Durch die Vermittlung des Ratamahatma von Rakwana, Elmalagoda, der sich

meiner in freundlichster Weise annahm, wurde mir ein unvergeßliches

Vergnügen zuteil. Ungefähr 16 Meilen von Rakwana entfernt befindet

sich mitten im Urwald ein kleiner See, der des Nachts gern von

+wilden Elefantenherden+ besucht wird. Der Elefant liebt das

Wasser sehr, ihm ist das tägliche Bad ein Bedürfnis, und die wilden

Elefanten pflegen besonders gern in mondhellen Nächten zu baden. Da

ich bisher noch keine Gelegenheit gehabt hatte, eine ganze Herde

wilder Elefanten beim Baden und Tränken zu beobachten, war ich sehr

erfreut, als mich der Ratamahatma Madnanwella zu einem nächtlichen

Ausflug nach diesem Waldsee einlud. Wir machten uns gegen Abend mit

der nötigen Dienerschaft in Ochsenkarren nach dem Waldbezirk auf,

und die erfahrenen Elefantentracker des Ratamahatma stationierten

uns in Nähe des Sees auf einem kleinen Hügel, von dem wir den ganzen

See überblicken konnten, ohne von dort aus selbst gesehen zu werden.

Meine Geduld wurde anfangs auf eine harte Probe gestellt, denn mehrere

Stunden vergingen, ohne daß ein Dickhäuter sich blicken ließ. Wir

mußten uns mäuschenstill verhalten und lagen ausgestreckt auf einer

Matte am Boden. Endlich, als mir von dem ungewohnten stillen Liegen

schon die Glieder schmerzten, erscholl aus dem Dschungel ein Rascheln

und ein Knacken, und aus dem Dickicht trat, im hellen Mondlicht

deutlich zu sehen, ein großer weiblicher Elefant von etwa neun Fuß Höhe

in die Lichtung am See. Mit hoch erhobenem Rüssel hielt er vorsichtig

nach allen Seiten Umschau, um dann langsam und gravitätisch vorwärts

zu schreiten, als er sich davon überzeugt hatte, daß die Luft rein

und kein Feind in der Nähe war. Ihm folgte auf dem Fuß eine Herde von

35–40 Elefanten, darunter zum Schluß einige Mutterelefanten mit ihren

Jungen. Es war ein höchst drolliger Anblick, wie sich die tolpatschigen

„Elefantenküken“ mit ihren Rüsseln an den Schweif der Mutter klammerten

und so langsam vorwärts ziehen ließen über den abschüssigen Boden, auf

dem sie sich wahrscheinlich noch nicht sicher genug fühlten.

Die ganze Herde begab sich nun ins Wasser. Auch die „Küken“ wollten

gern ihr Bad nehmen, aber die Mütter schienen der Sache nicht recht

zu trauen, vielleicht weil sie fürchteten, daß der See für die

Kleinen doch zu tief wäre. Jedenfalls ward ihnen der Zutritt zum

Wasser verwehrt, und sie mußten sich damit begnügen, daß ihnen die

Mütter ein paar Rüssel voll von dem erfrischenden Naß über den Rücken

spritzten. Es war beim magischen Licht der Mondnacht ein wundervolles,

ganz märchenhaftes Schauspiel, wie sich die große Elefantenherde,

die Nähe ihrer Beobachter nicht ahnend, in völliger Unbefangenheit

im Wasser tummelte, sich gegenseitig fröhlich bespritzte und sich

auch bei der Reinigung mit dem Rüssel einander Beistand leistete.

In den Hautfalten der Dickhäuter nistet sich allerlei Ungeziefer

ein, und die lästigen Gäste hinauszukomplimentieren, ist nächst der

Erfrischung der Hauptzweck des Bades. Eine Stunde lang dauerte das

muntere Treiben, dann verließen die Elefanten den See und traten

wieder den Rückzug an in das Dschungel. Wir hörten noch eine Zeitlang

das Rascheln und Knacken im Gehölz, bis es immer schwächer wurde und

schließlich verscholl. Nun machten auch wir uns auf den Rückmarsch

nach dem Rasthaus, das wir gegen Morgen erreichten. Ich hatte

einen der schönsten Anblicke meines Lebens, ein ganz einzigartiges

Naturschauspiel von unvergeßlichem Reiz genossen.

