Das Tau wurde hinabgelassen und Onkel Kravell band sich das Ende um die

Hüfte. Wir Europäer faßten in der Mitte und die Eingeborenen am anderen

Ende an und der Kapitän rief: „Zieht Leute, zieht! ~One, two, three!~“

Bei drei zogen wir jedesmal an, aber wir mußten tüchtig ziehen, denn

Onkel Kravell wog die Kleinigkeit von mehr als zwei Zentner. Wir

waren froh, als wir das lächelnde Gesicht und den schön gerundeten

Bauch des Onkels über dem Brunnenrand auftauchen sahen. Auf unsere

Frage, wie er das Kunststück angestellt hätte, berichtete er, er hätte

sich in einer unwiderstehlichen Anwandlung von Weltschmerz auf die

Brunnenmauer gesetzt und wäre dann hintenüber gepurzelt. Die Zisterne

hatte einen Durchmesser von etwa drei Meter und bis zum Wasserspiegel

war sie vier Meter tief. Das Wasser muß den Sturz gemildert haben,

jedenfalls bewahrheitete sich hier wieder die landläufige Ansicht,

daß „animierte“ Leute ihren eigenen Schutzgeist haben und sich nichts

entzweifallen. Völlig nüchtern war der Onkel jetzt aber, und nachdem

er sich seiner nassen Kleider entledigt hatte, packte er sich ins

Bett. Wir gratulierten uns, daß er nicht das Genick gebrochen hatte —

und pokulierten weiter. Böse Zungen behaupteten später, Onkel Kravell

hätte am Brunnenrand ein Stelldichein mit einer eingeborenen Schönheit

gehabt. Aber das war Verleumdung, denn dann hätte er doch unfehlbar das

Mädchen mit sich in die Tiefe gerissen — und wir haben ganz bestimmt

nur +eine+ Person herausgefischt.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch ein anderes Geschichtchen aus

jener Zeit zum besten geben, nämlich: Wie ein Königstiger hypnotisiert

werden sollte.

Wir Insassen unseres Bungalows waren mit einigen anderen Mitgliedern

der deutschen Kolonie von einer befreundeten italienischen Familie

zum Dinner geladen. Noch ein fremder Gast nahm teil, der uns als ein

italienischer Graf Vittorio vorgestellt wurde. Bei Tisch kam die Rede

auf übersinnliche Kräfte, Hypnotismus usw. Ein Teil der Gesellschaft

glaubte daran, andere wollten von deren Existenz nichts wissen — die

letztere Partei nahm auch ich. Nun sagte der Graf, er wolle uns nach

Tisch ein kleines Experiment zeigen, und als die Tafel aufgehoben

war und wir bei Kaffee und Zigarren weiterplaudernd beisammen saßen,

bat der Graf die Gesellschaft, einen Herrn zu bestimmen, der einen

Augenblick hinausgehen sollte. Durch allgemeinen Zuruf wurde Freund

Adalbert erwählt, hinauszugehen. Nun fragte der Graf, was dieser

Herr beim Wiederhereinkommen tun sollte, und man einigte sich dahin,

daß Adalbert vor der Hausfrau niederknien und sich einen „Whisky und

Soda“ erbitten solle. Kaum war Freund Adalbert gerufen, als er ganz

verstört hereinstürzte, mit langen Schritten auf die Dame des Hauses,

die am anderen Ende des Zimmers saß, zuging, sich ihr zu Füßen warf

und die Worte hervorsprudelte: „~Give me a Whisky and Soda~“ ohne erst

„~Please~“ hinzuzufügen. Nachdem er den Whisky bekommen und getrunken

hatte, beruhigte er sich wieder, aber wir waren durch das vollkommen

gelungene Experiment höchst verblüfft, und es war so unheimlich

gewesen, daß wir auf weitere Proben der Kunst des Grafen verzichteten.

Nachher erzählte mir eine Dame, die mit zur Tischgesellschaft gehörte,

welch unangenehmes Gefühl sie gehabt hätte, wenn sie nur einen

zufälligen Blick des Grafen auffing.

