Meine Leute johlten in weiter Ferne; ich sah sie von den Bäumen steigen.
Es war zehn Uhr; die Kamera war unversehrt, und ein starker
Nashornbulle zur Strecke.
Ohne Grund nimmt kein Nashorn den Menschen an. Dies Tier war mit der
Nase tief auf dem Erdboden in seiner eigenen Fährte zurückgestürmt.
Daraus glaube ich, sein Verhalten erklären zu können: es hat den
Störenfried, den es dreimal schon vermutet hatte, vertreiben wollen.
Ich hatte den Eindruck, daß das Nashorn, auch wenn ich nicht geschossen
hätte, schnurgerade an mir vorbeigestürmt wäre und mir kein Leids getan
hätte.
Bis zum Mittag kamen fast alle meine Leute.
Das Nashorn wurde in viele Fleisch- und Felllasten zerlegt.
Am Nachmittage ging ich zu meinem großen Lager am Bergbache zurück und
erwartete ungeduldig den Abend, um die seltenen Aufnahmen entwickeln zu
können.
Am 9. September 1906, abends um acht Uhr, erschienen die Umrisse des
plumpen Tiers, das ich noch am Morgen desselben Tages lebend so dicht
vor mir hatte, auf der Platte. Ich ließ die Platten, als sie endlich
zum Trocknen auf dem Bett lagen, nicht aus den Augen und schrieb in
meiner Müdigkeit nur das Datum und die Uhrzeit in mein Tagebuch, als ob
dieser schöne Jagderfolg ein historischer Moment sei.
Um zwei Uhr in der Nacht packte ich die getrockneten Platten in den
Blechkoffer und ging zu Bett.
[34] Impallahantilopen.
[35] Hier mache ich für alle Fährtensucher die Bemerkung, daß dies
Pirschzeichen beim Nashornbullen anders ausfällt als bei
anderem männlichen Wild.
[36] Es ist anzunehmen, daß die Flucht der Zebras dem Nashorn eine
Warnung war; denn die Zebraherde ist vor mir flüchtig
geworden, und hätte sich um das Nashorn allein wahrscheinlich
gar nicht gekümmert.
Das Nashorn merkte also, daß die Zebras beunruhigt waren und
schlug deshalb eine andere Richtung ein.
[37] Die Wunde ist auf dem Bilde Seite 273 zu sehen.
[Illustration: Hohe Mangobäume stehen am Fluß; ihre dunklen Kronen
spiegeln sich in dem glatten Wasser. So hoch wie die Elefanten mit dem
Rüssel reichen können, sind die Äste der sonst bis zur Erde belaubten
Bäume herabgerissen. Die steilen Uferböschungen sind durch Schluchten
unterbrochen, in denen Flußpferde und Elefanten zum Wasser gehen.]
Am mittleren Rufiyi.
Doch wieder zurück in die Aufstandszeit!
Einen Monat blieb ich in der kleinen Befestigung am Flusse, ohne daß
die Aufständigen versuchten, mich anzugreifen oder nach Norden über den
Fluß zu gehen.
In den Matumbibergen, die südlich vom Rufiyi liegen, war inzwischen
ein Militärposten eingerichtet worden; mehrere Abteilungen der
Schutztruppe operierten im Kilwabezirk, der sich nach Süden an den
Mohorrobezirk anschließt. Nie kam es zu einer gemeinsamen Aktion, weil
die Nachrichten zwischen den Streitkräften zu spärlich waren und man
nicht wußte, ob man mit der Anwesenheit einer Truppe an irgend einem
Punkte bestimmt rechnen konnte. Nachrichten aus Westen sagten, daß auch
im Mahengebezirk Aufstand sei.
So war die Lage, als ich eines Tages den Befehl bekam, ich solle
die Boma in Mayenge einem Unteroffizier übergeben, zur Küste
zurückkehren und die Führung einer in Mohorro eintreffenden
Abteilung Marineinfanterie übernehmen. Hiermit schien meine Zeit
im Aufstandsgebiet beendet zu sein; ich nahm Abschied von den
Unteroffizieren und von dem Platze, der mir inzwischen so vertraut
geworden war, und fuhr in einem großen Boote stromab.
An vielen wohlbekannten Stellen kam ich vorbei, und war gegen Abend
bereits nahe bei dem Orte Ndundu, wohin ich die Matrosen und die Träger
mit den Zelten und der Kochlast vorausgesandt hatte. Da erschien auf
der Höhe eines Uferhanges in den Büschen ein Neger und hielt einen
Brief hoch; „barua“[38] rief er fast atemlos.
Das Boot suchte eine Landungsstelle; ich ergriff den Brief. Es war ein
Schreiben des Akiden von Kooni, desselben Arabers, dem ich schon oft
zuverlässige Meldungen zu danken hatte. Er schrieb, in der Landschaft
Mtanza seien die Aufständigen versammelt und bedrohten die Bewohner der
umliegenden Dörfer, die ihnen Lebensmittel geben müßten, obwohl sie
sich mir unterworfen hätten; sie seien ohne jeden Schutz, ich solle
doch schnell zur Hilfe kommen. Dazu schrieb der Unteroffizier aus
Mayenge, er bitte mich um Erlaubnis gegen das Lager der Aufständigen
vorzugehen, fühle sich aber eigentlich nicht stark genug, da der
Gegner, nach den Aussagen von Spähern, durch Wapoporo aus dem
Mahengebezirk verstärkt sei. Große Eile sei not; denn die Aufständigen
wollten wieder nach dem Nordufer hinübergehen, und noch nie seien die
Boten in solcher Aufregung zurückgekommen, wie diesmal.
Ich unterbrach die Weiterreise und schickte einen Eilboten nach
Mohorro, mit der Mitteilung, daß ich auf meinen Posten zurückkehren
müsse.
[Illustration: Ich folgte dem Nashorn auf den Fußspitzen, es nahm
Schlingpflanzen vom Erdboden auf.]
[Illustration: Flußufer in der Nähe von Panganya, dem guten
Baumwolland. Der Boden ist ungemein fruchtbar, und kann, wenn es nötig
sein sollte, künstlich bewässert werden.]
[Sidenote: Allein im Aufstand.]
Mein Boot sandte ich nach Ndundu weiter, um der Karawane den Befehl zu
bringen, mir sofort zu folgen. Ich selbst ging in Begleitung zweier
Neger auf dem Ufer denselben weiten Weg zurück, den ich am Tage so
bequem im Boote sitzend gekommen war.
Nach siebenstündigem Marsch in der Dunkelheit überfiel mich große
Müdigkeit und Hunger, und ich hielt in einer kleinen Ortschaft, um
die nachfolgende Karawane abzuwarten. Ich ließ ein großes Feuer
anzünden und legte mich daneben, um von den Mücken ungestört schlafen
zu können. Aber, gewohnt einen Askariposten in der Nacht im Lager zu
sehen, fühlte ich mich heute doch in einer gewissen Unsicherheit, hier
mitten im Aufstandsgebiet unter völlig fremden Negern allein; ich
schlief nicht, obwohl ich die Augen schloß. Zwei Stunden nach meinem
Eintreffen erschien der lange Sudanese Bachid Said; hinter ihm die
erwarteten Träger und bald darauf auch die drei Matrosen, die mir vom
Bussarddetachement noch geblieben waren. Um drei Uhr am Morgen legte
ich mich in mein Feldbett, um noch zwei Stunden zu schlafen. Als ich
erwachte, war es noch dunkel; starker Tau lag auf den Kissen und
tropfte vom Moskitonetz auf die Bettdecke. Um fünf Uhr wurde der Marsch
fortgesetzt.
Gegen Mittag erreichte ich die Boma.
Der Nachmittag und der Abend gingen hin, mit Fortschaffen der Vorräte
und Vorbereitungen für den Abmarsch. Ein großes Boot mit leeren
Munitionsgefäßen, Jagdtrophäen und anderen entbehrlichen Dingen wurde
stromab nach Ndundu geschickt; (als ich die Sachen später von den
Negern zurückforderte, fehlte nicht ein einziges Stück. Das scheint ein
gutes Zeugnis für die Ehrlichkeit dieser Neger zu sein). Noch bevor wir
aufbrachen, ging der Akide Melicki mit zwei Eingeborenen auf Kundschaft
und kam in der Nacht mit der Nachricht zurück, das Südufer werde von
Vorposten der Aufständigen bewacht.
Nachdem meine ermüdeten Begleiter ausgeruht hatten, wurde die Boma
gegen Mittag des folgenden Tages vollständig geräumt; dann setzte
die Expedition auf das Nordufer über und marschierte bis gegen Abend
in westlicher Richtung weiter. Zum Abendbrot ließ ich zwischen den
Mangobäumen von Kooni kurze Zeit halten und dann auf dem hohen Ufer
weiter marschieren, bis wir gegen ein Uhr in der Nacht von den Führern
zum Fluß hinabgeführt wurden.
Die Stelle kannte ich noch nicht; so weit war ich bei dem ersten
Streifzug nicht gekommen. Wir durchquerten einen seichten Wasserarm und
gingen durch tiefen Sand bis zu einer Düne, an deren Abhang das dunkle
Wasser des Flusses entlangfloß.
Plätze wie diese sind für ein Lager sehr günstig; wir lagerten wie
auf einer Insel, und ein einziger Posten konnte die breite, helle
Sandfläche übersehen, die uns vom Walde trennte.
Die Feldbetten wurden aufgestellt, wir aßen ein Stück Brot und
schliefen bis gegen drei Uhr am Morgen; dann wurden wir Europäer als
die letzten über den Fluß auf das feindliche Ufer übergesetzt.
Die Führer versicherten mir, wir hätten Zeit genug, um noch vor
Tagesanbruch das Lager der Aufständigen zu erreichen.
Ich schärfte allen auf das strengste ein, sich still zu verhalten,
ging selbst, wie gewöhnlich, an der Spitze und beobachtete die Führer
genau, weil ihnen nie ganz zu trauen war.
[Sidenote: Ein mißglückter Überfall.]
Um auf keinen Fall bemerkt zu werden, verließ ich sofort den
ausgetretenen Weg; wir gingen im Gänsemarsch durch Schilf, über freie
Sandflächen, auf denen sich Flußpferde jagten, und durch abgeerntete
Matamafelder.
Unter einem großen Baume brannte ein Feuer; wir gingen auf fünfzig
Schritt daran vorbei. Ein Mann erhob sich, nahm ein großes, brennendes
Holzscheit, hielt es über den Kopf und sah scharf nach uns herüber.
Wir blieben einige Minuten stehen; in der langen Linie der sechzig
Menschen hörte man nicht das leiseste Geräusch. Dann gingen wir
weiter. Die toten Matamastengel krachten unter unseren Füßen, doch
der leuchtende Wächter blieb mit seiner Fackel stehen; er mochte das
Geräusch Flußpferden zuschreiben, wenngleich er noch immer zweifelnd
und angestrengt herüber starrte.
Plötzlich stieß mein Fuß an einen weichen Gegenstand; es war ein mit
Kafferkorn gefüllter Sack. Ich fürchtete, daß ein Mann uns bemerkt und
den Sack fortgeworfen habe.
