Colombo kein Auge für die Schönheiten und den farbenfrohen, exotischen
Reiz der Tropenstadt hatte, denn es galt sofort alle möglichen
praktischen Fragen zu regeln, die mit meinem Aufenthalt und meinen
besonderen Aufgaben in Ceylon zusammenhingen. Ich begab mich deshalb
vor allem zum deutschen Konsulat, um mich dort vorzustellen und mir die
nötigen Auskünfte zu verschaffen, und machte dann die Bekanntschaft
einiger in Colombo ansässiger Landsleute, die gemeinschaftlich
ein auf den Namen Rheinfels getauftes Bungalow bewohnten. Unter
+Bungalow+ versteht man in Indien ein leichtgebautes, dem Klima und
den Lebensgewohnheiten der heißen Zone angepaßtes Europäerhaus. Ein
derartiges, zumeist nur aus einem Erdgeschoß bestehendes, höchstens
einstöckiges Haus aus Holz- und Mauerwerk muß eine möglichst freie
Lage haben, damit es von allen Seiten vom Wind bestrichen wird. Ein
überhängendes Dach oder eine rings um das Haus laufende Veranda schützt
die Außenwände vor der direkten Sonnenbestrahlung. Der Fußboden des
Erdgeschosses darf nicht unmittelbar auf dem Erdboden liegen, da
sonst das Ungeziefer und zur Regenzeit auch die Feuchtigkeit leicht
Zutritt hätten; man setzt das Haus deshalb gern auf freistehende
gemauerte Pfeiler, zwischen denen die Luft hindurch streicht. Die
ganze Bauart des Tropenhauses zielt darauf hin, für Lüftung und
möglichst kühle Räume zu sorgen. Paradoxer Weise holen sich die
Neulinge in den tropischen Hotels trotz aller Hitze oft Erkältungen
und rheumatische Beschwerden, weil sie die an windigen Tagen ziemlich
heftige Zugluft in den Gesellschaftsräumen nicht vertragen. Es ist ja
eine bekannte und von den Ausländern gern bespöttelte Tatsache, daß
der Deutsche so empfindlich gegen Zugluft ist, während andere Völker
die Zugluft in den Wohnräumen geradezu suchen und schätzen. Zu den
Eigentümlichkeiten des Bungalows gehört es ferner, daß man die Küche
und sonstigen Wirtschaftsräume, sowie die Klosett- und Badeanlagen gern
in einem Nebenbau unterbringt, damit sowohl die störenden Geräusche
der hantierenden Dienerschaft wie auch die gesundheitsschädlichen
Ausdünstungen von den Wohnungen ferngehalten werden. Der Nebenbau
wird dann meistens durch einen gedeckten Gang mit dem Hauptgebäude
verbunden. Die Veranda, der Lieblingsaufenthalt der Bewohner während
der kühleren Tagesstunden, ist möglichst breit und geräumig. Natürlich
wird vor allen Dingen darauf geachtet, daß der Erdboden, auf den das
Bungalow zu stehen kommt, trocken und fest ist, denn lockerer oder
gar feuchter Boden beherbergt jene Malariakeime, die dem Europäer so
gefährlich werden. Aus demselben Grunde, und um auch das Festsetzen
von Schlangen, Ungeziefer und Ameisen zu verhindern oder wenigstens zu
erschweren, sind im Mauer- und Holzwerk alle unnötigen Hohlräume zu
vermeiden. Man ersieht aus diesen kurzen Angaben, wieviele Umstände
selbst beim Bau eines ganz einfachen Tropenhauses berücksichtigt werden
müssen.
In dem Bungalow Rheinfels fand ich nun gastfreundliche Unterkunft.
Die +Gastfreundschaft+ spielt in den heißen Überseeländern eine
wichtige Rolle, ganz besonders aber in Indien. Eigentliche Hotels
nach europäischer Art gibt es nur in den großen Städten, und auch in
diesen sind sie häufig schon mehr als primitiv. In den kleineren
Ortschaften sieht sich der Fremde entweder auf die von der englischen
Regierung unterhaltenen Rasthäuser angewiesen, die aber gewöhnlich
nur für vorübergehenden Aufenthalt Unterkunft gewähren, oder auf die
gastfreundschaftliche Aufnahme bei ansässigen Personen, denen er schon
bekannt ist oder an die man ihn empfohlen hat. Da die besonderen
Landesverhältnisse es so erheischen, wird die Gastfreundschaft in
Indien unter Landsleuten gern und ohne Kleinlichkeit ausgeübt, wie
denn überhaupt eine gewisse großzügige, allem Pedantischen abholde
Lebensauffassung zu den charakteristischen Eigentümlichkeiten des
Überseeers gehört.
