Schließlich möchte ich noch eine kleine ergötzliche Reiseerinnerung

zum besten geben. Die Geschichte passierte, als ich mich einmal,

wie es ja öfter geschah, vorübergehend in Deutschland aufhielt und

einen Tiertransport nach Leipzig begleitete. Wir führten einen großen

Elefanten mit, der für den dortigen Zoologischen Garten bestimmt

war. Nun hatte sich leider kurz vorher die bekannte „+Münchener

Elefantenpanik+“ ereignet. Damals waren in München acht Elefanten, die

meinem Bruder Carl gehörten und die man bei Gelegenheit einer großen

nationalen Feier im Festzuge mitmarschieren ließ, durch das Dampfgeben

einer Straßenlokomotive und das törichte Benehmen großer Teile des

Publikums scheu geworden und durchgegangen, und bei der dadurch

hervorgerufenen Panik war eine Anzahl Menschen leider zu Schaden

gekommen. Der höchst bedauerliche Vorfall hatte eine gewisse Nervosität

in bezug auf alles, was Elefanten betraf, zur Folge, und deshalb

hatte die Leipziger Polizei auf die Kunde hin, daß auf dem Bahnhof

ein großer Dickhäuter ausgeladen werden sollte, geradezu erstaunliche

Vorsichtsmaßregeln getroffen. Als ich das Aufgebot von Schutzmännern

sah, die meine kreuzbrave +Laura+ — so hieß das Tier, es war eine Sie

— in Empfang nehmen und ihr etwaige Ausschreitungsgelüste vertreiben

sollten, ärgerte ich mich ein bißchen darüber und beschloß, mir einen

Spaß zu erlauben. Laura hatte nämlich eine kleine Schwäche: sie war,

wie viele Damen, sehr kitzelig, und wenn man sie an einer gewissen

Stelle des Halses kratzte, fing sie immer schrecklich zu trompeten an,

was in diesem Fall dem Kichern der Menschendamen entsprach. Als nun

Laura „elastischen Schrittes“ dem Waggon entstieg und sich dem Aufgebot

der uniformierten Ordnungshüter näherte, berührte ich die empfindliche

Stelle — und prompt hob Laura den Rüssel und trompetete in einer Weise

los, wie die berühmten Posaunen von Jericho es sicherlich auch nicht

besser konnten. Die Wirkung war frappant. Die guten Schutzmänner, eines

jähen Angriffs des Elefanten gewärtig, fielen vor Schreck fast auf

den Rücken und nahmen fluchtartig eine „strategische Umgruppierung“

vor, die es mir gestattete, mein Ausladungsgeschäft ohne allzu lästige

Überwachung zu Ende zu bringen.

Und das hat mit ihrem Trompeten die kitzlige Laura getan!

