paar Eingeborene um uns versammelt. Sie griffen nun mit vereinten
Kräften zu und schleppten die Schildkröte im Triumph zur Straße
hinauf. Da ich das schwere Tier auf meinem leichten Ponywagen
nicht unterbringen konnte, wurde der Kutscher ausgeschickt, um den
landesüblichen Lastwagen, eine Ochsenkarre, zu besorgen. Es war ihm
jedoch nicht möglich, zu dieser nachtschlafenden Zeit ein solches
Gefährt aufzutreiben, und um wenigstens nicht ganz mit leeren Händen
wiederzukehren, brachte er einen Rikschakuli mit seiner Rikscha mit.
„Anfangs wollt ich fast verzagen,“ aber ein tüchtiger Rikschakuli
bringt für ein gutes Trinkgeld alles Mögliche, manchmal sogar das
Unmögliche fertig, und wir verstauten die Schildkröte glücklich auf
seinem Wägelchen, obwohl sich dieses unter der Last des Kolosses bog.
Von dem „Hipphipp Hurra!“ der Eingeborenen begleitet, keuchte der Kuli
mit seinem sonderbaren Fahrgast nach meinem Bungalow davon.
Der Kapitän und ich wollten uns nach diesem improvisierten
Jagdabenteuer noch etwas Bewegung machen. Wir gingen also ein Stück zu
Fuß und bestiegen dann wieder den Ponywagen, um auf Umwegen langsam
nach Hause zu fahren. Als wir an der Polizeiwache vorbei kamen, die
sich in der Nähe meines Bungalows befand, sahen wir unseren Kuli
händeringend am Wege stehen und hörten ihn jammern: „Master, Master!“
Auf unsere erstaunte Frage, wo seine Rikscha und die Schildkröte wären,
zeigte er auf die Polizeiwache. „Dort drinnen.“
Ich ging hinein und hörte von dem wachhabenden Sergeanten, daß man
Rikscha und Schildkröte festgehalten hätte. Denn erstens besäßen die
Kulis nur eine Lizenz für zweibeinige Fahrgäste und zweitens hatte
man ihn im Verdacht, die Schildkröte gestohlen zu haben. Es fiel mir
nicht schwer, die arretierte Schildkröte samt Rikscha und Kuli wieder
freizubekommen, und wir begaben uns nun alle nach Hause, wo die Ankunft
des ungewöhnlichen späten Gastes auf die Dienerschaft alarmierend
wirkte. Das Tier wurde einstweilen in das zementierte Bassin gesteckt,
in dem sich am Tage die Enten zu belustigen pflegten. So steckte es
doch wieder im Wasser, obwohl ihm, als an Salzwasser gewöhnt, das
Süßwasser wenig zu munden schien, denn es legte den Kopf auf den Rand,
wieder zum großen Gaudium der Hunde, die sich über das ihnen noch
unbekannte Wundervieh gar nicht beruhigen konnten.
Das alles hatte uns heiß und wieder durstig gemacht, so daß wir
den heldenmütigen Entschluß faßten, vor dem Schlafengehen schnell
noch einen zu trinken. „Whisky-Soda,“ sagte ich zu dem Boy.
„Nein, um Gotteswillen keinen Whisky!“ rief der Kapitän. „Ich bin
Antialkoholiker. Erstens trinke ich überhaupt keinen Whisky und
zweitens habe ich heute schon zuviel von dem Zeug zu mir genommen.
Wissen Sie, was wir uns brauen wollen? Hamburger Eierbier! Ein paar
Flaschen Bier finden sich wohl noch im Keller und hier im Hut haben wir
die schönsten Eier.“
Hamburger Eierbier aus Schildkröteneiern! Eine richtige Kateridee.
Aber warum schließlich nicht? Wenn man die Augen zumacht und möglichst
wenig daran denkt, schmecken Schildkröteneier beinahe wie das Gelbe
von Hühnereiern. Jedenfalls konnte man ja einmal die Sache probieren.
