Es läßt sich begreifen, daß auch ich bei meiner ersten Ankunft in

Colombo kein Auge für die Schönheiten und den farbenfrohen, exotischen

Reiz der Tropenstadt hatte, denn es galt sofort alle möglichen

praktischen Fragen zu regeln, die mit meinem Aufenthalt und meinen

besonderen Aufgaben in Ceylon zusammenhingen. Ich begab mich deshalb

vor allem zum deutschen Konsulat, um mich dort vorzustellen und mir die

nötigen Auskünfte zu verschaffen, und machte dann die Bekanntschaft

einiger in Colombo ansässiger Landsleute, die gemeinschaftlich

ein auf den Namen Rheinfels getauftes Bungalow bewohnten. Unter

+Bungalow+ versteht man in Indien ein leichtgebautes, dem Klima und

den Lebensgewohnheiten der heißen Zone angepaßtes Europäerhaus. Ein

derartiges, zumeist nur aus einem Erdgeschoß bestehendes, höchstens

einstöckiges Haus aus Holz- und Mauerwerk muß eine möglichst freie

Lage haben, damit es von allen Seiten vom Wind bestrichen wird. Ein

überhängendes Dach oder eine rings um das Haus laufende Veranda schützt

die Außenwände vor der direkten Sonnenbestrahlung. Der Fußboden des

Erdgeschosses darf nicht unmittelbar auf dem Erdboden liegen, da

sonst das Ungeziefer und zur Regenzeit auch die Feuchtigkeit leicht

Zutritt hätten; man setzt das Haus deshalb gern auf freistehende

gemauerte Pfeiler, zwischen denen die Luft hindurch streicht. Die

ganze Bauart des Tropenhauses zielt darauf hin, für Lüftung und

möglichst kühle Räume zu sorgen. Paradoxer Weise holen sich die

Neulinge in den tropischen Hotels trotz aller Hitze oft Erkältungen

und rheumatische Beschwerden, weil sie die an windigen Tagen ziemlich

heftige Zugluft in den Gesellschaftsräumen nicht vertragen. Es ist ja

eine bekannte und von den Ausländern gern bespöttelte Tatsache, daß

der Deutsche so empfindlich gegen Zugluft ist, während andere Völker

die Zugluft in den Wohnräumen geradezu suchen und schätzen. Zu den

Eigentümlichkeiten des Bungalows gehört es ferner, daß man die Küche

und sonstigen Wirtschaftsräume, sowie die Klosett- und Badeanlagen gern

in einem Nebenbau unterbringt, damit sowohl die störenden Geräusche

der hantierenden Dienerschaft wie auch die gesundheitsschädlichen

Ausdünstungen von den Wohnungen ferngehalten werden. Der Nebenbau

wird dann meistens durch einen gedeckten Gang mit dem Hauptgebäude

verbunden. Die Veranda, der Lieblingsaufenthalt der Bewohner während

der kühleren Tagesstunden, ist möglichst breit und geräumig. Natürlich

wird vor allen Dingen darauf geachtet, daß der Erdboden, auf den das

Bungalow zu stehen kommt, trocken und fest ist, denn lockerer oder

gar feuchter Boden beherbergt jene Malariakeime, die dem Europäer so

gefährlich werden. Aus demselben Grunde, und um auch das Festsetzen

von Schlangen, Ungeziefer und Ameisen zu verhindern oder wenigstens zu

erschweren, sind im Mauer- und Holzwerk alle unnötigen Hohlräume zu

vermeiden. Man ersieht aus diesen kurzen Angaben, wieviele Umstände

selbst beim Bau eines ganz einfachen Tropenhauses berücksichtigt werden

müssen.

In dem Bungalow Rheinfels fand ich nun gastfreundliche Unterkunft.

Die +Gastfreundschaft+ spielt in den heißen Überseeländern eine

wichtige Rolle, ganz besonders aber in Indien. Eigentliche Hotels

nach europäischer Art gibt es nur in den großen Städten, und auch in

diesen sind sie häufig schon mehr als primitiv. In den kleineren

Ortschaften sieht sich der Fremde entweder auf die von der englischen

Regierung unterhaltenen Rasthäuser angewiesen, die aber gewöhnlich

nur für vorübergehenden Aufenthalt Unterkunft gewähren, oder auf die

gastfreundschaftliche Aufnahme bei ansässigen Personen, denen er schon

bekannt ist oder an die man ihn empfohlen hat. Da die besonderen

Landesverhältnisse es so erheischen, wird die Gastfreundschaft in

Indien unter Landsleuten gern und ohne Kleinlichkeit ausgeübt, wie

denn überhaupt eine gewisse großzügige, allem Pedantischen abholde

Lebensauffassung zu den charakteristischen Eigentümlichkeiten des

Überseeers gehört.

