+Das war mein Abschied von Ceylon+, von meinem Tropenparadiese, vom

Lande meines Lebenswerkes! Fast ein Menschenalter hindurch hatte ich

dort in Frieden und Freundschaft mit Weißen und Farbigen gearbeitet und

geschafft, um dieses Land zum bitteren Ende unter solchen Umständen

verlassen zu müssen ...

* * * * *

Damit wäre mein Ceylonbuch eigentlich zu Ende, denn ich habe die

Insel bisher nicht wiedergesehen, und ob es unter den heutigen

Weltverhältnissen überhaupt möglich sein wird, ihren Strand noch einmal

zu betreten, das frägt sich doch sehr. Da meine Leser aber, die mir

bis hierher freundlich gefolgt sind, vielleicht Interesse dafür haben,

von meinem weiteren Schicksal seit dem Abschub von Ceylon zu hören,

rekapituliere ich kurz die Einzelheiten der abenteuerlichen Flucht, die

mich aus Indien endlich glücklich in die Heimat gelangen ließ.

Da stand ich nun also mit meinen winzigen Habseligkeiten auf Deck der

„Insulinde“ und starrte über das schäumende, von Millionen aufglühender

Protozoen erleuchtete Kielwasser in die Nacht hinaus, dorthin, wo das

Leuchtfeuer von Colombo und die allmählich verglimmenden Lichter am

Strand mir den letzten Abschiedsgruß meiner geliebten Insel entboten.

Und ich gedachte in bitterer Wehmut jenes so weit zurückliegenden

Tages, als ich als junger Mann zum erstenmal die Küste Ceylons

erblickte und, die Brust von Tatkraft und Unternehmungslust geschwellt,

mit tausend weitfliegenden Plänen im Kopf, zum erstenmal den Boden der

Insel betrat. Was lag nicht alles seit jenem Tag und dem heutigen!

„Kein größerer Schmerz, als sich im Unglück vergangenen Glücks zu

erinnern ...“

Aber ich bin niemals ein Kopfhänger gewesen. Der Pessimismus mag ja

seine wohlbegründete philosophische Berechtigung haben — arbeiten und

vorwärtskommen kann man damit nicht, und am allerwenigsten taugt er

dazu, ein Unglück zu überwinden. Auch in dieser schrecklichen Lage

gelang es mir Gott sei Dank sehr bald, mein seelisches Gleichgewicht

wiederzugewinnen und jenen gesunden Optimismus, dem der Hamburger mit

dem Wort „Es ist ja alles nur halb so schlimm“ Ausdruck zu verleihen

liebt. Ich vertraute auf meinen Stern, der mir bisher das ganze Leben

hindurch freundlich geleuchtet hatte und der mich, dessen war ich

gewiß, auch aus den Tagen der Trübnis wieder hinausführen würde.

Das Schiff kam von Rotterdam und sollte als nächste Station Padang

auf Sumatra anlaufen, um dann nach kurzem Aufenthalt seinen

Bestimmungshafen Batavia zu erreichen. Die Passagiere, meistens

Holländer, hatten schon eine lange Reise hinter sich und befanden

sich, da sie bisher nur dürftige Nachrichten erhalten hatten, über die

weltbewegenden Ereignisse, den Ausbruch des großen europäischen Krieges

und alles, was damit zusammenhing, ziemlich im Unklaren. Die Spannung

war, wie sich denken läßt, ungeheuer groß, und ich wurde von allen

Seiten mit Fragen bestürmt, ob und was ich Näheres über die Vorgänge

in Europa wüßte. Übrigens war ich nicht als einziger Deutscher an Bord

der „Insulinde“ gekommen. Mit mir zugleich waren acht Landsleute, die

sich zufällig als Vergnügungsreisende in Colombo befanden, ausgewiesen

worden, und ferner hatten vier Österreicher, Mitglieder der dortigen

Kolonie, in Voraussicht der kommenden Dinge es für ratsam gehalten,

das britische Gebiet zu verlassen. Wir waren also insgesamt dreizehn

Deutsche und schlossen uns zwanglos rasch zu einer Art von Schutz- und

Trutzbund zusammen. Zuversichtliche Stimmung beseelte uns, und diese

äußerte sich bei unserem Galgenhumor alsbald auf eine so heitere Art,

daß sich an Bord das Gerücht verbreitete, die Gesellschaft wäre eine

Theatertruppe und ich, John Hagenbeck, ihr Impresario!

