Ich sah nichts.
Plötzlich sprang ein Leopard ins Gebüsch.
Er hatte im Grase bei der Leiche gelegen.
Jetzt sah ich den Toten.
Er lag unter einem ziemlich starken Baum. Der Hals war zerfleischt.
Der Neger sagte, sein Bruder wäre auf den Baum gestiegen, um Honig
herabzuholen; der Leopard habe oben in der Krone gesessen und sei ihm
ins Genick gesprungen; da sei sein Bruder tot herabgestürzt.
Der Leopard würde zurückkommen, ich solle bei dem Toten die Falle
stellen.
Das tat ich, ging etwa achtzig Schritte ab und blieb an einem Baumstamm
sitzen.
Nach kaum einer Viertelstunde sah ich den Leoparden plötzlich bei
dem Toten. Ich hob behutsam die Büchse und zielte. Da klappte es,
das Fangeisen war zugeschlagen. Ich lief hinzu und blieb auf dreißig
Schritt stehen.
Der Leopard sprang mit der schweren Falle hin und her, fauchte und biß
auf die eisernen Bügel.
Ich gab ihm einen Blattschuß; er verendete.
Zwei Askari kamen auf meinen Schuß herzu, der eine sagte, es wären wohl
noch mehr Leoparden da; ein „_chui_“ sei nie alleine. Deshalb
stellte ich das Eisen noch einmal, ließ den Leoparden mitnehmen und
ging zum Boot zurück, während die Askari auf Anstand blieben.
Als ich im Lager ankam, hörte ich schon ihr Schnellfeuer und bald
darauf kamen sie mit dem zweiten Leoparden.
Beide Leoparden waren männlich.
Der geschlagene Mann war gerächt und ich befahl, ihn zu begraben, was
die Neger jedoch nicht ohne Schutz einer starken Askaripatrouille tun
wollten.
Sie hätten ihn auch nicht begraben, wenn ich es nicht befohlen hätte.
* * * * *
Auch in der Umgegend von Mtanza hatte das Hochwasser die Landschaft
verändert.
In flachen Tälern, die früher gar nicht auffielen, floß jetzt der Strom
in ungeheurer Ausdehnung und schloß Menschen und Tiere auf kleine
Inseln ein.
Während früher überall leere Boote gelegen hatten, wurde jetzt jeder
kleine Einbaum gebraucht, um den schwierigen Verkehr aufrecht zu halten.
Das Wasser floß durch die Maisfelder. Viele Enten, Gänse, Reiher und
Taucher schwammen auf dem flachen Wasser und flogen in den Abend-
und Morgenstunden zu hunderten über der Ebene. Unzählige Holztauben
flatterten in allen Feldern.
[Sidenote: Abreise.]
Während ich zur Abreise rüstete und das Lager auflöste, war ich oft mit
der Schrotflinte in den Feldern, um Enten und Tauben zu schießen. Dabei
kam ich einmal an eine Hütte, von der aus ein Boot mich über einen
tiefen Wasserarm brachte. Der Fährmann warnte mich, als ich die Hände
über Bord hielt und sagte, ein ganz gefährliches Krokodil sei in der
Nähe; das Tier habe schon viele Menschen geholt; vor kurzem erst seinen
Vater und seinen Bruder. Er selbst hatte eine große Wunde von dem Biß
des Krokodils, das versucht hatte, ihn aus dem Boot zu ziehen. In der
Trockenzeit, sagte er, sei das Tier in einem ganz kleinen Teiche; es
sei fast nie zu sehen und richte seit Jahren schon Schaden an.
Das war ganz in der Nähe meines Lagers und niemand hatte bisher davon
erzählt, weil, wie mir dieser Mann sagte, gegen das Ungetüm doch nichts
zu machen sei! Wie schade: zu gerne hätte ich das gefährliche Tier
erlegt; doch es war nur in der Trockenzeit möglich.
Der Tag der Abreise kam.
Das Lager wurde geräumt; das große Haus und die Hütten zwischen den
Wellengräben und Pallisaden blieben nun leer zurück.
Ein Teil der Leute mußte auf dem Nordufer über Land gehen, weil
nicht genug Boote da waren. Die Neger stellten sich beim Rudern so
ungeschickt an, daß Lauer und ich selbst die kurzen Ruder nahmen und
unter großer Anstrengung mehrmals hin- und herruderten.
[Sidenote: Fieber.]
Als wir am Nachmittage stromab fuhren, fühlten wir in allen Gliedern
große Mattigkeit, gegen die wir energisch anzukämpfen versuchten.
