Deiner Schläfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges.
Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden.
Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und
mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon länger mit mir.
Aber erst in späteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe
entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurückbleibt,
vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte
Deiner Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht
hat, daß eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne,
weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glück und die
Weisheit meiner Jugend gewesen ist.
Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem
Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich
reiste, der Wagen war bestellt und wir saßen beim Nachtmahl, schwankte
der Vater, von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den Tisch.
Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das
Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig. In der Tiefe
meines Herzens war ein Geräusch, als hämmerte jemand unten im Keller.
Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Großvater gestorben
ist. Ich fühlte eine grauenhafte Leere durch meinen Körper gehen. Aber
es war nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch einmal vorüber.
Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir
hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt. Mutter begann unter der
Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich
aber fühlte, was ich immer gewußt habe, daß dieser Tod nur ein
Schrecken, kein reiner Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die
Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines
Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine
Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst
ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht
zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein
Abwesender an ihm vorüber.
Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine
furchtbare Marter wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen
zu bleiben. Wie gerne hätte ich um eine Stunde an der Seite dieser
schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich
durch die Wohnung wie durch die Räume eines brennenden Hauses und
schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen
könnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein
Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es
sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener Kahn, in den Abgrund
hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stände ein
Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen,
durch dessen Öffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein
Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem
Tode zu wohnen. Ich streichelte über seine runzlige Wange, wie man über
die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten
könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem alternden Manne noch
jemals eine Freude zu bereiten.
Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle
Ruine dieses Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte Antlitz
meiner Mutter (o du über alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in
diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich legte meinen
Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder
hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst
noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Räder und die wandernde
Landschaft unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte mir keine
Erlösung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lärm und
Räderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um
seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewußtsein ging
alles Denken unter.
Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte
sich über viele Tage, und je länger sie währte, um so mehr wuchs der
Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe
ich das Buch geöffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge für
das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich
darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn sich auf
mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides
glänzt. Fühle die weiche Blüte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter
Kamerad, warum wurdest Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren,
um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch lange über diese Länder zu
schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein.
Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg
hat alle Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben,
aber auch diese noch ist nicht ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat
die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß auf seine Schwelle
gesetzt. Ich fühle, wie sich die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben
genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu
halten? Doch ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit
zwischen trojanischen Münzen und türkischen Soldatengräbern verfaulen
sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß ich Dir
verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gütigste über der Erde, ein Enkel,
ein Teilchen, das Ende eines Knöchelchens von Dir.
Dein junger Kamerad.