indischen Hotels auf die +Gesellschaftsräume+, die zum Aufenthalt
der Gäste während des größten Teiles des Tages, sowie zum geselligen
Beisammensein bestimmt und deshalb viel weitläufiger und luxuriöser
angelegt sind, als es in deutschen Hotels der Fall zu sein pflegt.
Da findet man einen großen Speisesaal, in welchem an kleinen Tischen
gespeist wird, einen Lesesaal mit zahlreichen, allerdings fast
ausschließlich englischen Zeitungen oder Zeitschriften, Rauchzimmer
für die Herren, Salons für Damen, Billardraum, Musiksaal usw.,
nicht zu vergessen eine glänzend eingerichtete Bar, an der man
vom Universalgetränk Whisky-Soda bis zum raffiniertesten Cocktail
alle „alkoholischen Gifte“ erhält, die man begehrt. In allen Sälen
surren elektrisch betriebene Ventilatoren und sorgen für Kühlung,
überall laden verführerisch aussehende Liegestühle und Klubsessel zu
schlemmerhaftem Faulenzen ein. Auch an Unterhaltung fehlt es nicht.
In der „Hall“, auf der Veranda und im Garten stellen sich Händler
ein, die unermüdlich mit einem schmeichlerisch leisen, betörenden
Tonfall der Stimme ihre Schätze ausbreiten: Seidenstoffe, Stickereien,
Teppiche, Edelsteine, Elfenbeinschnitzarbeiten und hundert andere
„Curios“, wie sie der Fremde als Reiseandenken oder als Mitbringsel
für die Lieben daheim gern zu kaufen pflegt. Daneben treten Gaukler
auf und produzieren sich in ihren oft erstaunlichen Künsten, und beim
nachmittäglichen Fünfuhrtee im Garten sorgt die Hausmusik oder die
Militärkapelle für Ohrenschmaus. Kurz und gut, unter solchen Umständen,
bei so vielen Bequemlichkeiten und Zerstreuungen ist es kein Wunder,
wenn manche Hotelgäste aus dem Hotel überhaupt kaum herauskommen und
sich die Tropenwelt eigentlich nur vom Klubsessel aus ansehen. Auch
sonst ist für das leibliche Wohl gut gesorgt. Das erste einfache
Vorfrühstück pflegt der Zimmerboy früh ans Bett zu bringen. Nach dem
Aufstehen wird dann im Speisesaal ein kräftiges Frühstück, aus Eiern,
Fleischspeisen und Obst bestehend, eingenommen. Zwischen 1 und 2 Uhr
wird das Lunch oder Tiffin, wie man es in Süd- und Ostasien nennt,
serviert und abends zwischen 7 und 8 Uhr beginnt die gemeinschaftliche
Hauptmahlzeit, das Dinner, bei der nach englischer Sitte erwartet
wird, daß der Gast im Gesellschaftsanzug erscheint. So reichhaltig
die +Speisekarte+ auch ist, kann sie den deutschen Gaumen auf die
Dauer kaum befriedigen. Er vermißt das Kräftige, Schmackhafte. Mit
wenigen Ausnahmen ist die ganze englische Kolonialküche von abstoßender
Fadheit, so daß man sich genötigt sieht, die verschiedensten
Patentsoßen und scharfen Gewürze über die Speisen auszuschütten, damit
sie nur überhaupt nach etwas schmecken. Schließlich hält man sich an
solche Sachen, an denen nichts verdorben werden kann, wie zum Beispiel
Reis mit Curry und das immer bekömmliche ~Ham and eggs~.
So lebt der +Fremde+, der Hotelgast, in Colombo. Daß der ortsansässige
Europäer, der +Kolonist+, ein bißchen anders lebt und sich dem süßen
Nichtstun nicht in so ausgiebiger Weise hingeben darf, das ist
selbstverständlich und davon wird später noch die Rede sein.