Am nächsten Tage besuchte mich Freund Adalbert, den ich mit den

Worten begrüßte: „Schön, daß Sie kommen; ich habe von Kalkutta einen

bengalischen Tiger bekommen, der in einen größeren Käfig umgesetzt

werden soll.“ Wir gingen nun nach dem Hintergarten, wo unter den

Kokospalmen eine große längliche Kiste stand, deren eine Schmalseite

von einem starken Eisengitter gebildet wurde, hinter dem ein

stattlicher Königstiger sichtbar war. An der entgegengesetzten schmalen

Seite war eine Falltür, an diese lehnte sich eine andere ähnliche,

aber etwas größere Kiste. Wir versuchten durch lautes Einreden auf

den Tiger und durch Schreien, das Tier zu bewegen, rückwärts in den

anderen Käfig hineinzugehen, denn umdrehen konnte er sich in dem

schmalen Kasten nicht. Aber der Tiger blinzelte nur mit den Augen. Dann

versuchten wir, das Tier mit einer Stange rückwärts zu treiben, aber

es bog dieselbe nur wild fauchend mit den Tatzen zur Seite. Ich sagte

nun zu Freund Adalbert, mehr im Scherz: „Was meinen Sie, könnten wir

den Tiger nicht durch den Grafen Vittorio hypnotisieren lassen? Sein

durchbohrender Blick treibt den Tiger vielleicht zurück.“ Da der Freund

der Ansicht war, dies könnte versucht werden, sandten wir einen Boten

an den Grafen ins Hotel, und bald kam er auch angefahren und erklärte

sich in liebenswürdiger Weise bereit, sein Heil bei dem Tiger zu

versuchen.

Nun spielte sich eine eigentümliche Szene ab. Während mein Jäger

Fernando oben auf der Kiste hockte und die beiden Falltüren hochhielt,

stand der Graf vor den Eisenstäben und schoß durchbohrende Blicke auf

den Tiger ab, der den Grafen nur verwundert ansah, sich mit der Zunge

einmal rechts, einmal links das Maul leckte, sonst aber keine Miene

machte, sich rückwärts zu konzentrieren. Das Talent des Grafen, das

sich in der gestrigen Abendgesellschaft so wirksam gezeigt hatte,

versagte dem Tiger gegenüber vollständig. Es blieb nun nichts anderes

übrig, als zum Feuerbrand zu greifen, obwohl mir lieber gewesen wäre,

den Schnurrbart des Tigers nicht zu gefährden. Man brachte eine lange

Fackel herbei, aus getrockneten Palmenblättern, mit etwas Kolophonium

untermischt, und dem Tiger wurde damit unter die Nase gefuchtelt,

so daß er sich endlich langsam und fauchend rückwärts in Bewegung

setzte. Freund Adalbert kommandierte „~Let go~“ und Fernando ließ die

Falltür hinunterrasseln. Der Tiger war glücklich in dem größeren Käfig

angelangt, wo er sich nach der bisherigen Enge ein paarmal vergnügt um

sich selbst drehte und sich dann gemächlich niederlegte.

[Illustration]

Viertes Kapitel

Land und Leute in Ceylon

Aus Ceylons Geschichte — Die Bevölkerung: Singhalesen, Tamulen,

Moormen, Burgher, Weddas, Rodiyas — Kandy — Wie der Singhalese lebt

— Der Botanische Garten von Peradeniya — Nuwara Eliya — Anuradhapura

und seine Altertümer — Trincomali — Haifischabenteuer — Eine

Besteigung des Adamspiks — Aufstieg bei Nacht — Sonnenaufgang und

Aussicht auf dem Adamspik — Der heilige Fußtapfen Buddhas — Die

Graphitminen von Kurunegala

Nach den ältesten indischen Überlieferungen, die sich mit dem Bericht

der Bibel und anderen Flutsagen decken, scheint kein Zweifel darüber

zu bestehen, daß in den grauesten Zeiten der Menschengeschichte

wenigstens ein Teil Asiens von ungeheuren Überschwemmungen, der

biblischen Sündflut, heimgesucht wurde, durch welche zahllose Bewohner

großer Landgebiete zum Teil den Untergang fanden, zum Teil in andere,

geschützte Gegenden fliehen mußten. +Wann+ diese Sündflut oder

Sintflut (wie das Wort, das vom altdeutschen sinfluot, d. h. große

Flut, abgeleitet ist, bekanntlich richtiger lautet) stattgefunden

hat, das wird sich wohl niemals auch nur annähernd genau feststellen

lassen, weil es längst vor unserer historischen Zeitrechnung geschah.

