menschlichen Erkenntnis verschlossener Mächte und Wirkungen leugnen
wollte. Unser Wissen ist im Vergleich zu den im Weltall verborgenen,
unermeßlichen Möglichkeiten so eng begrenzt, daß es geradezu lächerlich
dünkelhaft wäre, wenn wir uns einbilden wollten, daß die Werkstatt
der Natur keine Geheimnisse mehr für uns hätte. Aber wenn man von der
Unzulänglichkeit unserer Sinne und unserer Erkenntnis auch noch so
tief durchdrungen ist, so bedeutet das noch lange nicht, daß man jedes
verblüffende Zauberkunststückchen kritiklos als übersinnliches Phänomen
hinnehmen soll. Der Mangotrick ist, wenn er gut vorgeführt wird,
wirklich nichts weiter als eine sehr hübsche unterhaltende Illusion.
Denn vorläufig besitzt noch kein sterblicher Mensch die Macht und die
Fähigkeiten, den natürlichen Gang der organischen Entwicklung durch
geistige Konzentration in so stürmischer Weise zu beeinflussen. Das
muß festgestellt werden, so leid es mir auch täte, wenn ich damit den
unerschütterlichen Mangotrickenthusiasten eine Kränkung zufügen sollte.
Wir hätten ja in der Photographie, besonders der kinematographischen
Aufnahme sehr brauchbare Hilfsmittel zur Hand, um die Vorgänge beim
Mangotrick und bei ähnlichen Zaubereien in exakt zuverlässiger Weise
festzuhalten und zu kontrollieren. Aber es ist merkwürdig — und das
sollte die Schwärmer stutzig machen — daß die indischen Zauberkünstler
immer sehr ungehalten werden, wenn sie bei den Zuschauern eine Kamera
sehen. Sie verschanzen sich dann gewöhnlich hinter ihre unüberwindliche
Abneigung gegen Photographie, packen ihr Handwerkszeug zusammen und
ziehen beleidigt ab. Sie haben in der Tat allen Grund, die Linse
des photographischen Objektivs, die sich nicht beeinflussen läßt,
zu scheuen. Wie verfährt nun der Gaukler bei der Vorführung seines
Kunststücks? Ganz und gar nach dem alten bewährten Erfahrungssatz,
daß Geschwindigkeit zwar keine Hexerei ist, aber doch beinahe so
aussehen kann. Was er tut, ist im Grunde furchtbar simpel. In seinem
Schnappsack hat er als Requisiten einen Mangokern, ein zartes, junges
Reis, ein paar andere Mangopflanzen von verschiedener Größe und
schließlich ein kleines Bäumchen mit Früchten. Seine Kunst besteht
darin, diese Gewächse in der richtigen, dem anscheinenden Wachstum der
Pflanze entsprechenden Reihenfolge so in die mit Erde gefüllte Schale
hineinzupraktizieren, daß es der Zuschauer nicht merkt. Wenn er die
Schale wieder in dem verhüllenden Zelt verbirgt, ersetzt seine Hand
rasch die darin steckende Pflanze durch eine andere, größere, die er
in sehr geschickter Weise, ohne daß man es sieht, aus dem neben dem
Zelt liegenden Sack hervorzieht. Er versteht es ganz ausgezeichnet,
die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer durch fortwährendes Reden
abzulenken und die Urteilskraft durch seine suggestiven Fähigkeiten
einzuschläfern. So kommt es, daß die Zuschauer schließlich die Vorgänge
gesehen zu haben glauben, die sich in Wirklichkeit gar nicht oder
wesentlich anders abgespielt haben. Niemals wird der Zauberer eine
genaue Untersuchung seines Gepäcks oder seiner Person gestatten,
denn man würde dann die in Vorbereitung gehaltenen Mangopflanzen und
Bäumchen finden.