Nachdem ich in Rakwana noch drei Elefanten erworben hatte, begab

ich mich mit meiner Herde, die jetzt zehn Dickhäuter umfaßte, nach

Kandy, brachte sie in Nähe der alten Königsstadt unter und reiste nach

Colombo zurück. Als ich dort eintraf, erhielt ich aus Hambantota die

Mitteilung, daß dortselbst meine Leute sechs Leoparden eingefangen

hätten, außerdem eine Anzahl Pythonschlangen und Rieseneidechsen,

sowie mehrere Axis- und Aristoelishirsche. Mein Shikari strahlte vor

Vergnügen wie ich, und wir machten uns beide alsbald nach Hambantota

auf, um dort die Tiere abzuholen und mit Ochsenkarren nach Colombo

zu schaffen. Jetzt war es aber auch hohe Zeit, mit dem Engagement

der Singhalesentruppe zu beginnen. Der geeignete Ort dafür war die

kleine Stadt Wattagama in Nähe von Kandy, weil sich dort die meisten

buddhistischen Tempeltänzer befinden. Unter +Tempeltänzer+ versteht

man in Indien berufsmäßige Tänzer, die ursprünglich dem Tempelkultus

geweiht sind und religiöse Reigen aufführen, dann aber nebenbei oder

auch ausschließlich weltlichen Zwecken dienen und ihre Künste gegen

Entgelt in der Öffentlichkeit bei Volksfesten und anderen Gelegenheiten

zum besten geben. Das weibliche Gegenstück bildet die „+Bajadere+“, die

Tänzerin. Die aus dem Portugiesischen stammende Bezeichnung Bajadere

ist nur dem Europäer geläufig, der Inder nennt sie Dewedaschie, d. h.

Dienerin der Götter, oder +Nautschmädchen+ (Nautsch heißt Tanz). So von

Poesie umflossen, wie man es sich in Europa gern vorstellt — und wobei

der Deutsche vielleicht an Goethes herrliches Gedicht „Der Gott und die

Bajadere“ denkt — ist das Nautschmädchen vom allgemein üblichen Schlage

nun freilich nicht. Die eigentlichen Dewedaschies nehmen allerdings

einen hohen Rang ein, dienen dem religiösen Kultus und wohnen innerhalb

der Ringmauern des Tempels unter Aufsicht des Oberpriesters. Der

Europäer kommt mit dieser vornehmen Spezies Bajadere niemals in

nähere Berührung. Die gewöhnlichen Nautschmädchen dagegen haben mit

dem höheren Kultus nichts zu tun, genießen völlige Bewegungsfreiheit

und ziehen mit ihren Musikern im Lande umher, um von der Tanzkunst

zu leben. Und nicht bloß von der Tanzkunst, sondern auch von der

Betätigung der freien Liebe. Man findet sehr hübsche, wohlgebaute

Mädchen unter ihnen, sie bringen es häufig zu ansehnlichem Wohlstand.

Eine besondere Abart der Tempeltänzer stellen die +Teufelstänzer+ dar,

deren ekstatische Vorführungen an ähnliche Produktionen der heulenden

und tanzenden Derwische erinnern. Sie sind in phantastische Kostüme

gekleidet, und eine wilde Musik von rasselnden, trommelnden, pfeifenden

Instrumenten, die den europäischen Zuschauer ziemlich rasch in die

Flucht schlägt, begleitet den Tanz. Der Teufelstänzer verhält sich

zunächst scheinbar gleichgültig und widerstrebend. Erst wenn die Musik

schneller und lauter wird, kommt der Mann in immer heftigere Erregung.