Ich ließ also ein paar Flaschen deutsches Exportbier nebst den nötigen
Zutaten kommen und wir brauten nach den Regeln der Kunst ein Hamburger
Schildkröteneierbier, das uns, um die Wahrheit zu sagen, gar nicht
übel mundete und dem wir solange zusprachen, bis der nötige Grad von
Bettschwere erreicht war.
Dieses Schildkrötenabenteuer in der Tropennacht hatte noch ein kleines
Nachspiel. Kapitän B. bat mich nämlich, ihm das Tier als Jagdtrophäe zu
überlassen, und ich schickte es ihm deshalb an Bord. Ein paar Wochen
später erhielt ich von B. aus Batavia, seinem nächsten Anlaufhafen,
eine Postkarte des Inhalts: „Der Schlag soll alle Schildkröten treffen!
Das Vieh war ja nicht zu genießen. Und wir hatten uns schon so sehr auf
~Real Turtle Soup~ gefreut!“
Allerdings! Das Fleisch der Karettschildkröte ist in der Tat
ungenießbar. Aber wo steht es denn geschrieben, daß man alle
Jagdtrophäen +aufessen+ muß? Überdies verblieb dem guten B. das
wertvolle Schildpatt, aus dem er sich zahllose Kämme machen lassen
konnte, gut zu brauchen in diesen lau...nigen Zeiten.
* * * * *
Auch an +Schlangen+ ist in Ceylon kein Mangel, weder an harmlosen
noch an minder harmlosen. Ein ungefährlicher Hausgenosse ist die
zwei Meter lange Rattenschlange (~Zamenis mucosa~), die nachts
auf Höfen und Dächern fleißig die Ratten jagt und der man deshalb
gern Gastfreundschaft gewährt. Ebenso harmlos ist die sehr hübsch
gezeichnete, hellgrüne ~Dryophis mycterisans~, mit leuchtend
goldenen Augen, die in Gebüschen lebt. Hier lauert sie, um einen
Ast geschlungen, in unbeweglich starrer Ruhe auf kleine Lebewesen,
besonders Eidechsen. Nähert sich auf dem Boden ahnungslos ein
Beuteobjekt, so schiebt sich der in Spiralen gewundene Schlangenkörper
unhörbar leise hinab, um plötzlich mit raschem Zuschnappen der
weitgeöffneten Kiefern das Opfer zu packen und zu verschlingen. Auch
die meisten Wasserschlangen, wie die im See von Kandy schwimmenden
Flußschlangen (~Tropidonotus picator~), sind dem Menschen ungefährlich.
Unter den Steinen findet man häufig eine braune, schwarzpunktierte
Schlange, ~Aspidura Arachyprocta~. Den stärksten furchterregenden
Eindruck aber machen auf den Neuling die +Riesenschlangen+, in Ceylon
mit der Tigerschlange (~Python molurus~) vertreten, die eine Länge
von mehreren Metern bei beträchtlicher Dicke erreichen. Und dennoch
werden gerade die Riesenschlangen, die ebenso wie die vorher genannten
Schlangen giftlos sind, dem Menschen kaum gefährlich, sie gehen ihm
gern aus dem Wege. Mit trägen, langsam vorwärts gleitenden Bewegungen
hält sich der Python im dichten Dschungel auf und ist, zufällig
entdeckt, offenbar zufrieden, wenn man ihn ruhig weiter „dösen“ läßt.