Besorgt sah ich auch, als wir unaufhörlich weitermaschierten, nach dem
östlichen Himmel, der schon heller wurde; die Gräser vor uns traf das
erste schwache Licht. Ich drängte vorwärts; denn die Lagerfeuer waren
noch nicht zu sehen!
Aber die Eile nutzte nicht mehr; der Tag brach herein. Hinter
weiten, kahlen Sandflächen mit Schilfinseln standen in der Ferne die
Mangobäume, bei denen das Lager der Wapoporo sein sollte.
Jetzt merkte ich woran ich war: die Führer hatten Angst gehabt, bei
Nacht in die Nähe der Aufständigen zu gehen und hatten uns, weil wir so
früh aufgebrochen waren, auf Umwege geführt. Mein Plan war vereitelt;
(ich hatte gehofft, die Lagerfeuer in der Dunkelheit zu finden und mich
in der Nähe verstecken zu können, um bei Tagesanbruch einen plötzlichen
Überfall auszuführen) trotzdem liefen wir weiter, kamen in ein Dorf und
auf einen Kreuzweg mit frischen Fußabdrücken im Staub.
Als wir dem Wege folgten, fielen aus dem hohen Schilf Schüsse.
Wir waren in einer ungünstigen und gefährlichen Stellung und liefen
vor, bis wir in freie Flächen kamen, die mit kniehohem, blaublühendem
Unkraut dicht bestanden waren.
Posten der Aufständigen stiegen von den Bäumen und eine Schar
Bewaffneter zog sich hinter einem Hügel in den Busch hinein. Kurz
darauf fanden wir das verlassene Lager. Über siebzig Bettstellen
standen auf einem Hügel; mehr als hundert Lagerfeuer brannten, und
Töpfe mit Essen standen darüber. Auch ein kleines Gehöft dicht bei dem
Feldlager zeigte Spuren, daß dort viele Menschen gehaust hatten.
Durch die Schuld der Führer war der Überfall mißglückt. Anders wäre
es wahrscheinlich gekommen, wenn ich eine Karte von der Gegend gehabt
hätte, aus der ich mir selbst eine Anschauung über die Entfernung hätte
bilden können, oder wenn der Akide bei mir gewesen wäre, dem ich mehr
trauen durfte als den feigen Negern.
So war eine gute Gelegenheit, den Aufständigen eine Schlappe
beizubringen, verpaßt worden.
[Sidenote: In dem verlassenen Lager.]
Hier, wie in den umliegenden Dörfern, fanden wir eine ganze Anzahl
kleiner Vorratshäuser, die erst in diesem Jahre gebaut zu sein
schienen, und mit Matamaähren und anderen Kornfrüchten vollgestopft
waren. Nach meiner Schätzung waren in dem verlassenen Lager allein 170
Tons Getreide zusammengeschleppt.
Wahrscheinlich hatten die Aufständigen eine gewisse Freude daran
gehabt, mit ihren großen Flinten in die Dörfer der Umgegend zu gehen
und die Eingeborenen zu zwingen, ihre Ernte zu dem Kriegslager
hinzuschaffen. Viele Kürbisse lagen in einer Hütte.
Große Tontöpfe mit „Pombe“[39], standen dort und ließen auf das Leben
der Krieger schließen; Reste von Hühnern und Tauben zeigten, daß die
Räuber es auch an „_kitǒḗo_“, an der nötigen Zukost, nicht
hatten fehlen lassen.
Vielleicht aber wurde den einst so tapferen das Wohlleben verderblich.
Der kriegerische Geist wenigstens schien ihnen etwas abhanden gekommen
zu sein; denn sie flohen allzu schnell, als wir ihnen nahe kamen.
Den Tag über blieb ich in dem Lager der Aufständigen und erwartete die
Trägerkarawane mit den Proviantlasten.
Nach den Anstrengungen der Nacht waren wir müde und hungrig; ich
aß geröstete Maiskörner und schlief einige Stunden auf einer
Negerbettstelle im Schatten eines Palmblattdaches.
[Illustration: Negerdorf am mittleren Rufiyi. Hütten mit schattigen
Vorhallen; Mangobäume und Zuckerrohr. Die Wege auf dem humosen
Alluvialboden sind in der Trockenzeit hart wie eine Tenne.]
Patrouillen steckten in der Umgegend die Hütten in Brand und brachten
neue Vorräte an Getreide.
Von Zeit zu Zeit erschienen in der Ferne Aufständige, um zu
kundschaften, und gingen in weitem Bogen um uns herum, bis sie einige
Geschosse fliegen hörten und das Weite suchten; der Verlust der großen
Vorräte schien ihnen sehr schmerzlich zu sein.
Gegen Abend ließ ich als Zeichen für die Karawane ein großes Haus
anstecken. Außerdem saßen zwei Neger hoch oben in einem Baum und sahen
vergeblich nach den Trägern aus.
Als die Flammen und der Rauch in die Baumkrone hineinwehten, ließen
sich die beiden Ausguckposten zur Freude aller Zuschauer wie reife
Früchte durch die Zweige hindurch zur Erde fallen.
Das brennende Haus bot einen wunderschönen Anblick; die roten und
gelben Flammen ergriffen das trockne Strohdach; glühende Reste stürzten
in das dunkle Innere. Dann brannten die Dachsparren und Pfeiler und
brachen der Reihe nach zusammen.
Statt der Karawane erschienen von neuem Aufständige und sandten uns aus
ihren Vorderladern einige heiße Eisenkugeln herüber.
Inzwischen war ringsum das trockene Gras in Brand geraten und eine
feurige Linie kroch weiter und weiter in den Busch hinein. Vor dem
Feuer sahen wir deutlich die Gestalten von Aufständigen und konnten
trotz der späten Stunde ziemlich sichere Schüsse abgeben.
Wir hatten uns bereits aus Matten und Türen Lagerstellen für die Nacht
gebaut und einen Windschutz errichtet, als die Trägerkolonne endlich
ankam. (Erst um vier Uhr am Nachmittag hatte sie den Befehl bekommen,
nachzufolgen; die am Morgen entsandten Boten gestanden ein, aus Furcht
nicht gegangen zu sein.)
Jetzt hatten wir Abendbrot, Zelte und Betten; Hunger, Durst und
Müdigkeit waren bald vergessen.
[Sidenote: Schutz der Landschaft Mtanza.]
Am nächsten Morgen führte der Akide, der inzwischen eingetroffen war,
die Expedition durch weite, fruchtbare Flächen nach dem Hauptdorfe
der Landschaft Mtanza. Das Dorf wurde, wie die meisten Ortschaften
der Gegend, einfach nach dem Dorfschulzen benannt: „_Kwa Jumbe
Mgonza_“. (Beim Jumben Gonsa) oder kurz: „_Jumbe Mgonza_“,
womit der Ort gemeint ist, dessen Oberhaupt der Jumbe ist.
Von jetzt an war Mtanza mein Hauptquartier. Etwa hundert Meter vom Ufer
des breiten Stromes entfernt, schlug ich unter einem großen Baume
die Zelte auf, ohne zu wissen, daß ich mich auf vier Monate hätte
einrichten können.
Der Platz entsprach den Anforderungen, die ich bei der augenblicklichen
Lage stellen mußte. Rundum wohnte eine zahlreiche Bevölkerung, deren
Unterstützung ich brauchte, um meine Expedition zu verpflegen und die
Ansiedelung der Aufständigen zu fördern; die Bewohner von Mtanza waren
Mitte August durch die nach dem Norden vordringenden Aufständigen mit
in die Aufstandsbewegung hineingezogen worden und hatten bei Kipo, wie
sie selbst eingestanden, die größten Verluste erlitten, da sie damals
als Ortskundige an der Spitze der Aufständigen gingen. Nun trieben sie
weiter die Politik, die ihnen als Grundbesitzern die beste schien: sich
dem Stärkeren anzuschließen.
Auf einem Ritt durch die nahen Dörfer überzeugte ich mich mit
Befriedigung, daß hier noch Hab und Gut zu schützen sei; große Vorräte
von Getreide lagen in den Häusern. Ich war erstaunt über die Ausdehnung
der Schamben und konnte an den zahlreichen, starken Strunken auf den
abgeernteten Feldern sehen, wie reich die Ernte gewesen sein mußte.
Weiber und Kinder waren nicht in den Dörfern, und als ich gegen Abend
zurückritt, waren auch die Männer verschwunden; endlos erschien mir
die Reihe der einförmigen Lehmhütten, aus denen kein Laut kam und kein
Feuerschein herausfiel.
Hinter den Häusern floß der Strom, in dem Flußpferde laut brüllten.
Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe auf das Nordufer, um zu
sehen, wo die Flüchtlinge hausten. Ich fand einen kleinen, malerisch
von hohem Wald umgebenen See. Im hellen Sonnenschein ruhten Flußpferde;
Krokodile entfernten sich von den Ufern und zeigten dann ihre Köpfe in
der Mitte der Wasserfläche. Die Verstecke der Eingeborenen lagen in
dichtem Gebüsch, schwer zugänglich und durch Dornen geschützt. Viele
Flüchtlinge kampierten auf einer Insel, die vom Wasser des Stromes
umspült wurde. In der verflossenen Nacht war dorthin ein Krokodil
gekommen und hatte ein kleines Kind geraubt. (Die Neger hatten aus
Furcht vor den Aufständigen keine Lagerfeuer gebrannt.) In kleinen
Gruppen saßen die Frauen um die Feuer herum. Alles Hausgerät stand
dabei; jede Familie hatte Körbe mit Mehl, Matten, geflochtene Teller,
Löffel und anderes Holzgerät, das im Negerhaushalt gebraucht wird. Mein
Erscheinen im Lager der Flüchtlinge erregte etwas Verlegenheit, wie
unverkennbar auf allen Gesichtern zu lesen war.
Der Ombascha Chuma nahm eine militärische Haltung an und sagte im
Hinblick auf die Leute: „Sie haben bei Kipo gegen uns gekämpft.“
„Du meinst, deshalb fürchten sie uns?“
„Nein, vielleicht sind sie noch feindlich.“
Er sagte das als Mahnung zur Vorsicht und weil er hoffte, ich würde die
Neger jetzt noch bestrafen; dafür sind die Askari immer.
Ich half einem kleinen Bengel das Mäulchen voll Matamabrei stopfen und
sagte dazu scherzhaft: „iß nur tüchtig, damit du stark wirst und später
die große Flinte halten kannst, wenn ihr wieder Aufstand machen wollt“.
Da lachten die Erwachsenen und wurden zutraulicher.
Mehrere Boote begleiteten mich auf das Südufer zurück; die Männer
kamen zu meinem Zelt und baten mich, in Mtanza zu bleiben und sie zu
schützen. Ich versprach, eine Boma anzulegen, wenn alle in ihre Häuser
zurückkehrten, die Äcker bestellten, mir täglich Lebensmittel zum Kauf
anboten, und auch Boten- und Trägerdienste zu den in Friedenszeiten
üblichen Löhnen übernehmen wollten. Zu alledem waren diese Vertreter
der Landschaft gerne bereit.
