„+Krokodile+ sind abscheuliche Reptile und sollten bei jeder sich

bietenden Gelegenheit geschossen werden,“ schreibt Harry Storey in

seinem Buche „Hunting and Shooting in Ceylon“, dem ausführlichsten

Werk über die Jagd in Ceylon. Woher kommt eigentlich dieser über die

ganze Welt verbreitete Haß gegen die Krokodile und Alligatoren? Man

hat sie zu allen Zeiten und in allen Ländern gefürchtet und gehaßt,

selbst dort, wo man sie, wie im alten Ägypten, als heilig verehrte —

diese Verehrung war ja auch nur ein Produkt der großen Angst, die man

vor den Panzereidechsen hatte. Heute, im Zeitalter unwiderstehlich

wirksamer Feuerwaffen, kommt uns die Furcht vor den Krokodilen etwas

übertrieben vor, denn sie sind zweifellos viel weniger gefährlich als

die Giftschlangen und die großen Raubtiere. Aber wir müssen bedenken,

daß diese Scheu noch aus jenen Zeiten stammt, wo der Mensch, nur mit

Spieß oder Pfeil und Bogen bewaffnet, wenn nicht gänzlich waffenlos,

dem gepanzerten und schwer verwundbaren Krokodil gegenüber eine

schwierige Stellung hatte. Auch die Heimtücke des Tieres, das, in

Teichen und Flüssen lauernd, die Wasserholenden oder Badenden gern

überfällt, hat ihm keineswegs zur Beliebtheit verholfen. Dazu kommt

noch seine Häßlichkeit, sein Stumpfsinn. Es scheint zwischen Mensch

und Krokodil nicht das geringste Bindeglied der Sympathie zu geben,

obwohl die Panzerechse in der Gefangenschaft ihren Pfleger kennen

lernt und bis zu einem gewissen Grade zähmbar ist. Auch alle anderen

Tiere scheinen das Krokodil zu fürchten und zu hassen, mit der

einzigen Ausnahme des „Krokodilwächters“, eines höchst merkwürdigen

Vogels aus der Familie der Regenpfeifer, der gern auf dem Rücken der

Nilkrokodile weilt, ihnen die Kerbtiere und Egel abliest und sogar die

an den Zähnen des Sauriers haftenden und ihm lästigen Speiseüberreste

herauspickt, zu welchem Zweck das Krokodil den Rachen weit aufsperrt.

Ein Freundschaftsverhältnis, von welchem beide Teile profitieren.

Wäre die Panzerechse zum Glück nicht so stumpfsinnig verschlafen und

auf dem Lande schwerfällig — im Wasser ist sie freilich sehr behend —

so würde sie zweifellos viel mehr Unheil anrichten, denn ihre Kraft

ist ebenso groß wie ihre Raubgier und Hinterlist, und manche Arten

sind auch ungemein angriffslustig. Es gibt in Ceylon zwei verschiedene

Krokodile, von denen das Leistenkrokodil, der nächste Verwandte des

Nilkrokodils, die stattliche Länge von mehr als acht Metern erreicht,

während das kleinere Sumpfkrokodil nur 3–4 Meter lang wird. Der

Süßwasserseendistrikt von Tissamaharama an der Südküste Ceylons ist

besonders reich an Leistenkrokodilen. Sie liegen mit Vorliebe unweit

des Seeufers im seichten Schlammwasser, so daß Nasenspitze und Augen

gerade noch über dem Wasserspiegel hervorragen. Ihre Hauptnahrung

sind Fische, die deshalb eine heillose Angst vor Krokodilen haben und

sich dennoch immer wieder von dem förmlich erstarrten, wie leblos

daliegenden, aber plötzlich zuschnappenden Ungetüm übertölpeln lassen.