Kaum hatte ich mich in unserem Bungalow einigermaßen heimisch gemacht,
als ich auch schon die Vorbereitungen zu einer Expedition ins Innere
der Insel traf, um dort Elefanten zu kaufen und meine übrigen Aufgaben
zu erledigen. Aber bevor ich hierauf eingehe, gehört es sich wohl, den
Leser mit Colombo näher bekannt zu machen und ihm das „Tropenparadies“,
wie man die Hauptstadt Ceylons häufig genannt hat, vor das geistige
Auge zu führen.
Es ist das Seltsame an +Colombo+, daß man die Stadt, abgesehen von
dem Geschäftsviertel am Hafen mit seinen großen Häuserblocks und
amtlichen Gebäuden, eigentlich gar nicht sieht. Wenigstens nicht in
der Gestalt sieht, in der uns eine europäische Stadt zu erscheinen
pflegt: als eine geschlossene, massige Anhäufung von Straßen und
hohen Häusern. Colombo ist eine +Gartenstadt+, sehr weitläufig in der
Anlage, ganz locker über eine Fläche verteilt, auf der bei stärkerer
Ausnützung des Geländes das Zehnfache der Einwohnerzahl — die sich
heute auf 215000 beläuft — untergebracht werden könnte. Schier
endlos ausgedehnte Alleen durchziehen diesen weiten Raum, der, vom
Standpunkt eines Häuserspekulanten aus betrachtet, hauptsächlich aus
„baureifen Grundstücken“ besteht; endlose Alleen, die sich allmählich
ins Vegetationsdickicht der Peripherie verlieren. Der Fremde, der
sich von seinem Rikschakuli aufs Geratewohl kreuz und quer durch die
Gartenvorstädte Colombos kutschieren läßt, wird die Empfindung nicht
los, daß diese Fahrt noch stunden- oder tagelang dauern könnte, ohne
daß sich ein Ende der Straßen, Alleen oder Promenadenwege absehen
ließe. Die Bungalows, Villen oder Eingeborenenhütten verschwinden
unter dem Überschwang eines +Pflanzenwuchses+, der keine Hemmungen
zu kennen scheint. Das vorherrschende Gewächs ist die so dekorative
stolze +Palme+ in ihren mannigfachen Arten: die Kokospalme mit dem
meistens gebogenen Stamm, die die salzhaltige Luft der Küste liebt; die
kerzengerade schlanke Arekapalme, deren klein zerschnittene Nuß, mit
etwas Kalk und Tabakblättern gemischt und in das Betelblatt gewickelt,
von den Eingeborenen als Reiz- und Erfrischungsmittel gekaut wird;
die prächtige Talipotpalme mit ihren riesigen Schirmblättern, die
nur einmal in ihrem Leben, zwischen dem 60. und 70. Jahre, blüht, um
bald darauf einzugehen; die Palmyrapalme mit Büschelblättern, die wie
Straußfedern aussehen; die seltsam pfauenradartige Ravenala, der „Baum
des Reisenden“, in dessen Blattscheiden sich das trinkbare Wasser
ansammelt, nach dem der Wandernde sucht. Neben den Palmen welche Fülle
von anderen Bäumen, Sträuchern und kleineren Gewächsen! Um nur ein
paar der wichtigsten zu nennen: Bambus, Banane, Brotbaum, der Jackbaum
mit den unmittelbar aus dem Stamm hervorwachsenden Früchten, der Mango
und der Mangostin, die Spender der geschätztesten Tropenfrüchte, der
Feigenbaum mit seinen phantastischen, oft zu förmlichen Hainen sich
auswachsenden Luftwurzeln, und die üppige Rankenpflanze Bougainvillia,
deren leuchtend violette Blüten durch blendende Schönheit berücken.
