Er sagte: ‚Ich schieße bloß so!‘“

Am Nachmittag wurden viele Zeugen geladen und Schauri abgehalten. Das

heißt eigentlich waren es nur Vernehmungen, denn verurteilen konnte ich

den unglücklichen Askari doch nicht, der sich selbst gerichtet hatte.

Unter dem großen Baume saßen Hunderte von Negern und hörten zu, was da

vorne gelogen wurde.

Gelogen wird immer, manchmal empfiehlt es sich aber auch, die Wahrheit

zu lügen. Der Richter muß dann nicht denken, daß der Neger die Wahrheit

sagt, um die Wahrheit zu sagen, nein, er sagt etwas, weil er für

vorteilhaft hält, es zu sagen; zufällig ist es die Wahrheit.

Ein Askariboy war in der Kunst, den Mzungu zu belügen (das ist der

Inhalt des Schauris) noch nicht gewandt genug und sagte auf jede Frage

nur „hapana“ oder „sijui“.

Ein anderer Zeuge, ein Pogoro, konnte gar nicht sprechen; trotzdem

bekamen die Dolmetscher alles aus ihm heraus, was sie hören wollten.

(Ähnlich dachte ich mir den „klugen Hans“, von dem damals gerade in den

Zeitungen die Rede war.)

Der Pogoro stierte mich an mit Augen, denen man ansah, daß sie mehr von

der Glut des nächtlichen Feuers als vom Studium gerötet waren.

Er hob das Kinn, wenn die zudringlichen Dolmetscher die Antwort „ja“

von ihm haben wollten. (Er hätte auch mit dem Fuße scharren können.)

Nach ihm kamen drei Frauen an die Reihe. Ein bildhübsches Geschöpf war

dabei. Sie begleitete ihre Reden mit weichen, schönen Bewegungen. Ein

kleines, ahnungsloses Kindchen beschäftigte sich gleichzeitig an ihrer

linken Brust.

Plötzlich wandten sich alle um: Auf einer Bettstelle wurde der Tote

angebracht. Man hatte ihn im Flusse treibend gefunden.

Der Schuß war unterm Schlüsselbein durch die rechte Schulter gegangen,

Krokodile hatten schon eine Hand abgefressen.

Als alle Zeugen geredet hatten, entließ ich die Versammlung.

Das ganze Ereignis sah jetzt so aus: Die beiden Askari waren an den

Fluß gekommen und wollten nach einer Insel hinüber. Sie sahen einen

Mann im Boote und riefen, er solle das Boot herbringen; der hörte nicht.

Da schoß der Askari Manika, um ihn aufmerksam zu machen, und traf

unglücklicherweise.

Der Mann fiel über Bord und wurde nicht mehr gesehen.

Die Askari kehrten nach einer Weile um. Leute hatten gesehen, was

geschehen war.

Der Dibagila folgte den Askari.

Da bekam der Askari Manika Angst vor Strafe und schoß sich selbst ins

Bein.

Der andere schoß, um die Verwirrung noch größer zu machen; sie hatten

also einfach Krieg gespielt! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- --

[38] barua = Brief.

[39] Ein aus Kaffernkorn gebrautes, berauschendes Getränk.

[40] „_Bana kubwa_“ wird unterwürfig eigentlich nur der genannt,

der etwas zu sagen hat, und den die Weihe des Amtes über

andere Europäer erhebt. Da sich aber die Boys unter sich jetzt

schon gegenseitig „_bana_“ (Herr) anreden, darf jeder weiße

Mann beanspruchen „_bana kubwa_“ (wörtl. hochangesehener Herr,

also „Exzellenz“) genannt zu werden, ohne daß man ihm den

Vorwurf machen müßte, er leide an Größenwahn.

[41] Ich habe später noch zwei Riesenschlangen geschossen.

[42] Ähnlich beruhigt sich der Neger über alle Maschinen, die er

nicht versteht, und die als fertige Einrichtung aus

Deutschland kommen, mit dem Wort „_kazi uleya_“: es ist

Europäerarbeit. Die wunderbarsten Instrumente; Grammophone,

Kaleidoskope können ihn wohl vergnügen, machen ihm aber kein

Kopfzerbrechen. Anders ist es mit Dingen, die er beurteilen zu

können glaubt; Körperkraft, Gewandtheit und Geschicklichkeit

bewundert er auch beim Europäer.

Auch dafür erlebte ich Beispiele: Am Paregebirge zeigten mir

meine Träger einmal einen Mann, der auf den Händen lief. Als

der Mann sich eine Weile produziert hatte, sagten sie, „das

können die Europäer nicht“. Darauf zeigte ich ihnen, daß ich

es besser konnte als der Mann, und nun sprachen sie tagelang

von nichts anderem. Ebenso bewunderten sie mich, wenn ich über

einen breiten Graben sprang oder im Wasser mit ausgestrecktem

Körper auf dem Rücken schwamm, was ihnen ganz unerklärlich war.

[43] Wie stark die Einbildung auch bei den Negern den Geschmack

beeinflußt, zeigt folgendes Beispiel:

Ich gab einmal Negern Schokolade zu essen, was sie nicht

kannten. Es schmeckte ihnen sehr gut. Einer fragte: „Was ist

das, was wir gegessen haben?“

„Schweineblut mit Zucker,“ antwortete ich zum Scherz. Entsetzt

wandten sie sich ab. Nachher kamen sie zurück und fragten, ob

das wahr sei; einigen sei so übel geworden, daß sie es wieder

von sich gegeben hätten.

Als ich ihnen versicherte, ich hätte ihnen nur zeigen wollen,

wie töricht sie manchmal seien, sagten sie: „Du wolltest uns

also nur Ekel machen“ und einer setzte grinsend hinzu, er

freue sich, daß er die Schokolade noch im Bauche habe.

Übrigens wird im Haushalt der Europäer gern gesehen, daß sich

diese Neger von bestimmten Speisen und Getränken fernhalten.

Sie verschmähen Alkohol -- ganz im Gegensatz zu dem Neger der

Westküste, der guter Abnehmer schlechter Spirituosen ist --

bleiben selbst als Köche und Diener der Messen und Restaurants

bei ihrem Reis mit Zukost und nehmen nichts von den Speisen

der Europäer. Allenfalls naschen sie von der Butter, die sie

sehr lieben, und dagegen schützen sich die findigen Hausfrauen

in Daressalam, indem sie vor den Augen der Boys einen Löffel

Schweineschmalz in jede neugeöffnete Butterdose hineintun.

Wer neu nach Ostafrika kommt und auf Märschen gerne und

reichlich ißt, weil sein Appetit gut angeregt wird, wundert

sich wohl, daß die Neger den vielen Mahlzeiten zusehen können

und selbst nur einmal am Tage essen; die Erklärung dafür

geben die Schwarzen selber sehr nett, indem sie dem Europäer

schmeichelnd sagen: „Du mußt auch mehr denken und hast mehr

Kräfte als wir, deshalb brauchst du andere Nahrung.“

[44] Vgl. Dominik: Kamerun.

[45] Vgl. Deutsch-Ostafrikanische Zeitung Juni 1907.

Ein Streifzug.

Der Aufstand schien in dem Gebiet, in dem ich zu tun hatte, zu Ende

zu sein. Tausende von Eingeborenen hatten sich unterworfen, hatten

Kriegssteuer gezahlt und Waffen abgegeben und bauten jetzt friedlich

ihren Acker. Nur in ganz entfernten Tälern, wohin noch kein Askari

gekommen war, spielten die Schenzi noch hartnäckig Krieg.

Wie Kinder; wenigstens hörten sich die Schilderungen von Kundschaftern

so an. Eine alte Frau, die aus der Gefangenschaft der Schenzi entlaufen

war, erzählte, die Krieger hätten sich aus Antilopen- und Zebrafell

Schilde gemacht und hätten, da die alten nichts taugten, zu neuen

Göttern gebetet. Menschenopfer, unerhört seien gefallen, und im frommen

Kreise habe man das Blut einer alten Frau getrunken. Auch sie habe man

schlachten wollen, deshalb sei sie davongelaufen und habe fünf Tage

lang nur Schlamm gegessen, um sich zu ernähren; denn sie habe auf dem

Marsche alle Menschen meiden müssen.[46]

Immer öfter regnete es in dieser Zeit. Bald war die große Regenzeit

zu erwarten, von der die Neger sagten, sie verändere das Land so, daß

das Reisen noch mal so schwer sei wie jetzt; ich hielt es deshalb für

gut, noch vorher einige Streifzüge in das Land zu machen und lieh den

Kundschaftern willig mein Ohr.

Eines Tages saßen wir in dem neuen, fertigen Hause und sahen dem Regen

zu, der von dem Palmblattdach niederströmte, als der wachhabende

Ombascha vom Pallisadentor her einen bärtigen, alten Neger anbrachte,

der einen abgetragenen, völlig durchnäßten Gehrock anhatte.

Schlimme Nachrichten brachte der alte Mann: Weit oben am Rufiyi, hinter

den Panganischnellen, seien sehr böse Schenzi (_wakali sana_),

die von Tag zu Tag wilder würden. Der Zauberer Hongo sei bei ihnen und

mache sie unverletzlich; er gebe ihnen Mittel gegen die Geschosse der

Askari.

Der breitnasige Alte wollte uns den Weg zeigen.

Am nächsten Morgen marschierte ich ab.

In den ersten Tagen ging es immer an den Fluß entlang; durch Ebenen mit

hohem Gras und Mangobäumen, Schamben und Dörfern am Wasser.

Weit im Norden tauchte ein Gebirge mit schroffen Höhen auf: die

Uluguruberge.

In verlassenen Dörfern traf ich mehrmals Wasserböcke, denen das Kraut,

das auf dem Ackerboden wuchs, besonders zu schmecken schien.