Aber daß eine ungeheure, verheerende Überflutung eines großen Teils

der Erdoberfläche in der Tat einmal erfolgt ist und sich durch

die Schrecken der Katastrophe tief ins Gedächtnis des damaligen

Menschengeschlechts und seiner Nachkommen eingegraben haben muß,

daran ist, wie gesagt, wohl kaum zu zweifeln, da zu viele ganz gleich

oder ähnlich lautende Berichte der verschiedensten Völker darüber

vorliegen. Nach den indischen Überlieferungen führte nach dem mächtigen

Naturereignis Jamak (das ist der Noah der biblischen Geschichte oder

einer von Noahs Nachkommen) den im nordindischen Pandschab ansässigen

indogermanischen Volksstamm nach dem Süden Vorderasiens, von wo aus

dann auch die Besiedelung Ceylons erfolgte.

Ceylon soll nach den ältesten indischen Berichten ursprünglich

aus zwei getrennten Inseln, einer nördlichen und einer südlichen,

bestanden haben, die sich dann später infolge vulkanischer Ausbrüche

und Landhebungen zu einem Ganzen verbanden. Die nördliche Insel heißt

in den singhalesischen Chroniken Oja Dio. Ihre Bewohner, die Nagan

Ojah, verehrten den Gott der Ewigkeit, der, wie es in den Chroniken

heißt, die Erde mit Regen befeuchtet und die Feuchtigkeit zum Himmel

steigen läßt, um später wieder die Erde damit zu erquicken. Das Symbol

dieses Regengottes war die Schlange. Die südliche Insel hieß Giri Dio

(Felseninsel), ihre Bewohner brachten Menschenopfer und bauten Häuser

auf Holz- oder Steinpfeilern. An der Westküste der nördlichen Insel

setzten sich später die vom indischen Festland eindringenden Varastämme

fest, die bereits eine höhere Kultur besaßen, feste Häuser bauten

und Schriftzeichen hatten. Ihre Küste wurde den von Westen kommenden

Handelsschiffern bekannt; die Phönizier nannten das Land, von dem

sie Gewürze und edle Steine holten, Tapparavim, woraus die Griechen

und Römer dann +Taprobane+ machten. Auf der Ostküste der nördlichen

Insel aber wohnte eine ebenfalls vom indischen Festland eingewanderte

Drawidische Rasse, die dort, wo sich jetzt die Küstenstadt Trincomali

befindet, ihre Hauptstadt namens Lankapura besaß.

Die Chroniken wissen des weiteren von verschiedenen Invasionen ganz

ferner Völker zu melden; so soll, auf Schiffen kommend, ein hamitischer

Stamm aus Ägypten, später ein chaldäischer Stamm auf den Inseln

festen Fuß gefaßt haben. Unmöglich ist es nicht, aber wahrscheinlich

hat es sich da, den Größenverhältnissen der damaligen Seefahrzeuge

entsprechend, nur um kleine Gruppen von Einwanderern gehandelt. Einige

Zeit vor dem epochemachenden Auftreten des Gautama Buddha wurden

die beiden Inseln, wie es heißt, durch ein großes Erdbeben zu der

jetzigen Form von Ceylon verbunden, die Westküste soll zu jener Zeit

gänzlich überflutet gewesen sein. Ob +Gautama Buddha+, der Schöpfer

des gewaltigen Religionssystems (geboren um 560 vor Christus in

Vorderindien, gestorben um 480), auf den großen Wanderungen, die er als

Verkünder seiner Heilslehre unternahm, auch nach Ceylon gekommen ist,

läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen; jedoch sind seine Reden, die

