Die Schlangenbeschwörer, die sich in Indien für eine kleine Spende

produzieren, arbeiten hauptsächlich mit der Brillenschlange. Die

ganze „Beschwörung“ liegt in der Musik, welche sie machen. Das

Hauptinstrument ist eine in der Mitte weit ausgebuchtete Flöte,

deren Töne denen eines schottischen Dudelsacks ähneln, dazu kommt

noch eine ganz primitive Geige und eine Trommel. Jede Kobra des

Schlangenbeschwörers befindet sich in einem kleinen runden Korb.

Sobald die Musik beginnt, reckt sich die Kobra aus ihrem Korb empor,

bläht den Halsschild mit der brillenähnlichen Zeichnung auf und wiegt

den Körper tänzelnd hin und her. Scheinbar erfolgen die Bewegungen

nach dem Takt der Musik. Ich möchte aber stark bezweifeln, daß die

Schlangen musikalisch veranlagt sind und sich durch die Macht der

Töne hinreißen lassen. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so, daß

die Schlange durch das Hin- und Herbewegen der Pfeife sowohl wie auch

durch die eintönige Musik in eine Art Hypnose versetzt wird. Jedenfalls

verfolgt sie mit ihren funkelnden Augen genau die Bewegungen des

Instruments, und sowie der Beschwörer dieses absetzt und die Musik

verstummt, scheint sie aus ihrem hypnotischen Zustand jäh zu erwachen,

und es sieht dann so aus, als ob sie sich auf den Mann stürzen wollte.

Manchmal sind die Schlangen durch Ausbrechen der Giftzähne unschädlich

gemacht, meistens hat man sie aber gelassen, um die Anziehungskraft der

Vorstellung zu erhöhen und bessere Einnahmen zu erzielen. Besondere

Vorsicht erfordert am Schluß der Aufführung das Wiedereinfangen der

Schlange. Gewöhnlich legt einer der Beschwörer sein Instrument fort

und trifft die nötigen Vorbereitungen, während seine Kollegen noch

weiterspielen. Er nimmt einen mit einem dicken Blatt überdeckten Teller

in die linke Hand und setzt sich direkt vor die Kobra hin. Sobald die

Musik aufhört, streckt er den Teller vor, in den die Schlange beißt,

und packt sie mit der anderen Hand dicht hinter dem Kopf, so daß sie

sich nicht mehr umdrehen kann, dann steckt er sie in den Korb.

Meiner Ansicht nach ist das alles aber nur eine auf Effekt

berechnete Komödie. Selbst das einfältigste oder wildeste Tier

lernt seinen Pfleger und Fütterer kennen und tritt in ein gewisses

Freundschaftsverhältnis zu ihm. Nun sind die Schlangen aber keineswegs

dumm, wenn sie auch nicht gerade besonders klug sind. Es fällt ihnen

gar nicht ein, ihren Herrn und Meister zu beißen, und dieser tut nur

aus leicht erklärlichen Gründen so, als ob die Sache Gott weiß wie

gefährlich wäre.