Während in allen friedlichen, mir unterworfenen Dörfern auf einer aus

Untermast und Stenge zusammengesetzten Stange ein weißes Tuch wehte,

war in den Dörfern, deren Bewohner sich einmütig zum Feinde erklärten,

mitten auf dem Platz vor dem Hause des Jumben ein Topf so eingegraben,

daß der obere Rand mit dem Erdboden abschnitt.

Tagelang sahen wir keinen Menschen; um so mehr Wild: außer Flußpferden

und Krokodilen auch Wasserböcke und ganze Herden von Swallahantilopen.

Wir kamen an Berge, die der Rufiyi in tiefem Bett durchbrochen hat,

verließen jetzt das Ufer des Stromes und stiegen in wunderschöner,

wilder Landschaft zwischen Felsen empor.

Ich schoß eine Kuhantilope, die sich ein Horn abgestoßen hatte; eine

Hornplatte bedeckte die Bruchstelle über dem Knochen. (Abbildung Seite

180.)

Der Führer brachte uns zu einem Dorfe an einem Abhang, der sich wieder

zum Rufiyi senkte. Unten lagen die Felder der Eingeborenen. Der Fluß

strömte über viele Steine und sein Bett verengte sich mehr und mehr.

Wir hatten die Schnellen umgangen.

[Illustration: Die Panganischnellen des Rufiyi. Der Strom durchbricht

hier, um die Ebene zu erreichen, einen steinigen Höhenzug. Wie

ein großes Trümmerfeld, von Steinen bedeckt, lag das Bett in

der Trockenzeit da; in der Mitte tobte das Wasser in einer tief

eingegrabenen, zwanzig Meter breiten Rinne.]

[Sidenote: An den Stromschnellen des Rufiyi.]

In den Abendstunden ging ich zu den Stromschnellen, die auf mich den

Eindruck eines Naturwunders machten, weil ich so sehr an den breiten

Strom gewöhnt war, wie er zwischen flachem Schwemmland träge dahinfloß.

Hier waren seine Wassermassen wie von einer gewaltigen Hand in ein

enges Bett gepreßt und tobten schäumend gegen die blank polierten

Steine.

Ich stellte mich auf eine Steinplatte, die über das tosende Wasser

hinüberreichte und photographierte.

Was wäre Menschenkraft in dem Strudel dort unter mir, in der wilden

Bewegung!

Ich merkte, daß ich in einer furchtbaren Gefahr geschwebt hatte: ich

hatte, als ich durch das Diopter meiner Kamera sah, das Bestreben

gehabt, etwas zurückzutreten, um einen schönen großen Stein, der vor

mir lag, mit auf das Bild zu bekommen. Zum Glück vergaß ich nicht ganz,

wo ich stand, und sah mich noch einmal um: nur eines Fußes Breite hätte

ich zurückzutreten brauchen um abzustürzen!

Wie leicht kann man sich im Eifer vergessen!

Das war ein Augenblick, an den ich immer wieder denken muß.

(Der Seemann wird überhaupt das Gefühl nicht los, daß die Bergsteigerei

„unseemännisch“ sei. Da sind keine sicheren Wanten, kein Pferd und kein

Jackstag! Die Steine wackeln und die Grasbüschel reißen aus, wenn man

sich daran festhalten will!)

Einige Tage später kamen wir an eine Stelle, wo der Weg den Fluß wieder

verließ und sich nach einer anderen Richtung wandte. Die Führer sagten,

wir hätten einen weiten, wasserlosen Wald vor uns. Deshalb versteckte

ich alle entbehrlichen Lasten im Busch und gab den freigewordenen

Trägern Wasser zu tragen.

Dann folgten wir dem Wege in den Wald hinein.

Unsere Führer schienen recht mutig zu sein. Da war der breitnasige

Alte, in seinem grauen Gehrock, und ein anderer junger Neger, dessen

Eltern die Aufständigen entführt hatten. Wut schien sie zu beseelen.

Sie zeigten von selbst eine gewisse Vorsicht und taten überlegen,

als ich ihnen sagte, wir müßten betretene Wege meiden, ein einziger

Schenzi, der zufällig durch den Wald streifte, könnte unsern Plan

vereiteln. Auch vermieden sie, bei Tage über Blößen zu gehen, die von

andern Abhängen aus sichtbar waren.

Die weiße Farbe meines Maskatesels beunruhigte mich; am liebsten

hätte ich ihn mit nassem Lehm eingerieben oder in dichtem Busch

zurückgelassen.

Als der Wald lichter wurde, machten wir halt. Alle legten sich hin; die

Reittiere grasten hinter einem kleinen Hügel. Bei jedem Tier hockte

ein Neger und haute ihm mit Zweigen über den Kopf, sowie es anfangen

wollte, zu wiehern.

Es ist zu verräterisch, dies Wiehern! Und ist der Esel erst einmal

dabei, dann dauert es eine halbe Minute lang. Meist sprang das halbe

Lager auf, wenn ein Esel nur den ersten, gepreßten Atemzug tat, der das

Konzert jedesmal einleitet.

Impallahantilopen kamen äsend auf uns zu.

Als es dunkel wurde, gingen wir weiter und erreichten eine Höhe, auf

der das Zelt leise aufgeschlagen wurde.

[Sidenote: Auf Kundschaft in der Nacht.]

Ich ging am Abend um acht Uhr mit dem Akiden, dem Betschausch und

zwei Führern Patrouille. Es war sehr hell; der Halbmond schien, und

Monduntergang war erst um Mitternacht zu erwarten.

An einem sandigen Fluß machten wir halt. Die Führer legten sich auf die

Erde und horchten; sie behaupteten, Menschen zu hören. Auch ich vernahm

in der Ferne ein Stimmengewirr.

Plötzlich erhob sich auch dicht vor uns, unterhalb des Flußbettes,

lauter, harmloser Gesang, und es schien ratsam, nicht weiter

vorzugehen, um nicht bemerkt zu werden.

Wir gingen vorsichtig zurück und um zwölf Uhr nach Monduntergang zum

zweiten Male in die Richtung auf das Dorf. Nun gelang es mir, die Lage

der einzelnen Hütten festzustellen.

Es herrschte tiefe Stille. Einige Wachtfeuer brannten.

Befriedigt über das Resultat meiner Erkundung kehrte ich um und

erklärte dem Unteroffizier meinen Plan: Ich wollte eine halbe Stunde

vor Sonnenaufgang in die Nähe des Dorfes gehen. Bis dahin wollten wir

schlafen; doch schon um drei Uhr wachte ich auf, weil ein heftiger

Regen auf das Zelttuch niederprasselte und mir kam der Gedanke, den

Regen zu benutzen, um unbemerkt an das feindliche Lager hinanzugehen.

Schnell ließ ich antreten.

Unter der Wolke wurde der Himmel wieder hell; der Regen konnte nicht

mehr lange anhalten; doch prasselte er so laut auf die Blätter nieder,

daß wir ungehört bis in die Nähe des Dorfes laufen konnten.

Den Betschausch schickte ich mit fünf Askari nach einigen Häusern, die

abseits im Busch lagen. Fünf andere Askari beauftragte ich, sich an

dem Wege, den die fliehenden Feinde voraussichtlich nehmen müßten, zu

verstecken. Ich selbst ging mit Unteroffizier Lauer und zwölf Askari

unmittelbar auf das Hauptlager los. Außer den Askari hatte ich zehn

Träger, besonders flinke Kerle, mit; die sollten Gefangene machen. --

Die Askari können in ihrer Ausrüstung nicht schnell genug laufen. --

Dicht vor den Häusern machten wir halt und legten uns auf dem Wege

nieder.

Kurz danach hörte der Regen auf.

Vorsichtig ließ ich die einzelnen Askari im Busch an das Lager

hinankriechen und befahl jedem einzelnen, sich ein günstiges Ziel zu

suchen und den ersten Schuß abzuwarten. Wenn jeder geschossen hätte,

sollten alle vorstürzen und mitten in das Lager hinein, so daß keiner

der Schenzi Zeit habe, sein Gewehr zu spannen.

Plötzlich stieß mich Lauer an und zeigte nach hinten. Ungefähr hundert

Schritt hinter uns brannte ein Lagerfeuer auf, an dem drei Gestalten

saßen! Nur der laute Regen hatte es möglich gemacht, daß wir unbemerkt

zwischen die Posten und das Lager kamen.

Mir wollte es anfangs nicht in den Sinn, daß die Männer, die dort in so

greifbarer Nähe hockten, uns nicht gesehen haben sollten; aber diese

Wächter hätten selbst Geräusch von unserer Seite nicht beachtet und

geglaubt, es käme von ihren eigenen Leuten.

Allmählich wurde es heller; Männer kamen aus den Hütten; andere erhoben

sich von Bettstellen, die im Freien um Holzfeuer herum standen. Ich

konnte genau sehen, wie sie ihre Gewehre abwischten und mit ihren

Pfeilen und einer Bierflasche hantierten.[47] Sie unterhielten sich

laut.

Lauer, zwei Askari und ich lagen auf dem offenen Wege; als es immer

heller wurde und wir uns nicht rühren durften, war das Licht wie ein

Verräter; ich hatte das Gefühl, als zeigte jemand auf uns: „Da, da sind

sie!“ Und die Spannung wuchs von Minute zu Minute.

Die Männer, die hinter uns am Feuer gesessen hatten, waren plötzlich

verschwunden; wir wußten nicht, wo sie geblieben waren. Das Feuer

brannte noch hell und ein langer Stock stand an dem Baume.

Ein Mann verließ das Dorf und ging in die Schamba; aber nicht auf

unserm Wege.

[Sidenote: Überfall beim Morgengrauen.]

Endlich knatterte es in der Ferne; die Neger wurden unruhig, sprangen

auf und drängten aus den Hütten heraus.

Schnell erhob ich mich und erschoß einen langen Neger, der mir am

nächsten stand. Alle Askari waren aufgesprungen und schossen; dann

stürmten wir aus den Büschen hinaus, in das Lager hinein.