die wichtigste Grundlage des Buddhismus bilden, gerade auf Ceylon am

treuesten bewahrt und durch dritthalb Jahrtausende unverändert erhalten

geblieben. Die buddhistische Religion wurde im dritten Jahrhundert

vor Christus in Ceylon eingeführt. Die Singhalesen bewohnten damals

hauptsächlich das Flachland des Nordens und besaßen eine bedeutende

Kultur, deren Mittelpunkt die alte Königstadt +Anuradhapura+ war. Vor

den aus Südindien eindringenden Tamulen zogen sich die Singhalesen

allmählich nach dem Süden der Insel und ins Hochland zurück, wo

nun die Königstadt Kandy den Mittelpunkt bildete. Die auf ziemlich

niedriger Kulturstufe stehenden Tamulen ließen die kunstvollen

Bewässerungsanlagen der Singhalesen im Norden verfallen, das fleißig

angebaute Land wurde allmählich wieder vom Dschungelwald überwachsen

oder in fieberverpestete Einöden verwandelt. An der Westküste aber

siedelten sich arabisch-indische Mischlinge an, deren Nachkommen

heute als „Moormen“ bezeichnet werden, und bemächtigten sich, den

Eingeborenen übervorteilend und bewuchernd, des Handels.

Im Jahre 1506 erschienen, aus ihrer indischen Besitzung Goa kommend,

die +Portugiesen+ vor Ceylon und begründeten 1517 in Colombo eine

befestigte Niederlassung. Trotz langen, sehr grausam geführten Kämpfen

ist es ihnen aber nicht gelungen, ihre Macht tiefer ins Innere

vorzuschieben, sie blieb auf einige Küstenplätze beschränkt. Immerhin

gelang es ihrem religiösen Fanatismus, große Mengen von Eingeborenen

zum katholischen Glauben zu „bekehren“ — eine Konversion, die natürlich

nur unter dem Druck der gemeinsten Zwangsmittel erfolgte. Später wurden

die Portugiesen von +Niederländern+ vertrieben, die zu diesem Zweck mit

den Königen von Kandy Hand in Hand arbeiteten und sich dann an Stelle

der Portugiesen an den Küsten festsetzten. 1795 machte die Flotte

der +englischen+ Ostindischen Handelskompagnie der niederländischen

Herrschaft ein Ende, 1798 wurde Ceylon der britischen Krone unterstellt

und 1815 das singhalesische Königtum durch die Einnahme von Kandy

beseitigt. Seitdem ist Ceylon als Kronland vom Londoner Kolonialamt

abhängig. Die Regierung besteht aus dem Gouverneur, der sehr

weitgehende Befugnisse hat, und zwei beratenden Körperschaften aus

fünf, beziehungsweise siebzehn vom Gouverneur berufenen Mitgliedern,

darunter auch Vertreter der Eingeborenen.

