blindlings ab. Aber diesmal ließen sich die Büffel durch den Knall
der Schüsse nicht beirren, diesmal rissen sie nicht aus, stutzten
nur einen Augenblick und stürmten von neuem auf uns los. Wir hatten
keine Patrone mehr im Lauf, sie hätte uns auch nichts genützt. +Es
gab für uns nur eine Möglichkeit der Rettung, die Flucht.+ Glückte
sie nicht, so waren wir in den nächsten Sekunden von den spitzen
Hörnern der Büffel durchbohrt, von ihren Hufen zertrampelt. ...
Instinktiv, ohne die geringste Überlegung, sprangen wir beide zum
Steilrand des Flußbettes hinüber. Es war eine fast senkrechte, etwa
drei Meter hohe, mit Kies und Steinen durchsetzte Lehmwand. Gelang es
uns, sie rasch zu erklimmen, so waren wir vorläufig in Sicherheit,
denn die schwerfälligen Büffel vermochten uns da nicht zu folgen. Zum
Glück ragten aus der Lehmwand gerade dort, wo wir uns befanden, ein
paar Wurzeln der oben auf dem Rande stehenden Bäume hervor, die den
kletternden Füßen als Stütze dienen konnten. Fernando war mit seiner
katzenartigen Behendigkeit wie der Blitz schon in halber Höhe der Wand,
klammerte sich mit einer Hand und den Füßen an die Wurzelenden fest
und leistete mir, der ich zwar auch ein leidlich guter Turner, aber
doch nicht so flink wie mein Jäger war, durch Ziehen mit der anderen
Hand beim Klettern Hilfe. Noch ein paar Griffe, und wir befanden uns
so hoch, daß wir das oben am Rande wachsende Buschwerk packen und
uns vollends hinaufschwingen konnten. Es war keinen Bruchteil einer
Sekunde zu früh, denn in demselben Augenblick, als unsere Beine noch
an der Lehmwand herabhingen, sprangen die Büffel — es schienen drei
oder vier zu sein — gegen die Wand. Wir hörten den wütenden Anprall der
mächtigen Schädel, das Herabrieseln des Kieses, standen nun aber auch
schon oben auf unseren Beinen und liefen auf gut Glück weiter in den
schon nachtdunklen Wald hinein, ohne der Dornen zu achten, die uns die
Kleider zerfetzten, und der Beulen und Schrammen, die wir uns bei der
Karambolage mit den dicht beieinander stehenden Bäumen holten. Unsere
Gewehre hatten wir bei Antritt der Flucht in Stich lassen müssen, die
waren unten liegen geblieben.
Nach ein paar Minuten machten wir keuchend Halt. Es war hier im Walde
bereits stockfinstere Nacht. Daß uns die Büffel auf irgendeinem für sie
gangbaren Wege verfolgen würden, war nicht mehr zu befürchten. Aber wie
sollten wir zu meinen Kameraden und zum Kamp zurückfinden? Wir hatten
durch das Rennen im Zickzack vollständig die Richtung verloren, führten
keinen Kompaß bei uns und konnten uns auch nach keinem Sternbilde
orientieren, da der Himmel bewölkt war. Anfangs glaubte ich, mich auf
Fernandos fein entwickelten Spürsinn verlassen zu können, aber nachdem
wir uns eine Viertelstunde auf gut Glück zwischen den Bäumen über Stock
und Stein herumgetastet hatten, ward mir doch klar, daß wir auf diese
Weise nicht zum Ziel gelangen würden.
„Die Herren werden uns suchen gehen und Signalschüsse abgeben,“
sagte Fernando. „Warten wir also so lange.“ Schlimmsten Falls mußten
wir eben bis Tagesanbruch warten; das war wohl „ein Unglück, aber
kein Malheur“. Beim Schein meiner elektrischen Taschenlampe machten
wir ein als Notquartier geeignetes Plätzchen ausfindig. Es war
eine Felswand mit überhängendem Gestein, eine geräumige Nische, in
der eine Art von Felsenbank, mit Moos bewachsen, eine einigermaßen
komfortable Ruhegelegenheit bot. Ich leuchtete noch die ganze Umgebung
nach Schlangen und anderen Störenfrieden ab, aber es schien nichts
dergleichen vorhanden zu sein. Zum Glück hatten wir unsere noch gut
gefüllten Feldflaschen mit kaltem Tee bei uns, so daß wir wenigstens
den Durst löschen konnten. Da wir von den Aufregungen der Jagd und der
Flucht sehr ermüdet waren, hielten wir uns nicht lange wach, sondern
versanken, auf der Felsenbank halb sitzend, halb liegend, bald in
festen Schlaf.
