Der Elefant ist wieder hinter mir.
Ich laufe. An einem Busch pralle ich mit Ali zusammen; der wirft den
Patronengürtel hin; ich hebe den Gürtel auf, laufe, springe, reiße zwei
Ladestreifen aus der Ledertasche, lasse den Gürtel wieder fallen, lade.
Ich sehe den Elefanten auf Alis Spur und schieße fünfmal; da bleibt der
Elefant stehen, dreht sich im Kreise, schlägt mit dem Rüssel in die
Luft, trompetet in wilder Wut und fällt langsam auf die rechte Seite. --
Es ist kein Zweifel, daß dieser Elefant mich angenommen hat. Ich hatte
ihn zweimal überrascht, und darüber war er ärgerlich; er mußte mich als
seinen Verfolger erkennen, er war gereizt. Er hatte nach meinen ersten
Schüssen zweimal die Richtung geändert, muß also wohl andere Absichten
gehabt haben, als nur davonzulaufen.
Obgleich mir nicht Zeit blieb, an die Gefahr zu denken oder gar Furcht
zu empfinden, kann ich doch eins als etwas Unangenehmes schildern:
fortlaufen zu müssen, dem Gegner den Rücken zu kehren und das Geräusch
seiner Tritte hinter sich zu hören.
Erhöht wurde die unangenehme Lage noch dadurch, daß man in dem hohen
Grase stellenweise nicht sehen konnte, wohin der Elefant lief.
Nach einer Weile erschienen beide Boys wieder auf der Bildfläche.
Wenige Schritte von der Stelle, an der der Elefant gefallen war,
lag ein alter Elefantenschädel, und ich kam auf den glücklichen
Einfall, diesen Schädel neben den Elefanten legen zu lassen, genau zu
vergleichen und zu messen, um zu lernen, wohin und wie ich schießen
müsse, um das Gehirn zu treffen.
Wer sich nämlich auf der grauen Fläche am Kopfe des Elefanten
zurechtfinden will, muß den Schädel unter der Decke erkennen und das
große Gebilde wie mit Röntgenstrahlen durchschauen. Das lernte ich
an diesem Tage und übte mich in den fünf Stunden, die ich bei dem
Elefanten und dem Schädel zubrachte, durch dauerndes Vergleichen so,
daß ich aus jeder Richtung wußte, wieviel Knochen und Fleischmasse mein
Geschoß zu durchschlagen hatte.
Ich ließ mir mein Skizzenbuch und Bleistifte holen und machte
Zeichnungen des Elefantenschädels in allen verschiedenen Stellungen.
Diese Mühe -- es war übrigens eine lehrreiche und nützliche
Beschäftigung -- machte sich belohnt, und selten bin ich mit mir selbst
zufriedener gewesen als an dem Tage, an dem ich den nächsten Elefanten
anpirschte und auf fünfzehn Schritt mit einem einzigen Schuß tötete.
Mittlerweile kamen meine Träger und zwei ganz alte Männer, deren Brust-
und Rückenhaut in vielen Falten auf dem Körper lag. Sie bauten sich
eine kleine Hütte und blieben tagelang bei dem Elefanten, um Fleisch zu
essen.
Wenn ich eitel wäre, müßte ich aufzeichnen, was Ali im Lager über
meinen Mut erzählte, wie ich geschossen hätte, bis der Elefant mich
beinahe faßte, wie ich immer wieder stehen geblieben sei um zu
schießen. Das „_hakimbii_“ („er läuft nicht weg“) ging von Mund zu
Mund, und mir konnte es nur recht sein, wenn die Neger daran glaubten;
denn mit einem Feigling gehen sie weder auf die Jagd noch ins Gefecht.
Übrigens gewann Alis Schilderung noch bedeutend, als er dagegen
vormachte, wie ein anderer Europäer vor Jahren auf eine
Riesenentfernung auf Elefanten geschossen habe. Ali markierte den
Europäer, ein andrer den Boy des Europäers. Der Europäer legte die
Mündung des Gewehres auf die Schulter seines Boy, um sicher zu zielen
und ging dabei immer rückwärts, wobei er ängstlich um sich blickte und
fragte: „_Nipige? nipige?_“ (Soll ich schießen?)
So gewann ich also auf Kosten eines Unbekannten, der mir, wenn er dies
lesen sollte, verzeihen möge, daß ich die Schwarzen gewähren ließ und
nichts tat, um sein Ansehen wiederherzustellen.
* * * * *
[Sidenote: Elefanten durchqueren den Strom.]
Eines Tages kamen Leute und meldeten, zwei Elefanten seien gegen Morgen
durch den Fluß gegangen und ständen jetzt nahe bei einem Dorfe im Busch.
Ich ließ ein Maultier satteln und machte mich auf den Weg, um zu sehen,
was daran wahr sei.
Nach zwei Stunden erreichte ich die Stelle, wo die Elefanten den Strom
verlassen hatten. Die Fährten waren deutlich; ringsum sah man, wo das
Wasser von den großen Tierleibern herabgetropft war.
Es war kein Zweifel, daß die Tiere durch den Strom gekommen waren. Aber
wie? geschwommen?
„Nein, der Elefant ist (zu) schwer,“ sagten die Neger und behaupteten,
er sei ganz unter Wasser gewesen; nur das Rüsselende habe herausgesehen.
Ich füge nichts hinzu; es ist in jedem Falle merkwürdig, auch wenn es
eine Lüge der Neger sein sollte.