Es ist sogar eine bekannte Tatsache, daß das Krokodil im Wasser den

Rachen häufig so lange wie eine Falle aufgesperrt hält, bis ein

Fisch ahnungslos zwischen die Kiefern gerät, und diese dann jählings

zuklappt, die Beute zermalmend. Sehr gern liegen die Krokodile auch

auf Sand- und Schlammbänken oder auf dem Ufer, mit dem Vorderleib auf

dem Trockenen, mit dem Schwanzende im Wasser. Aber da sie sich auf dem

Lande niemals ganz sicher fühlen, ziehen sie sich bei Annäherung eines

Menschen meistens sofort ganz ins Wasser zurück.

Krokodiljagd gilt nicht als nobler Sport, dazu ist das Tier zu

verachtet und unsympathisch. Der wahre Jäger schießt die Panzerechse

nur bei Gelegenheit so nebenbei, oder wenn er besonders darum ersucht

worden ist, einmal unter den großen Reptilen ein bißchen aufzuräumen.

Mit derartigen Bitten treten die Eingeborenen an den in wasserreichen

ländlichen Distrikten wohnenden Europäer immer dann heran, wenn es

einem Krokodil wieder einmal gelungen war, ein am Ufer spielendes Kind

oder eine unvorsichtige Frau beim Wasserschöpfen oder einen Fischer zu

packen und schwer zu verwunden, wenn nicht gar aufzufressen. Solche

Fälle kommen in Ceylon zwar nicht so häufig vor, wie auf dem indischen

Festland, wo das Krokodil in manchen Gegenden eine wahre Plage ist,

aber sie sind doch keineswegs selten, und schließlich gelangen auch nur

die wenigsten Fälle zur allgemeinen Kenntnis. Von meinen verschiedenen

Abenteuern mit Krokodilen greife ich hier als Beispiel nur eins heraus,

das eine derartige tragische Veranlassung hatte.

Ich befand mich damals mit meinem Shikari auf einer Jagdexpedition

in dem vorhin erwähnten Seedistrikt von Tissamaharama, nordöstlich

von der Küstenstadt Hambantota. Als wir in einem Dorfe kampierten,

das nahe bei einem der dortigen besonders krokodilreichen Seen lag,

erhob sich eines Morgens ein großes Lamento. Nachdem schon vor wenigen

Wochen ein Kind beim Wasserholen spurlos verschwunden war, hatten

sich jetzt die dreist auftretenden Ungeheuer, die in diesem See eine

ungewöhnliche Größe erreichten, zwei badende Singhalesen „zu Gemüte

geführt“ und die armen Leute, die wegen vorgerückten Alters schon etwas

gebrechlich waren, unter das Wasser gezogen und aufgefressen. Die

Trauerkunde versetzte das Dorf in größte Aufregung; wehklagend liefen

die Angehörigen der Getöteten hin und her, die Bewohner des Dorfes

standen in Gruppen herum und besprachen den Fall. Es dauerte nicht

lange, da erschienen in dem von mir bewohnten Hause der Ortsvorsteher

in Begleitung einiger Dorfältesten mit der Bitte, doch etwas gegen die

frechen Räuber zu unternehmen. Da ich durch einen glücklichen Zufall

gerade bei ihnen weilte, möchte ich doch ein gutes Werk tun, mit meinen

Shikaris einmal Jagd auf die Krokodile machen und eine möglichst große

Anzahl von ihnen töten, damit sie eine Weile Ruhe vor den Übergriffen

des Raubgesindels hätten.

Obwohl ich für Krokodiljagden nicht schwärme, glaubte ich den guten

Leuten meinen Beistand nicht versagen zu dürfen, überdies gedachte

ich bei der Gelegenheit auch ein paar besonders ansehnliche Exemplare

lebend zu fangen, um sie nach Europa zu schicken. Zur Freude der

Dorfbewohner sagte ich also zu. Ich überlegte nun, wie man den Tieren

am besten beikommen könnte. Aus früheren Erfahrungen war mir bekannt,

daß ein Angriff vom Ufer aus wenig Zweck hat, denn sobald die Tiere

die Jäger herankommen sehen und Gefahr wittern, ziehen sie sich unter

das Wasser zurück und sind dann schwer zu treffen. Man hat dann selten

Gelegenheit, einen guten Schuß anzubringen, der am wirksamsten ist,

wenn er zwischen den Vorderbeinen oder in die Augen oder dort, wo

Nacken und Schulter zusammenstoßen, zu sitzen kommt.

