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Anmerkungen zur Transkription
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Unter der Sonne Indiens
John Hagenbeck:
Fünfundzwanzig Jahre
Ceylon
Erlebnisse und Abenteuer im Tropenparadies
Bearbeitet und Herausgegeben
von
Victor Ottmann
Mit 32 Bildtafeln
Dritte Auflage
[Illustration]
+1923+
Verlag Deutsche Buchwerkstätten
Dresden
Alle Rechte vorbehalten
~Copyright 1923 by~ Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Inhaltsverzeichnis
Seite
I. Kapitel. Von der Schulbank in die weite Welt 1
II. Kapitel. Meine ersten Unternehmungen in
Ceylon 21
III. Kapitel. Kaufmann, Tierhändler und Pflanzer 51
IV. Kapitel. Land und Leute in Ceylon 72
V. Kapitel. Vom Elefanten und seinem Fang 103
VI. Kapitel. Von Schildkröten, Schlangen und
Krokodilen 135
VII. Kapitel. Von Fakiren, Zauberkünstlern und
Gauklern 156
VIII. Kapitel. Abenteuer im Lande der Weddas 190
IX. Kapitel. Meine Ausweisung aus Ceylon und
abenteuerliche Flucht 206
[Illustration: Am Strande von Colombo]
[Illustration: Aus der Eingeborenenstadt von Colombo]
[Illustration]
Vorwort
Ein Mann des praktischen Lebens und ein Mann der Feder haben sich
zusammengetan, um gemeinschaftlich in diesem Buche die Naturwunder
und Merkwürdigkeiten der „Perle Indiens“, der Tropeninsel Ceylon, zu
schildern. 25 Jahre lang hat +John Hagenbeck+ dort als Kaufmann,
Pflanzer, Sportsmann und Tierexporteur eine umfassende Tätigkeit
ausgeübt, ist er der populärste deutsche Kolonist im fernen Südosten
gewesen, bis ihn der Ausbruch des Weltkrieges jäh seinem Wirken entriß,
ihn aus seinem Paradiese vertrieb. Was John Hagenbeck in den langen
Jahren eines reichbewegten, abenteuerlichen Überseelebens im Verkehr
mit weißen und farbigen Menschen, auf der Jagd im Dschungel, in allen
Teilen der Tropeninsel erlebt hat, das ist in diesem Werk nach seinen
Aufzeichnungen und mündlichen Berichten von dem Schriftsteller und
Weltreisenden +Victor Ottmann+, der die geschilderten Länder
und Verhältnisse ebenfalls aus eigener Anschauung kennt und mit
John Hagenbeck schon von Ceylon her durch freundschaftliche Bande
verknüpft ist, in literarische Form gebracht worden. Wenn das Buch
allen denen, die es aus unserer gegenwärtigen deutschen Beengtheit
und Niedergeschlagenheit wenigstens im Geiste nach fernen Küsten, zu
fremdartigen Menschen und seltsamen Dingen lockt, etwas bietet, etwas
zu sagen hat, so ist sein schönster Zweck erfüllt!
Diesem Bande schließt sich zwanglos ein zweiter von denselben
Verfassern an, der unter dem Titel „+Kreuz und quer durch die
indische Welt+“ Erlebnisse und Abenteuer auf dem indischen Festland,
auf den Andamanen, in Hinterindien, Java und Sumatra behandelt.
+Der Verlag+
[Illustration]
[Illustration: John Hagenbeck (links) in einer Kokospflanzung]
[Illustration: Abenteuer mit einer Kobra
(Text Seite 193)]
[Illustration]
Erstes Kapitel
Von der Schulbank in die weite Welt
Jugend- und Lehrjahre in Hamburg — Mit 16 Jahren in die Welt hinaus
— Tiereinkaufs- und Transportreisen in Europa — Als Impresario des
schwarzen Prinzen Dido aus Didotown — Meine erste große Überseereise
nach Ceylon — Sturm im Golf von Biscaya, der Suezkanal, das Rote Meer
— Ankunft im Tropenparadies
Der Mann, von dessen Tun und Treiben, Erfahrungen und Beobachtungen
dies Buch erzählt, leidet nicht an Selbstüberschätzung und ist im
Gegenteil fest davon überzeugt, daß weder Plutarch noch ein anderer
der großen Biographen seinen Lebensweg für wichtig genug gehalten
hätte, ihn schwarz auf weiß der Nachwelt zu überliefern. Wenn er sich
dennoch dazu entschließt, von befreundeter Hand seine Erinnerungen
niederschreiben zu lassen, so geschieht es einfach deswegen, weil
es ihm Freude bereitet, die bunten Bilder seines nicht gerade
alltäglichen Lebens noch einmal im Geiste an sich vorüberziehen zu
sehen. Sollte er damit auch einigen anderen, die er auf diese Weise
zu Miterlebern seiner Erlebnisse macht, ein wenig Freude bereiten,
ihnen etwas vom Abglanz ferner, leuchtender Welten ins Haus bringen,
dann desto besser. Und schließlich irrt er vielleicht auch nicht
in dem Glauben, daß dieses Lebensbuch eines Überseedeutschen, der
trotz dem Unglück, das ihn nach langer Tätigkeit in den Tropen jäh
um die Früchte seines Strebens gebracht hat, nicht den Kopf hängen
ließ, sondern voll Optimismus von neuem begann, — daß ein solches,
vom Geiste unbedingter Lebensbejahung beseeltes Buch gerade in diesen
Zeiten unserer nationalen Trauer und tiefen Niedergeschlagenheit sein
bescheidenes Teil zur Verbreitung der Zuversicht beitragen kann: ein
echter Deutscher ist gar nicht unterzukriegen, mag es auch knüppeldick
kommen!
Nach diesen kurzen Vorbemerkungen habe ich die Ehre, mich meinen
Lesern vorzustellen: ich heiße John Hagenbeck, bin ein Sohn der
nordwestdeutschen Waterkant, ein richtiger „Hamburger Jung“, und wurde
in der Stadt der Dampferschlote, Masten und Fleete, der phänomenalen
Beefsteaks und der deftigen Aalsuppe im Jahre 1866 geboren. Wie
der Leser vielleicht schon zutreffend vermutet hat, entstamme ich
der weitbekannten Tierhändlerfamilie Hagenbeck. Das zu größter
Volkstümlichkeit gelangte Mitglied unserer Familie, der leider schon
verstorbene +Carl Hagenbeck+, der „alte“ Hagenbeck, war mein um 22
Jahre älterer Stiefbruder. Was er als Importeur exotischer und seltener
Tiere, als Schausteller fremdartiger Menschenrassen, als Unternehmer
großen Stils, besonders aber als Begründer des einzigartigen
Tiergartens von Stellingen bei Hamburg geleistet hat, das brauche ich
nicht auseinanderzusetzen, das ist allgemein bekannt. Ich fühle mich
diesem prächtigen Mann über das Grab hinaus zu tiefer Dankbarkeit
verpflichtet, denn obwohl wir, wie gesagt, nur Stiefbrüder waren, hat
er, der mir nicht nur an Jahren weit Überlegene, in meiner Jugend für
mich, den früh Verwaisten, in geradezu väterlicher Weise gesorgt, und
immer haben uns die Bande inniger Sympathie verknüpft. Aber ehe ich
vom „alten“ Hagenbeck weiter erzähle, muß ich erst den „ganz alten“
Hagenbeck, den Vater von Carl und mir, den eigentlichen Begründer der
„zoologischen Richtung“ unserer Familie, gebührend erwähnen.
