Alle im Vorstehenden geschilderten Produktionen haben, so ungeheuerlich

sie auch bisweilen sind, selbstverständlich nichts mit Wundertaten

gemein. Es geht dabei mit vollkommen natürlichen Dingen zu und nur

die abergläubische Beschränktheit des Volkes erblickt in den stupiden

Selbstschindereien der Büßer und ihren oft damit verbundenen Tricks

Offenbarungen einer übersinnlichen Macht. Es gibt aber, wie schon

vorhin bemerkt, neben dem Heer der Bettelfakire auch eine kleinere

Anzahl von Büßern und Wunderheiligen, die ernster zu nehmen sind und

deren Vorführungen größere Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen.

Die +echten Jogin+ haben von klein auf eine religiöse Erziehung

genossen. Schon im Alter von 3–4 Jahren werden sie in den Tempel

gebracht, um von den Priestern für ihren späteren Beruf ausgebildet

zu werden. Das körperliche Training der angehenden Jogin zielt darauf

hin, daß sie sich durch Selbsthypnose in einen starrkrampfartigen

Zustand, eine Art Scheintod versetzen können. Es kommen dabei

wahrscheinlich nur solche Personen in Frage, die schon von Hause aus

eine natürliche Veranlagung dafür besitzen, das heißt sehr suggestibel

sind. Als klassisches Vorbild dient den Schülern der berühmte Jogin

+Haridas+, der vor hundert Jahren in Lahor erstaunliche Leistungen

vollbrachte. Die Vorbereitungen dazu bestanden in einer allmählichen,

durch Jahre fortgesetzten Lösung des Zungenbändchens und Verlängerung

der Zunge durch Einschnitte und andere Kunstgriffe. Der Fakir muß

die Zunge 10–15 Zentimeter lang aus dem Munde herausstrecken können,

dann hat sie die nötige Länge, um in eingezogenem Zustand den Schlund

zu verstopfen und das Atmen zu verhindern. Wenn Haridas sich in

Scheintod versetzen wollte, reinigte er zunächst seine Eingeweide

durch eine geheim gehaltene Methode von allen Verdauungsstoffen

und trank darauf nur reines Wasser, nahm auch ein Hanfpräparat mit

Bilsenkraut und Stechapfel ein, das wohl zur Betäubung diente. Nachdem

alle Körperöffnungen mit Wachsstöpseln verschlossen waren, wurde der

in Leinen gehüllte Körper, der jetzt einem Leichnam ähnlich sah, in

einen Sarg gelegt und der Sarg wurde in einem unterirdischen Raume

aufgestellt. Hier brachte Haridas mehrere Tage oder Wochen, in einem

Fall 40 Tage, im Grabe zu. Man hat sogar einmal über der Grabkammer

Weizen gesät, um den Beweis der Unberührtheit des Bodens und des

Sarges zu führen. Wenn die im voraus bestimmte Zeit des Scheintodes

abgelaufen war, öffneten die Jünger Grab und Sarg und brachten ihren

Meister zum Leben zurück, indem sie ihn mit warmem Wasser begossen, ihm

einen heißen Weizenmehlteig auf den Scheitel legten, den Mund gewaltsam

öffneten, die zurückgeschlagene Zunge hervorzogen und Augenlider und

Zunge mit zerlassener Butter bestrichen. Dann begann das Herz wieder zu

klopfen, die Atmung stellte sich ein und der lebendige Leichnam wurde

allmählich wieder zum Menschen.

Jener Haridas also ist das erhabene Vorbild des angehenden Fakirs.

Die Ausbildung beginnt, wie gesagt, sehr früh. Schon im zarten Alter

von fünf Jahren muß der kleine Fakirlehrling eine halbe Stunde lang

auf dem Boden sitzen können, ohne irgendeinen Muskel zu rühren. Die

Frist wird nach und nach verlängert, so daß der Eleve nach einiger

Zeit imstande ist, stundenlang regungslos zu sitzen, zu stehen und zu

liegen. Mit zwölf Jahren hat der Knabe es soweit gebracht, daß er 24

Stunden lang liegen kann, ohne die geringste Bewegung merken zu lassen.

