nennen, ist aber nicht bloß den Buddhisten heilig, zu denen fast zwei
Drittel der Bevölkerung Ceylons gehören. Auch dem anderen Drittel,
den brahmanischen Anhängern der Hindureligion, gilt die Fußspur als
Gegenstand der Verehrung, nur mit dem Unterschied, daß sie nach
ihrer Auffassung nicht von Buddha, sondern von ihrem Gott Schiva
herrührt. Und die Mohammedaner wiederum bringen in Anknüpfung an die
Legende der arabischen Seefahrer, die schon sehr frühzeitig auf ihren
Handelsfahrten Ceylon kennen lernten, die seltsame Spur im Felsen
mit Adam in Verbindung. Als Adam, so berichtet die Sage, nach dem
Sündenfall aus dem Paradies vertrieben wurde, ergriff ihn ein Engel
am Arm und setzte ihn auf dem Gipfel des fortan nach ihm benannten
ceylonischen Berges nieder. Aber nicht nur Buddhisten, Brahmanen
und Mohammedaner nehmen den berühmten Fußtapfen für ihren Kultus in
Anspruch. Die Chinesen schreiben ihn teils Buddha, teils Twan-Koo, wie
bei ihnen der erste Mensch heißt, zu. Die Portugiesen, die als erste
christliche Eroberer auf der Insel einzogen, halten ihn für die Spur
des heiligen Apostels Thomas, während die Perser ihn für ein Zeichen
der Anwesenheit Alexanders des Großen auf Ceylon ausgeben.
Man sieht also, daß der schöne Berg mit einem reichen Sagengewand
bekleidet ist und schon deshalb alle Beachtung verdient. Trotzdem wird
der Adamspik von Europäern verhältnismäßig nur selten besucht. Den nur
vorübergehend auf der Insel weilenden Fremden fehlt es meistens an
Zeit, und die hier ansässigen Kolonisten sind größtenteils zu sehr von
der typischen Gleichgültigkeit beseelt, die das Leben in der heißen
Zone mit sich bringt, als daß sie sich wegen des Adamspiks anstrengen
wollten. Da müßte man sich ja persönlich mit Gehen und Steigen bemühen,
und das liebt der Tropenkolonist im allgemeinen nicht, deshalb genügt
ihm der Anblick des Berges von weitem. Kaum fünf von hundert in Colombo
seit Jahren ansässigen Europäern haben es der Mühe wert erachtet, dem
so nahen Berge, einem der allermerkwürdigsten der Erde, einen Besuch
abzustatten. Dabei ist die Besteigung heutzutage nicht schwieriger,
als eine größere Bergtour in den deutschen Alpen. In uralten Zeiten,
so etwa vor 2000 Jahren, als der Adamspik ein Wallfahrtsort ersten
Ranges für die Buddhistenwelt des ganzen Ostens war, verhielt es sich
freilich anders damit. Damals war Ceylon noch von dichten Urwäldern
bedeckt, reich an wilden und reißenden Tieren, damals gab es auf der
Insel kaum die notdürftigsten Wege und jede Wanderung auf ihr war ein
höchst anstrengendes, gefährliches Unternehmen. Noch im Jahre 1340,
in welchem der auf einer Seereise nach Ceylon verschlagene gelehrte
Araber +Ibn Batuta+ den heiligen Berg bestieg (sein ausführlicher
Bericht darüber ist uns erhalten und ist höchst lesenswert), war das
eine sehr schwierige Expedition. Ibn Batuta beschreibt genau die noch
heute vorhandenen Felsstufen und Ketten, die zum höchsten Gipfel
hinaufführen. Vor ihm hatte bereits der Venezianer +Marco Polo+, der
große Forschungsreisende, 1293 Ceylon berührt, ohne jedoch den Adamspik
zu ersteigen.
Die Besteigung erfolgt heute zumeist von der Eisenbahnstation
+Hatton+ aus, die an der Strecke Kandy-Nurellia liegt. Ich habe den
Berg wiederholt erklommen, das letztemal in Gesellschaft einiger
Freunde aus Deutschland, denen ich, wie das so häufig geschah, als
„Bärenführer“ beim Besuch der Hauptsehenswürdigkeiten Ceylons diente.