Wir schliefen die ganze Nacht hindurch. Vielleicht hätten wir tief
in den Morgen hinein geschlafen, wenn wir nicht beide zugleich durch
ein Geräusch aufgeweckt worden wären. Wir fuhren empor, rieben uns
die Augen und blickten umher. Durch die Baumkronen drang das fahle
Dämmerlicht des erwachenden Tages. Schlaftrunken, wie ich war, wußte
ich im ersten Augenblick nicht recht, wo ich mich befand und wie ich in
diese fremdartige Umgebung gekommen war. Das dauerte aber nur ein paar
Sekunden, dann standen die Ereignisse des vorherigen Abends in voller
Klarheit vor meinen Augen.
Jetzt wiederholte sich das Geräusch, das uns aus dem Schlaf gerissen
hatte: ein Klopfen und Hämmern, wie wenn Steine bearbeitet werden.
Es mußten also Menschen in unserer Nähe sein. Wir machten uns ohne
Säumen auf und gingen durch den Wald über Stock und Stein den Tönen
nach, die immer stärker erklangen. Schließlich wurden sie so laut,
daß wir uns in nächster Nähe des Urhebers des Geräusches befinden
mußten — aber wir bekamen noch immer niemand zu Gesicht. Erst als wir
durch dichtes Gebüsch bis zu einer zerklüfteten Felswand vorgedrungen
waren, sahen wir dort einen fast gänzlich nackten, dunkelbraunen
jungen Mann von untersetzter Gestalt mit lang und wirr herabhängendem
Haar damit beschäftigt, einen Stein mit dem Schlegel zu behauen. Im
selben Augenblick bemerkte der Mann uns, und ganz verwirrt durch die
unerwartete Erscheinung, starrte er uns mit seinen halb-tierischen
Augen und weit aufgerissenem Mund wie ein paar vom Himmel gefallene
Mondbewohner an.
Ich hatte schon davon gehört, daß in dieser Gegend einige Felsenweddas
hausten; zweifellos hatten wir es also hier mit einem Vertreter des
seltenen Urvölkchens zu tun. Da Fernando schon früher einmal mit Weddas
in Berührung gekommen war und ein paar Worte ihrer Sprache kannte,
und da der vor uns stehende Wilde seinerseits wiederum, wie sich
bald herausstellte, einige Brocken Singhalesisch verstand, so kam,
nachdem er sich erst einigermaßen von seinem Schreck erholt hatte, mit
Unterstützung durch die Gebärdensprache eine Unterhaltung zustande,
allerdings von sehr einsilbiger Natur. Wir brachten aus dem Burschen
soviel heraus, daß die anderen Mitglieder seiner Sippe sich in der Nähe
befänden. Sein angestammtes Mißtrauen wurde durch etwas Pfeifentabak,
den ich noch in der Tasche hatte und den er prompt — in den Mund schob
und als Priem benutzte, so weit zurückgedrängt, daß er sich erbot, uns
zu seinen Leuten zu führen.
Es seien hier zunächst einige Bemerkungen allgemeiner Art über die
ceylonischen Urmenschen eingeschaltet.
Die Felsenweddas bilden keine größeren Gemeinden. Nur einzelne
Familien, die den größten Teil des Jahres ganz isoliert bleiben,
schließen sich zusammen. Jeder dieser Familien gehört ein besonderes
Jagdgebiet und sie halten streng darauf, daß ihr traditionelles
Vorrecht auf diesen Besitz von den anderen respektiert wird. Hier jagen
und fischen sie, hier stellen sie den Vögeln nach, hier graben sie nach
eßbaren Wurzeln, hier suchen sie Honig und Bienenwachs, kurzum, von
der Ausnutzung dieses Gebietes hängt ihre ganze Existenz ab. Nur zur
Regenzeit suchen die einzelnen, sonst isoliert lebenden Familien etwas
engere Annäherung, und dann erledigen die Familienverbände oder Waruges
auch ihre allerdings sehr geringen gemeinsamen Interessen, wie z. B.
den Abschluß von Heiraten und dergleichen.