Dann beginnt das Verlängern der Zunge in der vorhin geschilderten Art

und zugleich das Üben der Gedankenkonzentration auf eine bestimmte

Idee, sowie das Einschläfern der Glieder. Zu diesem Zweck, zum

Einschläfern, wiederholt der auf Kissen liegende, von gewissen

betäubend duftenden Kräutern umgebene Schüler mit leise singender

Stimme fortwährend, oft eine Stunde oder länger, die sinnlosen sieben

Worte, „hohm, lohm, dohm, kohm, ohm, wohm, sahlohm“ in und außer der

Reihenfolge, bis er seinen physischen Körper in Schlaf versetzt hat,

während sein Geist angeblich wach und klar bleibt.

Hat er die Fähigkeit erreicht und kann er bereits zwei Tage regungslos

liegen, sowie nach Belieben schlafen oder wachen, dann ist der Eleve

für das Üben der eigentlichen Selbsthypnose reif. Er setzt sich mit

untergeschlagenen Beinen, in der Art der Buddhastatuen, auf den Boden

und starrt mit leicht gesenktem Haupt so lange unverwandt auf den

Nabel, bis er in hypnotischen Zustand versinkt.

Ich hatte einmal als Gast eines indischen Fürsten in Madipore

Gelegenheit, das +Lebendig-Begraben+ eines echten Jogin zu sehen, der

dieselben Fähigkeiten wie der berühmte Haridas besaß. Es war ein Mann

von etwa 40 Jahren von starkknochiger Figur und harten Gesichtszügen,

ganz und gar das Bild eines religiösen Fanatikers. Wir, das heißt

die europäischen Gäste des Fürsten und einige prominente Inder aus

der Stadt, begaben uns in den Park hinter dem Schloß, wo schon eine

Grube ausgehoben war, die den Fakir aufnehmen sollte. Wir untersuchten

das Grab in eingehendster Weise und überzeugten uns, daß alles

seine Richtigkeit hatte und nicht die geringsten Vorrichtungen zur

heimlichen Luftzufuhr und Ernährung ins Grab eingeschmuggelt waren.

Nachdem wir diese Feststellungen gemacht hatten, setzte sich der Fakir

in feierlich zeremoniöser Weise auf den Erdboden, formte aus rötlichem

Wachs kleine Kügelchen, mit denen er die Ohren und Nasenlöcher

verklebte, und zeigte seine enorm verlängerte Zunge, die er darauf so

tief wie möglich in den Schlund gleiten ließ. Dann verbeugte er sich

ehrfurchtsvoll vor dem Fürsten und seinen Gästen, setzte sich wiederum

mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde und starrte unverwandt so

lange auf seinen Bauch, bis er ersichtlich in autohypnotischen Zustand

verfiel. Einer der Gäste, ein englischer Arzt, untersuchte den Mann und

stellte fest, daß er sich in einer Art Starrkrampf befand. Der Gehilfe

des Fakirs bedeckte ihn jetzt mit einem weißleinenen Sack, der Arzt

band den Sack zu und versiegelte die Schnur mit seinem Siegelring.

Darauf legte man den Bewegungslosen in eine längliche flache Holzkiste,

die gerade nur so groß war, daß sie den Körper aufnehmen konnte,

und die Kiste wurde ins Grab versenkt. Die Dienerschaft schaufelte

die Grube zu. Schließlich wurde ein Steinblock auf das Grab gewälzt

und mit Mörtel derartig fest mit dem Boden der nächsten Umgebung

verbunden, daß es unmöglich war, ihn ohne Anwendung äußerster Gewalt

und ohne Hinterlassung von Spuren hochzuheben. Zum Überfluß drückten

der Fürst und sämtliche Gäste auch noch ihre Siegelringe im Mörtel ab.

Es wurde dann ausgemacht, daß wir nach vierzehn Tagen wiederum hier

zusammentreffen wollten, um Zeugen der Auferstehung des Begrabenen zu

sein.