* * * * *
Nachdem ich so in großen Zügen, nur das Wesentliche herausgreifend,
den Schauplatz meiner Tätigkeit und die ersten Eindrücke, die der
Ankömmling in Ceylon empfängt, geschildert habe, kehre ich zu meinen
ersten Unternehmungen auf der Insel zurück.
Die +Verkehrsverhältnisse+ in Ceylon waren damals, in den achtziger
Jahren, noch nicht so entwickelt wie heute. Von der Eisenbahn,
die jetzt die ganze Insel durchzieht und sie seit 1914, über die
Sandbänke der Adamsbrücke hinweg, auch mit dem indischen Festland
verbindet, waren zu jener Zeit erst Teilstrecken in Betrieb. In den
meistbevölkerten Provinzen gab es zwar schon gutgepflegte Landstraßen,
auf denen auch Personenposten verkehrten, aber wer, wie ich, abseits
von den allgemein betretenen Wegen zu tun hatte, mußte sich darauf
einrichten, durch die pfadlose Wildnis zu wandern, in der es natürlich
auch keine Unterkunftsstätten gab, und hatte seine ganze Ausrüstung
dementsprechend zusammenzustellen.
Während ich noch mit den Vorbereitungen zu der Einkaufsexpedition
beschäftigt war, schickte ich meine Leute, die schon für unsere früher
hier tätig gewesenen Reisenden gearbeitet hatten, nach dem 30 englische
Meilen von Colombo entfernten +Elefantendistrikt von Labugama+ voraus
und folgte ihnen nach einigen Tagen mit der Postkutsche nach. Die Leute
hatten inzwischen unser kleines Zeltlager an günstiger Stelle, in
Nähe einer Waldung, aufgeschlagen. Nun hieß es bei den verschiedenen
Dorfvorstehern der Gegend Umschau halten und Erkundigungen einziehen,
wo Elefanten verkäuflich wären. Wer in Ceylon auf dem Lande irgendetwas
vorhat, irgendetwas durchsetzen will, kann nur mit Hilfe der
+Ratamahatmas+, so heißen die Dorfvorsteher, zum Ziel gelangen. Der
Ratamahatma, bisweilen ein Mann von vornehmer Herkunft und entsprechend
hoher Kaste, verkörpert in seiner meistens sehr wohlgenährten Person
die lokale Autorität, und von dem Grade seiner Dienstbereitschaft und
seines Wohlwollens hängt es zum großen Teile ab, ob man die Geschäfte,
bei denen er behilflich sein soll, rasch oder langsam oder überhaupt
nicht vorwärts bringt. Man muß sich also mit dem Ratamahatma auf einen
guten Fuß stellen, und das erfordert immerhin die Gabe der Einfühlung
in die Gedankengänge des Singhalesen. Es gilt für den Verkehr mit
ihm genau dasselbe wie für den Umgang mit indischer Dienerschaft
und überhaupt mit allen Indern: durch schroffes Auftreten, durch
geflissentliches Betonen der (oft sehr fragwürdigen) Überlegenheit des
weißen Masters erreicht man gewöhnlich nur das Gegenteil des Gewollten.
Der Singhalese hat ein feines Gefühl für Würde und Schicklichkeit,
wünscht anständig und höflich behandelt zu werden, und das ist füglich
auch sein gutes Recht. Wenn es mir in meiner Ceylon-Praxis, in der
ich fortwährend mit Eingeborenen aller Klassen zu tun hatte und
auf ihren Beistand und guten Willen angewiesen war, gelungen ist,
ohne nennenswerte Reibungen stets ein gutes, oft freundschaftliches
Verhältnis mit ihnen zu unterhalten, so lag es einfach daran, daß
ich in ruhiger und höflicher Weise mit ihnen verkehrte, daß ich zwar
energisch auf der Erfüllung übernommener Pflichten bestand, aber sonst
niemals jenen dünkelhaften Herrenstandpunkt hervorkehrte, den manche
übelberatene Europäer in völliger Verkennung der Sachlage gern betonen.