Kaum hatte ich mich in unserem Bungalow einigermaßen heimisch gemacht,

als ich auch schon die Vorbereitungen zu einer Expedition ins Innere

der Insel traf, um dort Elefanten zu kaufen und meine übrigen Aufgaben

zu erledigen. Aber bevor ich hierauf eingehe, gehört es sich wohl, den

Leser mit Colombo näher bekannt zu machen und ihm das „Tropenparadies“,

wie man die Hauptstadt Ceylons häufig genannt hat, vor das geistige

Auge zu führen.

Es ist das Seltsame an +Colombo+, daß man die Stadt, abgesehen von

dem Geschäftsviertel am Hafen mit seinen großen Häuserblocks und

amtlichen Gebäuden, eigentlich gar nicht sieht. Wenigstens nicht in

der Gestalt sieht, in der uns eine europäische Stadt zu erscheinen

pflegt: als eine geschlossene, massige Anhäufung von Straßen und

hohen Häusern. Colombo ist eine +Gartenstadt+, sehr weitläufig in der

Anlage, ganz locker über eine Fläche verteilt, auf der bei stärkerer

Ausnützung des Geländes das Zehnfache der Einwohnerzahl — die sich

heute auf 215000 beläuft — untergebracht werden könnte. Schier

endlos ausgedehnte Alleen durchziehen diesen weiten Raum, der, vom

Standpunkt eines Häuserspekulanten aus betrachtet, hauptsächlich aus

„baureifen Grundstücken“ besteht; endlose Alleen, die sich allmählich

ins Vegetationsdickicht der Peripherie verlieren. Der Fremde, der

sich von seinem Rikschakuli aufs Geratewohl kreuz und quer durch die

Gartenvorstädte Colombos kutschieren läßt, wird die Empfindung nicht

los, daß diese Fahrt noch stunden- oder tagelang dauern könnte, ohne

daß sich ein Ende der Straßen, Alleen oder Promenadenwege absehen

ließe. Die Bungalows, Villen oder Eingeborenenhütten verschwinden

unter dem Überschwang eines +Pflanzenwuchses+, der keine Hemmungen

zu kennen scheint. Das vorherrschende Gewächs ist die so dekorative

stolze +Palme+ in ihren mannigfachen Arten: die Kokospalme mit dem

meistens gebogenen Stamm, die die salzhaltige Luft der Küste liebt; die

kerzengerade schlanke Arekapalme, deren klein zerschnittene Nuß, mit

etwas Kalk und Tabakblättern gemischt und in das Betelblatt gewickelt,

von den Eingeborenen als Reiz- und Erfrischungsmittel gekaut wird;

die prächtige Talipotpalme mit ihren riesigen Schirmblättern, die

nur einmal in ihrem Leben, zwischen dem 60. und 70. Jahre, blüht, um

bald darauf einzugehen; die Palmyrapalme mit Büschelblättern, die wie

Straußfedern aussehen; die seltsam pfauenradartige Ravenala, der „Baum

des Reisenden“, in dessen Blattscheiden sich das trinkbare Wasser

ansammelt, nach dem der Wandernde sucht. Neben den Palmen welche Fülle

von anderen Bäumen, Sträuchern und kleineren Gewächsen! Um nur ein

paar der wichtigsten zu nennen: Bambus, Banane, Brotbaum, der Jackbaum

mit den unmittelbar aus dem Stamm hervorwachsenden Früchten, der Mango

und der Mangostin, die Spender der geschätztesten Tropenfrüchte, der

Feigenbaum mit seinen phantastischen, oft zu förmlichen Hainen sich

auswachsenden Luftwurzeln, und die üppige Rankenpflanze Bougainvillia,

deren leuchtend violette Blüten durch blendende Schönheit berücken.