Wir waren nachmittags in Hatton angelangt und setzten alsbald mit einem
Fuhrwerk die Reise nach +Laxapana+ fort. Es ist eine herrliche Fahrt
auf vorzüglicher Straße, zuerst durch Teepflanzungen, dann in einer
malerischen Talschlucht in vielen Windungen bergab bis zur Brücke über
den Kelani Ganga, zuletzt wieder bergan und abermals durch üppige
Teepflanzungen, mit immer großartigerem Blick auf den Pik, nach dem
kleinen Ort Laxapana, von welchem aus die Besteigung zu Fuß beginnt.
Da sich keine Möglichkeit bietet, auf der Bergtour irgendwo zu
übernachten, wird die Besteigung immer schon bei Nacht angetreten,
damit man am Abend des nächsten Tages wieder in Laxapana oder Ratnapura
zurück ist. Auch kommt man nur auf diese Weise zum vollen Genuß der
Aussicht, die in der ersten Morgenstunde am klarsten ist. Wir hielten
uns also in Laxapana nicht lange auf, nahmen nur das Abendessen ein
und traten um elf Uhr Nachts in Begleitung einiger Träger, die mit
Laternen und Fackeln ausgerüstet waren, den Marsch an. Die ersten zwei
Stunden geht es auf einem guten Reitweg flott bergan, dann aber beginnt
ein schmaler, schlecht gehaltener Pilgerpfad, der, zumal im Dunkel der
Nacht, zeitweilig so unkenntlich wird, daß ihn nur das geübte Auge
des Führers wahrzunehmen vermag. Einige riesige Gneisblöcke, die
dachförmig vorragen, dienen bei schlechtem Wetter ermatteten Pilgern
als Unterschlupf. Nach Passieren der von Baumfarnen erfüllten Schlucht
des Baches Sita Gangula geht es steil über Geröll und Baumwurzeln im
Urdschungelwald bergauf. Die soeben erwähnten Baumfarne gehören zu
den edelsten Vegetationsformen, von deren Schönheit die verkrüppelten
Exemplare in den europäischen Treibhäusern keine annähernde Vorstellung
geben können. Sie haben gleich den Palmen, denen sie sehr ähneln, einen
schlanken, ungeteilten, hoch aufstrebenden Stamm mit einer einfachen
Krone von riesengroßen Fiederblättern, diese Wedel sind aber bei den
Farnbäumen viel zarter und feiner als bei den derberen Palmen. Neben
den Farnbäumen bilden noch stammlose Farnkräuter mit kolossalen, bis 20
Fuß langen Wedeln an den Ufern der Bergbäche undurchdringbare Dickichte.
In früheren Jahren habe ich übrigens an den Abhängen des Adamspiks
bis zum Fuß des letzten steilen Gipfelkegels hinauf wiederholt die
frischen Spuren wilder Elefanten gesehen, wie auch Ernst Haeckel das
beschreibt. Ich kann also die von dem berühmten Naturforscher gemachte
Beobachtung nur bestätigen. Es ist erstaunlich, bis zu welcher Höhe
der Elefant auf der Suche nach gewissen, von ihm besonders geschätzten
Futterpflanzen hinaufsteigt und mit welcher Sicherheit sich der
scheinbar so schwerfällige Koloß im steil ansteigenden Urwaldgestrüpp
und an Felsenhängen bewegt, die selbst einem geübten Kletterer zu
schaffen machen. Überhaupt ist das Gelände hier ziemlich wildreich. Der
Leopard und der von den Eingeborenen gefürchtete Lippenbär halten sich
hier sehr gern auf, ihnen fällt der Elkhirsch, sowie der große graue
Hochlandaffe, ~Presbytis ursinus~, häufig zur Beute.
