gefallen wäre, ins Shipchandlergeschäft hineinzukommen, so bedarf
das einer Einschränkung. Denn ich hatte doch heftige Widerstände zu
überwinden, und zwar gingen die von einer Seite aus, die sich durch
mein Auftreten stark beeinträchtigt wähnte: nämlich von der farbigen
Konkurrenz. Mein wütendster Gegner war ein intelligenter Singhalese,
der sich, ganz zu Unrecht, einbildete, daß ihm der junge Europäer,
wie man zu sagen pflegt, Knüppel vor die Beine werfen und ihm das
Wasser abgraben wollte. Und wie das nun einmal Landessitte ist, wurde
der Kampf gegen mich nicht offen und ehrlich, sondern mit allerlei
versteckten Mitteln geführt. Zuerst suchte man mir meine Arbeiter und
Lieferanten abspenstig zu machen, und als das nichts nützte, wollte
man irgendeinen kleinen „Unfall“ inszenieren in der Hoffnung, meine
Person vielleicht als das „bedauernswerte Opfer“ des Unfalls beklagen
zu können. Vor dem offenen Angriff auf einen Europäer scheut der
Singhalese und Tamule zurück. +In meiner ganzen indischen Zeit ist
in Ceylon kein einziger Europäer von Eingeborenen ermordet worden.+
Die persönliche Sicherheit des Weißen ist auf der Insel, selbst in
entlegenen Gegenden, so gut wie verbürgt. Diebereien ist er häufig
ausgesetzt, Gewalttaten nie. Denn wenn der Eingeborene den „Mahatma“,
den weißen Herrn, auch nicht sonderlich liebt, so hat er doch eine tief
eingewurzelte Scheu vor ihm und überdies hat er allen Respekt vor der
strengen Justiz.
Aber es lassen sich ja, wie gesagt, mit einiger Erfindungsgabe
sonderbare „Zufälle“ konstruieren, wenn man einem verhaßten Nebenbuhler
etwas auswischen will, ohne sich selbst zu gefährden. Solch ein Zufall
ereignete sich eines Abends, als ich in einem Boot durch den Hafen
fuhr. Da tauchte im Dunkeln ein anderes Boot neben mir auf, und das
meinige ward plötzlich zum Kentern gebracht. Zwar wurde ich tüchtig
naß bei der Geschichte, aber den Gefallen, zu ertrinken, habe ich
meinen Widersachern nicht getan. Scherze ähnlicher Art wiederholten
sich, natürlich immer im Schutz der Dunkelheit. Auch eine Flintenkugel,
die eines Abends in mein Kontor schlug und mir dicht an der Nase
vorbeipfiff, hatte ihren Beruf verfehlt und vermochte mich nicht
aus diesem irdischen Jammertal zu vertreiben. Da holten die dunklen
Ehrenmänner zu einem letzten und, wie sie wähnten, vernichtenden
Schlage aus. Ein heruntergekommener Portugiese von jener Sorte, die man
im Englischen „Loafers“ (Herumtreiber) nennt, erschien in meinem Kontor
und erzählte mit geheimnisvoller Wichtigtuerei eine lange Geschichte.
Er hätte nämlich — und zwar, wie er durchblicken ließ, auf unlautere
Weise — einen größeren Posten Opium in seinen Besitz gebracht und
wollte diesen nach Holländisch-Indien durchschmuggeln, wo die Einfuhr
streng verboten ist und das auf Schleichwegen ins Land gebrachte Opium
deshalb von dem der Opiumleidenschaft Verfallenen hoch bezahlt wird. Da
ich nun öfter Gelegenheit hätte, Schiffe, die nach Holländisch-Indien
gingen, zu befrachten, würde es mir ein Leichtes sein, den Opiumballen
mit anderer, harmloser Ware zusammenzupacken und durchzuschmuggeln, so
daß er den Adressaten in Batavia unangefochten erreichte. Eine sehr
anständige Provision sollte mein Lohn sein. Das Opium befände sich bei
einem Geschäftsfreund, einem Moorman (Indo-Araber) in der entlegenen
Vorstadt Mattakkuliya. Dort sollte ich mir den Ballen ansehen und mit
den beiden, dem Portugiesen und dem Moorman, das noch Nötige besprechen.