Erlebnis mit einem Rogue-Elefanten

Es war schon kurz von den „+Rogues+“ die Rede, jenen einsam

umherschweifenden Elefanten, die im Gegensatz zum friedlichen

Herdenelefant höchst gefährliche Tiere sind, stets zu sinnlosen

Zerstörungen aufgelegt und von boshafter Angriffslust. Man hat

schon viel darüber gesprochen und geschrieben, wie der sonderbare

Gemütszustand des Rogue eigentlich zu erklären sei und ob es sich

vielleicht um Tollwut handle, die, ähnlich wie beim Hund und anderen

Tieren, durch Infektion mit Wutgift erzeugt wird. Das scheint indessen

nicht der Fall zu sein. Offenbar handelt es sich um eine eigentümliche

Art geistiger Erkrankung, die den Anlaß dazu gibt, daß die von ihr

befallenen Elefanten (meistens sind es alte Bullen) sich entweder

selbst von der Herde absondern oder von dieser ausgestoßen werden und

nun im Zustand höchster Reizbarkeit einsam durch das Dschungel

ziehen. Während der normale Herdenelefant die Berührung mit Menschen

und menschlichen Einrichtungen möglichst meidet, trachtet der Rogue

geradezu danach, seine Wut an Personen und Dingen auszulassen. Der

echte Rogue (er wird häufig mit dem verhältnismäßig harmlosen,

nicht tollen Einzelgänger verwechselt) ist zum Glück eine seltene

Erscheinung, aber wo er einmal auftritt, da versetzt er die ganze

Gegend in Schrecken. Er lauert auf der Straße, in deren Nähe er sich

mit Vorliebe aufhält, auf Menschen und Fuhrwerke, wirft Ochsenkarren

um und zertrampelt sie, drückt Zäune ein, deckt Hütten ab, zerstört

kleinere Brücken, kurz, treibt allen möglichen bösartigen Unfug und

tötet auch Menschen, wenn es ihnen nicht glückt, vor dem wütenden Tier

rechtzeitig die Flucht zu ergreifen. Jeder Rogue ist vogelfrei und die

Regierung setzt auf seine Unschädlichmachung eine Prämie aus.

[Illustration:

Photo Plâté & Co. Colombo.

Von einer Elefantentreibjagd: Gruppe eingefangener wilder Elefanten im

Kraal

(Text Seite 116)]

[Illustration: Fächerpalmen aus einem Park in Colombo]

[Illustration: Die pfauenradförmige Ravenalapalme, der „Baum der

Reisenden“]

Als ich mich im Jahre 1905 in Batticoloa, der Hauptstadt der

Ostprovinz, befand, ereignete sich in der Umgebung ein Fall, der

allgemeines Aufsehen erregte. Schon seit einiger Zeit hatte dort in der

Nähe einer Landstraße ein Rogue sein Unwesen getrieben und die zu Markt

ziehenden Bauern und Fuhrleute in Schrecken versetzt. Ein bestimmter

Abschnitt der Landstraße wurde damals gerade durch Neubeschotterung

ausgebessert, und aus diesem Anlaß saßen, wie es auch auf unseren

deutschen Landstraßen üblich ist, in gewissen Zwischenräumen Arbeiter

am Straßenrand und waren damit beschäftigt, Steine zu zerkleinern.

Zum Schutz gegen Wind und Sonne hatte jeder Arbeiter im Halbkreis um

sich herum ein Mattengeflecht wie eine Rollwand aufgestellt, und aus

diesem Grunde konnte jeder von ihnen nur einen kleinen Abschnitt der

Straße vor sich sehen, sonst aber nichts, was rechts und links geschah.

Da kam, während die steineklopfenden Kulis nichts Böses ahnten, der

Rogueelefant aus dem in der Nähe befindlichen Dschungel hervor, trabte

auf die Straße zu und überfiel einen der Leute, der, hinter seiner

Matte versteckt, das Herannahen des Tieres gar nicht bemerkt hatte.

Der Elefant packte den Unglücklichen mit dem Rüssel, hob ihn in die

Luft, schmetterte ihn zu Boden und gab ihm mit einem Tritt seines

mächtigen Fußes den Rest. Dann ging er ruhig auf der Straße weiter,

bis er nach etwa hundert Meter auf den zweiten Kuli stieß und ihn in

derselben Weise zu Tode brachte, wie den ersten. Weiter verfolgte das

mörderische Tier seinen Weg, und da wegen der Mattengeflechte kein

Arbeiter den anderen sah, auch wegen des Geräusches des Steinklopfens

nichts hörte, gelang es dem Rogue, nach und nach nicht weniger als

sieben von den Unglücklichen zu packen und zu töten. Jetzt erst nahmen

ein paar Bauern, die auf Ochsenkarren angefahren kamen, von weitem den

entsetzlichen Vorfall wahr und machten durch ihr Geschrei die anderen,

vom Rogue noch nicht erreichten Kulis auf die Gefahr aufmerksam. Die

Leute, sowie die Bauern ergriffen darauf schleunigst die Flucht,

während das Untier zum Überfluß noch die Karren samt den Ochsen umwarf

und sich dann ins Dschungel zurückzog.

