lieber an den interessanten Bildern, die ihm das Volksleben Kandys auf
Schritt und Tritt beschert. Alles spielt sich in großer Unbefangenheit
öffentlich ab, denn die „kleinen Leute“ Ceylons kennen nicht die
Zugeknöpftheit, die der Singhalese in gehobener sozialer Stellung
trotz äußerlicher Höflichkeit dem Europäer gegenüber bekundet und die
so weit geht, daß er es vermeidet, mit ihm zusammen an einem Tische
zu essen. Bei der Gelegenheit möchte ich einige Bemerkungen über
die häuslichen +Sitten und Gewohnheiten der unteren singhalesischen
Volksklassen+ einschalten. Im allgemeinen sind die Singhalesen sehr
friedliebender Natur, Streitigkeiten und Schlägereien kommen nur selten
vor. Die Frauen weichen allerdings öfter von dieser Regel ab, und ist
erst einmal ein Zank unter ihnen ausgebrochen, so ist des Keifens kein
Ende. Dabei wird dann getobt und gekreischt, daß es von einem Ende der
Straße zum andern schallt und daß einem Hören und Sehen vergehen kann.
Die Männer schauen solchen „Auseinandersetzungen“ mit philosophischem
Gleichmut zu, solange sie nicht selber in Mitleidenschaft gezogen
werden. Erst dann greifen sie ein, aber gründlich. Der erste beste
Gegenstand, der sich zum Prügeln eignet, wird gepackt und mit seiner
Hilfe wird der besseren Hälfte nachdrücklich klar gemacht, daß die
Zeit besser zur Arbeit im Hausstand als zum Zanken zu verwenden ist.
Vernachlässigt eine Frau ihre Pflichten als Hausmutter zu sehr oder
wird sie dem Manne gar untreu, so jagt er sie einfach davon, denn
ein verwickeltes Scheidungsverfahren, wie in Europa, kennt man in
Indien nicht. Sind Kinder vorhanden, so übernimmt sie der Mann. Solche
verstoßene Frauen geraten oft in die äußerste Not, da kein anderer
Mann sie aufnimmt und ihnen auch meistens die Türen des Elternhauses
verschlossen bleiben; sie müssen froh sein, wenn sie irgendwo als
Dienstmagd Unterkunft finden.
Das heiratsfähige Alter beginnt beim Mann mit dem neunzehnten, beim
Mädchen mit dem dreizehnten Lebensjahre, zuweilen auch wohl früher, da
die ungebildeten Eingeborenen ihr Alter selten genau angeben können.
Fragt man bejahrte Leute, wie alt sie sind, so erhält man gewöhnlich
die Antwort: „Mindestens hundert Jahre“, auch wenn es in Wirklichkeit
vielleicht nur siebenzig sind. Hat der Sohn das heiratsfähige Alter
erreicht, so geht der Vater für ihn auf die Brautschau und verständigt
sich mit den Eltern des in Aussicht genommenen Mädchens. Nach einigen
Tagen besucht dann der junge Mann die Eltern des Mädchens, und zwar
in Begleitung eines Freundes. Gefällt ihm das Mädchen, so bleibt er
gleich dort oder nimmt das Mädchen mit in sein Haus, je nachdem wie es
zwischen den beiderseitigen Eltern abgemacht war. Sagt ihm das Mädchen
aber nicht zu, so entfernt er sich stillschweigend und der Vater hat
nach einer anderen Schwiegertochter Umschau zu halten. Auch das junge
Mädchen hat das Recht, einen ihr unsympathischen Freier abzulehnen.
Im allgemeinen sind für das Zustandekommen der Ehe rein praktische
Erwägungen maßgebend. Für schwierige Liebesgeschichten, für Schmachten
und „Hangen und Bangen in schwebender Pein“ nach europäischem Vorbild
hat der Inder gar keinen Sinn. Ist die Mitgift angemessen und zeigt
das in Aussicht genommene Mädchen keine auffälligen Fehler, verspricht
sie eine ordentliche Hausfrau und gute Mutter der bestimmt erwarteten
Kinder zu werden, so ist man sich schnell im Reinen und das Ehebündnis
tritt dann, wie schon gesagt, ohne weitere Förmlichkeiten sofort in
Kraft.