Ich hörte mir die Geschichte ruhig an und machte mir gleich im Stillen
meine Gedanken darüber. Irgend etwas stimmte da nicht. Daß es dem
Loafer geglückt war, einen Opiumballen zu „finden“, das mochte schon
möglich sein. Und daß er das Opium auf gewinnbringende Weise nach Java
zu „verschieben“ gedachte (wie der herrliche Ausdruck heute lautet),
das war ja, von seinem Standpunkt aus betrachtet, ein ganz gesunder
Gedanke. Aber dazu brauchte er keinen respektablen Stevedore, für
solche dunklen Geschäfte gab es im Hafenviertel Biedermänner genug,
die jederzeit gern bereit und in der Lage waren, die Sache prompt zu
besorgen. Warum in aller Welt wandte er sich also gerade an mich?
... Mißtrauisch, wie ich infolge der letzten „Zufälle“ nun einmal
war, stand ich der ganzen Geschichte sehr skeptisch gegenüber und
zweifelte keinen Augenblick daran, daß der elende Portugiese nur ein
Werkzeug meiner Widersacher war. Zwei Möglichkeiten schienen mir
vorzuliegen: entweder wollte man mich auf raffinierte Weise in einen
kompromittierenden Handel verwickeln, um im geeigneten Augenblick die
Aufmerksamkeit der Behörde darauf zu lenken und meine Existenz in
Colombo für immer zu vernichten — oder es war eine noch ärgere Falle
aufgestellt und ich sollte zur Nachtzeit draußen in Mattakkuliya, wo
kein Hahn nach mir gekräht hätte, geräuschlos verschwinden.
Begreiflicherweise hatte ich weder zum einen noch zum anderen Lust.
Aber allen Bedenken zum Trotz reizte es mich doch, auf das Abenteuer
einzugehen und das damit verbundene Risiko auf mich zu nehmen. Ich
wollte der dunklen Sache auf den Grund kommen und mit meinen Feinden,
wenn irgend möglich, endlich einmal definitiv abrechnen. Also sagte
ich dem Portugiesen, daß ich bereit wäre, abends zu seinem sogenannten
„Geschäftsfreund“ zu kommen und mir die Schmuggelware anzusehen. Der
Kerl grinste von einem Ohr zum anderen und verduftete in des Wortes
wahrster Bedeutung, denn sein Körper war mit Arrak und Whisky förmlich
durchtränkt.
Ich überlegte nun, ob es nicht das beste wäre, mich gleich an die
Polizei zu wenden. Der Vorsteher des Detektiv-Departements war ein
guter Bekannter von mir und er hätte zweifellos mit Vergnügen sofort
alle Maßregeln zu meiner persönlichen Sicherheit und zur Festnahme
der am Komplott Beteiligten getroffen. Aber ich kam von diesem
Gedanken wieder ab. Es widerstrebte mir doch, mich ohne die äußerste
Notwendigkeit unter den Schutz der Behörden zu stellen. War etwas
Böses gegen mich geplant, so wollte ich mit den Burschen schon allein
fertig werden. Im Notfall genügten mir meine eigenen Leute als Beistand.
Noch im Lauf des Nachmittags schickte ich also zwei intelligente
und absolut verläßliche Diener nach Mattakkuliya voraus. Sie hatten
den Auftrag, sich in unauffälliger Weise in nächster Nähe des mir
bezeichneten Hauses aufzuhalten und in dem Fall, daß ich ihnen später
mit meiner Torpedopfeife ein Signal geben sollte, sofort, nötigenfalls
mit Gewalt, in das Haus einzudringen und zu mir zu eilen. Der Abend
kam. Ich steckte meinen Sechsläufigen ein, fuhr mit einem Wagen bis in
die Nähe des Hauses, in dem der Moorman wohnte, und legte die letzte
Strecke zu Fuß zurück. Es war um die achte Stunde und in dem nur
spärlich bewohnten, nicht mit Straßenlaternen beleuchteten Viertel war
es so finster, daß ich Mühe hatte, mich zurechtzufinden. Endlich stand
ich vor dem bezeichneten Hause, das eigentlich nur den Namen einer
etwas größeren Bude verdiente, und ich bemerkte zu meiner Genugtuung
unweit des Hauses die beiden Diener, die am Straßenrand lagen und so
taten, als ob sie schliefen.