Nun zu den minder harmlosen Reptilien, den Giftschlangen. Das
gefährlichste Kriechtier ist die +Tik Palonga+ (~Vipera russeli~),
eine sehr große Viper mit dreieckigem Kopf, die mit Ausnahme der
hochgelegenen Gebirgsgegenden überall häufig vorkommt und sich auch
oft genug in den Häusern versteckt. Besonders gern sucht die Palonga,
wie auch die anderen Giftschlangen, in Termitenhaufen Unterschlupf,
weshalb beim Öffnen solcher Bauten immer Vorsicht am Platze ist. Im
allgemeinen gehen ja die Giftschlangen dem Menschen gern aus dem Wege,
aber bei einer unbeabsichtigten Berührung, hauptsächlich des Nachts im
Dunkeln, auch schon beim plötzlichen Erschrecken werden sie doch sehr
aggressiv, zumal die nervöse, blitzschnell zubeißende Tik Palonga. Der
Europäer ist dabei dank seinem Schuhzeug weniger gefährdet als der
häufig barfüßige Eingeborene, und deshalb hat dieser vor der Palonga,
die alljährlich eine erhebliche Anzahl an Menschenopfern heischt,
heillosen Respekt. Ihr Biß wirkt tödlich, wenn nicht sofort geeignete
Gegenmittel in Anwendung kommen. Die gebissene Körperstelle schwillt
unter starken Schmerzen rasch an, Schwindel, Atemnot und blutiger
Auswurf treten auf, dann Lähmung und Krämpfe, bis schließlich in
tiefer Bewußtlosigkeit der Tod erfolgt. Es kommt bei der Behandlung
vor allem darauf an, durch rasch entschlossenes Zugreifen den Eintritt
des Giftstoffes in den Blutstrom zu verhindern. Zu diesem Zweck wird
das gebissene Glied oberhalb der Wunde fest umschnürt, man erweitert
die Wunde, brennt sie auch mit glühendem Eisen aus oder ätzt sie mit
Salpetersäure, Ammoniak oder übermangansaurem Kali. Von bester Wirkung
sind ferner starke Gaben von Alkohol aller Art.
Sehr häufig ist in Ceylon auch die +Brillenschlange+ oder Kobra (~Naja
tripudians~). Sie wird bis zwei Meter lang und lebt in verlassenen
Termitenbauten, im alten Gemäuer und in Abzugsgräben in der Nähe
menschlicher Wohnungen, schwimmt und klettert gut und ist hauptsächlich
in der Abenddämmerung tätig. Ihre Nahrung besteht aus Mäusen, Ratten,
Kriechtieren, Eiern. Die Brillenschlange hat ihren Namen von der
brillenähnlichen Zeichnung auf der Rückseite des Halses. Diesen vermag
sie scheibenförmig so stark aufzublähen, daß er den Kopf bei weitem
an Größe übertrifft. Im Oberkiefer hat sie zwei starke, gefurchte
Giftzähne. Nicht so nervös und angriffslustig wie die Tik Palonga,
nimmt die Brillenschlange im Zustand der Gereiztheit zunächst mit
erhobenem Körper und aufgeblähtem Hals eine Abwehrstellung ein, ehe
sie zubeißt. Trotz ihrer Gefährlichkeit wird die Kobra vom Inder nicht
getötet, sie gilt ihm als ein heiliges Tier und er glaubt, daß eine
erschlagene Brillenschlange als Gespenst den Täter verfolgt. Von den
Schlangenbeschwörern wird die Kobra gezähmt und abgerichtet — aber
hiervon soll später im Kapitel der Gaukler und sonderbaren Heiligen die
Rede sein.
Der Kuriosität halber sei noch erwähnt, daß es im Meer an der Küste
Ceylons, wie überhaupt in allen Meeren zwischen Ceylon und Japan, zwei
sehr giftige +Seeschlangen+ gibt, die über zwei Meter lang sind, oft in
sehr großen Gesellschaften auftreten und pfeilschnell schwimmen. Sie
sind von wütender Angriffslust und höchst gefährlich.
Wenn jemand, wie der Erzähler, ein Menschenalter in den Tropen
verbracht hat, so hat er natürlich manche nicht immer angenehme
Begegnung mit Schlangen gehabt. Ich greife aus der Fülle meiner
Erfahrungen ein paar Fälle heraus.