Dann die stark riechenden Gewürzpflanzen, besonders der Zimmt, dessen
feiner Duft streckenweise die ganze Luft erfüllt. Es gibt unter diesem
Himmelsstrich zwischen Vergehen und Werden keine Pause, ununterbrochen
das ganze Jahr hindurch grünt und blüht es in ewigem Sommer, in ewigem
Licht, +es scheint keinen Anfang und erst recht kein Ende zu geben+ in
dem beständig neues Leben gebärenden Chaos der dunkelgrünen Vegetation
über der schweren rötlichen Erde.
Colombo erstreckt sich etwa 11 ~km~ an der sanft nach außen gebogenen
Küste entlang und ungefähr 4 ~km~ ins Land hinein. Einen eigentlichen
Naturhafen besitzt Colombo nicht, aber die ursprünglich offene Reede
ist allmählich durch riesige Wellenbrecherdämme so gesichert worden,
daß sie den auf ihr ankernden Schiffen auch zur Zeit des schwersten
Südwestmonsuns, der die Wellen an den Molen haushoch emporpeitscht,
völligen Schutz gewährt. An den Hafen grenzt der älteste europäische
Stadtteil, +Fort+ genannt, weil sich hier früher das Fort befand,
das die Portugiesen zum Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet und
das die Niederländer später weiter ausgebaut hatten. Heute ist das
Fort die Geschäftsstadt, die City Colombos, mit den Amtsgebäuden,
den Konsulaten, Banken, Kontoren, dem Zollamt, der Hauptpost usw.
Der Verkehr konzentriert sich in der Yorkstreet und der Queenstreet
mit ihren Warenhäusern, Agenturen, Kuriositäten- und Juwelenläden
und sonstigen Geschäften. An das Fort schließt sich nach Osten der
Stadtteil +Pettah+ an, die Geschäftsstadt der Eingeborenen, tagsüber
der Mittelpunkt eines ungemein bunten, interessanten Treibens. In den
Straßen mit den niedrigen Häusern und den offenen Verkaufsläden drängt
und schiebt sich die Menge: Singhalesen, Tamulen, Indo-Araber, Malaien,
Mischlinge, und da die Eingeborenen im allgemeinen keinen rechten
Begriff vom Wert der Zeit haben, wird jedes Geschäft unglaublich in
die Länge gezogen. Sie bringen es fertig, als Kauflustige eine Stunde
lang oder noch mehr um die geringste Kleinigkeit zu feilschen, ehe
sie sich zum Kauf entschließen; oft genug kommt es selbst dann noch
nicht zum Abschluß, sondern die Bemühungen, einen weiteren kleinen
Vorteil herauszuschlagen, werden am nächsten Tage mit frischen Kräften
fortgesetzt. Man darf nun nicht etwa denken, daß der Händler diese
Widerhaarigkeit seiner Kunden als lästig und ungehörig empfindet.
Ein europäischer Kaufmann hätte freilich nicht so viel Geduld, er
würde sich für solche Kundschaft bedanken und sie bald energisch
hinauskomplimentieren. Aber der orientalische Händler hat eine
gänzlich anders geartete Auffassung vom Geschäft. Ohne tüchtiges
Handeln und Feilschen würde ihm sein Metier gar keinen Spaß machen.
Er liebt die Weitschweifigkeit, die Unterhaltung, und er hielte den
Käufer, der ihm sofort den geforderten Preis bezahlt, sicherlich für
einen bedauernswerten Narren. Denn die Preise sind allgemein hoch
aufgeschlagen und dazu bestimmt, heruntergefeilscht zu werden. Ist das
Geschäft endlich zustande gekommen, so freut sich jeder, Händler sowohl
wie Käufer, in dem Bewußtsein, den anderen tüchtig übervorteilt zu
haben. Welche Ausdauer und Zähigkeit der indische Händler entwickelt,
wenn es gilt, eine Ware an den Mann zu bringen, davon lassen sich
ergötzliche Stücke erzählen.