Die Bilder, Eindrücke, kurzen Überlegungen wechselten in den nächsten

Minuten so schnell, daß ich sie nicht festhalten konnte und noch

weniger beschreiben kann.

Die Aufständigen drückten ihre Flinten ab und flohen so schnell sie

konnten.

Lauer lief nach links; mir folgten drei oder vier Askari.

Im Laufen kann man nicht schießen; auch nicht auf kurze Entfernung. Ich

muß stehen bleiben und schieße. Dann wieder wild drauflos!

Mein Boy Hassani ist dicht hinter mir und hält mir nach jedem Schuß

einen neuen Ladestreifen mit fünf Patronen unter die Nase: „_Bana,

bana!_“ (Er glaubt, ich hätte verschossen.)

Links von mir läuft ein Neger, deutet auf seinen Fuß und ruft:

„_Nimekwisha kupigwa._“[48] -- Entsetzlich! -- dann stürzt er,

durch die Brust geschossen, vornüber und schlägt mit den Armen um sich.

Hinter dem Dorf lag ein weites, abgeerntetes Mohogofeld. Darin liefen

die mit Gewehren Bewaffneten und zeigten uns nur den Rücken. Andere,

die große Bogen, Köcher und Pfeile trugen, blieben schon hinter den

Häusern in niedrigem Gebüsch und hinter bewachsenen Erdhügeln stehen.

Giftpfeile schwirrten.

Bald wurde dem Gefecht ein Ende gemacht durch die Dreistigkeit

meiner Träger, die hinter den Fliehenden herliefen und mit dem

_rungu_[49] auf jeden einschlugen, der sich nicht gefangen geben

wollte.

Obwohl ich die Träger rote Mützen hatte aufsetzen lassen, um sie

von den Aufständigen zu unterscheiden, fürchtete man jetzt, in dem

Durcheinander eigene Leute anzuschießen. Deshalb kehrte ich zum Dorfe

zurück, wohin alle Gefangenen gebracht wurden.

Im Dorfe lagen die Leichen der Gefallenen.

Es war nicht schön, daß wir jetzt das Dorf plündern mußten; ich wäre

gern weggegangen und hätte in meinem Zelte, fern von dem wüsten Bilde

von Tod und Zerstörung, ausgeruht und gefrühstückt.

Aber wir mußten die Hütten in Brand stecken und dazu war es doch gut,

daß sich meine hungrigen Leute, die ich auf den Raub vertröstet hatte,

vorher herausholten, was sie an Lebensmitteln finden konnten. Hühner-

und Taubeneier wurden angebracht. Töpfe mit Pombe; Mehl, Mais und Reis.

Bald waren auch die Askariboys zur Stelle, und nun begann ein Plündern,

an dem man die Rohheit dieser Menschen kennen lernen konnte.

Lauer und ich achteten darauf, daß wenigstens die Leichen nicht

verstümmelt wurden; ich ließ sie aus den Häusern hinaustragen, bevor

Feuer angelegt wurde.

Mehr konnten wir nicht tun. Schonung der Tiere zu fordern oder auch nur

Anstoß zu nehmen an Rohheiten, wäre unnütz gewesen.

Die Hühner und Tauben waren von den Häusern nicht wegzutreiben, so sehr

waren sie „domestiziert“.

Die Neger verfolgten sie; griffen sie. Die Tiere flüchteten unter die

Dächer oder flogen auf den Dachfirst; die Verfolger warfen mit Stöcken

oder Steinen nach ihnen und ließen sie ruhig weiter leben, wenn Glieder

gebrochen waren.

„_Chakula tu_,“ „es ist ja nur etwas zu fressen,“ war die Antwort,

wenn man schalt.

Als die Hütten schon brannten, lief ein Hund, den die Askari gefangen

hatten, wieder in eine Hütte zurück, heulte kläglich und verbrannte.

(Die knechtische Abhängigkeit von dem Herrn, das blinde Vertrauen zu

dem Ernährer, das die Selbständigkeit tötet, muß in allen Geschöpfen

außerordentlich leicht zu entwickeln sein. Es ist auch im Sklaven

wieder zu finden, ist unwürdig und darf doch nur vorsichtig angetastet

werden, wo es einmal besteht, weil es Voraussetzung eines besonderen

Lebens geworden ist.)

[Sidenote: Wie der Schenzi lebt.]

Ich war hier zum erstenmal in einem Orte, an dem die Neger alles

zurückgelassen hatten, was sie in Frieden und Krieg gebrauchen.

Da standen die Hütten mit allem Hausgerät; die Hühnerställe, der

Taubenschlag und die Vorratshäuschen mit Matamakorn. Hacken, Beile und

Drillbohrer wurden aus den Hütten gebracht. So konnte ich mir denn ein

Bild von dem Leben des Buschnegers machen.

Vom Händler kauft er nur Tücher, Salz, Waschblau, Seife und Nähnadeln.

Alles andere macht er sich selbst, und hat deshalb auch immer etwas zu

tun; er ist gar nicht so faul, wie wir ihn uns denken.

Die Feldarbeit ist seine Hauptbeschäftigung; er baut Matamakorn,

Bergreis, Mais, Mohogo und Kürbisse. Er wohnt mitten in seinem Felde

und beschäftigt sich immer etwas damit; ob er nun Unkraut aushackt,

Schädlinge fernhält oder neues Land vorbereitet. Die Zeit der Ernte

kann ihm nicht entgehen, denn er kennt jede Staude auf seinem Felde; er

lebt mit den Pflanzen, wie der Viehzüchter mit seinem Vieh.

Zur täglichen Arbeit gehören Wasser- und Brennholzholen und

Essenkochen; am Hausgerät und am Hause selbst ist immer etwas

schadhaft. Da müssen neue Töpfe geformt werden, weil die alten

zerbrechen; der große Holzmörser, in dem das Getreide zerstampft

wird, die Holzteller, Löffel, Bettstellen, Hackenstiele fordern eine

geduldige Schnitzarbeit, und der Neger streift tagelang im Wald umher,

um passendes Holz zu finden. Da er nämlich vom Tischlerhandwerk nicht

viel versteht, die Anwendung von Leim nicht kennt[50] und ungern mit

Zapfen und Nute arbeitet, holt er sich am besten alles fertig aus dem

Wald oder schnitzt es aus einem einzigen Stück. So entstehen denn die

plumpen, törichten Stühle und Bänke, die großen Trommeln und Mörser

und auch die riesigen Boote, mit dem „_cheso_“ (einem scharfen

Beil mit quergestellter Schneide) ausgehöhlte Bäume; die Pfeiler,

Türpfosten, Dachsparren aber liefert der Wald fertig in jeder Größe,

und das Geschick des fleißigen Bautischlers besteht nur darin, den

Pfosten so auszuwählen, daß die Gabelung an der rechten Stelle sitzt.

Gebaut wird immerzu, und wenn Haus, Taubenschlag und Vorratshäuschen

fertig sind; wenn der Hof eingezäunt ist, kommen kleine Geisterhüttchen

für die Toten an die Reihe.

Außer dem Hausgerät fertigt der Neger an: Pfeile, Bogen und Köcher;

Fischreusen; Stellnetze zum Absperren der abfließenden Regenbäche und

Flechtwerk zu allen möglichen Zwecken: Stricke, Matten, Körbe und

Säcke aus Blattrippen kleiner Fächerpalmen; Wildnetze und Tauwerk aus

gebleichten Baumfasern.

Alles dies ist nicht für die Dauer, und das Leben des Schenzi ist ein

ununterbrochener Kampf mit Überschwemmung, Dürre, Wildschaden und

Fäulnis; mit Ratten, Käfern und weißen Ameisen (die ihm über dem Kopf

das Dach seiner Hütte zu feinstem Sägemehl zerkleinern, wenn er das

ewige Feuer ausgehen läßt).

Aber mit diesem Kampf und der Sorge erkauft er sich etwas, was die

Weisen aller Zeiten ein großes Gut genannt haben: die Einsamkeit,

Selbständigkeit und Freiheit.

Nicht, daß er ganz ungesellig wäre: nein, abends im Dorfe wird die

Trommel gerührt, Pombe getrunken, geraucht und getanzt.

„Kurz abgesehen vom Steuerzahlen

Läßt sich dies Glück nicht schöner malen,

Worauf denn auch der Satz beruht:

Wer einsam lebt, der hat es gut.“

Steuer zahlen: Ich kann mir vorstellen, daß diese Neger nicht einsehen

wollten, weshalb sie Pombesteuer zahlen sollten, wenn sie ihr

Matamakorn gären ließen, um es als Bier zu trinken. Was merkten die

von der Macht des Europäers? Alle Jahr einmal kam der Akide und rief:

„_Heia!_ bringt Geld her, zahlt eure Hüttensteuer.“

Und weshalb sollten sie kein Wild mehr mit Netzen fangen?

Es ist nicht schwer, zu verstehen, daß diese Leute sich dem Aufstand

gerne anschlossen und man braucht nicht nach ~Schuld~ zu fragen,

wenn man die Ursachen des Aufstandes sucht.

Ein Askari war schwer verwundet; er hatte einen Schuß in die Brust

bekommen und die Kugel war noch drin.

Sanitätsunteroffizier Lauer verband ihn. Es war wenig Hoffnung; aber

Lauer sagte, daß es gut werden könne, wenn der Mann mit dem sauberen

Verbande schnell nach Mohorro gebracht würde, wo er gute Behandlung

habe.

Deshalb sandte ich den Betschausch und zehn Askari sofort nach Mtanza,

mit dem Auftrage, den Verwundeten so schnell als möglich in einem Boote

zur Küste zu schicken.

Die Boma in Mtanza mußte schleunigst wieder besetzt werden; denn ich

fürchtete, daß die Aufständigen meine Abwesenheit benutzten, um einen

Einfall in die friedlichen Gebiete am Rufiyi zu machen.