Als wir nach einer schönen viertägigen Seefahrt in Padang und nach ein

paar weiteren Tagen an unserem Ziel, in Batavia, anlangten, hatte ich

schon eine ganze Reihe neuer Zukunftspläne fix und fertig im Kopf.

Ich war ja durchaus darauf angewiesen, sofort Geld zu verdienen,

denn das höchst geringe „Kapital“. das man mich in Colombo hatte

mitnehmen lassen, war bei meiner Ankunft in Batavia schon so stark

zerkrümelt, daß sein Rest nur noch für wenige Tage reichte, und an ein

Nachkommenlassen von Geld aus Colombo war zunächst nicht zu denken. Da

mir aber die Verhältnisse in Java schon von früheren Einkaufsreisen her

bekannt waren und ich mancherlei Beziehungen zu den dort ansässigen

Kolonisten hatte, zweifelte ich nicht daran, daß es mir rasch gelingen

würde, auf einer Plantage oder bei irgendeinem anderen Unternehmen

Anstellung zu finden.

Übrigens befanden sich meine deutschen Reisegefährten in ganz

ähnlicher Klemme wie ich, denn die Barmittel aller waren durchgängig

sehr gering. Es blieb uns deshalb auch gar nichts anderes übrig,

als „stramme Haltung zu markieren“ und uns in unseren Ausgaben aufs

äußerste einzuschränken. Das fing damit an, daß wir dreizehn zusammen

uns in drei Zimmern eines Hotels in Batavia einquartierten. Aber

meine Genossen zerstreuten sich bald, um ihr weiteres Fortkommen zu

suchen, und auch ich begab mich ohne langes Zögern landeinwärts auf die

Tour, um hier und dort bei den mir geschäftlich bekannten Landsleuten

anzuklopfen und zu hören, ob irgendwo ein Posten für mich frei wäre.

Ich fand überall freundliche Aufnahme, man stand mir mit Rat und Tat

bei und gewährte mir jede Hilfe, und ich hätte auch rasch geeignetes

Unterkommen gefunden — wenn jetzt nicht eine +Spionagehetze gegen mich+

ausgebrochen wäre, die alle Pläne zunichte machte und mir einen dicken

Strich durch die Rechnung zog!

Durch die lächerlichsten Klatschgeschichten wurde dadurch im

Handumdrehen erreicht, daß ich, den bis dahin niemand beachtet und

behelligt hatte, zum Gegenstand einer sehr unerwünschten Aufmerksamkeit

wurde. Wie die meisten Kolonien, ist auch Java trotz seiner Größe in

gewisser Hinsicht sozusagen ein Dorf. Sobald hier mit einem Europäer

irgendetwas „los“ ist, weiß es in wenigen Tagen zwischen Batavia und

Soerabaya jeder Kolonist. Das bekam ich sogleich zu spüren. Wo ich

nur auftauchte, steckte man die Köpfe zusammen und ging das Tuscheln

los: „Aha, das ist er. Hagenbeck, der Spion.“ Angenehm war das nicht,

ich fühlte mich als Verfemter. Noch unangenehmer war es, daß nun auch

aus meinem Engagement nichts wurde, denn trotz allem Wohlwollen konnte

sich keiner meiner Landsleute dazu entschließen, mir einen Posten

anzuvertrauen; sie mußten Rücksicht auf die allgemeine Stimmung nehmen

und hatten schon ohnehin einen schweren Stand in diesem Lande, das zwar

neutral war, aber mit seiner Sympathie doch größtenteils auf Seiten

unserer Feinde stand und mit dieser Gesinnung durchaus nicht hinter dem

Berge hielt.