Als ich eines Abends beim Essen saß, wurde ich durch das beständige
Bellen meiner Hunde gestört. Ich schickte den Boy ins Schlafzimmer, um
zu sehen, was es dort gäbe, aber er kam mit der Meldung zurück, daß
sich die Hunde nicht aus dem Zimmer vertreiben ließen. Nun begab ich
mich selber dorthin. Ich vermutete, daß sich, wie schon früher einmal,
eine Wildkatze eingeschlichen hätte. Die Hunde umstanden mein mit einem
Moskitonetz verhülltes Bett und waren nicht zu beruhigen. Sollten sie
vielleicht Ratten wittern? Ich ließ das Moskitonetz von den Dienern
hoch heben, und als ich das Kopfkissen wegnehmen wollte, prallten wir
alle entsetzt zurück, denn unter dem Kissen schoß eine Brillenschlange
von ansehnlicher Größe hervor und nahm mit aufgerichtetem Körper und
aufgeblähtem Hals die übliche Angriffsstellung ein. Große Helden sind
die Eingeborenen überhaupt nicht, am wenigsten aber einer Giftschlange
gegenüber, vor der sie außer der sehr begreiflichen Angst, gebissen zu
werden, auch eine tiefeingewurzelte abergläubische Scheu haben. Meine
Diener kniffen also regelrecht aus und kehrten erst auf energischen
Befehl wieder zurück, um die Hunde zu entfernen, die mit wütendem
Gekläff wie toll herumsprangen und mich in meinen Bewegungen hinderten.
Als es dann Ruhe gab, ergriff ich einen schweren Stock und tötete die
Brillenschlange durch ein paar wohlgezielte Hiebe auf den Kopf. In
demselben Schlafzimmer ereignete sich ein anderer Fall. Es befand sich
dort ein großer geschnitzter Ankleidespiegel mit Schubladenfächern
darunter. Als ich eines Tages nach der Rückkehr aus dem Kontor vor den
Spiegel trat, um mich zu kämmen, sah ich am Spiegel eine Tik Palonga
in die Höhe klettern. Es gelang mir, die bösartige Giftschlange rasch
unschädlich zu machen; als ich nun aber eine Schublade unter dem
Spiegel hervorzog, sprang mir daraus eine zweite Palonga entgegen, und
es fehlte nicht viel, so hätte sie mich in die Hand gebissen. Auch
diese Schlange entging ihrem Schicksal nicht und wurde getötet.
[Illustration: Gruppe von Leistenkrokodilen in einem ceylonischen
Gewässer
(Text Seite 150)]
[Illustration: 280 Jahre alte, von den Seychellen durch die Holländer
nach Ceylon importierte Landschildkröte]
[Illustration: Erlegte Riesenschlange, die ein Stück Kleinvieh
verschlungen hatte]
Es ist überhaupt ganz sonderbar, mit welcher Ungeniertheit sich
manche Schlangen in den Wohnungen einquartieren, obwohl sie doch
sonst den Menschen gern aus dem Wege gehen. Sie suchen sich dabei
die merkwürdigsten Verstecke aus. Dafür ist die folgende kleine
Geschichte bezeichnend. In unserem Hause fand einmal eine größere
Abendgesellschaft statt, und nach dem Essen waren wir im Salon
versammelt, um uns musikalischen Genüssen hinzugeben. Einer der besten
Klavierspieler unserer Kolonie saß am Flügel, aber sein sonst so
vollendet schöner Anschlag schien diesmal matt und farblos zu sein. Wir
konnten uns das gar nicht recht erklären, denn das Klavier war erst
vor ganz kurzem gestimmt worden und hatte noch vor ein paar Tagen den
denkbar besten Ton gehabt. Einige Gäste äußerten die Vermutung, daß die
feuchte Luft — es war gerade ein langer starker Regen niedergegangen —
wohl ungünstig auf das Holz und die Saiten eingewirkt hätte. Mir ging
etwas anderes durch den Sinn, denn unser Foxterrier, ein scharfes Tier,
war auffallend unruhig. Sollte sich vielleicht eine Ratte ins Innere
des Instruments verirrt haben? Wir schlugen den Deckel auf und beugten