Wir waren seit Laxapana fünf Stunden unterwegs und langten um vier Uhr
morgens am Fuß der steil aufragenden Gipfelpyramide an, dem letzten
noch zu bewältigenden Abschnitt der Tour. Schon vor 2000 Jahren,
vielleicht ist es sogar noch länger her, haben hier fromme Pilgerhände,
von denen kein Atom mehr existiert, stellenweise unregelmäßige Stufen
in den Fels gehauen, um den Aufstieg zu erleichtern, und an den
steilen Stellen sind eiserne Geländer und jene Ketten angebracht,
von denen der vorhin erwähnte Araber Ibn Batuta erzählt. Leider
ging hier meinen Gefährten die „Puste“ aus. Sie konnten nicht mehr
weiter und mußten sich längere Zeit ausruhen, um wieder zu Kräften zu
kommen. Ich ging inzwischen voraus, denn das herrliche Schauspiel des
Sonnenaufganges auf dem Adamspik wollte ich mir doch nicht entgehen
lassen. Es war noch finster, als ich oben anlangte, aber bald tauchten
im Osten über dem Meer die ersten zarten silberigvioletten Streifen
auf, die das Nahen des Tageslichtes verkündigen. Der Gipfel nimmt ein
kleines, unregelmäßiges Geviert von etwa 25 Schritt Umfang ein und ist
von einem weißgetünchten Mauerchen umgeben. Ein paar buddhistische
Priester, die in einer Hütte unterhalb des Gipfelfelsens wohnten,
nahmen mich auf meine singhalesische Ansprache hin sehr freundlich auf
und bewirteten mich mit heißem Tee, der mir wohltat, denn es blies hier
oben eine empfindlich kalte, scharfe Luft. Die Temperatur sinkt nachts
gewöhnlich auf wenige Grad über Null.
Vergebens wartete ich auf das Nachkommen meiner Freunde. Sie mußten
wohl sehr erschöpft sein, denn schon dämmerte der Morgen heran und sie
erschienen noch immer nicht. Jetzt nahte der feierliche Augenblick
des Sonnenaufganges und mit ihm zugleich die berühmte Erscheinung des
+Gipfelschattens+. Sobald nämlich der Sonnenball aus dem Bengalischen
Meer auftaucht, läßt sein rasch sehr intensiv leuchtendes Licht den
Schatten des Bergkegels westlich von diesem in Gestalt eines gewaltigen
dunklen Dreiecks auf dem weißen Nebelmeer erscheinen. Das dauert
etwa zwanzig Minuten, und in dieser Zeit hat man das Gefühl, als ob
man, der Erde entrückt, hoch über den Wolken in den Lüften schwebe.
Es ist ein unsagbar herrliches Schauspiel, aber seine Schönheit
steigert sich noch, wenn dann unter der Einwirkung der immer höher
steigenden Sonne und der zunehmenden Kraft ihres Lichtes die wallenden
Nebelschleier allmählich zerreißen und die Umgebung des Adamspiks
auf weite Entfernung hin wie eine Landkarte zu unseren Füßen liegt. Die
+Aussicht+, die sich dann erschließt, hat kaum ihresgleichen auf Erden.
Es fällt zuerst nicht leicht, sich in dem phantastischen Durcheinander
scharfgezackter Bergketten und üppiger Täler zurechtzufinden, aber an
Hand der Karte orientiert man sich dann allmählich. In der näheren
Umgebung tritt der Rivale des Adamspiks, der Pidurutalagalla, besonders
auffällig hervor. Man überblickt den ganzen südlichen Teil der Insel,
nach Westen hin bis zur Küste und bis Colombo, nach Süden bis zu den
Küstenlagunen von Hambantota und noch weit über die Küsten hinaus auf
den Indischen Ozean, der infolge einer optischen Täuschung wie eine
Mauer steil emporzuragen scheint.
[Illustration: Kokospalmenhain am Strande von Trincomali
(Text Seite 88)]
[Illustration: Tamule]
[Illustration: Singhalesin]
Es war schon strahlend heller Tag und bereits wieder ziemlich warm,
als meine Freunde endlich auf dem Gipfel erschienen. Sie machten
recht saure Gesichter, weil ihnen der Hauptgenuß der Tour, eben der
Sonnenaufgang, entgangen war, aber daran ließ sich nichts ändern.