Früher kannten die Felsenweddas keinerlei Kleidung, jetzt tragen sie
um die Hüften ein Stück Tuch, das sie von den umwohnenden Tamulen
oder Singhalesen im Wege des Tauschhandels erwerben. Auch in jeder
anderen Hinsicht sind die Urbewohner Ceylons ungemein anspruchslos.
Hausgerät fehlt so gut wie ganz, ebenso Koch- und Speisegeschirr. Von
pflanzlichen Lebensmitteln nehmen sie nur verhältnismäßig wenig zu
sich und zwar in ungekochtem Zustand. Ihre Hauptnahrung ist Fleisch,
das sie meistens am Feuer rösten. Wie die Buddhisten genießen sie kein
Fleisch vom Rind und ebensowenig Fleisch vom Elefanten, Bären und Huhn.
Doch essen sie das Fleisch aller anderen Vögel, sowie vom Hirsch, vom
Affen, vom Schwein und vom Leguan. Feuer erzeugen sie wie die meisten
Naturvölker rasch und geschickt in der Weise, daß sie ein spitzes
trockenes Hölzchen in die Aushöhlung eines anderen, mit den Füßen
festgehaltenen Holzstückes setzen und mit größter Schnelligkeit darin
wirbelnd umdrehen, bis das Holz heiß wird und ins Glimmen gerät. Mit
den Zehen greifen sie fast ebenso gut wie mit den Fingern, und dieses
affenartige Talent kommt ihnen beim Klettern und Bogenspannen sehr
zugute.
Alle von den Weddas angefertigten Werkzeuge und Jagdgeräte bestanden
früher nur aus Holz, vor allem ihr unentbehrlicher Begleiter, der etwa
zwei Meter lange Bogen samt den mit Vogelfedern besetzten Pfeilen. In
neuerer Zeit haben sie sich von den umwohnenden Tamulen und Singhalesen
auf dem Tauschwege auch eisernes Werkzeug verschafft. Die Art und
Weise, wie sie den Austausch zu bewirken pflegten, ist sehr bezeichnend
für ihr scheues Wesen und ihre Furcht vor persönlicher Berührung mit
den zivilisierten Nachbarn. Sie schlichen sich nämlich nachts zum
nächsten Dorf, legten dort Fleisch, Honig und was sie sonst Gutes zu
liefern hatten, nieder und zugleich mit diesen Tauschartikeln ein
aus Ton roh angefertigtes Modell des gewünschten Eisengeräts, also
vielleicht einer Axt, eines Hammers oder dergleichen. Nach einigen
Tagen kamen sie dann wieder heimlich angeschlichen und holten die
von den Dorfbewohnern inzwischen an derselben Stelle niedergelegte
Tauschware ab. Es soll bei diesem seltsamen Handelsverkehr durchaus
ehrlich zugehen. Wenn man das doch von allen Handelsgeschäften der
Kulturmenschheit behaupten könnte! Die geistigen Fähigkeiten dieser
primitiven Urmenschen sind sehr gering. Sie kennen weder Eigennamen
zur Benennung einzelner Personen noch irgendwelche Zahlwörter. Sie
haben auch keine Zeiteinteilung und können nicht sagen, wie alt sie
sind. Ihre religiösen Bedürfnisse beschränken sich auf einen dumpfen
Dämonendienst und einen gewissen Ahnenkult. Die Toten wurden früher
einfach ins Dickicht geworfen, oder man ließ den Körper liegen, wo
er gestorben war, und beschwerte ihn nur mit einem Stein, dann aber
mied man aus Angst vor dem Geist des Gestorbenen den Ort für längere
Zeit. Es gibt aber auch gute Geister, die dem Wedda dazu verhelfen,
daß er auf der Jagd viel Fleisch erbeutet, ihnen zu Ehren werden Tänze
nach einem bestimmten Zeremoniell aufgeführt. Übrigens wurde den
Weddas nachgesagt, daß sie nicht lachen könnten. Das ist ein Irrtum,
dadurch entstanden, daß die Urmenschen in Gegenwart von Europäern aus
Befangenheit in einem gewissermaßen versteinerten Zustand verharren.