Der Mangotrick ist, wie gesagt, geradezu ein Schulbeispiel dafür, wie
ein gewandter Gaukler die seelische Beeinflußbarkeit seiner Zuschauer
auszunützen versteht. Aber wie überraschend der Mangotrick auch wirkt,
ist er doch ein Kinderspiel gegen den noch berühmteren +Trick des
Abhiradana+, des in der Luft frei schwebenden Seiles. Wirklich eine
tolle Geschichte! In seinem Buche „Indien und ich“ beschreibt Hans
Heinz Ewers diesen Trick folgendermaßen: „Der Zauberer wirft ein Seil
in die Luft und läßt dann einen Knaben daran hinaufklettern: wo das
scheinbar freihängende Tau oben aufhört, da verschwindet auch der
Knabe. Dann steckt der Gaukler ein langes Messer quer in den Mund,
macht ein furchtbar böses Gesicht, faßt das Seil und klettert auch
hinauf. Er verschwindet oben, wo auch der Knabe verschwand; das Seil
baumelt eine zeitlang allein frei in der Luft. Plötzlich hört man
oben in der Luft jämmerliches Geschrei des Knaben und dazwischen das
Wutgeschnaube des alten Gauklers — aber man sieht nichts. Dann fällt
ein blutendes Bein herunter, ihm folgt ein Arm, darauf der verzerrte
und verstümmelte Kopf des Knaben. Noch ein Bein fällt herunter und
noch ein Arm; endlich plumpste der Leib herab. Schon zufrieden mit
seiner Tat klettert dann der bärtige Zauberer am Seile zur Erde herab.
Zuerst reinigt er sorgfältig das blutige Messer, dann sammelt er die
verschiedenen Menschenteile zusammen und steckt alles durcheinander
in einen großen Korb. Er nimmt nun einen mächtigen Steinmörser und
zerstampft den Inhalt des Korbes zu einem dicken Brei. Endlich stülpt
er den Deckel auf und präsentiert den Korb freudestrahlend dem
Publikum. Einer öffnet — und vergnügt hüpft der Knabe heraus.“
[Illustration: Indische Bettelfakire]
[Illustration: Indische Gauklertruppe]
Ewers behauptet nicht etwa, dieses fabelhafte Schauerdrama selber
gesehen zu haben. Es wäre ihm auch schwer gefallen, denn eine
Vorführung dieser oder ähnlicher Art +gab und gibt es überhaupt nicht+!
Der „berühmte“ Abhiradana-Trick spukt nur in jenen zahlreichen Büchern
oder deutlicher gesagt Machwerken, die sich unter wichtigtuerischer
Maske mit den „Geheimlehren Indiens“ befassen, außerdem in den
amüsanten Aufschneidereien, mit denen man sich an Bord der Schiffe
auf weiter Fahrt die Zeit vertreibt. Man kann unmöglich von Suez nach
Singapore reisen, ohne sich einmal im Rauchsalon zwischen dem dritten
und vierten Whisky die Sache mit dem Abhiradana-Trick und ähnliche
Schauerchosen anhören zu müssen, und ich vermute, daß in diesem Milieu,
unter der Einwirkung von Hitze und Stumpfsinn, überhaupt die meisten
„garantiert echten“ indischen Fakirtricks ausgeheckt worden sind. ...
Von welchem hohen Alter die Künste der Fakire sind und welches
Interesse sie schon vor vielen Jahrhunderten erregt haben, geht daraus
hervor, daß der bereits erwähnte Araber +Ibn Batuta+, der als einer
der größten Reisenden seiner Zeit vor achthundert Jahren Indien und
China besuchte, in seinem Reisewerk die Fakire erwähnt und von seinen
Erlebnissen mit den heiligen Männern erzählt. Ibn Batuta, 1302 zu
Tanger in Marokko geboren, hatte erst Rechtswissenschaft studiert und
unternahm dann aus Wissensdrang und Abenteuerlust, die freilich auch
mit Gewinnsucht gepaart war, ausgedehnte Reisen, die ihn zunächst
nach Mekka, Syrien, Persien, Mesopotamien führten, dann aber während
einer Zeit von fast 25 Jahren weiter nach Zentralasien, Vorderindien,
China, Java, Sumatra, Ceylon, schließlich noch ins Innere Afrikas bis
Timbuktu. Es sei hier auszugsweise wiedergegeben, was Ibn Batuta in
seiner treuherzigen Weise von den Fakiren oder Jogin erzählt.[2]
[2] Nach der deutschen Ausgabe von Ibn Batutas Reisewerk: „+Die Reise
des Arabers Ibn Batuta durch Indien und China+“, bearbeitet von
+~Dr.~ Hans v. Mžik+. Hamburg, Gutenberg-Verlag, 1911.