Der Singhalese ist kinderlieb und behandelt seine Sprößlinge, so lange
sie klein sind, meistens mit großer Zärtlichkeit. Die kleinen Kinder
laufen, nur mit ein paar Schmucksachen behängt, nackt herum und sehen
mit ihrer braunen Haut, ihren großen Augen sehr hübsch und drollig aus.
Um ihre Erziehung macht sich der Eingeborene der unteren Klassen gar
keine Sorge. Von den auf dem Lande wohnenden Singhalesenkindern besucht
höchstens der zehnte Teil die Dorfschule, die es aber auch nur in
größeren Orten gibt. In der Stadt ist es damit etwas besser bestellt,
aber auch nicht viel. Die Knaben müssen frühzeitig den Vater bei der
Arbeit unterstützen und die Mädchen desgleichen der Mutter im Haushalt
zur Hand gehen. In ihren aus Holz gezimmerten kleinen Häuschen oder
den aus Lehm gebauten, mit Palmenblättern bedeckten Hütten führen die
Singhalesen ein sehr einfaches, einförmiges Leben, das nur gelegentlich
durch die Teilnahme an den religiösen Festen oder den Besuch der
Jahrmärkte mit ihren Belustigungen eine Unterbrechung erfährt. Der
Hausrat ist ganz gering und besteht gewöhnlich nur aus ein paar alten
Decken, einigen Töpfen und Schüsseln und anderen unentbehrlichen
Geräten, wie Axt, Schlagmesser und dergleichen. Als Bett dient eine
Bastmatte auf dem Fußboden, nebst einem Kopfkissen. Wenn sich der
Mann bei Tagesanbruch erhebt, ist das erste, wonach er greift, die
+Beteldose+. Der Betel besteht aus der geschabten Nuß der Betelpalme
mit einem Blatt von einem pfefferartigen Rankengewächs, wozu etwas
gebrannter Muschelkalk und, wenn er’s hat, etwas Tabak beigemischt
wird. Das ist das liebste und meistens auch einzige Anregungsmittel des
Eingeborenen. Auch die Frauen kauen gern Betel. Mund und Zähne werden
dadurch braunrot gefärbt. Seine erste Mahlzeit nimmt der Singhalese
morgens gegen acht Uhr in Gestalt eines Gebäcks aus Karakankorn ein,
mittags und abends ißt er sein ewiges Reis mit Curry.
Nach dieser Abschweifung komme ich auf Kandy zurück, das übrigens
in dem am See gelegenen, damals von einem Deutschen geleiteten
Queen’s Hotel eines der besten Gaststätten Asiens besitzt. Unter
den vielen Ausflügen in die schöne, landschaftlich hervorragende
Umgebung ist einer der beliebtesten an den Fluß Mahaweli Ganga, wo
man Gelegenheit hat, zahme Elefanten beim Baden zu beobachten. Die
größte Sehenswürdigkeit der weiteren Umgebung aber, zugleich eine
Weltberühmtheit, ist der +Botanische Garten von Peradeniya+, die
großartigste Anlage dieser Art in ganz Asien, die in wissenschaftlicher
Hinsicht mit dem nicht minder berühmten Garten von Buitenzorg auf
Java wetteifert. Der Garten von Peradeniya, 7 km von Kandy entfernt,
wird in einem großen Bogen vom Mahaweli Ganga eingeschlossen und
ist ganz als Park angelegt, ein ideales Lustrevier zum Umhergehen
— aber nicht zum Sitzen oder auch nur längeren Stehenbleiben auf
den bewachsenen Flächen, denn das bekommt bei den massenhaften
Insekten, unter denen sich arge Blutsauger befinden, zu schlecht.
Alle Gewächse der tropischen und subtropischen Flora sind hier mit
charakteristischen Exemplaren vertreten, sämtliche Palmenarten, alle
Nutz- und Zierpflanzen, alle Schlinggewächse, Orchideen, Farne, Moose
und Schwämme. Den Laien fesseln in dieser erdrückenden, grünenden,
blühenden, duftenden Fülle am meisten die botanischen Kuriositäten, wie
die insektenfressenden Pflanzen und jene höchst empfindlichen Gewächse,
wie die ~Mimosa pudica~, deren Blätter bei der geringsten Berührung
sofort zusammenklappen.