Da die Neger sagten, die Elefanten ständen ganz in der Nähe, folgte ich
der Fährte. Nach kurzer Zeit -- ich war noch gar nicht darauf gefaßt --
standen plötzlich beide Elefanten vor mir.
Sie hatten schlanke, dünne Zähne; es waren Kühe und ich hatte nicht
die Absicht sie zu schießen -- wie ich überhaupt nie eine Elefantenkuh
geschossen habe. --
Die Neger sagten mir in ihrer eigentümlichen Ausdrucksweise „_shauri
yako, lakini mali_“. („Wie du willst; aber die Zähne sind sehr
wertvoll!“)
Ich ging zum Strome zurück und ließ mir ein Boot holen, nahm eine
Bastleine mit einem Stein, fuhr über den Fluß und lotete bis zu
achtzehn Fuß Wassertiefe; der Wasserstand war in der Zeit schon
ziemlich hoch.
Da die Elefanten etwa elf Fuß hoch waren, müssen sie entweder
geschwommen sein oder, wie die Neger sagten, wirklich den Rüssel als
Luftleitung hochgehalten haben. Leider habe ich selbst nie Elefanten im
Strome gesehen.
Zu Fuß Elefanten zu folgen, ist eine anstrengende, oft vergebliche
Mühe; (zu Pferde wäre es eine Kleinigkeit). Das merkte ich, als ich
Elefanten photographieren wollte. Ich mußte dazu an die Plätze gehen,
wo die Elefanten bestimmt nachts ästen. Dort blieben aber die Tiere bei
Tage nicht, sondern zerstreuten sich in verschiedene, ganz unbestimmte
Richtungen und ich mußte ihnen dann folgen, bis gutes Licht zum
photographieren war.
Die ersten Aufnahmen -- die ich für die allerbesten zu halten Grund
hatte -- mißlangen vollständig, weil ich noch nicht dreist genug war
und jedesmal zu früh zur Büchse griff, wenn der Elefant mir gefährlich
wurde.
So war ich eines Morgens einem Elefanten schon in der Dunkelheit
gefolgt und ging hinter ihm her, um ihn zu photographieren, sobald es
hell genug würde.
[Sidenote: Allein mit dem Riesen.]
Ich ging ganz alleine; hatte die Büchse in der Hand und die Kamera
umgehängt.
Meine Leute hatten den Auftrag, mir erst nach Tagesanbruch zu folgen.
Ich wollte ganz alleine sein, weil ich dann von niemand gestört wurde
und weil es für jemand, der seine Sinne zusammennimmt, bei Jagd auf
gefährliches Wild wirklich das Sicherste ist, allein zu gehen; denn
viele Leute, viele Fehler.
Damit aber die Neger meiner Fährte schnell und sicher folgen konnten,
hatte ich mir die Taschen mit Papierschnitzel gefüllt, die ich von Zeit
zu Zeit fallen ließ.[24] Diese Vorsichtsmaßregel war sehr wichtig,
da ich auch die Gewohnheit hatte, Gegenstände, die mir lästig wurden,
abzulegen und in der Fährte liegen zu lassen, damit meine Leute sie
mitnähmen, und weil man einen Unfall haben kann, bei dem schnelle Hilfe
nötig ist.
Der Elefant ging ganz langsam durch den Busch und kam in eine offene
Ebene mit kurzem, saftigen Gras. Ich war meist nur vierzig Schritt
hinter ihm.
Er blieb oft stehen und nahm mit dem Rüssel Gras auf. Dabei krümmte er
das untere Ende des Rüssels wie eine Sichel, raffte die Halme zusammen,
riß ein Bündel ab und steckte es in den Mund.
Über eine Stunde war es schon hell, da machte ich die erste Aufnahme
(auf fünfzig Schritt, schräg von hinten).
Zum Glück ließ ich die Kassette auf der Erde liegen -- ich band ein
Taschentuch daran, deckte Gras über die Kassette um sie vor Sonnenlicht
zu schützen und ließ das Taschentuch darunter hervorsehen, damit die
Neger, die meiner Fährte folgten, darauf aufmerksam würden.
So wurde diese Aufnahme wenigstens gerettet.
Ich hatte jetzt nur noch eine Doppelkassette (zwei unbelichtete
Platten). Als der Elefant einen ganz sanften Abhang hinanstieg, lief
ich nach rechts und photographierte ihn von der Seite.
Da sah ich einen anderen Elefanten von links kommen und blieb stehen,
um zu beobachten, wann sich die Tiere gegenseitig bemerken würden. Als
sie etwa vierzig Schritt voneinander entfernt waren, blieb der Elefant,
dem ich folgte, stehen und wartete, bis der andere dicht vor ihm
vorübergegangen war. Dann aber drehte er sich ganz ohne Veranlassung
plötzlich um, so daß ich genau vor ihm stand, und spreizte beide Ohren.
Ich hatte die große Ruhe, jetzt die Kamera zu heben, zu zielen und zu
knipsen. Der Schlitzverschluß rollte auffallend laut; der Elefant hob
den Rüssel und schnaubte.
Er hatte mich bemerkt.
Ich stand fünfundzwanzig Schritt vor ihm; was tun?
Ich ließ die Kamera ins Gras fallen, hob schnell die Büchse und schoß.
Der Elefant brach vorne zusammen und rollte tot auf die Seite.