Als ich in der Frühe des nächsten Tages am Ufer badete, standen die
Menschen am Fluß, packten ein und aus, und riefen nach Booten.
[Illustration: Unterworfene Neger arbeiten auf einer Baumwollpflanzung,
um während der Hungersnot Brot zu verdienen.]
Der Wald hatte viele beherbergt: Mütter mit kleinen verängstigten
Kindern an der Hand und Säuglingen auf dem Rücken. Ich sah die Einbäume
hin- und herfahren und wurde nicht müde, den Leuten zuzusehen; lag doch
in dem Zutrauen dieser Menschen für mich ein Erfolg: mit Hilfe dieser
Neger, die den Wert ihrer Ländereien zu kennen schienen, hoffte ich
den Rufiyi bis zu den Panganischnellen hinauf in die Hand zu bekommen.
Das ist mir nicht vollständig gelungen; ich scheiterte an der Roheit
der Wapogoro, die sich als ganz scheue, hinterlistige Buschbewohner
entpuppten; aber die Aufständigen sind wenigstens nicht mehr nach
Norden über den Rufiyi gegangen.
[Illustration: Am Flusse saßen auf einem umgekehrten Einbaum vier
Askarifrauen und warteten auf ihre Männer, die auf dem anderen Ufer
patrouillierten.]
[Sidenote: Friedensarbeit.]
Wochenlang hielt mich friedliche Tätigkeit in Mtanza; rund herum
bauten die Askari kleine Hütten, und ich erlaubte ihnen, ihre Weiber
heraufkommen zu lassen, weil ich das friedliche Leben in dem Orte
betonen wollte; ich gab mir den Eingeborenen gegenüber den Anschein,
als ob ich den Aufstand für beendet hielte. Die Zeit, die ich im Lager
in Mtanza zubrachte, war für mich sehr wertvoll; ich habe dort einen
Einblick in das Tun und Treiben der Schwarzen gehabt. Was nun kam, war
Friedensarbeit, die nur selten durch kleine, aber anregende Streifzüge
nach Lederstrumpfart unterbrochen wurde.
Meine Befehle erlaubten mir nicht, große Kriegszüge zu machen. Dazu war
ich auch zu schwach; denn die Linie, die ich mit drei Unteroffizieren,
zwei Matrosen und sechsundzwanzig Askari bewachen sollte, war 180
_km_ lang. -- Die Mündung des Rufiyi wurde durch die Seesoldaten
in Mohorro gesichert; den Posten zwischen Mtanza und Mohorro mußte ich
zeitweilig besetzen; von Mtanza aus war es mir möglich, mit dem Strom
in einer Nacht 80 _km_ zurückzulegen, so daß ich die obere Hälfte
der gefährdeten Linie selbst schützen konnte. -- Nur dadurch, daß ich
über große Strecken hin, friedliche Ansiedelungen ins Leben rief,
konnte ich mit meiner kleinen Streitmacht die Aufgabe erfüllen.
Die Rebellen standen immer noch unter dem Eindruck der Verluste, die
sie zu Beginn des Aufstandes erlitten hatten, und überschätzten meine
Macht. Schnell sprach es sich außerdem bei den Negern herum, daß ich
jedem Schutz gewährte, der sich unterwarf.
Es galt, möglichst bald den alten Einfluß der Regierung wieder
herzustellen; um in ihrem Sinne wirken zu können, unterhielt ich
deshalb Fühlung mit dem Bezirksamt und bemühte mich, über alle Vorgänge
auf beiden Ufern des Stromes Klarheit zu bekommen.
Ich fand Eingeborene, die eine Art von Polizeidienst übernahmen und
bezahlte sie dafür. (Meine Askari mochte ich zu solchen Aufträgen nicht
verwenden; denn sie waren weniger ortskundig, wurden leicht erkannt und
dann von vornherein mit Mißtrauen angesehen.) Alle Neger, die das Dorf
passierten, ließ ich mir von den Polizisten vorführen. Es waren nicht
allzuviele; denn der Verkehr vom Kissakkibezirk war gering und ging zum
großen Teil auf dem Nordufer entlang, wo nicht alle Waldwege bewacht
werden konnten.
[Sidenote: Die Postboten.]
Meine Boten brauchten nach Mohorro vier Tage und bekamen für den Weg
1,30 Mk. Ich sah einmal an dem Datum von Telegrammen, daß ein Bote fünf
Tage gegangen war anstatt vier; er gebrauchte die Entschuldigung, er
habe einmal stundenlang nach einem Boot rufen müssen, um über den Fluß
zu setzen. Das durfte ich ihm glauben; denn ich hatte selbst schon
Gelegenheit gehabt, beides zu bewundern: die Ausdauer eines Mannes,
der übersetzen wollte und nach einem Boot rief und die Dickfelligkeit
eines anderen, der am jenseitigen Ufer bei seinem Einbaum hocken blieb.
Die Boten bekamen allerlei Nebenaufträge der Askari, und ein oder der
andere kleine Soldatenboy begleitete sie. Hierbei liefen klassische
Beispiele von unpraktischem Sinn und Dickköpfigkeit unter.
[Illustration: Frauen der Askari beim Frisieren. Die ‚_bibi_‘
am weitesten links hat Ziernarben auf dem rechten Arm. Ganz rechts
sitzt eine Msukuma mit kurz geschorenem Haar. In der Hütte hockt ein
Askariboy am Kochfeuer. Man beachte die Stellung der Füße!]
Askari Fataki schickte seiner Bibi ein Tuch mit vier Pishi Reis nach
Mohorro; zugleich erhielt der Bote vom Askari Mursat Geld, um vier
Pishi Reis in Mohorro zu kaufen und nach Mtanza zu bringen. Beide
Aufträge mußten pünktlich ausgeführt werden; der Bote schleppte vier
Pishi hinunter und brachte vier andere zurück. Vergeblich versuchte
ich, dem Negerhirn einzureden, daß das Resultat dasselbe sei, wenn
Fataki dem Mursat seine vier Pishi Reis verkaufe und seiner Gattin das
Geld schicke; Fataki glaubt, sein Reis sei besser als der, den seine
Bibi in Mohorro bekomme, und Mursat will durchaus Reis aus Mohorro
kaufen. Um diesem Eigensinn nachzukommen, muß der Bote zehn Pfund acht
Tage lang mit sich schleppen -- (die gleichen Dinge geschehen übrigens
in großem Maßstabe im Welthandel; dort sind es Prinzipienfragen,
vielleicht auch hier)!
Abends nach Eintritt der Dunkelheit gab ich einmal einem Manne den
Befehl, einen Brief nach Mohorro zu bringen. „Soll ich etwa allein
gehen? es ist Nacht, da müssen zwei gehen!“ ~Müssen~, denn einer
allein fürchtet sich; gehen zwei, so fühlt sich jeder durch den anderen
geschützt; keiner sperrt die Augen auf, und dann laufen sie einfach los.
Wenn ein Bote ankommt -- er trägt den Brief meist in einem gespaltenen
Stock eingeklemmt und hält ihn hoch, damit er nicht gegen Büsche
streift oder sonst wo Schaden leidet -- so folgen ihm wohl ein Dutzend
Bengels.
Die Ankunft eines „Barua“ ist für die Schwarzen ein Ereignis; mit
dummdreisten Mienen bleiben sie in geziemender Entfernung stehen und
beobachten die Wirkung der Nachrichten auf den Leser. Auch versuchen
sie, Lohn dafür zu erhalten, daß sie den Boten begleitet haben.
Übrigens war die Ankunft eines Briefes und die Ansammlung von Zuhörern
stets eine gute Gelegenheit, Gerüchte unter das Volk zu bringen. Ich
nutzte das gründlich aus; wenn die Aufständigen von den anderen Truppen
so oft Prügel gekriegt hätten, wie ich es verkündete, wären sie wohl
beinahe ausgerottet!
Die Mittel, mit denen Frieden gestiftet wurde, waren eben
mannigfaltiger Art.
In Mtanza hatte ich auch Gelegenheit, das Eheleben der Schwarzen kennen
zu lernen.
[Sidenote: Die Frauen der Askari.]
Jeder Askari darf sich nur eine Frau halten. Die für die Wahl einer
Lebensgefährtin maßgebenden Gründe sind merkwürdig. Für äußere
Schönheit kommen unter anderm vor allem große Ohren in Betracht. Die
Ohrmuscheln werden in der Jugend durchlöchert und die Löcher allmählich
erweitert, bis drei möglichst große, aus Papier gerollte Pflöcke darin
Platz haben.
Im übrigen muß sich das Weib, um dem Manne zu gefallen, gut kleiden
und frisieren können, darf recht viel Zeit dazu verwenden, muß aber
auch für das Essen sorgen; und dazu vor allen Dingen ist Sauberkeit
und Sorgfalt notwendig. (Die gewöhnlichen Arbeiten verrichtet der
Askariboy, der für sich wieder einen neuen, sehenswerten Teil des
Lagerlebens bildet.)
[Illustration: Poshoausgabe.
Sanitätsunteroffizier Lauer verteilt Getreide an die Askari, die
zum Teil in bequemen, häuslichen Kleidern (Baumwolltuch und Hemd)
einhergehen. Bei einem Askari erkennt man Flicken, die sorgfältig
auf das sehr wenig haltbare Khakizeug aufgenäht sind. Zerrissen oder
schmutzige Kleider sind diesen Negern zuwider. Sobald sie von Märschen
ins Lager kommen, ziehen sie sich um und beginnen zu waschen und zu
nähen.]
Mit großer Leichtigkeit werden Ehen geschlossen und aufgelöst. Die
Folge davon ist, daß man von den Schwarzen meist den Eindruck hat als
ob sie in glücklicher Ehe lebten. Sobald das Verhältnis der Gatten
nämlich unerträglich wird, gehen sie auseinander.
Dies gilt nur von den freien Suaheliweibern. Dauernder ist die
Verbindung wohl, wenn für die Frau eine Kaufsumme gezahlt wurde. (Am
Rufiyi zahlte der Mann etwa dreißig Rupie.) Hat die Frau ein Kind,
so ist sie mehr wert; denn das Kind kann, wie mir ein Vertrauensmann
sagte, später die kleineren Kinder beaufsichtigen, wenn die Mama auf
dem Felde arbeitet.
[Sidenote: Der Askariboy; Hausbau.]
Anforderungen besonderer Art werden an den Askariboy gestellt. Seine
Haupttugend ist eine große Begeisterung für den Soldatenberuf, die
ihren Grund hat in Abneigung gegen das stille Leben im Heimatdorf.
Abenteuerlust und Anspruchslosigkeit und die allen Negern gemeinsame
Abneigung gegen regelmäßige Arbeit zeichnet ihn aus. Er bekommt zu
essen, was übrig bleibt, hat aber im Kriege manchmal Gelegenheit,
recht viel auf die Seite zu bringen. Er bekommt gelegentlich ein
Kleidungsstück geschenkt; doch wenn der Tag da ist, an dem er seinen
Lohn fordert, wird ihm als Antwort: „Du hast mir einen Teller
zerbrochen, hast jeden Tag viel zu viel gegessen und deine Arbeit war
miserabel -- ich kann dir keinen Lohn geben!“ Dann sitzt der kleine
Kerl noch einen halben Tag in niedergeschlagener Stimmung im Lager und
-- sucht sich einen anderen Dienst.