Ich hatte nur noch Unteroffizier Lauer und zehn Askari bei mir und

schleppte vierundzwanzig Gefangene mit, darunter neunzehn Weiber, die

nicht schnell gehen konnten.

[Sidenote: Die Gefangenen befreit.]

In der folgenden Nacht lagerte ich, um nicht bemerkt zu werden, ohne

Feuer im Busch. Am Morgen erwachte ich, als ein Askari in mein Zelt

kam und meldete, die Gefangenen seien weg und alle Askari hinter ihnen

her. Erschrocken und entrüstet ging ich aus dem Zelt und fand erst

keine Erklärung für das Verhalten der Askari und dafür, daß weder Lauer

noch ich etwas gehört hatten. Wir setzten uns auf die Kochkiste und

warteten, bis es hell wurde und die Askari einzeln wieder ankamen.

Gegen drei Uhr am Morgen hatte der Posten gesehen, daß die Gefangenen,

die gebunden neben unserm Zelt lagen, davonliefen. Er hatte schnell

die Askari geweckt und die waren sofort aufgesprungen und hinterdrein

gelaufen. Nur ein alter Sudanese, der schlecht laufen konnte, blieb und

weckte uns, als die Askari schon außer Rufweite waren.

Auf wen sollte ich böse sein?

Schließlich waren wir zufrieden, daß man uns nicht meuchlings ermordet

hatte.

Die Gefangenen waren doch alle gebunden gewesen; und jetzt lagen

die Fesseln zerschnitten da! Es mußte also wohl jemand im Busch

herangekrochen sein, sich zwischen die Gefesselten gelegt und ein

Messer von Hand zu Hand gegeben haben!

Natürlich machte ich mir Vorwürfe, daß ich im Busch gelagert hatte,

anstatt einen freien Platz zu suchen; aber auch das hätte seine

Nachteile gehabt!

Kurz, die Lehre, die man daraus ziehen kann, war: geht’s gut, dann war

alles recht, und auf jede Überlegung, die man vorher machte, ist man

stolz; geht’s schief, dann kommen Vorwürfe.

Und war nicht die Hälfte von alledem was ich getan hatte im Vertrauen

auf Glück unternommen?

Als die Askari alle wieder zur Stelle waren und der drollige Askari

Nyati[51] als letzter mit finsterem Ernst einen ängstlichen Pogoro

anbrachte, mußten wir sogar herzlich lachen; denn der Askari hielt

seinem Gefangenen eine Strafpredigt, wobei er alle Stimmregister, die

auf einem Kasernenhof gehört werden, der Reihe nach zog. Er machte

dabei ein ungemein überlegenes Gesicht und kaute nachlässig an einem

Grashalm, während er den Unglücklichen fixierte, der kein Wort davon

verstand.

Der Schluß der Predigt war das mit geschlossenen Zähnen, wie in

Erbitterung gesprochene Wort: „Schuain“.[52]

* * * * *

[Sidenote: Tierleben an den Schnellen.]

Zwei Tage später näherten wir uns wieder den Bergen von Kibambawe.

Oft blieb ich stehen und sah voll Genuß auf das Landschaftsbild. Sanft

fiel hier das steinige, offene Gelände zu dem Rufiyi ab. Jenseits des

Stromes zog sich der Buschwald bis zu den Bergen in weiter Ferne. Der

wilde Strom rauschte dort unten über Steine und schlängelte sich wie

ein bleifarbenes Band in die Berge hinein, die er durchbrochen hat, um

der Tiefebene und dem Ozean zuzueilen.

Zwischen den Bäumchen erschien eine Herde Hundsaffen; Paviane, die mit

ängstlichen, und doch unverschämten Blicken nach uns herüberäugten.

Ich ließ mir die Büchse eines Askari geben und schoß einen der

verhaßten Feinde der Landwirtschaft.

Darauf wurden die kleinen der Herde flüchtig; die größeren zogen sich

nur langsam unter lautem Gezeter zurück.

[Illustration: Flußlandschaft am oberen Rufiyi. Ein schlanker,

kräftiger Neger stand vorne in dem Einbaum und stieß das Boot mit dem

Upondo, einer dünnen Stange vorwärts. Er hob den Upondo nicht nach

jedem Stoß aus dem Wasser (wie ich es bisher überall gesehen habe),

sondern dreht ihn jedesmal um. Überhaupt schienen mir die Neger hier

oben flinker und geschickter zu sein.]

Ich ging vom Wege ab und traf in hügeligem und bewaldeten Terrain ein

Rudel Swallahantilopen; sie standen malerisch an einem Abhang zwischen

hohen Steinen.

Ich sah einen starken, roten Bock mit langen Hörnern dabei und schoß

ihn; er machte einige Fluchten und brach zusammen. Zwei Träger trugen

ihn zum Lager.

Das Rudel war im Umsehen zwischen den Felsblöcken verschwunden.

Ich folgte dorthin und stieg, durch Klippen gedeckt, auf eine Höhe.

Unter mir lag eine kleine, grüne Wiese zwischen Steinabhängen; darin

standen auf höchstens fünfzig Schritt etwa zwölf rote, blanke Böcke mit

stolzen Gehörnen.

Gefesselt von diesem Anblick ließ ich mich von dem Rudel von einem Tal

in das andere führen und sah plötzlich den Fluß mit breiten, steinigen

Ufern unter mir.

Auf den tongrauen, glänzenden Steinplatten standen Impallahantilopen;

zwischen ihnen gingen Paviane einher; es war ein seltsames Bild, dies

Zusammenleben zweier so verschiedener Tierarten.[53]

Am jenseitigen, steilen Ufer hinauf flüchtete ein Rudel Wasserböcke in

weiten, kräftigen Sprüngen.

Der Fluß durchströmte jetzt in der Trockenzeit ein tiefes,

tunnelartiges Bett in der Mitte des gewaltigen Steintals.

Eine große Flußpferdherde ruhte unbeweglich in dem Wasser und die

Rücken der Tiere sahen aus, wie die Steine in ihrer Umgebung.

* * * * *

Drei Tage später kam ich in Mtanza an. Die Aufständigen hatten meine

Abwesenheit benutzt und waren auf eine Insel eingefallen, hatten

geplündert und Weiber geraubt. Zu gleicher Zeit war Bezirksamtmann Graß

von Mohorro aufgebrochen; ich traf ihn in Mayenge und wir machten einen

Zug in den westlichen Teil der Kitschiberge.

Da unsere vertrauenswürdigen Kundschafter, die wir vorausgeschickt

hatten, es diesmal mit ihren Landsleuten gut meinten, sahen wir nur

verlassene Dörfer.

[Illustration: Ein alter Hundsaffe mit starker Mähne; ein Auge und fast

alle Zähne fehlten ihm.]

[46] Ist das lang auf Deutsch zu schreiben! Anders auf Kisuaheli:

man spricht ein paar Stichworte, sieht sich an und versteht

sich. Viel neues gibt es ja auch nicht zu sagen; jeder kennt

die Gegend, das Leben und was einem alles passieren kann. (Der

Mpogoro redet überhaupt nichts und kommt doch durch.)

[47] Wahrscheinlich gossen sie frisches Gift auf die Pfeilspitzen;

wir fanden die Flasche nach dem Gefecht; es war braune

Flüssigkeit darin.

[48] Ich bin schon getroffen!

[49] _Rungu_ = eine kleine Holzkeule, die manche Träger als Waffe

mit sich führen.

[50] Vogelleim kennt er natürlich; ich fand hier im Dorfe einen

Topf voll!

[51] „Büffel.“

[52] „Schwein.“

[53] Tiermaler Wilhelm Kuhnert hat dasselbe an derselben Stelle

beobachtet und reizende Skizzen davon mitgebracht.

[Illustration: Am Ufer des Rufiyi.]

Rückkehr zur Küste.

Eines Tages kam ich mit einer müden Truppe nach Mtanza zurück und sagte

zu Lauer: „Ich komme so früh, weil ich mit Ihnen den heiligen Abend

feiern will.“

„Ich habe gestern schon gefeiert“, antwortete Lauer. Und er hatte recht

getan; ich hatte mich verspätet.

Aber wir feierten noch einmal: Eine Flasche Rotwein, ein Topf heißen

Wassers und einige Sansibarnelken. Dazu mehrere Löffel Zucker.

Weihnachten war es trotzdem nicht.

Man kann übrigens das Datum leicht vergessen, wenn man im Busch

lebt und ein paarmal nicht Tagebuch schreibt. Bald marschiert man

morgens, bald abends oder gar in der Nacht. Das Zelt steht an

vielen verschiedenen Plätzen, und das zurückrechnende Hirn kann die

zugehörigen Tage nicht mehr finden.

Oft helfen die Boys oder Askari, oder der Bote, der ein Telegramm

bringt, wird gefragt, wieviel Tage er gegangen sei; wie oft er

geschlafen habe?

Mich hat es nie sehr gekränkt, wenn ich den Irrtum merkte. Es ist ein

Zeichen großer Freiheit, wenn man das Datum vergessen darf ohne Schaden

davon zu haben.

Wie würdig waren auch die Schenzi, die von der Stundenzahl des Tages

nichts wußten und die auf die Frage:

„Wie lange geht man von hier bis Turuma?“ antworteten: „Wenn du jetzt

weggehst, bist du bei Sonnenuntergang da.“

Sie zeigten den Weg, den die Sonne zurücklegt, das war ihre Zeit.

Oder sie sagten: „Wenn die Hähne krähen“, und in anderen Gegenden:

„Wenn der Tau die Gräser verläßt.“

Glückliches Volk!

[Sidenote: Überschwemmung.]

Es war jetzt die Zeit, wo sich die ersten großen Regengüsse des Innern

am Wasserstand des Stromes bemerkbar machten.