Die von Colombo kommende Eisenbahn führt von Peradeniya aus in
sechsstündiger Fahrt weiter ins Hochgebirge hinauf nach +Nuwara
Eliya+. Es ist eine hochinteressante Gebirgsbahnstrecke mit starken
Steigungen, kühn angelegten Kurven, Tunnel- und Brückenbauten, reich
an überraschend großartigen Ausblicken auf Schluchten, schäumende
Bergströme und ragende Gipfel. Je höher es hinaufgeht, desto mehr
bleibt die tropische Vegetation zurück und allmählich nimmt die
Landschaft einen fast nordischen Charakter an. Verläßt der Reisende
an seinem Ziel in Nuwara Eliya den Wagen und ist es gerade an einem
der zahlreichen regenfeuchten Tage der kälteren Jahreszeit, so fühlt
er sich förmlich unter einen ganz anderen Himmelsstrich versetzt.
Es weht hier eine so kühle, an deutsche Herbsttage erinnernde Luft,
daß der verwöhnte Tropenbewohner sich fröstelnd in den Mantel hüllt
und dennoch wieder mit unendlichem Behagen das frische, fast rauhe
Hochgebirgsklima, das die erschlafften Lebensgeister anregt, den Lungen
reichlichen Stoff zuführt, auf den Körper einwirken läßt.
+Nuwara Eliya+, von den Engländern abgekürzt meistens +Nurellia+
genannt, liegt 1900 ~m~ hoch über dem Meer am Gregorysee in einem
wasserreichen, offenen Hochtal unweit der höchsten Erhebung Ceylons,
des 2538 ~m~ hohen Pidurutalagalla. Die mittlere Jahrestemperatur
beträgt 14 Grad Celsius und in den Wintermonaten nähert sich das
Thermometer oft dem Gefrierpunkt. Nurellia hat sich infolgedessen zum
beliebtesten klimatischen Erholungsort nicht nur Ceylons, sondern ganz
Südasiens entwickelt. Wer von den Kolonisten sich die zeitraubende
und kostspielige Reise nach Europa nicht leisten kann, der fährt
wenigstens für ein paar Wochen nach Nurellia hinauf, um hier eine Art
„Europa-Ersatz“ zu genießen. Für das fiebernde Blut, die stockenden
Säfte, die mangelhaften Funktionen der inneren Organe, das schwer
niedergedrückte Gemüt und alle anderen Gebrechen, mit denen die
allerhöchste Obrigkeit das Wandeln unter Palmen bestraft, gibt es
hier Linderung in der herben Luft. Es ist deshalb, außer Hotels und
Pensionen, eine ganze Villenkolonie in Nurellia, einem sonst ziemlich
unbedeutenden Ort, entstanden. An lockenden Ausflugszielen fehlt es
nicht. Das schönste ist Worlds End (Weltende) im Urwald von Pattipola,
so genannt deshalb, weil man hier plötzlich vor einem 1500 ~m~ tiefen
Abgrund steht, der an Steilheit nicht seinesgleichen auf Erden hat.
Vom Rande des furchtbaren Abgrundes eröffnet sich ein überwältigend
großartiger Ausblick auf das tief zu Füßen liegende Flachland von
Süd-Ceylon.