Wir nahmen nun den berühmten Sripada, den +Fußtapfen Buddhas+, in
Augenschein. Er befindet sich in der Mitte des kleinen Gipfelplateaus
auf einer 4 ~m~ hohen Felsmasse, die von einem offenen Pavillon
überdeckt ist. Es ist ein Eindruck im Felsen von etwa 1⅔ ~m~ Länge und
¾ ~m~ Breite, der einige Ähnlichkeit mit der Spur eines Riesenfußes
hat und zwar eines linken Fußes. Hier und dort mag dem merkwürdigen
Naturspiel von Menschenhand wohl ein klein wenig nachgeholfen sein.
Es läßt sich denken, welchen starken Eindruck das uralte Heiligtum
auf die Phantasie der Gläubigen machen muß, obwohl doch immerhin eine
reichliche Gabe Einbildungskraft dazu gehört, um die Vertiefungen im
Felsen für den Abdruck eines Riesenfußes zu halten. Rings um den Felsen
lagen in Menge die verdorrten Überreste der Blumenopfer, die von den
Pilgern gespendet werden.
Bald hatten wir auch Gelegenheit, eine Pilgerschar bei Verrichtung
ihrer Andacht zu sehen. Es waren etwa dreißig tiefdunkle Tamulen vom
indischen Festland, darunter auch Frauen und Kinder, die die weite
Reise hierher und die Beschwerden des Aufstiegs nicht gescheut hatten,
um dem Urheber des heiligen Fußtapfens, also in ihrem Fall, da es
Brahmanen waren, Schiva, an geweihter Stelle ihre Verehrung zu zollen.
Die frommen Pilger glauben sich dadurch Gesundheit und langes Leben,
Schutz vor bösen Geistern und die Vergebung der Sünden, sogar der in
Zukunft noch zu begehenden, zu sichern. Als notdürftiges Obdach für
die Pilger sind am Fuß des Gipfelkegels, wo auch die buddhistischen
Mönche wohnen, eine Anzahl Bretterhütten errichtet. Übrigens wird der
Adamspik nur im Winter bis Anfang April besucht, und nur in dieser Zeit
halten sich die Mönche hier oben auf. Denn in den anderen Monaten, zur
Regenzeit, ist der Gipfel zumeist so schweren Gewittern ausgesetzt, daß
man ihn nicht besteigen kann.
Unseren Abstieg vom Adamspik traten wir in südlicher Richtung nach
+Ratnapura+ an, der Stadt der Edelsteine, von der ich schon früher
(Seite 37) gesprochen habe.
Die Graphitminen von Kurunegala
Das weitaus wichtigste Mineral Ceylons ist der +Graphit+, im Welthandel
auch Plumbago genannt. Er bildet einen der größten Exportartikel des
Landes und findet auch in der deutschen Industrie, besonders bei
unserer hochentwickelten Bleistiftfabrikation, neben dem sibirischen
Graphit in umfangreichster Weise Verwendung. +Kurunegala+, die
Hauptstadt der Nordwestprovinz, ist der Mittelpunkt des ceylonischen
Graphitgrubenbezirks, und als ich wieder einmal in dieser Gegend zu tun
hatte, beschloß ich, mir bei der Gelegenheit einen der Minenbetriebe
anzusehen.