Die Brillenschlange hat einen erbitterten Feind, das ist der +Mungo+,

die ostindische Abart des Ichneumons, ein 50 cm langes Tier mit fast

ebenso langem Schwanz. Da der Mungo scharf hinter Nagetieren, Reptilen

und Ungeziefer her ist, wird er gern in den Häusern als Vertilger

von Ratten, Mäusen, Schlangen, Skorpionen usw. gehalten. Eine wahre

Wut aber hat das gefräßige Tier auf die Kobra; wo es nur eine zu

sehen bekommt, greift es sie an. Es kann sich das übrigens ohne allzu

großes Risiko erlauben, da der Mungo zu den wenigen Tieren gehört,

denen das Schlangengift nichts anzuhaben vermag; er hat also nur die

Bißwunde zu fürchten, aber nicht das Gift. Diese grimmige Feindschaft

zwischen Kobra und Mungo wird von den Gauklern zur Veranstaltung von

+Schlangenkämpfen+ ausgenützt. Der Gaukler führt in einem Korbe den

Mungo mit sich und in anderen Körben verschiedene Giftschlangen. Sobald

der aus seinem Behälter hervorgeholte Mungo eine Schlange erblickt,

stürzt er mit großer Kourage auf sie los, selbst wenn sie mehrere Meter

lang sein sollte, und verbeißt sich in sie. Der Kampf zwischen den

beiden so ungleichartigen Geschöpfen ist ein zwar brutales, aber doch

packendes Schauspiel. Mit kleinen Schlangen wird der Mungo in wenigen

Minuten fertig, aber bei einer großen Brillenschlange geht er doch mit

einer gewissen Behutsamkeit vor. Immerhin erledigt er auch die Kobra

fast in jedem Fall. Obwohl die Kobra dem Inder heilig ist und er ihr

nicht zu Leibe geht, hat er doch gegen den Kampf des Mungo mit der

Schlange und ihre Tötung durch den Mungo nichts einzuwenden, sieht sich

im Gegenteil das Schauspiel immer mit lebhaftem Interesse an.

Übrigens kann eine Giftschlange weder sich selbst noch eine andere

Schlange derselben Art durch ihr Gift töten, auch gegen andere Arten

derselben Gattung ist das Gift meistens unwirksam, es tötet aber

Giftschlangen anderer Gruppen sowie nichtgiftige Schlangen. Das Blut

eines von einer Giftschlange gebissenen Tieres wirkt giftig bei

Einspritzung in das Blut anderer Tiere. Durch fortgesetzten Genuß oder

Impfung von Schlangengift kann Giftfestigkeit erworben werden.

Für die abergläubische Scheu, die der Inder vor Schlangenbeschwörern

und ähnlichen Hexenmeistern hat, ist es bezeichnend, daß er ihnen

Talente zuschreibt, die über ihr eigentliches Produktionsfach weit

hinausgehen. So zum Beispiel die Gabe, bewegliche Gegenstände, ohne

sie zu berühren, durch bloße Willenskraft von der Stelle zu rücken.

Also eine geheimnisvolle Fernwirkung, wie sie angeblich auch von

manchem unserer spiritistischen Medien ausgeübt werden kann (wofür es

aber meines Wissens noch immer an schlüssigen Beweisen fehlt). Noch

seltsamer klingt es, daß diese Zauberer auch die Gabe besitzen sollen,

in prophetischer Voraussicht kommenden Unheils davor zu +warnen+. Ich

habe einmal in dieser Hinsicht in meinem eigenen Haushalt einen Vorfall

erlebt, der einen meiner Diener betraf. Dieser hatte um Urlaub gebeten,

um seine in einem entfernten Ort lebenden Verwandten zu besuchen. Am

Tage der geplanten Abreise kam er nun morgens in großer Erregung zu mir

und erzählte mit zitternder Stimme: ein ihm unbekannter Mann, seinem

Aussehen nach ein „Heiliger“, hätte ihn soeben im Vorübergehen über

den Gartenzaun hinweg mit sonderbaren Augen angeblickt, ihm warnend

zugerufen: „+Reise heute nicht!+“ und wäre dann sofort verschwunden. Er

war nun unschlüssig, was er tun sollte. Einerseits hätte er schon alle

Vorbereitungen zur Reise getroffen, andererseits dürfte er die Warnung

des Zauberers doch nicht in den Wind schlagen.

Ich vermutete entweder eine Sinnestäuschung oder einen unter den Boys

der Nachbarschaft ausgeheckten Schabernack, stimmte aber in Anbetracht

der großen Unruhe des Burschen seinem Entschluß bei, die Reise um einen

Tag zu verschieben.

Nachmittags erfuhren wir, daß der Zug, mit dem mein Diener

ursprünglich reisen wollte, entgleist war, und zahlreiche Passagiere

schwere Verletzungen erlitten hatten ...

Wie sollte man sich nun diese Geschichte mit der geheimnisvollen

Warnung des Fremden erklären? War es eine Selbsttäuschung in Verbindung

mit einem Zufall? Gibt es überhaupt „Zufälle“? Was war es sonst? ...