„Manchmal nimmt er“ — so heißt es in einer Schilderung des Tanzes von

Bischof Caldwell — „um sich in Raserei zu versetzen, innere Mittel

ein, oder er schneidet und zerreißt seine Haut, bis Blut fließt, er

geißelt sich mit einer mächtigen Peitsche, er drückt einen Feuerbrand

an seine Brust, trinkt das Blut, das seinen eigenen Wunden entströmt,

oder das des Opfertieres, zumeist einer Ziege. Dann schwingt er, als

ob ein neues Leben in ihn gefahren wäre, seinen schellenbesetzten

Stab und beginnt mit wilden ungleichmäßigen Schritten zu tanzen.

Plötzlich kommt die Eingebung, man sieht es an seinem starren Blick,

seinen wahnsinnigen Sprüngen. Er faucht, stiert vor sich hin, wirbelt

im Kreise herum. Er ist jetzt vom Teufel besessen, und obwohl er

die Fähigkeit behält, sich zu äußern und zu bewegen, so steht doch

beides unter der Kontrolle des Teufels, sein eigenes Bewußtsein ist

abwesend. Die Umstehenden geben Kunde von dem Ereignis, indem sie einen

eigentümlichen langen Schrei ausstoßen. Der Teufelstänzer wird jetzt

wie eine Gottheit verehrt; die Anwesenden tragen ihm allerlei Fragen

und Wünsche vor, über Krankheiten und dergleichen, und bitten um seinen

Rat. Da der Teufelstänzer völlig einem Verrückten gleicht, hält es

schwer, seine doppelsinnigen oder sinnlosen Antworten, sein Gemurmel

und seine absonderlichen Gebärden richtig auszulegen; aber die Wünsche

der um Rat Fragenden kommen der Deutung seiner Worte und Zeichen gut zu

Hilfe.“

In dieser krassen Form, wie sie hier geschildert werden, bekommt

der europäische Tourist die Vorführungen der Teufelstänzer nicht

zu Gesicht. Was man ihn für sein gutes Geld sehen läßt, ist eine

harmlos phantastische Komödie, die selbst der zimperlichsten alten Miß

kein „Shocking“ zu entlocken vermag. Aber ich habe bei meinen guten

Beziehungen mehr als einmal Gelegenheit gehabt, der diskret verborgene

Beobachter echter Teufelstänze zu sein, und kann deshalb bestätigen,

daß die Schilderung des Bischofs Caldwell keineswegs übertrieben ist.

Im Gegenteil, die Vorführungen nehmen oft noch viel wildere, wahrhaft

schauerliche Formen an, auf die ich jedoch mit Rücksicht auf die

Nerven meiner Leser nicht näher eingehen möchte. Ekstatische Zustände

und Darbietungen ähnlicher Art sind bei allen Naturvölkern der

Erde zu finden, ja sogar bei manchen christlichen Sekten spielen sie

bekanntlich noch heute, wenn auch in bedeutend abgeschwächter Form,

eine Rolle.

[Illustration: Indische Tänzerinnen und Musikantinnen

(Text Seite 47)]

[Illustration: Plauderstündchen bei John Hagenbeck in Colombo]

[Illustration: Einfaches Pflanzerhaus in Ceylon]

Außer den Tänzern engagierte ich für unsere europäische Tournee

auch eine große Anzahl von Elefantenwärtern, Zauberern, Gauklern,

Schlangenbeschwörern und anderen charakteristischen Gestalten des

indischen Volkslebens, ferner Frauen mit ihren Kindern. Es erforderte

natürlich viel Überredungskunst und diplomatische Geschicklichkeit, um

mit den Leuten handelseinig zu werden. Sie hatten ja von dem fernen

Europa nur ganz nebelhafte, absonderliche Vorstellungen, waren voller

Mißtrauen und scheuten außer der langen Trennung von ihrer Heimat und

ihrer Familie vor allem auch die weite, nach ihren Begriffen ungeheuer

gefährliche Seefahrt. Aber „Bargeld lacht“, das gilt auch für Indien.