Wir mußten die Sache anders anfangen und die Bestien durch einen

Angriff vom See aus überraschen, um sie auf Land zu treiben und ihnen

dort den Rückzug zum Wasser zu verlegen. Das erforderte umständliche

Vorbereitungen, denn zu diesem Zweck mußten wir uns zunächst auf den

See hinaus begeben und uns von dort aus im Schutz der Dunkelheit in

einem Boot an die Uferstelle heranpirschen, an der die Krokodile zu

ruhen pflegten. Sie mußten, das war sehr wichtig, von dem See aus

jählings überrumpelt werden, damit sie sich genötigt sahen, auf Land zu

fliehen, wo sie dann ihr Schicksal erreichen sollte.

Ich ließ zwei Boote samt Netzen und Tauen besorgen, und noch in

der Nacht ruderten wir auf den See hinaus weitab vom Ufer. Als der

Morgen zu dämmern begann, ruderten wir ganz still, jedes unnötige

Geräusch vermeidend, zum Ufer zurück. Die Boote fuhren gleichmäßig

nebeneinander, aber mit einem Zwischenraum von etwa 15 Metern, und

zwischen den beiden Booten war ein Netz aufgespannt, welches das

Durchschlüpfen und Entkommen der Krokodile verhindern sollte. Kurz vor

dem Ufer beschleunigten wir unser Tempo, und als wir das Land erreicht

hatten, liefen wir, beide Partien, das straff gespannte Netz zwischen

uns haltend, so rasch wie möglich das Ufer hinauf. Unser Angriff hatte

vollkommenen Erfolg. Wir überraschten zwölf große Krokodile von 12–14

Fuß Länge. Die überrumpelten und erschreckten Tiere, die am Ufer

lagen, wollten schleunigst ins Wasser entfliehen, sahen hier aber den

Weg durch das aufgespannte Netz versperrt. Da beim Anblick der wütend

aufgesperrten Krokodilsrachen einigen meiner Singhalesen das Herz in

die (allerdings nicht vorhandene) Hose fiel, so daß sie das Netz fahren

ließen und sich „seitwärts in die Büsche“ schlugen, gelang es leider

mehreren Bestien, doch in das Wasser zu entkommen. Vier andere fielen

den Kugeln zum Opfer, die ich und meine Shikaris ihnen auf die Hornhaut

pfefferten, und die letzten vier verwickelten sich in das Netz.

Sie wurden nach heftigem Sträuben überwältigt und gefesselt, wobei

natürlich vor allen Dingen die gefährliche Schnauze zugebunden werden

mußte. Leider ging es dabei nicht ohne Unfall ab. Einer von den Leuten

erhielt von dem hin und her schlagenden Schwanz eines Krokodils einen

so wuchtigen Hieb auf den Unterarm, daß dieser brach. Die Kraft der

Krokodile ist außerordentlich groß. Oft genug ist es vorgekommen, daß

sie bemannte Boote mit einem Schwanzschlag zum Kentern brachten und

sich dann eine der ins Wasser gefallenen Personen zur Beute erwählten.

Man hat Zweikämpfe zwischen Krokodil und Büffel beobachtet, bei denen

das Reptil Sieger blieb, und es klingt keineswegs unwahrscheinlich,

daß sich das Krokodil bisweilen auch mit Erfolg an badende Elefanten

heranmacht. Wirklich ein Glück, daß diese starken, gefährlichen Bestien

im allgemeinen sehr temperamentlos sind und den größten Teil ihres

Lebens in unbeweglichem Stumpfsinn, einer Art Starrkrampf, verbringen.