+Gottfried Claus Carl Hagenbeck+ war ein Niederdeutscher von echtem
Schrot und Korn, der sein heimisches Platt nur ungern mit dem
Hochdeutschen vertauschte, ein schlichter, biederer Mann, arbeitsam,
sparsam und anspruchslos, dabei von sehr praktischer Denkungsart.
Ursprünglich betrieb er in der Hamburger Vorstadt St. Pauli ein
Fischgeschäft, und zwar war der Handel mit den jetzt so seltenen und
teueren, damals aber noch massenhaft auf den Markt kommenden Stören
seine Spezialität. Er kaufte hiervon jährlich mehrere tausend Stück,
räucherte sie und machte aus dem Roggen den sogenannten Elbkaviar, der
freilich nicht so köstlich und kostbar wie der echte russische Kaviar,
aber doch keineswegs zu verachten ist. Außer den Stören waren die
Aale ein großer Artikel. Schon längst aber, bevor ich das Licht der
Welt erblickte, hatte sich mein Vater von dem Fischgeschäft ab- und
dem Tierhandel und der Tierschaustellung zugewandt. Er war auf diesen
Gedanken gekommen, als seine Fischer einmal sechs Seehunde fingen und
er sie als immer praktischer Mann auf dem berühmten Spielbudenplatz
in St. Pauli gegen Eintrittsgeld besichtigen ließ. Das Publikum war
damals noch sehr wenig verwöhnt und eine derartige Seehundgruppe war
zu jener Zeit, da es noch keine Zoologischen Gärten gab, immerhin eine
Sehenswürdigkeit. Genug, die Sache ließ sich so gut an, daß mein Vater
den Entschluß faßte, auch das „Ausland“, nämlich Preußisch-Berlin,
mit der großen Attraktion zu beglücken. Er reiste also mit seinen
Seehunden nach Berlin und führte sie dort zu allseitiger Zufriedenheit
im Krollschen Etablissement vor. Aus diesem erfolgreichen Anfang, sowie
aus einer kleinen häuslichen Menagerie, die sich mein Vater schon
immer zum Vergnügen gehalten hatte, entwickelte sich allmählich ein
Handel mit exotischen Tieren, die auf dem Spielbudenplatz wie auf dem
Hamburger Dom, dem Jahrmarkt, nach guter alter Sitte zur Schau gestellt
wurden, das heißt mit Hilfe von „Rekommandeuren“ oder Ausrufern und
einer Reklame, deren urwüchsige Naivität uns heute sehr komisch
vorkommen würde.
Als ich zur Welt kam und meine ersten Kinderjahre verlebte, hatte
sich mein Vater vom Tiergeschäft wieder zurückgezogen und abermals dem
Fischhandel zugewandt. Das Tiergeschäft, das inzwischen einen großen
Aufschwung genommen hatte, sodaß es — als etwas, das für Deutschland
in jener Zeit etwas ganz Neues war — schon eine Art Monopolstellung
behauptete, lag in den Händen meines Stiefbruders Carl, der es,
obwohl er auch noch ein ziemlich junger Mann war, mit aller Umsicht
und Sachkenntnis leitete. Das Geschäft befand sich damals auf dem
Neuen Pferdemarkt. In diesem Milieu, umgeben von Tieren aller Art,
umwittert von dem eigentümlichen animalischen Duft der Menagerie im
innigsten Konnex mit dem bunten, lebhaften, an fortwährend neuen
Sensationen reichen Treiben in Haus und Hof, habe ich nun meine
Knabenjahre verlebt. Mein Vater hatte als einfacher Mann der Praxis
vom Nutzen eines großen theoretischen Wissens keinen allzu hohen
Begriff, wenigstens nicht, soweit es sich um junge Leute handelte,
die gleich ihm ebenfalls für das Erwerbsleben bestimmt waren. Heute
denkt man anders darüber, heute weiß man auch beim Kaufmann neben
seinen Fachkenntnissen mit Recht eine gründliche allgemeine Bildung zu
schätzen. So kam es, daß ich nur eine einfache Schulbildung auf einer
Realschule erhielt, die ich bereits im 15. Lebensjahre verließ. Daß ich
ein Musterschüler, überhaupt ein Musterknabe gewesen wäre, wage ich
nicht zu behaupten. Mag es allen, denen es in dieser Hinsicht ähnlich
erging wie mir, zum Troste gereichen, daß nach vielfach bestätigten
Erfahrungen gerade die Musterknaben im späteren Leben so oft versagen.
Die richtige Mitte, nicht zu schlimm und nicht zu brav, nicht zu dumm
und nicht zu überklug, bewährt sich auch da immer noch als das beste.
Daß ich kein Stubenhocker und Bücherwurm war, dafür sorgte schon meine
Umgebung, deren eigentümlicher Geist mein ganzes Sinnen und Trachten
durchdrang. Ich hatte es nicht nötig, mich wie meine Schulkameraden
in den Lederstrumpf, den letzten Mohikaner, und wie die schönen alten
Indianerschmöker sonst heißen mögen, zu vergraben, denn mir blühte
die exotische Romantik in üppiger Fülle daheim, zwischen den Ställen
und Käfigen des Hauses Hagenbeck. Solange ich zurückdenken kann,
galt der Tierwelt und allem, was damit zusammenhängt, meine ganze
Liebe, mein ganzes Interesse. Jeder neue Ankömmling aus weiter Ferne,
den die Tiertransporteure ins Haus brachten, war mir ein Gegenstand
der Bewunderung und der Sehnsucht, brachte er doch in seinem Fell
den Hauch der großen, farbenglühenden Welt zu mir, der Steppen und
Tropendschungeln, des Urwalddickichts oder der eisstarrenden Einsamkeit
des hohen Nordens. Und wenn dann in meine Träumereien vom Hamburger
Hafen her die Dampferpfiffe, die Rassellaute der Ketten an den
Hebekranen, alle die hundertfachen Töne des Weltverkehrs drangen, dann
stand es mit immer größerer Entschiedenheit bei mir fest, daß ich so
bald wie möglich ins Weite hinaus und draußen im Getriebe der Welt der
Schmied meines Glückes werden müßte.