Das Ereignis sprach sich schnell herum und erregte in der ländlichen

Bevölkerung der ganzen Umgegend, wie sich denken läßt, die größte

Bestürzung; glaubte sich doch niemand mehr aus dem Hause trauen zu

können, ohne sich der Gefahr auszusetzen, plötzlich von dem Wüterich

angefallen zu werden. Die Dorfgemeinden sandten ihre Ortsvorsteher nach

Batticoloa zum Regierungsvertreter und bestürmten ihn, unverzüglich

energische Maßregeln zur Ausrottung des Rogue zu treffen. Das war

freilich leichter verlangt als getan. Denn nach den Erkundigungen durch

eingeborene Shikaris hatte man es in diesem Fall mit einem ungewöhnlich

schlau und vorsichtig zu Werke gehenden Tier zu tun. Der Elefant

wechselte täglich seinen Standplatz, tauchte heute hier, morgen wieder

eine Meile weit entfernt anderswo auf und immer dort, wo man ihn gerade

am wenigsten vermutete. Und da nicht bloß die Nürnberger keinen hängen,

den sie nicht haben, war es schwer, den Unhold zur Strecke zu bringen,

wenn man seiner nicht habhaft werden konnte.

Immerhin tat sich rasch eine Gesellschaft von Sportsmännern zusammen,

um alles Menschenmögliche zur Beseitigung des Rogue zu unternehmen,

und da ich mit einigen der Herren persönlich bekannt war, schloß ich

mich ihnen an. Ich hatte damals meinen Diener Fernando bei mir, einen

Eurasier (Halbblut) von ursprünglich portugiesischer Herkunft, einen

tüchtigen Burschen und echten Shikari, für den es keinen größeren

Genuß gab, als mit mir den Urwald zu durchstreifen. Er war natürlich

gleich Feuer und Flamme, als er vernahm, daß unsere Jagdpartie noch an

demselben Abend aufbrechen sollte.

Es war nämlich am Spätnachmittag die Meldung eingegangen, daß man

den Elefanten soeben am Rande eines Waldes, der ein paar Meilen von

Batticoloa entfernt war, gesehen hätte. Dieser Wald hatte nur einen

geringen Umfang und es kam nun darauf an, das Tier dort zu stellen,

bevor es in der Nacht etwa wiederum weiterzog. Da sich in dem Walde

ein kleiner See befand, der als Tränke und Badegelegenheit viel

Verlockendes für einen Elefanten haben mußte, glaubten wir annehmen zu

dürfen, daß der Rogue sich doch wenigstens eine Weile dort aufhalten

würde. Kurze Zeit nach Empfang der Meldung, als die Sonne im Untergehen

begriffen war, befand sich unsere Jagdexpedition bereits unterwegs.

Wir waren ungefähr unser zehn und fuhren zunächst auf der Landstraße

im Wagen bis in die Nähe jenes Waldes, dann teilten wir uns in vier

kleinere Partien, um den Wald von vier Seiten aus in Angriff zu nehmen

und ihn in konzentrischem Vormarsch zu durchsuchen. Der ziemlich

genau in der Mitte des Waldes befindliche See sollte zum Schluß unser

Treffpunkt sein.

Es war schon völlig dunkel geworden, als wir, über das mit Gras

bewachsene Gefilde schreitend, den Wald umkreisten. Meine Partie

bestand aus mir und Fernando allein. Wir hatten gerade den Wald an

der uns zugewiesenen Eingangsstelle erreicht, als Fernando, der

vorausschritt, auch schon die frischen Spuren eines Elefanten in

Gestalt von Exkrementen und Fußtapfen fand. Es schien demnach, als ob

das Jagdglück auf Seite unserer Partie sein sollte, und die Aussicht,

unseren anderen Jagdkollegen zuvorkommen zu können, stimmte uns froh,

denn in dieser Hinsicht ist jeder Nimrod ein Egoist.

Die fast vollkommene Rundung des Mondes, der sein starkes magisches

Licht über die Landschaft ergoß, begünstigte unser Unternehmen sehr,

sonst wären wir in dem dichten Dschungel schwer vorwärts gekommen.