Man konnte mit der Eisenbahn damals nur bis Polgahawela, der halbwegs
zwischen Colombo und Kandy liegenden Station, fahren und mußte von
dort den Postwagen mit der vielversprechenden Aufschrift „Royal Mail“
benutzen, doch war weder an dem alten klapperigen Omnibus noch an den
nicht minder klapperigen Rössern etwas Königliches zu bemerken. Als dem
einzigen Europäer unter den Passagieren überließ man mir den luftigen
Sitz neben dem singhalesischen „Schwager“, während die inneren,
höchstens für sechs Personen bestimmten Plätze mit zehn Eingeborenen
bepackt wurden, darunter auch zwei Burgher-Damen (Mischlinge) mit Kind
und Kegel, Schoßhündchen und Vogelbauer. Über dem herrlichen Gefährt
und rund herum waren zahllose Koffer und Reiseeffekten angebunden. Im
Zuckeltrab ging es auf der chaussierten Landstraße dahin, alle vier
Meilen wurden die Pferde ausgewechselt und durch andere, womöglich
noch steifbeinigere Klepper ersetzt. So erreichten wir langsam aber
sicher spät abends +Kurunegala+, eine ganz ansehnliche Stadt mit einem
Rasthaus, wo ich die Nacht verbrachte. Sie war für mich freilich kurz
genug, denn schon um drei Uhr morgens, also in tiefster Dunkelheit,
setzte ich meine Reise mit einem leichten zweiräderigen Ochsenkarren,
einem sogenannten Hackery, gezogen von einem Zebuöchslein, fort. Ein
Vergnügen ist das gerade nicht, denn diese nicht gefederten Karren
stoßen ganz jämmerlich, so daß einem nach ein paar Stunden zumute ist,
als ob man keinen heilen Fleck mehr am Leibe hätte. Der Zebuochse läßt
sich, wie seine braunen Herren und Meister, unendlich viel Zeit, denn
solche Einfälle, wie etwa der, einen neuen Geschwindigkeitsrekord
aufzustellen, liegen seinem gesunden Rindviehverstande vollständig
fern. Abgesehen von der Vibrationsmassage auf dem von Lastkarren
ausgefahrenen, holperigen Kieswege war die Fahrt bei Mondschein und
in der würzigen, frischen Nachtluft ganz angenehm. Es ging durch
ausgedehnten dichten Dschungel, der den Weg rechts und links beinahe
wie mit grüner Mauer umschloß, und der Karrenführer verkürzte mir
die Zeit durch Erzählungen von früher, als es hier noch Leoparden
und Elefanten in Fülle gab. Es tat mir sehr leid, daß ich statt der
Schrotflinte keine Kugelbüchse mitgenommen hatte, denn zweimal hätte
ich Gelegenheit gehabt, auf wilde Schweine zum Schuß zu kommen, und
alle Augenblicke sah ich einen Schakal auf dem mondbeschienenen Pfade
schleichen.
Um sechs Uhr stieg die Sonne hinter den Bergen empor und wir begegneten
einem mit zwei kräftigen Höckerochsen bespannten Lastkarren mit
Graphit. Um acht Uhr erreichten wir das aus ein paar Hütten bestehende
Dorf Gokarella. Hier nahm ich aus den mitgenommenen Vorräten ein
kleines Frühstück ein, Brot gibt es in dieser Gegend nicht mehr und
an die Reispfannkuchen der Singhalesen habe ich mich nie gewöhnen
können. Dem braven Zugöchslein war die Rast ebenfalls zu gönnen, denn
später hörte der Kiesweg auf und der Karren mahlte ächzend durch Sand,
so daß ich es vorzog, etwas zu Fuß zu gehen. Bald gab der Wald einen
entzückenden Ausblick auf die Berge frei, wo der Graphit abgebaut wird
und ein paar Häuschen an den Felsen kleben.
Als ich bei den Gruben angekommen war, arrangierte der Aufseher
bereitwilligst eine Besichtigung für mich. Die Hauptmine liegt in einer
mächtigen Felsspalte von 10 Meter Breite und 100 Meter Tiefe. Das ganze
deutet darauf hin, daß ehemals ein bedeutender Gießbach hier seinen
Ursprung gehabt haben muß, jetzt sind nur noch unbeträchtliche Quellen
vorhanden, die mit ein paar Rohrleitungen abgeführt werden. Die ganze
Art der +Graphitgewinnung+ ist höchst primitiv, moderne Maschinen
findet man nur in wenigen Gruben. Große Leitern aus Bambusrohr führen
fast völlig senkrecht in die Schlucht hinab und die Leitersprossen sind
durch den daran haftenden nassen Graphitschmirgel so schlüpfrig, daß
es geradezu halsbrecherisch ist, daran hinunterzuklettern. Hier und
dort fehlen auch ein paar Sprossen, dann muß man an den Seitenstäben
weiterrutschen. Alles, was man in der Grube anfaßt, ist naß und
schmierig von dem ölig fettigen Schmirgel. Am Grunde der Felsschlucht
führen schmale, etwa einen Meter hohe Stollengänge in das Gestein.