„Es sind das Leute — so schreibt Ibn Batuta — von denen man wunderbare
Dinge zu sehen bekommt, zum Beispiel: der eine von ihnen verweilt
Monate, ohne zu essen oder zu trinken; für viele gräbt man Gruben unter
der Erde. Man deckt die Grube über dem Jogi zu und läßt ihm nur eine
Öffnung, durch die die Luft gelangen kann, darin bleibt er nun durch
Monate. (Von einem völlig luftdichten Verschluß des lebendig begrabenen
Jogi weiß Ibn Batuta also nichts). Ich habe sogar gehört, daß der eine
oder der andere so ein Jahr ausgehalten habe. In der Stadt Manjarur
(Mengalore an der Malabarküste) sah ich einen Muslim, der bei ihnen
Unterricht genommen hatte. Man hatte für ihn eine trommelartige Säule
errichtet, auf der er, ohne zu essen oder zu trinken, die Zeit von 25
Tagen stand. Ich verließ ihn in diesem Zustand und weiß nicht, wie
lange er nach meiner Abreise noch so gestanden hat. Das Volk erzählt,
daß die Jogin Pillen zusammensetzen, von denen sie eine auf eine
bestimmte Anzahl von Tagen oder Monaten zu sich nehmen und nun während
dieser Zeit weder Speise noch Trank benötigen. Sie geben Auskunft
über verborgene Dinge. Der Sultan ehrt sie und nimmt sie in seine
Gesellschaft auf. Manche von ihnen beschränken sich bei ihren Speisen
auf das Gemüse allein. Soweit man in ihre Verhältnisse Einblick hat,
üben sie sich in der Askese und bedürfen weder der Welt noch ihres
Glanzes.
Es gibt Jogin unter ihnen, die einen Menschen nur anzusehen brauchen —
und dieser fällt vor dem Blicke tot zu Boden. Die Leute sagen, daß,
wenn jemand durch einen Blick getötet worden ist und man dem Toten nun
die Brust öffnet, man kein Herz darin vorfindet. Sie sagen: Sein Herz
ist gefressen worden. Auch Weiber vermögen das. Die Frau, die das kann,
wird Kaftar (Hyäne) genannt.
Eines Tages, als ich noch bei dem Sultan von Delhi in der Residenz war,
ließ dieser mich rufen. Ich begab mich zu ihm, er befand sich in einem
Privatgemache und bei ihm befanden sich einige seiner Vertrauten und
zwei dieser Jogin. Diese hüllen sich in Mäntel ein und bedecken auch
den Kopf, da sie ihn mit Asche (?) enthaaren. Der Sultan hieß mich
niedersetzen, was ich tat, und sprach zu den beiden Jogin: „Dieser
Fremdling ist aus einem weit entfernten Lande; zeigt ihm also etwas,
was er noch nicht gesehen hat.“ Einer von den Jogin ließ sich darauf
mit gekreuzten Beinen nieder, dann erhob er sich von der Erde, bis er
+in der Luft über uns+, immer mit gekreuzten Beinen, sitzen blieb.