Auch die Windrichtung war uns hold, denn der leise Nachtwind strich

uns entgegen, wir brauchten also nicht zu befürchten, von dem Rogue

gewittert zu werden. Ob er sich bei seinem unerschrockenen und

angriffslustigen Naturell aus der Witterung etwas gemacht hätte, das

ist freilich eine andere Frage. Wir nahmen also die Spur des Elefanten,

die in dem feuchten Boden im Mondlicht gut zu sehen war, auf und kamen

trotz den vielen Hindernissen des Dschungels ziemlich rasch vorwärts,

indem wir von Zeit zu Zeit Halt machten und lauschten, ob nicht ein

Knacken im Gehölz die Nähe des Tieres verriet. Der Wald war sehr

dicht und das war uns recht. Es ist immer riskant, einen Elefanten

auf der Jagd in lichtem Walde oder im Gebüsch, wo er sich leicht und

schnell bewegen kann, anzugreifen. Denn wenn der erste Schuß nicht

sitzt, geht der Elefant häufig zum Angriff über, und bringt ihn dann

auch der zweite Schuß nicht zur Strecke, so bleibt dem Jäger nichts

anderes übrig, als schleunigst Deckung zu suchen. Das ist im lichten

Walde sehr schwer, im Buschwerk fast unmöglich, und kommt dann dem

Jäger nicht von anderer Seite Hilfe, so gerät er leicht in eine höchst

bedenkliche Situation, denn der Elefant entfaltet in der Erregung

eine Behendigkeit, die man dem anscheinend so schwerfälligen Tier

gar nicht zutrauen möchte. Im dichten Walde dagegen ist die Gefahr

bedeutend geringer, da man hinter den eng beieinander stehenden Bäumen

meistens genügende Deckung findet und der Elefant hier in seiner

Bewegungsfreiheit natürlich sehr beschränkt ist.

Wir hatten gerade eine kleine Lichtung erreicht und machten einen

Augenblick Halt, um Atem zu schöpfen, als Fernando plötzlich meinen

Arm berührte und mit dem Finger wortlos nach der Richtung wies, aus

der ich gleich darauf ein erst leises, dann immer lauteres Knacken

trockener Zweige und Rascheln vernahm.

+Der Elefant!+ Kein Zweifel, er kam geradewegs auf uns zu. Wir brachten

die Gewehre in Anschlag und wollten aus der Lichtung zurück ins

Buschwerk treten — aber es war dafür schon zu spät. Denn in demselben

Augenblick brach auch schon der Rogue aus der vor uns liegenden Wand

des Dickichts heraus, stutzte, als er uns sah, einen ganz kurzen

Moment, kaum eine Sekunde, und stürzte dann, in dem gespenstigen

Vollmondlicht einem Ungeheuer aus Vorweltstagen gleichend, mit

aufgerichteten Ohren und emporgehobenem Rüssel auf uns zu.[1]

[1] Siehe das bunte Frontbild vor dem Titelblatt.

Darüber konnten wir beide nicht im Zweifel sein: +es ging jetzt um

alles+. Langes Besinnen gab es da nicht. Der Elefant war keine zwölf

Meter von uns entfernt. Wir zielten, so gut es bei dem unsicheren Licht

und der Kürze der Zeit eben möglich war. Ich hatte mich auf ein Knie

niedergelassen, Fernando stand drei Schritte weit neben mir. Unsere

Büchsen entluden sich zu gleicher Zeit, so daß es wie ein einziger

Schuß erklang — und dann ...

Ja, und dann ... Ich weiß nur soviel, daß ich dann im Gras auf der Nase

lag und daß eine schwere Masse mit Wucht meine Schulter streifte, eine

andere schwere Masse mein Bein — und daß mich nur der eine Gedanke

durchzuckte: jetzt ist es aus!

Was war geschehen? Der anstürmende Rogue hatte mich einfach überrannt,

aber dabei zum Glück nicht getreten, sondern nur mit den Füßen

gestreift. Er war dann eine Strecke weit über mich hinaus gestürmt,

bis an die andere Seite des Waldes, und als ich nun aufsprang und das

wieder schußfertig gemachte Gewehr zum zweitenmal hob, machte der

Elefant gerade kehrt, um uns abermals zu attackieren.