War es ein Gegner? War dies Aug in Auge mit dem Riesen ein Moment, in
dem es sich um Leben oder Tod handelte?
[Illustration: Der Elefant ging in kurzem Grase. Ich war fünfzig
Schritt hinter ihm, als ich die erste Aufnahme machte.]
Ich weiß es nicht; jedenfalls gehört es zu den seltensten Erlebnissen,
auf Wurfweite in ganz freiem Terrain mit einem wilden Elefanten allein
zu sein und von ihm bemerkt zu werden.
Leider ist die obenstehende Aufnahme die einzige von den dreien, die
gelungen ist. Die beiden anderen, auf die ich mich monatelang freute,
habe ich nie wieder gesehen und ich weiß nicht, wodurch die Platten
verdorben sind; vielleicht wurden sie beschädigt, als ich die Kamera
hinwarf.
Ein solcher Verlust ist sehr schwer zu vergessen; denn es gibt
keine besseren Beweise für die Wahrheit von Jagderlebnissen, als
Photographien, die in die Erlebnisse mitten hinein führen und einen
Teil der Aufregung und Gefahr schildern. Photographien sind viel
wertvollere Erinnerungen, als die Jagdtrophäen selber!
Leider fehlten mir oft Platten, so daß ich manche Gelegenheit,
wertvolle Aufnahmen zu machen, vorübergehen lassen mußte.
[Sidenote: Pirschzeichen und Fährtenfolge.]
Eines Tages aber hatte ich sechs gefüllte Doppelkassetten und war
in einer Gegend, in der Elefanten frisch zu spüren waren. Kurz vor
Sonnenaufgang gingen zwei Elefanten nahe bei meinem Zelte vorbei.
Schnell stand ich auf und bereitete alles vor, um zusammen mit
Unteroffizier Lauer die Fährte aufzunehmen, sobald es hell würde.
Fünf Stunden lang folgten wir der Fährte in heißem Sonnenbrand, ohne
auszuruhen. Je höher die Sonne stieg, um so schwieriger war es, das
Alter der Fährte zu bestimmen, was notwendig war, weil oft andere,
ältere Fährten dazwischen kamen, denen zu folgen natürlich zwecklos
gewesen wäre.
Wenn ich zum Beispiel zwei Fährten vergleiche: Ich nehme an, die eine
ist von gestern früh, die andere von heute nach Sonnenaufgang. Es ist
Trockenzeit; kein Regen; aber nachts fällt Tau.
Dann ist die Fährte von gestern früh den ganzen Tag über von der Sonne
beschienen worden; die Bruchstellen abgebrochener Blätter und Gräser
sind dadurch getrocknet. Danach ist der Nachttau in die Fährte gefallen
und hat alles gleichmäßig mit Feuchtigkeit benetzt.
Die Fährte von heute früh dagegen ist trocken, weil der Huf des
Wildes die Tauschicht durchbrochen und den trockenen Sand von unten
heraufgewühlt hat; abgerissene Blätter aber zeigen nasse, also frische
Bruchstellen.
[Illustration: Ich ging bis auf acht Meter hinan. Der größere Elefant
hatte sich hingeworfen und schnarchte.]
Das sind die Unterschiede zwischen zwei Fährten von verschiedenem
Alter. Je höher aber die Sonne steigt, um so feiner werden diese
Unterschiede; denn auch die heute früh abgebrochenen Blattstengel
fangen an zu trocknen und der Tau verdunstet. Das macht dann oft
viel Kopfzerbrechen. Aber es gibt für den aufmerksamen Fährtensucher
auch dann noch viele Merkmale, mit deren Beschreibung ich den deutschen
Jäger langweilen würde -- und meine übrigen Leser vielleicht noch mehr.
--
(Bald findet man eine Schramme an einem Baum, an einer Stelle, die nach
Westen liegt; ist diese Wunde an der Haut des Baumes so frisch, daß man
annehmen kann, die Nachmittagssonne des vorigen Tages habe nicht darauf
geschienen, so wird man sie mit den Elefanten von heute in Verbindung
bringen.) Andere wichtige Merkmale sind: der Zustand der Losung;
Wassertropfen und Schlamm an Stellen, wo der Elefant durch einen Sumpf
gegangen ist. Aus alledem geht hervor, daß der Jäger, wenn er eine
Fährte beurteilen will, an die Witterung der letzten Tage denken muß
und daß er die Veränderungen kennen muß, denen eine Fährte unterworfen
ist.
Wenn man einer Fährte schon meilenweit gefolgt ist, kennt man sie meist
schon genau an der Größe und Form der Fußabdrücke, an dem Schrank und
der Entfernung der Tritte voneinander, so daß es dadurch wieder etwas
leichter wird, Fehler zu vermeiden.
Je länger man einer Fährte folgt, um so stärker wird der Wunsch, Erfolg
zu haben; es ist so, als ob man viel Kapital in eine Sache gesteckt
hat und es nicht ganz verlieren will. Deshalb ist es sehr ärgerlich,
wenn man nach fünf Stunden an eine Stelle kommt, wo die Fährten so
undeutlich kreuz und quer gehen, daß niemand aus noch ein weiß.
So ging es uns heute, und mein Begleiter, der mir sagte, er kenne
solche Sachen, wie ich sie hier machte, nur aus dem Lederstrumpf,
glaubte nicht an den Erfolg und hatte längst den Mut verloren.