Obwohl ich damals noch Neuling und ungewöhnlich jung war, gelang es
mir doch schnell, das Vertrauen der Ratamahatmas zu erlangen. Wie ich
von ihnen hörte, hatte in der Gegend vor kurzem ein +Elefantenkraal+
stattgefunden, wobei man über vierzig wilde Elefanten gefangen hatte.
An Tiermaterial fehlte es also nicht. Das erste Angebot, das mir
gemacht wurde, betraf zwei Babyelefanten von vier Fuß Höhe, die aus
dem Kraal stammten und deshalb noch sehr scheu waren. Wir wurden
handelseinig, und ich setzte mit meinen Leuten und den Babyelefanten
die Reise mit Ochsenkarren fort. Es ist keine ganz einfache Sache,
solche verängstigten, störrischen, immer aufs Ausreißen bedachten Tiere
unter Schwierigkeiten aller Art auf schlechten Wegen zu transportieren.
Auf der Station Awisawella konnte ich nach tagelangem Feilschen einen
schon gezähmten, sieben Fuß hohen Arbeitselefanten erwerben. Ich
habe schon früher darauf hingewiesen, mit welcher Leidenschaft und
Zähigkeit die Eingeborenen bei jedem Geschäft zu handeln pflegen.
Glatte Geschäfte wie im europäischen Kaufmannsleben, aus Angebot
und Ja oder Nein bestehend, gibt es im Verkehr mit Indern nicht, am
wenigsten im +Elefantenhandel+. Anfangs scheint es immer, als ob es
niemals zum Abschluß kommen würde, weil zwischen Forderung und Gebot
eine unüberbrückbare Kluft gähnt. Stunden und oft Tage vergehen, und
zehnmal machen die Parteien Miene, die hoffnungslosen Verhandlungen
abzubrechen. Inzwischen wird der Singhalese nicht müde, die Vorzüge des
fraglichen Tieres immer aufs neue herauszustreichen und mit Emphase
zu versichern, daß gerade dieser Elefant sein liebster sei, und daß
er sich gar nicht an den Gedanken gewöhnen könne, das Tier künftig
nicht mehr um sich zu haben. Wie man daraus ersieht, trifft alles,
was beim europäischen Pferdehandel üblich ist, auch auf den indischen
Elefantenhandel zu, allerdings in entsprechender elefantenhafter
Vergrößerung. Aber im Gegensatz zu der meistens nur vorgetäuschten
Sentimentalität des Pferdehändlers sind die Gefühle des Singhalesen
für seine Elefanten durchaus echt. Der Elefant steht bei den Indern
in höchstem Ansehen, und besonders der Singhalese bringt seinen
Dickhäutern eine Liebe entgegen, die keineswegs nur durch den hohen
Wert des Tieres bedingt ist. Ich habe es mehr als einmal erlebt, daß
nach Abschluß eines Elefantengeschäfts der bisherige Besitzer des
Tieres samt seiner ganzen Familie in Tränen ausbrach, wenn ich mich zum
Abzuge mit dem Elefanten rüstete, und das war nicht etwa eine geschickt
inszenierte Rührkomödie, sondern der ungekünstelte Ausdruck echter
Gefühle.
Der in Awisawella gekaufte Arbeitselefant kam uns sehr zustatten,
weil wir mit seiner Hilfe die beiden zeitweilig wilden Babyelefanten
im weiteren Verlauf unserer Reise besser befördern konnten. Wir
verbanden sie mit dem großen Elefanten durch Stricke, und wenn sie
nun bei Gelegenheit ihren Raptus bekamen und ausbrechen wollten,
schleppte der Arbeitselefant die unartigen Kleinen mit größter Ruhe
einfach mit. Bald erreichten wir +Ratnapura+, die Stadt der Edelsteine,
inmitten von Tee- und Kautschukpflanzungen am Fluß Kalu Ganga gelegen.