Fernando hatte beim Ansturm des Rogue zur Seite springen können und war

verschont geblieben. Diesmal näherte sich das Tier uns seltsamerweise

ganz langsam, geradezu zögernd; es sah beinahe so aus, als ob es

sich am liebsten im Dschungel verkrochen hätte. Uns blieb deshalb

genügend Zeit, uns bis zu den nächsten Bäumen zurückzuziehen, wo wir

einige Deckung hatten, um besser zu zielen. Jetzt ging der Elefant mit

erhobenem Rüssel wieder schneller auf uns los — und als er in guter

Schußweite war, drückten wir ab.

Der Rogue tat noch ein paar Schritte, blieb stehen, machte dann eine

halbe Wendung, geriet ins Wanken — ein paar Sekunden noch, und sein

mächtiger Körper fiel auf die Seite.

Als wir bald darauf das Verenden des Tieres feststellen konnten, fanden

wir, daß es an der Schläfe und oberhalb des einen Ohres von drei Kugeln

getroffen worden war. Also hatte auch schon einer unserer ersten beiden

Schüsse sein Ziel erreicht.

Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da stellten sich auch meine

Jagdfreunde mit ihren Begleitern ein, sie hatten unsere Schüsse

gehört. Ihre Gesichter wurden ein wenig länglich, als sie sich vor der

vollendeten Tatsache sahen, daß das so heiß begehrte Großwild bereits

erlegt war, und ihre Glückwünsche wurden begreiflicherweise mit etwas

sauersüßem Lächeln dargebracht ...

Wegen der vorgerückten Nachtzeit ließen wir den Rogue einstweilen

liegen und fuhren in unsere Quartiere zurück, um ihn am nächsten Morgen

weidmännisch behandeln zu lassen. Aus den dann vorgenommenen Messungen

ergab sich, daß es einer der größten jemals auf Ceylon erlegten

Elefanten war.

[Illustration]

[Illustration]

Sechstes Kapitel

Von Schildkröten, Schlangen und Krokodilen

Die großen Seeschildkröten — Eine lustige Tropennacht: Hamburger

Schildkröteneierbier — Die riesige Tigerschlange — Die gefährliche

Tik Palonga — Die Brillenschlange oder Kobra — Giftige Seeschlangen

— Unerwünschter Logierbesuch — Eine Kobra im Klavier — Die

Riesenschlange und ihre Eier — Rieseneidechsen und ihr Fang —

Die Unbeliebtheit der Krokodile — Das Leistenkrokodil — Auf der

Krokodiljagd — Was ein Krokodil alles verschluckt

Die +Schildkröten+ sind in Ceylon sehr häufig. Überall in den vielen

teils natürlichen, teils künstlich angestauten Süßwasserbecken und

Seen der Insel, den „Wewa“, wie der Singhalese, oder „Tanks“, wie

der Engländer sie nennt, kann man die zahlreichen schwarzen Körper

der Schildkröten schwimmen, versinken und wieder auftauchen sehen.

Oft strecken sie den Hals mit dem vogelähnlichen Kopf weit hervor

und lassen die kleinen Augen neugierig in die Runde schweifen. Sie

scheinen sich sehr sicher zu fühlen und kennen keine große Scheu vor

den Menschen, denn diese kleinen Land- und Süßwasserschildkröten,

besonders jene, die in den Tempelteichen von Kandy, Anuradhapura und

anderen Kultusstätten leben, sind dem Inder heilig und werden nicht

verfolgt, sondern im Gegenteil von den Wallfahrern gefüttert.