Ich verwunderte mich darüber, Schreck erfaßte mich, und ich fiel
ohnmächtig zur Erde nieder. Der Sultan befahl, daß man mir eine Medizin
zu trinken gebe, die bereit stand. Da kam ich wieder zu mir und setzte
mich nieder, während jener immer noch in seiner schwebenden Stellung
verharrte. Nun nahm sein Genosse einen Pantoffel aus einem Sack, den
er bei sich trug, und schlug damit auf den Boden, als ob er erzürnt
wäre. +Der Pantoffel stieg empor+, bis er über dem Nacken des in der
Luft Kauernden schwebte, und begann auf dessen Hals loszuschlagen.
Der Jogin kam nun nach und nach herunter, bis er schließlich wieder
am Boden neben uns saß. Der Sultan sprach zu mir: „Der mit gekreuzten
Beinen Sitzende ist ein Schüler dessen, dem der Pantoffel gehört“,
und fügte dann hinzu: „Wenn ich nicht um deinen Verstand fürchtete,
würde ich ihnen auftragen, noch Wunderbareres vorzubringen als das,
was du gesehen hast.“ Ich verabschiedete mich von ihm, aber heftiges
Herzklopfen befiel mich und mir wurde schlecht, so daß er mir einen
Trank geben ließ, der das Unwohlsein vertrieb.“
Soweit der Bericht des Ibn Batuta. Er wurde, wie schon bemerkt,
vor bald 600 Jahren niedergeschrieben und ist ein interessantes
Zeugnis dafür, welche Wirkung die Fakire mit ihren wunderbaren
Produktionen schon damals zu erzielen wußten. Der reisende Araber war
ein hochgebildeter Mann und, wie seine Werke zeigen, ein scharfer
Beobachter. Man darf aber nicht unbeachtet lassen, daß die damaligen
Reiseschriftsteller, fast ausschließlich Orientalen, bei aller
sonstigen Wahrheitsliebe gar kein Bedenken trugen, ihre Berichte mit
dazwischengeschobenen Erzählungen auszuschmücken, die keinen anderen
Zweck hatten als den, dem Unterhaltungsbedürfnis der Zuhörer und Leser
entgegenzukommen und ihrem Wunderglauben Nahrung zu spenden. Alle
Reiseberichte der damaligen Zeit wimmeln von derartigen, übrigens
wirklich sehr unterhaltsamen Anekdoten. Das klassische Beispiel solchen
Gemischs von Wahrheit und Dichtung sind die Erzählungen Sindbads
des Seefahrers, die aus dem neunten Jahrhundert stammen und als
ältestes literarisches Denkmal der Handelsreisen der Araber ebenso
unvergänglichen Wert haben wie als köstliche, ewig junge Erzeugnisse
der blühenden orientalischen Märchenkunst. Es mag nun dahingestellt
bleiben, ob der würdige Herr Ibn Batuta das Erlebnis mit dem in der
Luft sitzenden Fakir tatsächlich gehabt hat, oder ob es sich dabei um
eine Erfindung seiner Phantasie handelt, lediglich zur Ausschmückung
seines Reiseberichtes bestimmt.