Bekannt ist die erstaunliche Zählebigkeit der Krokodile. Ich habe es

wiederholt erlebt, daß solche Riesenechsen auch dann noch, wenn man

ihnen mit einem Dumdumgeschoß den halben Schädel gesprengt hatte,

ruhig davonschwammen, als wäre gar nichts geschehen. Zum Schluß noch

ein Beispiel dafür, was die Reptile in ihrer Gefräßigkeit alles

verschlucken. In einem Gewässer bei Hambantota bemerkte ich einmal

ein Krokodil von ganz ungewöhnlicher Größe und Dicke, das sich in

auffälliger Weise an der Oberfläche des Wassers aufhielt. Mit Hilfe

einiger Eingeborenen gelang es mir, das Tier mit einer Schlinge zu

fangen und an Land zu ziehen, und da es sich hierbei fast gar nicht

zur Wehr setzte, vermuteten wir, daß es krank sein müßte. In der

Tat verendete auch das Krokodil nach sechs Tagen. Wir schnitten

ihm den Bauch auf und fanden darin — einen eisernen Bootsanker!

Diesen kräftigen Bissen hatte aber sogar ein Krokodilsmagen nicht zu

bewältigen und zu verdauen vermocht.

[Illustration]

[Illustration]

Siebentes Kapitel

Von Fakiren, Zauberkünstlern und Gauklern

Der Fakir in Legende und Wirklichkeit — Selbstquälereien der Fakire —

Der dauernd emporgereckte Arm — Fanatiker, die sich unter die Räder

werfen — Wie sich ein Jogin lebendig begraben läßt — Indische Gaukler

— Der Korbtrick — Der Mangotrick — Selbsttäuschung der Zuschauer —

Der angebliche Trick des Abhiradan — Schlangenbeschwörer und ihre

Technik — Kampf zwischen Schlange und Mungo

Das Wort +Fakir+ ist arabischer Herkunft und bedeutet „Armer“ im

Sinne unseres Begriffes „Armer Sünder“, also einen Menschen, der die

Barmherzigkeit Gottes benötigt. In Europa versteht man unter Fakiren

hauptsächlich jene indischen Fanatiker, die bei Vernachlässigung ihres

Körpers diesen, um Gott wohlgefällig zu sein, schmerzhaften Peinigungen

unterziehen, daneben auch seltsame Wundertaten und Zauberkünste

verrichten. Der Inder gebraucht das Wort Fakir nicht, er hat für die

Büßer andere Namen, wie Jogin, Samnyasi, Gosain usw., aber da wir in

Deutschland nun einmal gewöhnt sind, solche Leute Fakire zu nennen, so

mag der Ausdruck auch in diesem Kapitel beibehalten werden.