So war es denn auch der Fall. Als wir uns zwei Wochen später abermals

im Garten des Fürsten versammelten, sahen wir in größter Spannung den

kommenden Dingen entgegen. Die Meinungen waren geteilt, einige Herren

glaubten fest an die Auferstehung des Fakirs, andere erwarteten ebenso

bestimmt, eine ausgescharrte Leiche zu Gesicht zu bekommen. Ich muß

gestehen, daß uns Europäern ein bißchen unheimlich zumute war. Wir

prüften nun zunächst mit aller Sorgfalt die Grabstelle. Der große

Stein lag unverändert da, in dem Mörtel am Fuße des Steins waren

unsere Siegelabdrücke unverletzt und deutlich erkennbar vorhanden, und

in der ganzen Umgebung deutete nicht das geringste auf irgendeinen

gewaltsamen Eingriff, irgendeine Veränderung hin. Es befand sich

alles in bester Ordnung. Nun brach die Dienerschaft den Grabstein

aus seiner Mörtelfassung heraus, wälzte ihn fort und begann das Grab

auszuschaufeln, während der Gehilfe des Fakirs auf einem kleinen Herde

Reis kochte, um dem Auferstandenen sogleich Nahrung bieten zu können.

Die freigelegte Kiste wurde von den Dienern, die dabei vor Erregung

am ganzen Leibe zitterten, hochgehoben und auf den Boden gestellt.

Unter fast atemlosem Schweigen öffneten wir in ungeheurer Spannung

den Deckel. Wir hoben den bewegungslos ruhenden Körper heraus. Die

Feuchtigkeit der Erde hatte das Holz der Kiste durchdrungen und den

Sack so naß und mürbe gemacht, daß beim bloßen Zugreifen ganze Fetzen

der Leinwand an den Händen hängen blieben. Der Gehilfe wickelte den

Fakir, oder was von ihm noch übrig war, aus der Hülle heraus — und vor

uns auf dem Boden lag ein anscheinend lebloser, von der Erdfeuchtigkeit

benetzter Körper mit geschlossenen, tief eingesunkenen Augen und

blutlosem fahlem Gesicht. Es schien beinahe, als ob die Skeptiker, die

einen Leichnam zu finden erwartet hatten, Recht behalten sollten.

Der Gehilfe begann jetzt die Wiederbelebungsversuche damit, daß er

seinem Herrn eine Anzahl heißer Weizenpfannkuchen auf den Nacken legte

und ihm die Wachsstöpsel aus Ohr und Nase entfernte. Dann machte er

sich mit Hilfe anderer Diener daran, die knochigen, fast fleischlosen

Glieder des Fakirs zu reiben und zu massieren. Er öffnete den Mund des

noch immer anscheinend Leblosen, zog die Zunge aus dem Schlund hervor,

goß etwas geschmolzenes Fett in den Mund und frottierte den Kopf mit

gewärmten Tüchern. Und siehe da! Endlich, nach ungefähr einer halben

Stunde, als wir die Hoffnung auf Wiederbelebung des Wundermannes schon

glaubten aufgeben zu müssen, zeigten sich die ersten Regungen des

zurückkehrenden Bewußtseins. Bald darauf schlug der Fakir die Augen

auf und seine Lippen bewegten sich. Von diesem Moment an machte die

Wiederbelebung überraschend schnelle Fortschritte, so daß er sich schon

nach ein paar Minuten erheben konnte, um sich alsbald mit dem frisch

bereiteten Reis und einem Krug Wasser zu stärken.

Da hatte ich also einmal „Begräbnis und Auferstehung eines Lebendigen“

persönlich vor Augen gehabt. Nach meiner festen Überzeugung, die von

allen anderen europäischen Beobachtern des verblüffenden Schauspiels

geteilt wurde, konnte in diesem Fall von einer Irreführung, oder

deutlicher gesagt, einem Betrug nicht die Rede sein. Der Fall bestätigt

ja auch nur zahlreiche andere Erfahrungen derselben Art. Ich enthalte

mich als Laie aller Deutungsversuche. Mögen die Männer vom Fach es

erklären. Daß der Mensch sehr lange Zeit ohne Nahrung auskommen kann,

das ist eine bekannte Tatsache und nicht das eigentliche Wunderbare

daran. Aber wie ist es möglich, vierzehn Tage lang ohne Luftzufuhr,

ohne Atmung am Leben zu bleiben?