Es mag hier auch noch von jener „+geheimen Kraft+“ die Rede sein, die
im indischen Mystizismus eine bedeutende Rolle spielt. Diese angeblich
vorhandene geheime Kraft, ein besonderes Gnadengeschenk der Götter,
befähigt den Fakir, der sie besitzt, zu übernatürlichen Leistungen,
verhilft ihm zu Einfluß auf leblose Gegenstände so gut wie auf
Menschen und Tiere. Ein Schauspiel, das immer viele Zuschauer anlockt
und sie mit ehrfurchtvollem Staunen erfüllt, ist ein öffentlicher
Wettstreit zwischen zwei „Heiligen“ von anerkannter geheimer Kraft. Es
kommt dabei gewöhnlich darauf an, irgendeinen auf der Erde liegenden
Gegenstand, zum Beispiel einen Strohhalm, der angeblich durch einen
Zauber fest an den Boden gebunden ist und nicht aufgehoben werden
kann, an sich zu nehmen. Ich hatte einmal Gelegenheit, ein derartiges
absurdes Schauspiel mitanzusehen. Die Konkurrenten, zwei Gosain mit
der sattsam bekannten Verwahrlosung ihres Körpers, starrend von Asche
und Schmutz, mit wirr herabhängendem, verfilztem Haar und stieren
Augen, stellten sich einander gegenüber auf, in gleicher Entfernung
von einem am Boden liegenden Halm, und jeder behauptete die Macht zu
haben, den andern von der Berührung des Halmes abzuhalten. Während nun
einer den andern krampfhaft mit den Augen fixierte, murmelten ihre
Lippen in endloser Litanei Gebete. Das ging so etwa zehn Minuten lang,
schließlich begannen ihre Körper zu zucken, der Schweiß brach aus ihren
Poren, Schaum trat ihnen vor den Mund — endlich fiel einer von ihnen
bewußtlos zu Boden, und diesen Augenblick benutzte der Gegner, um den
„verzauberten“ Halm aufzuheben und an sich zu nehmen. Wie mir einer
der anwesenden Gläubigen sagte, wären die Gosain nach einem derartigen
Wettkampf mehrere Tage krank vor Aufregung. Ich hatte dagegen den
Eindruck, daß es sich nicht um einen Zustand echter Ekstase, sondern
um eine abgekartete, abgeschmackte Komödie handelte und daß die üblen
Burschen sich zu diesem Zweck zu einem Genossenschaftsverhältnis
zusammengetan hatten.
Eine sehr merkwürdige und für das religiöse Leben Indiens
charakteristische Erscheinung sind auch jene +Amateur-Fakire+ oder
Büßer, von denen bereits vorher kurz die Rede war, d. h. wohlhabende
oder sogar sehr reiche Inder, die in ihrem Alter auf alle Besitztümer
und alle Freuden der Welt Verzicht leisten, um sich für den Rest
ihres Lebens in freiwilliger Armut lediglich der frommen Einkehr, der
Entsagung und Andacht zu widmen. Weltflüchtige ähnlicher Art gibt es ja
freilich auch im Christentum; auch bei uns kommt es nicht selten vor,
daß Personen aus religiösen Erwägungen oder aus einem sie innerlich
tief erschütternden Anlaß auf alles, was ihnen die Welt bisher zu
bieten hatte, auf irdische Güter, soziale Stellung, Vergnügungen,
auf Rang und Titel verzichten und sich bis zum Ablauf ihrer Tage in
den stillen Frieden der Klosterzelle zurückziehen. Aber es ist doch
ein Unterschied zwischen diesen christlichen Weltflüchtlingen und den
buddhistischen. Denn während der erstere auch im Kloster im geistigen
Zusammenhang mit der Kultur bleibt, ja gerade im Kloster oft genug
eine hochentwickelte Kultur findet, stößt der buddhistische Büßer
alles Geistige, soweit es jenseits der rein religiösen Dinge liegt,
von sich, weil er es als unwesentlich betrachtet und verachtet, wie er
desgleichen alles verschmäht, was dem Wohle des Körperlichen dient,
und in Befolgung der strengsten Askese gerade nur soviel Speise und
Trank zu sich nimmt, wie zur Aufrechterhaltung des animalischen Lebens
durchaus notwendig ist.
Sonderbare Schwärmer solcher Art gibt es, wie gesagt, viele, und einer
der seltsamsten von ihnen war — ich weiß nicht, ob er heute noch
lebt — der „Heiligste der Heiligen“, +der Büßer Swami Saraswati+ in
Benares. Früher ein reich begüterter Mann, warf er in vorgerücktem
Alter eines Tages alles von sich, was nach unserer Ansicht das
Leben schön und lebenswert macht, verteilte sein Vermögen unter die
Kinder und an fromme Stiftungen und zog sich ins Büßertum zurück.
Ein Glaubensgenosse, der gleich ihm der religiösen Sekte der Jaina
angehörte, ließ ihm auf seinem Grundstück einen eigenen kleinen Tempel
erbauen, der zugleich als sein notdürftiges Obdach bei Nacht diente.