Im Reichtum an +Edel- und Halbedelsteinen+ kommt kaum ein anderes
Land Ceylon gleich. Den höchsten Preis erzielen Rubine; auch die
Saphire, besonders die farblosen weißen, sind sehr geschätzt. Unter
den Halbedelsteinen steht der Mondstein, ein Orthoklas-Feldspat von
silbrigem, bläulichem Schimmer, an Wertschätzung obenan, nächst ihm
wetteifern Topas, Turmalin, Granat, Aquamarin, Zirkon und Spinell um
die Gunst. In meiner ersten Ceylon-Zeit waren die schönen Steine noch
recht billig zu haben, aber die steigende Nachfrage der Touristen hat
nicht nur eine sehr namhafte Verteuerung bewirkt, sondern es auch
dahin gebracht, daß massenhaft Fälschungen in Umlauf kommen, die das
Auge des Nichtkenners von den echten Steinen kaum zu unterscheiden
vermag. In Ratnapura also, dem Mittelpunkt des Edelsteinhandels,
machte ich die Bekanntschaft des Ratamahatma Ellawella, eines der
reichsten und angesehensten Fürsten, eines Nachkommens des früheren
ceylonischen Königsgeschlechts. Ellawella bewohnte einen sehr schönen,
palastähnlichen Bungalow inmitten einer Kokosnußpflanzung und besaß
eine ansehnliche Anzahl Arbeitselefanten. Er bot mir vier größere
Elefanten von 5–7 Fuß Höhe an, die sich bereits seit einigen Monaten
in Gefangenschaft befanden und soweit gezähmt waren, daß man sie
transportieren konnte. Nachdem ich die Elefanten in dem 15 Meilen
entfernten Ort, wo sie untergebracht waren, übernommen hatte, ereignete
sich auf dem Weitermarsch ein kleiner Zwischenfall, der mich zu einer
zweitägigen Unterbrechung unserer Reise zwang. Wir hatten nämlich — es
war am 20. Dezember — unser Zeltlager mitten im Urwald aufgeschlagen
und die Elefanten in nächster Nähe angebunden, wobei ich den Wärtern
einschärfte, daß sie sich unter keinen Umständen von den Tieren
entfernen dürften. Wahrscheinlich war es aber den Leuten geglückt,
sich beim Passieren des letzten Dorfes auf mehr oder minder lautere
Weise eine Flasche Arrak zu verschaffen. Im allgemeinen sind die
Singhalesen und Tamulen sehr nüchtern, teils aus religiösen Gründen,
teils deshalb, weil sie keine große Neigung zu flüssigen Rauschmitteln
haben und diese auch für die Mehrzahl zu teuer sind. Es gibt aber
Ausnahmen, jedenfalls ist es eine Tatsache, daß Trunk- und Spielsucht
jene Laster sind, die den Eingeborenen am meisten zu Verstößen gegen
das Gesetz verführen. Genug, meine beiden Elefantenwärter hatten
zweifellos, wie man zu sagen pflegt, gehörig einen „hinter die Binde“
gegossen, obwohl eine Halsbinde eigentlich nicht zu den Bestandteilen
der Eingeborenenkleidung gehört. Am nächsten Morgen gegen Sechs
erhob ich mich von meinem Lager, um nach den Tieren zu sehen. Wer
beschreibt meinen Schreck, als ich zwar die größeren Elefanten noch im
tiefsten Schlafe vorfand, aber die Entdeckung machen mußte, daß unsere
„Nestkükchen“, die beiden Babyelefanten, verschwunden waren! Auch die
Wärter waren nicht zu sehen, und erst nach einigem Suchen konnte ich
sie hinter einem Gebüsch in todesähnlichem Schlummer aufstören. Ihren
weit aufgerissenen Mündern entfuhren rasselnde Schnarchtöne, und die
neben ihnen liegende leere Arrakflasche ließ keinen Zweifel darüber,
was sich ereignet hatte. Das ging mir denn doch wider den Strich.