Das im Zentrum des nördlichen Flachlandes gelegene +Anuradhapura+,
mit etwa 5000 meist tamulischen Bewohnern, wäre ein ziemlich
bedeutungsloser Ort, wenn es nicht durch seine buddhistischen
Altertümer, die in ihrer Art und Ausdehnung überhaupt nicht
ihresgleichen haben, nicht nur für Ceylon, sondern für die ganze
indische und buddhistische Welt von größter Bedeutung wäre. Als
ältester Königssitz der Singhalesen, als heilige Stadt des Buddhismus
blickt Anuradhapura auf eine geschichtlich nachweisbare Vergangenheit
von ungefähr 2500 Jahren zurück, aber wahrscheinlich hat es auch schon
viel früher eine bedeutende Rolle gespielt. Soviel ist sicher, daß
Anuradhapura bald nach Buddhas Auftreten, etwa 400 Jahre vor Christus,
die Hauptstadt Ceylons wurde und es mehr als 1200 Jahre blieb, bis die
vom indischen Festland kommende Invasion der Tamulen seiner Blütezeit
ein Ende machte und die Bewohner vertrieb. Seitdem hat Anuradhapura
bis in die neueste Zeit in völliger Verödung dagelegen. Allerdings
blieb es die langen Jahrhunderte hindurch immer ein Wallfahrtsziel der
Buddhisten, aber nach indischer Gewohnheit hat sich niemand auch nur
im Geringsten um die Erhaltung und Pflege der Tempel und sonstigen
Bauwerke gekümmert. Man ließ sie ruhig verfallen, ließ allmählich die
üppige tropische Vegetation ihr grünes Leichentuch über die Trümmer
der großen Stadt weben, bis endlich nur hier und dort noch einige
Tempel von größerer Widerstandsfähigkeit, halb zerstört und vom Gras
überwuchert, an die volkreiche, heilige Königsstadt von ehemals
erinnerten. Erst vor etwa hundert Jahren wurden europäische Reisende
auf die in der Erde verborgenen Altertümer aufmerksam und seitdem
hat man nun durch planmäßige Ausgrabungen und wissenschaftliche
Untersuchungen das, was vom uralten Anuradhapura noch übrig geblieben
ist, aufgedeckt und gerettet, so gut es ging.
Bisher ist nur ein Teil der Stadt freigelegt, große Gebiete sind
noch unter dem Dschungel verborgen. Die Ruinen bedecken eine Fläche
von vier Quadratkilometer. Hunderte von buddhistischen Bauten,
Topes oder Stupas (Gedächtnismale), sowie Dagobas befinden sich
hier. Die Dagobas bestehen aus einem quadratischen Steinsockel mit
glockenförmigem, massivem Aufbau, der in eine Spitze ausläuft, sie
dienten zur Aufbewahrung von Heiligenreliquien und nehmen hier die
gewaltigsten Formen an, die die buddhistische Welt kennt. Dazu
gesellen sich Überreste von Klöstern, Säulenhallen, kunstvoll
gemeißelte Pfeiler, ausgemauerte Badeteiche, rings von Marmortreppen
umgeben, und die in archäologischer Hinsicht besonders interessanten
sogenannten Mondsteine, das sind halbkreisförmige, reich ornamentierte
Steinplatten vor den Stufen der Toreingänge. In den Augen der
buddhistischen Wallfahrer aber ist das größte Heiligtum ein ziemlich
dürftig aussehender Bo-Baum (~Ficus religiosa~), der auf einer
kunstvoll geschmückten Terrasse wächst. Nach der Überlieferung ist
es ein Ableger jenes berühmten Bo-Baumes, unter welchem Buddha die
göttliche Erleuchtung zu seinem Erlöserwerk empfing. In botanischer
Hinsicht wäre das wohl möglich, da der Bo-Baum sich durch Luftwurzeln
fortpflanzt und sich deshalb Jahrtausende lang immer wieder erneuern
kann.
Auf eine Beschreibung der zahlreichen Altertümer von Anuradhapura,
unter denen es auch gewaltige Pyramidenbauten gibt, kann hier wohl
verzichtet werden. Nur soviel sei gesagt, daß sie trotz ihrem
Verfall doch deutlich erkennen lassen, auf welcher hohen Stufe der
Kunstfertigkeit und des Geschmacks die damaligen Bewohner Ceylons
standen. Nach den ausführlichen Berichten der uralten ceylonischen
Chroniken waren die Paläste, Tempel und anderen Bauten Anuradhapuras
unter Verwendung der kostbarsten Materialien aufs reichste
ausgeschmückt, es schimmerte alles von Gold, Silber, Elfenbein,
wertvollen Steinen, edlen Hölzern. Jetzt streichen durch diese
versunkene Welt eines märchenhaften Glanzes tamulische Kinder und
Bettler und bieten dem Fremden für eine kleine Münze Blätter des
heiligen Bo-Baumes an ....