Es kam bald viel schlimmer, denn es blieb mir nicht verborgen, daß

ich auf Schritt und Tritt von geheimen Agenten verfolgt und belauert

wurde, die zweifellos dem weitverbreiteten feindlichen Spionagesystem

angehörten. Was ich vermutete, wurde mir dann auch von ansässigen

Deutschen, die Einblick in die Verhältnisse hatten, bestätigt: daß

man nämlich auf irgendeine Weise meiner habhaft werden wollte, um

mich in feindliche Gewalt zu bringen. Auf Umwegen erreichte mich auch

die bestimmte Kunde, daß man sich bei der holländischen Regierung

sehr um meine Auslieferung bemühte. Ich befand mich in meinem „Asyl“

in höchster Gefahr. Zwar war meine Auslieferung wegen politischer

Vergehen aus völkerrechtlichen Gründen nicht möglich — aber gab es

nicht andere Mittel und Wege zur Erreichung des Ziels? Wäre es wirklich

etwas so Ungewöhnliches gewesen, wenn man mich einfach eines gemeinen

Verbrechens bezichtigt hätte, um die Auslieferung durchzusetzen? Die

„beweisenden“ Unterlagen dafür herbeizuschaffen, war Kinderspiel.

Auch mußte ich bei jeder noch so geringfügigen Entfernung von der

javanischen Küste, etwa bei einer Überfahrt nach einer der Inseln,

dessen gewärtig sein, daß man mich vom neutralen Schiff herunterholte.

Und schließlich konnten mich die Späher und Spitzel auch unter

irgendeinem Vorwand in einen Hinterhalt locken und mit Gewalt

festnehmen und entführen — kein Hahn hätte nach mir gekräht.

Alle diese Erwägungen brachten in mir den Entschluß zur Reife, Java

zu verlassen und die Flucht in die ferne Heimat zu versuchen. Es war

ein Entschluß der Verzweiflung, denn bei genauer Überlegung konnte

ich mir doch nicht verhehlen, daß die Aussichten auf ein Gelingen der

Flucht außerordentlich schwach waren. Die finanziellen Sorgen wären

dabei noch das geringste gewesen, denn die zur Flucht benötigten

Mittel konnte ich schon bei meinen in Java ansässigen Landsleuten

aufbringen. Aber ich besaß keinerlei Papiere, denn die Behörden hatten

mir bei meiner Ausweisung aus Colombo dort mit sämtlichen anderen

Schriftstücken auch alle Personalausweise abgenommen, und ohne Papiere

durfte ich Java auf offene, legale Weise überhaupt nicht verlassen,

das ließen wieder die holländischen Behörden nicht zu. Aber was hätte

es mir auch schließlich genützt, wenn ich im Besitz gültiger Papiere

an Bord eines holländischen oder eines anderen neutralen Schiffes von

Batavia heimwärts gefahren wäre! Man hätte mich draußen auf hoher

See, oder spätestens im Suezkanal ja doch vom Dampfer heruntergeholt,

denn die englischen Kriegsschiffe hielten damals bereits alle Meere

und Wasserstraßen unter Kontrolle und untersuchten jedes Schiff ohne

Rücksicht auf seine Neutralität.