Beim matten Schimmer von Kokosöllämpchen, bestehend aus einem Stück
Kokosschale mit einem Zeugfetzen als Docht, krochen wir in einen der
Gänge hinein, überall sieht man den Graphit in Adern schimmern, die den
Granitfelsen durchziehen, dazwischen goldig glänzendes Erz, Kupferkies,
von den Bergleuten Wassergold genannt. Von den Stollen gehen wieder
senkrechte enge Schächte 100–200 Fuß in die Tiefe, je nachdem der Stand
des Grundwassers es erlaubt. In den Stollen schlagen die Bergleute,
durchweg Eingeborene, den Graphit in mehr oder minder großen Stücken
ab, und Hunderte von beinahe völlig nackten Kulis befördern die
Ausbeute in Holzeimern nach dem Hauptschacht, wo die Eimer von anderen
Kulis, die auf der großen Bambusleiter übereinander stehend verteilt
sind, von Hand zu Hand wandernd, nach oben befördert werden. Von
irgendwelchen Maschinerien oder Dampfpumpen ist in dieser Grube, wie in
den meisten, keine Spur vorhanden, alles wird mit der Hand betrieben.
Die Arbeitskräfte sind ja so billig. Auch Ventilationseinrichtungen
fehlen, deshalb herrscht hier unten eine Luft zum Ersticken und
man begreift es nicht, wie es die Leute in den Stollen stundenlang
aushalten können. Ich für meinen Teil hatte bald genug davon und trat
wieder den Rückzug an, diesmal mit dem eleganten „Lift“, bestehend aus
einer Regentonne, die mit einer Winde hinaufgezogen wurde. Makellos
sauber war ich in die Grube gestiegen, pechschwarz glänzend, von
Öligkeit triefend, langte ich wieder oben an, so daß ich zunächst
einmal ein Reinigungsbad nehmen und die Kleider wechseln mußte, während
mich der Aufseher mit Biskuits bewirtete, die auf ein Jubiläumsalter
von mindestens drei Jahren zurückblicken konnten. Der Graphit wird
gleich an Ort und Stelle von dem gröbsten anhaftenden Gestein befreit
und in die Fässer gepackt, in welchen man ihn von Colombo nach Europa
und Amerika verschifft.
Auf der Rückfahrt nach Kurunegala zog mit großer Schnelligkeit ein
Gewitter auf und bald goß es in Strömen, während der Donner in den
Bergen wiederhallte. Wir waren schon völlig durchnäßt, als wir
endlich auf eine Eingeborenenhütte stießen und Schutz darin fanden.
Die Insassen, Mann, Frau, Großmutter und ein halbes Dutzend Gören,
waren nicht wenig erstaunt über den hohen Besuch. Zur Verbesserung
der Zimmerluft zündete ich mir ein Pfeifchen an und offerierte dem
Singhalesen auch etwas Tabak, den er aber in den Mund steckte und zu
kauen vorzog. Nachher machte sich die Familie über ihren Reis mit Curry
her, während ich meinem Reisekoffer eine Wurst und eine Flasche Bier
entnahm und mir ein grandioses Abendessen leistete.
Als sich das Unwetter ausgetobt hatte, setzten wir zu später Nachtzeit
unsere Fahrt fort und kamen nach ein paar Stunden in Gokarella an, wo
ich den Rasthauswirt aus dem Schlafe klopfte, um bald darauf selbst
in tiefem Schlummer zu liegen. Am folgenden Tage gönnte ich mir Ruhe
und fuhr erst spät nachmittags nach Kurunegala. Dort bestieg ich am
nächsten Tage den Ibakgalla (Schildkrötenberg), auf dem sich eine
Vihara, ein Buddhistentempel, nebst einem kleinen Kloster befindet.