Oft war die Wasserfläche mit unzähligen grünen Schwimmpflanzen bedeckt,

die sich in den Teichen gebildet hatten und jetzt hinweggespült wurden,

wenn sich das steigende Wasser von neuem in die alten Betten ergoß. Wir

fuhren in großen Einbäumen stromab und sahen, daß weiter unten eine

furchtbare Überschwemmung herrschte. Ganze Landstriche waren schon von

den Eingeborenen verlassen; durch die Hütten strömte das Wasser.

Zufällig fanden wir noch eine kleine Insel, die noch nicht ganz

überschwemmt war, und konnten dort übernachten.

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter und trieben in schneller Fahrt an

einer Hütte vorbei, als unser Bootssteurer hinüberrief: „Vater, bist du

noch da?“

Und eine Stimme antwortete: „Ja“.

Der Alte saß im Dachgebälk der Hütte, während das Wasser unten

hindurchströmte.

Als wir fragten, weshalb er nicht auch fliehe, sagte unser Bootssteurer

nur: „_mzee_“, was heißen kann, „er ist sehr alt und kann deshalb

nicht mehr recht mit“, oder „es lohnt sich für ihn nicht mehr zu

fliehen, er ist ja doch nicht mehr viel wert.“

Auf den weiten Wasserflächen war von den Flußpferdherden nichts zu

merken. Die Tiere, die in der Trockenzeit auf kleine Teiche und auf den

nicht allzubreiten Fluß beschränkt sind, verteilten sich jetzt auf ein

großes Gebiet.

Die Boma in Mayenge war rings von Wasser umgeben. Das Wasser hatte den

Befestigungsgraben so verbreitert, daß ein kleiner Fluß entstanden war,

in dem die Boys Wettspiele trieben.

[Illustration: Im Anfang des Jahres 1906 war am Rufiyi eine

Überschwemmung, wie seit vielen Jahren keine beobachtet wurde; der

Mais, auf den die hungrigen Neger warteten, verfaulte auf den Feldern

und die Hütten stürzten ein.]

Ich hatte das Vergnügen, in Mayenge mit acht indischen Händlern

abzurechnen, deren Getreide ich in ihren Läden hatte beschlagnahmen

lassen, um es der notleidenden Expedition des Hauptmanns v. Wangenheim

entgegenzuschicken. Manji Virji, Ganji Naranji, Emraji Damudal,

Kilanjee und andere appetitliche Gesellen kamen; nur einer fehlte;

gerade der, von dem behauptet wurde, daß er trotz dem Aufstand am

meisten Gummi aus den Bergen einhandelte und den Aufständigen dafür

gab, was sie brauchten, um den Krieg fortzusetzen.

Ich kann aus dieser für mich und die beiden Unteroffiziere ungemein

anstrengenden, schweren Zeit, in der wir abwechselnd an Dysenterie und

Fieber litten, erzählen, wie empörend für mich das Bewußtsein war, daß

die Inder aus allem, was wir taten, ihren Vorteil zogen. Nahmen wir den

Aufständigen ihre Nahrung weg, um sie zur Unterwerfung zu zwingen, dann

bekam der Inder den wertvollen Gummi um so billiger -- für ein kleines

Quantum Matamakorn. Der Verdacht lag außerdem immer nahe, daß diese

Händler mit Pulver und Zündhütchen einen einträglichen Handel trieben.

Ich fragte mich in dieser Zeit wiederholt, für wen wir eigentlich

das Land haben, für wen wir die Opfer an Leben, Gesundheit und Geld

bringen? Es schien mir so, als ob es für diese farbigen Händler sei,

die mit treuherzigen Mienen dem Bezirksamt noch meldeten, wieviel

Tausende sie durch den Aufstand verloren hätten. (Wahrscheinlich, um

betrügerisch Bankerott zu machen und mit dem vielfachen Gewinn in ein

anderes Gebiet zu verschwinden, wo sie dann wieder als arme Schlucker

auftreten.)

Waren wir nicht an allen Ecken und Enden die Betrogenen? Beinahe das

Werkzeug der Inder?

Macht uns denn Liebe blind gegen diese Leute? Und haben wir keine

Ahnung davon, wie weit und wie reich an Schlupfwinkeln das Gebiet ist,

in dem sich der Geschäftssinn eines unanständigen, gewissenlosen,

vaterlandslosen Händlers bewegt?

Ich wünsche anderen, daß sie die Schmach nicht erleben, die ich

empfand, als ich mich bei meiner monatelangen Tätigkeit betrogen

glaubte.

Mein Ärger entlud sich auf den widerspenstigen Inder. Der Unteroffizier

sagte mir rechtzeitig, daß dieser selbe Inder den Bezirksamtmann einmal

gereizt und eine Ohrfeige dafür bekommen habe. Darauf habe sich der

Inder beim Gouvernement beschwert und der Bezirksamtmann habe eine

ziemlich hohe Geldstrafe zahlen müssen. Ich nahm mir deshalb vor, dem

Inder diese Genugtuung nicht zu gönnen.

Als der Mann mit Gewalt geholt worden war, benahm er sich so

herausfordernd, daß ich ihn durch die Askari aus dem Lager

hinausbefördern ließ und ihm riet, in vierundzwanzig Stunden aus der

Gegend zu verschwinden, weil ich ihn für einen gefährlichen Schmuggler

hielte.

[Illustration: Den Graben, der um das Lager herumgezogen war, hatte das

Wasser stark verbreitert; die Boys schwammen darin um die Wette.]

[Sidenote: Marsch in der Regenzeit.]

Von Mayenge aus wollte ich zu Fuß in die Berge, aber dicht hinter

der Boma mußten wir bereits übersetzen. Das nahm zwei Stunden in

Anspruch, da die meisten Neger nicht schwimmen konnten und wir nur ein

Boot hatten. Ich ließ die Träger vorangehen, bis das Wasser so tief

wurde, daß nur die Köpfe heraussahen. Ein drolliges Bild: Über dem

Wasserspiegel lauter Köpfe mit Lasten.

Zuerst schickte ich zwei Askari und einen Teil der Gewehre hinüber. Der

Betschausch und ein anderer Askari versuchten zu schwimmen, ermüdeten

aber mitten im Strom, weil jeder einen Gurt mit hundert Patronen

umhatte. Auf ihre Hilferufe schwammen Lauer und ich so schnell wir

konnten hinzu und halfen ihnen zum Ufer zurück.

Man glaubt nicht, wie ungeschickt sich die Leute anstellten! Ich

verteilte die Askari im Wasser und ließ das Boot von Hand zu Hand

stoßen; nur durch das tiefe Wasser wurde gerudert. Bei jeder Fahrt

mußten sich einige Träger an dem schwimmenden Boot festhalten und

wurden so hinübergebracht.

Am schneidigsten benahmen sich noch die kleinen Askariboys; sie

schwammen mit großem Geschick. Alle anderen Leute fielen Lauer und mir

zur Last.

Die Schwarzen waren sehr erstaunt über unsere Schwimmkünste; besonders

bewunderten sie das Schwimmen auf dem Rücken mit anliegenden Armen und

ausgestreckten Beinen, und fanden keine Erklärung dafür.

Das strömende Wasser und die Furcht vor den Krokodilen verwirrte die

Neger; um vorwärts zu kommen, mußten wir in der Hitze alles selbst

machen: Lasten im Boot verteilen, das Boot halten, die nassen Kerls

hineinheben, Ertrinkenden und Gefährdeten helfen und sogar nach

verlorenen Gegenständen tauchen.

Es war wirklich ein gräuliches Gefühl, in der gelben, undurchsichtigen

Flut zu schwimmen, wo die Gefahr, vom Krokodil gepackt zu werden, so

nahe lag!

Und es war eigentlich ein Leichtsinn, daß wir uns der Gefahr aussetzten.

Die Rohrstengel stachen uns durch das dünne Zeug, die Sonne glühte und

die stinkenden Neger mit ihren unschlüssigen Gesichtern konnten einem

das letzte bißchen Energie rauben!

Trotzdem ging uns der Humor nicht aus, und Lauer wußte es geschickt

einzurichten, daß die größten Angsthasen bis zuletzt zurückblieben.

Dann wurden sie alle in das Boot gepackt und saßen zitternd darin,

während es hinüberfuhr; doch ehe das Boot ganz am andern Ufer war,

warfen wir es plötzlich um und die ganze Gesellschaft strampelte in dem

flachen Wasser umher.

Am Ufer stand ein kleiner Askariboy, der sein Tüchlein vermißte. Er

schämte sich sehr und weinte.

Zwei Stunden marschierten wir noch, dann mußten wir uns eingestehen,

daß wir zu müde waren und lagerten mitten im Buschwald.

Am nächsten Morgen gingen wir weiter.

Jetzt, nach dem ersten Regen, war der Wald grün und kam mir im

Blätterschmuck ganz fremd vor. Gegen das dunkle Laub fielen die hellen

Stämme auf, während früher das gelbe Gras, die Stämme und Äste in allzu

vielem Licht das Auge blendeten.

Die Mangobäume waren abgeerntet. Im Boden sah man nur wenige

Wildfährten.

Von dem reichlichen Regen der letzten Wochen stand auch auf den

Anhöhen Wasser. Auf dem Marsch mußten wir einen See durchwaten, der

mitten im Walde lag. Wir zogen die Schuhe aus und gingen auf der

anderen Seite barfuß weiter. Leider haben wir das auch in den nächsten

Tagen fortgesetzt und die Erfahrung gemacht, daß man erst lernen

muß, auf schmalen Pfaden bei Tage und bei Nacht barfuß zu gehen,

ohne sich die Füße zu verletzen; angebrochene Fußnägel, schmerzhafte

Hautabschürfungen und Dornstiche waren die Folge.

Die Aufständigen hatten überall Mohogopflanzungen und wohnten in

kleinen Hütten seitab im Walde. Die Dörfer selbst, die mitten in den

Pflanzungen lagen, waren verlassen und wurden von den Negern offenbar

nur benutzt, so lange sie in den Feldern arbeiteten.