die Köpfe, um bis in die hintersten Winkel des Flügels zu blicken —
da prallten wir entsetzt zurück, denn eine große Kobra, die dort ganz
zusammengerollt gelegen hatte, reckte sich, unwillig über die Störung,
mit aufgeblähtem Halse auf und schien nicht übel Lust zu haben, sich
auf uns zu stürzen. In demselben Augenblick sprang aber auch schon
der Foxterrier auf den Flügel, und ehe wir ihn daran hindern konnten,
hatte er sich unter wütendem Gekläff in die Schlange verbissen. Es war
ein ungemein kouragiertes Tier, das sich weder vor Tod noch Teufel
fürchtete. Hund und Schlange waren in dem Flügel zu einem wüsten Knäuel
verstrickt, aber schon nach wenigen Sekunden gelang es dem Foxterrier,
die Kobra durch Genickbiß zu erledigen. Soweit war alles gut — leider
folgte das böse Ende gleich nach. Denn es stellte sich bald heraus, daß
auch unser braver Foxterrier Bißwunden abbekommen hatte, die absolut
tödlich waren. Die Vergiftungserscheinungen zeigten sich rasch und
20–25 Minuten später tat der gute Hund zu unserem großen Schmerz in
tiefster Bewußtlosigkeit den letzten Atemzug.
Nervöse Kolonisten, die sich den Reptilien gegenüber noch nicht die
nötige Ruhe angeeignet haben, denken oft: „Schlange ist Schlange“ und
gehen deshalb im Übereifer auch den harmlosen und sogar nützlichen
Schlangen zu Leibe. Ich hatte in meinem Haus eine Zeitlang eine große
Pythonschlange von 16 Fuß Länge. Wie schon vorhin erwähnt, besitzen die
Riesenschlangen keine Giftzähne und sind für den Menschen ungefährlich.
Mein Python war ein braves Tier, wir hatten ihn ordentlich lieb. Er
kroch auf dem Hofe frei umher, entfernte sich nie aus dem Besitztum
und nährte sich redlich von Ratten und dem anderen unerwünschten
Kleinviehzeug, das sich mit Vorliebe nachts auf dem Dache breit macht.
Eines Tages lag die Pythonschlange auf dem Dach, um sich zu sonnen.
Ein Nachbar, der unglücklicherweise nicht wußte, daß die Schlange ein
zahmes Haustier war, bemerkte sie dort und glaubte eine große Heldentat
damit zu begehen, daß er das arme Tier mit Schrotschüssen förmlich
durchlöcherte und verenden ließ. Wir alle im Haus waren über den
Verlust der Schlange aufrichtig betrübt, denn man kann sich auch an ein
derartiges Tier gewöhnen.
Durch einen meiner Reisenden erhielt ich einmal eine große
Riesenschlange aus Sumatra, ein Tier von 30 Fuß Länge und kolossalem
Körperumfang. Sie sah so üppig genährt aus, als ob sie sich, in
Ahnung ihres Geschicks, kurz vor dem Fang durch überreiches Fressen
für alle Reisestrapazen gehörig vorbereitet hätte. Die Schlangen
können ja ungeheure Portionen auf einem Sitz vertilgen, sie können
aber auch monatelang hungern, ohne einen Bissen Nahrung anzunehmen;
sie verharren dann oft so eigensinnig in ihrem Hungerstreik, daß man
sie mit Gewalt füttern muß, um sie am Leben zu erhalten. Was unsere
frisch eingetroffene Riesenschlange betraf, so stellte sich bald
heraus, daß sie ihre Korpulenz doch nicht der Gefräßigkeit allein
zu verdanken hatte. Mein Shikari Fernando überraschte mich nämlich
eines Tages mit der Meldung, daß die Schlange eine ungeheure Menge
Eier gelegt hätte. Der ganze Behälter war mit Eiern gefüllt und das
nun erheblich abgemagerte Reptil hatte sich, um die Eier nicht zu
zerdrücken, behutsam im Kreise darumgelegt. Die Schlange verteidigte
ihre Eier, wie eine Henne ihre Küken, und zischte uns wütend an, wenn
wir eins nur berühren wollten. Wir ließen sie also in Ruhe. Und siehe
da, nach Verlauf eines Monats machten wir die angenehme Entdeckung,