Auf mein Klopfen öffnete sich die Tür. Der Moorman, ein spitzbübisch
aussehender Alter, wollte sie nach meinem Eintritt wieder zumachen
und verriegeln, aber mit den Worten, daß ich sehr erhitzt wäre und
unbedingt frische Luft brauchte, bestand ich darauf, sie mit einem
Spalt offen zu lassen — ersichtlich zum Mißvergnügen des Moorman
sowohl wie des Portugiesen, der nun in dem wüsten Durcheinander des
halbdunklen Zimmers auftauchte und mir entgegen trat.
Es ist noch zu erwähnen, daß das Haus mit seiner Rückseite an einen
Kanal grenzte und daß sich dort eine kleine hölzerne Altane befand,
die über den Rand des Kanals hinausragte, unter welcher also das
Wasser floß. Der Moorman und der Portugiese begannen geschwätzig auf
mich einzureden, aber um die Sache kurz zu machen, schnitt ich den
Wortschwall mit der Frage ab: „Wo ist das Opium? Ich habe nicht lange
Zeit.“
In geheimnisvoll tuender Weise zogen mich die beiden zwischen dem
im Zimmer verstreuten Plunder nach der Tür hin, die zu der Altane
hinausging. Ich war auf meiner Hut. In der linken Hand hielt ich die
Torpedopfeife verborgen, meine Rechte umklammerte den in der Rocktasche
steckenden Revolver.
„Die Kiste steht draußen auf der Altane,“ flüsterte der Portugiese.
„Dort ist sie in größerer Sicherheit, hier ins Zimmer kommen zuviel
Geschäftsfreunde hinein, die haben ihre neugierigen Augen überall.“
Er ging auf die Altane voran und deutete auf eine in der Ecke liegende
Kiste. Als ich ihm zögernd nachfolgen wollte und die Schwelle zwischen
Zimmer und Altane betrat, fühlte ich plötzlich den Boden unter mir
weichen ... die Bretter gaben unter meinen Füßen nach ... ich stürzte
in die Tiefe ...
Aber da ich auf irgendeinen Anschlag gefaßt gewesen war und deshalb
Körper und Geist in Spannung gehalten hatte, konnte mich dieser
„Zwischenfall“ (in des Wortes wörtlichster Bedeutung) keinen Augenblick
lang um meine Geistesgegenwart bringen. Schon rein instinktiv breitete
ich beim Stürzen die Arme aus und hielt mich, als ich bis zu den
Achseln zwischen den Planken steckte, daran fest — dann stemmte ich
mich flugs wieder hoch, sprang auf die Füße, und in der nächsten
Sekunde bekam der Portugiese, der vergeblich zu entweichen versuchte,
einen Tritt in den Leib, daß er aufheulend zusammenbrach.
Meine draußen wartenden Diener hatten den Lärm und den Schrei gehört
und drangen zur Tür herein. Nun vollzog sich ein kleines Strafgericht.
Der portugiesische Loafer und der Moorman, der sich hinter einen Ballen
verkrochen hatte, erhielten von meinen handfesten Leuten eine tüchtige
und wohlverdiente Tracht Prügel, obwohl sie beteuerten, an meinem
Unfall schuldlos zu sein, die Bretter der Altane wären leider morsch
gewesen, es handele sich um ein bedauerliches Mißgeschick usw. usw.
Ich sagte den beiden auf den Kopf zu, daß es auf Anstiften der mir
wohlbekannten Hintermänner ihre Absicht gewesen wäre, mich im Wasser
des Kanals verschwinden zu lassen, und stellte ihnen Verhaftung und
Kriminalverfahren in Aussicht.
Aber in Wirklichkeit dachte ich nicht daran, die Sache an die große
Glocke zu hängen, denn das Schlußresultat hätte für mich nur darin
bestanden, daß ich die mir feindlich gesinnten Kreise und ihren
weitverzweigten Anhang noch mehr gegen mich einnahm und meine Lage
noch schwieriger machte. Als nun die Burschen, die doch eine höllische
Angst vor der Justiz hatten, zu winseln begannen, erklärte ich mich
bereit, sie unter gewissen Bedingungen laufen zu lassen. Der Portugiese
sollte sofort Colombo verlassen; sobald er sich in der Stadt noch
einmal blicken ließe, würde ich für seine endgültige Unschädlichmachung
sorgen. Der Moorman aber sollte seinen Hintermännern ausrichten, daß
alle ihre Manöver und Nachstellungen nicht den geringsten Eindruck auf
mich machten und daß ich sie unfehlbar vor das Kriminal bringen würde,
wenn sie nicht sofort mit ihren Umtrieben aufhörten.