Dann die stark riechenden Gewürzpflanzen, besonders der Zimmt, dessen

feiner Duft streckenweise die ganze Luft erfüllt. Es gibt unter diesem

Himmelsstrich zwischen Vergehen und Werden keine Pause, ununterbrochen

das ganze Jahr hindurch grünt und blüht es in ewigem Sommer, in ewigem

Licht, +es scheint keinen Anfang und erst recht kein Ende zu geben+ in

dem beständig neues Leben gebärenden Chaos der dunkelgrünen Vegetation

über der schweren rötlichen Erde.

Colombo erstreckt sich etwa 11 ~km~ an der sanft nach außen gebogenen

Küste entlang und ungefähr 4 ~km~ ins Land hinein. Einen eigentlichen

Naturhafen besitzt Colombo nicht, aber die ursprünglich offene Reede

ist allmählich durch riesige Wellenbrecherdämme so gesichert worden,

daß sie den auf ihr ankernden Schiffen auch zur Zeit des schwersten

Südwestmonsuns, der die Wellen an den Molen haushoch emporpeitscht,

völligen Schutz gewährt. An den Hafen grenzt der älteste europäische

Stadtteil, +Fort+ genannt, weil sich hier früher das Fort befand,

das die Portugiesen zum Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet und

das die Niederländer später weiter ausgebaut hatten. Heute ist das

Fort die Geschäftsstadt, die City Colombos, mit den Amtsgebäuden,

den Konsulaten, Banken, Kontoren, dem Zollamt, der Hauptpost usw.

Der Verkehr konzentriert sich in der Yorkstreet und der Queenstreet

mit ihren Warenhäusern, Agenturen, Kuriositäten- und Juwelenläden

und sonstigen Geschäften. An das Fort schließt sich nach Osten der

Stadtteil +Pettah+ an, die Geschäftsstadt der Eingeborenen, tagsüber

der Mittelpunkt eines ungemein bunten, interessanten Treibens. In den

Straßen mit den niedrigen Häusern und den offenen Verkaufsläden drängt

und schiebt sich die Menge: Singhalesen, Tamulen, Indo-Araber, Malaien,

Mischlinge, und da die Eingeborenen im allgemeinen keinen rechten

Begriff vom Wert der Zeit haben, wird jedes Geschäft unglaublich in

die Länge gezogen. Sie bringen es fertig, als Kauflustige eine Stunde

lang oder noch mehr um die geringste Kleinigkeit zu feilschen, ehe

sie sich zum Kauf entschließen; oft genug kommt es selbst dann noch

nicht zum Abschluß, sondern die Bemühungen, einen weiteren kleinen

Vorteil herauszuschlagen, werden am nächsten Tage mit frischen Kräften

fortgesetzt. Man darf nun nicht etwa denken, daß der Händler diese

Widerhaarigkeit seiner Kunden als lästig und ungehörig empfindet.

Ein europäischer Kaufmann hätte freilich nicht so viel Geduld, er

würde sich für solche Kundschaft bedanken und sie bald energisch

hinauskomplimentieren. Aber der orientalische Händler hat eine

gänzlich anders geartete Auffassung vom Geschäft. Ohne tüchtiges

Handeln und Feilschen würde ihm sein Metier gar keinen Spaß machen.

Er liebt die Weitschweifigkeit, die Unterhaltung, und er hielte den

Käufer, der ihm sofort den geforderten Preis bezahlt, sicherlich für

einen bedauernswerten Narren. Denn die Preise sind allgemein hoch

aufgeschlagen und dazu bestimmt, heruntergefeilscht zu werden. Ist das

Geschäft endlich zustande gekommen, so freut sich jeder, Händler sowohl

wie Käufer, in dem Bewußtsein, den anderen tüchtig übervorteilt zu

haben. Welche Ausdauer und Zähigkeit der indische Händler entwickelt,

wenn es gilt, eine Ware an den Mann zu bringen, davon lassen sich

ergötzliche Stücke erzählen.