Halbwegs zwischen Kandy und Anuradhapura liegt die Ortschaft
+Dambulla+, berühmt durch die fünf Höhlentempel, die von dem
Singhalesenkönig Valagam Bahu, der während der Tamulenherrschaft
hier eine Zuflucht gefunden hatte, angelegt wurden und seit zwei
Jahrtausenden dem Buddhadienst geweiht sind. Eine 18 Meter hohe Mauer
bildet die Außenwand der hoch über dem Abgrund gelegenen Tempelhöhlen.
In den Tempeln befinden sich zahlreiche von den Gläubigen hochverehrte
Heiligenbildnisse, u. a. eine aus dem Fels gehauene liegende
Buddhastatue von 14 Meter Länge.
Von Dambulla führt in schnurgerader Richtung, fast immer durch
prächtigen wildreichen Dschungelwald, eine 100 ~km~ lange Landstraße
nach +Trincomali+ (die letzte Silbe wird betont), einer 12000 Einwohner
zählenden Stadt an der Ostküste. Sie besitzt einen der besten
natürlichen Häfen der Welt und war früher als Flottenstation stark
befestigt, ist aber, wie alle Küstenplätze Ceylons, außer Colombo,
für den See- und Handelsverkehr ohne Bedeutung. Von den schönen
Uferpartien an der Bucht, wo die Kokospalmenwälder sich unmittelbar
bis ans Ufer erstrecken und in dem ruhigen Wasser spiegeln, gibt unser
Vollbild bei Seite 96 eine gute Vorstellung.
Von den übrigen Ortschaften der Ostküste Ceylons sei noch +Batticoloa+,
die Hauptstadt der Ostprovinz mit 10000 Einwohnern und einem
alten Fort, erwähnt. Alle vierzehn Tage werden sämtliche größeren
Küstenplätze der Insel von einem Küstendampfer von Colombo aus auf
einer Rundfahrt berührt.
Von Colombo fährt eine Küstenbahn in südlicher Richtung bis Matara, dem
südlichsten Punkt der Insel. Auf dieser Strecke berührt man zunächst
einen der beliebtesten Ausflugspunkte der Colombischen Fremdenkolonie,
das auf einem Felsen über dem Meer malerisch gelegene +Mount
Lavinia-Hotel+, ursprünglich das Landhaus eines früheren Gouverneurs
von Ceylon, jetzt ein komfortables Hotel mit vielbesuchtem schönen
Seebad an dem sandigen Strand, dessen Gewässer durch ein vorgelegtes
Riff gegen Haifische geschützt ist. An einer Reihe unbedeutender
Küstenorte vorbei geht dann die Fahrt nach +Galle+, mit 42000
Einwohnern Ceylons zweitgrößter Stadt. Galle war einst der Haupthafen
der Insel und ist erst in neuerer Zeit von Colombo überholt worden. Die
Eisenbahn endigt bei der an Ceylons Südspitze liegenden Stadt +Matara+.
Die +Haifische+, von denen soeben die Rede war und die eine Länge von
mehreren Metern erreichen, sind eine sehr unangenehme Beigabe des
Indischen Ozeans, wie aller südlichen Meere, da sie sich hauptsächlich
an den Küsten aufhalten und hier als kühne, gierige Räuber unter den
Fischern und Schiffsleuten oft Unheil anrichten. Denn es scheint, als
ob der Hai Menschenfleisch über alles schätzt und sich, im Gegensatz
zu den meisten anderen Tieren, seiner Stärke dem Menschen gegenüber
wohlbewußt ist. Seinetwegen ist das Baden an ungeschützten Stellen
immer mit einem gewissen Risiko verknüpft, denn der Hai versteht
es ausgezeichnet, sich schnell und unbemerkt an Unvorsichtige
heranzumachen, und hat er jemanden erst einmal mit seinem furchtbaren
Gebiß am Beine gepackt, so ist der Unglückliche in den meisten Fällen
verloren, er wird unter Wasser gezogen und sozusagen im Handumdrehen
zerfleischt, in Stücke gerissen, verschlungen. Glückt es vielleicht
durch besonders günstige Umstände, daß man dem Überfallenen rasch
zu Hilfe kommt und den gefräßigen Räuber, der eine unglaubliche
Dreistigkeit zeigt, verjagt, so trägt das unvorsichtige Opfer des
Angriffs doch meistens sehr schwere Wunden davon.