Als mehrere Wochen verflossen waren, ohne daß kriegerische
Unternehmungen stattfanden, schickte ich die letzten drei Matrosen,
die ich bis dahin noch mit mir hatte, zur Küste, weil ich sie nicht
unnütz dem Fieber und anderen Krankheiten aussetzen wollte. Die Leute
hatten außerdem die Rückkehr an Bord sehr nötig; denn ihre Kleidung war
stark mitgenommen. Gleichzeitig sandte ich Sergeant Kühn nach Mayenge,
sodaß ich von jetzt an mit Sanitätsunteroffizier Lauer, dem Arzt meiner
Expedition, alleine war.
Da die Rücksicht auf die Europäer fortfiel, konnte ich jetzt viel
weitere Märsche machen als bisher. -- Die Askari sind sehr anspruchslos
und man braucht ihretwegen keine große Trägerkolonne mitzunehmen; sie
versehen nach anstrengendem Marsche den Wachdienst, gehen Patrouille,
beaufsichtigen die Träger, brauchen nur einmal am Tage zu essen (was
sie essen ist leicht mitzunehmen) und schlafen zu ebener Erde, ohne
Bett, Moskitonetz und Zeltdach. --
Unter den weitstehenden Ästen des großen Baumes, bei dem wir
unser Lager aufgeschlagen hatten, ließ ich ein Haus bauen. Ich war
überrascht, wie schnell ein Gebäude fertig wurde, das allen Ansprüchen
genügte.
Jeder Neger ist Baumeister und an Übung fehlt es ihm nicht, da er oft
gezwungen ist, neu zu bauen oder auszubessern, was Insekten, Hochwasser
oder Feuer zerstören.
[Illustration: Mein Haus stand neben einem großen Baum. Rundum bauten
sich die Askari und Träger Hütten.
(Die senkrechtstehenden Rohrstangen sind bis zu acht Meter lang.)]
Eines Tages trommelte der Jumbe das Dorf zusammen. Männer und Knaben
kamen und hörten den Befehl: „Ihr werdet jetzt dem Bana Kubwa[40] ein
Haus bauen, damit er bei uns bleibt.“
Ein Platz wurde abgesteckt; dann fuhren die Neger mit Beilen auf
das Nordufer und brachten aus dem Walde Pfähle und Balken und große
Pfeiler, die sich am Ende gabelten und deshalb geeignet waren, das
Dachgebälk zu tragen. Es wurden Löcher in die Erde gegraben, um die
Pfähle hineinzustellen. -- Bei dieser Arbeit lockert der Neger den
Boden mit einem kleinen Stück Holz und hebt die Erde mit der Hand
aus, so daß das Loch nicht größer wird, als es sein muß, um den
Pfahl aufzunehmen. -- Schon am zweiten Abend stand das Gerippe des
Hauses fertig da. Jetzt wurde vom Flusse starkes Rohr geholt und
die Dachsparren mit den beinahe armstarken, bis acht Meter langen
Stengeln belegt, die die Stelle von Bambusrohr vertraten. Bei dem
ganzen Bau wurde kein einziger Nagel oder Zapfen verwandt, sondern alle
Verbindungen durch Bastbänder hergestellt, die aus den Blattrippen
der Dumpalme geflochten waren. Die horizontal liegenden Balken ruhten
in gegabelten Pfeilern. Über die Rohrstengel der Dachbedeckung wurden
Blätter einer Fächerpalme gelegt und, ebenso einfach wie geschickt
befestigt, indem die Stiele durch einen Einschnitt angekerbt und
etwas aufgespalten wurden, so daß ein Haken entstand, der über den
Rohrstengel hinüberfaßte. In der Mitte des Hauses blieb eine große
Halle frei; auf der einen Seite waren meine Wohnräume, auf der anderen
die des Unteroffiziers.
Die Wände bestanden aus Fachwerk von Rohrbekleidung mit dazwischen
gestopfter, toniger Erde. Die Fensteröffnungen wurden durch Läden aus
Rohrstengeln geschlossen; Türen brauchten wir nicht.
Rund um das Haus entstanden die Hütten der Askari, die Küche mit
der Wohnung für die Boys, der Hühnerstall und ein Eselstall. Später
ließ ich um das ganze Lager Wall und Graben ziehen und einen hohen
Pallisadenzaun errichten, an dessen Eingang die Wache ein Schutzdach
erhielt.
[Sidenote: Am Strom.]
Bei Sonnenaufgang war ich jeden Morgen am Fluß, um zu baden. Ein
Schwimmbad durfte ich freilich nicht nehmen, weil die Krokodile
zahlreich waren; ich mußte mich darauf beschränken, mir einige Eimer
voll Wasser über den Kopf zu gießen, während ich am Ufer stand.
Die Morgenstunde am Strom war für mich stets ein großer Genuß. Es
war jedesmal gleich schön, zu sehen, wie der breite Fluß unter die
aufgehende Sonne floß. Über die glänzende Flut fuhren Einbäume mit
Negern, die im Walde des Nordufers Holz holen oder Honig suchen
wollten; aus den Hütten stieg blauer Rauch, der in den dürren Blättern
der Palmdächer entlangkroch. Tauben flogen von ihren Nachtquartieren
herüber in die Felder.
[Illustration: Askarifrauen kommen mit irdenen Töpfen vom Wasser in den
Pallisadenzaun der Boma. Manche sind schlank und schön gewachsen; um so
auffallender sind dann die langen Arme, die an Menschenaffen erinnern,
und die großen, breitgetretenen Füße.]
Als in den späteren Monaten die ersten Regenschauer gefallen waren und
die Feuchtigkeit der Luft zunahm, lagen morgens oft weiße Nebelmassen
über dem Strom. Oft auch schwirrte es über den Schilfinseln von
unzähligen Schwalben.
Pünktlich um sechs Uhr wurden die Askari geweckt. Dann gingen die
Frauen mit großen Töpfen zum Ufer und holten Wasser. Um acht Uhr begann
der Dienst, das Exerzieren und die Arbeiten an der Befestigung. Diese
Arbeit sollte eigentlich eine Strafe sein, aber die Neger wurden kaum
beaufsichtigt und stellten sich dennoch pünktlich zur Arbeit ein, weil
sie Essen dafür bekamen.
Zum Revierdienst, den Sanitätsunteroffizier Lauer gegen neun Uhr
abhielt, kamen immer mehr Eingeborene und verlangten „_dawa_“,
wobei sie auf den kranken Körperteil zeigten. Wunden waren bei ihnen
gut zu behandeln und heilten schnell. Bei inneren Krankheiten aber
konnten die Neger nicht verstehen, daß sie wiederkommen sollten; sie
ließen sich einmal Arznei geben und glaubten dann gesund zu sein. Die
Askari waren schon verständiger; sie kamen immer wieder, um Chinin zu
nehmen, wenn sie Fieber hatten.
Schlimm waren die Wunden von Pfeilschüssen. So kam ein Mann, dem die
Pfeilspitze mit abgebrochenem Schaft noch in einer häßlich aussehenden
Öffnung zwischen den Rippen steckte; die Spitze mit den Widerhaken
wurde herausgeschnitten, ohne daß der Neger ein Zeichen von Schmerz von
sich gab.
Mit Giftpfeilen getroffene Menschen starben, wenn das Gift frisch war,
in wenigen Stunden. Um die Wirkung des Pfeilgiftes zu erläutern wurde
mir erzählt, ein alter Jäger sei bis dicht an einen Löwen hinangegangen
und habe ihm einen Giftpfeil in die Seite geschossen; der Löwe, der
vorher noch nicht verwundet war, sei nach mehreren Schritten tot
umgefallen; das Gift hatte zufällig eine Ader getroffen, die nach dem
Herzen führte.
[Sidenote: Schlangen.]
Die Eingeborenen mischten das Pfeilgift aus dem Saft von bestimmten
Pflanzen und echtem Schlangengift.
Bißwunden von Schlangen habe ich nie gesehen.
Schlangen waren am Rufiyi nicht gerade häufig, wurden nur aber oft
gebracht, weil ich die Negerjungens, die mir halfen, meine Sammlungen
von Käfern und Insekten zu vervollständigen, anhielt, mir alles
Ungeziefer zu bringen, was auf den Feldern getötet wurde. Ich habe im
Laufe der Zeit eine Anzahl Schlangen beobachtet, möchte aber, wenn
ich es erzähle, nicht den Eindruck erwecken, als ob die mir selbst
unheimlichen Tiere dort eine alltägliche Erscheinung wären.
Unser Haus lag an einer Stelle, die besonders reich mit Schlangen
gesegnet war. In den Zweigen des großen Baumes konnte man gelegentlich
einem Streit zusehen, den kleine schwarzweiße Vögel mit einer
silberweißen Schlange führten. Das Reptil ringelte sich träge durch die
kleinen Äste der Zweige, während die Vögel unter lautem Gezwitscher um
seinen Kopf herum flatterten und sich im Vertrauen auf ihre Gewandtheit
dicht bei ihm hinsetzten, um auszuruhen. Am häufigsten waren: eine
rotbraune Schlange und die grüne Baumschlange, die besonders, wenn sie
auf den Blättern der Bananen liegt, schwer zu sehen ist.
Beim Pürschen traf ich einmal in hohem Grase eine der gefährlichen
und giftigen Puffottern; sie lag zusammengeringelt auf einer freien
Stelle und schlief. Ich schnitt mir einen Stock ab, schlug sie tot und
streifte sie; denn die Haut der Puffotter ist bunt gemustert und läßt
sich gut zu einem Gürtel verarbeiten.
Eine Riesenschlange schoß Unteroffizier Lauer mitten im Buschwald; mit
einer anderen hatten wir eine geradezu unglaubliche Begegnung: Wir
gingen in hohem Grase auf einem schmalen Pfad; ich voran, hinter mir
Lauer. Da ich eifrig nach Wild aussah, achtete ich nur halb auf den
Weg. Plötzlich rief mein Begleiter erschrocken: „Herr Oberleutnant!“
Ich drehte mich hastig um und sprang zur Seite, weil er das Gewehr
im Anschlag ungefähr auf meine Füße gerichtet hatte. Ich sah, wie
ein dicker Ast, über den ich eben hinweggestiegen war, sich bewegte:
es war eine Riesenschlange, die quer über den Weg kroch, und von der
nur der mittlere Teil des Körpers auf dem Wege zu sehen war, weil das
Schwanzende noch auf der einen, der vordere Teil schon auf der anderen
Seite des Weges im Schilf verborgen war. Als Lauer schoß, kam auch der
Kopf der Schlange aus dem Grase zurück und fuhr mit geöffnetem Rachen
dem Schützen entgegen, der schnell zurücksprang. Jetzt schoß ich und
traf dicht unter den Kopf; die Schlange verschwand im Grase, und wir
fanden sie nicht.[41]
Mein Begleiter machte mir nun vor, wie ich den linken Fuß gehoben und
etwas weiter als gewöhnlich nach vorne gesetzt hatte, um über den
vermeintlichen Baumstamm hinwegzusteigen.