Die Pettah geht in eine Reihe anderer Eingeborenen-Stadtteile über,

die sich, je mehr sie sich von der Küste entfernen, allmählich ins

Ländliche und ins Dickicht der Vegetation verlieren. Zwischen diesen

Eingeborenenquartieren und der sehr weitläufig angelegten europäischen

Gartenstadt liegt ein großes flaches Wasserbecken, der Frischwassersee,

in welchem die Eingeborenen zu gewissen Tageszeiten ihre von der

Religion vorgeschriebenen Waschungen vornehmen. Die bevorzugte

Promenade der Europäer und des vornehmen Teiles der Einwohnerschaft

ist die +Galle Face Road+, eine herrliche Straße, die sich vom Fort

südwärts unmittelbar am Meer entlang, an den Rasenplätzen von Galle

Face Esplanade vorbei, bis zu dem stattlichen Galle Face Hotel

erstreckt, einem der wenigen wirklich erstklassigen Hotels Indiens,

und noch weiter darüber hinaus bis zu den südlichen Vorstädten. In den

heißen Tagesstunden liegt die Galle Face Road ziemlich verödet da, wie

es denn überhaupt der Europäer aus guten Gründen vermeidet, sich der

vollen Glut des Tagesgestirns mehr auszusetzen, als unbedingt nötig

ist. Aber das Bild verändert sich am späten Nachmittag. Wenn sich die

Sonne über dem Meere dem Horizont zu nähern beginnt, wenn die Schatten

länger werden, die Hitze nachläßt und von den Wassern ein kühlerer

Lufthauch durch die Palmenwipfel streicht, dann beginnt es auf der

Galle Face Promenade lebendig zu werden. Das sind die Freiluftstunden

des Europäers, die leider sehr karg bemessenen Stunden zwischen

Tagesende und Nacht. Die Offiziere und ihre Damen, die Beamten, die

aus den Kontoren kommenden Kaufleute, die Fremden in den Hotels, sie

alle nehmen diese köstlichen frischen Stunden des zur Neige gehenden

Tages wahr, und mit hunderten von Wagen, Automobilen, und den von

Menschenkraft gezogenen Rikschas entwickelt sich auf dem wundervollen

Strandweg ein +Korso+, der an exotischem Reiz auf Erden nicht

seinesgleichen hat. Schon der landschaftliche Rahmen ist einzigartig.