Ein sofort in die Hand gezahlter größerer Vorschuß hat immer etwas

Überzeugendes an sich, außerdem genoß auch der Name Hagenbeck einen

so guten Ruf, daß er das Mißtrauen schließlich besiegte. Ich durfte

mit dem Ergebnis meiner Bemühungen zufrieden sein, und als es endlich

soweit war, daß ich mich in Colombo an Bord der „Lydia“ mit Heimatskurs

einschiffen konnte, da sah ich eine überaus stattliche Truppe farbiger

Menschen und wertvoller exotischer Tiere um mich geschart.

Meine Expedition hatte vollen Erfolg gehabt und der Erfolg blieb uns

auch auf unserer großen Tournee in Europa treu. Nachdem wir nach

angenehmer Fahrt in Southampton angelangt waren, gaben wir unsere erste

Vorstellung in London, bereisten ganz England und verbrachten zwei

Monate in Paris. Ich ging dann bald darauf nochmals nach Ceylon, um

für den Zirkus, den mein Bruder Carl Hagenbeck inzwischen gegründet

hatte, wiederum eine größere Anzahl Elefanten zu kaufen. Nach Europa

zurückgekehrt, bereiste ich mit einer Singhalesenkarawane Rußland,

Finnland, die skandinavischen Staaten, Spanien, Österreich-Ungarn

usw., kurz, so ziemlich die ganze alte Welt. Viel Interessantes und

Kurioses wüßte ich von diesen Kreuz- und Querfahrten, in deren

Verlauf ich auch selbst als Vortragender, sowie als Elefantendompteur

öffentlich auftrat, zu erzählen. Aber da dieses Buch in erster Linie

mein Leben in Indien zum Gegenstand hat, gehe ich über die europäischen

Ereignisse meiner Laufbahn einstweilen hinweg und behalte mir vor, bei

Gelegenheit, wenn sich gerade Anknüpfungspunkte bieten, auf den einen

oder den anderen Vorfall zurückzugreifen.

[Illustration]

[Illustration]

Drittes Kapitel

Kaufmann, Tierhändler und Pflanzer

Ich mache mich selbständig und gehe wieder nach Ceylon — Verflogene

Perlenträume — Etablierung als Shipchandler und Stevedore — Vom

Kaufmannsleben in der heißen Zone — Man intrigiert gegen mich — Ein

sauberer Anschlag und sein Fiasko — Ich werde Tierexporteur und

Pflanzer — Erholungsstunden — Wie Onkel Kravell in den Brunnen fiel —

Hypnotiseur und Tiger

Nach Abschluß der großen Tournee mit der Singhalesen- und

Elefantenkarawane trat ich aus der Firma Carl Hagenbeck aus, um meinem

Drange zu völliger Selbständigkeit Folge zu leisten. Mit großen Plänen

trug sich mein jugendlich unternehmungslustiger Kopf, und sie drehten

sich in der Hauptsache wieder um +Ceylon+. Denn ich war nun einmal,

soviel stand fest, dem fernen Tropenparadies rettungslos verfallen;

mit magnetischer Gewalt zog es mich zu dem palmenumrauschten Strand,

zu den bräunlichen Menschen, zu den Dschungeln mit ihrer unbändigen

Schöpfungskraft, ihrer exotischen Tierwelt, zu den einsamen, wilden

Bergen rings um den Adamspik, zu der glühenden Sonne und dem ewigen

Meer. Ein ganz bestimmtes Gefühl sagte mir, daß ich mein Lebensglück

nur in Ceylon finden könnte. Und in der Tat, das Gefühl hat mich nicht

getäuscht. Ich habe mein Glück auf der Tropeninsel gefunden — um es

zuletzt wiederum zu verlieren. Aber gleichviel, es war doch einmal

mein, dieses Glück!