Schon mit knapp vierzehn Jahren hatte ich Gelegenheit, mir die Seeluft
stärker um die Nase wehen zu lassen und ein Stück in die so heiß
begehrte Ferne einzudringen. Mein Bruder nahm mich damals nicht nur zu
den großen Tierauktionen in Antwerpen mit, sondern ich begleitete ihn
auch wiederholt nach England, um beim Verladen der Tiere, die dort für
unser Haus aus Indien eingetroffen waren, und bei ihrem Weitertransport
nach Hamburg mitzuhelfen. Es läßt sich denken, wie ich um dieser Reisen
willen von meinen Schulkameraden beneidet wurde.
Mit Beendigung meines fünfzehnten Lebensjahres verließ ich die Schule,
um jetzt sozusagen offiziell, als wohlbestallter Lehrling, in die Firma
Carl Hagenbeck einzutreten, der ich eigentlich schon als kleiner Knirps
angehört hatte. Und es schmeichelte meinem Selbstgefühl nicht schlecht,
daß mein Bruder mich auch bald, obwohl ich noch ein halber Knabe war,
ziemlich selbständig schalten und walten ließ und mich sogar auf
große Einkaufs- und Transportreisen sandte. Der mir von klein auf in
Fleisch und Blut übergegangene Erziehungsgrundsatz in unserer Familie:
„Hilf dir selbst“, daneben auch eine gute Dosis Anpassungsgabe, das
Talent, Menschen und Dinge zu nehmen, so wie sie sind, und nicht
zuletzt die Fähigkeit, fremde Sprachen rasch zu erfassen, alles das
half mir bald über die anfänglichen Schwierigkeiten hinweg, und ich
empfand es mit stolzer Genugtuung, daß ich in einem Alter, in dem sich
andere junge Leute noch mit unregelmäßigen Verben und Logarithmen
herumschlagen müssen, schon selbständig reisen und handeln durfte.
Meine Reisen standen hauptsächlich im Dienst der damals von Carl
Hagenbeck begründeten Völkerschaustellungen und der damit verbundenen
Vorführungen von wilden oder dressierten Tieren.
Daß es bei Geschäften solcher Art nicht an mancherlei merkwürdigen
Zwischenfällen fehlte, wird man mir glauben. Mein erstes, freilich sehr
harmloses Abenteuer erlebte ich bei einem Transport, den ich nach dem
Zoologischen Garten in Posen zu befördern hatte, es waren Kamele und
braune Bären. Nach einer nicht gerade sehr angenehmen langsamen Reise
im Viehwagen bei zehn Grad Kälte erreichten wir nach zweieinhalb Tagen
nachts unser Ziel. Ich öffnete die Schiebetür des Transportwagens,
um Ausschau zu halten, und beobachtete auf dem Gelände des Posener
Bahnhofs verschiedene kleine, hin und her irrende Lichter. Da es noch
zu früh war, um dem Zoologischen Garten die Ankunft der Tiere zu
melden, machte ich meinen Wagen wieder zu, kuschelte mich ins Stroh
und druselte ein. Plötzlich wurde die Tür von draußen aufgerissen,
und zwei Männer leuchteten mit Laternen in den Wagen hinein, wobei
sie wild durcheinander schrien und fluchten und in beunruhigender
Weise mit Knüppeln herumfuchtelten. Es waren, wie ich nachher erfuhr,
Bahnhofsnachtwächter, die hinter Schweinedieben her waren und sich im
Glauben befanden, einen der Spitzbuben endlich erwischt zu haben. Unter
einem Schwall von deutsch-polnischen Verwünschungen, die ich nur zum
kleinsten Teile verstand, packten sie mich an den Beinen und suchten
mich aus dem Wagen zu zerren; mir gefiel das jedoch durchaus nicht und
ich setzte mich kräftig strampelnd zur Wehr, wobei die Nasen der edlen
Polacken unangenehme Bekanntschaft mit meinen Stiefelabsätzen machen
mußten. In diesem kritischen Augenblick kam mir auch noch einer der
braunen Bären, sonst ein sehr friedliches Tier, zur Hilfe. Die Wächter
hatten in ihrer Erregung und bei dem ungewissen Licht bisher nicht
den Bärenkäfig bemerkt, und als plötzlich Meister Petz, unwillig über
die Störung brummend, gegen das Gitter sprang, fuhren sie entsetzt
zurück — sie waren auf diesen Anblick nicht vorbereitet. Schreiend
rissen sie aus, um nach zehn Minuten in Begleitung mehrerer Bahnbeamten
zurückzukehren, die sich, da Vorsicht bekanntlich der bessere Teil
der Tapferkeit ist, mit allerlei Mordinstrumenten ausgerüstet
hatten. Ich wurde nun zur Polizeiwachtstube gebracht, wo sich nach
Vorlegung meiner Ausweispapiere das kleine Mißverständnis endlich zu
allseitiger Zufriedenheit aufklärte, zumal da ich den edlen Polacken
als Entschädigung für die Mißhandlung ihrer Geruchswerkzeuge ein paar
Schnäpse spendierte.
Ich war gerade sechzehn Jahre alt, als ich meine erste größere Reise
nach Triest unternahm, um dort unseren Ceylon-Reisenden Engelke mit
dem ersten großen Elefantentransport in Empfang zu nehmen und nach
Hamburg zu begleiten. Außer zehn Elefanten handelte es sich um eine
beträchtliche Anzahl Affen, Leoparden, Schlangen und kleinere Tiere.
Der Leser macht sich wohl kaum eine hinlängliche Vorstellung davon,
was es zu bedeuten hat und wieviel Umsicht, Geduld und unermüdliche
Hingabe dazu gehört, eine große Anzahl ganz verschiedenartiger, wilder
exotischer Tiere mit der Eisenbahn zu befördern, besonders wenn sie
schon eine lange, ziemlich stürmische Seereise hinter sich haben.
Denn auch die meisten Tiere werden seekrank und leiden beim Stampfen
und Schlingern des Schiffes in ihren engen Behältern wahrscheinlich
noch mehr als der Mensch. Kommen sie nun glücklich an Land und
werden ausgeschifft, so sind sie verängstigt, scheu, mitunter auch
schwer gereizt, und der ganze Lärm des Hafen- und Bahnbetriebes, das
Ungewohnte der neuen Umgebung setzt sie noch mehr in Verwirrung.