Das Fakirtum ist aus der uralten Joga-Lehre, einem Bestandteil der

indischen Philosophie, hervorgegangen. Unter Joga versteht man das

Bestreben, durch beschauliche Versenkung des Geistes Wunderkräfte aller

Art und die Erlösung zu erringen. Acht übernatürliche Fähigkeiten

sollten dem Jogin, dem Jünger der Joga-Lehre, zuteil werden: er sollte

sich leicht oder schwer, klein oder groß machen können, alle Wünsche

würden ihm in Erfüllung gehen, er sollte vollkommene Herrschaft über

seinen Körper, sowie über den Naturlauf erreichen und schließlich

die Gabe besitzen, überallhin zu gelangen. Es wurde den Jogin also,

wie man sieht, nicht zu wenig verheißen. Um nun recht schnell in

den Geruch der Heiligkeit zu kommen und der in Aussicht gestellten

Gnaden teilhaftig zu werden, übertrieben die Jogin oder Fakire die

vorgeschriebene Entsagung in maßloser Weise. Von einer wirklich

+geistigen+ Vertiefung konnte bei vielen von ihnen bald gar keine Rede

mehr sein, ihr Verhalten zielte nur auf krasse äußerliche Wirkungen

hin, die uns wie Karikaturen der Frömmigkeit anmuten. Mit struppigem

Haar, das oft in langen, verfilzten Strähnen bis zum Boden herabhängt,

völlig verwahrlost und nackt, oder nur mit einer Andeutung von Schurz

bekleidet, den Körper ganz mit Asche beschmiert, die tiefliegenden

Augen funkelnd vor Fanatismus, so zogen und ziehen diese gewerbsmäßigen

Büßer als wahre Landplage durch Indien und unterziehen sich

widerwärtigen, absolut zwecklosen und stumpfsinnigen Selbstkasteiungen.

Da setzen die einen sich unbedeckten Hauptes beständig dem glühenden

Sonnenbrand aus, andere bereiten sich ein Lager aus Scherben oder

spitzen Nägeln, andere wieder lassen sich überhaupt nicht nieder,

sondern stehen Tag und Nacht wie unbewegliche Säulen. Dieser rauft

sich zur höheren Ehre Gottes Kopf- und Barthaare aus, jener magert,

indem er sich auf ein Minimum von Nahrung beschränkt, zum lebendigen

Skelett herab, ein dritter läßt sich an Haken, die man ihm ins Fleisch

bohrt, in die Luft emporziehen. So wird die Frömmigkeit zur Fratze,

zur abscheulichsten Verirrung, so erniedrigt und entwürdigt sich die

menschliche Natur in dieser Sorte Fakire aufs tiefste. In Wahrheit

sind die sogenannten Fakire zum größten Teil unsagbar schmutziges,

arbeitsscheues Gesindel, das sich unter der Maske der Heiligkeit von

der abergläubischen, dumpfen Masse füttern und bewundern läßt. Neben

diesen Bettelfakiren gibt es nun auch würdigere Vertreter der Lehre des

Büßertums und der Entsagung. Viele haben eine höhere philosophische

Schulung hinter sich und ziehen als religiöse Lehrer und Berater umher.

Neben den berufsmäßigen, von klein auf dazu erzogenen Fakiren findet

man auch zahlreiche, wenn man sie so nennen darf, Amateur-Fakire. Es

kommt nämlich gar nicht selten vor, daß ein wohlhabender Inder in

vorgerückten Jahren plötzlich seine Besitztümer verteilt und sich,

von allem entblößt, als Büßer von der Welt zurückzieht, für den Rest

des Lebens nur der Betrachtung seines Nabels gewidmet. Andere Fakire

wiederum, die Aristokraten ihrer Zunft, verschmähen die niedrigen

Gaukeleien der umherziehenden Kollegen und geben, natürlich nicht

umsonst, nur Wunderkünste höheren Grades zum besten.