Wir waren beide überzeugt, daß uns niemand diese Geschichte glauben
würde.
Früher habe ich mich einmal über ein Bild in Gordon Cummings „_Lion
hunter of South Africa_“ gefreut: Cumming und ‚Kleinboy‘ ziehen
am Schwanz einer Schlange, die in einen Steinspalt zu verschwinden
droht. Dies ist gar nicht so grob aufgeschnitten, wie man wohl glaubt
(Cumming kann es sonst ganz gut!); ich selbst hatte ein Erlebnis, aus
dem ich sah, daß seiner Darstellung sehr wohl wirkliche Eindrücke
zugrunde gelegen haben mochten. Ich wurde eines Tages gerufen, als
eine anderthalb Meter lange, graue Schlange über den Hof meiner Boma
kroch. Die Neger hinderten die Schlange mit Stöcken daran, in einem
Schlupfwinkel zu verschwinden; plötzlich aber glitt sie mit dem Kopf in
ein kleines Mauseloch, das niemand beachtet hatte. Ich sprang schnell
hinzu und faßte zum großen Entsetzen der Neger den Schwanz der Schlange
mit beiden Händen. Gefahr war nicht dabei, auch wenn die Schlange
giftig gewesen wäre; denn das Mauseloch war so eng, daß das schlanke
Reptil gerade hineinpaßte, und rückwärts kann keine Schlange kriechen,
weil sich dabei die Schuppen abspreizen und es verhindern. So zog ich
auch diesmal ohne Erfolg, mußte loslassen, und die Schlange verschwand
ganz in der Erde.
[Sidenote: Ameisen; Sandflöhe.]
Häufig sah man in Mtanza die Schlangen auch in dem Palmstroh der
Dachbedeckung des Hauses kriechen und hörte sie nachts wenn sonst alles
still war. Es war dann ratsam, nicht barfuß im Dunkeln umherzugehen;
denn außer Schlangen soll man Skorpione oder bissige Ameisen immer
fürchten, und Sandflöhe, die man beim Barfußgehen unfehlbar bekommt,
sind auch lästig.
Der Biß der „Siafu“, der angriffslustigen Ameise, ist im Verhältnis zu
der Größe und Unschädlichkeit des Insekts von überraschender Wirkung.
Man kann sonst sehr ruhige Menschen tanzen sehen, wenn eine Ameise sie
auf dem Rücken zwackt. (Menschen, die eine gewisse Zurückhaltung vor
der Tür des Zahnarztes nicht leicht überwinden, sollten versuchen,
ob sie lernen, sich von einer Ameise freiwillig und aus Wissensdrang
kneifen zu lassen.)
Der Sandfloh bildet eine Plage hauptsächlich auf den Karawanenstraßen.
Auch ich hatte manchmal Sandflöhe in den Zehen und zwar jedesmal,
wenn ich bei einer Wasserjagd barfuß gegangen war, wobei mich die
kleinen Tiere entweder im Boot oder an den von vielen Negern betretenen
Landungsstellen befallen hatten. Zuerst macht sich der Sandfloh dadurch
bemerkbar, daß er an der Stelle, wo er sitzt, ein nicht unangenehmes
Jucken verursacht. Die Stelle, an der der Plagegeist in der Haut
wohnt, rötet sich, und plötzlich kommt einem der Gedanke: es ist
ein „_funza_“. Der Boy wird gerufen, und der entfernt das kaum
sichtbare, kleine schwarze Pünktchen sorgfältig mit einer Nähnadel.
Der Sandfloh stammt aus Südamerika, ist von da vor mehreren Jahrzehnten
nach Westafrika eingeschleppt worden und kommt erst seit Mitte der
neunziger Jahre in Ostafrika vor. Das befruchtete Weibchen bohrt sich
mit Vorliebe in die Haut unter den Fußnägeln ein. Nach einigen Tagen
wird der Hinterleib so groß wie eine Erbse, und es gehört dann ein
besonderes Geschick dazu, die Eier bei der Nadeloperation sämtlich
herauszubekommen. Bei den Negern sieht man oft Verunstaltungen der
Füße und Hände infolge von Entzündungen, die aus Sandflohstichen
hervorgegangen sind.
Ich hatte auf solche Verletzungen ein Augenmerk und sah zufällig
eines Tages einen merkwürdigen Fall von Vererbung. Bei einem Mann
war die vierte Zehe des rechten Fußes verkrüppelt und hing ohne
Kochenverbindung etwas zurückstehend auf der Haut des Fußes. Er sagte,
dies sei von Jugend auf so gewesen, und stellte mir seinen Sohn vor,
bei dem der vierte Finger der linken Hand, angeblich seit seiner
Geburt, verkrüppelt und steif war; das vorderste Gelenk des Fingers
schien zu fehlen.
Unsere Hauptnahrung in der Aufstandszeit war Reis. Das Mittagsessen
bestand gewöhnlich aus gekochtem oder gebratenem Huhn, Reis und
Mohogoknollen; zeitweilig aber war an Konserven kein Mangel und dann
gab es eingemachtes Gemüse, Würstchen, Sardinen, Hering, Sprotten,
Käse und Kompott. Auf die meisten Konserven verzichtet man aber gerne,
wenn Hühner, Eier, Bananen und andere Früchte im Lande zu bekommen sind.
An die Mohogoknollen hatten wir uns sehr gewöhnt; sie ersetzten uns
die Kartoffeln. Meist aßen wir sie zerrieben und in Fett gebraten. Die
ersten Kartoffeln, die ich danach vorgesetzt bekam, schmeckten mir fade.
Von den Landesprodukten haben wir ferner mit Vorliebe gegessen: grünen
Mais, Ananas, Mangos, die leider nur kurze zeitlang zu haben sind und
die seltenen Tomaten. Mit Matamamehl habe ich mich nicht befreunden
können. Die einheimischen Bohnen schmecken bitter.
Sehr ungern entbehrte man Brot aus Weizen- und Roggenmehl, Kaffee und
Zucker, und wenn einer dieser Genüsse ausging, fühlten wir es sofort.
Auf das Brotbacken verstehen sich die schwarzen Köche gut. Es ist
einfacher als man glaubt, und Backöfen sind dazu nicht nötig; ein
eiserner Topf mit dem aufgegangenen Teig wird ringsum auf dem Deckel
mit glühenden Holzkohlen bepackt, bis das Brot durchgebacken ist.
Da konservierte Butter nicht gut schmeckt, ißt man mit Zwiebeln
ausgebratenes Schweineschmalz oder Flußpferdfett dazu. Zu hellem
Weizenbrot schmeckt auch Jam oder Fruchtgelee.
[Sidenote: Teurung.]
Sehr bald wurden die Eier in der Umgegend knapp, und wenn die
Eingeborenen von weit her ein halbes Dutzend anbrachten, waren sie
meist alle schlecht. Die Kornfrüchte stiegen im Preise und schließlich
war überhaupt nichts mehr zu bekommen: es hieß einfach: „_njaa_“,
„es ist Hungersnot.“
Da wurde ich auf den farbigen Händler aufmerksam, der im Dorfe einen
kleinen Laden hatte, und Baumwolltücher, Glasperlen, Salz, Öl und
Getreide an die Eingeborenen verkaufte. Ein großes Haus, das neben
seinem Laden lag, war, als ich einige Monate vorher zum ersten
Male nach Mtanza kam, bis unters Dach mit gefüllten Getreidesäcken
vollgepfropft gewesen; jetzt war es leer. Der schlaue Inder hatte das
Getreide zur Küste geschafft, und ließ, als die Hungersnot begann,
Sack für Sack wieder heraufholen. Er verkaufte denselben Negern, die
ihm fünf Monate vorher ~achtzehn~ Pishi Matamakorn für eine Rupie
gegeben hatten, jetzt ~ein~ Pishi für denselben Preis.
So teuer konnte kein Neger auf die Dauer sein täglich Brot bezahlen.
Es war auch unmöglich, die Askari bei diesen Preisen zu verpflegen;
für den Askari ist 10 Heller (13 Pfennig) Verpflegungsgeld (täglich)
festgesetzt; ich mußte deshalb in Mohorro Getreide bestellen.
[Illustration: Am Flußübergang bei Mtanza. Askari, Frauen und Boys.]
[Sidenote: Hungersnot.]
Die Eingeborenen litten bereits unter der Hungersnot, und man merkte,
daß sich die Zahl der Einwohner in den Dörfern lichtete; die Neger
gingen in Bezirke, in denen die Not geringer sein sollte.
Für die Zurückbleibenden waren die Mangofrüchte eine willkommene Hilfe.
Als die Zeit der Reife näher kam, zogen die Neger zu hunderten in die
Mangowälder der Umgegend.
Alle Mangobäume sind von Menschenhand gepflanzt und bezeichnen deshalb
meist die Plätze, an denen Neger gewohnt haben, die aus irgend einem
Grunde ausgewandert sind. In der Regel ist Trinkwasser in der Nähe. Die
Eingeborenen konnten deshalb in der Zeit der Mangoreife ihre Wohnsitze
nach den nahrungspendenden Mangowäldern verlegen und richteten dort im
Busch kleine Feldlager ein.
Aus Stangen bauten sie kleine Hütten, deckten Gras darüber und legten
rundum einen Zaun von Dornzweigen, um sich gegen Raubtiere zu schützen.
Das ganze hieß „Boma Porini“: das Lager im Walde.
Solche Dornverhaue, mit kleinen Hütten, traf ich oft an, wenn ich
in der Umgegend umherstreifte, und da ich selbst kein Verächter der
Mangofrüchte war, schlug ich auch wohl mein Zelt unter den schattigen,
dunkeln Bäumen auf.
Eines Abends saß ich an einem solchen Platze vor meinem Zelte und
schrieb.
Die hohen, alten Stämme standen ringsum in saftigem Grase; unter
den fruchtbeladenen Ästen war das Gras niedergetreten und der Boden
mit Kernen und ausgepreßten Schalen der Früchte bedeckt. Ein süßer
Geruch erfüllte die Luft. Hoch oben in den Zweigen schüttelten noch
immer einige Neger; Frauen und Kinder sammelten die niedergefallenen
Früchte in Körbe. Auf dem schmalen Fußpfad, der sich durch das Wäldchen
hindurchwand, kamen Dutzende von Negern mit gefüllten Bastsäcken.
Kleine, nackte Kinder liefen hinterher; in jeder Hand eine Mango und
mit abschreckend angeschwollenen Bäuchen, zu denen die dünnen Beinchen
schlecht paßten.
Die Mangofrüchte waren schon so reif, daß sie von selbst herabfielen.