In einer Nische der Außenwand des Tempels wurde ein in Stein gehauenes
Bild des Gottes Jina, des Schutzpatrons der Sekte, angebracht, und
unmittelbar unter diesem Steinbild ließ sich nun Swami Saraswati in
genau derselben Stellung wie der Gott, mit gekreuzten Beinen und über
den Beinen gekreuzten Händen, auf dem Sockel des Tempels nieder.
So unbeweglich sitzend, mit kahlgeschorenem Haupt, die verglasten
Augen geradeaus ins Unbestimmte gerichtet, den dürren braunen Körper
unverhüllt der Sonnenglut preisgegeben, saß (und sitzt vielleicht noch)
der arme reiche Mann tagaus tagein bis zu seinem letzten Stündlein
auf dem Stein, innerlich sehr befriedigt darüber, daß er schon bei
Lebzeiten dem Gott über ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Einige
Bevorzugte unter seinen Verehrern dürfen ihm dabei von Zeit zu Zeit
Gesellschaft leisten, mit ihnen führt er dann auch religiöse Gespräche
und sie reichen ihm bisweilen einige Nahrungsmittel, auf die selbst
ein Heiliger nicht völlig Verzicht leisten kann. Vor dem Sockel des
Tempels aber drängen sich in hockender Stellung die Andächtigen, voll
von Bewunderung eines derartigen Beweises tiefster Religiosität. ...
Uns fehlt das Verständnis dafür und wir ersehen auch daraus wieder, wie
aus zahllosen anderen Erscheinungen des religiösen und soziale Lebens
in Indien, welche unüberbrückbare Kluft zwischen unseren Anschauungen
und denen des indischen Geisteslebens gähnt.
„Dieses Büßertum — so schreibt ein gelehrter deutscher Jesuit, Joseph
Dahlmann, in seinem ausgezeichneten Werk „Indische Fahrten“ — ist ein
Element, das man in dem strahlenden Reichtum eines tropischen Landes
am wenigsten suchen möchte. Hier, wo die Natur auf der einen Seite
die höchste Fülle und Fruchtbarkeit entfaltet, wo sich auf der andern
Seite fürstlicher Glanz in einem Luxus darbietet, wie kaum an einem
anderen Punkte der Welt, scheint kein Raum zu sein für ein Leben, das
alles abwirft, was die Sinne anzieht, um desto grauenhafter im eigenen
Fleisch zu wüten. Und doch tritt uns gerade hier ein Büßertum entgegen,
das im Hange zur Selbstpeinigung das Unglaublichste leistet. Wir
gewahren eine Gruppe von Menschen, die alles in den Staub tritt, was
der Ehre wert ist, um dem höchsten Genuß die schärfste Selbstpeinigung
entgegenzusetzen. Die Selbstpeinigung überschreitet so sehr jedes
Maß, daß man nicht mit Unrecht von einer Wollust der Selbstpeinigung
gesprochen hat. Der Gosain scheint sich tierisch wohl in der
Selbsttortur zu fühlen ... die vollkommenste Gleichmütigkeit soll
eintreten gegen Gutes und Böses, gegen Angenehmes und Unangenehmes,
Hitze und Kälte, Gesundheit und Krankheit, Lob und Tadel, Besitz und
Verlust, Freund und Feind, Leben und Sterben, überhaupt gegen alles,
was des Menschen Begierde oder Abneigung wecken kann. Die Gegensätze
von Laster und Tugend, von Unrecht und Recht müssen ebenso vollständig
schwinden wie die Gegensätze von Haß und Liebe, von Trauer und Freude,
von Bangen und Hoffen. Das Ideal des Büßers beruht auf einer Gesinnung,
die Gold und Perlen und einen Klumpen gemeiner Erde mit gleichem Auge
betrachtet. „Ein Edelstein, ein Klumpen Gold, ein Erdkloß sind ihm
gleichwertig“, dieser Satz gehört zu den beliebtesten Ausdrucksweisen,
um das brahmanische Ideal der Weltverachtung zu schildern. Nichts
ist heiliger in den Augen des Inders als der Brahmane, nichts
verabscheuungswürdiger als der Hund, und doch blickt der Büßer mit
gleicher Wertschätzung auf beide herab. Auf eine +Vernichtung des
Individuums+ ist die Buße hingerichtet. Die Regungslosigkeit des
Steines und die Empfindungslosigkeit eines Holzklotzes wird das
entscheidende Merkmal dieses Büßerideals.“
* * * * *
Den breitesten Raum nehmen bei allen indischen Gaukeleien doch die
Künste der +Schlangenbeschwörer+ ein. Überall, wo etwas „los“ ist,
stößt man auf die Gaukler mit ihren Reptilen. Man muß sich immer
von neuem darüber wundern, welches glühende Interesse das indische
Volk diesen Vorführungen entgegenbringt, obwohl sie ihm doch nur
Altbekanntes zu bieten haben.