Die Pettah geht in eine Reihe anderer Eingeborenen-Stadtteile über,
die sich, je mehr sie sich von der Küste entfernen, allmählich ins
Ländliche und ins Dickicht der Vegetation verlieren. Zwischen diesen
Eingeborenenquartieren und der sehr weitläufig angelegten europäischen
Gartenstadt liegt ein großes flaches Wasserbecken, der Frischwassersee,
in welchem die Eingeborenen zu gewissen Tageszeiten ihre von der
Religion vorgeschriebenen Waschungen vornehmen. Die bevorzugte
Promenade der Europäer und des vornehmen Teiles der Einwohnerschaft
ist die +Galle Face Road+, eine herrliche Straße, die sich vom Fort
südwärts unmittelbar am Meer entlang, an den Rasenplätzen von Galle
Face Esplanade vorbei, bis zu dem stattlichen Galle Face Hotel
erstreckt, einem der wenigen wirklich erstklassigen Hotels Indiens,
und noch weiter darüber hinaus bis zu den südlichen Vorstädten. In den
heißen Tagesstunden liegt die Galle Face Road ziemlich verödet da, wie
es denn überhaupt der Europäer aus guten Gründen vermeidet, sich der
vollen Glut des Tagesgestirns mehr auszusetzen, als unbedingt nötig
ist. Aber das Bild verändert sich am späten Nachmittag. Wenn sich die
Sonne über dem Meere dem Horizont zu nähern beginnt, wenn die Schatten
länger werden, die Hitze nachläßt und von den Wassern ein kühlerer
Lufthauch durch die Palmenwipfel streicht, dann beginnt es auf der
Galle Face Promenade lebendig zu werden. Das sind die Freiluftstunden
des Europäers, die leider sehr karg bemessenen Stunden zwischen
Tagesende und Nacht. Die Offiziere und ihre Damen, die Beamten, die
aus den Kontoren kommenden Kaufleute, die Fremden in den Hotels, sie
alle nehmen diese köstlichen frischen Stunden des zur Neige gehenden
Tages wahr, und mit hunderten von Wagen, Automobilen, und den von
Menschenkraft gezogenen Rikschas entwickelt sich auf dem wundervollen
Strandweg ein +Korso+, der an exotischem Reiz auf Erden nicht
seinesgleichen hat. Schon der landschaftliche Rahmen ist einzigartig.
Gegen Westen das unermeßliche Meer, niemals eintönig in seiner Färbung,
am wenigsten jetzt des Abends, wo der sinkende Sonnenball eine Flut
spielender, schillernder Lichter über die Wellen jagt, rote, gelbe,
bläuliche, grüne, in jedem Augenblick wechselnd und immer anders —
ein Farbenzauber, der in den ebenso huschenden und sich haschenden
Lichtern des Himmels sein Widerspiel findet. Auf der anderen Seite die
weiten Rasenflächen der Galle Face Esplanade, belebt von schlanken
jugendlichen Gestalten beiderlei Geschlechts, in Weiß gekleidet,
die dort die Bälle werfen oder in anderem Freiluftsport die Glieder
bewegen. Für gewöhnlich ist das Meer ruhig oder nur leise bewegt, der
Himmel klar; in bestimmten Monaten aber jagt der +Monsun+ die Wogen
gegen den Strand, daß sie hoch aufspritzen und ihr salziger Hauch die
Kleider der Promenierenden netzt und durchdringt. Dann ist der Himmel
oft düster von Wolken umhangen, und eine ergreifend schwermütige, trübe
Stimmung lastet auf allem Lebenden, Mensch und Kreatur, ja auch auf
den Pflanzen. Es überwiegen aber, wie gesagt, die klaren und heiteren
Tage. Am Strande, zwischen Meer und Promenade, auf dem feinkörnigen
Sand und zwischen den Steinen tummeln sich, von ihren indischen Ayah,
den Kindermädchen, sorgfältig betreut, die Kleinen der Ansiedler. Sie
lassen flache Steinchen auf der Oberfläche des Meeres hüpfen oder sie
stören die am Strande hausenden Krabben auf, die handtellergroßen,
kreisrunden Krabben, die sich auf der Flucht so komisch vorwärts
bewegen, indem sie nämlich, infolge der eigentümlichen Anordnung ihrer
Beine, seitwärts laufen. In den Korso der Europäer auf der Galle Face
Road mischen sich auch die vornehmen Eingeborenen gern. Es gibt sehr
wohlhabende Singhalesen und Indo-Araber in Colombo, die sich jeden
Luxus gestatten dürfen. Sie fahren in stolzen Karossen mit beturbanten
Dienern oder in den hübschen buntbemalten, von kleinen Zebuochsen