An Früchten waren da: Bananen, kleine Bohnen, Mais mit halbreifen

Kolben und vor allem Mohogo. Für unsere Abendtafel fand sich auch eine

reife Ananas.

In den nächsten Tagen ging es über Berge und Täler, von einer Pflanzung

zur andern.

Selten wurden Menschen angetroffen; einige, die sich zur Wehr setzten,

wurden erschossen, andere gefangen genommen.

In einem Hause stand ein Topf mit frisch gebratenen Ratten. Daneben ein

Sack mit kleinen Früchten, die wie Äpfel schmeckten und einen großen

Kern hatten.

[Sidenote: In den Schamben von Kitschi.]

Wir fanden auch eine kleine Antilope, die im Netz gefangen worden

war. Von dem Mohogo, der überall in den Schamben reichlich gedieh,

hatten die Aufständigen noch kaum gegessen. Hie und da standen junge

Kokospalmen, die auf Befehl des Bezirksamts gepflanzt worden waren.

Am zweiten Abend lagerte ich auf einer Höhe in einer großen

Mohogopflanzung, deren Fläche sanft zu der Rufiyiebene abfiel. Ich

hatte eine weite Aussicht über den Wald, auf die Ebene und den Fluß.

Es regnete und ich beschäftigte mich damit, behaglich dem Regen

zuzusehen und aufzupassen, daß das Wasser, das von den Zelttüchern

abfloß, in Töpfen aufgefangen wurde.

Drei gefangene Weiber, die tüchtig zu essen bekamen, lachten und

schienen sehr zufrieden zu sein. Auch ein kleines Kind war dreist und

zutraulich. Wer kennt aber die Neger aus -- morgen sind sie weggelaufen!

Ein alter Mann wurde beim Gummisammeln gefangen genommen. Als er ins

Lager kam, fragte ich ihn nach der Stimmung im Lande und auch nach den

Ursachen ihrer Unzufriedenheit.

Er brachte freimütig alle Klagen vor. Dann wickelte er aus seinem Tuch

zwei Gummikugeln und bat mich, ihm Tabak dafür zu geben.

Als er den Tabak erhielt, war er nicht zufrieden. Er behauptete, es sei

nicht genug und stellte zum großen Ergötzen der Askari, gefangen und

gebunden, auf der „Wache“ sitzend, laut Vergleiche an zwischen dem Wert

des Gummi und dem des Tabaks.

Der Unteroffizier klagte über Unwohlsein, er hatte Dysenterie. Ich

selbst war todmüde nach den Anstrengungen des letzten Tages und hatte

Kopfschmerzen. In der Nacht entstand Lärm und Schüsse fielen. Ich

wickelte mich aus dem Moskitonetz, griff zur Büchse und sah, wie im

Dunkeln ein Trupp Menschen aus dem Lager lief.

Kurz darauf brachten sie den Gefangenen angeschleppt, der rief. „Mein

Anzug!“ Damit meinte er das kleine Baumwolltuch, das er um die Hüften

trug. Neben mir stand der Unteroffizier. Ich dachte nicht daran, daß

er auch krank war, befahl ihm, nachzusehen, daß der Gefangene besser

gebunden wurde und legte mich sofort wieder hin.

Der Mann schrie weiter und ich hörte, wie die Askari versuchten, ihn

zu beruhigen. Er wimmerte eintönig und die Askari lachten darüber.

Allmählich wurde er still und nur die Wache unterhielt sich leise.

Am nächsten Morgen wurde mir gemeldet, der Gefangene sei tot.

[Sidenote: Die schwarzen Mitbrüder.]

An dem Toten war nichts zu erkennen, woraus ich auf die Ursache seines

Todes schließen konnte. Sanitätsunteroffizier Lauer war vor Schwäche

nicht imstande, den Leichnam zu untersuchen. Hunderte von Ameisen

krabbelten über den Körper des Toten. Ich konnte nur feststellen, daß

seine schwarzen Brüder ihn recht fest gebunden hatten, um vorzubeugen,

daß er noch einmal wegliefe, und ich konnte leider den abscheulichen

Verdacht nicht los werden, daß die Wache ihn einfach erstickt habe,

damit er Ruhe hielt.

Ein Verhör der Posten führte zu nichts; sie sagten, der Mann sei

eingeschlafen und gegen Morgen tot gewesen.

Das war ein neuer Ärger und wieder eine der traurigen Erfahrungen mit

der Gleichgültigkeit und Roheit der Schwarzen, der nur vorgebeugt wird

durch den Europäer.

Was hatten wir uns eigentlich, während wir so müde und krank waren,

bei dem eintönigen Klagen und Wimmern des Gefangenen gedacht? Nichts!

Für Verstellung hatte ich es gehalten, um so mehr, als die Askari noch

dazu lachten! Aber jetzt kam es mir wieder in Erinnerung; ich legte ihm

eine tiefere Bedeutung bei und machte mir Vorwürfe, nicht nachgesehen

zu haben. Das zeigt, daß es ganz von uns abhängt, wieweit wir Mitleid

empfinden wollen und daß unsere Teilnahme verschieden sein kann, je

nachdem, wie wir die Leidensäußerungen, die wir hören, auffassen.

Im Wurm, in der Ameise, die zerdrückt wird und sich krümmt, glauben wir

kein Bewußtsein suchen zu müssen. Bald im Büffel, der todwund röchelt,

auch nicht.

Nur wenn der Mensch, der in unseren Tönen klagt, seine Schmerzen

schildert, dann ergreift es uns -- wenn wir wollen. Jeder kann mit

leiden soviel er will; bis auf Pflanzen und Steine kann er hinabgehen.

Aber wissen muß er, ob nicht oft tatkräftiges Handeln mehr Elend aus

der Welt schafft als verzehrendes Leid.

Ich selbst merkte an meiner Aufregung, daß die Anstrengung der letzten

Zeit mich verändert hatte.

Am Nachmittage wurden noch mehrere Gefangene gebracht.

Die fragten, weshalb wir ihnen Essen gäben, wo sie doch geschlachtet

werden sollten?

(Das hatten die Zauberer ihnen eingeredet.)

Meine Füße schmerzten an mehreren Stellen; trotzdem ging ich gegen

Abend mit einer Patrouille in den Wald.

Ich ließ mir die Gummilianen zeigen, die wild im Walde wachsen und den

Reichtum der Berge bilden.

In lichtem Buschwald zog ein Stück Wild über eine Anhöhe. Ein

gewaltiger Hirsch. Durch mein Doppelglas erkannte ich auf dem grauen

Tierkörper weiße Streifen; es war ein Kudu.

Das Tier stand und scheuerte sich mit den hellen Spitzen seiner hohen,

gewundenen Hörner in der Flanke.

Wie gerne hätte ich dies in Ostafrika seltene Tier verfolgt, aber es

ging nicht; die Schenzi waren nahe.

Als ich weiterging, fand ich in einem Dorf eine kleine Werkstatt, in

der die Schenzi die Feuersteinschlösser ihrer Gewehre zu Hahnschlössern

mit Zündhütchen umarbeiteten! Geschickt geschnitzte Gewehrschäfte lagen

da; Bohrer, Feilen und anderes Handwerkszeug.

Die Lehrer der Völkerkunde sprechen von dem kriegerischen Geist,

der die Bewohner der Steppe von den Bewohnern des Fruchtlandes

unterscheidet. Auch diese Kitschileute, die in den Bergen wohnen und

ihre Feldfrüchte in jedem Jahre auf einem anderen, neugerodeten Land

bauen, stehen der Zivilisation ferner als die Rufiyileute und sind

deshalb sehr wohl mit den Steppenbewohnern zu vergleichen. Kriegerisch

sind sie, während die Ackerbürger am Fluß sehr schnell zur Unterwerfung

neigten.

Als wir aus den Bergen zurückkamen und die Ebene wieder erreichten,

blieb ich noch eine Nacht am Ufer des Flusses, der Boma bei Mayenge

gegenüber. Mein Zelt stand auf der Höhe zwischen den Trümmern eines

niedergebrannten Dorfes.

[Sidenote: Flußpferd im Mondschein.]

Der Mond schien, als mir mitten in der Nacht gemeldet wurde, ein großes

Flußpferd komme die Dorfstraße herunter. Es war nahe beim Lager und

ging hinter einer Häuserwand vorbei, an die ich leise hinanschlich.

Das plumpe Tier kam dicht an mir vorbei. Der Mondschein glänzte auf

seinem runden Rücken. Es kümmerte sich nicht um mich oder die Zelte. --

Lagerfeuer brannten nicht. --

Am Morgen regnete es in Strömen. Trotzdem lag der Askari Nyati, der

Klown, immer noch unter seiner Decke im Freien auf einigen Pfählen

und schlief. Als er aufstand, zeigte er den andern, daß er kaum naß

geworden wäre, weil er sich unter seiner Decke nicht gerührt habe und

das ganze Wasser abgelaufen sei.

[Illustration: Großes Kudu aus Usagara.]

Auf alten Wegen, die ich aus der Trockenzeit kannte, ging ich pirschen.

Überall stand Wasser und das Gras war sehr hoch.

Wenn ein Stück Wild aufgejagt wurde, hörte man die Sprünge an dem

plätschernden Wasser.

Mit Mühe gelang es mir, einen Riedbock zu erlegen.

Ich kehrte zum Fluß zurück, fuhr zur Boma hinüber und saß schon am

Mittage mit meiner Truppe in einer kleinen Dhau um nach Panganya zu

fahren, wo Herr Wiebusch, ein Angestellter des Kolonialwirtschaftlichen

Komitees, eine Pflanzung anlegen wollte, wozu er mich um Arbeiter bat.

Wir hatten unerhört gegen den Strom anzukämpfen.