Ich habe mich in der bestimmten Erwartung, damit das Richtige getroffen
zu haben, nicht getäuscht. Der portugiesische Loafer verschwand und
ist mir nie wieder vor Augen gekommen. Vor meinen Nachstellern aber
hatte ich in Zukunft Ruhe. Sie sahen wohl ein, daß sie mit mir doch
nicht fertig werden könnten und daß es vernünftiger wäre, sich mit
der Tatsache meiner Existenz endlich abzufinden und ins Einvernehmen
mit mir zu kommen. Jedenfalls bin ich in der Folgezeit in meinem
geschäftlichen Wirkungskreise niemals mehr auf Widerstand gestoßen,
weder auf offenen noch auf versteckten. Ja, im Gegenteil — jener
Singhalese, den ich wohl mit Recht im Verdacht hatte, daß er die
Haupttriebkraft der gegen mich eingefädelten Intrigen war, suchte jetzt
freundliche Annäherung an mich, und wir haben dann später manches
Geschäft miteinander gemacht — ohne jemals über die vorgefallenen Dinge
zu sprechen. Es zeigte sich da wieder, daß auf die Eingeborenen nichts
so starken Eindruck macht, wie feste Haltung und Unerschrockenheit.
* * * * *
Neben dem Shipchandler- und Stevedoregeschäft wandte ich mich bald
wieder meiner alten Liebhaberei, dem Tierhandel, zu. Die Arbeit im
Kontor und im Hafen allein konnte mich auf die Dauer nicht befriedigen,
denn es war mir geradezu ein Lebensbedürfnis, Tiere um mich zu haben,
möglichst viel Tiere zu besitzen und im Interesse des Tierhandels
Jagd- und Einkaufsreisen zu unternehmen. Deshalb dauerte es gar nicht
lange, und ich hatte auf dem Grundstück hinter meinem Bungalow bald
einen Tierpark eingerichtet, der anfangs nur klein war, aber schon
nach kurzer Zeit immer größeren Umfang annahm. Neben den fortlaufenden
alten Beziehungen zum Hause Carl Hagenbeck in Hamburg knüpfte ich neue
Verbindungen an, u. a. mit dem durch seine originelle Riesenreklame
berühmt gewordenen Menagerie- und Zirkusbesitzer Barnum in New York,
dem „König des Humbugs“, wie ihn seine Beneider nannten, der aber in
Wirklichkeit ein ebenso großzügiger wie zuverlässiger Geschäftsmann
war, wenn seine amerikanischen Reklamemethoden auch etwas Verblüffendes
hatten.
Barnum beauftragte mich, nicht nur eine Reihe Elefanten und andere
Tiere zu liefern, sondern auch eine große Singhalesentruppe
zusammenzustellen. Ich war in der Zeit von drei Wochen damit fertig
und sandte den ganzen Transport, der außer den Singhalesen auch sechs
große Arbeitselefanten, eine Anzahl Zebuochsen, Zwergesel, Schlangen,
Leoparden und andere Tiere umfaßte, unter Führung eines Angestellten
nach New York, wo die Truppe fabelhaften Erfolg erzielte. Im
darauffolgenden Jahre lieferte ich eine noch viel größere Karawane für
Schaustellungszwecke nach Amerika, die auch aus Bajaderen, Zauberern,
Teufelstänzern, Schlangenbeschwörern, Fakiren, Akrobaten usw.
bestand und, da sie sich von der zuerst gesandten Truppe vollkommen
unterschied, noch größeren Beifall fand und auf ihrer amerikanischen
Tournee überall riesiges Aufsehen erregte.