Was wollte ich also in Ceylon, was gedachte ich dort zu beginnen? Nun,

so mancherlei. Ceylon ist ja nicht bloß die Insel der Elefanten und

anderer Wundertiere, es gibt dort noch so viele andere Dinge, um die zu

bemühen sich wohl lohnt. Zum Beispiel die +Perlen+. Die Perlen Ceylons

waren schon im frühen Altertum, Jahrhunderte vor Christi Geburt,

beliebt und geschätzt, die phönizischen und arabischen Seefahrer haben

sie schon damals unter unendlichen Beschwerden für die Griechen und

Römer geholt. Der Mittelpunkt der Perlenfischerei ist Marischchukkadi;

hier treffen sich zu gewissen Zeiten Tausende von Eingeborenen der

ceylonischen und der benachbarten Küsten mit ihren Booten, um dem

Meere die Muscheln mit dem kostbaren Inhalt zu entreißen. Es war nun

meine Absicht, erstens einmal eine größere Perlenfischertruppe zu

engagieren und nach Europa zu bringen, wo sie in Schaustellungen ihre

erstaunlichen Taucherkunststücke vorführen sollten, zugleich aber auch

mich selbst in der Perlenverwertung zu betätigen. Aber ein bekanntes

plattdeutsches Sprichwort lautet: „Nimm di nix vor, dann geiht di nix

fehl.“ Ich kam zwar, jetzt zum drittenmal, in Ceylon an, aus allerlei

Gründen jedoch wurde aus der Verwirklichung meiner Perlenträume nichts.

Überdies war meine Finanzkraft auch zu gering. Ich hatte in den

vorhergegangenen Jahren wohl ganz hübsch verdient, aber doch nur wenig

zurücklegen können. So sah ich mich nun alsbald nach meiner Ankunft

in Colombo in die Notwendigkeit versetzt, zunächst einmal, bis sich

mir bessere Aussichten zur Selbständigkeit boten, irgend eine Stellung

anzunehmen. Dank meinen praktischen Erfahrungen und Sprachkenntnissen

fand ich rasch einen Posten in einer Shipchandlery. Das englische Wort

+Shipchandler+ ist in die internationale Seemannssprache übergegangen;

man versteht darunter einen Schiffslieferanten, der die Schiffe mit

allen möglichen Bedarfsartikeln versorgt, vom Scheuerlappen an bis zum

Kompaß und zum Proviant. In einem kleinen Betrieb dieser Art wurde ich

also Clerk, d. h. Angestellter und Handlungsgehilfe.

Es gab tüchtig zu tun. +Das Geschäftsleben in Übersee+, besonders

an einem großen Hafenplatz, ist wahrlich keine träumerische Idylle.

Man hat in Europa oft ganz merkwürdig falsche Vorstellungen von der

Lebensführung des Kolonisten in exotischen Ländern. Junge Leute, die

ihre Kenntnisse aus phantastischen Schmökern schöpfen, malen sich das

Dasein des europäischen Kaufmanns oder Pflanzers in Übersee in den

verlockendsten Farben als eine Art Schlaraffenleben aus, das einem

nicht bloß die gebratenen Tauben direkt in den Mund spediert, sondern

auch alles andere, was das Herz just begehrt, auf dem Präsentierteller

vorlegt. Solch ein Kolonist und weißer Herr (so stellt sich das in

der Einbildung des gutgläubigen jungen Träumers ungefähr dar) liegt

den ganzen lieben langen Tag in der Hängematte und braucht nur mit

den Händen zu klatschen, wenn er irgendeinen Wunsch erfüllt sehen

will. Aber das ist kaum nötig, denn seine zahlreichen, treu ergebenen

Diener sehen ihm ohnehin schon jeden Wunsch an den Augen ab. Er hat

also weiter gar nichts zu tun, als feine Zigarren zu rauchen, erlesene

Weine zu schlürfen und den Gaumen an den vollendeten Schöpfungen seines

Leibkochs zu ergötzen. Vielleicht gelüstet es ihn zuweilen, auf die

Jagd zu gehen und Elefanten, Tiger, Krokodile usw. serienweise zur

Strecke zu bringen. Es ist alles da, er braucht nur die nötigen Befehle

zu geben, er, der große weiße Meister und Herr ....