Unter diesen Umständen ist es alles andere, nur kein Vergnügen, den
Transport vom Kai auf die Bahn zu bringen, und ist das endlich gelungen
und schließen sich hinter den glücklich verstauten Vierfüßlern und
sonstigen Lebewesen die Türen der Viehwagen, so atmen die Transporteure
erleichtert auf. Aber Arbeit und Sorge beginnen gleich wieder aufs
neue. Die Tiere wollen sorgfältig untergebracht werden, gepflegt sein,
gefüttert und getränkt; man muß darauf achten, daß sie ihr richtiges
Lager haben, genügend frische Luft, und daß sie sich nicht selber oder
anderen Schaden zufügen können, und vor allen Dingen auch, daß keines
Gelegenheit zum Entweichen findet. Trotz aller Aufmerksamkeit kommt das
mitunter doch vor. So entschlüpfte uns einmal bei einem Transport, den
wir schon glücklich in unserem Hamburger Raubtierhaus untergebracht
hatten, zu guter oder vielmehr böser Letzt ein schwarzer Panther. Wir
schlossen schleunigst alle Türen ab und machten uns auf die Jagd nach
dem flinken Tier, wobei wir uns zum Schutz vor Verwundungen Käfige
überstülpten. Nach langer Mühe gelang es uns auch, die immer wieder
blitzschnell entschlüpfende, wütend fauchende große Katze einzufangen.
Es ist eine schwere Last der Verantwortung, die bei einem so wertvollen
und empfindlichen Material auf den Schultern der Begleiter lastet.
Sieben Tage dauerte mein erster großer Tiertransport von Triest
nach Hamburg, und ich war stolz, daß ich damit sozusagen meine
Meisterprüfung gut bestanden und mich als tauglich für andere, größere
Aufgaben erwiesen hatte.
Es folgten nun weitere Einkaufs- und Transportreisen nach Italien,
Rußland, den Donaustaaten, Spanien und anderen Ländern Europas. Ich
bekam ein schönes Stück Welt zu sehen und hatte Gelegenheit, meine
praktischen Kenntnisse zu bereichern. Bald darauf konnte ich mich
auch im Dienste der Völkerschaustellungen als selbständig waltender
Impresario betätigen. Es handelte sich dabei um eine Menschen- und
Tierkarawane, die aus fünfzehn Somalinegern, einer großen Straußenherde
und vielen anderen Tieren bestand. Wir traten damit in Wien und
Budapest auf und hatten durchschlagenden Erfolg, denn eine exotische
Schau dieser Art war damals für beide Städte noch etwas Neues. Die
Sensationsnummer unseres Programms war ein Wettrennen zwischen
Straußen und Pferden. Zu diesem Zweck hatten wir wohlweislich recht
scheue Pferde ausgesucht, die in der Nähe der Strauße unruhig wurden
und Kapriolen machten, so daß es den großen Vögeln nicht eben schwer
fiel, den Sieg davonzutragen.
Es war damals die Zeit der ersten kolonialen Erfolge Deutschlands
im schwarzen Erdteil. 1884 hatten die Hamburger Firmen Woermann
und Jantzen & Tormählen, die in Kamerun Faktoreien besaßen, durch
ihre dortigen Vertreter Verträge mit den Dualakönigen Bell und Akwa
abgeschlossen, wonach diese Oberhäuptlinge ihre Hoheitsrechte auf die
beiden Firmen übertrugen, und von diesen wurden sie wiederum auf das
Deutsche Reich übertragen. Im Juli 1884 hißte Gustav Nachtigal als
kaiserlicher Kommissar an verschiedenen Punkten der Küste von Kamerun
die deutsche Flagge, und obwohl es im Anschluß daran zu Unruhen und
Kämpfen kam, in deren Verlauf auch Woermanns Vertreter sein Leben
lassen mußte, fiel doch Kamerun ans Deutsche Reich. Die älteren
unter meinen Lesern entsinnen sich wohl noch sehr gut der kolonialen
Begeisterung, die damals in Deutschland herrschte. Das vorher noch so
gut wie unbekannt gewesene +Kamerun+ wurde plötzlich ungemein populär,
nicht bloß in den Zeitungsspalten war fortwährend davon die Rede,
sondern auch auf der Bühne und in den Witzblättern. Unsere Spaßmacher
hatten schnell herausgefunden, welch ein dankbarer, an unfreiwilliger
Komik reicher Stoff in unseren schwarzen Landsleuten dort unten
steckte, besonders auch in den sogenannten Königen Bell und Akwa samt
den vielen dazu gehörigen Prinzen, und deshalb konnte man kaum eine
Singspielhalle besuchen, ohne ein Kameruncouplet über sich ergehen
lassen zu müssen, ja, es fanden sich sogar federfixe Librettisten und
Komponisten, die den guten Stoff schleunigst zu Operetten verarbeiteten.
Bei dem lebhaften Sinn für Aktualität, der die Unternehmungen des
Hauses Hagenbeck beherrschte, ließen wir uns die Ausnutzung der
guten Konjunktur natürlich nicht entgehen. Wir stellten eine Gruppe
von Kamerunern zusammen, und ich wurde mit ihrer Vorführung in
Deutschland beauftragt. Die Glanz- und Renommiernummer dieser Schau
war „+Prinz Dido aus Didotown+“, ein Schwager des Königs Bell. Es war
ein herkulisch gebauter Neger mit einnehmenden Zügen und von nicht
alltäglicher Intelligenz, die sich mit einem ausgeprägten Gefühl
für Repräsentation paarte. Ob es mit dem Prinzentum des schwarzen
Herrn Dido sehr weit her war, will ich heute nicht mehr untersuchen.
Immerhin hätte es keinem empfohlen werden können, in persönlicher
Anwesenheit des Herrn Dido sein königliches Geblüt in Zweifel zu
ziehen. In dieser Beziehung verstand mein sonst sehr gemütlicher
Schützling keinen Spaß. Er beanspruchte (außer zehn Seidel Bier
pro Tag) unbedingte Anerkennung seines hohen Ranges, und es kam
einmal vor, daß er einige schwarze Landsleute, die ihm nicht sofort
den geheischten Respekt entgegenbrachten, dermaßen eines Besseren
„belehrte“, daß sie sich auf der nächsten Sanitätswache ihre Knochen
einrenken lassen mußten. ... Übrigens assistierte mir in Berlin als
zweiter Impresario noch eine lokalberühmte Persönlichkeit, die es
verstand, die Öffentlichkeit mit immer neuen Sensationen in Atem zu
halten. Ältere Berliner erinnern sich noch recht gut des +Fritz von
Schirp+. Aus der Berichterstatterlaufbahn hervorgegangen, hatte Schirp
in Amerika die dortige Reklame kennen gelernt, und er suchte sie nun
nach der Reichshauptstadt zu verpflanzen, wo man bis dahin in dieser
Beziehung sehr anspruchslos gewesen war. Unter dem Schlagwort „Fritz
von Schirp macht alles“ brachte er die Geschäftspropaganda in Schwung
und wurde zum Mittelpunkt von allem, wo etwas „los“ war. Er begründete
auch die erste Bar nach englisch-amerikanischem Muster in Berlin und
bereicherte dadurch das dortige Restaurationswesen um einen neuen Typ,
das Nachtleben um einen neuen Anziehungspunkt.