Ceylons +Bevölkerung+ belief sich nach der letzten Zählung von 1911

auf 3600000 Seelen, worunter sich nur 5300 Europäer befanden, also

ein sehr geringer Bruchteil der ganzen Bevölkerung. Die Eingeborenen

setzen sich in der Hauptsache aus sechs verschiedenen Rassen zusammen,

unter denen die +Singhalesen+ mit nahezu zwei Drittel der Kopfzahl

(2700000) den vornehmsten Rang einnehmen. Die in gehobener sozialer

Stellung befindlichen Singhalesen betonen dem Europäer gegenüber gern

ihren arischen Ursprung. Wie es sich damit in Wirklichkeit verhält, mag

dahingestellt bleiben, denn die ganze indogermanische Rassentheorie

mit allen ihren Hypothesen und Antithesen ist noch immer so ungeklärt,

daß sie keine abschließenden Urteile zuläßt. Die Singhalesen sind

von mittlerer Größe, bei den höheren Ständen ziemlich hellhäutig, in

den unteren Klassen von bronzebrauner oder noch dunklerer Färbung,

zart gebaut mit kräftig ausgebildeter Nase, sanften großen Augen und

langem schwarzen Haar. Sie zeichnen sich in der Jugend, besonders beim

weiblichen Geschlecht, oft durch auffallende Schönheit aus. Störend

ist nach unseren Begriffen das meist etwas weibische Aussehen der

Männer, das noch durch die merkwürdige Haartracht — das lange Haar

wird aufgeknotet mit einem Einsteckkamm getragen — und das schüchterne

Auftreten besonders betont wird. Die singhalesische Sprache, das Elu,

leitet sich vom Sanskrit her. Im allgemeinen sind die Singhalesen

in ihrer zurückhaltenden Art und bei ihrem ausgeprägten Gefühl für

Schicklichkeit ein sympathisches Volk, mit dem sich gut auskommen läßt.

Man darf nur nicht zuviel von ihnen erwarten und verlangen und muß auch

immer mit jener +Schlaffheit und Willensschwäche+ rechnen, die sie

nun einmal nicht verleugnen können. Aber sie deswegen als entartetes

Volk zu bezeichnen, wie es von manchen Reisenden schon geschehen ist,

das geht entschieden zu weit. Die Singhalesen bekennen sich in ihrer

weit überwiegenden Mehrheit zum Buddhismus, aber es gibt auf der Insel

schon rund 350000 Christen, zumeist Singhalesen, und zwar hauptsächlich

katholische Christen.

Nächst den Singhalesen sind die +Tamulen+ oder Tamilen Ceylons

wichtigstes Volk. Sie sind viel dunkler als die Singhalesen, auch

kräftiger, und stammen von den dravidischen Stämmen Südindiens ab. Als

Anhänger des Hindutums, zumeist des finsteren Schivakultus, schmücken

sie jeden Morgen nach der Waschung die Stirn mit dem Sektenzeichen,

aus weißen Strichen bestehend, die bei den Schivaiten in wagerechter,

bei den Wischnuiten in senkrechter Richtung laufen. Die Tamulen stehen

in geistiger und kultureller Hinsicht unter dem Singhalesen, sind aber

als Arbeiter wegen ihrer regeren Energie und größeren Körperkraft

besser als diese zu brauchen. Die +Moormen+ (Mohren, Mauren), deren

es 261000 in Ceylon gibt, sind Mohammedaner und stammen von den vorhin

erwähnten arabisch-indischen Einwanderern ab, sie leben als Händler

und Geldverleiher in den Städten, treiben viel Wucher und zeichnen

sich überhaupt durch Gerissenheit aus, haben es infolgedessen oft zu

erheblichem Wohlstand gebracht. Mit dem holländischen Namen +Burgher+

werden die Eurasier bezeichnet, d. h. die Mischlinge aus den Ehen

indischer Frauen mit Europäern. Es gibt etwa 26000, durchweg Christen,

und obwohl ihre gesellschaftliche Stellung sehr problematischer Art

ist, bringen es viele von ihnen als Richter, Rechtsanwälte, Ärzte usw.

doch zu einem gewissen Ansehen. Die +Malaien+ (12000) sind Nachkommen

ehemaliger Soldaten aus Malakka und werden gern im Polizei- und

Gefängnisdienst verwendet.

Schließlich sind noch zwei interessante Naturvölker zu erwähnen,

von denen es allerdings nur noch eine geringe Anzahl gibt. Das eine

sind die +Weddas+, Ceylons Urbevölkerung, eine der ältesten Rassen

der Erde von umstrittener Herkunft. Kleinen Wuchses, dunkelbraun,

mit welligem Haupthaar, leben etwa 1000–2000 Weddas, der letzte Rest

eines einst zahlreichen Volkes, teils als zivilisierte Dorfweddas,

teils als wilde Felsenweddas in den schwach bewohnten Gegenden des

Ostens. In einem späteren Kapitel dieses Buches wird von ihnen

ausführlicher die Rede sein. Das andere sind die noch rätselhafteren

+Rodiyas+, eine verachtete und verfemte Kaste, mit der kein anderer

Eingeborener Ceylons auch nur das geringste zu tun haben will. Sie

leben deshalb in einigen abgelegenen Dörfern für sich und heiraten auch

nur untereinander. Dabei zeichnen sich gerade die Rodiyas, besonders

die jungen Mädchen, oft durch edlen Wuchs und große Schönheit aus.