Deshalb gingen wir gegen Abend ans Ufer und machten einen Pirschgang
bis zur Dunkelheit.
Wir schossen zwei Riedböcke und ein Wildschwein und kehrten zu den
Booten zurück.
Die Mattigkeit nahm zu; der Appetit fehlte. Ich kam zu der Überzeugung,
daß ich Malariafieber hatte, und nahm Chinin.
Mein Begleiter hatte noch kein Fieber und glaubte deshalb (wie viele,
die im Anfang damit verschont blieben), er bekomme es nicht.[55] Er
sagte, es könne auch ein Erkältungsfieber sein und nahm kein Chinin.
Es ist ein Unglück, wenn die Europäer einer Expedition krank sind. Es
ist, als ob die Spannkraft aller Neger sofort nachlasse, wenn der Weiße
von einer Krankheit gedemütigt wird. Die Neger verlieren den Glauben an
ihn. Bummelei und Ärgernis treten auf und Mißerfolge erhöhen das Leiden
des Weißen.
Ein Posten schlief auf Wache, so daß ich ihm sein geladenes Gewehr
wegnehmen konnte.
Die Wache bei den Booten hatte auch nicht aufgepaßt; ein ganzes Boot
mit Lasten fehlte am Morgen.
Das Marschieren wurde uns an diesen Tagen sehr schwer. Es war kein Wind
und die Sonne brannte auf den Sumpf hernieder, während wir meilenweit
bis an die Knie im Wasser und durchweichten Boden wateten. Da war es
oft, als wollte das Herz seinen Dienst versagen und man hatte den
Wunsch, sich lang im Wasser hinzulegen.
Mein Begleiter war ganz still; wir konnten uns gegenseitig wenig Mut
abgeben.
An dem Abend dieses Tages erreichte mein Fieber den Höhepunkt. Mit
glühend heißen Schläfen lag ich im Zelt und kühlte mit nassen Tüchern.
Die Boys zeigten ihr Mitgefühl dadurch, daß sie nahe bei unseren Zelten
die Trommel zum Tanze schlugen. Es war mir eine Qual das zu hören, aber
ich fand nicht den Entschluß, es zu verbieten. Ja, es beruhigte mich
innerlich geradezu, durch den Lärm an dies trotzige, gedankenlose Leben
erinnert zu werden.
Glücklicherweise hatten wir das fließende Wasser wieder erreicht und
konnten am nächsten Tage die Boote benutzen. Lauer mußte gestützt
werden; er nahm immer noch kein Chinin.
Mit unglaublicher Schnelligkeit trieben wir an überschwemmten Dörfern
vorbei: die Borassuspalmen von Mayenge tauchten aus Nebelschleiern auf.
Da lagen die Berge von Kitschi; noch eine Biegung des Stromes, an der
die Eingeborenen Nothütten gebaut hatten, dann waren wir in Mayenge.
Hier war der kranke Unteroffizier Kuehn gerade von Feldwebel Münch
abgelöst.
Auch diese Boma wurde geräumt und wir fuhren zwei Stunden weiter
stromab zu einer hohen Landzunge, auf der ich einen Platz für das neue
Bezirksamt am Rufiyi aussuchen wollte.
Die nächsten Nächte wären für uns Kranke schlimm gewesen, wenn
nicht Feldwebel Münch mit bewundernswerter Geduld und Sicherheit
unsere Pflege übernommen hätte. Er gab uns das Chinin zerstoßen in
Oblaten. Ich wurde schnell besser, weil in mir das Gift den Kampf
mit den Parasiten schon aufgenommen hatte; bei Lauer aber war das
Fieber zu weit vorgeschritten, er war kaum imstande das Chinin
hinunterzuschlucken.
Er litt sehr, phantasierte und sprach von Schwäche und Sterben; aber
Münch ließ sich nicht beirren und sagte ganz ruhig: „Machen Sie doch
keine Witze.“
Ich habe oft daran denken müssen, daß solcher Zuspruch besser ist, als
hilfloses, sichtbares Mitleid!
Trotz seiner Erfahrung mit dem Fieber -- Münch hatte monatelang an
Schwarzwasserfieber gelitten -- durften wir uns unserm Pfleger nicht
ganz anvertrauen, wenn es möglich war, Mohorro in diesem Zustande zu
erreichen.
Ich fühlte mich wieder frisch. Ein großes Boot wurde ausgerüstet und am
Abend Lauers Bett hineingestellt. Ich lag dahinter im Lehnstuhl; die
Askari und Neger folgten in neun anderen Booten.