Man ist in Europa gegenüber diesen Vorführungen mit Recht etwas

mißtrauisch geworden, weil man den sogenannten Fakiren (es waren

niemals echte), die sich bei uns für Geld sehen ließen, allerlei

Schwindeleien nachweisen konnte. Aber man muß schon einen Unterschied

zwischen solchen Gauklern, die sich mitunter überraschender Tricks

bedienen, und den echten Jogin machen, denen es auch niemals einfallen

würde, sich auf einer europäischen Varietébühne zu produzieren.

Wer sich zur Mystik und zum Okkultismus hingezogen fühlt, der wird,

wie die Eingeborenen Indiens, leicht geneigt sein, den Fakiren

übernatürliche Fähigkeiten zuzuschreiben. Im Grund hat aber gerade das

„Lebendig-Begraben“ nichts mit Übersinnlichem zu tun, es läßt sich

zwanglos durch körperliche Eigenschaften und ein mit zäher Energie

durchgeführtes Training erklären. Übrigens steht der einigermaßen

gebildete Hindu dieser Art von „gottgefälligem Werk“, das doch keinen

anderen Zweck als den eines sensationellen Schauspiels hat, ablehnend

gegenüber, ohne sich freilich zu einer entschiedenen Verurteilung

des Treibens aufraffen zu können. Erstens fehlt es ihm an Mut,

sozialen Unsitten öffentlich entgegenzutreten, dann aber sind auch

die (verhältnismäßig) aufgeklärtesten Inder immer noch abergläubisch

genug und fürchten den Fluch der Bettelfakire. Können sich doch selbst

diese „Freidenker“ — wenn man sie so nennen darf — nicht von ihren

Amuletten und sonstigen Zauberschutzmitteln trennen und sind sie doch

vollgepfropft mit Vorurteilen seltsamster Art. Daß ein vernünftig

denkender Europäer den ganzen komplizierten Hokuspokus sehr skeptisch

beurteilt und besonders seinen religiösen Wert rundweg verneinen muß,

ist selbstverständlich. Mit Recht sagt Graf Hermann Keyserling in

seinem „Reisetagebuch eines Philosophen“: „Unter den Jogin trainiert

sich ein allzu großer Teil nicht aufwärts zu Gott, sondern +abwärts

zum Tier zurück+, denn wenn einer Macht über sonst dem Willen nicht

unterworfene Muskeln gewinnt, z. B. den Herzschlag bewußt regulieren

lernt, so bedeutet das, daß er in den Zustand des Wurmes zurückgerät,

insgleichen, wenn einer sich auf Wochen, ohne Schaden zu nehmen,

begraben lassen kann, daß er vermag, was des Winterschlafs fähige Tiere

noch besser leisten. Diese Jogin sind sämtlich stupid und gelten auch

dafür, die ganze Energie, über die ihr Intellekt allenfalls verfügen

könnte, ist bei ihrem Körper gebannt.“

* * * * *

Irrtümlicherweise werden auch jene indischen +Gaukler und

Zauberkünstler+, die mit den vorhin behandelten religiösen Büßern

und Asketen gar nichts gemein haben, vom Europäer meistens Fakire

genannt. Wenn es im allgemeinen auch nur arme, herumziehende Gaukler

sind, die mit möglichst geringfügigem Apparat arbeiten und sich ihr

Publikum auf den Straßen und öffentlichen Plätzen heranbetteln, so

lieben sie es doch und verstehen sich gut darauf, sich mit dem Schleier

eines undurchdringlichen Geheimnisses zu umgeben. Ihre Kunststücke

sind freilich oft verblüffender Art, aber auch bei ihnen bestätigt

es sich, daß „Geschwindigkeit keine Hexerei“ ist. Gut entwickelte

Beobachtungsgabe und die Kenntnis gewisser physikalischer Gesetze

befähigen sie zu Tricks, die auf den ersten Blick unerklärlich und

übernatürlich zu sein scheinen. Dazu kommt noch, daß manche von diesen

Gauklern eine hypnotisierende Gewalt besitzen und es fertig bringen,

ohne körperliche Berührung, nur durch die zwingende Überredungskraft

ihrer Blicke und Worte selbst eine größere Zuschauermenge in den

Glauben zu versetzen, daß sie Dinge sieht, die in Wirklichkeit gar

nicht vorhanden sind.