Was also tun? Nach vielem Hin- und Herüberlegen sagte ich mir, daß

unter solchen ungewöhnlichen Umständen eben auf +illegale+ Weise

durchzusetzen versucht werden mußte, was sich mit legalen Mitteln

nicht machen ließ. Ich verschaffte mir also von einem holländischen

Kolonialsoldaten für Geld und gute Worte — auf ersteres legte er mehr

Gewicht als auf letzteres — seinen Paß und schiffte mich damit in

Batavia als Zwischendeckspassagier auf einem nach Europa bestimmten

Dampfer ein. Zunächst schien auch alles gut zu gehen, man hatte meinen

Paß nur oberflächlich geprüft und niemand kümmerte sich weiter um mich,

man hielt mich eben für einen abgelohnten alten Kolonialsoldaten, wie

es derer ja so viele gibt. Ich machte es mir im Schiffsraum bequem,

sprach so wenig wie möglich und wartete, innerlich fiebernd vor

Ungeduld, auf die Abfahrt. Daß mir zu guter, oder vielmehr zu böser

Letzt meine +Popularität+ einen Strich durch die Rechnung machen

würde, daran hatte ich freilich nicht gedacht. Meine äußerliche

Erscheinung mit ihren nicht gut zu übersehenden charakteristischen

Eigentümlichkeiten war eben nicht bloß in Ceylon und überhaupt ganz

Indien wohlbekannt, sondern auch in Batavia und Umgegend bereits so

„populär“ geworden, daß mich hier viel mehr Leute kannten, als mir

unter den obwaltenden Umständen lieb sein konnte. Als es Abend geworden

war und das Schiff bald abfahren sollte, kam eine Polizeipatrouille

an Bord und kontrollierte auch das Zwischendeck. Mir war nicht ganz

wohl zumute und ich bemühte mich krampfhaft, so harmlos wie möglich

dreinzuschauen. Kaum hatte mich aber einer der Polizeibeamten erblickt,

als er mit einem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte, mir

freundlich zunickte und rief: „+Ah, guten Abend, Herr Hagenbeck! Wie

geht’s?+“ Damit war meine Rolle als „holländischer Kolonialsoldat“

ausgespielt. Man komplimentierte mich vom Schiff herunter und ins

Gouvernement hinein, wo ich noch glimpflich mit einer strengen

Verwarnung davonkam und den guten Rat erhielt, in Zukunft jeden Versuch

einer ungesetzlichen Handlungsweise zu unterlassen, widrigenfalls ...

Mein bisher aufrecht erhaltener Optimismus drohte ins Wanken zu kommen.

Durch alle Widerwärtigkeiten aufs tiefste verstimmt, reiste ich nach

dem im Hochland des Innern gelegenen Städtchen +Soekaboemi+, weil ich

dort nicht so unerwünscht „populär“ wie in Batavia war. Soekaboemi

(das holländische oe wird wie u gesprochen) bedeutet im Javanischen

„Entzücken der Welt“ und verdient wegen seiner reizendschönen Lage

und seines angenehmen frischen Hochlandklimas den Namen im vollen

Maße. Leider war es mir nicht beschieden, mich dieser Idylle in Ruhe

zu erfreuen. Zwar fand ich hier bei deutschen Landsleuten freundliche

Aufnahme, aber schon nach kurzem Aufenthalt in dem Städtchen mußte ich

die fatale Beobachtung machen, daß die Spitzel meine Spur aufgenommen

hatten und mir hierher gefolgt waren. Sie blieben mir wie der Schatten

meines Körpers treu, hefteten sich an meine Sohlen und überwachten in

der Maske harmloser Privatleute mein Kommen und Gehen, mein Tun und

Treiben.

Davon hatte ich nun genug und übergenug. Meine Nerven waren überreizt

und ich beschloß auf jeden Fall, mochte es ausgehen wie es wollte,

nochmals den Versuch zu machen, von Java fortzukommen. Diesmal aber

setzte ich mir ein näheres Ziel: das benachbarte Sumatra. Mit einem

kleinen Küstenfahrer hoffte ich besser durchzuschlüpfen, als auf den

großen Ozeandampfern, und wenn Sumatra zwar ebenfalls holländischer

Kolonialboden war, so glaubte ich doch nach allem, was ich in Padang

gehört und gesehen hatte, darauf rechnen zu dürfen, dort bessere

Aufenthaltsbedingungen und schließlich auch bessere Gelegenheit zur

Flucht nach Europa vorzufinden.