Einen Brunnen gibt es hier nicht, die Priester sind deshalb auf das
Regenwasser angewiesen, das sie in einem Sammelbecken auffangen. Von
den frommen Brüdern war gerade keiner anwesend, mit Ausnahme eines ganz
jungen kleinen Burschen, der aber ganz wie die Alten mit dem gelben
Priestergewand bekleidet war und ebenso wie diese einen kahlgeschorenen
Kopf hatte. Mein singhalesischer Begleiter behandelte den Knaben
übrigens genau so ehrfurchtsvoll wie einen erwachsenen Priester. Als
ich den Wunsch ausdrückte, den Tempel besichtigen zu dürfen, holte der
Punchi Unanse (Kleiner Hochwürden, wie ihn mein Begleiter anredete)
einen mächtigen Schlüssel und führte uns in den Tempel, in welchem es
außer den üblichen Buddhastatuen allerdings nichts zu sehen gab. Die
Statuen waren zumeist aus dem Felsen, an den sich der Tempel anlehnte,
selbst ausgehauen und mit ockergelber Farbe poliert, der süßliche Duft
der zum Opfer dargebrachten Tempelblume (~Michelia Champaca~) erfüllte
betäubend das Heiligtum.
[Illustration]
Fünftes Kapitel
Vom Elefanten und seinem Fang
Ceylon, die klassische Elefanteninsel — Unterschiede zwischen dem
indischen und dem afrikanischen Elefanten — Verschiedene Arten des
ceylonischen Elefanten — Seine Lebensweise — Einzelgänger und Rogues
— Intelligenz des Elefanten — Wie man die wilden Elefanten einfängt
— Ein von mir selbst geleiteter Kraal — Arbeitselefanten — Ein
widerspenstiger Dickhäuter — Jumbos Streiche — Die kitzelige Laura —
Erlebnis mit einem Rogue-Elefanten
Das stolzeste Hochwild Ceylons ist der +Elefant+. Ein wahrhaft
königliches Tier von überragender Bedeutung, das zu den
charakteristischsten Erscheinungen der Tropeninsel und ihrer Kultur,
ihres geistigen und wirtschaftlichen Lebens gehört. Man kann sich das
mächtige Rüsseltier aus der Geschichte Indiens gar nicht fortdenken, so
sehr ist es mit dieser verwachsen, wie schon daraus erhellt, daß es
im Sanskrit nicht weniger als etwa hundert verschiedene Bezeichnungen
für den Elefanten gibt. Schon in den ältesten Zeiten haben die
Inder den Elefanten gezähmt, ihn bei der friedlichen Arbeit und zum
Kriegsdienst verwendet, ihn zum Hausgenossen und Freund gemacht. Er
wurde zum Prunktier des indischen Fürsten; eine möglichst große Anzahl
stattlicher Elefanten zu besitzen, sie als Reittiere zu benutzen und
bei festlichen Anlässen pomphaft geschmückt vorzuführen, galt seit
alters und gilt noch heute als eine der vornehmsten Standespflichten
des Radschas. Aber die außerordentliche Wertschätzung des edlen
Tieres ging noch viel weiter, bekundete sich in seiner Erhebung zum
hehren Symbol. Nicht bloß, daß die indischen Dichter den Elefanten
als Sinnbild der Weisheit und des Mitgefühls priesen, verlieh man
dem Gott Ganesa, dem Schirmherrn der Künste und Wissenschaften, in
den Tempeln das Haupt eines Elefanten; ein Elefant war das Reittier
Indras, des gefeiertsten altindischen Gottes, acht Elefanten tragen
das Weltall, und den Buddhisten gilt der weiße Elefant als eine
anbetungswürdige Inkarnation der verschiedenen Buddhas. Zahllos sind
die Elefantenskulpturen an den heiligen Stätten Indiens, überall sieht
man den Kopf oder den ganzen Körper des Dickhäuters in Stein gemeißelt,
bald in kolossalen Größenverhältnissen, bald in Miniaturdarstellungen.
Ist dieser Kultus, der mit dem Elefanten getrieben wird, für ganz
Indien im allgemeinen bezeichnend, so steht er in +Ceylon, der
klassischen Elefanteninsel+, in ganz besonderer Blüte. Singhalese und
Elefant gehören zusammen. Ja, man darf ohne Übertreibung behaupten, daß
der Rüsselträger im kulturellen Leben der Singhalesen unverwischbare
Spuren hinterlassen und die ganze Denkungsart des Volkes stark
beeinflußt hat.