gezogenen Karreten und sind nebst ihren Damen in feinste Seide und
farbenfrohes Musselin gehüllt. Fußgänger sieht man nicht viel. Der
Europäer sowohl wie der vornehme Eingeborene geht in den Tropen nicht
gern zu Fuß. Man wird in dieser Hinsicht etwas bequem, muß sich auch
aus Gründen der Repräsentation, weil man doch eben als europäischer
„Master“ etwas besonderes ist oder es wenigstens darstellen soll,
meistens im Wagen zeigen. Trotz der Konkurrenz des auch in Indien
zu starker Verbreitung gelangten Automobils hat sich die +Rikscha+,
das von einem Kuli gezogene zweirädrige Wägelchen, seine Beliebtheit
bewahrt. Die Rikscha ist eine verhältnismäßig neue Einrichtung, denn
sie kam erst 1870 in Japan auf und ist von dort auch nach Ceylon
gelangt, während sie auf dem indischen Festlande nur stellenweise
Eingang gefunden hat. Dem neu angekommenen Europäer mit seinem starken
sozialen Empfinden kostet es anfangs eine kleine Überwindung, sich von
einem Menschen wie von einem Zugtiere vorwärtsbewegen zu lassen; aber
das liegt nun einmal in den Verhältnissen, und der Rikschakuli ist weit
davon entfernt, seine Tätigkeit, der er sein Brot verdankt, als eine
Herabwürdigung aufzufassen.
Ich möchte hier einschalten, daß meine Schilderungen weniger auf das
noch ziemlich bescheidene Colombo zutreffen, wie ich es bei meiner
ersten Ankunft in Ceylon im Jahre 1885 vorfand, als vielmehr auf das
inzwischen viel größer und stattlicher gewordene Colombo der letzten
Jahre vor Kriegsausbruch nach einer Entwicklung, die ich in den langen
Jahren meines dortigen Aufenthaltes mit durchgemacht habe, und an der
ich selbst für mein Teil mitwirken durfte.
Von den Eingeborenen, den verschiedenen Rassen, ihrer Religion, ihren
Sitten und Lebensgewohnheiten spreche ich später in einem anderen
Kapitel. An dieser Stelle möchte ich nur noch kurz darauf eingehen, wie
+der Fremde+ bei vorübergehendem Aufenthalt in Colombo zu leben pflegt.
Die bevorzugte Lage Colombos an einem der wichtigsten Punkte der
maritimen Etappenstraße von Europa nach Ostasien hat es mit sich
gebracht, daß die Hauptstadt Ceylons vom Fremdenstrome viel stärker
berührt wurde, als die großen Hafenstädte des indischen Festlandes:
Bombay, Calcutta, Madras. Denn alle Dampfer der großen Überseelinien
nach Süd- und Ostasien und Australien, die deutschen Reichspostdampfer,
die englischen, holländischen, französischen Postdampfer, liefen auf
der Aus- und Heimreise Colombo an und machten hier zum Zweck der
Kohlenübernahme Station. Die Passagiere fanden dabei Zeit genug, sich
wenigstens einen kurzen Einblick in die Stadt zu verschaffen; viele
aber, besonders die Fahrgäste unserer Reichspostdampfer, benutzten auch
die Gelegenheit, um Ceylon gleich gründlicher kennen zu lernen, sie
überschlugen deshalb hier einen Dampfer und setzten die Seereise erst
in acht oder vierzehn Tagen fort. So kommt es, daß Colombo, wenigstens
bei den Deutschen, die bekannteste und populärste indische Stadt ist,
die jeder Ostasienfahrer oder Weltumsegler aus eigener Anschauung kennt.
Die angenehmen Unterkunftsverhältnisse in Colombo sowohl wie auch an
den beiden besuchtesten Plätzen des inneren Ceylon, in Kandy und Nuwara
Eliya, taten das ihrige, um die Beliebtheit dieses Tropenparadieses zu
steigern. Im allgemeinen ist ja das +Gasthaus- und Verpflegungswesen+
in Britisch-Indien nicht gerade ideal, es entspricht nicht den
Anforderungen, die man in Europa zu stellen gewohnt ist, und bleibt
hinter den anderen guten Einrichtungen des großen Landes, besonders
dem trefflichen Eisenbahnwesen, weit zurück. Wirklich erstklassige
Gasthöfe, in denen auch der verwöhnte Reisende nicht allzu viel
vermißt, gibt es eigentlich nur in Bombay, Colombo, Kandy und einigen
Höhenkurorten, wie Nuwara Eliya. Aber selbst in den besten indischen
Gasthäusern darf der Fremde nicht erwarten, daß alles wie am Schnürchen
geht, wie er es von den großen Hotels seiner Heimat her gewohnt ist.