Sich selbst überlassen, sind sie ein ganz munteres, bei geeignetem
Anlaß auch gern lachendes Völkchen. Meine wiederholten Bemühungen,
eine Weddafamilie für eine europäische Rundreise zu gewinnen, waren
vollkommen ergebnislos. Es ist gar nicht möglich, den Leuten überhaupt
klar zu machen, was unter „Reise“ zu verstehen ist und daß es außerhalb
ihres engen Heimatgebietes noch eine ziemlich große Welt gibt. Noch
niemals hat man außerhalb Ceylons einen Felsenwedda zu sehen bekommen,
und auch von den Bewohnern Ceylons können sich nur sehr wenige rühmen,
einen dieser scheuen Wilden von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben.
Die halbzivilisierten Dorf- und Küstenweddas haben sich schon zu sehr
den Sitten und Gebräuchen ihrer tamulischen oder singhalesischen
Nachbarn angepaßt, als daß man sie für ein ganz ursprüngliches Volk
erklären könnte, viele von ihnen haben auch kein reines Weddablut mehr
in den Adern, sondern sind Mischlinge.
Nach dieser Abschweifung kehre ich zu meinem persönlichen Erlebnis
zurück. Der Wedda setzte sich also in Marsch und führte uns beide,
mich und Fernando, förmlich wie eine Katze schleichend, auf einem
kaum erkennbaren Pfade durch dichtes Gebüsch, immer an dem Felsenhang
entlang, bis wir nach etwa fünf Minuten Stimmen vernahmen und bald
darauf vor einer geräumigen Grotte mit weit überhängendem Felsendach
standen. In der Grotte hockten, mit allerlei Hantierungen beschäftigt,
vier Männer verschiedenen Alters, zwei Weiber und ein paar kleinere
Kinder.
Als die Leute uns erblickten, fuhren sie jäh empor und starrten uns
genau ebenso, wie vorhin unser Führer, mit weit aufgerissenen Augen
und offenem Munde an, die kleinen Kinder aber verkrochen sich hinter
Steinen. Wir gaben durch beruhigende Worte und Gebärden zu verstehen,
daß wir in bester Absicht kämen, und der Rest meines Tabaks, den ich
unter die Männer verteilte, trug dazu bei, daß die Wilden ihr Mißtrauen
besiegten und allmählich ziemlich aufgeknöpft wurden. Wofern man
den Ausdruck „aufgeknöpft“ auf Menschen anwenden darf, bei denen es
in Wirklichkeit nichts aufzuknöpfen gab. Denn das Kostüm der Männer
bestand aus einem eigentlich nur ganz leise angedeuteten Schurz,
während die Weiber sich ein etwas größeres Stück Baumwollzeug, das in
seinen besseren Tagen wohl einmal sauber gewesen war, um die Hüften
geschlungen hatten. Auf Schönheit konnten sie keinen Anspruch erheben,
auch die Männer waren ziemlich kümmerliche Erscheinungen, höchstens
daß bei allen die melancholisch blickenden Augen etwas Reizvolles
hatten. Der Hausrat der Grottenbewohner war mehr als dürftig, denn er
bestand nur aus ein paar alten, zerschlissenen Schlafdecken und einigen
tönernen Krügen und Schüsseln. Das war alles. Die Bedürfnislosigkeit
dieser Wilden hat kaum bei einem anderen Naturvolk ihresgleichen.
Obwohl mich das alles aufs höchste interessierte, war es
begreiflicherweise doch mein lebhafter Wunsch, nach diesem
abenteuerlichen Zwischenfall so schnell wie möglich aus dem Walde
heraus- und zum Kamp und zu meinen Jagdgefährten zurückzukommen, die
sicherlich in schwerster Besorgnis um uns waren. Mir und Fernando
knurrte der Magen vor Hunger. Zwar konnten uns die Weddas mit frischem
Trinkwasser versehen, aber Fleisch in Gestalt irgendeines Stückes
Wildbret hatten sie gerade nicht „auf Lager“, und eine Art Gebäck, das
sie uns allenfalls hätten geben können, sah derartig unappetitlich
aus, daß wir es vorzogen, auf den Genuß zu verzichten und unseren
Rückmarsch lieber nüchtern anzutreten. Einer der Leute, derselbe
Bursche, den wir zuerst getroffen hatten, war bei Vorzeigung einiger
Geldmünzen gern bereit, uns durch die Wildnis zur Ebene zurückzuführen.