Diesmal gelang mir die Sache so überraschend gut, daß ich beinahe

übermütig wurde. In Begleitung eines Österreichers, der in Colombo

italienischer Konsul gewesen war und dieselben Ausreißpläne hatte wie

ich, fuhr ich unbemerkt nach Batavia zurück, schmuggelte mich an Bord

eines Küstendampfers ein, der zum Glück nicht kontrolliert wurde,

und landete zwei Tage darauf in dem am Fuße des Affenberges herrlich

gelegenen kleinen Hafenplatz +Emmahaven+ in nächster Nähe von +Padang+

an der Südküste Sumatras. Eine ganz besondere Freude bereitete es mir,

hier den Dampfer „Kleist“ vom Norddeutschen Lloyd begrüßen zu dürfen.

„Kleist“ war bei Ausbruch des Krieges von Colombo nach Emmahaven

geflüchtet und lag nun hier im neutralen Gebiet, um nicht dem Feind in

die Hände zu fallen, in erzwungener Untätigkeit fest. Die Offiziere

des „Kleist“ waren sowohl mir, wie auch meinem österreichischen

Schicksalsgenossen von Colombo her aufs beste bekannt, und wir wurden

deshalb an Bord des Dampfers für die ganze Zeit unseres Aufenthalts in

gastfreundlichster Weise aufgenommen.

Erquicklich war der Aufenthalt in Padang trotz der Gemütlichkeit an

Bord nun gerade nicht. Ganz abgesehen von meinen privaten Schmerzen

und Sorgen litt ich zu sehr unter dem nagenden Gefühl, so fern der

Heimat zu sein, in Untätigkeit verharren zu müssen, wo Deutschland

den furchtbarsten Existenzkampf zu führen hatte. Dazu kam noch als

besondere seelische Folter, daß man sich gar kein klares Bild von

den Vorgängen in Europa und von der Lage auf den verschiedenen

Kriegsschauplätzen machen konnte. Denn wir waren dort draußen in

Sumatra fast ausschließlich auf die Mitteilungen der Feindespresse

angewiesen, und zu dieser zählte ihrem ganzen Ton nach auch fast die

ganze holländische Kolonialpresse. Immerhin konnten die großen Erfolge

der deutschen Waffen doch nicht gänzlich unterdrückt und totgeschwiegen

werden, und das waren dann immer Lichtblicke unseres Lebens im Exil,

wenn die Kunde deutscher Heldentaten über Länder und Meere bis zu uns

Versprengten unter dem Tropenhimmel drang. Dazu gehörten mit in erster

Linie die kühnen Streiche der „Emden“, des „Gespensterschiffes“, dessen

wackere kleine Besatzung damals den Indischen Ozean gründlich unsicher

machte und durch ihre Verwegenheit, ihre fast humoristisch wirkende

List auch den Engländern und Holländern Anerkennung abnötigte. Bei den

Eingeborenen der dortigen Küsten aber, besonders beim mohammedanischen

Teil der Bevölkerung, wurde die „Emden“ geradezu populär und jeder

ihrer erfolgreichen Streiche wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt.

Wer, wie ich, an rastlose Tätigkeit gewöhnt war, den mußte diese

zwecklose, erzwungene Muße mit tiefstem Unbehagen erfüllen; nicht nur

geistig, auch körperlich litt ich darunter. Da es mir nicht gelang, in

oder bei Padang eine Anstellung zu finden, unternahm ich zur Ablenkung

eine größere Expedition ins Innere Sumatras, das mir zum Teil schon

von früheren Einkaufsreisen her bekannt war. Ich komme auf diese

Erlebnisse, wie auf Sumatra überhaupt, im zweiten Band dieses Werkes

näher zurück.