Aber wenn wir schon anfangen, Fragezeichen zu machen, kommen wir damit

nicht so bald zum Schluß!

[Illustration]

[Illustration]

Achtes Kapitel

Abenteuer im Lande der Weddas

Das ceylonische Urvolk der Weddas — Dorfweddas und Felsenweddas — Im

Boot von einer Kobra überrascht — Eine Büffeljagd und ihre Folgen

— Auf der Flucht vor den wilden Büffeln — Nachts im Urwald verirrt

— Zusammentreffen mit Weddas — Wie die wilden Weddas leben — Ihr

seltsamer Tauschverkehr mit den Dorfbewohnern

Auf meinen zahlreichen Reisen durch die weniger bekannten Teile

Ceylons bin ich auch einige Male in Berührung mit dem merkwürdigen

Völkchen der +Weddas+ gekommen, dessen spärliche Reste im Osten der

Insel, hauptsächlich in der Provinz Uwa, leben und, da sie in rapidem

Aussterben begriffen sind, sehr bald als dahingeschwundene Urrasse der

Vergangenheit angehören werden. Es schwebt ein tragisches Verhängnis

über den Urvölkern der Erde. Von der Natur nur mit jenen Eigenschaften

ausgestattet, die einst, vor dem Siegeszug der modernen Zivilisation,

vollständig ausreichend waren zum Kampf ums Dasein, können sie sich

unter den gänzlich veränderten Verhältnissen nicht mehr behaupten,

zeigen sie sich als zu schwach und zu untüchtig, um den Wettbewerb

mit den weit überlegenen Rassen, die sich inzwischen zu ihren Herren

emporgeschwungen haben, aufzunehmen, erliegen sie auch Krankheiten

aller Art und gehen so, die einen schneller, die anderen langsamer,

zugrunde. Einige vermischen sich mit kräftigeren Rassen, so daß

wenigstens Spuren von ihrem Blut und ihrer Eigenart noch ein paar

Geschlechter hindurch nachweisbar bleiben, andere aber pflanzen sich

nicht mehr fort und sterben ganz aus. So sind, um nur einige Beispiele

aus neuerer Zeit zu nennen, die Tasmanier völlig dahingegangen,

die Australier werden ihnen bald folgen, die schönen Kanaken der

Hawaii-Inseln gehen durch Vermischung oder Aussterben zugrunde, die

Minkopies der Andamanen und alle anderen Zwergvölker sind dem raschen

Untergange geweiht. Es ist jammerschade, daß die Welt immer ärmer an

den Vertretern jener Rassen wird, deren Ursprung bis zu den grauesten

Zeiten der Menschengeschichte, soweit sie sich historisch verfolgen

läßt, zurückreicht.

Auch die Weddas gehören zu den Urvölkern, denn sie sind die ältesten

Bewohner Ceylons, sie waren schon auf der Insel, ehe das hellhäutige

Volk der Singhalesen vom indischen Festland herüberkam, um sich

alsbald zum Beherrscher Ceylons aufzuwerfen. Wann und wo die Weddas

auf die Insel gekommen sind, wissen wir nicht, möglicherweise lebten

sie schon hier, als Ceylon noch mit dem Festlande verbunden war. Auch

ihre anthropologische Stellung ist umstritten, vermutlich sind sie als

der älteste Stamm der drawidischen Rasse zu betrachten, die den Süden

Indiens bewohnt und zu welcher als Hauptvolk die Tamulen gehören.