Wir hatten etwa den halben Weg zurückgelegt, als Schüsse ertönten. Es
waren, wie sich bald herausstellte, Signalschüsse meiner Jagdfreunde
und ihrer eingeborenen Begleiter, die auf der Suche nach uns den
Wald durchstreiften. Nach längerem Hin- und Herirren fanden wir uns
schließlich, und die Freude über das glückliche Wiedersehen war, wie
sich denken läßt, auf beiden Seiten nicht gering. Man hatte bereits die
schlimmsten Vermutungen über mein und meines Jägers Schicksal gehegt.
Der Wedda empfing seinen wohlverdienten Lohn und zog sich schleunigst
wieder ins Dschungel zurück. Im Lager, wo wir uns vor allen Dingen
ordentlich stärkten, erfuhr ich dann, daß meine Gefährten uns noch am
vorherigen Abend, als wir nicht zurückkehrten, gesucht hatten, wegen
der rasch heranbrechenden Dunkelheit aber ihre Nachforschungen bald
einstellen mußten. Wir begaben uns dann später alle zusammen nach dem
Schauplatz des Angriffs der Büffel auf mich und Fernando und holten
unsere dort liegengebliebenen Gewehre. Die Büffelherde, durch die
Nachstellungen vergrämt, war eine Meile weiter nach Norden gezogen,
wie wir mit unseren Ferngläsern feststellen konnten. Wir hatten aber
keine Zeit und auch keine Neigung mehr, die Verfolgung fortzusetzen,
und brachen deshalb nach kurzer Rast unser Lager ab, um uns anderen
Jagdrevieren zuzuwenden.
[Illustration]
Neuntes Kapitel
Meine Ausweisung aus Ceylon und abenteuerliche Flucht
Der Weltkrieg bricht aus — Ich werde aus Ceylon ausgewiesen und reise
nach Batavia — Mißlungener Fluchtversuch — In Sumatra — Der Tag der
„Ayesha“ — Wie die Papua mich „gebraten und aufgefressen“ haben —
Flucht in der Maske eines Kolonialsoldaten — Von Sabang nach Suez —
Bange Stunden an Bord — Glückliche Heimkehr
„Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der
vergängliche, baut? ...“ Gleich unzähligen anderen Schicksalsgenossen
blieb es auch mir nicht erspart, die Wahrheit des Dichterwortes aus
eigenster, bitterster Erfahrung bestätigt zu finden, damals, in jenen
furchtbaren ersten Augusttagen des Jahres 1914, als der gewaltigste
aller Kriege ausbrach und sofort oder bald darauf der Existenz der
weitaus meisten Überseedeutschen ein Ende mit Schrecken bereitete.
Ich habe die schwerste Zeit meines bis dahin so glücklichen und
erfolgreichen Lebens in meinem früher erschienenen Büchlein „John
Hagenbecks abenteuerliche Flucht aus Ceylon“ ausführlich geschildert,
glaube aber, jene Ereignisse, die für mich von so einschneidender
Bedeutung waren und den jähen, katastrophalen Abschluß meiner
ceylonischen Laufbahn herbeiführten, auch den Lesern dieses Buches
nicht vorenthalten zu dürfen, und möchte deshalb hiermit in aller Kürze
das Wichtigste nochmals erzählen.
Schmerzliche Empfindungen überkommen mich, wenn ich daran denke,
welche Stellung ich damals in meinem Tropenparadiese Ceylon einnahm,
zu welcher Höhe irdischen Glücks ich mich emporgeschwungen hatte — und
wie über Nacht, buchstäblich über Nacht, das alles zusammenbrach, wie
ich, durch einen Machtspruch des Feindes aus meiner zweiten Heimat
vertrieben, die Meinigen samt Hab und Gut in Stich lassen und Hals über
Kopf das Land meiner Lebensarbeit verlassen mußte!
Aber ich will mit dem Anfang beginnen und den Hergang der Ereignisse in
zeitlicher Reihenfolge schildern.