Feierlich mit Frack und Lack angetan, mit weißen Glacéhandschuhen und
hohem Hut, waren also Schirp und ich den ganzen Tag auf den Beinen,
um Prinz Dido den Berlinern zu zeigen. Unser Hauptquartier war die
inzwischen längst vom Boden verschwundene Flora in Charlottenburg,
ein großes Vergnügungsetablissement mit Palmengarten. Von dort ging
es täglich in pompöser offener Equipage, umringt von der begeistert
Hurra rufenden Jugend, auf den Renommierbummel durch die Hauptstraßen
der Reichshauptstadt. Als Mann von Welt wußte auch Prinz Dido den Wert
der Äußerlichkeiten zu schätzen, und da er keine Krone aufs Haupt
zu setzen hatte, so entschied er sich für einen grauen Zylinderhut
als das Kennzeichen seiner Würde. Dagegen wäre nichts einzuwenden
gewesen, wofern sich als notwendige Ergänzung zum Zylinder ein
moderner Salonrock mit Bügelhosen und tadellosen Lackschuhen gesellt
hätten. Aber Seine Königliche Hoheit war vom Zweck und Nutzen einer
derartigen Bekleidung seines gewaltigen Körpers schlechterdings
nicht zu überzeugen. Er glaubte, indem er sein Haupt mit einem
Zylinderhut schmückte, der europäischen Mode schon sehr weitgehende
Zugeständnisse zu machen, und blieb im übrigen seiner kamerunischen
Mode treu, die lediglich aus einem etwas veredelten Schurz aus rotem
Samt und einem Jäckchen bestand. Dermaßen geziert, mit Zylinder,
Jäckchen und Schurz, sonst aber „mit ohne alles“, und dennoch mit
einem gewissen königlichen Anstand, bewegte sich Prinz Dido, immer
leutselig und huldvoll, in der Öffentlichkeit und sogar in den
hohen und höchsten Kreisen. Denn es ward mir die Ehre zuteil, ihn
außer anderen hochgestellten Persönlichkeiten auch dem Kronprinzen
Friedrich Wilhelm, dem nachmaligen Kaiser Friedrich, im Muschelsaal
des Potsdamer Schlosses vorstellen zu dürfen. Der Kronprinz, dessen
schlagfertiger Witz ja bekannt war, unterhielt sich längere Zeit mit
seinem schwarzen „Kollegen“ und mir und überreichte zum Schluß meinem
Schützling eine goldene Kette nebst goldener Erinnerungsmedaille. Prinz
Dido war von allem begeistert, erlebte er doch auf seiner Rundfahrt
durch Deutschland Triumphe, die er sich früher im afrikanischen Busch
nicht hätte träumen lassen. Außer zahlreichen anderen Geschenken
wurden ihm in Berlin nicht weniger als zwölf Zylinderhüte dediziert,
und wir vermochten uns vor Einladungen und Anträgen aller Art kaum
zu retten. Auch ein Manöver durfte er als Gast mitmachen, das war bei
seinem glühenden Interesse für alles Militärische der Höhepunkt seiner
Erlebnisse. Nach Beendigung unserer erfolgreichen Tournee ist mir
Prinz Dido bald aus den Augen entschwunden, ich habe nie wieder von
ihm gehört. Was mag aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebt und in
seiner heißen Heimat wehmütig der schönen entschwundenen Zeiten gedenkt?
So kam das Jahr 1885 heran, das mir, dem Neunzehnjährigen, ein für
mein ganzes späteres Leben bestimmendes Ereignis bescheren sollte,
nämlich +meine erste große Überseereise nach Ceylon+, mit der Aufgabe,
dort Elefanten einzukaufen, sowie eine große Singhalesentruppe
zusammenzustellen und nach Hamburg zu bringen.
Ceylon! Die Musik des Wortes, die Fülle der damit verbundenen
Vorstellungen hatte von jeher in meinen Träumen eine Rolle gespielt.
Unser Hamburger Haus war ja durch vielerlei Fäden mit der fernen heißen
Tropeninsel verknüpft. Die mächtigen Elefanten und andere interessante
Tiere, die braunen Singhalesen und schwärzlichen Tamulen, die
Bajaderen, Tempeltänzer und Schlangenzauberer, diese vielbewunderten
Objekte unserer großen Völkerschaustellungen, sie alle stammten von
dort, sie hatten Ceylon zur Heimat. Es ist sehr merkwürdig, mit welcher
magischen Kraft wir uns häufig ganz triebmäßig zu Begriffen und
Dingen hingezogen fühlen, ohne sie noch genauer zu kennen. Solch ein
verlockender Begriff und von so geheimnisvoller Anziehungskraft war für
mich Indien im allgemeinen, im besonderen aber Ceylon. Indien, das ja
— ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt — für die Urheimat der
arischen Rasse gilt, füllte mein ganzes Sinnen und Trachten aus.
Die Ausreise trat ich mit einem kleinen Hamburger Dampfer bei
stürmischem Wetter an, und schon in der Nordsee hatte dieser seine
liebe Not, mit 3–4 Knoten Fahrt vorwärts zu kommen. Aber das war nur
ein scherzhaftes Vorspiel zu dem Tanz, den der altersschwache Kasten
im Golf von Biscaya aufführen sollte. Jeder Seefahrer weiß die Launen
und Tücken dieses Gewässers gebührend zu schätzen. Es ist selbst an
Bord der größten Schiffe nicht immer ein reines Vergnügen, bei schwerer
See den Golf von Biscaya zu durchqueren, um wieviel weniger aber auf
einem so kleinen Fahrzeug. Ein schauderhafter Sturm machte fünf Tage
lang dem Kapitän und der Mannschaft, nicht zuletzt aber auch uns
Passagieren die Hölle heiß. Er warf den Dampfer von einem Wogenkamm
zum andern, so daß wir oft stundenlang überhaupt nicht Fahrt machen
konnten, sondern uns vom Wind und Wasser treiben lassen mußten, so gut
es eben ging. Die fortwährend das Schiff überschwemmende grobe See
spülte nicht nur einen Teil der Boote, sondern auch den auf Oberdeck
befindlichen lebenden Proviant, bestehend aus zwei Ochsen, einigen
Schweinen und Geflügel, glatt über Bord. Wir selbst vermochten uns
kaum in unseren Kojen zu halten, da die Kabinentüren von den Sturzseen
eingeschlagen waren und das von draußen eindringende Wasser oft fußhoch
in der Kabine stand. An ein ruhiges Schlafen war in dieser peinvollen
Lage natürlich nicht zu denken; nur hin und wieder verfielen wir, aufs
höchste ermattet, für kurze Zeit in eine Art dumpfer Betäubung. Auch
die Maschinen und Heizräume füllten sich allmählich mit Wasser, und nur
mit äußerster Kraftanstrengung konnte die Tag und Nacht nicht aus den
Stiefeln kommende Mannschaft das Schiff auspumpen und vor dem Ärgsten
bewahren. Eine genußreiche Reise war das also gerade nicht. Wir atmeten
auf, als endlich doch die Straße von Gibraltar erreicht wurde und es
nun bei leidlich gutem Wetter durchs Mittelmeer ging. Mit sechstägiger
Verspätung langten wir dann in Port Said an.