An einer Stelle wurde der Bug des Schiffes so plötzlich von einer

stärkeren Strömung zur Seite gedrückt, daß er das Schilf der

Uferböschung unter sich schob. Wir wurden erst wieder flott, als alle

ins Wasser sprangen und auf schwimmenden Inseln, bis an die Brust im

Wasser stehend, den Bug an einer Leine freiholten. Zum Glück waren

unsere Kleiderkisten in demselben Boot und wir konnten uns gleich

wieder trockene Sachen anziehen.

Mein rechtes Bein war von den entzündeten Wunden so angeschwollen, daß

ich in Panganya mehrere Tage liegen mußte. Glücklicherweise ging die

Entzündung durch nasse Verbände bald zurück.

Herr Wiebusch hatte mehrere hundert Hacken mitgebracht, um Land für

Baumwolle vorzubereiten. Es fehlte ihm an Arbeitern. Für Geld hätte

er in dieser Zeit auch keine bekommen; da er aber Korn von der Küste

heraufbrachte, hatte er in dieser Hungerzeit das beste Zahlungsmittel.

Jeden Jumben, der kam und über die Not klagte, schickte ich mit seinen

Negern nach der Baumwollpflanzung.

Nach einigen Tagen war dort ein reges Leben. Mehrere hundert Neger

schwangen die langstieligen Hacken und rodeten das kräftige Schilfgras.

Gegen abend kamen sie zur Poschoausgabe.

Ich blieb eine ganze Woche bei Herrn Wiebusch. Tagsüber sah ich

der Arbeit zu, las und schrieb; abends versammelten wir die

„Baumwollschüler“, junge Neger aus allen Teilen der Kolonie, um uns,

und ließen Theater spielen, tanzen und singen.

Die Verschiedenheit der Tänze und Gesänge war recht auffallend; jeder

Stamm fand seine Gesänge ernst und schön und die des Nachbarstammes

schon komisch.

[Illustration: Überschwemmung in der Schilfniederung der Rufiyiebene.

Die Dhau mit den Askari.]

[Sidenote: Kranke Träger.]

Eines Tages kamen sechzehn kranke Träger an, die von der Expedition des

Hauptmanns v. Wangenheim entlassen worden waren.

Der Zustand ihrer Wunden war entsetzlich; sie verbreiteten

Fäulnisgeruch.

Bei den schlechten Verkehrsverhältnissen kamen die Leute, die sich zum

Teil nur mit Hilfe von Stöcken langsam fortschleppten nicht schnell

genug vorwärts und fürchteten, daß ihr Poscho zu Ende sei, bevor sie

Mohorro erreichten.

Da konnte ich nun wirklich einmal wohltätig sein!

Wangoni waren es, die sicherlich der Expedition gute Dienste geleistet

hatten. Sie bekamen Wasser und Seife. Ihre Wunden wurden gewaschen,

desinfiziert und mit den geringen Mitteln, die wir noch hatten,

verbunden. Dann bekamen die Leute ordentlich zu essen. Schließlich

wurde ein großes Boot zum Fluß geschafft, die Leute hineingetragen und

Matten darüber gedeckt zum Schutz gegen die Sonne.

Als das Boot vom Ufer ablegte und mit dem Strome schnell davon

trieb, hatte ich das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben; so

kamen die Kranken in einem Tage ans Ziel, während sie sonst an

unzähligen Flußläufen vergeblich nach Booten hätten rufen können und

wahrscheinlich verhungert wären.

Nur einer ist unterwegs gestorben.

In dieser Zeit sprachen wir viel über die Landwirtschaft.

Die Frage, ob man sich in einem fremden oder besser fernen und neuen

Lande ansiedeln soll, ist gewiß schwer zu beantworten.

Was sehr dazu reizt, ist der Gedanke, als einer der ersten in ein

Gebiet zu kommen, dem vielleicht eine große Entwickelung bevorsteht.

Vielleicht!

Da beginnt das Zaudern. Man soll sich für ein Gebiet entscheiden.

Und wer erst einmal irgendwo angefangen hat, muß bei der Sache

bleiben; denn die Jahre tätigen Schaffens, die Zeiten des frischen

Unternehmungsgeistes sind kurz, und von Glück kann der sagen, der in

dieser Zeit zwar schwer und mit Enttäuschungen gearbeitet hat, aber

nicht umsonst seinem Ziele treu blieb.

Nun ist Deutsch-Ostafrika ein Land, das jeden, der es mit offenen Augen

gesehen hat, lockt; denn die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind groß.

So auch in dem Gebiet des Rufiyi. Da das Land als ungesund galt, sind

zwar die Missionen fern geblieben, die ja sonst in vielen Gegenden

die ersten landwirtschaftlichen Versuche gemacht und so den Ansiedler

vorgearbeitet haben.

Die Erfahrungen mit dem Klima sind deshalb noch gering, sind aber

wichtig, weil danach Saat- und Erntezeiten in allen Teilen des Landes

verschieden fallen.

[Sidenote: Landwirtschaft am Rufiyi.]

Das Bezirksamt am Rufiyi und das kolonialwirtschaftliche Komitee machen

seit einiger Zeit Versuche.

Es kommt jedoch in diesem Gebiet nicht nur darauf an, die Regenzeiten

zu wissen, sondern auch die Zeit, den Umfang und die Dauer der großen

Überschwemmungen.

Ein Hochwasser, wie es im Anfang des Jahres 1906 in den Küstengebieten

Ostafrikas war, wird wohl so leicht nicht wieder kommen. (Es war eine

nützliche Warnung; sogar die Brücken der Bahn über den Kingani hatte

man zu niedrig geplant und der Fehler konnte noch mit geringem Verlust

verbessert werden.)

Wer sich im Küstengebiet ansiedeln will, muß sich die Gegend seiner

Wahl erst zu allen Jahreszeiten ansehen, wenn ihm nicht das Bezirksamt,

eine Mission oder ein anderer Ansiedler gleich einen günstigen Platz

vorschlagen kann.

Auch ich habe einige wunderschöne Plätze in der Trockenzeit für gut

gehalten und sah in der Regenzeit, daß sie große Fehler hatten.

Solange ein Land nicht gründlich erschlossen ist, kommt es für den

Einzelnen darauf an, mit Brückenbauten, Dämmen und schwierigen

Wegebauten möglichst zu sparen und eine möglichst billige, dauernde

Verbindung mit der Küste zu haben.

Hindernisse sind Sümpfe und abflußlose Talmulden, während ständig

fließende, schiffbare Gewässer nicht trennen, sondern verbinden.

Der Rufiyi wird in wenigen Jahren das Land erschließen, sobald der

Dampfer der Kommune Mohorro, der schon bestellt ist, fährt.

Dann wird man auch bald von den Eigenschaften des Stromes mehr wissen

und die notwendigsten Regulierungen vornehmen können.

Jetzt verlegt der Strom sein Bett andauernd, wenn auch die Verschiebung

der Sinkstoffe, das Wandern der Sandbänke nach ganz bestimmten Gesetzen

vor sich geht.

Auf der langen Linie, in der der Rufiyi das niedrige Land durchströmt,

wiederholt sich unausgesetzt dieselbe Erscheinung: das strömende Wasser

stößt sich an einer Biegung, reißt Erde los und führt sie mit sich fort.

Die leichteren Stoffe bleiben im Wasser und sinken erst ganz an der

Mündung, wo der Fluß sich in hundert Armen zu einem Delta verbreitet

und deshalb langsamer strömt; die schweren Stoffe setzen sich nach

kurzer Zeit ab, häufen sich und bilden ein neues Hindernis, eine hohe

Sandbank, an der sich der Fluß stößt und die er umgeht. Der Strom läuft

deshalb in ununterbrochener Schlangenlinie.

Sehen wir uns den Strom an irgendeiner Stelle an: jetzt haben wir

rechts das tiefe, schnellfließende Wasser an steilem Ufer, dessen

Profil graue Tonschichten und rote, eisenhaltige Erde zeigt. Oben

auf der Höhe steht hohes Schilfgras; eine Maispflanzung und große

Bananenstauden werden bald herabstürzen. Links ist eine Sandbank und

dahinter das höhere, alte Ufer, an dem der Strom aber nur in der

Regenzeit entlangfließt.

Vierhundert Meter weiter unten bekommt der Strom eine ganz schwache

Ablenkung nach links; da haben sich Sinkstoffe abgesetzt und bilden

unter dem hohen Ufer neues Land. Der Strom stößt sich hier bald und

nimmt seine Richtung auf die hohe, alte Sandbank am linken Ufer, die

ein Erzeugnis der Hochwasserzeit ist, unterwühlt sie und trägt ihre

Körnchen mit sich bis zu dem nächsten alten Ufer derselben Seite, setzt

sie bald wieder ab, stößt sich und wendet sich ärgerlich wieder dem

rechten Ufer zu; aber dort beginnt dieselbe Enttäuschung!

Dem Talent freie Bahn! seufzt er; zerstört, wo er seine Kraft

hinwendet, wird schnell dessen, was er den Ufern nimmt, überdrüssig,

läßt es fallen und wird zuletzt ganz flach und breit, wo er das Meer

gewinnt.

Mehrmals führt ihn sein Lebensweg auch noch im Tiefland an echte, alte

Berge hinan, die aus dem Alluvialboden herausragen.

Dann wäscht er Steine hervor -- eine Jugenderinnerung.

Das ist der Fluß, dessen Unterlauf jetzt schon hundertachtzig Kilometer

ins Land hinein schiffbar ist. Seine zerstörende Macht wird bald

gebändigt werden und das Wasser wird genutzt werden, um Baumwollfelder

zu berieseln. Es scheint sich nämlich schon herauszustellen, daß

künstliche Bewässerung für Baumwolle in Ostafrika unentbehrlich ist.

[Illustration: Ein Leopard tötete einen Mann und wurde bei der Leiche

erlegt.]

Man spricht ferner davon, die Berge oberhalb der Landschaft Kibambawe

und die oben beschriebenen Schnellen durch eine Bahn zu umgehen, um

die große, fruchtbare Mangaebene und ihre schiffbaren Ströme mit dem

unteren Rufiyi zu verbinden.