Unter den zahllosen exotischen Tieren, die ich in der Folgezeit
nach allen Ländern der Erde exportierte, sind außer Elefanten,
meiner Spezialität, und Leoparden und Schlangen auch die berühmten
Nellore-Zebubullen aus Indien zu erwähnen, die ich in kolossal
großen Exemplaren aufzufinden wußte. Die Regierung von Ceylon
beauftragte mich, diese Zebuochsen zu Kreuzungszwecken auch in Ceylon
einzuführen, und die damit angestellten Versuche hatten in der Tat den
besten Erfolg. Sehr interessante Geschöpfe waren auch die seltenen
+Schuppentiere+, die bis dahin fast niemals lebendig nach Europa
gekommen waren. Das kurzschwänzige Schuppentier oder Pangolin, das
auf Ceylon wie in ganz Ostindien heimisch ist, gehört zur Gattung
der Zahnlücker, wird 65 ~cm~ lang, mit ebenso langem Schwanz, lebt
paarweise und erzeugt jährlich zwei oder drei Junge. Bis auf die
Kehle, die Unterseite und die Innenseite der Beine ist das Tier mit
großen, harten, scharfrandigen Hornschuppen besetzt; diese Schuppen
gewähren, wenn sich das Tier zusammenkugelt, wie ein Panzer Schutz
gegen feindliche Angriffe. Die Schuppentiere halten sich hauptsächlich
in Termitenhügeln auf und nähren sich von Termiten und Ameisen, die
sie dadurch fangen, daß sie ihre weit vorsteckbare runde Zunge in den
Haufen hineinstecken, so daß die Ameisen daran kleben bleiben. Es
glückte mir, einige Schuppentiere lebend nach Europa zu schicken, ein
sehr schwieriges Unternehmen, weil die höchst empfindlichen Tiere auf
der langen Reise mit Milch, Eiern und rohem Fleisch ernährt werden
mußten.
In einem anderen meiner Tiertransporte befanden sich die beiden größten
+Orang-Utan+ von Borneo, die mir jemals zu Gesicht gekommen waren.
Sie entwickelten eine gewaltige Kraft und waren so ungebärdig, daß
ich erleichtert aufatmete, als ich die Tiere endlich auf einem nach
Marseille bestimmten Dampfer glücklich untergebracht hatte. Diese
Orang-Utan gingen nach dem Pariser Zoologischen Garten und wurden mit
55000 Franken bezahlt — damals eine unerhört hohe Summe für ein paar
Tiere.
[Illustration: „Onkel Kravells lächelndes Gesicht tauchte über dem
Brunnenrand auf ...“
(Text Seite 69)]
[Illustration: Einschiffung der für China bestimmten indischen Ochsen
im Hafen von Colombo
(Text Seite 65)]
In lebhafter Erinnerung sind mir auch sechs wilde +Sumatra-Tiger+ von
ungewöhnlicher Größe geblieben, die sich durchaus nicht beruhigen
wollten und in ihren Käfigen einen derartigen Spektakel verübten,
daß es kaum auszuhalten war. Eines Nachts stürzte mein Tierwächter zu
mir ins Schlafzimmer mit der Meldung, daß einer der Tiger, der größte
und wildeste, nahe daran wäre, sich aus dem Käfig zu befreien. Man kann
sich meinen Schreck vorstellen, denn wenn dem Tiere das Entweichen
gelang, stand großes Unheil bevor. Ich war also mit einem Sprung aus
dem Bett, und beim flackernden Licht einer Fackel vernagelten wir
nun den Käfig, durch dessen Eisenstäbe sich der Tiger bereits bis zu
den Schultern durchgezwängt hatte, auf allen Seiten mit Brettern,
während sämtliche Tiger fauchten und brüllten und sich wie Verrückte
gebärdeten. Auch in diesem Fall war ich heilfroh, als ich die Bestien
endlich glücklich verfrachtet hatte.
Meine Einkaufsreisen führten mich nicht nur kreuz und quer durch
Ceylon, sondern auch wiederholt zum indischen Festland hinüber, bis zum
Himalaja hinauf, ferner nach den Andamaninseln, nach Java und Sumatra.
Aber hiervon wird erst im zweiten Teil dieses Werkes die Rede sein.