Als die exakte Methode (von dem letzten mit Sicherheit beobachteten
Fußabdruck den folgenden zu suchen und keinen zu überspringen) zu
keinem Resultat führte, ließ ich in größerer Entfernung suchen und da
fanden wir die Fährte wieder.
Wir kamen aus der Schilfebene in hohen Buschwald mit hartem Boden. Die
Fährten der großen, schweren Tiere waren hier wirklich kaum zu sehen;
die Schalen einer kleinen Antilope drücken sich im Boden deutlicher ab,
als die breiten, weichen Kissen[25], die der Elefant unter den Füßen
trägt, und er geht damit so leise, daß man ihn kaum hört.
Auf unserm Wege erlebten wir noch einen Zwischenfall: Ich sah auf einem
Baume einen Geier sitzen und schickte einen Neger hin, der nachsehen
sollte, ob ein Stück Wild dort gefallen sei. Der Neger kam entsetzt
zurück und führte uns zu der Leiche eines Mannes, der offenbar erst
in der letzten Nacht getötet worden war. Die linke Brust war häßlich
zerfleischt. Deutliche Fährtenabdrücke im Staube verrieten den Täter:
einen starken Löwen.
Später erfuhren wir den Zusammenhang:
Der Löwe hatte den Neger in der Nacht aus einer Hütte geholt, die vier
Kilometer von dem Platz entfernt war, an dem wir den Toten fanden.
Ein Bote benachrichtigte die Neger des Dorfes, die schon, bis an die
Zähne bewaffnet, der Fährte des Löwen gefolgt waren, die Verfolgung
aber aus Feigheit aufgegeben hatten und sich statt dessen an Pombe
betranken.
[Sidenote: Bei den Elefanten.]
Wir folgten der Fährte der Elefanten weiter und kamen in ein Tal, in
dem uns eine scharlachrote Blätterwand schon von weitem auffiel. In
Deutschland ist der Herbst die Jahreszeit der bunten Blätter, in Afrika
offenbar der Frühling, der Anfang der Regenzeit. Man denke sich die
zarte, blutrote Farbe junger Eichentriebe von Baum zu Baum fortgesetzt
auf eine weite Strecke hin; darunter das satte Grün junger Gräser: so
war das Bild, das wir hier sahen.
Sieben und eine halbe Stunde waren wir unterwegs, als wir das rote Tal
durchquerten und auf der anderen Seite plötzlich die Elefanten vor uns
sahen. Der eine stand mit dem Kopf im dichten Laub eines Baumes, der
andere außerhalb im Schatten.
In dieser Stellung lohnte es nicht, eine Aufnahme zu machen; deshalb
wartete ich geduldig und verabredete mit meinem Begleiter, wie wir es
anstellen wollten, heute eine Reihe guter Elefantenbilder zu machen.
Ich wollte ohne Gewehr an die Elefanten hinangehen, um zu
photographieren, er sollte mit der Büchse bereitstehen, um im Notfalle
zu schießen.
Wir setzten uns ganz gemütlich hin und frühstückten in der seltenen
Nachbarschaft zweier Elefanten mit einer Ruhe, als hätten wir den
Erfolg schon in der Tasche.
Endlich bewegten sich die Elefanten; der außerhalb des Baumes stehende
drängte den anderen zur Seite. Nun hatten sie beide nicht in dem Laub
des Baumes Platz und gingen weiter.
Da kamen sie in den Sonnenschein und blieben, wie schlaftrunken, schon
an dem nächsten, hochstämmigen Baume stehen, der sehr wenig Schatten
gab. Das war mir sehr willkommen.
Der Wind war gleichmäßig, so daß ich nicht zu fürchten brauchte,
bemerkt zu werden.
[Sidenote: Photographische Aufnahmen.]
Ich ließ meine Büchse an einem Strauch stehen und schlich langsam mit
der Kamera dem Elefanten näher. Als ich auf etwa fünfzehn Schritt hinan
war, warf sich der rechtsstehende, größere Elefant plötzlich hin und
begann laut zu schnarchen.
Diesen Augenblick völliger Unbefangenheit benutzte ich, um mich den
Tieren auf acht Meter zu nähern; ich stellte die Entfernung an der
Kamera ein und machte eine Aufnahme. (Abbildung Seite 251.) Von dem
liegenden Elefanten sah ich nur die Wölbung des Leibes; ich hielt
deshalb die Kamera hoch über den Kopf, um unter allen Umständen
wenigstens eine Spur von dem Schläfer auf der Platte zu bekommen als
Beweis, daß der Elefant auch in der Wildnis liegend schläft, wenn er
sich sicher fühlt. Auf der Abbildung Seite 251 sieht man denn auch die
Wölbung des Leibes und die Säulen die nach rechts liegen. (Der Elefant
lag auf der rechten Seite; der Rüssel zu mir her. Dicht vor mir im
Grase hörte ich das Schnauben zu meinen Füßen.)
Der stehende Elefant hielt Wache. Er schlug sich die Gehöre in
gleichmäßigem Takt nach vorn über die Luser, um die Insekten zu
verscheuchen und dem Rüssel Wind zuzufächeln. Mit dem Schwanz vertrieb
er die Insekten hinten.