Als ich wieder nach Padang zurückgekehrt war, erreichte uns Deutsche

an Bord des „Kleist“ die traurige Kunde, daß die „Emden“ nun doch von

ihrem Schicksal erreicht worden wäre. Ein harter Schlag! Aber eines

Tages, am 27. November 1914, hatten wir wieder zu jubeln, da gab es

eine große und freudige Überraschung. Da kam, von zwei holländischen

Torpedobooten begleitet, ein kleines, weißgestrichenes Segelschiff in

Sicht, über dessen schwer mitgenommenen, geflickten Segeln die deutsche

Kriegsflagge wehte. Es war die berühmte „+Ayesha+“ mit fünfzig Mann von

der Besatzung der „Emden“ unter Kapitänleutnant Mücke. Sie fuhr langsam

in den Hafen ein und machte dicht bei den deutschen Lloyddampfern

„Kleist“, „Rheinland“ und „Choising“, sowie einem österreichischen

Dampfer, fest. Es ist wohl noch in Erinnerung, welche Schwierigkeiten

die holländischen Behörden in Padang unserem winzigen Kriegsschiff

bereiteten und daß es aller Energie seines Kommandanten Mücke bedurfte,

um seine Rechte durchzusetzen und sich mit Hilfe des deutschen Konsuls

mit den für die Weiterfahrt notwendigsten Bedürfnisgegenständen zu

versorgen. Man hätte den Engländern und Japanern zuliebe die „Ayesha“

gar zu gern festgehalten und ihre Besatzung interniert, aber der

Kommandant des kleinsten aller Kriegsfahrzeuge setzte es, wie gesagt,

doch durch, daß man seine Flagge respektierte; allerdings wurden

ihm viele der gewünschten Gegenstände, wie z. B. Kleider, Seife und

Zahnbürsten, verweigert, weil sie angeblich eine „Verstärkung der

Wehrkraft“ bedeuteten. Auch stellte man dem Kommandanten als ganz

sicher in Aussicht, daß ihn beim Weiterfahren nach dem Verlassen der

neutralen Zone die draußen lauernden englischen und japanischen Kreuzer

ja doch abfangen würden.

Da nach den Neutralitätsbestimmungen die „Ayesha“ den Hafen binnen

vierundzwanzig Stunden wieder verlassen mußte und ein Teil der

kostbaren Zeit schon durch die langen Verhandlungen mit den Behörden

unnütz verstrichen war, setzten wir Deutschen, die wir den Vorgängen

mit atemloser Spannung folgten, natürlich alle Hebel in Bewegung, um

zur Verproviantierung der unerschrockenen Seemänner beizutragen. Was

wir nur irgendwie entbehren oder herbeischaffen konnten, schmuggelten

wir „hintenherum“ zur „Ayesha“ hinüber: Kleidungsstücke, Proviant,

Tabak usw., als besonders willkommene Gabe aber auch Zeitungen, denn

unsere Landsleute hatten schon seit vielen Wochen keine Gelegenheit

gehabt, sich über die Vorgänge in der Welt zu unterrichten. Als am

nächsten Tag die vierundzwanzigstündige Frist verstrichen war und

der Segler den Anker lichtete und aus dem Hafen heraus in die dunkle

Nacht und einem ungewissen Schicksal entgegenfuhr, da gaben ihnen die

Klänge des von uns angestimmten Deutschlandliedes und unsere heißen

Segenswünsche das Geleit.

Im unmittelbaren Anschluß an dieses Ereignis trat ich eine für mich

sehr riskante Reise nach Batavia an, um von einer dort befindlichen

Persönlichkeit Instruktionen für den Kapitän des Lloyddampfers

„Choising“ einzuholen. Auf Grund der erhaltenen Weisungen folgte dann

die „Choising“ der „Ayesha“ und traf sich mit ihr auf einem vorher

vereinbarten Punkte des Indischen Ozeans, wo sie die Mannschaft des

Segelschiffes übernahm und dieses versenkt wurde. Übrigens hatte ich

das Glück, bei meiner Rückkehr nach Emmahaven dort unerwartet meine aus

Colombo entlassene Frau anzutreffen. Sie brachte mir die Mitteilung,

daß man dort inzwischen alle Ceylon-Deutschen interniert hatte.