+Port Said+ liegt auf der Grenze zwischen zwei Welten. Hier scheiden
sich auf der großen Wasserstraße vom Westen zum Osten Abendland
und Morgenland. Sobald das Schiff zwischen den großen Molen der
Suezkanalmündung, am Denkmal des glücklichen und unglücklichen
Ferdinand von Lesseps vorbei, langsam in den Hafen einfährt und der
Blick über die Dächer der weißen Stadt in die Sonnenglut und das
Farbenspiel des ägyptischen Flachlandes dringt, überkommt uns das
Gefühl: jetzt hat Europa nichts mehr zu sagen, +jetzt umfängt uns
eine andere Welt+, die bunte fremdartige Welt des Südostens, die
Welt unserer Träume. Jeder, der das einmal oder öfter durchgemacht
hat, kennt die Verwandlung, die da im Europäer vor sich geht. Es ist
nicht bloß die äußere Verwandlung, die Vertauschung der üblichen
warmen Tracht mit dem hellen, luftigen Tropenanzug, der Mütze mit dem
schützenden Sonnenhelm — nein, auch innerlich gibt es uns einen Ruck,
wir werden anders, wir fühlen den verändernden Einfluß einer Umgebung,
die uns als weißen Herrn viel mehr zur Geltung bringt, als es vorher
auf europäischem Boden der Fall war. Es ist das Gefühl, dem Rudyard
Kipling in einem seiner packenden englischen Soldatenlieder Ausdruck
gibt mit den Worten: „Über Suez laßt mich fahren, wo der Mensch noch
etwas gilt.“ Ja, man +gilt+ dort draußen noch etwas, während man hier
in Europa, und ganz besonders in diesen Zeiten, niemals ganz das Gefühl
los wird, eigentlich nichts weiter als eine +von der Bureaukratie
registrierte Nummer, ein Gegenstand der Statistik und der Besteuerung+
zu sein. ... Die große Welt draußen in der südlichen Übersee hat ihre
eigenen Gesetze, aber auch ihre eigene Freiheit, und die ist es eben,
die die Seele packt und erfüllt wie schäumender Wein. Der rechte
Gebrauch dieser Freiheit erfordert freilich auch Selbstzucht und
Verantwortlichkeitsgefühl. Es wird davon später bei Besprechung des
Tropenlebens noch einiges zu sagen sein.
Ich war damals bei meiner ersten Fahrt nach dem Osten noch zu jung,
als daß ich mich langen Reflexionen hingegeben hätte. Als unser
Dampfer in Port Said Station machte, um Kohlen zu übernehmen und seine
Sturmschäden auszubessern, stürzte ich mich mit Begierde in das bunte
Treiben der Stadt. Sie macht mit ihren gradlinigen Straßen einen ganz
modernen Eindruck und verdankt ihr Dasein lediglich dem Suezkanal,
bei dessen Bau in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
sie entstand. Port Said mit seinen 60000 Einwohnern wäre ohne den
Suezkanal nicht denkbar und lebt direkt oder indirekt lediglich von der
großen künstlichen Wasserstraße und ihrem Verkehr. Am Hafen befinden
sich außer den großartigen Verwaltungsgebäuden der Suezgesellschaft
und dem Zollamt die verschiedenen Konsulate, Schiffsagenturen, Hotels
und Geschäftshäuser; in den angrenzenden Straßen findet man in großen
und kleinen Läden eine Unmenge aller erdenklichen Dinge, die der
Reisende braucht oder bei der Heimfahrt als Andenken und Mitbringsel
gern kauft. Ein beträchtlicher Teil der Einwohnerschaft von Port
Said lebt lediglich von der guten Laune und der Vergnügungssucht der
durchreisenden Fremden. Man muß bedenken, daß die Schiffspassagiere,
besonders die aus dem fernen Osten kommenden, oft eine Seereise von
vielen Wochen hinter sich haben und nun die wenigen Stunden des
Aufenthalts hier selbstverständlich gern dazu benutzen, sich wieder
einmal gehörig „die Beine zu vertreten“. Dieses „Beinevertreten“
ist bei manchen ein sehr dehnbarer Begriff, der alles Mögliche und
mitunter auch das kaum noch Mögliche umfaßt, angefangen vom lange
entbehrten frischen Bier in den Hafenkeipen bis zu den wildesten
Tanzvorführungen in dem arabischen Viertel, das an die Europäerstadt
grenzt. Das Vergnügungsgeschäft liegt hauptsächlich in den Händen
von Griechen und Levantinern, und aufs äußerste gerissen, wie diese
Herrschaften nun einmal sind, nützen sie die Konjunktur auch weidlich
aus. Manchmal treffen die großen Ozeandampfer des Nachts ein, um schon
in den Morgenstunden weiterzufahren. Da heißt es, die Zeit nicht
nutzlos verstreichen lassen. Wie mit einem Schlage wird es in den eben
noch schlummernden Straßen plötzlich lebendig, die Kaffeehäuser und
Bars tun sich auf, die Damenkapellen fideln und pauken darauf los, die
Kaufleute öffnen ihre Läden und suchen den Fremden, denen das Geld hier
meistens sehr locker sitzt, alles Erdenkbare aufzuschwatzen, und eine
Unmenge verdächtiger Burschen in allen Hautschattierungen pirscht sich
kauderwälschend an die Reisenden heran, um ihnen mit überschwenglichen
Worten die berückendsten Paradiesesfreuden in Aussicht zu stellen,
wofern man sich ihrer Führung anvertraut. Gewöhnlich läuft das, wie man
sich denken kann, auf Prellereien und Reinfall heraus. Kurzum, es ist
ein großer „Betrieb“, dieses internationale Tag- und Nachtleben von
Port Said.