Die Weddas sind klein von Wuchs, durchschnittlich nur 150 ~cm~ groß,

mit welligem Haupthaar, beinahe bartlos und gehen dort, wo sie sich

selbst überlassen sind, fast völlig nackt, nur mit einem ganz kleinen

Hüftenschurz bekleidet. Man unterscheidet zwischen den „Dorfweddas“,

das heißt den einigermaßen zivilisierten, seßhaft gewordenen Weddas,

die sich auch mit Tamulen und Singhalesen vermischen, und den

„Felsenweddas“, die als „Wilde“ im Urwald und in Höhlen hausen, sehr

scheu sind und sich auf ziemlich tiefer Kulturstufe befinden. Während

die Weddas noch vor 200 Jahren auf der ganzen Insel in großen Mengen

anzutreffen waren, sind sie heute, wie schon gesagt, auf einen kleinen

Teil des Ostens beschränkt. Die Volkszählung von 1881 ergab 2228, die

von 1891 nur noch 1229 Weddas, wobei allerdings zu beachten ist, daß in

diesen Zahlen nur die reinblütigen Weddas inbegriffen sind und daß die

in den Wäldern lebenden Felsenweddas überhaupt nur annähernd richtig

geschätzt werden können. Jedenfalls dürfte es heute an reinblütigen

Weddas kaum noch tausend geben. Das Aussterben des Urvolkes ist

unaufhaltsam, obwohl die Regierung sich in anerkennenswerter Weise

bemüht, die wenigen noch vorhandenen Weddas als ethnographische

Kuriosität und Kostbarkeit nach Kräften zu hegen und zu pflegen. Nur

sehr wenige europäische Forscher sind mit den in tiefster Verborgenheit

lebenden, ungemein scheuen Felsenweddas in Berührung gekommen und

haben sie zum Gegenstand eingehender Untersuchungen machen können.

Der gewöhnliche Tourist bekommt diese Urmenschen überhaupt nicht zu

Gesicht, denn was man ihm an manchen Orten vielleicht als Weddas

bezeichnet, sind im günstigsten Fall Mischlinge ohne ausgeprägte

Eigenart.

Ich habe meine erste Bekanntschaft mit echten Felsenweddas

unter seltsamen Umständen gemacht, und zwar gelegentlich einer

Jagdexpedition in ziemlich entlegenen Waldgebieten auf der Ostseite

des Zentralgebirges. Ich befand mich damals in Begleitung zweier

Freunde und meines Jägers, des bereits früher erwähnten Eurasiers

Fernando, ferner hatten wir einige Eingeborene als Gepäckträger bei

uns. Bei dieser Jagdpartie ereigneten sich allerlei abenteuerliche

Zwischenfälle, von denen ich hier nur die wichtigsten mitteilen will.

[Illustration: Flucht vor angreifenden Büffeln

(Text Seite 199)]

[Illustration: Ein singhalesischer Zwerg]

Wir führten in unserem Gepäck auch ein transportables,

zusammensetzbares Boot mit, um es zur Ausübung der Wasserjagd auf den

Tanks (Teichen) und Flußläufen zu benutzen. Als wir nun einmal auf

einem träge rinnenden kleinen Fluß langsam stromabwärts fuhren, tauchte

plötzlich im Wasser unmittelbar neben dem Boot eine ungewöhnlich

große +Kobraschlange+ auf und reckte den Oberteil ihres Leibes

mit zornig aufgeblähtem Halsschilde weit ins Boot mitten zwischen

die rudernden Eingeborenen hinein. Die Schlangen gehen ja häufig ins

Wasser, wahrscheinlich hatte unser Boot sie gestreift und dadurch in

Wut versetzt. Es sah beinahe so aus, als ob die Kobra im nächsten

Augenblick im Boote sein würde. Die Leute ließen in jähem Schreck die

Ruder fallen und sprangen laut schreiend auf, so daß unser leichtes

Fahrzeug in heftiges Schlingern geriet und umschlug. Ehe wir noch recht

zum Bewußtsein der Situation gekommen waren, lagen wir schon samt dem

ganzen Gepäck im Wasser. Zum Glück war der Fluß nicht tief, so daß uns

das Wasser, als wir wieder auf die Beine zu stehen gekommen waren, nur

bis zur Hüfte reichte.