Es war ihnen früher verboten, sich zu bekleiden, auch sonst wurden

sie in jeder Weise mit der größten Verachtung behandelt, oft genug

auch ohne jede Veranlassung von weitem +einfach abgeschossen+, und

erst die englische Regierung hat den Verfolgungen und Schikanierungen

der bedauernswerten Menschen, so gut es geht, Einhalt geboten. Die

Herkunft der Rodiyas, die anscheinend ein Mischvolk sind, ist ebenso

wenig aufgeklärt wie die Ursache der furchtbaren Verachtung, mit der

sie, trotz ihrer Harmlosigkeit, von Singhalesen, Tamulen und Moormen

behandelt werden. Der Sage nach hätten die Rodiyas vor langen, langen

Zeiten das denkbar schwerste Verbrechen begangen, indem sie die

königliche Tafel in Kandy, statt mit Wildbret, mit — Menschenfleisch

belieferten, das der König und sein Hofstaat dann ahnungslos verzehrt

hätten. Als der Frevel ruchbar wurde, ließ der König fast den

gesamten Stamm ausrotten, der verbleibende Rest geriet in Acht und

Bann. Die härteste Strafe, die einen Singhalesen treffen konnte,

war seine Verbannung in ein Rodiyadorf. Namentlich Frauen, die sich

schwer vergangen hatten, wurden dazu verurteilt und mit Gewalt in ein

Rodiyadorf geschleppt — die schlimmste Form des bürgerlichen Todes, die

sich denken ließ, denn das bedeutete ihr Versinken und Verschwinden in

der Kaste der Namenlosen, im Abschaum, im Nichts ...

* * * * *

Nächst Colombo ist +Kandy+, die ziemlich genau im Mittelpunkt der

Insel im Gebirge gelegene alte Hauptstadt des Singhalesenreiches,

Ceylons bedeutendster Platz und zugleich eine seiner hauptsächlichsten

Sehenswürdigkeiten. Die Eisenbahn, die Colombo mit Kandy verbindet,

gehört zu den ältesten Eisenbahnlinien Asiens, denn sie wurde

bereits in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut.

Übrigens bietet sie, wie alle Eisenbahnen Indiens, dem Reisenden jede

Bequemlichkeit, das doppelte Dach der Wagen schützt vor der Sonne, und

auch für Speise- und Schlafwagen ist gesorgt, sowie für Plattformen,

von denen man die wundervollsten Landschaftsbilder zu beiden Seiten der

Strecke in freiem Ausblick genießt.

Die Fahrt geht anfangs durch das reich kultivierte Flachland.

Ausgedehnte, mit seichtem Wasser bestandene Felder, auf denen Reis

gebaut wird, wechseln mit Kokospalmenwäldern und den anderen

Charakterpflanzen der tropischen Niederung ab, dazwischen liegen

kleine Ortschaften und Einzelgehöfte. Von Tieren bemerkt man besonders

die grauen, haarlosen, mit weit ausladenden Hörnern geschmückten

Wasserbüffel, die in den Stunden der größten Tageshitze am liebsten

bis zum Hals im Wasser stehen und auf deren breiten Rücken sich häufig

zierliche weiße Reiher tummeln, ihre Freunde, die ihnen das Ungeziefer

absuchen. Nach 40 ~km~ Fahrt werden die Vorberge des Zentralgebirges

erreicht, es geht anfangs allmählich, dann in stärkerer Steigung bergan

und zwar hinter Ambepussa in einem Tal, das im Singhalesischen den

Namen „Tal des Todesschattens“ führt, weil die ganze Gegend bis zum Fuß

des Hochgebirges vom Malariafieber verseucht ist. Von Rambukkana an

nimmt die Strecke den Charakter einer Gebirgsbahn an, zur Überwindung

der immer stärker werdenden Steigung wird eine zweite Maschine

vor den Zug gespannt. So geht es in zahlreichen Kurven durch das

schöne Dekandatal, während die Aussicht auf das Terrassengelände der

Reisfelder und die darüber emporragenden Kuppen des Hochlandes immer

fesselnder wird. Nach 4–5 Stunden Fahrt ist Kandy erreicht.