Ich riß die Missetäter in etwas unsanfter Weise aus Morpheus’ Armen,
und soweit das bei ihrem verwirrten und verkaterten Zustand möglich
war, machte ich ihnen das Geschehene klar. Ich wusch ihnen nach allen
Regeln der Kunst den Kopf und rief auf singhalesisch: „~Ko, dekai
punchi alia?~“ (Wo sind die zwei kleinen Elefanten?), worauf ich die
lakonische Antwort erhielt: „~Api dande nee~“ (wir wissen nicht).
Die kleinen Elefanten, die jedenfalls in sehr nachlässiger Weise
angebunden waren, hatten sich losgerissen und waren vielleicht
schon seit vielen Stunden im Dickicht verschwunden. Es galt nun,
die wertvollen Flüchtlinge zu verfolgen und alles daran zu setzen,
ihrer wieder habhaft zu werden. Die Aussichten waren schwach genug,
denn die Spuren der Tiere verloren sich bald, und wir setzten die
Streife eigentlich nur aufs Geratewohl und in der Hoffnung auf
einen ungewöhnlichen Glücksfall fort. So legten wir am ersten Tage
vergeblich neun Meilen zurück, aber am Nachmittag des zweiten Tages,
nachdem wir schon todmüde und in verzweifelter Stimmung waren, geschah
das Unerwartete, daß wir die Ausreißer plötzlich in einem versteckt
liegenden kleinen Wasserbecken entdeckten. Meine Leute umstellten leise
das Becken, in dem die Babyelefanten, der wiedergewonnenen Freiheit
froh, gemütlich plätscherten und sich gegenseitig wie mutwillige
Kinder bespritzten. Mit Hilfe unserer Arbeitselefanten gelang es
uns, die Ausreißer einzufangen und sie noch in der folgenden Nacht,
bei Mondschein marschierend, zur Lagerstelle zurückzubringen. Dieser
noch glücklich abgelaufene Zwischenfall diente mir zur guten Lehre,
in Zukunft persönlich die schärfste Aufmerksamkeit auf die Tiere zu
richten und mich nicht allzusehr auf die Wärter und ihre Nüchternheit
zu verlassen.
So kam der 24. Dezember heran, der erste Weihnachtsabend, den ich
fern von der Heimat und dem Elternhaus in der Wildnis verbringen
sollte. Wir waren seit dem Abenteuer mit den Babyelefanten ein Stück
weiter gezogen und hatten noch ein paar Elefanten erstanden, so daß
sich unsere Herde bereits auf sieben Dickhäuter belief. Auf halbem
Weg nach Rakwana, südlich vom Adamspik, nicht weit von einem Dorfe
entfernt, schlugen wir unser Lager an einer Stelle auf, wo sich den
Elefanten reichlich Grünfutter bot; riesige Urwaldbäume umgaben das
kleine Kamp. — Nachmittags ging ein schweres Gewitter nieder. Zwei
Stunden lang dauerte der Aufruhr der entfesselten Elemente, fast
unaufhörlich folgten sich Blitz und Donner, krachend zersplitterten
in allernächster Nähe von uns ein paar Bäume, und wir hatten alle
Hände voll zu tun, um die Tiere zu sichern, die in ihrer Angst wütend
an den Stricken zerrten und mit Gewalt ausreißen wollten. Gegen
Sonnenuntergang zog endlich das Unwetter ab, aber der regennasse Wald
dunstete nun seine Feuchtigkeit aus, so daß wir wie in einem heißen
Dampfbade saßen und vor Nebel kaum die Hand vor Augen sehen konnten.
Selbst die ärgste Sonnenglut lastet bei trockener Luft nicht so
drückend schwer, so unerträglich brennend auf der Haut, wie diese heiße
Feuchtigkeit, bei der man das Gefühl hat, als ob alle Poren verstopft
wären und eine unsichtbare Faust die Kehle umklammert, daß die Brust
kaum zu atmen vermag.