Auf dem Bilde sieht man die riesigen Gehöre, in denen dicke
Blutadern laufen; unter dem linken „Ohrläppchen“ sieht der
Elfenbeinzahn hervor. Die Hautfalten sind recht deutlich zu
erkennen; dies, ebenso wie die unscharfen Gräser im Vordergrunde
sind dem Kenner ein Anhalt dafür, zu beurteilen, wie nahe ich dem
Elefanten war. (Seite 251.)
Nach einer Zeit von etwa zwanzig Minuten wandte sich der stehende
Elefant dem liegenden zu und stieß ihn mit seinen Zähnen an. Darauf
erhob sich der Schläfer und war noch nicht ganz hoch, als sich der
andere schon träge fallen ließ und mit wahrer Wollust schnarchte.
Der große Elefant war so aufgestanden, daß er jetzt breit zu mir stand
und es war jetzt ein Wagnis, ihm näher zu gehen, weil ich das Auge des
Elefanten genau sah und unter dem Eindruck stand, als ob er mich auch
sehen müsse; ich stand zehn Schritt von dem Elefanten, dessen Auge auf
mich gerichtet war und redete mir ein, daß dies Auge blind sei.
Ich duckte mich nieder und kroch noch einmal zu Lauer zurück, um die
belichteten Kassetten abzuliefern und genau zu verabreden, was Lauer
tun sollte, wenn der Elefant mich plötzlich bemerkte.
Es waren Stunden, die verdienen, geschildert zu werden; denn so
dreist mit dem riesigen Wild umzugehen, hieß für uns wenigstens mit
Vorurteilen brechen, die sich aus allem, was wir bisher gehört hatten,
bei uns eingeprägt hatten. Es hieß auf das eigene Geschick und auf die
Dummheit[26] (oder Unaufmerksamkeit) der Elefanten bauen. Aber ein
mächtiger Ehrgeiz trieb mich: Der Gedanke diese Bilder später zeigen zu
können.
Der stehende Elefant faßte mit dem Rüssel Grasbüschel und schlug sich
damit unter den Körper. Der Rüssel, die Gehöre, der Schwanz waren
dauernd in Bewegung.
Der Elefant nahm mit dem Rüssel Erde auf und warf sie sich über den
Rücken; dann legte er den Rüssel über den rechten Zahn und wickelte ihn
sogar ganz herum.
Lauer und ich photographierten uns jetzt gegenseitig, mit der Büchse
vor dem Elefanten stehend (siehe das dem Buch vorgeheftete Bild).
Es wird wohl das erstemal sein, daß ein Jäger vor einem afrikanischen
Elefanten stehend photographiert wurde: daß Wild und Jäger auf
derselben Platte gezeigt werden, während der Elefant nichts davon ahnt.
Als ich wieder dicht vor dem Elefanten stand, erhob sich plötzlich der
zweite, kleinere, und reckte den Kopf und Rüssel hoch in die Luft, --
er gähnte --. Diese merkwürdige Stellung wollte ich festhalten, hob
den Apparat schnell und knipste, kam aber einen Augenblick zu spät;
denn wie die Abbildung Seite 261 zeigt, hat der Elefant im Moment der
Aufnahme den Rüssel bereits nach hinten gelegt, und weil ich mit einem
zu kurzen Ruck abknipste, ist das Bild ein wenig „verwackelt“.
Die Abbildung Seite 261 ist leider nicht ganz scharf. Die Gehöre
des nächststehenden Elefanten sind in Bewegung. Das Auge ist zu
erkennen, ebenso der linke Zahn. Von dem zweiten Elefanten, der
sich gerade aufrichtet, sieht man nur den linken Zahn hoch oben in
der Luft und den nach hinten gebogenen Rüssel.
Jetzt standen beide Elefanten Rücken an Rücken, wie die Abbildung Seite
263 zeigt.
Als ich meine zwölf Platten belichtet hatte, nahm ich die Büchse zur
Hand, ging zur Sicherheit auf etwa dreißig Schritt zurück und wollte
versuchen, wann die Elefanten auf mich aufmerksam würden, wenn ich mich
absichtlich bemerkbar machte.
Wenn ich über den Wind gegangen wäre, hätten sie mich sofort gewittert;
darüber war kein Zweifel. Auch war mir klar, daß der Elefant aufmerksam
auf mich werden mußte, wenn ich heftige, schnelle Bewegungen gemacht
hätte.
Wir standen beide vor einem kleinen Busch und fielen nicht allzusehr
auf; dennoch ist es merkwürdig, wie spät uns die Elefanten bei den
nun folgenden Versuchen wahrnahmen, wie lange es dauerte, bis sie
mißtrauisch wurden.
Ich pfiff zuerst die Signale einiger Vögel.
Jedesmal hielt der uns zunächst stehende Elefant die Gehöre einen
Augenblick still, setzte aber das Klappen fort, sobald ich verstummte.
Auch den Kehrreim des „Star“ von Oskar Straus hörte sich der Elefant
mit stillstehenden Gehören an und beruhigte sich darüber.
Als ich das ganze Lied pfiff, drehte er sich halb um, auf mich zu.
Einen ganz geringen Verdacht, daß das Pfeifen von einem fremden Vogel
herrühre, hatte er schon, und als ich ein anderes Lied anfing, wandte
er mir den Kopf ganz zu, spreizte die Gehöre, hob den Rüssel hoch über
den Kopf, wie um Wind zu suchen und stieß einen schwachen, trompetenden
Ton aus. Dann drehte er sich um, und beide Elefanten gingen.