In Wirklichkeit verhält sich die Sache ein bißchen anders. Es mag

ja sein, daß es irgendwo in der Welt noch Gegenden gibt, in denen

der Kolonist das sprichwörtliche „Leben wie im Sommer“ führen kann,

streng nach der Weisheitsregel: „Wer die Arbeit kennt und sich nicht

drückt, der ist verrückt.“ Aber in Süd- und Ostasien wird man solche

Gegenden und solche Überseeer vergeblich suchen, besonders an den

großen Handelsplätzen. Dort sorgt schon +der allgemeine Wettbewerb+

dafür, daß es ohne Umsicht, Rührigkeit und Ausdauer, von noch einigen

anderen Eigenschaften ganz zu schweigen, keinen Erfolg gibt. Denn

nicht nur die verschiedenen europäischen Nationalitäten sind an diesen

Plätzen zahlreich vertreten, auch die Landeskinder selbst besitzen

sehr namhafte kaufmännische Talente und sind durchaus nicht gewillt,

sich von den Einwanderern einfach an die Wand drücken zu lassen. Es

heißt sehr tüchtig sich regen, alle Möglichkeiten und alle Vorteile

wahrnehmen, wenn der junge Kaufmann und Unternehmer es hier zu etwas

bringen will. In den Handelskontoren von Colombo, Singapore, Batavia,

Hongkong, Manila, Shanghai, Jokohama — um nur die wichtigsten süd- und

ostasiatischen Handelsplätze zu nennen — wird mindestens ebenso fleißig

gearbeitet, wie in den Kontoren von Hamburg, London, Amsterdam. Und

das will etwas heißen in einem Klima, das die höchsten Anforderungen

an die Widerstandskraft der Weißen stellt. Schon am frühen Morgen geht

es zum Dienst, und mit geringen Unterbrechungen dauert die Arbeit bis

zum späten Nachmittag. Sie verstärkt sich zu atembeklemmendem Tempo an

den zahlreichen „~mail-days~“, den Posttagen, d. h. den Ankunftstagen

der Dampfer mit Überseepost. Die eingegangenen Briefe müssen dann rasch

beantwortet, die eiligen Bestellungen sofort erledigt werden. Wenn der

Überseekaufmann nachmittags sein Kontor verläßt, dann weiß er, was er

geleistet hat. Die Mußestunden, die ihm für Bewegung im Freien, für

Sport und Unterhaltung übrig bleiben, sind kurz bemessen. Man geht in

den heißen Ländern nach Anbruch der Nacht ziemlich frühzeitig zur Ruhe;

ein sogenanntes „Nachtleben“, wie in den europäischen Großstädten,

gibt es dort nicht, würde sich auch mit den Gesundheitsregeln nicht

vertragen.

Ich habe bei diesem Punkt ausführlicher verweilt, weil mein Buch

wahrscheinlich auch von vielen jungen Leuten gelesen wird, die von

einer wohlbegreiflichen Sehnsucht nach der Ferne erfüllt sind, und

weil ich für mein Teil dazu beitragen möchte, irrige Vorstellungen

zu beseitigen. Es wird ja, und hoffentlich recht bald, die Zeit

wiederkehren, wo der deutsche Kaufmann und Unternehmer sich

ungehindert, wie einst, im Ausland betätigen darf. Im allgemeinen

haben sich die deutschen Überseeer draußen in ihren Stellungen

glänzend bewährt, nicht bloß in den deutschen, sondern auch in den

fremden Handelshäusern. Zahlreiche englische Kaufleute haben mit ihren

deutschen Clerks die besten Erfahrungen gemacht und würden, wenn sie es

dürften, sie gern wieder anstellen. Das beweist, mit welchem Ernst der

junge deutsche Kaufmann draußen an seine Aufgabe herantritt. Natürlich

kommen auch bisweilen, Gott sei Dank selten, Ausnahmen vor. Manche

nicht hinlänglich gefestigte Natur erliegt den Versuchungen, die in den

exotischen Ländern an den Kolonisten herantreten. Dann ist es das beste

für ihn und auch für die ganze Kolonie (die, je kleiner sie ist, desto

sorgfältiger auf tadellosen Lebenswandel ihrer Mitglieder achten muß),

wenn er sich sobald wie möglich nach Europa zurückzieht. Es gibt keinen

traurigeren Anblick als den eines heruntergekommenen und deklassierten

Europäers in Ländern mit farbiger Bevölkerung.