Ich hatte den ganzen Tag über gar nicht an Weihnachten gedacht, und
erst jetzt, als ich mich, völlig durchnäßt von Dunst und Schweiß und
furchtbar erschöpft, auf meinen Feldstuhl vor dem Zelt niederließ,
kam es mir in den Sinn, daß ja Heiliger Abend wäre. Man muß die Feste
feiern, wie sie fallen. Zum Glück befand sich unter meinem Proviant
noch etwas Whisky und Sodawasser. Zum „Teetotaler“, wie die Engländer
und die Amerikaner die völligen Abstinenzler nennen, habe ich, um es
offen zu sagen, mein Lebtag kein Talent gehabt. Sicherlich ist in
den heißen Ländern starke Neigung zu geistigen Getränken noch viel
gefährlicher als in den gemäßigten Zonen, und ich habe es leider öfter
erleben müssen, daß sonst ganz tüchtige Europäer dort unten allmählich,
in manchen Fällen auch unheimlich rasch, nur deshalb zugrunde gingen,
weil sie sich das Trinken angewöhnt hatten und sich von der geliebten
„~bottle~“ und den scharfen Mixturen des Barkeepers nicht mehr
trennen konnten. Die Versuchung dazu ist an solchen Plätzen, wo es
an anregendem Umgang, besonders an Umgang mit gebildeten Damen, und
an geistiger Zerstreuung fehlt, oft groß genug. Wie bitter sich also
auch in den Tropen der allzu häufige „Flaschenzug“ rächt, so halte
ich es doch für übertrieben, gleich ins andere Extrem zu verfallen
und jeden alkoholischen Tropfen in Acht und Bann zu erklären. Das
Bekömmliche liegt auch hier, wie meistens überall, auf der goldenen
Mittelstraße. Wer von Hause aus gewöhnt ist, sein Gläschen zu trinken,
und sich dabei wohl fühlt, soll getrost auch in heißen Ländern seiner
Gewohnheit treu bleiben. Zu großen Zechereien wird er sich ohnehin
kaum aufgelegt fühlen, weil das Bedürfnis nach alkoholischen Getränken
bei Hitze ziemlich gering ist. Das ideale Anregungsgetränk in warmen
Ländern ist Whisky von guter Qualität, mit Sodawasser gemischt. Da man
es überall in den Kolonien in gleichmäßiger Güte erhält, hat es sich
zum internationalen Universalgetränk entwickelt. Es wirkt angenehm
erfrischend und anregend, hilft über Verstimmung und Anfälle von
Melancholie (die beim Kolonisten häufiger sind, als man wohl annehmen
mag) hinweg und hinterläßt bei mäßigem Genuß keine üblen Folgen.
Damit soll nun durchaus nichts gegen die Enthaltsamkeit gesagt sein.
Sicherlich mag für manchen aus mancherlei Gründen die Abstinenz das
Gebotene sein. Die menschlichen Naturen reagieren eben auf Alkoholgaben
in sehr verschiedener Weise, und es geht durchaus nicht an, alles über
einen Leisten schlagen zu wollen.
Nach dieser kleinen alkoholischen Abschweifung kehre ich zu meinem
Heiligen Abend im Urwald zurück. Ich braute mir also aus Whisky
und Sodawasser die übliche Mischung und während ich mein mehr als
bescheidenes Abendmahl, das einzige, das mein Koch mit Geschmack
zubereiten konnte, nämlich das unverwüstliche „Reis und Curry“,
verzehrte und hin und wieder einen Schluck dazu trank, dachte ich an
die Heimat und an die Lieben daheim und an den leuchtenden Christbaum.