So blühte mein junges Geschäft erfreulich auf, vergrößerte sich von
Jahr zu Jahr und nahm einen Umfang an, den ich bei Begründung der
Firma kaum zu erhoffen gewagt hatte. Das hing auch zum Teil mit der
Zunahme des deutschen Schiffsverkehrs zusammen, der mir immer größere
Lieferungen für die Colombo anlaufenden Dampfer verschaffte. Zur
Zeit des Boxeraufstands in China hatte ich im Auftrag der deutschen
Regierung tausend große indische Schlachtochsen und eine große Ladung
Brennholz und Futter nach China zu schicken, zu welchem Zweck ich
einen Hamburger Dampfer charterte. Es gelang mir, diesen umfangreichen
Transport in der kurzen Zeit von einer Woche zu erledigen. Aber
nicht nur für deutsche Schiffe und in deutschem Auftrag war ich
tätig, sondern auch für die Schiffe und Regierungen anderer Nationen,
besonders zur Zeit des Japanisch-Chinesischen Krieges und des
Burenkrieges.
Mit der Zeit erfuhren meine Unternehmungen eine Erweiterung noch
dadurch, daß ich mich auch als +Pflanzer+ zu betätigen begann,
zuerst als Kokosnußpflanzer auf einer der schönsten Plantagen
im Regombodistrikt. Hier erhielt ich häufig Besuch von deutschen
Pflanzern, die in unseren Südseekolonien Kokosplantagen anlegen
und sich in Ceylon zunächst über die besten Methoden des Anbaus
unterrichten wollten. Bald darauf kaufte ich eine zweite Plantage in
Alava, die noch nicht so weit vorgeschritten war, sich aber später auch
aufs beste entwickelte. In den folgenden Jahren ging ich dann zum Anbau
von Tee, Kakao und Kautschuk über. Von den Kautschukplantagen befand
sich die eine in der Nähe von Kandy, die andere bei Kurunegalla, auf
beiden habe ich recht schöne Erfolge gehabt.
* * * * *
„Tages Arbeit, abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste ...“ War das
Leben in Colombo für mich, besonders in den ersten Jahren meiner
Selbständigkeit, auch hart und sauer, so fehlten doch keineswegs jene
Pausen der Erholung, des harmlosen Daseinsgenusses, die gerade der
tätige Mensch zu seiner Entspannung absolut braucht. So lange ich als
Junggeselle wirtschaftete, war das Bungalow, das ich anfangs mit ein
paar Landsleuten teilte und in dem wir uns sehr gemütlich eingerichtet
hatten, der Mittelpunkt so mancher heiteren geselligen Veranstaltung.
Auch unser kleiner Deutscher Klub, in dem ich bald die Rolle eines
„Haupthahns“ und „Obermimen“ zu spielen bestimmt war, hielt fest und
treu zusammen und bereitete seinen Mitgliedern — auch einige wenige
Damen gehörten dazu — schöne Stunden, von denen mir manche unvergeßlich
bleiben. Neben sportlicher Betätigung, die auch in den Tropen zur
Kräftigung und zur Erhöhung der Elastizität des leicht erschlaffenden
Körpers unentbehrlich ist, wurden gemeinschaftliche Ausflüge in die
nähere und weitere Umgebung Colombos unternommen und natürlich wurden
auch alle freudigen Ereignisse, vor allem die großen vaterländischen
Fest- und Gedenktage, nach guter deutscher Sitte gebührend gefeiert. Es
herrschte, wie gesagt, ein guter Geist in unserer kleinen deutschen
Kolonie. Am gemütlichsten aber ging es gewöhnlich zu, wenn wir den
Besuch eines deutschen Kapitäns oder anderer Schiffsoffiziere von den
Colombo anlaufenden deutschen Dampfern bekamen, was bei dem regen
Seeverkehr mit Deutschland recht häufig der Fall war. Dann gab es immer
viel zu erzählen, man erfuhr viel neues von der Heimat, auch solche
Dinge, die von den Zeitungen gar nicht oder nur oberflächlich behandelt
wurden, und alles mögliche Interessante aus aller Welt, aus allen den
vielen Hafenplätzen, die zwischen Hamburg und Yokohama oder Adelaide
liegen. Und wenn die Herren Kapitäne und anderen Schiffsoffiziere
auch sonst nicht viel mitzubringen pflegten, so ließen sie es doch
niemals an einem fehlen: an ungeheuerem +Durst+. Unser gutes deutsches
Exportbier erfreute sich in Seemannskreisen derselben Beliebtheit wie
unser nicht minder berühmte Whisky und übte eine Anziehungskraft aus,
der kein sturmerprobtes Seemannsherz zu widerstehen vermochte.