Es ist wahrhaftig nicht leicht, ganz unbefangen und vorurteilsfrei an

die Betrachtung des indischen Fakirtums heranzutreten. Was ist nicht

schon alles darüber geschrieben und gefabelt worden! Hauptsächlich

von Leuten, die Indien und die Fakire nicht aus eigener Anschauung

kannten, sondern mehr oder minder gutgläubig alte Legenden übernahmen

und immer von neuem längst widerlegte Märchen vorsetzten. Übertrieben

diese nach der einen Seite, indem sie aus unzuverlässigen Quellen

schöpften und dem Stoff nicht kritisch genug gegenüberstanden, so

schossen andere wiederum ebenso fehl, indem sie mit allzu großer

Skepsis alles Wunderbare und Unerklärliche der indischen Mystik einfach

bestritten und die oft erstaunlichen Vorführungen der besseren Fakire

durchweg als Humbug abtun wollten. Das eine ist so falsch, wie das

andere. Wer lange in Indien gelebt hat, hat zuviel Seltsames erfahren,

als daß er lediglich den platten Rationalismus gelten lassen kann,

auch wenn er sonst wenig Neigung zum Wunderglauben hat. Man muß eben

Unterscheidungen machen können. Es gibt Fakire, und das sind freilich

die meisten, deren Vorführungen weiter nichts als mehr oder minder

geschickte Gaukeleien sind, die jeder europäische Varieté-Zauberer

ebenso gut oder besser produziert, und es gibt Fakire, für deren höchst

überraschende Tricks man trotz allen Deutungsversuchen doch noch immer

keine völlig befriedigende Erklärung hat.

Ohne mich in den Streit der Meinungen mischen oder mir gar ein

entscheidendes Urteil anmaßen zu wollen, möchte ich im Nachstehenden

einige meiner persönlichen Beobachtungen und Erlebnisse mitteilen,

wobei ich es selbstverständlich ganz dem Leser überlasse, sich seine

Ansicht darüber zu bilden. Ich gehe dabei vielleicht ein bißchen

systemlos zu Werke, indem ich die Fälle bunt durcheinander in der

Reihenfolge wiedergebe, wie sie mir gerade ins Gedächtnis kommen, aber

auf Pedanterie erhebt dieses Buch ja ohnehin keinen Anspruch.

Zunächst ein paar Beispiele für die kaum glaublichen +Selbstquälereien

der Fakire+, auf die ich vorhin schon angespielt habe. Sehr häufig

habe ich Asketen auf Brettern sitzen sehen, die förmlich gespickt

mit Nägeln waren, so daß sie wie Hecheln aussahen. Mit Gesäß und

Fußsohlen, beides ungeschützt, auf den Nägeln hockend, verharren sie

viele Stunden lang in dieser Stellung, manche erteilen dabei den

Gläubigen auf Wunsch und gegen Bezahlung auch Ratschläge in schwierigen

Angelegenheiten. Es läßt sich denken, von welcher Qualität die

Ratschläge dieser unwissenden Bettelfakire sind, wahrscheinlich sind im

Vergleich dazu die Prophezeiungen unserer Zigeunerweiber Worte tiefster

Weisheit. Diese Leute richten viel Unheil an, indem sie dem betörten

Volk häufig geradezu verbrecherische Winke geben, zum Beispiel bei

Familienkonflikten die meuchlerische Beseitigung lästiger Verwandten

nahelegen. Rätselhaft war mir immer, wie die Fakire auf den (allerdings

abgestumpften) Nägeln sitzen können, ohne daß diese sich in die Haut

einbohren. Ich kann es mir nur dadurch erklären, daß die Haut der

betreffenden Körperstellen durch jahrelange Gewöhnung lederartig dick

und gefühllos geworden ist. Es gibt aber auch Fakire, die sich auf

einem mit Nägeln gespickten Brett buchstäblich +umherrollen+, so daß

die Nagelspitzen überall in die Haut eindringen und heftige Blutungen

hervorrufen. Ein scheußlicher Anblick! Doch das Geschäft scheint sich

zu lohnen, denn je toller der Fakir es treibt und je stärker es blutet,

desto reichlicher fließen die Spenden der ihn bewundernden Gläubigen in

den Almosennapf, der zu den wichtigsten Requisiten des Büßers gehört.

Noch verblüffender war der Anblick eines Asketen, der +seinen Kopf

in die Erde eingegraben+ hatte. Der Fakir gräbt zu diesem Zweck

zunächst ein hinlänglich tiefes Loch in den Erdboden, bedeckt den

Kopf mit einem Tuch, steckt dann den Kopf in das Loch und streckt die

mit einem Stab gestützten Beine in die Luft. Die Erde wird rings um

das Loch aufgehäuft und fest angedrückt, so daß Kopf und Hals bis zu

den Schultern vollkommen in der Erde stecken. In dieser verrückten

Stellung können die Leute eine Stunde und länger verharren. Auf welche

Weise sie dabei atmen, ist unbegreiflich. Der naheliegende Verdacht,

daß sie ein Bambusröhrchen oder ein ähnliches Hilfsmittel in das Loch

hineinschmuggeln und dem Munde Luft zuführen, findet bei näherer

Untersuchung keine Bestätigung.