Wie ein Wunder mutete es mich an, als um die achte Abendstunde
plötzlich der Nebel wich und der Himmel sein funkelndes Sternenzelt
über den Urwald ausbreitete. Als hätten sie nur auf den Augenblick
gewartet, um auch ihrerseits etwas zur Festbeleuchtung beizutragen,
glimmten jetzt Tausende und Abertausende von Feuerfliegen im Walde
auf. Die ceylonischen Feuerfliegen, richtiger Leuchtkäfer (~Luciola
sinensis~ und ~humeralis~), verbreiten nicht wie unsere deutschen
Glühwürmchen ein gleichmäßig strahlendes Licht, sondern blitzen in
Zwischenräumen von etwa einer Sekunde auf, um nach kurzem Funkeln
wieder zu erlöschen. Dieses fortgesetzte rhythmische Funkeln des
grünlichen Lichtes ist bei der großen Anzahl der schwirrenden Tierchen
von bezauberndem Reiz. Es gibt außerdem noch einen ganz großen, zwei
Zentimeter langen Leuchtkäfer (~Lamprophorus tenebrosus~), der sich
im Gebüsch aufhält und ein so starkes Licht wie eine kleine Laterne
verbreitet.
„Die Nacht ist keines Menschen Freund“, heißt es bei Gellert. Der
Eingeborene hat davon natürlich noch nichts gehört, aber er schließt
sich dennoch durchaus der Meinung des Dichters an. Die Nacht ist zum
Schlafen da, am allerwenigsten aber dazu, in Naturgenuß zu schwelgen.
Dafür haben die Singhalesen und die Tamulen überhaupt nicht das
geringste übrig. Als gänzlich unsentimentale Menschen haben sie,
wie alle sogenannten Naturkinder, ein rein sachliches Verhältnis
zur Natur, genau wie das Tier. Ästhetische Naturbetrachtung ist dem
gewöhnlichen Eingeborenen fremd, deshalb läßt ihn auch die Schönheit
der Naturschauspiele, das Geräusch des Urwaldes, das Zirpen der tausend
Grillen, das Gekreisch der fliegenden Hunde und anderer Tiere (von der
ewigen Stille des Urwaldes kann keine Rede sein), im allgemeinen ganz
kalt. Auf einen so verdrehten Gedanken, sich einsam am funkelnden Spiel
der leuchtenden Insekten zu weiden, kann eben nur ein europäischer
Master verfallen, der ja ohnehin einen höchst sonderbar konstruierten
Schädel hat. So dachten auch meine Leute und hatten sich längst zum
Schlafe ausgestreckt. Und als ich so bei meiner Weihnachtsfeier in
der Wildnis unter dem Sternenhimmel saß und sann und mich der tausend
Lichter erfreute, die mir das Christkind angesteckt hatte, trieb es
mich plötzlich, ohne jede Überlegung eine Unvorsichtigkeit zu begehen,
die einem erfahrenen alten Buschmann und Shikari (Jäger) nicht
passiert. Ich wollte nämlich einmal einen der großen, schwerfälligen
Leuchtkäfer, einen Lamprophorus, packen und mir bei meiner Laterne
genau besehen. Zu diesem Zweck näherte ich mich einem Gebüsch, aus
dem ein besonders kräftiges Licht erstrahlte, bückte mich und griff
mit der rechten Hand ins Blättergewirr, um nach dem Käfer zu haschen,
der ja, wie mir bekannt war, ein ganz harmloses engerlingähnliches
Tier ist. Ich dachte im Augenblick leichtsinniger Weise nicht daran,
daß im Buschwerk, zumal zur Nachtzeit, auch andere, minder harmlose
Lebewesen nisten und lauern. Als meine tastende Hand so den Leuchtkäfer
zu ergreifen suchte und ich ihn gerade zu packen glaubte, fühlte ich,
wie etwas am Unterarm entlang strich, hörte ein Rascheln —, im jähen
Schreck riß ich den Arm und zugleich den ganzen Körper zurück, so daß