Man muß sich eben in die Landessitten fügen, und zwischen den Sitten
Indiens und denen Europas liegt eine ganze Welt. Was dem Fremden in
großen indischen Gasthäusern am meisten auffällt, ihn aber oft auch
am meisten irritiert, ist der +Überfluß an dienstbaren Geistern+ und
trotzdem der Mangel an einer sorgfältigen, auf die Wünsche des Gastes
rasch und verständnisvoll eingehenden Bedienung. Obwohl es auch unter
den indischen Dienern „Perlen“ gibt, läßt sich nicht bestreiten, daß
die Bedienung in den Hotels im allgemeinen um so lässiger gehandhabt
wird, je mehr Bediente vorhanden sind, und daß ein einziger gut
geschulter, intelligenter europäischer Kellner oder ein tüchtiger
deutscher Hausknecht der guten alten Art im Handumdrehen mehr leistet,
als ein halbes Dutzend indischer Hotelbedienter in einer Stunde. Das
liegt im System, in der komplizierten Standes- und Arbeitseinteilung,
von der wir später noch sprechen werden, schließlich auch in der
angeborenen Trägheit, der vom Klima und vom ganzen Milieu bedingten
Gleichgültigkeit, mit der ein ungebildeter Inder dem Tun und Treiben
des Europäers gegenübersteht. Man lernt die Seele der Eingeborenen
erst nach langen Jahren des Aufenthalts unter ihnen einigermaßen —
+nur einigermaßen, vollkommen niemals+ — kennen, und deshalb ist vom
Fremden auch nicht zu verlangen, daß er sofort den richtigen Ton, die
richtige Haltung im Verkehr mit seinem indischen Diener findet. Er
macht begreiflicherweise Fehler, und der schlimmste Fehler ist der,
in Übertragung europäischer Gewohnheiten auf indische Verhältnisse
die saumselige Dienerschaft anzudonnern. Es läßt sich verstehen, daß
der durch Hitze und andere Beschwerden oft höchst gereizte Ankömmling
bei Gelegenheit die Nerven verliert und bei Nachlässigkeiten der
Dienerschaft in Wut gerät. Aber das richtige Mittel ist es nicht, da
man dem Inder nur mit +ruhiger Festigkeit+ beikommen kann; zornige
Aufwallungen verfehlen gänzlich den Zweck.
Abgesehen von gelegentlichem Dienstbotenärger fühlt sich der Reisende
in einem großen Tropenhotel, wie etwa dem prächtig am Strande gelegenen
Galle Face Hotel in Colombo, sehr wohl. Nach englischer Sitte sind
die Fremdenzimmer, da nur für den Aufenthalt in der Nacht bestimmt,
sehr einfach, aber zweckmäßig eingerichtet; das Bett wird ringsum von
einem großen, bis auf den Boden wallenden Gazevorhang umhüllt, der
den Moskitos, diesen gefährlichen Überträgern der Malariafieberkeime,
den Zutritt zum Schläfer verwehrt. Gewöhnlich hat jedes Fremdenzimmer
seinen eigenen Toilette- und Baderaum. Was diesen betrifft, so wird
sich darin allerdings niemand von Faustens Wunsch: „Hier möcht’ ich
volle Stunden säumen“ bewegt fühlen. Denn es ist kein hochelegantes „W.
C.“, kein „~Bath-room~“ mit allen Schikanen, sondern nach Landessitte
ein roh auszementiertes, dunkles Kabinett mit einem kleinen, offenen
Tank, der abgestandenes Wasser enthält. Man badet stehend in der Weise,
daß man mit einem Blechgefäß aus dem Tank Wasser schöpft und sich damit
begießt. Die Benutzung von Badewannen sowie von heißem Badewasser ist
in Indien wenig üblich.
[Illustration: Aus einem ceylonischen Küstendorf mit Blick auf das Meer]
[Illustration: John Hagenbecks erstes Bungalow in Colombo]
[Illustration: Villenstraße in Colombo, rechts Eingang zu Hagenbecks
Bungalow]