Zahlreich sind die Fakire, die sich spitze Nadeln, Messer und

dergleichen in die Wangen, die Hände, die Zunge stoßen, ohne daß Blut

fließt und sie Zeichen des Schmerzes von sich geben. Solche Kunststücke

sind ja auch schon auf unseren Varietébühnen gezeigt worden und können

nur den Neuling verblüffen. Der Gaukler stößt sich nämlich das Messer

immer wieder in dieselbe längst vernarbte, blutleer und empfindungslos

gewordene Wundstelle, so daß die Sache weit gefährlicher aussieht, als

sie in Wirklichkeit ist.

[Illustration: Fakir mit eingegrabenem Kopf

(Text Seite 160)]

[Illustration: Indische Gaukler: Vorbereitungen zum Korbtrick

(Text Seite 171)]

[Illustration: Uralte Baudenkmäler in Anuradhapura

(Text Seite 85)]

Zu den abenteuerlichsten „Glanzleistungen“ der Büßer gehört +das

ununterbrochene Emporrecken eines oder mehrerer Glieder+, hauptsächlich

der Arme. Da kommt so ein Gosain des Weges daher, in üblicher Weise

mit Asche beschmiert, Kopf und Barthaar hängt in zerzausten Strähnen

herab, der Blick ist unheimlich starr ins Leere gerichtet. Aber was

ist das? Wer es zum erstenmal sieht, glaubt seinen Augen nicht trauen

zu dürfen. Ein Arm des Mannes ragt kerzengerade empor, als wäre er

an einer unsichtbaren Schiene befestigt. Selbstverständlich wäre es

nun auch bei größter Willensstärke unmöglich, einen lebendigen Arm

ununterbrochen so in die Höhe zu recken. Wir treten näher, und in

Erwartung einer besonders reichen Spende verwehrt uns der Fakir die

Lösung des Rätsels nicht. Der emporgereckte Arm ist nämlich längst

kein lebendiges, von Blut durchströmtes, warmes Körperglied mehr,

sondern ein abgestorbenes, starres, völlig ausgetrocknetes, armseliges

Anhängsel mit zusammengeschrumpfter Haut, wie ein Mumienarm. Und noch

Scheußlicheres sehen wir jetzt. Die Fingernägel der zusammengekrallten

Hand hatten sich, als sie noch aus lebendigem Gewebe bestanden, nicht

bloß in die Handfläche hineingebohrt, sondern sind durch sie hindurch

gewachsen, so daß die gekrümmten, schmutzigen Krallen auf der anderen

Seite der Hand zum Vorschein kommen!