Der Mond war aufgegangen, als die Boote vom Ufer ablegten.
Lautlos trieb die kleine Flotte auf dem Strom.
Ich zog mein Buch aus der Tasche und schrieb. Elf Uhr.
Am Ufer brennt ein Feuer; da übernachten Flußschiffer und schwatzen
fröhlich und laut. Es klingt übers Wasser in der stillen Nacht und
sie hören unsere Boote nicht, die leise plätschernd nahe bei ihnen
vorbeitreiben.
Kein Wölkchen ist am Himmel. Die Sterne stehen über mir. Das Mondlicht
glänzt auf den Blättern der Büsche.
Dahinter erhebt sich der Wald und die Berge. Ein hoher Sandrücken
kommt näher; er neigt sich weit über den Strom. Auf der Höhe steht ein
plumper Affenbrotbaum.
Es ist so still als ob die Natur ihren Atem anhält.
Da dröhnt vom Berge herab deutlich durch die Stille eine einzige, tiefe
Löwenstimme; ein Ruf an die Nacht, die nur im Schweigen Antwort gibt.
„Simba“ flüstert der Neger hinter mir.
Schwach saß ich im Lehnstuhl und war erfüllt von den wundervollen
Eindrücken, die wie eine Abschiedsfeier auf mich wirkten. Ich dachte
zurück an vergangene Bilder, an stille Nächte, in denen der Mond schien.
Ich sah auf den Kranken, legte ihm die Kissen zurecht und schloß sein
Moskitonetz. Dann streckte ich mich im Boot lang aus und schlief.
Manchmal erwachte ich aus festem Schlaf, wenn das Boot auf eine
Sandbank auflief und von den Baharias wieder abgeschoben wurde. Einmal
stieß das Boot auf einen Baumstamm, der im Wasser lag. Es wurde von der
Kraft der Strömung in den Zweigen hochgehoben und schlug quer, sodaß
das Wasser, das ihm sonst fördernde Kraft war, plätschernd gegen die
Bordwand drängte.
Oft dröhnte die tiefe Stimme eines Flußpferdes aus nächster Nähe; ein
kurzer Zuruf der Leute, eine gewaltsame Wendung des Bootes, und weiter
ging es in gleichmäßiger Ruhe.
[Sidenote: Wieder an der Küste.]
Gegen vier Uhr am Morgen wurde ich geweckt. Wir waren in Ndundu. Die
Neger alarmierten das Dorf. Der Akide kam. Strohfackeln brannten.
Aus dem fensterlosen Seitenraum eines Hauses wurden Lasten
herausgeschleppt, die ich dem Akiden zum Aufbewahren gesandt hatte.
Noch war dunkle Nacht. Aber der Vollmond stand schon tief am Himmel und
der Morgen war nahe, als ich weiterfuhr, und die Gruppe der Neger mit
ihren Fackeln am Ufer zurückblieb.
Ich wußte eine reine Freude vor mir: auf dieser Fahrt das erste Licht
des Tages kommen zu sehen.
Und es kam. Die Ufer schimmerten im Morgenlicht. Bäume und Hütten
nahmen Form und Farben an. Helles Licht breitete sich über das Wasser
aus. Wölkchen zogen von der See herüber und unterbrachen die Strahlen.
Als es Tag war hörten wir das laute Treiben der Menschen.
Die Boote landeten am Ufer von Mosmene, wo Händler ihre Lasten
aufgestapelt hatten und fleißige Hände bei der Arbeit waren, Frachten
umzuladen.
Der Aufstand lag hinter mir; ich war wieder an der Küste.
[54] Über die wirtschaftlichen Aussichten in diesen Gebieten findet
man Näheres in dem Buche: Hermann Paasche, Deutsch-Ostafrika.
Verlag von E. A. Schwetschke und Sohn, und in den Berichten
des Kolonialwirtschaftlichen Komitees.
[55] Man findet die wunderlichsten Theorien bei Menschen, die kein
Fieber bekommen. Einer sagt: er passe auf, daß ihn keine
Mücke steche (sehr gut; es ist aber nur ein Teil der
Schutzmaßregeln!), ein anderer: er fühle das Fieber kommen und
trinke dann eine Flasche Sekt, dann sei er sicher. Wirkliche
Konfusion bestand, bevor man das Wesen der Malaria kannte, und
in den alten Reisewerken bekommen die Reisenden von starkem
Kaffee z. B. Fieber. Es gibt Menschen, die oft Malaria hatten
und die immun geworden sind.
[Illustration]