+Kandy+, rings von bewaldeten Bergen eingeschlossen, liegt am Ufer

eines kleinen Sees und macht, ganz ins Grüne gebettet, mit seinen

sauber gehaltenen Straßen, den niedrigen Eingeborenenhäusern, den

weitverzweigten, in Schlangenlinien angelegten Promenaden und den

zahlreichen schönen, von üppigstem Blumenflor umgebenen Villen der

Europäer den Eindruck einer idealen Sommerfrische. Das ist Kandy

auch in der Tat, denn wegen seiner Höhenlage, 500 ~m~ über dem Meer,

und der vielen Tage, durchschnittlich 192 im Jahr, an denen immer

etwas Regen fällt, ist das Klima angenehm frisch und die Luft des

Nachts nach tropischen Begriffen geradezu kühl. Es läßt sich deshalb

begreifen, warum Kandy Jahrhunderte hindurch der Lieblingssitz der

singhalesischen Könige war und heute ein bevorzugter Landaufenthalt der

hohen englischen Beamten und vieler Mitglieder der Fremdenkolonie von

Colombo ist. Die 35000 Einwohner der Stadt setzen sich zur Hälfte aus

Singhalesen, zur Hälfte aus Tamulen zusammen.

Wie in ganz Ceylon, so ist auch in Kandy infolge der verheerenden

Kämpfe, die hier früher mit den Portugiesen, Holländern und Engländern

ausgefochten wurden, von alten Bauwerken nur sehr wenig übrig

geblieben. Das wichtigste, eine der heiligsten Wallfahrtsstätten des

Buddhismus, ist der nahe am See gelegene berühmte +Zahntempel Dalada

Maligawa+, ein äußerlich ziemlich ansehnlicher Bau, der früher einen

Teil des Königspalastes gebildet hat. Innerhalb des Gebäudes befindet

sich der eigentliche Zahntempel, deshalb so genannt, weil in ihm

der heilige Zahn Buddhas aufbewahrt wird. Die Reliquie ist in einem

kostbaren Gehäuse, der mit Edelsteinen bedeckten Karanduwa, unter

vielfachen Hüllen eingeschachtelt und wird an hohen Festen dem Volke

gezeigt. Der angebliche +Zahn Buddhas+ hat keinerlei Ähnlichkeit mit

menschlichen Zähnen, sondern sieht bei 4 ~cm~ Länge und über 1 ~cm~

Dicke mehr wie der Zahn eines Ebers aus. Dieses zahnähnliche Gebilde,

das so hohe Verehrung genießt, daß seinetwegen jährlich tausende von

Pilgern, selbst aus dem fernen Osten, nach Kandy kommen, befindet sich

nachweislich seit 1600 Jahren auf der Insel. Es soll aber gar nicht

mehr die echte Reliquie von damals sein. Denn als die Drawiden vom

indischen Festland in Ceylon einbrachen, entführten sie den heiligen

Zahn. Zwar wurde er später zurückerobert und wieder nach Kandy

gebracht. Aber der Besitz war nicht von langer Dauer, denn als die

Portugiesen ins Land kamen, wurde der Zahn aus religiöser Unduldsamkeit

von ihrem Erzbischof feierlich verbrannt. Was heute als Buddhas Zahn

gezeigt wird, soll nur eine Nachahmung des vernichteten echten Zahnes

sein.

[Illustration: Elefantenbad im Mahaweli Ganga bei Kandy]

[Illustration: Straße in Colombo]

[Illustration: Der Zahntempel Dalada Maligawa in Kandy

(Text Seite 80)]

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 6 / 19 段