daß wir nicht bloß eine Riesenschlange, sondern außerdem noch etwa
hundert Schlangenbabys besaßen. Es war ein sehr drolliger Anblick,
wie die jungen Schlangen aus den Eiern hervorlugten, um sich bei der
Annäherung eines Menschen, den sie instinktiv fürchteten, sofort wieder
ins Ei zurückzuziehen. Ein paar Tage später bot die Eihülle ihrem rasch
wachsenden Körper nicht mehr Bewegungsfreiheit genug und sie verließen
den zu eng gewordenen Wohnraum. Ich trennte dann mit meinem Shikari die
junge Brut von der Mutter und brachte sie in einem großen Glaskäfig
unter. Sie entwickelten sich überraschend schnell und waren schon
nach zwölf Tagen imstande, die ihnen gereichten kleinen Reisvögel zu
verschlingen. Ich sandte sie später nebst der Riesenmutter an meinen
Bruder Carl Hagenbeck nach Hamburg, wo die umfangreiche Familie großes
Aufsehen erregte.
Bald darauf erhielt ich aus Sumatra wiederum einen neuen
Riesenschlangentransport. Es waren vier Tiere und die kolossalsten
Reptile, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe, denn sie wogen
zusammen 500 Kilogramm. Auch nach Aussage der Malaien, die die Tiere
an der Ostküste Sumatras gefangen hatten, waren es die größten dort
jemals erbeuteten Exemplare. Ich brachte das Rekord-Quartett für einige
Wochen in meinem Garten in einem verschlossenen Schuppen unter, um die
Tiere bei nächster Gelegenheit nach Amerika zu verfrachten. Ein Wärter
hatte dafür zu sorgen, daß die Schlangen ihr Wasser und wöchentlich
einmal Nahrung bekamen. Eines Morgens kam er voller Schreck zu mir
gelaufen und erzählte mir ganz aufgeregt, daß die größte Schlange
ihren Behälter gesprengt hätte und verschwunden wäre. Nach vielem
Suchen stöberte ich den Flüchtling hinter einem hohen Stapel Kisten
auf. Wir mußten nun die vollgepackten schweren Kisten mit vieler Mühe
aus dem Schuppen entfernen, um des Tieres habhaft zu werden. Aber das
war eine schwierige Sache. Denn die Schlange hatte sich um eine Säule
gewunden, und als wir, unserer fünf, sie am Schwanzende packten, um sie
abzuwickeln, schleifte sie uns mit ihren Riesenkräften wie ein leichtes
Bündel am Boden hin. Als ich ihrem Kopfe zu nahe kam, schnappte sie
zu und zerriß mir mit einem Ruck Jacke und Hemd von oben bis unten.
Auf diese Weise ging es also nicht. Wir mußten es mit Geduld und List
anfangen. Ich ließ daher eine große, schön mit Stroh ausgepolsterte
Kiste neben die Säule rücken und allmählich entschloß sich das
liebenswürdige Tier, sich von der umklammerten Säule loszuwickeln und
in das so verlockend aussehende Kistenlager zurückzuziehen. Kaum hatte
sie sich darin verkrochen, da schoben wir den Deckel vor die Kiste und
nahmen den Ausreißer wieder gefangen.
* * * * *
Wenn von den +Eidechsen+ die Rede ist, denkt der Deutsche an das
harmlose, zierliche kleine Geschöpf, das sich zur Sommerzeit raschelnd
am Boden des Laubwaldes bewegt oder an sonnbeschienenen Mauern der
wohlig empfundenen Wärme erfreut. Solche kleine und flinke Eidechsen,
die den unserigen ähnlich sind, findet man auch in Ceylon, daneben gibt
es dort aber andere Gattungen dieser Reptile, die alle Vorstellungen,
die der Mitteleuropäer von Eidechsen zu haben pflegt, in den Schatten
stellen. Außer verschiedenen prachtvoll gefärbten Schönechsen
(~Calotes~), die ihre Hautfarbe plötzlich verändern können und deshalb
oft mit Chamäleons verwechselt werden, gibt es Eidechsen von ganz
sonderbarer Gestalt, mit seltsamen Hörnern und Wülsten auf der Nase.