In friedlicher Betätigung, ohne mich viel um Politik zu bekümmern,
war ich nun mehr als 25 Jahre in Ceylon ansässig gewesen und hatte es
in der langen Zeit zu einer, wie ich wohl ohne Unbescheidenheit sagen
darf, sehr angesehenen Stellung in Colombo und auf der ganzen Insel
gebracht. Ich nahm unter den deutschen Großkaufleuten Indiens einen der
ersten Plätze ein, meine Firma war überall in der Welt bekannt, ich
besaß ausgedehnte Pflanzungen, ein prächtiges Heim, ein beträchtliches
Vermögen und erfreute mich nicht nur in den Kreisen meiner Landsleute,
sondern auch bei den Engländern des besten Rufes und der angenehmsten
Beziehungen. Wenn man fast ein Menschenalter lang an einem Platz in
Übersee lebt, so ist man dort natürlich jedem bekannt. Nicht nur in
Colombo, sondern auch in ganz Ceylon war mein Name geradezu populär
geworden, hatte ich doch als Importeur und Exporteur, als Tierhändler
und Pflanzer mit allen Bevölkerungsschichten zu tun und war ich
doch auf meinen zahlreichen Reisen ins Innere der Insel überall in
persönliche Berührung mit Kolonisten und Eingeborenen gekommen. Auch
mit den Herren Indiens, den Engländern, stand ich mich, wie gesagt,
sehr gut. Obwohl ich trotz dem langen Aufenthalt unter Fremden immer
ein guter Deutscher geblieben war und nicht daran dachte, in diesem
Punkt irgendwelche Zugeständnisse zu machen, verkehrte ich doch mit
den Engländern aller Gesellschaftskreise in freundschaftlicher Art,
und niemals hatte es das geringste Zerwürfnis zwischen uns gegeben.
Kurz und gut, ich war mir nicht bewußt, irgendeinen Widersacher, einen
ernsthaften Feind zu besitzen, und ich hätte damals jeden ausgelacht
oder für einen Narren erklärt, dem es eingefallen wäre, mir mein
Schicksal so vorherzusagen, wie es sich in den unheilvollen Augusttagen
des Jahres 1914 gestalten sollte.
Heute noch will mir das alles wie ein wirrer, böser Traum erscheinen,
ein Alpdruck, der dem Schläfer den Atem benimmt ... Als damals, kurz
vor Ausbruch der Katastrophe, die Kabel der Welt fieberhaft zu arbeiten
hatten und die Meldungen von der Zuspitzung der politischen Situation
in Europa immer ernster und bedrohlicher lauteten — selbst damals
wollte man bei uns, sowohl in unserer kleinen deutschen Kolonie wie
auch in der gesamten internationalen Geschäftswelt Colombos, nicht so
recht an die Möglichkeit eines Weltkrieges glauben. Das ganze Empfinden
sträubte sich dagegen, man war allgemein überzeugt davon, daß es doch
noch gelingen würde, den Konflikt zu lokalisieren und schlimmsten Falls
auf einen Waffengang zwischen Österreich und Serbien zu beschränken.
Aber dann kam es Schlag auf Schlag: nicht bloß Österreich und Serbien,
nein, auch Deutschland, Rußland, Frankreich — und nach einigen Tagen
qualvoller Spannung am 5. August die nun schon als unvermeidlich
betrachtete Meldung vom Ausbruch des Krieges auch zwischen England und
Deutschland.