Gegen Westen das unermeßliche Meer, niemals eintönig in seiner Färbung,

am wenigsten jetzt des Abends, wo der sinkende Sonnenball eine Flut

spielender, schillernder Lichter über die Wellen jagt, rote, gelbe,

bläuliche, grüne, in jedem Augenblick wechselnd und immer anders —

ein Farbenzauber, der in den ebenso huschenden und sich haschenden

Lichtern des Himmels sein Widerspiel findet. Auf der anderen Seite die

weiten Rasenflächen der Galle Face Esplanade, belebt von schlanken

jugendlichen Gestalten beiderlei Geschlechts, in Weiß gekleidet,

die dort die Bälle werfen oder in anderem Freiluftsport die Glieder

bewegen. Für gewöhnlich ist das Meer ruhig oder nur leise bewegt, der

Himmel klar; in bestimmten Monaten aber jagt der +Monsun+ die Wogen

gegen den Strand, daß sie hoch aufspritzen und ihr salziger Hauch die

Kleider der Promenierenden netzt und durchdringt. Dann ist der Himmel

oft düster von Wolken umhangen, und eine ergreifend schwermütige, trübe

Stimmung lastet auf allem Lebenden, Mensch und Kreatur, ja auch auf

den Pflanzen. Es überwiegen aber, wie gesagt, die klaren und heiteren

Tage. Am Strande, zwischen Meer und Promenade, auf dem feinkörnigen

Sand und zwischen den Steinen tummeln sich, von ihren indischen Ayah,

den Kindermädchen, sorgfältig betreut, die Kleinen der Ansiedler. Sie

lassen flache Steinchen auf der Oberfläche des Meeres hüpfen oder sie

stören die am Strande hausenden Krabben auf, die handtellergroßen,

kreisrunden Krabben, die sich auf der Flucht so komisch vorwärts

bewegen, indem sie nämlich, infolge der eigentümlichen Anordnung ihrer

Beine, seitwärts laufen. In den Korso der Europäer auf der Galle Face

Road mischen sich auch die vornehmen Eingeborenen gern. Es gibt sehr

wohlhabende Singhalesen und Indo-Araber in Colombo, die sich jeden

Luxus gestatten dürfen. Sie fahren in stolzen Karossen mit beturbanten

Dienern oder in den hübschen buntbemalten, von kleinen Zebuochsen

gezogenen Karreten und sind nebst ihren Damen in feinste Seide und

farbenfrohes Musselin gehüllt. Fußgänger sieht man nicht viel. Der

Europäer sowohl wie der vornehme Eingeborene geht in den Tropen nicht

gern zu Fuß. Man wird in dieser Hinsicht etwas bequem, muß sich auch

aus Gründen der Repräsentation, weil man doch eben als europäischer

„Master“ etwas besonderes ist oder es wenigstens darstellen soll,

meistens im Wagen zeigen. Trotz der Konkurrenz des auch in Indien

zu starker Verbreitung gelangten Automobils hat sich die +Rikscha+,

das von einem Kuli gezogene zweirädrige Wägelchen, seine Beliebtheit

bewahrt. Die Rikscha ist eine verhältnismäßig neue Einrichtung, denn

sie kam erst 1870 in Japan auf und ist von dort auch nach Ceylon

gelangt, während sie auf dem indischen Festlande nur stellenweise

Eingang gefunden hat. Dem neu angekommenen Europäer mit seinem starken

sozialen Empfinden kostet es anfangs eine kleine Überwindung, sich von

einem Menschen wie von einem Zugtiere vorwärtsbewegen zu lassen; aber

das liegt nun einmal in den Verhältnissen, und der Rikschakuli ist weit

davon entfernt, seine Tätigkeit, der er sein Brot verdankt, als eine

Herabwürdigung aufzufassen.

Ich möchte hier einschalten, daß meine Schilderungen weniger auf das

noch ziemlich bescheidene Colombo zutreffen, wie ich es bei meiner

ersten Ankunft in Ceylon im Jahre 1885 vorfand, als vielmehr auf das

inzwischen viel größer und stattlicher gewordene Colombo der letzten

Jahre vor Kriegsausbruch nach einer Entwicklung, die ich in den langen

Jahren meines dortigen Aufenthaltes mit durchgemacht habe, und an der

ich selbst für mein Teil mitwirken durfte.

Von den Eingeborenen, den verschiedenen Rassen, ihrer Religion, ihren

Sitten und Lebensgewohnheiten spreche ich später in einem anderen

Kapitel. An dieser Stelle möchte ich nur noch kurz darauf eingehen, wie

+der Fremde+ bei vorübergehendem Aufenthalt in Colombo zu leben pflegt.

Die bevorzugte Lage Colombos an einem der wichtigsten Punkte der

maritimen Etappenstraße von Europa nach Ostasien hat es mit sich

gebracht, daß die Hauptstadt Ceylons vom Fremdenstrome viel stärker

berührt wurde, als die großen Hafenstädte des indischen Festlandes:

Bombay, Calcutta, Madras. Denn alle Dampfer der großen Überseelinien

nach Süd- und Ostasien und Australien, die deutschen Reichspostdampfer,

die englischen, holländischen, französischen Postdampfer, liefen auf

der Aus- und Heimreise Colombo an und machten hier zum Zweck der

Kohlenübernahme Station. Die Passagiere fanden dabei Zeit genug, sich

wenigstens einen kurzen Einblick in die Stadt zu verschaffen; viele

aber, besonders die Fahrgäste unserer Reichspostdampfer, benutzten auch

die Gelegenheit, um Ceylon gleich gründlicher kennen zu lernen, sie

überschlugen deshalb hier einen Dampfer und setzten die Seereise erst

in acht oder vierzehn Tagen fort. So kommt es, daß Colombo, wenigstens

bei den Deutschen, die bekannteste und populärste indische Stadt ist,

die jeder Ostasienfahrer oder Weltumsegler aus eigener Anschauung kennt.

Die angenehmen Unterkunftsverhältnisse in Colombo sowohl wie auch an

den beiden besuchtesten Plätzen des inneren Ceylon, in Kandy und Nuwara

Eliya, taten das ihrige, um die Beliebtheit dieses Tropenparadieses zu

steigern. Im allgemeinen ist ja das +Gasthaus- und Verpflegungswesen+

in Britisch-Indien nicht gerade ideal, es entspricht nicht den

Anforderungen, die man in Europa zu stellen gewohnt ist, und bleibt

hinter den anderen guten Einrichtungen des großen Landes, besonders

dem trefflichen Eisenbahnwesen, weit zurück. Wirklich erstklassige

Gasthöfe, in denen auch der verwöhnte Reisende nicht allzu viel

vermißt, gibt es eigentlich nur in Bombay, Colombo, Kandy und einigen

Höhenkurorten, wie Nuwara Eliya. Aber selbst in den besten indischen

Gasthäusern darf der Fremde nicht erwarten, daß alles wie am Schnürchen

geht, wie er es von den großen Hotels seiner Heimat her gewohnt ist.