Gleich den Fakiren sind die indischen Gaukler meistens hagere,

ausgehungerte Gestalten, die schon durch ihre äußere Erscheinung auf

den Zuschauer zu wirken versuchen. Ihr ganzes Auftreten bekundet

Weltverachtung. Finsteren Blickes mustern sie ihr Publikum, bei der

abergläubischen Menge trachten sie den Eindruck hervorzurufen, daß sie

mit dunklen Gewalten der unsichtbaren Welt in Verbindung stehen, daß

sie mit übernatürlichen Gaben ausgestattet sind. Ihr Handwerkszeug

ist sehr dürftiger Art und besteht zumeist nur aus einem Schnappsack

oder einem runden Korb nebst ein paar Geräten. Mit diesen wenigen

Dingen, die sie auf den mageren Schultern tragen, führen sie, von

Ort zu Ort wandernd, ihre Kunststücke aus. Gewöhnlich sind sie von

einem Kinde begleitet, einem Knaben oder einem Mädchen, das als

Assistent und Versuchsobjekt dient; mitunter reist der Gaukler auch

„~en famille~“, und während er seine Kunststücke zeigt, „arbeiten“ die

anderen Familienmitglieder als Musiker, Akrobaten oder dergleichen,

genau wie es bei unseren deutschen Jahrmarktsgauklerfamilien der Fall

ist. Auf reichen irdischen Lohn hat selbst der geschickteste indische

Gaukler nicht zu rechnen. Der dürftigste europäische Varietézauberer

verdient an einem Abend mehr, als eine indische Gauklerfamilie in einem

ganzen Jahr. Denn das ihn bewundernde Publikum hat die Schwäche, sich

prompt zu „drücken“, wenn der Sammelteller herumgeht, und nur spärlich

klappern die Kupfermünzen in den Napf des armen finsteren Mannes. Dafür

ist der indische Zuschauer nicht sehr anspruchsvoll. Eine derartige

Gier nach immer neuen, nervenaufpeitschenden Sensationen, wie sie für

das durch Varieté und Kino verwöhnte europäische Publikum bezeichnend

ist, kennt man in Indien nicht. Es sind im wesentlichen immer wieder

dieselben, schon seit Jahrhunderten gezeigten Tricks, die hier der

Gaukler zum besten gibt, und nur kleine Variationen, sowie der höhere

oder geringere Grad von Geschicklichkeit unterscheiden sie voneinander.