Angewidert wenden wir uns von dem verunstalteten Gliede ab und werfen

dem jämmerlichen „Heiligen“ ein paar Münzen in den Napf, die als

selbstverständlicher Tribut ohne Dank eingesteckt werden. Wie hat er es

nun eigentlich zustande gebracht, diese Mißbildung zu erzielen? Das war

eine schwierige und schmerzhafte Prozedur. Sie begann vor langen Jahren

damit, daß sich der Büßer an einem Stuhl anbinden ließ. Der Arm wurde

dann in die Höhe gezogen, ganz straff gespannt und an einem Querbalken

derartig befestigt, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Durch

Unterbinden der Adern wurde dann der Blutumlauf allmählich gehemmt

und schließlich ganz abgeschnürt. Monatelang verharrt der Narr, für

dessen körperliche Bedürfnisse inzwischen sein Pfleger sorgt, in dieser

qualvollen Stellung, denn das langsame Absterben des mißhandelten

Gliedes hat Schmerzen zur Folge, die der „Heilige“ aber, den das Volk

während der Prozedur zum Gegenstand höchster Verehrung macht, mit

fanatischer Selbstbeherrschung lautlos erträgt. Endlich, nach vielen

Monaten, ist alles Blut aus dem Arm gewichen, die Muskeln, die keine

Arbeit mehr zu leisten haben, erschlaffen, die Sehnen der Gelenke

versteifen sich — der Arm wird leblos und starr, so daß er schließlich,

auch nach Loslösung von dem Querbalken, in der emporgereckten

Stellung verharrt. Der Fakir ist glücklich, er hat, wie er wähnt, ein

gottgefälliges Opfer gebracht.

Es gibt aber auch Fanatiker, die sich nicht mit einem Arm begnügen,

sondern alle beide absterben lassen. In ihrer Hilflosigkeit, mit zwei

dauernd emporgereckten Mumienarmen, müssen sie dann für den Rest ihres

Lebens gefüttert und gepflegt werden. Andere Fakire glauben auch

solche Rekordleistungen noch übertreffen zu müssen. Sie sind ungemein

erfinderisch im Austüfteln neuer sensationeller Selbstquälereien.

Ich habe Büßer gesehen, die sich mit den Beinen an einer Schlinge

an einem Baumast aufhingen und so wie ein abgestochenes Kalb, +den

Kopf nach unten+, von früh bis abend den bewundernden Blicken der

Gläubigen darboten. Unvergeßlich bleibt mir auch jener Asket, der das

Gelübde getan hat, +sich niemals zu setzen+. Da nun aber selbst der

willenskräftigste Mensch vor Müdigkeit schließlich umsinken würde,

stützte er sich mit Armen und Oberkörper auf ein kleines, an einem

Pfahl befestigtes Schwebebrett.

Manchen Fakiren scheinen Kasteiungen dieser und ähnlicher Art noch

lange nicht ein völlig genügender Beweis ihrer Bußfertigkeit zu sein.

Sie wollen sich durchaus die Glieder zermalmen lassen, wollen zu

Krüppeln werden oder, wenn es sein muß, verbluten. Ehe die englische

Regierung dagegen eingeschritten ist, haben sich in Puri und Serampore,

den indischen Hauptorten für die Anbetung des Gottes Dschagannath,

bei den Tempelfesten jährlich Dutzende von Fanatikern unter die Räder

der Festwagen geworfen und +von ihnen zermalmen lassen+. Es gibt

anscheinend keine Tollheit, deren diese verworrenen Geister im Zustand

ekstatischer Aufgeregtheit nicht fähig wären. Und da der Inder, sonst

so fügsam und leicht zu lenken, in diesem Zustand unkontrollierbar

wird und sich auch zu Ausschreitungen nationaler Art aufgelegt fühlt,

hat die englische Regierung den krassesten Auswüchsen des religiösen

Fanatismus ein Ende bereitet.

In +Ceylon+ spielt das Fakirtum bei weitem nicht die große Rolle wie

auf dem indischen Festland. Der Singhalese hat bei seinem höheren

Grad von Gesittung und Bildung keinen Hang zum religiösen Fanatismus

und auch der Tamule hält sich im allgemeinen davon fern. Die früher

üblichen „+Schwingfeste+“ mit ihren bluttriefenden Vorführungen sind

in Ceylon sehr selten geworden. Bei diesen ländlichen Festen ließen

sich fanatische Verehrer der Dorfgottheiten eiserne Haken durch die

Rückenhaut ziehen, und an den Haken in der Luft schwebend, wurden sie

längere Zeit im Kreis herumgewirbelt. Heute bekommt man, wie gesagt,

diese und ähnliche Schauspiele nur noch selten zu sehen.

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 13 / 19 段