Als wir uns nach dem unfreiwilligen Bade das Wasser aus den Augen

wischten und das gekenterte Boot wieder aufrichten wollten, sahen

wir zu unserer Überraschung, daß die Urheberin des Unfalles, die

Brillenschlange, durch den Tumult keineswegs vertrieben worden war,

sondern, an das kieloben treibende Boot gelehnt, mit dem hin und her

wiegenden Kopf nach einem Opfer zu zielen schien. Ich packte rasch ein

neben mir im Wasser liegendes Ruder, schwang es hoch in der Luft und

ließ es mit Wucht auf die Schlange niedersausen. Der Hieb saß gut, denn

er traf genau den Hals und schlug diesen auf das gekenterte Boot hinab,

ein zweiter Schlag zerschmetterte dann der Kobra den Kopf. Als wir

sie aus dem Wasser herauszogen, ergab es sich, daß sie die stattliche

Länge von fast 2 Meter hatte, also ein sehr ansehnliches kräftiges Tier

war. Wir waren bei dem unerwarteten Zwischenfall ja noch glimpflich

weggekommen, aber ein reines Vergnügen bereitete es uns gerade nicht,

daß wir das ganze Gepäck aus dem Wasser herausfischen und am Lande samt

unseren Kleidern zum Trocknen ausbreiten mußten.

Bald darauf schlugen wir unser Kamp inmitten einer wundervollen

Landschaft am Ufer eines größeren Sees auf. Dort gab es wieder Enten

und Dschungelhühner in Menge, und bei Anbruch der Dämmerung kamen auch

+Krokodile+ hervor. Eines der Reptile hatte kürzlich einen tränkenden

Büffel eines Eingeborenen bös am Maule zerfleischt, und der Eigentümer

bat mich, dem dreisten Raubgesindel eins auf die Hornhaut zu brennen.

Ich legte mich deshalb im Schutz der heranbrechenden Dunkelheit auf die

Lauer, nahm eines der zum Ufer hinauftreibenden Krokodile aufs Korn

und traf es in die Schulter. Es kehrte wieder ins Wasser zurück, aber

die blutrote Spur, die an der Oberfläche des Tanks erschien, verriet,

daß mein Schuß gesessen haben mußte. Bald darauf konnten die Leute

auch das verendete Tier aus dem seichten Wasser ans Ufer ziehen. Die

Eingeborenen halten an dem Aberglauben fest, daß man, um ein Krokodil

zu töten, die Spitze der Kugel mit Kreide bestreichen müßte, deshalb

wollten auch unsere Leute es sich nicht ausreden lassen, daß ich dieses

„Zaubermittel“ angewandt hätte.

Der nächste Tag bescherte uns eine +Büffeljagd+, die mit überraschenden

Folgen verknüpft war. Wie wir von dem am See ansässigen Eingeborenen

hörten, sollte es in der Umgegend, dem Gebirge zu, eine Herde von

etwa dreißig wilden Büffeln geben. Die wilden ceylonischen Büffel

sind größer und stärker als ihre zahmen Artgenossen und weit

gefährlicher als wilde Elefanten. Schwerfälligen Körpers, mißtrauisch

glotzend, dunkelgrau von Farbe, haben sie in der Jugend nur dünnen

Haarwuchs, während im Alter ihre lederartige Haut ganz kahl ist. In

ihrem mächtigen, schön gebogenen Gehörn, der massiven Stirn und dem

muskulösen Nacken entwickeln sie eine enorme Kraft. Tagüber halten sie

sich am liebsten auf sumpfigen Flächen in der Nähe von Wasserbecken

auf, bei großer Hitze, und wenn die Fliegen sie zu arg plagen, gehen

sie in die Teiche hinein und verharren dort stundenlang, bis zum

Halse im Wasser stehend, in stumpfsinniger Beschaulichkeit, bis der

Hunger sie abends wieder ans Land treibt und sie dann auf der Suche

nach Futter ziemlich weite Strecken durchschweifen. Wie ich schon

sagte, sind die Büffel gefährlicher als wilde Elefanten. Besonders

ein verwundeter Büffel ist ein nicht zu unterschätzender Gegner, und

ebenso bösartig sind oft die Büffelkühe, wenn sie Junge haben. Bei dem

ungewohnten Anblick eines Europäers pflegen die Büffel, die sich, wie

alle großen Tiere, ihrer Stärke dem Menschen gegenüber gar nicht bewußt

sind, mißtrauisch ins Wasser oder ins Dschungel zu entweichen; werden

sie aber angegriffen und haben sie keine Gelegenheit zur Flucht, so

setzen sie sich mit zäher Tatkraft zur Wehr.