[Sidenote: Spaziergang hinter einem Elefanten.]
Nun lief ich hinterdrein und schrie laut, um die Elefanten zu reizen.
Anfangs beschleunigten sie ihre Tritte, dann drehten sie sich um und
prusteten unwillig. Sofort blieb ich stehen und war still, so daß die
Elefanten wieder keinen Anhalt hatten, wo und wer ich war. Sie trabten
so schnell davon, daß ich das Spiel aufgeben mußte.
Todmüde, aber sehr zufrieden mit dem Erfolg des Tages kamen wir erst
gegen neun Uhr am Abend ins Lager.
Gewiß hatte ich mehr von meinen Bildern erwartet als ich einige Monate
später auf den entwickelten Platten sah (ich entwickelte damals noch
nicht selbst im Zelt); aber schon diese Bilder fanden großes Interesse;
waren es doch die getreuesten Urkunden für das, was ich erlebt und
gesehen hatte.
Zum Glück plagte mich damals noch keine Sorge, ob ich die wertvollen,
kaum zu ersetzenden Aufnahmen auch heil bis dorthin bringen würde, wo
die ersten fertigen Kopien dem Kamerajäger die Beruhigung geben, daß
seine Trophäe für alle Zeiten gerettet ist; ich schlief fest und gut
nach den Anstrengungen der Fährtenfolge.
Am nächsten Morgen lag dicker Nebel über dem Fluß und den weiten
Schilfniederungen des Tals.
Ich war lange vor Sonnenaufgang unterwegs, um zu pirschen und kam
in einen Wald von Mangobäumen, in dem es stark nach faulenden
Mangofrüchten und nach Elefantenlosung roch.
Ein Neger ging vor mir, er wollte mich an eine Stelle führen, wo ein
starker Buschbock sei.
Plötzlich bückte er sich, wandte sich um und sagte:
„_Eh! bana!_“
Er war mit dem Fuß gegen einen Berg Elefantenlosung gestoßen und hatte
gefühlt, daß sie noch warm war.
Da ging ich ganz vorsichtig weiter und hörte plötzlich ein lautes
Schütteln vor mir in den Bäumen; dann raschelten Dutzende von Früchten
durch die Zweige und Blätter hernieder und klatschten auf den Boden:
Affen oder Elefanten!
Ich blieb stehen. Das Schütteln wiederholte sich etwa alle fünf
Minuten. Allmählich wurde es heller und ich sah unter den dunklen
Bäumen, zwischen säulenartigen Stämmen einen großen Elefanten stehen.
Er ging auf einen starken Baum zu, hob den Kopf, nahm den Stamm
zwischen die beiden langen, hellgelben Zähne, legte den Rüssel an dem
Stamm entlang senkrecht nach oben und brachte den Baum durch Vor-
und Zurückwiegen seines ungeheuren Körpers in Bewegung. Die Früchte
prasselten nieder. Der Elefant ging mit kleinen, langsamen Schritten
rund um den Baum, nahm mit dem Rüssel die Früchte einzeln auf und
steckte sie in den Schlund.
Er wiegte sich gemütlich auf den Säulen[27] hin und her; die großen
Ohren bewegten sich langsam, wie Segel, die bei Flaute an den Mast
schlagen.
Er ging zum nächsten Baum und begann dasselbe Geschäft. Dann ging er
weiter; ich folgte ihm, auf den Zehen laufend, mit geschultertem Gewehr
wie eine Schildwache, so dicht, daß ich die Ausführung der bekannten
Wette für möglich hielt, dem Elefanten unbemerkt einen Kreidestrich auf
den Hinterschenkel zu machen!
Der Elefant ging zwischen hohem Gras auf einem ausgetretenen Wege. Ein
kleiner Elefant kam „uns“ auf diesem Wege entgegen. Mein Vordermann
blieb stehen, bis der andere mit ihm Kopf an Kopf stand und die
Elfenbeinzähne zusammenklappten. Wohl dreißig Sekunden standen sie so,
ohne daß einer Lust zeigte auszuweichen. Dann ging mein Elefant weiter
und schob den kleinen rückwärts, bis er nach der Seite auswich und nun
auf mich zukam.
Ich ging vom Wege ab und drückte mich seitlich in das Gras, war aber
höchstens zwanzig Schritt weit gegangen, als ich mich niederducken
mußte; denn der Elefant war schon zu nahe und ich glaubte, daß er mich
sehen und hören müsse, wenn ich weiterging.
Der Elefant ging ganz ruhig auf dem Wege; aber als sein Rüssel über
die Stelle schlenkerte, wo meine letzte Fährte war, schnaubte er und
lief erschreckt nach der andern Seite. Dort verschwand er zwischen den
Büschen.
Zum Glück hatte der andere Elefant nichts davon gemerkt.
Ich folgte ihm wieder und traf nach etwa einer Stunde mit zwei anderen
Elefanten zusammen, die beide nur den rechten Zahn hatten.
[Sidenote: Rappantilope und Löwen.]
Da sah ich plötzlich den Kopf einer Rappantilope hundert Schritt von
mir aus dem Grase herüberäugen. Ich hatte noch keine dieser schönen
Antilopen geschossen, ließ sofort von dem Elefanten ab und gab der
Rappantilope einen Schuß auf den Stich. Deutlich hörte ich den
Kugelschlag und der Bock stürmte in rasender Flucht in das Schilf
hinein. Ich wußte recht genau, wie er getroffen war und daß er nicht
weit gehen würde, wollte aber die Schweißfährte doch erst nach einer
Stunde aufnehmen, um den Bock nicht zu verlieren und pirschte deshalb
weiter.