Die Durchfahrt durch den 160 ~km~ langen Suezkanal dauert, da eine
größere Geschwindigkeit nicht gestattet ist, mindestens 15 Stunden,
Schiffe, die keine Scheinwerfer haben, dürfen den Kanal nur in den
Tagesstunden passieren und brauchen deshalb erheblich mehr Zeit. Dazu
gehörte natürlich auch unser kleiner, noch ganz unmoderner Dampfer. Es
blieb mir daher Muße genug, das großartige Werk der Ingenieurkunst,
sowie die trotz ihrer Eintönigkeit höchst anziehenden Landschaftsbilder
zu beiden Seiten des Kanals gehörig in Augenschein zu nehmen. Das Land
ist völlig flach, fast durchweg Wüste. Welch ein Gegensatz zwischen dem
Leben auf dem Dampfer, der den Kanal durchfurcht, und der erhebenden,
feierlichen Einsamkeit der zeitlosen Wüste mit ihrem wundervollen
Farbenspiel; zwischen den Europäern an Deck und den altbiblischen
Gestalten, die an den Kanalufern arbeiten und ihrer Beschäftigung
nachgehen, heute wie vor zweitausend Jahren! Am meisten interessierten
mich in meiner Eigenschaft als Tierspezialist die großen Binnenseen,
die der Kanal durchschneidet, der Menzale-, der Timsah-, der Bittersee,
denn auf den Sandbänken der flachen Gewässer sieht man riesige Scharen
von Sumpf- und Wasservögeln, von Pelikanen, Flamingos usw.
Am Ausgang des Suezkanals zum Roten Meer liegt die Stadt, die der
großartigen Wasserstraße den Namen verlieh, +Suez+. Sie kann sich mit
Port Said an Größe und Bedeutung nicht messen. Der Aufenthalt der
Schiffe pflegt hier nur kurze Zeit zu dauern. Dann geht es ins Rote
Meer hinein, zuerst in seinen schmalen Ausläufer, den Meerbusen von
Suez, der das ägyptische Festland von der Halbinsel +Sinai+ trennt.
Die Küsten an beiden Seiten des Meerbusens sind kahl und öde. Deutlich
sieht man das mächtige Gebirgsmassiv des Sinai mit seinem fast 2300
~m~ hohen Gipfel des Djebel Musa, des Mosesgebirges, von dem herab, wie
uns die Bibel erzählt, der Prophet den Hebräern die heiligen Gebote
verkündet hat.
[Illustration:
Photo O. Lübeck, Greifswald.
Hafen von Colombo mit Kohlenlager]
[Illustration: „Seine Hoheit Prinz Dido aus Didotown“
(Text Seite 10)]
Sobald die Spitze der Sinaihalbinsel passiert ist, befinden wir uns im
offenen +Roten Meer+, berüchtigt wegen der kaum erträglichen drückenden
Hitze, die den größten Teil des Jahres hindurch über ihm lastet. Seinen
Namen verdankt das Rote Meer dem stellenweise massenhaft auftretenden
rötlichen Plankton, ungeheuren Kolonien unzähliger Urtierchen, die
im einzelnen nur mit dem Mikroskop wahrgenommen werden können. Was
nun die Hitze des Roten Meeres betrifft, die in den Erzählungen der
Seefahrer eine so große Rolle spielt, so wird sie sehr verschieden
empfunden, je nachdem, ob man mit dem Winde oder gegen ihn fährt. Ich
habe das Rote Meer auf meinen Reisen zwischen Europa und Südasien
oft genug durchfahren und manchmal, in der Jahreszeit der stärkeren
Winde, zumal wenn sie von vorn kamen, die Temperatur geradezu angenehm
frisch gefunden. Mitunter freilich, in den heißesten und windstillen
Monaten, hörte selbst für einen, der an Ceylons Tropenglut gewöhnt ist,
das Vergnügen auf. Wir hatten dann Tag und Nacht eine gleichmäßige
Temperatur von fast 40° ~C.~ an Deck, und in den Innenräumen des
Schiffes war es auch nicht viel kühler. Dazu kommt noch, daß die
Luft im Roten Meer trotz der Regenlosigkeit der ganzen Gegend doch
sehr feucht ist, und feuchte Hitze wird bekanntlich weit drückender
empfunden als trockene. Sogar die an starke Hitze gewöhnten Heizer
versagen dann und müssen durch Araber, Somali oder Südchinesen ersetzt
werden. Bäder verschaffen nicht die geringste Erfrischung, da das
Wasser genau so warm ist wie die Luft, überdies wirkt das stark
salzhaltige warme Seewasser sehr irritierend auf die Haut und trägt zur
Bildung des gefürchteten „Roten Hundes“ (~Lichen tropicus~) bei, eines
höchst lästigen und häßlichen Hitzeekzems, das besonders die Neulinge
in den heißen Ländern so oft befällt. Manchmal möchte man sich die
Kleider vom Leibe reißen, so brennen sie, und gar nicht selten kommt es
vor, daß Heizer und Maschinisten, in geistiger Verwirrung über Bord
springend, den Tod in den Fluten suchen und finden. Sehr sonderbar sind
im Roten Meer die Lichterscheinungen. Ein Horizont ist überhaupt nicht
zu sehen, Meer und Himmel verschwimmen ohne Abgrenzung ineinander; ein
weißer Dunst, an dessen blendendem Licht sich die Augen entzünden,
liegt auf der bleiernen Flut und umhüllt das ganze Schiff. Man hat das
Gefühl, als ob man sich nicht auf den Wassern und in der Luft, sondern
schwebend in einem gespensterhaften Fluidum befinde, dem jede irdische
Stofflichkeit fehlt. In dieser eigentümlichen Atmosphäre verfällt der
Geist, überwältigt und erschlafft durch die Glut, allmählich in einen
krankhaften Zustand halben Wachens und halben Schlafs. Kaum daß man
sich zur geringfügigsten Tätigkeit, zum Wechseln der Kleider, zum
Lesen eines Buches, aufzuraffen vermag. Nur in der Nacht atmet man ein
wenig erleichtert auf, die tagsüber vom Übermaß des Lichtes gequälten
Augen empfinden die Finsternis wie eine Erlösung, und vom Himmel herab
strahlen durch die jetzt dunstfreie, klare Luft die funkelnden Sterne
des Südens in unermeßlicher Zahl.
Da unser kleiner Dampfer alle jene der Bequemlichkeit dienenden
Einrichtungen der heutigen großen Ozeandampfer natürlich nicht
kannte, atmete ich doch erleichtert auf, als nach acht Tagen endlich
das kaffeeberühmte +Mokka+ mit seinen Minarets und Moscheen an der
südwestarabischen Küste erschien und unser Schiff bald danach, an der
englischen Felseninsel +Perim+ vorbei, die Straße +Bab-el-Mandeb+
(„Tor der Tränen“) passierte, die zwischen der arabischen und der
afrikanischen Küste den Abschluß des Roten Meeres und den Eingang
in den Golf von Aden, also den Indischen Ozean, darstellt. Frische
Winde kommen hier auf, höher gehen die Wogen, der Höllenofen des
Roten Meeres bleibt hinter uns, erquickt und beseligt schlürft die
Brust die reine, kühle Luft des offenen Ozeans ein. Wir liefen
+Aden+ zu kurzem Aufenthalt an, und ich benutzte die Zeit, während
der Dampfer Kohlen übernahm, mich an Land setzen zu lassen und einen
raschen Blick auf die Stadt und ihre nächste Umgebung zu werfen.