Es dünkte uns sehr verlockend, nähere Bekanntschaft mit der Büffelherde

zu machen, von der uns die Eingeborenen erzählten und in der sich ein

paar ganz außerordentlich starke Bullen mit mächtigen Hörnern befinden

sollten. Mein Jäger Fernando, ein vorzüglicher Späher, machte sich

sogleich auf, um das Nötige auszukundschaften, und er konnte uns schon

nachmittags den Aufenthaltsort der Herde und alles Nähere melden. Die

Herde pflegte abends auf einer mit Bäumen und Sträuchern bestandenen

Grasebene am Abhang des Gebirges in Nähe des Dschungels zu weiden. Wir

mußten uns also in der Richtung gegen den Wind vorsichtig anschleichen,

denn der Büffel hat eine sehr feine Witterung und ist sehr mißtrauisch.

Überhaupt schätzt man ihn falsch ein, wenn man sein großes Phlegma für

ein Zeichen von Dummheit hält. Alle erfahrenen Jäger stimmen darin

überein, daß der Büffel außer Kraft, Wildheit und Zählebigkeit auch

eine nicht unbeträchtliche Schlauheit besitzt.

Nach einstündiger Wanderung durch die parkähnliche Landschaft, die

sich unmittelbar am Abhang des Waldgebirges dahinzog, bekamen wir

die friedlich äsende Herde von annähernd dreißig Stück durch unsere

Ferngläser klar zu Gesicht. Da die Windrichtung uns günstig war, gelang

es uns, in dem hohen Grase behutsam von Busch zu Busch und Baum zu Baum

schleichend, unbemerkt auf Schußweite an die Herde heranzukommen. Wir

nahmen ein paar der stärksten Bullen aufs Korn — aber da machte uns

ein ärgerliches Mißgeschick einen dicken Strich durch die Rechnung.

Durch einen unaufgeklärten Zufall entlud sich nämlich vorzeitig

Fernandos Gewehr. Der ins Leere krachende Schuß war von alarmierender

Wirkung. Ohne sich auch nur eine Sekunde lang zu besinnen, und ehe wir

ordentlich zielen und abdrücken konnten, machte die Büffelherde kehrt

und sprengte unter Leitung des Führerbullen in wildem Galopp auf das

nur ein paar hundert Meter entfernte Dschungel los, um bald darauf in

dem schützenden Dickicht zu verschwinden.

Der Gesichtsausdruck, mit dem wir uns gegenseitig anstarrten, mag

nicht besonders geistreich gewesen sein und die Schmeichelworte, mit

denen ich meinen unglückseligen Fernando belegte, wird man vergebens

in einem Komplimentierbuch suchen. Aber an dem Geschehenen ließ sich

nichts ändern und es fragte sich jetzt nur, ob wir die Jagd abbrechen

oder den Versuch machen sollten, die Büffel zu verfolgen und vielleicht

im Dschungel zu stellen. Fernando, der seinen Lapsus durchaus wieder

gutmachen wollte, riet zur Verfolgung, denn da die Büffel als Tiere der

Ebene nur ungern in die Berge gehen, würden sie, so meinte er, nicht

tief in den Wald eindringen, sondern sich nur am Rande des Dschungels

verborgen halten. Trotz der schon sehr vorgerückten Zeit — die Sonne

war nahe beim Untergehen — entschlossen wir uns also zur Verfolgung

und pirschten uns, vom Buschwerk gedeckt, gegen das Dschungel an.

Wir hatten den Wald noch nicht erreicht, als wir die Büffel in der

Tat wieder zu Gesicht bekamen. Sie standen am Rand des Dickichts

zwischen den Bäumen und witterten in die Ebene hinaus, in Erwartung des

Augenblicks, wo die Luft wieder rein und die Gefahr beseitigt wäre.