Ich hatte gerade die Kamera in der Hand, um einen merkwürdigen
Termitenhügel zu photographieren und suchte nach einem günstigen
Standpunkt im Schilf, als dicht vor mir ein Knurren ertönte und meine
Begleiter gleichzeitig mit dem Schreckensruf „_simba_“[28]
zurückstürzten. Ich sprang schnell auf den Termitenhügel zu, stieß die
Kuppe ab und stellte mich mit der Kamera obendrauf, konnte aber den
Löwen nur noch eben im Grase verschwinden sehen.
Da raschelte es hinter mir und ein zweiter Löwe suchte in dem dichten
Grase das Weite.
Pech! hätte ich doch wenigstens schnell zur Büchse gegriffen, aber ich
dachte wirklich, ich könnte eine Aufnahme machen!
[Illustration: Hinter dem ersten Elefanten richtete sich der zweite
auf, hob den Rüssel hoch in die Luft und krümmte ihn nach hinten.]
[Illustration: Die beiden Elefanten blieben unter einem hohen Baume
stehen, der sehr wenig Schatten bot.]
Jetzt krabbelten mir die fleißigen Termiten an den Beinen hoch und
zwackten mich und, um bei meinem Ärger Seelenruhe zu heucheln,
betrachtete ich die Höhle, die sichtbar geworden war, weil die Kuppe
des Hügels fehlte.
[Illustration: Gehörn einer Rappantilope.]
Wie aus einem Schlot stieg heiße Luft daraus hervor. Die kleinen,
dickköpfigen Termiten, in deren Staatswesen Liebe und Arbeit so streng
getrennt sind, kamen herauf und brachten aus der dunklen Tiefe neue
Erde, um den Schaden auszubessern. Zwischen den Arbeitern standen,
wie Schutzleute im Straßengewühl, Aufseher mit großen Kopfzangen,
ermunterten die Ankömmlinge, wiesen ihnen die Richtung des Weges an und
trieben Säumige, die ihren Baustein schon angeklebt hatten und sich an
der frischen Luft verpusten wollten, zu beschleunigter Rückkehr an.
Ich zeigte meinen Leuten den „_Nyampara_“ (Aufseher) und die
fleißigen Arbeiter -- nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, daß auf unseren
Plantagen die großen Zangen schon beinahe rudimentär geworden sind.
Ich war einer Büffelfährte gefolgt und dabei in die Nähe des Lagers
gekommen, und hatte keine Lust, den Rappbock selbst zu suchen: deshalb
schickte ich einige Askari und Neger hin. Die kamen gegen Abend wieder
und sagten, der Bock sei nicht zu finden und setzten hinzu, ich hätte
vorbeigeschossen.
Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen!
So mußte ich denn am nächsten Morgen selbst hinaus, erlegte ganz in der
Frühe einen Riedbock und einen Buschbock und kam gegen acht Uhr an die
Stelle, wo ich die Rappantilope geschossen hatte.
Da saßen auch schon Geier auf einem Baume und als ich näher kam,
erhoben sich gegen vierzig dieser afrikanischen Totverweiser von einer
Stelle, wo mein Bock lag; kaum hundert Meter vom Anschuß: die Neger
waren doch einmal wieder überführt worden, daß ich niemand ausschickte,
wenn ich nicht getroffen hatte, und daß sie unzuverlässig arbeiteten.
Der Bock war nur an den Lichtern, dem Geäse und an anderen leicht
zugänglichen Stellen angefressen.[29]
Ich hatte jetzt drei sehr verschiedene Antilopen im Lager beisammen:
den Buschbock,[30] den Riedbock[31] und die bunte Rappantilope.[32]
Die Rappantilope war besonders schön. Der Reichtum an verschiedenen
Haarfarben, von schwarz über rotbraun bis weiß, war auffallend. Der Bug
und Rücken waren schwarz; Hals, Kopf und Luserspitzen rot, die Luser
innen weiß. Die Grundfarbe des Kopfes war schwarz, dazwischen liefen
weiße und rote Linien. Der Hals und Rücken waren bis dreiviertel der
Körperlänge von einer dunklen Mähne bedeckt.
Es gab auch Elefantenjagden, die gar nichts Besonderes boten: ein Schuß
aus kurzer Entfernung; der plumpe Riese sinkt zusammen und, wenn er
nicht allein war, laufen die übrigen davon.
[Sidenote: Die Poesie des afrikanischen Weidwerks.]
Über die Landschaft, den Himmel und die Umgebung, in der die Jagden
stattfanden, könnte ein deutscher Jäger mit tiefer Empfindung
schreiben; und es ist ein Wahn, zu glauben, dem afrikanischen Weidwerk
fehle die Poesie. Was ist Poesie beim Weidwerk?
Poesie ist etwas rein Subjektives.
Der Mensch trägt es hinein in einen Gegenstand; dann ist es darin.
Dem Jäger ist das Wild untrennbar von der Umgebung, in der es lebt; dem
deutschen Jäger der Rehbock untrennbar vom deutschen Wald. Da er das
Ausland nicht kennt, sind für ihn ausländische Tiere nur Zoologika.