ich, bei meiner gebückten Stellung, auf den Rücken fiel. Unwillkürlich
stieß ich dabei einen Schrei aus. Mein in der Nähe im Zelt liegender
Boy, der den leisen hellhörigen Schlaf eines Hundes hatte, war sofort
munter und lief herbei. Im selben Augenblick war ich auch wieder auf
den Beinen, leuchtete mit der Laterne vorsichtig ins Gebüsch, und wir
sahen nun den Verursacher meines Schrecks, eine ungewöhnlich große Tik
Palonga, eine sehr große Viper mit dreieckigem Kopf, die gefürchtetste
Giftschlange Ceylons, gefährlicher als die Kobra oder Brillenschlange,
weil sie bei ihrer Reizbarkeit ohne Zaudern blitzschnell zubeißt,
sobald sie sich angegriffen wähnt, während die schwerfällige Kobra
zunächst immer eine abwartende Drohstellung einnimmt. Es war
unvorsichtig von mir gewesen, im Dunkel aufs Geratewohl in ein Gebüsch
hineinzugreifen, und ich habe mir das für die Folgezeit zur Lehre
dienen lassen. Die Sache hätte sehr leicht ein übles Ende nehmen
können. Die Schlange wird von den Singhalesen besonders gefürchtet,
da durch den Biß sofort Starrkrampf eintritt und keine Hilfe möglich
ist. Die Folge davon war, daß meine Leute sich ein Feuer anmachten,
um die Schlange zu verscheuchen. Das war mein erstes Zusammentreffen
mit einer Giftschlange. Von anderen Abenteuern ähnlicher, aber nicht
ganz so harmloser Art wird später die Rede sein. Meine Weihnachtsfeier
war damit beendigt; ich warf noch einen letzten Blick auf das unsagbar
schöne Glitzern und Funkeln ringsum und zog mich dann mit meinem
Boy ins Zelt zurück, um dort alsbald in traumlosen, tiefen Schlaf zu
verfallen.
Wir setzten am nächsten Tage die Reise fort und gelangten bald nach
Rakwana. Um endlich wieder einmal etwas mehr Bequemlichkeit zu
genießen, machte ich von dem in Rakwana befindlichen Rasthaus Gebrauch.
Diese +Rasthäuser+ sind Unterkunftsstätten, die das Gouvernement in
den bewohnten Gegenden in Zwischenräumen von 12–15 Meilen an den
Hauptstraßen errichtet hat und für die Reisenden, in erster Linie für
die Beamten auf Dienstreisen, zum vorübergehenden Gebrauch offen hält.
Ein Rasthaus enthält gewöhnlich 4–6 Schlafräume, ein Speisezimmer
und eine bequeme breite Veranda mit den üblichen Liegestühlen und
Tischchen, außerdem die zur Bewirtschaftung nötigen Nebenräume. Der
Reisende hat nur drei Tage Anrecht auf Unterkunft und muß nach Ablauf
der Zeit sein Zimmer räumen, wenn andere kommen; ist das aber nicht der
Fall, so darf er auch länger im Rasthaus weilen. Die Bewirtschaftung
liegt in den Händen eines eingeborenen Pächters, der für Unterkunft,
Kost und Bedienung einen von der Regierung festgesetzten, ziemlich
mäßigen Preis zu berechnen hat. Ich habe auf meinen zahllosen
Wanderungen in Ceylon immer sehr gern in den Rasthäusern gewohnt.
Wer keine übertriebenen Ansprüche stellt und besonders nicht an den
meistens höchst bescheidenen Darbietungen der Küche Anstoß nimmt,
fühlt sich in dem gemütlichen, stillen Rasthause wohler, als in den
geräuschvollen Großstadthotels, und findet dort auch Gelegenheit zu
interessanten Bekanntschaften mit anderen Gästen, mit Ingenieuren,
Beamten, Pflanzern, Forschern usw. Natürlich trifft man bisweilen auch
sehr elende Rasthäuser, besonders ist das auf dem indischen Festland
der Fall.