Wir lagen in guter Deckung und verhielten uns mäuschenstill, die

Gewehre im Anschlag. Fünf bis zehn Minuten verstrichen so, dann löste

sich der aschgraue kräftige Körper des Leitbullen von der Dämmerung

des Dickichts und wandte sich, noch vorsichtig und zögernd, wieder der

Ebene zu. Ziemlich dicht zusammengedrängt, folgten die anderen Tiere.

Bald hatten wir die ganze Herde, nur etwa hundert Meter entfernt, wie

eine Schützenscheibe vor uns. Auf ein gegebenes Zeichen drückten wir

vier, meine beiden Jagdfreunde, ich und Fernando, gleichzeitig ab.

Die Herde stob in wilder Panik davon, wieder dem Dschungel zu, unter

Zurücklassung eines Tieres, das tot oder schwer verwundet am Boden

liegen blieb.

Wir verharrten noch eine Weile in unserer Stellung und gingen dann auf

den zur Strecke gebrachten Büffel los. Er hatte zwei Kugeln im Kopf und

war tot. Eine starke Schweißspur verriet uns, daß mindestens noch einer

von den geflüchteten Büffeln schwer getroffen sein mußte. Fernando, der

danach brannte, sein vorheriges Mißgeschick vergessen zu machen, wollte

die Schweißspur durchaus verfolgen, denn seiner Meinung nach konnte

sich ein so schwer verwundetes Tier nicht weit schleppen, wir würden

es wohl im Dschungel verendet vorfinden. In Anbetracht des Umstandes,

daß schon die Dämmerung ihre Schleier über das Land zu breiten

begann, hatten meine Kameraden keine Lust, noch einmal vorzurücken.

Ich entschloß mich deshalb, mit Fernando allein wenigstens bis zum

Wald zu gehen, inzwischen wollten die anderen den Kopf des Büffels

als Jagdtrophäe, sowie einige der besten Fleischstücke zu unserer

Abendmahlzeit vom Körper ablösen.

Den Spuren des Büffels folgend, wandte ich mich also mit Fernando

dem nahen Walde zu. Wir bekamen jedoch die Büffel dort nicht mehr

zu Gesicht, sie hatten sich diesmal anscheinend tiefer ins Innere

des Dschungels zurückgezogen. Die Schweißspur führte uns in das mit

Steingeröll bedeckte Bett eines ausgetrockneten kleinen Bergstromes

und dann in dem Flußbett, das sich wie ein Hohlweg durch den Wald

schlängelte, in mäßiger Steigung bergauf. Wir waren so, von Stein zu

Stein springend, ein paar Minuten lang vorgedrungen, als wir bei einer

neuen Biegung des Flußbettes unsere zweite Jagdbeute endlich vor uns

hatten: dort lag auf den Steinen, alle Viere von sich streckend, der

angeschossene, jetzt anscheinend verendete Büffel. Von den anderen

Tieren der Herde war nichts zu sehen. Da wir nicht genau wußten, ob

der Büffel wirklich schon tot war, und da solches zählebige Großwild,

selbst wenn es in den letzten Zügen liegt, oft noch zu höchst

energischer Betätigung der erlöschenden Lebenskraft befähigt ist,

näherten wir uns dem Körper unter Beobachtung aller Vorsicht mit dem

Gewehr im Anschlag.

Aber der Büffel war wirklich tot, das Opfer eines Lungenschusses. Da es

rasch finsterer wurde, beeilten wir uns, den Kopf mit dem Jagdmesser

abzutrennen, denn wir wollten auf diese Trophäe doch nicht verzichten

und am nächsten Tage wäre wahrscheinlich nicht mehr allzuviel von dem

Kadaver übrig geblieben, da hätten sich inzwischen schon allerlei

vierbeinige und gefiederte Aasgourmands gütlich daran getan. In die

blutige Arbeit vertieft, wurden wir plötzlich durch ein Geräusch

gestört, und emporspringend sahen wir zu unserem nicht geringen Schreck

mehrere Büffel hinter der nächsten Biegung des Flußbettes hervorkommen

und mit unheilverkündendem Schnauben auf uns losgehen.

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 16 / 19 段