Ununterbrochen raschelte es in den Blättern und dann schlug eine
saftige Frucht auf das Sonnensegel des Zeltes oder gar auf meinem Tisch
auf; das wurde so unleidlich, daß ich mich schließlich in das Zelt
zurückzog.
Ob auch die Löwen jetzt Hungerszeit hatten?
In dieser Nacht wenigstens kam der wachhabende Askari, der mein
Interesse an den Tieren kannte, an mein Zelt und flüsterte hinein:
„_Bwana, simba analia karibu_“ (Herr, der Löwe brüllt in der
Nähe). Und ich hörte noch mehrmals die tiefe Stimme des Gefürchteten.
Am nächsten Morgen sah ich, daß zwei starke Löwen dicht an meinem Zelt
vorbeigegangen waren und fand, als ich den Fährten folgte, ganz in der
Nähe die frischen Reste eines Riedbockes: den Kopf und einen Hinterlauf.
[Illustration: Bald hatte ich in meinem Lager eine große Sammlung
selbsterbeuteter Antilopengehörne. In der Mittagszeit ließ ich sie
oft hinauslegen, um die Schädel zu bleichen. Die Hörner wurden
mit Petroleum abgerieben, um sie fest zu erhalten und vor Käfern
zu schützen, die ihre Eier gern in den Raum zwischen Horn und
Knochenzapfen ablegen (die Larven bohren dann große Löcher in die
Hornmasse).]
Der Mangoreichtum der Umgegend hielt leider nicht allzulange vor; nach
mehreren Wochen waren die Bäume abgeerntet, und die hungrigen Menschen
mußten sich nach anderen Nahrungsmitteln umsehen.
Die Bewohner ganzer Ortschaften vereinigten sich jetzt zu gemeinsamem
Fischfang in entlegenen Tümpeln. Andere gruben eßbare Wurzeln im Wald
oder sammelten die kümmerlichen Rispen wilder Steppengräser.
Ratten wurden in länglichen, aus Bast geflochtenen Röhren gefangen,
gebraten und gegessen. Alte, stumpfsinnige Leute füllten sich den Magen
mit Schlamm und Gras; ja, ich sah einen Neger, der lebende Ameisen mit
der Hand vom Wege aufnahm und in den Mund steckte.
Immer öfter kamen die Eingeborenen zu mir und baten, ich sollte ihnen
Wild schießen; sie müßten sonst auswandern, wenn sie nicht Hungers
sterben wollten.
Da beschloß ich eines Tages, den Leuten zu helfen und einen Elefanten
zu schießen. Ich wollte zu gleicher Zeit mit einem Vorurteil brechen,
das sich seit einigen Jahrzehnten in dieser Gegend eingebürgert hatte:
daß Elefantenfleisch nicht eßbar sei. Da ich selbst schon einige der
großen Dickhäuter erlegt hatte, nahm ich Unteroffizier Lauer mit, der
gerne einen Elefanten schießen wollte, sich aber dazu allein nicht
genug Jagderfahrung zutraute.
Wir gingen an einen Platz, an dem ich öfter Elefanten gesehen hatte,
ohne ihnen etwas zu Leide zu tun. Dort angekommen, waren wir kaum eine
Viertelstunde gepürscht, als ein großer Elefant vor uns stand, mit nur
einem, jedoch sehr starken Zahn.
Ich beschrieb meinem Begleiter am Kopf des Riesen genau die Stelle,
auf die er schießen sollte. Er ging bis auf zwanzig Schritt hinan; ich
stand hinter ihm, um nötigenfalls mitschießen zu können. Aber es war
nicht nötig; Lauer schoß ganz ruhig, und der Elefant brach auf der
Stelle zusammen: die Jagd war beendet.
[Sidenote: Elefantenfleisch als Nahrung.]
Wir gingen zu unsern Zelten und machten es uns bequem. Da kamen, wie
wir erwarteten, die Neger, denen ich Fleisch versprochen hatte und
fragten, ob ich nicht einige Antilopen schießen wollte?
„Nein, erst wenn der Elefant aufgegessen ist.“
„Wir essen kein Elefantenfleisch.“
„Dann habt ihr auch keinen Hunger.“
„Wir sterben vor Hunger, aber Elefant zu essen, ist nicht Sitte.“
Murrend zogen sie von dannen, blieben aber in der Nähe des Lagers.
Ich wußte, daß diese Leute sich nur vor einander schämten, von dem
Fleisch zu essen; jeder einzelne fürchtete den Spott des anderen.
Jetzt kam der Koch und sagte, um uns hineinzulegen, mit unschuldigem
Gesicht: „Was soll ich kochen? Fleisch ist nicht da!“
„Hat das Tier, das ich geschossen habe, kein Fleisch?“
„Ja: Elefant!“ sagte er geringschätzig.
„Na also; brate das!“
Anfangs ging ein Lächeln und Zähnefletschen durch die Zuschauer; sie
waren erstaunt, daß wir Elefantenfleisch essen wollten. Dann sagte
einer das Wort: „_mzungu_“, und auf allen Gesichtern lag wieder
Ruhe.[42]
„Er ist ein Weißer“ soll nämlich heißen: Als weißer Mann kann er tun,
was wir nicht tun dürfen. („Weil wir es nicht vertragen oder weil es
sich für uns nicht schickt.“)
Der Unteroffizier und ich waren die ersten, die von dem Fleisch
kosteten. Es war grobfaserig, schmeckte aber als Beefsteak nicht
schlecht.
Ich befahl auch den Boys, sie sollten davon essen, damit sie den
übrigen Negern ein gutes Beispiel gäben.
Sie sahen sich gegenseitig mißtrauisch an, um sich zu versichern, daß
jeder der andern auch essen würde; keiner wollte der einzige sein.
[Sidenote: Die Neger schämen sich.]
Schließlich aßen sie; aber einer schämte sich dabei so sehr, daß ihm
die Tränen in die Augen traten.[43]
Als ich sagte, ich würde alle zwingen, das Fleisch zu essen, griffen
sie endlich zu; es schmeckte ihnen, und so entstand eine recht frohe
Stimmung.
Ich hatte es also doch erreicht, daß die „_dasturi_“, die
scheinbar unerbittliche Gewohnheit, ihre steinernen Gesichtszüge zu
einem warmen Lächeln verzog; Frauen und Kinder fanden sich bei dem
erlegten Elefanten ein und füllten ihre Körbe mit den Fleischstreifen,
die ihnen von den Männern zugeworfen wurden.
Bald führte ein ausgetretener Weg von der Landstraße (einem Fußweg)
durch das Gras nach dem Elefanten hin. Die Schwarzen trockneten das
Fleisch und konnten so wochenlang davon leben.
In anderen Gegenden Afrikas verhalten sich die Eingeborenen ganz
anders, als ich es hier geschildert habe:
[Illustration: In der Ebene des Rufiyi.
Das starke Schilf zeugt von der Fruchtbarkeit des Bodens. Die Neger
sind dabei, es umzuhauen, weil Baumwolle gesät werden soll.]
Wenn ein Elefant geschossen ist, verbreitet sich die Kunde davon
sehr schnell im Lande und der Andrang der Abnehmer des Fleisches ist
so stark, daß sich Parteien bilden, die regelrechte Kämpfe um den
Elefanten aufführen. In wenigen Stunden ist von dem etwa achtzig
Zentner schweren Koloß nichts übrig, als die Knochen, und oft erinnert
ein frisches Grab in der Nähe des Platzes an den Ausgang eines Kampfes,
den rohe Menschen in ihrer Gier führten.[44]
Als die sogenannte kleine Regenzeit näher kam, begannen die
Eingeborenen fleißig an ihren Feldern zu arbeiten; Busch, Sträucher und
Schilfgras wurde ausgerodet, auf Haufen geworfen und angezündet.
So blieben die Äcker einige Wochen liegen, dann räumten die Frauen auf
und bearbeiteten die Fläche mit einer breiten, kurzstieligen Hacke.
Da alles auf dem Felde zu tun hatte, wurden die Häuser zugeschlossen.
Selbst die kleinen Kinder mußten mit, und meist trugen die Frauen bei
der Arbeit noch einen Säugling auf dem Rücken. Die größeren Kinder
saßen am Rande des Ackers. Dabei soll es oft vorkommen, daß ein
unbewachtes Kind vom Leoparden geraubt wird.
Die Landwirtschaft der meisten Neger ist nicht sehr intensiv. Das
Land ist fruchtbar und dünn bevölkert, so daß der Neger nach Bedarf
neue Flächen unter Kultur nehmen kann, wenn der alte Acker nicht mehr
trägt. In der Ebene wird daher derselbe Acker drei oder viermal, in den
Bergen höchstens zweimal nacheinander bebaut. Dies richtet sich nach
der Güte des Bodens und der Getreideart, die gesät werden soll. Gedüngt
wird nicht; außer einigen Ziegen und Schafen haben die Eingeborenen am
Rufiyi auch kein Vieh.
[Sidenote: Die Feldfrüchte.]
Angebaut wird Reis, Mais, Matama und Mohogo. An tieferen Stellen wird
vor allem Reis gesät, weil Reis die Nässe gut verträgt und sogar
besonders gut gedeiht, wenn er zeitweilig ganz im Wasser steht. An
höheren Stellen säen die Neger Mais und Matama. Bei der außergewöhnlich
hohen Überschwemmung, die ich im Jahre 1905 miterlebte, verfaulte der
Mais, kurz bevor er reifte, auf dem Felde. Dadurch wurde die Hungersnot
noch empfindlicher; denn Hunderte von Menschen hatten mit hungrigem
Magen auf diese Frucht gewartet.
Die anspruchsloseste und am leichtesten anzubauende Frucht ist der
Mohogo (Maniok). Ein kleiner Stock, in die Erde gesteckt, entwickelt
sich in wenigen Monaten zu einem hohen Busch, der in der Erde
zahlreiche, eßbare Knollen bildet. Wie oft haben meine Leute auf
weiten Märschen ihren Hunger in einem Mohogofelde gestillt: mit einem
kräftigen Ruck wurde der Busch aus der Erde gehoben und, wenn er
dabei nicht abbrach, die Knollen abgerissen und geschält und das weiße
Fleisch verzehrt.
Außer den genannten Früchten werden in der Nähe der Häuser in geringen
Mengen angepflanzt: Zuckerrohr, Bananen, Ananas, Tomaten, niedrige und
hohe Bohnensträucher und Rizinusstauden; an günstigen Stellen auch
Tabak für den eigenen Gebrauch.
[Illustration: Nach sechs Wochen kam ich wieder an den Platz, wo ich
den Elefanten geschossen hatte; Löwen und Hyänen, Geier und Marabu
hatten soweit aufgeräumt, daß fast nur die riesigen Knochen übrig
waren, auf denen die Haut in Fetzen hing.
Im Haushalt der Natur ging selbst die faule Flüssigkeit, die aus dem
Kadaver herauslief, nicht verloren; denn Millionen von Larven wälzten
sich darin und dienten kleinen Vögeln zur Nahrung.]
In den Getreidefeldern findet man hie und da eine Kürbisstaude, und
für den Export werden, auf Anregung der Kommunen, Erdnuß und Baumwolle
angepflanzt.