[Illustration: Ein schönes ceylonisches Elefantenpaar, Männchen und
Weibchen]
[Illustration: Aus Hagenbecks Kokospflanzung mit noch jungen Bäumen]
[Illustration: Elefantenidyll aus Hagenbecks Park in Colombo]
„Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? ...“ Ich hatte, auf dem
Höhepunkt meiner Kraft befindlich, gehofft, noch so manches rüstige
Jahr in der Kolonie zu arbeiten und zu schaffen und dann, in die
Heimat zurückgekehrt, in Deutschland in beschaulicher Ruhe meinen
Lebensabend verbringen zu dürfen. Das Schicksal hat es anders
gewollt. Der Abbruch der Beziehungen zwischen England und Deutschland
machte selbstverständlich mit einem Schlage auch in Colombo die Lage
der Deutschen unhaltbar. Anfangs schien es noch, als ob es dabei
einigermaßen glimpflich und human zugehen sollte. Man wollte, so
hieß es, den in Ceylon befindlichen Deutschen, die den Behörden ja
fast durchweg aufs beste bekannt waren, nur das Ehrenwort strenger
Beobachtung der Neutralität abnehmen, und unter dieser Bedingung
sollten sie sich nach wie vor in Freiheit bewegen dürfen. Aber es kam,
in erster Linie was meine Person betraf, ganz anders. +Gerade ich, und
nur ich allein, sollte von allen Vergünstigungen ausgeschlossen sein!+
Was die britische Behörde zu diesem überraschenden Schritt gegen mich
veranlaßte, das war mir damals vollkommen unbegreiflich und das ist
mir in seinen tieferen Ursachen auch heute noch rätselhaft. Zweifellos
lagen persönliche Intrigen vor. Wenn ich, wie vorhin bemerkt, des
Glaubens war, keinen ernsthaften Feind in Ceylon zu besitzen, so
bestätigt das wiederum die Erfahrung, daß der Mensch seine Umwelt doch
niemals ganz richtig durchschaut, selbst wenn er sich einbildet, ein
guter Menschenkenner zu sein. Zweifellos hat irgendein „guter Freund“
die Gelegenheit benutzt und mich der Behörde verdächtigt, obgleich es
mir in den fünfundzwanzig Jahren meines Aufenthaltes in Ceylon niemals
in den Sinn gekommen ist, mich irgendwie politisch zu betätigen.
Allerlei Räubergeschichten über mich, die bald mit den üblichen
sensationellen Ausschmückungen durch die ganze englische Presse gingen
und natürlich auch von vielen „neutralen“ Zeitungen in Übersee mit
Behagen aufgetischt wurden, verbreiteten sich zu meinem Glück erst nach
meiner Abreise von Ceylon. Andernfalls hätte ich das Schlimmste zu
befürchten gehabt, denn die Äußerungen der Kriegspsychose waren damals
unberechenbar.
Ich kehre in meiner Erzählung zu jenem 5. August zurück. Nachdem man
mir eröffnet hatte, daß ich von der Abgabe der Neutralitätserklärung
ausgeschlossen sei, mußte ich die Wahrnehmung machen, daß ich in
ziemlich auffälliger Weise von der Polizei auf Schritt und Tritt
beobachtet wurde. Am 7. August nachmittags 3 Uhr erschien bei mir der
Polizeihauptmann in Begleitung von zwei Offizieren und überbrachte mir
den +Ausweisungsbefehl+ des Inhaltes, daß ich +noch am selben Tage+,
nur wenige Stunden später, Colombo mit dem um 6½ Uhr nach Batavia
abgehenden holländischen Dampfer „Insulinde“ zu verlassen hätte. Jeder
Versuch eines Einspruchs wurde unterdrückt, man ließ mich gar nicht zu
Worte kommen.
Der Leser stelle sich vor, was der Befehl für einen Mann meiner
Position zu bedeuten hatte! Ich war ein Kaufmann und Unternehmer mit
großen Besitzungen, mein ganzes Vermögen war in Ceylon fundiert,
ich hatte Familie und ein schönes, mit Kostbarkeiten und Sammlungen
aller Art ausgestattetes Heim — und das alles, meine Angehörigen,
mein Haus, mein Geschäft, mein bares und liegendes Vermögen, alles
sollte ich binnen drei Stunden in Stich lassen, einer unsicheren
Zukunft preisgeben, als Verfemter und Ausgestoßener in die Fremde
ziehen! Selbstverständlich war es mir unmöglich, in dieser kurzen
Zeitspanne, noch dazu beständig von Polizei und Militär bewacht,
auch nur die allernotwendigsten Anordnungen zu treffen. Die Mitnahme
größeren Reisegepäcks ward mir verweigert, nicht mehr als einen kleinen
Handkoffer voll durfte ich packen. Auf Kosten meiner Firma wurde
mir eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Batavia gelöst. ... Es blieb
mir also nur soviel Zeit, von meiner Frau und meiner alten treuen
Dienerschaft Abschied zu nehmen, dann wurde ich an Bord der „Insulinde“
gebracht, wo vor der Abfahrt nochmals eine genaue Durchsuchung meiner
Person und meines Köfferchens stattfand. Um 6½ Uhr ging der Dampfer
in See, vom Hafen aus mit elektrischen Scheinwerfern scharf unter
Kontrolle gehalten, bis er im Dunkel der Nacht verschwand ...