Ich bin selbst einmal Augenzeuge eines derartigen traurigen Vorfalls
gewesen, und zwar im Hafen von Colombo zur Zeit des Burenkrieges.
Man hatte damals in Ceylon zwei Internierungslager für gefangen
genommene Burenkämpfer angelegt und ich war von der Regierung mit
der Verproviantierung dieser Lager sowie der Dampfer, welche die
Burentransporte nach Colombo brachten, beauftragt worden. Als ich mich
eines Nachmittags an Bord eines der im Hafen liegenden Dampfer befand
und auf Deck mit dem Kapitän unterhielt, fiel es dem Ingenieur des
Dampfers ein, ein Erfrischungsbad im Hafenwasser zu nehmen. Uns allen
kamen deshalb keinerlei Bedenken, denn die Haie pflegen dem unruhigen
Treiben im Hafenbecken fern zu bleiben und noch niemals hatte ich davon
gehört, daß jemals einer der vielen Eingeborenen und Schiffsleute, die
täglich im Hafen baden, attackiert worden wäre.
Der Ingenieur, ein gewandter Schwimmer, sprang also hinab in die
Flut und zerteilte sie, weiter ins Freie hinaus den Molenköpfen
entgegenschwimmend, mit kraftvollen Stößen. Während der Kapitän und
ich ihn plaudernd mit den Augen verfolgten, sahen wir plötzlich zu
unserem großen Schreck in Nähe des Schwimmers das berüchtigte und
gefürchtete Kennzeichen eines Haifisches, die dreieckig gestaltete
Rückenflosse, die, wenn das Tier an der Oberfläche schwimmt, über
den Wasserspiegel hervorragt. Wir schrieen aus vollem Halse, um den
Mann auf die ihn bedrohende furchtbare Gefahr, die er anscheinend
noch gar nicht bemerkt hatte, aufmerksam zu machen und ihn zum
schleunigen Rückzug zu veranlassen, falls ein Entkommen überhaupt
noch möglich war. In demselben Augenblick warf sich aber der Hai,
ein Tier von ungewöhnlicher Größe, auch schon auf den Rücken, wie er
es immer tut, wenn er zum Angriff übergeht, denn er kann wegen der
eigentümlichen Stellung seines Maules nur in der Rückenlage von seinem
Gebiß den richtigen Gebrauch machen. Jetzt nahm auch der Ingenieur
das Untier wahr und warf sich, mit den Beinen strampelnd, zurück in
Richtung zu uns. Aber ein paar Sekunden später packte ihn schon der
Hai und durchbiß ihm den einen Fuß. Der Schwimmer verlor nicht die
Geistesgegenwart und suchte sich mit der Kraft der Verzweiflung durch
wildes Umsichschlagen von der Bestie zu befreien, denn wenn der Hai
überhaupt vor etwas Scheu hat, so sind es heftige Bewegungen der von
ihm angegriffenen Person. Aber dieser Haifisch ließ sich auch dadurch
nicht beirren, sondern griff den Unglücklichen zum zweitenmal an und
zerfleischte ihm diesmal mit seinen scharfen, spitzen Zähnen den
Oberschenkel desselben Beines.
Wir, der Kapitän und ich, waren inzwischen in das Boot gestürzt, das
glücklicherweise an dem heruntergelassenen Fallreep gerade bereit
lag, und ruderten mit aller uns zu Gebote stehenden Kraft auf den
mit der Bestie ringenden Ingenieur los. Es gelang uns zwar, den
Haifisch mit Ruderschlägen zu verjagen und den Mann, der schon halb
ohnmächtig war, ins Boot hineinzuziehen, aber als wir ihn an Bord
geschafft hatten, zeigte es sich, daß bei der Schwere der Wunden und
dem enormen Blutverlust alle Hilfe zu spät kam. Ohne das Bewußtsein
wiederzuerlangen, tat der Unglückliche nach wenigen Minuten in unseren
Armen den letzten Atemzug. ... Noch am selben Abend wurde die Leiche
zum Kirchhof der Europäer überführt, wo so mancher unter Palmen zum
ewigen Schlaf gebettet ist. Es waren sehr traurige Stunden für uns.