Es gibt aber im Meere rings um Ceylon auch +große Seeschildkröten+,

die des Nachts oft an Land gehen, um ihre Eier in den Sand zu

scharren, und bei dieser Gelegenheit gern erbeutet werden. Unter

den Seeschildkröten ragt besonders die kolossale +Lederschildkröte+

(~Dermochelys coriacea~) hervor, so genannt, weil sie keinen Panzer aus

Horn, sondern aus sehr zäher, lederartiger Haut trägt. Infolgedessen

sind Kopf und Füße bei ihr nicht so geschützt, wie bei den gepanzerten

Schildkröten, die ihre Gliedmaßen im Augenblick der Gefahr unter den

Panzer zurückziehen. Die Lederschildkröte wird zwei Meter lang und

wiegt dann 500–600 Kilogramm. Das im Wasser sehr behende, am Lande

plumpe und schwerfällige Tier entwickelt eine außerordentliche Kraft.

Davon konnte sich einmal ein Freund von mir, ein Offizier der indischen

Marine, bei einer Angelpartie überzeugen. Er war mit einem kleinen

Boot zum Angeln auf Klippfische ein Stück in die See hinausgerudert

und hatte seine Angel, ein derbes Boniteseil mit kräftigem Haken, auch

schon ein paarmal mit gutem Erfolg ausgeworfen, als plötzlich ein

ungewöhnlich starker Ruck an der Leine erkennen ließ, daß ein großer

Fisch angebissen haben mußte. Aber wie sich bald zeigte, war es kein

Fisch, sondern eine riesige Lederschildkröte. Der Angelhaken hatte

sich, wie sich später herausstellte, unter der linken Vorderflosse des

Tieres festgehakt und dieses vermochte sich nicht davon zu befreien.

Nun begann eine tolle Jagd, wobei der Jäger jedoch, nämlich der Angler,

eine höchst passive Rolle spielte. An ein Heraufholen des schweren

Kolosses in das Boot war natürlich nicht zu denken, das wäre selbst

einem Dutzend Männer nicht möglich gewesen. Die Schildkröte ergriff die

Flucht und zog das Boot eine Viertelstunde lang hinter sich her, so

daß es sich weit vom Land entfernte. Nun hätte der Offizier allerdings

durch Kappen des Seils der Sache ein Ende machen können, aber er hoffte

doch auf einen ruhmreicheren Ausgang des Abenteuers und darauf, daß

er das Tier als seltene Angeltrophäe heimbringen könnte. Das ist ihm

in der Tat auch geglückt. Denn die Schildkröte ermattete schließlich.

Als der Offizier noch eine zweite Leine mit Schlinge ins Wasser warf,

verwickelte sie sich bei ihren verzweifelten Anstrengungen, von der

Angel loszukommen, in die Schlinge, so daß sie endlich den Kampf aufgab

und der glückliche Angler sie, wenn auch mit größter Anstrengung, an

der Schleppangel ans Land rudern konnte.

In wirtschaftlicher Hinsicht am wichtigsten ist die gepanzerte

eßbare +Suppenschildkröte+ (~Chelonia esculenta~), die ebenso lang

und schwer wie die Lederschildkröte wird und in der Nähe der Küste,

sowie in den Flußmündungen lebt. Ihr Fleisch ist von vorzüglicher

Qualität, besonders das der Füße ein Leckerbissen. Man muß ein

Schildkrötenfrikassee oder eine „~Real Turtle Soup~“ in Indien genossen

haben, um zu wissen, was schmeckt! Eine andere große gepanzerte

Seeschildkröte der indischen Gewässer ist die +Karettschildkröte+

(~Chelonia imbricata~), die allerdings nur eine Länge von einem Meter

und etwas mehr erreicht. Ihr Rückenpanzer besteht aus dachziegelförmig

sich deckenden Hornplatten, die nebst dem Brustschild ein geschätztes

Schildpatt liefern. Auch sie geht, wie die Lederschildkröte, zur

Ablegung der Eier und ihrem Verscharren im Sande an den Strand, und

man sagt, daß die Tiere immer wieder zu der Stelle ihrer Geburt

zurückkehren. Das Fleisch der Karettschildkröte ist nicht genießbar,

aber die Eier werden von den Eingeborenen gern gegessen. Bekanntlich

erreichen die Schildkröten ein ungewöhnlich hohes Alter, sie werden von

allen Geschöpfen der Erde wohl am ältesten, angeblich bis zu 300 Jahren.