Am Neujahrstage 1915 übersiedelte ich mit meiner Frau vom Dampfer

„Kleist“, der mir so freundlich lange Zeit Obdach gewährt hatte, nach

Padang, wo ich bei einer befreundeten deutschen Familie herzliche

Aufnahme fand. So von außen betrachtet hatte es ja den Anschein, als

ob ich hier an der Sumatraküste ganz friedlich und unbehelligt meine

Tage verbrachte. In Wirklichkeit aber blieb es mir nicht verborgen,

daß die feindlichen Späher nach dem Ayesha-Zwischenfall wieder

scharf hinter mir her waren und daß man eine ansehnliche Prämie auf

meine Ergreifung ausgesetzt hatte. Geradezu komisch waren die immer

verworrener werdenden Mitteilungen, die in der feindlichen Presse

über meine Person und meine angebliche politische Rolle Verbreitung

fanden, den Gipfel der Absurdität aber erreichte eine ungewöhnlich

fette Ente, die ein phantasiebegabter französischer Reporter aus

der Tiefe seines Gemüts hervorgezaubert hatte und in den Spalten

französischer Sensationsblätter herumtummeln ließ. Da wurde nämlich

mit einer Fülle malerischer Einzelheiten erzählt, daß der richtige,

echte John Hagenbeck +überhaupt nicht mehr am Leben wäre+, weil ihn

auf einer Expedition in Neuguinea wilde Papua überfallen, +gebraten und

aufgefressen+ hätten. Dieses hochnotpeinliche Verfahren wurde „nach den

Berichten eines überlebenden Augenzeugen“ so plastisch geschildert,

daß einem kannibalisch veranlagten Leser förmlich das Wasser im Munde

zusammenlaufen mußte ... Nun, mir konnte es ja eigentlich ganz recht

sein, wenn man mich für verspeist und endgültig erledigt hielt, dann

hatte ich endlich Ruhe. Leider konnte sich diese Legende aber nicht

hinlänglich befestigen, und eine immer quälender werdende innere

Unruhe, die durch gewisse Wahrnehmungen in meiner Umgebung veranlaßt

wurde, trieb mich dazu, meine Fluchtpläne wieder mit größter Energie

aufzunehmen.

Zu diesem Zweck hatte ich schon vor einiger Zeit die Bekanntschaft

eines Kolonialsoldaten gemacht, der als geborener Belgier (Vlame)

ganz gut deutsch sprach und, wie ich im Verlauf unserer verschiedenen

Gespräche bald zu merken bekam, nicht abgeneigt zu sein schien, mir

mit Hilfe seiner Papiere die Flucht zu ermöglichen. Da er zufällig

dieselbe Figur wie ich und überhaupt eine gewisse Ähnlichkeit mit mir

hatte, also die Personalbeschreibung, wenn man es damit nicht so genau

nahm, einigermaßen auch auf mich zutraf, war das ja meinem Unternehmen

sehr günstig. Eines Abends fragte ich den Belgier unter vier Augen rund

heraus, ob er mir gegen angemessene Entschädigung zur Flucht behilflich

sein wollte, und da er nach meinen früheren Andeutungen diese Frage

schon erwartet hatte, kamen wir rasch ins Reine. Er sollte mir nicht

nur seinen Militärpaß, sondern auch andere wichtige Papiere, darunter

die Pensionsurkunde, leihweise überlassen, nach geglückter Flucht würde

ich sie ihm von Europa zurückschicken. Ich wollte also als abgedankter

Kolonialsoldat unter seinem Namen reisen, unter dem Vorwand, daß mich

die Sorge um meine in Belgien allen Kriegsschrecken preisgegebene

Familie heimwärts trieb.

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 18 / 19 段