Von Geräten für den Ackerbau kennt der Neger nur die Hacke und einen
mit einem Stück Eisen beschlagenen Stock zum Jäten von Unkraut;
außerdem Messer und Beil zum Roden des Busches.
Im Reinhalten der bebauten Äcker von Unkraut habe ich überall großen
Fleiß gesehen. Auch der Maniok erfordert diese Mühe; denn das Unkraut
gedeiht in dem mit der Hacke gelockerten Boden nach dem Regen üppig.
Daß trotz der Menge der Früchte und der Hilfsquellen, die der findige
Eingeborene aus den Wäldern an wilden Früchten, Honig und eßbaren
Wurzeln hat, die Hungersnot so häufig und verderblich auftritt, hat
seine besonderen Ursachen. Vor allem liegt es daran, daß der Neger
nicht mehr baut, als er bis zur nächsten Ernte unbedingt nötig hat.
Kommt dann aber einmal durch Überschwemmung, Heuschrecken oder Dürre
eine Mißernte, so trifft sie ihn völlig unvorbereitet.
Als Entschuldigung für diese Sorglosigkeit mag es gelten, daß sich
Getreide in den Tropen sehr schwer aufbewahren läßt; der Neger kennt
noch keine Mittel und besitzt noch keine Vorkehrungen, um Korn in
großen Mengen gegen Feuchtigkeit und tierische Feinde zu schützen. Die
Körner werden von Ameisen angefressen, oder, wie der Mais, von einem
kleinen Rüsselkäfer angebohrt, so daß sie zum mindesten ihre Keimkraft
verlieren. In geringen Mengen konservieren die Eingeborenen Maiskörner,
indem sie die an den Kolbenblättern zusammengebundenen Kolben im
Dachgebälk der Wohnhütten aufhängen und beständig unter Rauch halten;
doch das ist wenig und im allgemeinen verkauft der Neger den Überschuß
über den nächsten Bedarf billig an den Inder.
Die Regierung förderte den Anbau von Baumwolle und Erdnüssen bei den
Eingeborenen und glaubte hiermit einen Weg gefunden zu haben, ihnen zu
gesunden Erträgen aus der Landwirtschaft zu verhelfen; denn das sind
Produkte, die der Neger leicht konservieren könnte, und die ihm einen
Gewinn sichern, weil sie vermutlich nicht durch den Laden des indischen
Zwischenhändlers gehen, sondern unmittelbar an die Entkernungsanlagen
und Kommunen verkauft werden. Aber wenn der Neger bei einer Mißernte an
Kornfrüchten gezwungen ist, seine Nahrungsmittel vom Inder zu beziehen,
dann ist er diesem doch wieder ausgeliefert.
[Sidenote: Der Inder schädigt den Ackerbau.]
Wie wichtig es ist, daß europäische Händler und Unternehmer sich an dem
Aufkauf von Körnerfrüchten beteiligen, zeigt folgende, in Ostafrika
ganz bekannte Tatsache: Bei einer großen Ernte kaufen die Inder das
Getreide zu Spottpreisen von den Eingeborenen, die ja meist bei dem
Händler in der Kreide stehen und deshalb an ihn verkaufen müssen.
Dieses Getreide wird nun nicht etwa auf den Markt gebracht; der Inder
verkauft es vielmehr wieder an die Eingeborenen, sorgt aber dafür, daß
der Preis recht hoch wird, dadurch, daß er künstlich Mangel hervorruft.
So sollen die indischen Kleinhändler sehr oft an der Hungersnot
unmittelbar schuld sein, indem ihre Krämertaktik die Landwirtschaft der
Eingeborenen unterbindet!
In den Pflanzzeiten verkauft der Inder sehr ungern Sämereien an
Eingeborene; allenfalls kann der Neger schlecht keimfähige, verdorbene
Ware bekommen und muß dafür einen hohen Preis zahlen. Der schlaue
indische Händler kennt eben nur sein Geschäft und hat an dem Lande kein
Interesse; wenn er nun großen Vorrat an Getreide hat, sucht er darauf
hinzuwirken, daß der Neger wenig erntet, in Not kommt und bei ihm
kauft. Alle Inder sollen sich hierin einig sein.[45]
Die Folge dieser Handlungsweise ist dann eine Steigerung der Löhne,
die den europäischen Unternehmern, den Plantagen, den Kommunen und der
Kolonialverwaltung zur Last fällt.
In dieser Darstellung scheint eine gehässige Übertreibung zuungunsten
der Inder zu liegen; wer aber die Inder gesehen hat, weiß die Wahrheit
darin zu finden.
Sie sind Handelsleute, wie sie im Buche stehen; bleiche Schmarotzer,
für die es in Ostafrika kein Land, keine Scholle, keine Heimat gibt.
(Die ackerbautreibende Kaste kommt nicht zu uns, da die britische
Regierung ihr die Auswanderung verbietet. Das ist sehr schade.)
Selbst wo die Inder sich, wie in Sansibar, in den Grundbesitz der
Araber hineingedrängt haben, glaubt man, wenn man sie sieht, den
Eindruck der Bodenständigkeit zu vermissen.
Unstet sehen sie aus; wie das Geld, das durch ihre Finger geht.
Nur die Geldsäcke, das Geld von der schmutzigen Kupfermünze aus der
Hand des nackten Waniamwezi bis zum Scheck auf die _Chartered Bank of
India_ in der Ebenholztruhe neben harmlosen Bohnen und Kwemenüssen:
das ist ihre Heimat.
Vielleicht klingt auch das zu heftig; der Gedanke, daß Deutschland
eine große Kolonie mit schwerem Geld unter seinen Schutz nimmt, damit
Händler fremder Rasse ungeziemenden und dem Lande schädlichen Gewinn
daraus ziehen, ist unerquicklich; wir haben selbst fleißige Männer
genug, denen der Handelsgewinn aus dem natürlichen Reichtum des Landes
zu gönnen wäre, und nur an Orten, deren Klima dem Weißen verderblich
wird, ist der Inder nicht immer zu entbehren, zur Vermittelung der
Ausfuhr einheimischer Produkte.
So sagen die, die an ihrem eigenen Geldbeutel die lästige Konkurrenz
des geschmeidigen, bedürfnislosen Inders erfahren haben.
Die Firmen, die ihr Geschäft auf den indischen Kleinhändler
zugeschnitten haben und die das viel getadelte Kreditsystem stützen,
sagen, der Inder hole doch wenigstens etwas aus dem Lande heraus; wenn
er ein Geschäft dabei mache, solle man es ihm gönnen. Dafür lebe er
jahrelang so einfach.
Und dann wird man gefragt: „Wollen Sie sich hinstellen und stundenlang
mit einer Bibi um ein Baumwollentuch handeln? Wollen Sie Mais, Matama,
Öl und Perlenketten verkaufen? Wollen Sie? Na, also! Der Weiße ist doch
dazu zu fein.“
Ich aber dachte mir, daß ich es schon einrichten wollte, und so werden
viele denken.
[Sidenote: Wahre Kulturarbeit.]
Sowie kein Inder im Lande wäre, würde sich kein Arbeitgeber scheuen und
kein Ansiedler zu fein sein, einen Laden zu halten, in dem der Neger
alles billig bekommt, vom Baumwollentuch bis zur Nähnadel. Jeder dritte
Suaheli eignet sich jetzt schon dazu, eine „_duka_“ zu verwalten
und täglich Abrechnung zu machen!
All die wertvollen Produkte aber: Elfenbein, Gummi, Kopal, Getreide,
Baumwolle, Ölfrüchte, Schildpatt, Wachs könnte der Europäer aufkaufen
und würde, wenn er es versteht, die Neger anständig zu bezahlen (selbst
wo größerer Gewinn dem Naturkinde leicht abzuringen wäre), bald das
Vertrauen ganzer Stämme haben, würde viele Arbeiter in seine Nähe
locken und eine wahre Kulturarbeit leisten können.
So denken viele ihre Lebensaufgabe da draußen; aber die Kunst der
Erziehung und des Regierens, die in manchem Ansiedler als eine edle,
vielversprechende Kraft steckt und nach Betätigung drängt, wird zu
leicht unterdrückt durch die Ungunst der Verhältnisse und setzt sich
dann um in Resignation, in Bitterkeit -- ja, leider sogar in Alkohol.
Im Jahre 1905, während des Aufstandes, hatte ich Gelegenheit, selbst
Beobachtungen über Ernte, Getreideausfuhr, indische Krämertaktik und
Hungersnot anzustellen.
Der Aufstand begann im August, nachdem überall eine besonders reiche
Ernte eingekommen war. Die Inder kauften das Getreide zu Spottpreisen
in ungeheuren Quantitäten und verschifften es nach der Küste, sobald
die Truppen in der Gegend die Ruhe wieder hergestellt hatten. Überall
waren große Vorräte in den Dörfern; aber der Versuch, die Inder zu
veranlassen, einen Teil dieser von ihnen erworbenen Vorräte im Lande zu
behalten, um für die Truppen und die Eingeborenen später Getreide zur
Verfügung zu haben, hatte nur zur ~Folge, daß die Inder ihre Vorräte
mit möglichster Beschleunigung zur Küste brachten~, um künstlich
einen Mangel herbeizuführen und den Preis zu steigern.
Man konnte es ihnen ja gar nicht verdenken; denn ihre Aufgabe ist es
ja, in möglichst kurzer Zeit recht viel Geld aus dem Lande zu ziehen
und dann nach Indien zurückzugehen. Die Entwickelung des Landes kann
ihnen ganz gleichgültig sein.
So mußte ich später das wenige Korn, das der Inder Sack für Sack wieder
heraufbrachte, achtzehnmal teurer bezahlen, als es drei Monate vorher
gekostet hatte. Den Eingeborenen fehlten die Mittel, solche Preise
zu zahlen und sie litten furchtbar unter der Hungersnot. Auch eine
Expedition des Hauptmanns von Wangenheim, die die Verbindung mit dem
hartbedrängten Mahenge herstellen sollte, scheiterte hauptsächlich an
dem Nahrungsmangel. Die Träger waren durch Hunger entkräftet und die
Expedition mußte umkehren, weil die Flüsse so angeschwollen waren, daß
man nicht vorwärts gehen konnte. Ein Europäer ertrank. Der Wildreichtum
half über die größte Not hinweg.
Es ist kaum glaublich, wie schwierig das Reisen (und also auch der
Buschkrieg) in der Regenzeit ist, im Vergleich zur Trockenzeit. Ich sah
es immer wieder, daß die Jahreszeit meine ersten Streifzüge, die ich
mit den Matrosen machte, ungemein begünstigt hatte.
Da waren die Flußübergänge kurz, die Bäume und Sträucher kahl; das Gras
lag dürr am Boden und brauchte, wenn man weite Übersicht haben wollte,
nur angesteckt zu werden. Mücken gab es fast gar nicht; Nahrung überall.
[Sidenote: Regenzeit und Hungersnot.]