[Sidenote: Stauwehr; Viehzucht.]

Ja, es wird nur eine Frage der Zeit sein, ob an den Schnellen ein

großes Stauwehr gebaut wird, damit die ungeheuren Wassermassen, die

sich in der Regenzeit durch das enge Tor wälzen, für das weite,

trockene Gebiet südlich des Rufiyi nutzbar gemacht werden. Das im

vorigen Kapitel gezeigte Profil des Flußbettes scheint dazu einzuladen,

von beiden Seiten auf dem festen Steinfundament an die tiefe Rinne

hinanzubauen, um zuletzt die Rinne selbst (als Freiwasser) zu

überbrücken.

Aber das sind Pläne, die der Zukunft gehören und deren Ausführung viel

Geld kostet.

Sicher ist, daß man sich nicht mit dem Kulturland am Strom begnügen,

sondern durch künstliche Bewässerung größere Landteile nutzbar machen

wird.

Daß Viehzucht in einzelnen Gebieten möglich ist, beweisen die Herden

der Kommune Mohorro und des wirtschaftlichen Komitees. Neben den

Äckern wächst außerdem Schilfgras in großen Mengen und kann zu Kompost

genommen werden.

Die Fruchtfolge ist nach den neuesten Versuchen am günstigsten, wenn

jedes Feld zweimal Baumwolle trägt; im zweiten Jahre aber schon gedüngt

wird. Im dritten Jahre wird Mais und Klee gesät, im vierten Jahre steht

der Klee noch als Viehfutter. Im fünften folgt wieder Baumwolle. Also

eine Vierfelderwirtschaft.[54]

* * * * *

[Sidenote: Kaisers Geburtstag. Notizen.]

Wenn ich diesmal nicht selbst den Kalender gewußt hätte, wäre mir

Kaisers Geburtstag doch nicht entgangen, denn als ich am 26. Januar

eine Patrouille auf zwei Tage wegsandte, fragten die Askari, ob

nicht ein Tag genüge, morgen sei ja Festtag (_sikur kun ya bana

Kaiser_). An dem Tage bekommt jeder Askari eine Rupie extra.

Auch die Plantagenarbeiter mußten mitfeiern. Am Tage wurden Wettspiele

gemacht und die ganze Nacht hindurch unausgesetzt die große Trommel

geschlagen.

Feuer brannten, und in gleichmäßigen Pausen wiederholte sich der

Chorgesang der Tänzer und Tänzerinnen.

* * * * *

Die Neger einiger in der Nähe liegender Dörfer waren auf Büffeljagd

ausgegangen.

Der Gedanke, eine solche Jagd mitzumachen, war für mich sehr

verlockend; leider konnte ich es nicht und ließ mir nur erzählen, wie

die Eingeborenen die Büffel jagen.

Die Büffel stehen in der Trockenzeit, wenn das Gras der Ebene hart

und dürr wird, gern an kleinen Seen und Bächen im Busch; sobald aber

der erste Regen das junge Gras hervorlockt, ziehen sie sich in die

Niederungen.

Dann kommt es oft vor, daß nach großen Regengüssen weite Gebiete vom

Strom überschwemmt werden und die Büffel plötzlich, von Wasser rings

umgeben, auf einer Insel gefangen sind.

Dorthin gehen die Eingeborenen und verleiden den Tieren den Aufenthalt,

bis sie das trennende Wasser durchschwimmen.

Sofort sind die Neger mit Einbäumen hinter ihnen und verfolgen

die Tiere, die im Wasser ungeschickt sind, mit Speerwürfen und

Pfeilschüssen.

Vor allem junge Tiere fallen ihnen dabei zum Opfer.

Die Regierung schützt die Büffel, und es war den Eingeborenen nicht

erlaubt, Büffel zu jagen; in der Zeit der Hungersnot aber mußte man ein

Auge zudrücken. Die Erhaltung der Menschen war wichtiger als Wildschutz.

* * * * *

Unser letzter Esel ging ein. Es ist schrecklich, wenn man nicht helfen

kann. Tsetsekrankheit natürlich, denn wir sind ja mehrmals in Gegenden

gekommen, wo die Fliege gesehen wurde, die die kleinen tierischen

Parasiten überträgt.

Die Tsetsekrankheit und das Texasfieber sind die großen Hindernisse,

die der Viehzucht und dem Transportwesen entgegenstehen.

Welch verlockende Kulturaufgaben, diese Feinde zu bekämpfen!

Wunderbar ist es, daß bei all den großen Krankheiten ein Insekt die

abscheuliche Aufgabe übernommen hat, die kleinen Parasiten dem Blut der

Säugetiere einzuimpfen. Und immer nur ein ganz bestimmtes Insekt!

Mit einer gewissen Ehrfurcht muß man sie ansehen: die Anopheles, die

kleine Mücke, deren Weibchen als Überträger des Malariaparasiten bisher

das tropische Afrika gesperrt hat; die _Glossina morsitans_,

die die Haustiere des Menschen haßt, und deren Schwester -- durch

die Schlafkrankheit -- Zentralafrika entvölkert, in der Zeit, wo die

Kulturmenschheit die Hände nach dem volkreichen Uganda ausstreckt,

um Arbeiter zu suchen; und endlich die träge, dickleibige Zecke, den

Boophilus, der auf den Weideplätzen auf die Rinder wartet, um ihnen

Blut zu nehmen und das Texasfieber zu geben.

* * * * *

Die Kunst, Leder herzustellen, habe ich mir übrigens leichter

gedacht, als sie ist. In der Trockenzeit hat sich alles bewährt; die

Kistendeckel aus Antilopenfell, die Tasche für den photographischen

Apparat, die Hausschuhe aus Wasserbockfell und die Fellteppiche; jetzt

fängt es an zu stinken. Und ich habe nun alle die mir unentbehrlich

gewordenen Gegenstände in Alaun und Salz gepackt.

Die Neger hier können kein Leder bearbeiten. Hätte ich einen Neger von

der Westküste hier!

Wie lange habe ich probieren müssen, um mir nur haltbare Schuhbänder zu

schneiden! Endlich konnte ich es: Buschbockfell in ganz feine Streifen

geschnitten, gut gesalzen und gegerbt.

* * * * *

Briefe! Der Ombascha Chuma gibt mit ein ‚Barua‘, das ein Bote aus

Mohorro mitgebracht hat. Ich soll es ihm vorlesen.

Von Askari Kisusa, der verwundet im Hospital liegt. Inhalt: „Grüße an

Abdallah, der noch eine Rupie von mir bekommt; und ich will von Sefu

zwei Rupie; und die Bibi des Mzee schuldet mir noch 18 Pesa für Reis.“

Dann folgen Grüße an alle, die dem Kranken einfielen.

Deshalb läßt der Ombascha die Askari antreten, nimmt den Zettel und

sagt: „Es ist ein Brief von Kisusa gekommen, er schreibt: Grüße an...“

Jetzt nennt er, vom rechten Flügel anfangend, die Namen einzeln und

sieht zwischendurch immer wieder auf den Zettel, als ob er lesen könne.

Dann sagt er: „Weg-treti.“

Ich diktierte Briefe an Jumben, die nur arabische Schrift lesen

konnten, und ließ mir das Diktierte nachher vorlesen. Dabei kam heraus,

daß diese Schreiben einen ganz besonderen Stil hatten. Das Hauptmerkmal

war, daß alles mehrmals wiederholt wurde. Aber auch Ausdrücke kamen

vor, die besonders auffielen. „Du sollst gut aufpassen,“ hieß: „sieh

mit beiden Augen.“

* * * * *

Als Hohlmaß für Getreide haben die Neger den Pischi (zu vier Kibaba).

Sie stellen das Maß hin und füllen soviel hinein und darauf, als nicht

über die Ränder hinunterläuft. Als ich fragte, weshalb sie nicht glatt

abstrichen, sagten sie, der Bezirksamtmann hätte das so erlaubt; früher

habe man noch ganz anders gemessen: da habe man beide Arme um den Rand

gehalten.

So sind sie: sie wollen mit dem Bewußtsein vom Markte gehen, für ihr

Geld etwas mehr bekommen zu haben, als ihnen zustände; ja, sie hassen,

glaube ich, instinktiv das eherne Gesetz, das sich brüstet, gerecht zu

sein, wenn es gleichmäßig ist.

Mit ihrer Arbeit ist es ähnlich. Sie arbeiten gut, wenn ich anerkenne,

was meinem ganzen Wesen noch fremd ist: daß es nicht nur eine Pflicht

gibt zu arbeiten, sondern auch eine zu faulenzen.

„Sechs Tage sollst du arbeiten und jeden Morgen auf die Minute

anfangen.“

Wo?

Vielleicht in einem härteren Klima, wo der Boden nicht so willig

hergibt, was Menschenhand ihm abringt; hier gibt es andere Gesetze!

* * * * *

[Sidenote: Leopardenjagd.]

Als ich glaubte, wieder marschfähig zu sein, setzte ich die Reise von

Panganya nach Mtanza fort, mußte mich aber den letzten Teil des Weges

auf einer Kitanda (Bettstelle) tragen lassen, weil die Wunden sich

wieder aufscheuerten. Bei der Auswahl der Bettstelle machte ich die

Entdeckung, daß an den Stellen, wo die harten Baststricke, mit denen

das Gestell bespannt ist, sich kreuzen, oft Läuse wohnen!

Ich war kaum im Lager angekommen, hatte gebadet und meine schmerzenden

Füße verbunden, als ein Mann gelaufen kam und sagte, sein Bruder sei

von einem Leoparden getötet worden. Der Leopard sei noch bei dem Toten!

Es war auf dem Nordufer; ich nahm mein Gewehr und Patronen, humpelte

zum Boot, fuhr hinüber und ließ mich vorsichtig zu der Stelle führen.

Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika · 第 32 / 34 题