Schon nach kurzer Tätigkeit in meiner Stellung hatte ich mich in

dem neuen Fach soweit eingearbeitet, daß ich es wagte, mich mit

meinen geringen Mitteln selbst als Shipchandler zu etablieren, in

Verbindung mit einem Stevedoregeschäft. Unter einem +Stevedore+

— das englische Wort ist dem Spanischen entnommen — versteht man

eine Art Schiffsspediteur, der in den Häfen das Ein- und Ausladen

von Waren besorgt. Dieser Geschäftszweig lag in Colombo damals

ganz in den Händen von Eingeborenen. Ich sah die verheißungsvollen

Entwickelungsmöglichkeiten eines derartigen Unternehmens voraus und

dachte dabei hauptsächlich an deutsche Schiffe. Zwar liefen zu jener

Zeit nicht mehr als 4–6 deutsche Dampfer im Monat in Colombo an, aber

da wir uns gerade am Anfang der glänzenden Entwicklung des deutschen

Weltverkehrs befanden, so vertraute ich auf ein sehr schnelles

Anwachsen dieser Ziffer. Und wie sich bald herausstellen sollte, mit

Recht. Meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern im Laufe

der Zeit weit übertroffen; belief sich doch die Zahl der Colombo

anlaufenden deutschen Dampfer in den letzten Jahren vor dem Kriege auf

jährlich etwa sechshundert!

Es fiel mir als Deutschem mit einem auch in der Schiffswelt bereits

sehr bekannten Namen nicht schwer, die nötigen Verbindungen

anzuknüpfen, und da ich keinerlei Mühe scheute, um mich

durchzusetzen, wurde ich aus kleinsten Anfängen heraus allmählich

Lieferant und Verfrachter bei den Schiffen des Norddeutschen

Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie, der Deutsch-Australischen

Dampfschiffahrts-Gesellschaft, der Bremer Hansa-Linie und anderer

Reedereien. Das Shipchandler- und Stevedoregeschäft kann in einem

exotischen Hafen wie Colombo nur dann erfolgreich gehandhabt werden,

wenn man nicht nur die Europäer, die man bedienen will, sondern auch

die Eingeborenen, die man dazu als Helfer braucht, richtig zu behandeln

versteht. Wird unter den Eingeborenen, wie es so häufig geschieht,

aus irgendwelchen Gründen die Parole ausgegeben, sich „bockbeinig“ zu

verhalten, so nützt dem Geschäftsmann das beste Wollen, die rührigste

Tätigkeit nichts — er bekommt weder Arbeiter noch Material oder

Proviant, überall stößt er auf jenen passiven Widerstand, worin es der

Orientale zur Meisterschaft bringt.

Deshalb hatten auch meine englischen Vorgänger, die es mit diesem Fach

versucht hatten, so wenig erreicht, daß sie bald wieder die Flinte

ins Korn warfen. Bei mir lag die Sache anders. Ich war von meinem

Tierhandel her auf Ceylon schon sehr bekannt, ja, ich darf wohl ohne

Überhebung sagen: beliebt, und wußte die Eingeborenen von der rechten

Seite zu nehmen. So kam es, daß es mir an der benötigten Hilfe nicht

fehlte. Mein Geschäft ging vorwärts. Leicht ist es mir freilich

nicht geworden. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend und oft noch

tief in die Nacht hinein galt es die Hände zu rühren. Nicht etwa in

einem hochkomfortabel ausgestatteten, angenehm kühlen Kontor. Nein,

sondern bald hier bald dort, jetzt in den Baracken der eingeborenen

Unterhändler, dann im Kohlenstaub der Lagerplätze am Hafen, dann

wieder in den zum Umfallen heißen Laderäumen der Schiffe, und das immer

bei einer ziemlich gleichmäßigen Temperatur von 40 Grad, manchmal auch

mehr! So sah mein „idyllisches Tropenleben“ aus, von dem mancher gute

deutsche Landsmann zu Hause träumt!

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 4 / 19 段