Anders in der Regenzeit! Ganze Ebenen standen unter Wasser; selbst bei
Kipo, wo freies Terrain mich im August so begünstigt hatte, stand jetzt
das Gras so hoch und die Büsche waren so dicht belaubt, daß ein Gefecht
wie das am 21. August ganz ausgeschlossen gewesen wäre; die Gegend war
nicht wieder zu erkennen. In Flußbetten, durch die wir noch im November
trockenen Fußes gegangen waren, tobte das Wasser. Dazu kam der Mangel
an Nahrungsmitteln, der Hunger.
Die Neger können Hungersnot meisterhaft ertragen, weil sie an diese
seit Jahrhunderten regelmäßig wiederkehrende Plage gewöhnt sind.
Ein gewisser Stumpfsinn, eine fast zufriedene Ergebung in den Zustand
wirken so beruhigend auf den Zuschauer, daß ihm der Schrecken gar nicht
so nahe geht und er das rechte Mitleid kaum empfindet.
Eigentümlich war die Haltung der Neger dem Bezirksamt gegenüber. Die
Kommunen haben einen Notstandsfond, aus dem für die Eingeborenen
Getreide gekauft wird, ohne daß sie es zu bezahlen brauchen. Sie sollen
nur kommen und es sich holen. Das taten die trotzigen Bergbewohner in
Matumbi und Kitschi nicht, obwohl sie sich unterworfen hatten; sie
zogen es vor, in Massen zu verhungern!
Williger waren die Rufiyileute, und ich sagte mir, wenn jemand Hunger
litt, dann sollten es nicht die Neger sein, die sich mir unterworfen
hatten, sondern die Aufständigen! Deshalb faßte ich den Plan, die
Mohogoäcker der Aufständigen in den Bergen abzuernten.
[Sidenote: Ein Raubzug.]
An einem bestimmten Tage wurden alle freundlichen Neger zur Boma
bestellt.
Boten gingen an die Jumben, jeder, der mitmachen wollte, sollte sein
Messer, einen Sack und für zwei Tage Essen mitbringen.
Achthundert Menschen fanden sich zur bestimmten Zeit ein; aber keiner
hatte etwas zu essen bei sich. Sie vertrauten alle darauf, daß ich Wild
schießen würde.
Zwei Tage konnte es dauern, bis wir die ersten Mohogoschamben
erreichten, und ob ich Wild bekommen würde, war nicht sicher; ich brach
schleunigst auf, weil die Leute immer hungriger wurden.
Die Neger wurden in Gruppen zu fünfzig Mann unter die Jumben oder
andere Leute, die Autorität (kräftige Arme und ein großes Maul) hatten,
verteilt; ich hielt eine Ansprache, in der ich den Plan erläuterte
und um Disziplin bat, damit es uns gelinge, recht viel zu fressen
einheimsen zu können.
Alle waren meiner Meinung und ich ging schnell voraus, fünf Stunden
weit.
Dann bestimmte ich einen Lagerplatz.
Es waren noch zwei Stunden bis zur Dunkelheit. In dieser Zeit wollte
ich Wild schießen, soviel ich bekommen könnte und sandte auch
Unteroffizier Lauer aus, mit dem Auftrage, Fleisch für das hungrige
Volk zu schaffen.
Wie ich es gemacht habe, das darf sich der ausmalen, der ähnliche
Reviere kennt, der weiß, daß jedes Rudel angepürscht sein will und daß
zwischen zwei Schüssen ein Weg liegt zum nächsten Rudel, der zu Fuß
zurückgelegt werden muß; den Leser will ich mit der Jagdschilderung
nicht ermüden.
Kurz: Als es dunkel war, lagen auf der Strecke drei Wasserböcke, zwei
Swallah, zwei Riedböcke, eine Kuhantilope und ein Warzenschwein.
Lauer hatte drei Kuhantilopen und zwei Wasserböcke geschossen.
Also zusammen vierzehn Stück Wild! Und das war für die vielen Menschen
noch zu wenig.
Todmüde saß ich im Lehnstuhl.
Wohl hundert Feuer brannten; an jedem saßen ein halbes Dutzend Neger.
Auf dünne Stöcke hatten sie Fleischstücke aufgereiht und ans Feuer
gestellt; von Zeit zu Zeit schnitten sie ein Stück ab und steckten es
in den Mund.
Zwei Weiße und achthundert Neger; war es nicht ein tolles Unternehmen?
Wir sahen uns das Bild noch einmal von weitem an: die hellen Feuer,
die vielen Gestalten und die Bäume, die von unten beleuchtet wurden;
darüber der dunkle Himmel mit kleinen, silbern blinkenden Sternen.
Am dritten Tage in der Frühe erreichten wir die ersten Schamben.
Das Abernten ging sehr schnell; die hungrigen Leute fielen wie
Heuschrecken darüber hin. Große Pflanzungen, in denen der Mohogo so
üppig stand, daß Menschen darin nicht zu sehen waren, lagen in kurzer
Zeit am Boden.
Die Neger schnitten den Mohogo in Scheiben und trockneten ihn an
der Sonne. So konnten sie große Mengen mitnehmen. Auch zerstampften
sie die Knollen in großen Holzmörsern und trockneten den Brei auf
ausgebreiteten Tüchern, bis er weiß wurde, wie Mehl.
Die Dörfer hier lagen hoch in den Bergen, wo kein Wasser war; die
Brunnen waren oft drei Stunden von den Hütten entfernt.
Der Akide sagte, die Frauen dieser Neger seien jeden Morgen sechs
Stunden unterwegs, um einen Topf Wasser zu holen.
Das Wasser läuft außerdem so spärlich nach, daß nur wer zuerst kommt,
gleich einen vollen Topf schöpfen kann; jede will deshalb die erste
sein und sie stehen in der Nacht auf, um bei Tagesgrauen am Brunnen zu
sein.
Wozu ist diese Mühe? Weshalb wollen die Leute nicht in der Nähe des
Wassers wohnen, wo der Boden nicht schlechter ist als oben?
Aus alter Gewohnheit meiden sie die Wasserstellen, die jeder Räuber zum
Lager begehrt.
Wie das Wild, das nur auf Minuten und mit scheuer Vorsicht zur Tränke
kommt, ja sich ganz vom Wasser entwöhnt, um nicht eine leichte Beute
des Löwen zu werden.
Wir hatten unsere Not, es so einzurichten, daß wir täglich in die Nähe
eines Brunnens kamen. Manchen Negern genügte der Saft, den sie mit den
Mohogoknollen aufnahmen, und sie tranken gar kein Wasser.
Mit Mohogomehl reich beladen, kehrte die große Räuberbande nach acht
Tagen aus den Bergen zurück und zerstreute sich.
* * * * *
[Sidenote: Ein Schauri.]
Ich will auch ein Schauri schildern, das ich abhielt.
Die meisten Schauri handelten von Diebstahl und von Schulden; heute
aber handelte es sich um etwas anderes: um Mord, fahrlässige Tötung,
versuchten Selbstmord, Mißbrauch der Amtsgewalt und anderer Substantiva.
Es war nämlich folgendes geschehen:
Ein Neger mit Namen Dibagila kam und sagte mit Ruhe: „Die Askari
schießen auf Menschen; mein Bruder ist erschossen!“
Ich schickte eine Patrouille aus; die kam nach einer Stunde wieder und
brachte auf Bettstellen zwei Verwundete: den Askari Manika und ein Weib.
Dem Askari war der rechte Oberschenkel zerschossen; klaffend hing das
Muskelfleisch hinunter. Das Weib hatte einen Schuß durch das Fleisch
überm rechten Knie.
Sanitätsunteroffizier Lauer war in Mayenge, um Sergeant Kühn
zu behandeln, der Fieber hatte. Ich ging deshalb selbst an die
Verbandkästen und verband die entsetzlichen Wunden, nachdem ich
eingedrungene Stofffetzen herausgezogen hatte. Die gleichgültigen
Gesichter der Patienten erleichterten mir die Arbeit. Das Weib
schimpfte ununterbrochen.
Darauf versuchte ich festzustellen, was vorgefallen war. Und nun mußte
ich meinen ganzen Spürsinn ins Feld führen, um Wahrheit von Lüge zu
trennen. Die beiden Askari sagten, ein Schenzi habe geschossen und mit
demselben Schuß den Askari und das Weib getroffen; das Weib, es sei
von dem einen Askari angeschossen worden. (Der Dibagila, der nachher
Hauptzeuge wurde und alles wußte, stand jetzt noch dabei und schwieg!)
Ich überlegte: die Wunde des Askari war so, daß der Schuß aus nächster
Nähe abgegeben sein mußte. (Ich hatte schon einmal einen Mann gesehen,
der sich selbst erschossen hatte; an die Wunde mußte ich denken.) Das
Weib hatte eine gewöhnliche Schußwunde, mit glattem Schußkanal.
Ich ließ meinen Esel satteln und ritt, obwohl ich durch einen
Dysenterieanfall aufs Äußerste ermattet war, in der Sonnenglut selbst
zu dem Tatort, der eine Stunde entfernt war. Die Augenzeugen waren mit.
„Da hat der Schenzi gesessen, der geschossen hat. Hier hat der Askari
gestanden -- du siehst den Blutfleck, Bana -- und da unten hat dieselbe
Kugel die Frau getroffen.“
Aha! Da haben wir die Lüge: also fliegt eine Kugel im rechten Winkel
weiter, wenn sie einen Askariknochen trifft! Daß der _Bana kubwa_
sich die Mühe mache, hierherzureiten, daran habt ihr Lügner wohl nicht
gedacht?
Ich schickte alle anderen Leute weg und ließ mir von dem Dibagila, der
offenbar aus Furcht vor den Askari nicht gesprochen hatte, erzählen,
wie es gewesen sei. Dibagila hält seine ausgestreckten Arme dicht
an den Körper, als ob ein Tuch sie an Bewegung hindere, bewegt die
Schultern und den Oberkörper in eigentümlicher Weise und zeigt mit
den Kopf in die Richtungen. Seine Stimme ist schneidend, doch tönend;
er spricht dramatisch, bisweilen sehr laut: „Es kam einer zu mir, der
Salim bin Mtambo, und sagte: ‚Dein Bruder ist am Fluß erschossen,
er ist ins Wasser gestürzt! -- baß‘“ -- (Dies ‚baß‘ dient zur
Interpunktion beim Sprechen und ist der Erzählung der Schwarzen eigen.)
„Ich lief hin. Es war Blut am Boot. Ich sprang ins Wasser, schwamm
umher, konnte nichts finden; dann folgte ich den Askari und sagte:
‚Mein Bruder ist erschossen, ich gehe zur Boma und sage es dem _Bana
kubwa_.‘
Askari Manika antwortete: ‚Wenn der _Bana kubwa_ erfährt, daß
ich deinen Bruder erschoß, läßt er mich aufhängen; ich will sagen,
ein Schenzi habe auf mich geschossen und werde mich selbst ins Bein
schießen.‘
Er drehte sein Gewehr um, setzte die Mündung auf sein Bein, schoß und
fiel hin.
Der andere ging dann ins Dorf und schoß auf ein Weib.
Ich fragte: Weshalb tust Du das?