Man muß sich eben in die Landessitten fügen, und zwischen den Sitten

Indiens und denen Europas liegt eine ganze Welt. Was dem Fremden in

großen indischen Gasthäusern am meisten auffällt, ihn aber oft auch

am meisten irritiert, ist der +Überfluß an dienstbaren Geistern+ und

trotzdem der Mangel an einer sorgfältigen, auf die Wünsche des Gastes

rasch und verständnisvoll eingehenden Bedienung. Obwohl es auch unter

den indischen Dienern „Perlen“ gibt, läßt sich nicht bestreiten, daß

die Bedienung in den Hotels im allgemeinen um so lässiger gehandhabt

wird, je mehr Bediente vorhanden sind, und daß ein einziger gut

geschulter, intelligenter europäischer Kellner oder ein tüchtiger

deutscher Hausknecht der guten alten Art im Handumdrehen mehr leistet,

als ein halbes Dutzend indischer Hotelbedienter in einer Stunde. Das

liegt im System, in der komplizierten Standes- und Arbeitseinteilung,

von der wir später noch sprechen werden, schließlich auch in der

angeborenen Trägheit, der vom Klima und vom ganzen Milieu bedingten

Gleichgültigkeit, mit der ein ungebildeter Inder dem Tun und Treiben

des Europäers gegenübersteht. Man lernt die Seele der Eingeborenen

erst nach langen Jahren des Aufenthalts unter ihnen einigermaßen —

+nur einigermaßen, vollkommen niemals+ — kennen, und deshalb ist vom

Fremden auch nicht zu verlangen, daß er sofort den richtigen Ton, die

richtige Haltung im Verkehr mit seinem indischen Diener findet. Er

macht begreiflicherweise Fehler, und der schlimmste Fehler ist der,

in Übertragung europäischer Gewohnheiten auf indische Verhältnisse

die saumselige Dienerschaft anzudonnern. Es läßt sich verstehen, daß

der durch Hitze und andere Beschwerden oft höchst gereizte Ankömmling

bei Gelegenheit die Nerven verliert und bei Nachlässigkeiten der

Dienerschaft in Wut gerät. Aber das richtige Mittel ist es nicht, da

man dem Inder nur mit +ruhiger Festigkeit+ beikommen kann; zornige

Aufwallungen verfehlen gänzlich den Zweck.

Abgesehen von gelegentlichem Dienstbotenärger fühlt sich der Reisende

in einem großen Tropenhotel, wie etwa dem prächtig am Strande gelegenen

Galle Face Hotel in Colombo, sehr wohl. Nach englischer Sitte sind

die Fremdenzimmer, da nur für den Aufenthalt in der Nacht bestimmt,

sehr einfach, aber zweckmäßig eingerichtet; das Bett wird ringsum von

einem großen, bis auf den Boden wallenden Gazevorhang umhüllt, der

den Moskitos, diesen gefährlichen Überträgern der Malariafieberkeime,

den Zutritt zum Schläfer verwehrt. Gewöhnlich hat jedes Fremdenzimmer

seinen eigenen Toilette- und Baderaum. Was diesen betrifft, so wird

sich darin allerdings niemand von Faustens Wunsch: „Hier möcht’ ich

volle Stunden säumen“ bewegt fühlen. Denn es ist kein hochelegantes „W.

C.“, kein „~Bath-room~“ mit allen Schikanen, sondern nach Landessitte

ein roh auszementiertes, dunkles Kabinett mit einem kleinen, offenen

Tank, der abgestandenes Wasser enthält. Man badet stehend in der Weise,

daß man mit einem Blechgefäß aus dem Tank Wasser schöpft und sich damit

begießt. Die Benutzung von Badewannen sowie von heißem Badewasser ist

in Indien wenig üblich.

[Illustration: Aus einem ceylonischen Küstendorf mit Blick auf das Meer]

[Illustration: John Hagenbecks erstes Bungalow in Colombo]

[Illustration: Villenstraße in Colombo, rechts Eingang zu Hagenbecks

Bungalow]

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon · 第 2 / 19 段