Der Vorfall erregte allgemeines Aufsehen, weil man das Hafenbecken
bisher immer für haifischfrei gehalten hatte. Jedenfalls war das
Tier durch die vielen verdorbenen Lebensmittel, die damals auf den
Transportschiffen über Bord geworfen wurden, angelockt worden.
Eine Besteigung des Adamspiks
Der +Adamspik+ gilt in den Augen der größten Kulturvölker Asiens als
heiliger Berg, seit mehr als 2000 Jahren verherrlicht ihn die fromme
Sage als Schauplatz der wunderbarsten Ereignisse. Nicht nur, daß sein
Name an den biblischen Stammvater des ganzen Menschengeschlechts,
dessen Gestalt sich auch der Islam zu eigen gemacht hat, anknüpft,
spielen auch Buddha, der Begründer der weitestverbreiteten
Weltreligion, und sein brahmanischer Rivale Schiva auf dem Adamspik
eine bedeutende Rolle. Wie es bei den von der Legende verherrlichten
Bergen fast immer der Fall ist, fesselt auch Ceylons heiliger Berg
schon von weitem die Aufmerksamkeit, entbietet er doch dem Ankömmling
zur See schon auf viele Meilen Entfernung den ersten Willkommensgruß
der Insel. Zylindrisch zugespitzt, von schöner Gestalt, erhebt sich
der Felsenkegel des Adamspiks an der südwestlichen Ecke des zentralen
Gebirgslandes. An Höhe wird er allerdings vom Pidurutalagalla im
Zentrum des Hochlandes bei Nurellia übertroffen, der bis zu 2538
~m~ aufsteigt, während der Adamspik es nur auf 2241 ~m~ bringt,
dem Auge jedoch durch seine günstige Lage und auffallendere Form
größer erscheint als der rundlich gewölbte, minder ansehnliche
Pidurutalagalla. In den uralten Chronikbüchern der Singhalesen wird
der Adamspik schon vor mehr als 2000 Jahren unter dem Namen Samanala,
d. h. die Burg des Wächtergottes Saman, erwähnt, schon damals galt
der Gipfel des Berges für ein berühmtes Heiligtum. „Das gestattet
den Schluß auf ein noch viel höheres Alter des betreffenden Kultus,“
schreibt Ernst Haeckel, der den Adamspik bestiegen hat. „In der Tat
spielt der Berg bereits in den ältesten Legenden des Buddhismus eine
Rolle, wie die schöne Insel selbst in dieser mächtigsten Religion
des Ostens. Als Buddha inmitten eines furchtbaren Gewittersturmes
herniederfährt, betritt er die grüne Insel unter Donner und Blitz,
er verjagt das wilde Heer der bösen Geister, die bis dahin Ceylon
beherrscht hatten, und schlägt selbst inmitten dieses Paradieses seinen
Sitz auf. Hier verkündigt er zuerst sein Evangelium vom Nirwana und
lehrt die Menschen ihr Glück in der Entsagung suchen: ohne Wunsch zu
leben, um ohne Furcht zu sterben. Hier ist es, wo der Pessimismus
zuerst klaren Ausdruck fand. Andächtig lauscht das zusammengeströmte
Singhalesenvolk der Heilsbotschaft des Mensch gewordenen Gottes. Die
berauschende Pracht der umgebenden Tropennatur, die uns Nordländern
als der verkörperte Paradiesgarten erscheint, hindert die Eingeborenen
nicht, auf alles Glück derselben Verzicht zu leisten, und dem Beispiel
seiner versammelten Fürsten und Adelsgeschlechter folgend, wird bald
das Volk zur Buddhalehre bekehrt. Als bleibende Denkmäler seines
Besuchs hinterläßt Buddha bei seiner Himmelfahrt nicht allein eine
Handvoll seines Haupthaares, sondern auf besonderes Gebet des Königs
auch den Eindruck seines Fußes. Dieser +heilige Fußtapfen+ blieb an dem
Punkt zurück, auf welchem der Fuß des Buddha die Erde zum letztenmal
berührte, auf der höchsten Felsenspitze des Samanala.“