Ich übergehe hier die gewöhnlichen Vorführungen der Akrobaten

und Gaukler, von denen übrigens auch Bären, Ziegen und Affen als

vierfüßige Kollegen mit herangezogen werden, und behandle nur einige

der seltsameren Zauberstückchen. Eines der hübschesten ist der

+Korbtrick+. Dazu gehören der Gaukler, ein junges Mädchen, ein runder

niedriger Deckelkorb, ein Fischnetz und ein paar Stricke. Der Gaukler

zeigt zunächst den leeren Korb, das Netz und die Stricke und läßt das

Publikum sich davon überzeugen, daß alles in Ordnung ist und keine

versteckten Hilfsmittel angebracht sind. Er fesselt nun das Mädchen,

das sich hinkauert und förmlich zu einer Kugel ballt, in einer Weise,

daß es sich nicht mehr rühren kann, steckt das völlig hilflose Wesen

in das Netz und bindet dieses über dem Kopf fest zusammen. Dann wird

das Mädchen in den Korb gesteckt, der gerade so groß ist, daß der

Körper mühsam hineingezwängt werden kann, und der Korb wird mit dem

Deckel verschlossen. Jetzt nimmt der Gaukler einen spitzen Degen und

stößt ihn, während er unaufhörlich spricht, hier und dort bis zum Griff

in den Korb hinein. Das Publikum ist in höchster Spannung, glaubt es

doch, jeden Augenblick müßte das Blut des armen Mädchens aus dem Korbe

hervorströmen. Nun bedeckt der Mann den Korb mit einem Tuch, murmelt

Beschwörungsformeln, klopft mit seinem Zauberstab an das Geflecht und

klatscht zum Schluß in die Hände. Und siehe da, plötzlich zieht er

das Tuch fort, der Deckel hebt sich und aus dem Korbe steigt, aller

Fesseln ledig und völlig unversehrt, das junge Mädchen heraus! Ich

habe den Trick öfter gesehen und muß sagen, daß er mich jedesmal aufs

höchste ergötzt hat. Die Geschicklichkeit, mit der sich das Mädchen

in dem engen Behälter ihrer Fesseln zu entledigen versteht, ist ebenso

überraschend wie der Kniff des Gauklers, der das Durchbohren des Korbes

tatsächlich ausführt, nur weiß das Mädchen im Korbe genau Bescheid,

es packt die biegsame Klinge und führt sie über sich oder unter sich

vorbei!

Es gibt zwei indische Gauklerstücke, die es in der einschlägigen

Literatur bereits zur Berühmtheit gebracht haben und die als klassische

Beispiele „übersinnlicher“ Zauberphänomene von den Okkultisten aller

Länder für ihre Zwecke weidlich ausgenutzt worden sind: nämlich der

sogenannte Mangotrick und der Trick mit dem in die Luft geworfenen,

starr in der Luft verharrenden Seil. Diese beiden Glanzkunststücke, zu

deren Verherrlichung schon Ströme von Druckerschwärze fließen mußten

und die auch in den vielen populären Indienbüchern eine gewichtige

Rolle spielen, können in der Tat Anspruch auf Klassizität erheben.

Nämlich insofern, als es geradezu Schulbeispiele für zwei interessante

Erscheinungen sind: für die Suggestibilität oder sagen wir deutsch

Beeinflußbarkeit einer größeren Zuschauermenge und für die daraus sich

ergebende Fehlerhaftigkeit der Beobachtung.

Betrachten wir einmal den +Mangotrick+. Der Mango ist einer der

häufigsten und stattlichsten Bäume Indiens, der sehr wohlschmeckende,

aprikosenähnliche Früchte trägt. Der Baum wächst ziemlich schnell,

immerhin vergehen aber doch einige Jahre, bis das gepflanzte junge Reis

sich bis zum Früchtespender entwickelt. Der Gaukler mit dem Mangotrick

erkühnt sich nun, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, das Tempo

der Entwicklung in unerhörter Weise zu beschleunigen und „binnen fünf

Bierminuten“, wie es in der deutschen Studentensprache heißt, aus einem

frisch eingepflanzten Mangokern ein fröhlich grünendes Bäumchen mit

saftigen Früchten zu machen. Das ist keine alltägliche Leistung und

eigentlich lohnt es sich schon, nach Indien zu reisen, lediglich um

sich mit eigenen Augen von einer so erstaunlichen Überlistung der Natur

zu überzeugen.