Uns Europäern ist die Schlange im allgemeinen ein so häßliches,
unsympathisches Tier, daß wir dem Kultus, den viele Völker mit
ihnen treiben, verständnislos gegenüberstehen. Dennoch ist der
Schlangenkultus uralt und über die ganze Erde verbreitet. Den einen
galt und gilt sie als der gefürchtete Dämon, den man nur aus Angst
wie eine Gottheit verehrt; den anderen wiederum im Gegenteil als
Symbol der Weisheit und der wohltätigen Kräfte — man denke nur an
die Schlange des Äskulaps. Schon die Bibel berichtet von ägyptischen
Schlangenbeschwörern. Nicht bloß in Indien, auch bei den afrikanischen
Negern und den Indianern Amerikas finden wir einen eifrigen
Schlangenkultus und die paradoxe Erscheinung, daß man Giftschlangen,
anstatt sie nach Möglichkeit auszurotten, schont und pflegt, sie sogar
häufig zum Gegenstand der Anbetung macht.
In Indien gibt es eine bestimmte Kaste, die sich ausschließlich mit dem
Fang giftiger Schlangen befaßt und nebenbei die Rolle des Giftdoktors
bei der Behandlung gebissener Personen spielt. Ich habe auf meinen
Reisen oft Gelegenheit gehabt, diese Leute zu beobachten, und die
Erfahrung gemacht, daß sie stets mit Erfolg auf die Kobrajagd gehen.
Selbst wenn sich die Brillenschlange in einem Ameisenbau oder einem
anderen Versteck den Blicken entzieht, weiß der Schlangenjäger sie bald
aufzuspüren, indem er sich flach auf den Boden legt und sich von seinem
vorzüglich ausgebildeten Geruchssinn leiten läßt. Wie der Dachshund den
Dachsbau zerwühlt und bloßlegt, so buddelt der Schlangenjäger schnell
und sicher die Schlange aus, packt sie mit geübtem Griff hinten am
Nacken und befördert sie trotz wütendem Sträuben in das mitgeführte
Tongefäß. Einer der von mir beschäftigten Schlangenjäger konnte mir an
einem einzigen Tage 20–30 schöne Exemplare der Kobra verschaffen. Über
die Eigenschaft dieser Leute als Giftdoktoren denke ich aber ziemlich
skeptisch. Nach meinen Erfahrungen ist es mit ihrer geheimgehaltenen
Heilkunst nicht weit her. Manchmal, das heißt, wenn er sofort nach dem
Unfall zur Hand ist, kann der Schlangendoktor die bösen Folgen des
Bisses abwenden — aber das kann jeder einigermaßen erfahrene Laie auch,
der sich auf das Abschnüren des gebissenen Gliedes und das Ausbrennen
der Wunde versteht. Manchmal hilft sich auch die Natur von selbst und
manchmal ist alle Kunst des Giftdoktors vergeblich, der Gebissene
stirbt.