Auch der +Gecko+, die einzige stimmbegabte Echse, darf nicht unerwähnt
bleiben, weil er in vielen Wohnungen zu den Hausgenossen gehört. Er
nistet gern im Gebälk der Zimmerdecke, hält sich am Tage verborgen und
macht sich des Nachts dadurch nützlich, daß er den Insekten nachstellt.
Dabei läßt er hin und wieder seinen Ruf „Tschiktschik“ erschallen. Die
auffälligsten Eidechsen aber sind die riesigen +Warane+, von denen es
in Ceylon zwei Arten gibt. Der Laie ist geneigt, sie gar nicht für
Eidechsen, sondern für eine Art Krokodile zu halten, denn sie werden
mehr als zwei Meter lang. Trotz ihrer Größe, die für den Neuling etwas
Furchterregendes hat, sind es harmlose Tiere, die sich von kleinen
Wirbeltieren und Insekten nähren und als Eierdiebe unbeliebt machen.
Ihr Fleisch wird von den Eingeborenen sehr geschätzt.
Einmal erhielt ich von meinem Bruder Carl Hagenbeck den Auftrag, ihm
hundert solche Rieseneidechsen zu besorgen. Das war nun durchaus
nicht so einfach, denn erstens laufen schöne, voll ausgewachsene
Warane auch nicht gerade herdenweise herum und zweitens lassen sie
sich, scheu und flink, wie die Eidechsen eben sind, nicht so leicht
fangen. Mein Shikari, den ich mit der Beschaffung betraute, machte
sich die Sache sehr bequem und lieferte einen Haufen kleiner Exemplare
von etwa fünf Fuß Länge ab. Aber damit war mir nicht gedient, denn
mein Auftrag lautete ausdrücklich auf die allergrößten Warane, die
sich nur auftreiben ließen. Es blieb mir also nichts anderes übrig,
als mit meinen Leuten selbst auf die Jagd zu gehen. Wir nahmen Netze
von verschiedener Form und Größe, sowie aus gedrehten Palmblättern
hergestellte Schlingen mit und begaben uns nach Allawa in der Nähe von
Polgahawela in ein Revier, in dem sich die Rieseneidechsen mit Vorliebe
aufhielten. Unsere Bemühungen im Dschungel und Sumpf hatten guten
Erfolg, denn schon nach einigen Tagen waren etwa 50 Warane von 8–10
Fuß Länge, also sehr stattliche Burschen, mit Hilfe der Netze erbeutet
worden. Es war eine mühsame Arbeit, denn die Tiere setzten sich recht
kräftig zur Wehr und schlugen mit ihren Schweifen so temperamentvoll um
sich, daß man sich in acht nehmen mußte. Einmal riefen mir meine Leute
von weitem zu, daß sie ein besonders großes Exemplar mit einer Schlinge
gefangen hätten, es aber nicht bändigen könnten. Ich eilte rasch an Ort
und Stelle und legte mit Hand an, um das wütende Tier, einen wahren
Riesen von mehr als 11 Fuß Länge, zu fesseln, dabei erhielt ich von
dem Waran einen derartigen wuchtigen Hieb mit dem Schweif ins Gesicht,
daß ich drei Tage lang mit den schönsten „blauen Augen“ und einer
unförmlich angeschwollenen Nase herumlaufen mußte. Immerhin gelang es
uns doch, die Rekordeidechse zu bändigen. Ich hatte die Genugtuung,
den mir erteilten schwierigen Auftrag genau nach Wunsch erledigen zu
können, und die Tiere haben dann später in Deutschland hohe Preise
erzielt.
* * * * *