Aden ist bekanntlich ein stark befestigter Stützpunkt der britischen
Seemacht und ein wichtiges Glied in der wunderbaren Kette ihrer
Kontrollstationen an der europäisch-südasiatischen Etappenstraße:
Gibraltar–Malta–Suezkanal–Perim–Aden–Colombo–Singapore. Aber es muß
schon als ein höchst zweifelhaftes Vergnügen betrachtet werden, in
dem sonneglühenden, wasserlosen, öden Felsennest als Europäer zu
leben, und deshalb hat Tommy Atkins, der englische Soldat, vor dieser
gottverlassenen Garnison den höchsten Respekt. Aden läßt sich nur mit
doppelten und dreifachen Rationen Whisky vertragen, und auch dann
nur für kurze Zeit. +Es gibt hier Jahre, in denen überhaupt kein
einziger Regentropfen zur Erde fällt!+ Man hat deshalb in Nähe der
Stadt großartige Zisternen gebaut, die alles von den hohen Bergen der
Umgegend zusammenlaufende Wasser sammeln, damit kein einziger Tropfen
des hier so seltenen, kostbaren Nasses verloren geht.
Kräftig wehte der Passat, als die südarabische Küste langsam hinter
uns versank und unser Schiff ostwärts dem Süden Indiens entgegenfuhr.
Noch einmal bekommt man auf dieser Reise Land zu sehen: die immer in
Dunst gehüllte, gebirgige Insel +Sokotra+, die dem afrikanischen Kap
Guardafui vorgelagert ist und — selbstverständlich, möchte man sagen —
England gehört. Der Seemann liebt die große Nähe von Sokotra nicht, es
ist ein gefährliches, häufig von Wirbelstürmen heimgesuchtes Gewässer.
Auch Sokotra verschwand, und nun umgab uns acht Tage lang die Einöde
der unermeßlichen See. Einöde? Nein, das ist doch wohl nicht der
richtige Ausdruck. Denn trotz des scheinbaren Einerleis gibt es auf der
Oberfläche des Meeres sowohl wie am Himmel immer wieder etwas Neues zu
sehen. Das Spiel der schäumenden, sich überstürzenden Wogenkämme, der
Ansturm der Wellen gegen das Schiff, das lustige Treiben der Delphine,
die förmliche Wettrennen mit dem Dampfer veranstalten und die tollsten
Luftsprünge vollführen, die Scharen fliegender Fische, die mannigfachen
Lichterscheinungen der Atmosphäre, und abends das wundervolle
Meerleuchten, das phosphoreszierende Aufleuchten unzähliger Milliarden
von winzigen Lebewesen — alles das gibt immer wieder Stoff zur
Betrachtung. An den Tagen, wo der Passat besonders kräftig bläst,
rollen die Wogen im Indischen Ozean außerordentlich lang und schwer,
aber diese langen und sehr regelmäßigen Schwingungen werden an Bord
nicht so unangenehm empfunden wie die kürzeren und ungleichmäßigen
Wellen anderer Meere. Obwohl ich mich eines ziemlichen Grades von
Seefestigkeit erfreue, hatte ich doch durchaus nichts dagegen, als es
am Abend des sechsunddreißigsten Tages unserer Reise seit Hamburg hieß:
„Morgen früh treffen wir in Colombo ein“.
Das Dunkel der Nacht hing noch über den Wassern, als ich in der Frühe
des nächsten Tages schon mit Sack und Pack und voller Erwartung dem
Osten entgegensah. Rötliche Streifen erschienen am Horizont, die erste
Ankündigung des nahenden Morgens. Das schwärzliche Himmelsblau der
Nacht verwandelt sich bald in Violett, die rosigen Streifen werden
breiter und leuchtender, und es dauert nicht lange, dann ist es Tag,
denn die Tropen kennen das Zwischenspiel unserer nordischen Dämmerung
kaum. Da ist in der Ferne auch schon die +Küste von Ceylon+ zu sehen,
etwas von Nebel und Dunst verhüllt, aber doch deutlich genug, daß
man bald einen Hain von Kokospalmen erkennt und nicht weit davon
Schiffsmasten, Schornsteine, Häuser — den Hafen +Colombos+. Und während
die Sonne emporsteigt, wird das Bild immer klarer, verlockender, und
es taucht jetzt auch der schöngestaltete Gipfel des Adamspiks auf, des
höchsten Berges der Insel ....
Ceylon, herrliches Wunderland der Tropen, das du mir für lange Jahre,
die besten meines Lebens, zur zweiten Heimat werden solltest, — dir
entbiete ich meinen ersten Gruß!
[Illustration]
[Illustration]
Zweites Kapitel
Meine ersten Unternehmungen in Ceylon
Erste Eindrücke in Colombo — Wie man dort wohnt und lebt — Die Galle
Face Promenade — Verkehr mit den Eingeborenen — Indische Hotels
— Meine ersten Unternehmungen — Erfahrungen beim Elefantenhandel
— Weihnachten im Urwald — Zusammenstoß mit einer Giftschlange
— Nächtliche Elefantenidylle im Dschungel — Von Bajaderen und
Teufelstänzern
Verwirrend in ihrer Buntheit und fast betäubend sind die Eindrücke,
die auf den Ankömmling losstürmen, der sich zum ersten Mal in eine
lebhafte Stadt des tiefen Südens versetzt sieht. Er hat alle Hände voll
zu tun, alle Gedanken zu sammeln, um mit seinem Gepäck glücklich vom
Schiff ans Land zu kommen, und während er noch mit dem Zollinspizienten
verhandelt, muß er sich auch schon mit all den erwünschten oder
unerwünschten, nötigen oder unnötigen Geistern befassen, die ihm
seine Dienste anbieten: Gepäckträger, Wagenführer, Hotelbedienstete,
Dolmetscher und so weiter, dazu Händler mit Gegenständen, die für
den Ankömmling im Augenblick so überflüssig wie nur möglich sind und
dennoch so eindringlich angepriesen werden, als ob von ihrem Kauf
oder Nichtkauf sein Seelenheil abhinge. Sind alle Angriffe glücklich
abgeschlagen, alle Förmlichkeiten erledigt, so hat der Ankömmling
zunächst nur den Wunsch, seine Person und seine Habe unter ein
gastliches Obdach zu bringen, sich einzuquartieren. Unter diesen
Umständen, in der Aufregung, Hast und dem Lärm der Ankunft auf fremdem
Boden, sind die ersten Eindrücke manchmal nicht gerade sehr angenehmer
Art, und der Fremde atmet erst auf und kommt zur Ruhe, wenn er in
seinem Hotel wie in einem schützenden Hafen landet und sich allmählich
mit seiner ungewohnten Umgebung vertraut macht.