Von den vielen drolligen Zwischenfällen, die sich bei solchen Besuchen
in unserem Bungalow ereigneten, sind mir manche in heiterer Erinnerung
geblieben, zum Beispiel der folgende.
Wir hatten also wieder einmal einen Hamburger Kapitän zu Gast und
saßen in unserem gemütlichen, nach dem Garten zu offenen Eßzimmer
um einen runden Tisch, auf dem die große Petroleumlampe mit
Windschutzvorrichtung stand (elektrische Lichtanlagen gab es damals bei
uns noch nicht). Durch die geöffneten Fenster drang das Rauschen des
Meeres hinein und eine angenehm frische Seebrise. Das auf Eis gekühlte
bayrische Export-Flaschenbier hatte eine vergnügte Stimmung erzeugt
und der lustigsten einer war das älteste Mitglied unserer Kolonie, der
fidele Onkel Kravell, den wir deshalb Onkel nannten, weil er schon
Ende der Vierziger war und wir anderen erst 25–30 Jahre, so daß er gut
unser Onkel hätte sein können. Er erzählte seinen Tischnachbarn die
unmöglichsten Jagdabenteuer und sagte: „Wissen Sie, Herr Kapitän, als
ich neulich mit Karlchen auf der Krokodiljagd war, da schlängelt sich
mir eine Riesenschlange um den Leib und will mich zu sich auf den Baum
hinaufziehen. So in der Luft schwebend nehme ich mein Jagdmesser und
schneide mich ab, so daß ich hinunterplumpse — beinahe in den Rachen
eines großen Krokodils. Nicht wahr, Karlchen?“ — „Jawohl, Sie haben die
Geschichte schon zum 999zigsten Male erzählt und da muß sie natürlich
wahr sein!“ bestätigte Karlchen. Freund Adalbert aber, der gerade erst
kürzlich von Europa zurückgekehrt war und wieder eine etwas stürmisch
verlaufene „Entlobung“ glücklich hinter sich hatte, deklamierte:
„Dahin sind Lerchen nun und Nachtigallen,
Und durch den sangverlassenen Strauch
Weht nur des Windes kalter Hauch —
Mein Glück ist mit dem Laube abgefallen!“ —
Auf meinen Vorschlag wurde nun das Lied „Deutschland, Deutschland
über alles“ angestimmt und dermaßen mit Betonung, daß es weit in die
stille Nacht hinaus erklang. Onkel Kravell hatte inzwischen einmal „das
Lokal verlassen“, und sein längeres Verschwinden war keinem weiter
aufgefallen. Da kommt plötzlich der alte singhalesische Koch ins
Eßzimmer gelaufen und ruft etwas auf Singhalesisch, wovon ich nur die
Worte verstehe: „Mr. Kraul — Brunnen.“ Er fügte dann in gebrochenem
Englisch hinzu: „~Master Kraul has fall into the well.~“
Die Tischgesellschaft, gefolgt von der Dienerschaft, stürzte nun auf
den mondbeschienenen Hof hinaus, in dessen Mitte sich eine Zisterne
befand, ein Brunnen mit kreisrunder, niedriger, weißgetünchter Mauer
als Rand. Wir riefen hinunter: „Onkel Kravell, haben Sie Grund?“ und es
erschallte dumpf herauf: „Nein, ich trete hier Wasser.“ Wir ließen nun
eine dicke Bambusstange, die im Hof lag, in den Brunnen hinab, um den
Onkel herauszuziehen, aber der rief: „Nein, das geht nicht, der Bambus
ist zu glatt.“ Ich rief den versammelten Eingeborenen auf Singhalesisch
zu: „~Loku Lanoak genen, vigahata!~“ (bringt ein großes Seil, schnell!)
dachte aber dabei: Wo sollen die Leute so schnell ein großes Seil
hernehmen. Doch dauerte es nicht lange, bis sie einen schönen langen
Strick brachten, den sie in der Nachbarschaft aufgetrieben hatten.