Aber sehen wir zu, wie der Gaukler es macht. Von dem üblichen Knaben

oder Mädchen assistiert, vielleicht auch mit etwas Musikbegleitung

tritt der Mann vor die erwartungsvoll harrende Zuschauermenge und

breitet auf dem Boden sein Handwerkszeug aus. Dazu gehört vor allem der

niemals fehlende Zaubersack, der die zu den Vorführungen benötigten

wenigen Dinge birgt. Im Gegensatz zu den Schlangenbeschwörern und

anderen Kollegen der Gauklerzunft ist der Mann mit dem Mangotrick

nicht auf den Mund gefallen, sondern redet vom ersten bis zum letzten

Augenblick in einer seltsam eindringlichen und zugleich einschläfernden

Weise. Dieses unaufhörliche monotone Sprechen hat seine tiefe

Bedeutung, denn in Verbindung mit den starr die Zuschauer fixierenden

Augen und der ganzen sonderbaren Erscheinung des Gauklers übt es eine

faszinierende oder besser gesagt hypnotisierende Wirkung aus, eine

Wirkung, der sich selbst jene Europäer, die die Sprache des Mannes

nicht verstehen und denen der Sinn seiner Worte verborgen bleibt,

selten entziehen können. So sorgt er, noch mit den Vorbereitungen

für seinen Trick beschäftigt, bei den Zuschauern für eine geeignete

seelische Disposition. Er schlägt ein kleines von drei Stäben

gestütztes Miniaturzelt auf, dessen hintere, ihm selbst zugewandte

Seite offen bleibt. Neben das Zelt stellt er eine Schale mit frischer

Erde. Er begießt die Erde sorgsam und pflanzt dann einen Mangokern

hinein. Jetzt stellt er die Schale in das Zelt und entzieht sie so

den Blicken. Einige Minuten lang wandert er nun mit beschwörenden

Gesten und immerfort redend um das Zelt herum, endlich hebt er die

Zeltdecke auf — und siehe da, man erblickt in der Schale ein etwa zehn

Zentimeter hohes Mangopflänzchen, das mit seinen grünen Blättern eben

hervorgesprossen zu sein scheint. Der Zauberer läßt die Schale wieder

unter dem Zelt verschwinden, macht allerlei Hokuspokus, und wenn er

dann nach ein paar Minuten die Schale von neuem hervorholt, ist die

Mangopflanze bis zur Höhe von einem halben Meter gewachsen. Schließlich

entsteht unter denselben geheimnisvollen Umständen im Verlauf von etwa

einer Viertelstunde ein meterhohes Bäumchen mit frischen, saftigen

Früchten!

Eine wirklich zauberhafte, unerklärliche Leistung, nicht wahr?

Etwas, das alle Gesetze der natürlichen Entwicklung über den Haufen

wirft, indem sie diese, die für gewöhnlich auf ziemlich bedächtigem

Etappenwege vor sich zu gehen pflegt, zum Blitztempo beschleunigt.

Steht einem beim Anblick eines so verblüffenden Phänomens nicht

einfach, wie man zu sagen pflegt, der Verstand still? ...

Vielen Beobachtern scheint er in der Tat stillgestanden zu sein.

Ich habe Europäer kennen gelernt, Männer und Frauen von guter

Urteilskraft, die einen heiligen Eid auf die Verläßlichkeit der

wunderbaren Erscheinungen beim Mangotrick abzulegen bereit waren.

Manche behaupteten sogar steif und fest, daß der Zauberer die Schale

mit der Pflanze nicht verhüllt hätte, sondern daß die Entwicklung des

Mangokernes zum früchtespendenden Bäumchen in aller Öffentlichkeit und

in jeder Phase deutlich sichtbar vor sich gegangen wäre, man hätte das

Wachsen der Pflanze gewissermaßen von Zoll zu Zoll verfolgen können.

... Und wenn ich mir in solchen Fällen einige leise Zweifel, ein paar

schüchterne Einwendungen erlaubte — na, dann konnte ich etwas Schönes

zu hören bekommen. Die glimpflichsten Abfertigungen lauteten ungefähr:

sie, die Beobachter, hätten doch auch Augen im Kopf und ließen sich

nicht so leicht etwas vormachen; sie hätten eben das Wachsen des

Mangobaumes gesehen, das wäre nun einmal Tatsache, an der sich nicht

rütteln ließe. Und wenn man ein friedlicher Mensch ist, so zieht man

es unter solchen Umständen vor, das Thema fallen zu lassen und dem

Gespräch eine andere Wendung zu geben. Über religiöse und politische

Dinge soll man in Gesellschaft nicht sprechen, über okkultistische aber

anscheinend auch nicht, es gibt sonst zu leicht Verstimmungen.

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 14 / 19 段