Wenn ich von Schildkröten spreche, fällt mir ein drolliges Erlebnis

ein. Ich hatte in meinem Bungalow in Colombo wieder einmal, wie

so oft, Besuch von außerhalb und zwar von einem Kapitän B., dessen

Schiff im Hafen lag. Wir hatten abends nicht gerade schlecht gegessen,

vielleicht auch etwas mehr als gewöhnlich getrunken, und der gute

Kapitän war ein bißchen, wie man zu sagen pflegt, „animiert“. Als wir

nach Tisch in den Lungerstühlen auf der Veranda lagen und rauchten,

veranlaßte eine jener plötzlichen Eingebungen, die den „Animierten“

eigentümlich zu sein pflegen, den Kapitän zu dem Vorschlag, bei dem

schönen Mondschein doch noch ein bißchen spazieren zu gehen. Für das

Gehen kann sich der Tropenkolonist nicht sonderlich begeistern, aber

einer kleinen Spazierfahrt stand ja nichts im Wege, deshalb rief ich

dem aufwartenden Boy zu: „Mach den Ponywagen fertig.“ Der Wagen war

alsbald zur Stelle. Anscheinend gelüstete es den Pony nach einem

Ausflug ebenso wie uns, denn er stürmte förmlich durch den Garten,

so daß wir beiden nebst dem Muto (Kutscher) gerade noch aufspringen

konnten und ich mich in acht nehmen mußte, das Gefährt sicher durch die

enge Gartenpforte hindurch zu bugsieren, ohne die Pfeiler mitzunehmen.

In scharfem Trab ging es die hell vom Vollmond bestrahlte Landstraße

dahin, die sich unmittelbar am Strande erstreckt. Es war eine herrliche

Fahrt. Mit gleichmäßigen Atemzügen rollte die Dünung des Meeres das

flache Ufer hinauf, eine leichte Brise bewegte die Kronenwedel der

Kokospalmen und wehte uns die milde Nachtluft erfrischend um die heiße

Stirn.

Auf einmal rief der Kapitän: „Sehen Sie, dort kriecht eine große

Seeschildkröte ans Land, wahrscheinlich um Eier zu legen, die sollten

wir mitnehmen!“ Ich wußte im Augenblick nicht, ob er bloß die Eier

oder gar die ganze Schildkröte mitnehmen wollte, stoppte aber sofort,

denn der Wunsch meines Gastfreundes war mir Befehl. Wir sprangen flugs

vom Wagen hinab und eilten den Strand hinunter, um der Schildkröte

den Rückweg zum Wasser abzuschneiden. Es war ein schönes Exemplar

von Karettschildkröte, über einen Meter lang und etwa dreiviertel

Meter breit. Der Kapitän konnte in seiner „vorgerückten Stimmung“

absolut nicht umhin, sich rittlings auf den Panzer der Schildkröte

zu setzen, und das kräftige Tier trug ihn auch mit Leichtigkeit eine

Strecke fort, bis er die Balance verlor und anmutig alle Viere von

sich streckend in den Sand rollte. Wir machten uns nun daran, die

Schildkröte auf den Rücken zu legen. Obwohl wir uns beide ziemlicher

Körperkräfte erfreuten, war das ein schweres Stück Arbeit, zumal wir

uns sehr in acht nehmen mußten, von dem wütend strampelnden Tier nicht

verletzt zu werden. Endlich schafften wir es doch, und da die großen

Schildkröten, wenn man sie auf den Rücken gelegt hat, nicht von selbst

wieder auf die Füße kommen können, lag sie hilflos da. Jetzt wandten

wir uns der Sandanhäufung zu, um die frischgelegten Eier auszunehmen.

„Kapitän, da müssen Sie mal Ihren Tropenhut hinhalten,“ sagte ich und

zählte die Eier hinein, hundert Stück. Mehr konnten wir in dem Hut

nicht unterbringen, aber es lagen noch ungefähr ebensoviel im Sande

verscharrt. Die Eier waren von Wallnußgröße und mit einer lederartigen

weißen Haut überzogen.

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 11 / 19 段