Hinter Eisenstangen kennt er die großen Elefanten, die trägen
Nashörner, die schlanken, großäugigen Giraffen, die plumpen Nilpferde
und die vielen Antilopen, (die man unmöglich unterscheiden kann!) und
die -- ein verächtliches Achselzucken -- schwarze Hornknüppel auf dem
Kopfe tragen.
Anschauung fehlt. Und wer von afrikanischen oder indischen Jagden
erzählt, darf nicht vergessen, erst die Natur zu schildern, in der das
mächtige Leben sich harmonisch entwickelt. Sonst können sich seine
Zuhörer nicht von dem Bilde der Menagerie losmachen; denn daher allein
stammt ihre Anschauung.
Ist ihre Phantasie geschickt in die weiten Steppen hineingelockt, auf
die steinigen Hügel oder in die großen Sümpfe, dann werden sie auch
mit „regsamem Sinn den tiefen und mächtigen Eindruck empfinden, den
die Fülle des Lebens erzeugt“;[33] dann werden sie fühlen, daß ein
lebensfroher Mensch sich auch einer fremden Natur angliedern kann, als
sei er in ihr groß geworden, dann wird der deutsche Jäger das Vorurteil
aufgeben, die Liebe zum Wild beginne unter den deutschen Kiefern.
Nein: Weidwerk, genau wie es in der Heimat besteht, beginnt da, wo der
Mensch anfängt, die Tiere zu kennen und ihre Gewohnheiten innerhalb der
wundervollen Natur zu verstehen.
An afrikanischen Jagden interessiert das Publikum nur zweierlei:
Die Gefahr (deren Begriff sich in Verbindung mit dem Schwarzwild
mühsam im deutschen Wald hält) und ungeheure Strecken (die doch nur zu
rechtfertigen sind, wo sie der Jäger als Heger, als Züchter aufzeichnen
kann, nicht aber in der Wildnis, wo das paradiesische Leben sich seit
Urzeit selbst reguliert, wo jeder zu große Eingriff ein Raub ist und
das Wildbret zwecklos verfault).
Eins war jedesmal groß: der Tod eines Elefanten.
Die letzte Bewegung geht durch den Riesenleib. Kurz danach stoße ich
ihn mit dem Fuße an: eine träge, leblose Masse.
Ist es nicht das Herrlichste, was ich ihm nahm, das Wunderbarste: das
Leben?
Unwiederbringlich!
Allein mit dem Toten.
Hier endet ein uraltes Leben, und weit sehe ich im Geiste die Reihe
seiner Ahnen zurück.
[20] „Posten!“
„Ja?!“
„Was ist das für ein Lärm?!“ (Man beachte die Klangmalerei,
die in dem Wort _kělḗlě_ liegt!)
„Elefant!“
[21] Ndofu = Elefant.
[22] „Er kommt.“
[23] Risassi = Patronen.
[24] Ein Zufall war es, daß die Zeitschrift, die ich zu solchen
Zwecken zerschnitt, „Brücke zur Heimat“ hieß. Dies damals neue
Blatt bekamen wir jedesmal in vier Exemplaren, und während
ich einmal schnippelte, fiel mir ein, daß die Papierschnitzel
recht gut eine „Brücke zur Heimat“ werden konnten, wenn
ich mich auf ihrer Spur zu meinem Lager zurückfand und
so vielleicht Hunger und Durst entging. Wir nannten die
sinnreiche Einrichtung der Schnitzeljagd seitdem immer „Brücke
zur Heimat“.
[25] Von zwei Meter Umfang!
[26] Welch plumper Ausdruck!
[27] So nennen die Afrikaner sehr schön die Beine des Elefanten,
weil „Läufe“ dem Sprachgefühl zu zierlich und zu leicht klingt.
[28] _simba_ = Löwe.
[29] Verzeihung: angeschnitten.
[30] Siehe Bild Seite 175; 1.
[31] Seite 175; 3.
[32] Seite 265.
[33] A. v. Humboldt: Ansichten der Natur.
[Illustration: Schädel eines Nashorns, das ich am Paregebirge im August
1906 erlegte.]
Nashornjagd.
[Sidenote: Nashörner.]
Als ich die Elefantenbilder gemacht hatte und gezeigt, daß sich ein
sorgfältiger Pirschjäger dem afrikanischen Elefanten ebensogut mit der
Kamera wie mit der Büchse nähern kann, fanden sich viele, die sagten:
„Ja, aber das Nashorn, das sollten Sie mal vor die Büchse kriegen, da
wird Ihnen anders!“
Und es würde mir wahrscheinlich heute noch geantwortet, daß die
Hauptbeschäftigung des Nashorns sei, Menschen aufzuspießen, und
daß ich mit diesem leibhaftigen Satan zusammenkommen müsse, um zu
erfahren, wie einem Kulturmenschen zumute wird, wenn er einem Nashorn
„in der Wildnis“ gegenübersteht: wenn ich nicht selbst Nashörnern
gegenübergestanden hätte.
Berichte nervöser Männer sind an solcher Meinung schuld!
Ich freue mich deshalb, daß ich Nashörner geschossen, beobachtet
und photographiert habe, und daß außer dem Gorilla, den ich selbst
noch für den gefährlichsten Gegner eines Jägers halte, kein Tier der
Fauna Afrikas übrig ist, auf das ich nicht gejagt habe und über dessen
Verhalten ich nicht selbst in der kurzen mir zu Gebote stehenden Zeit
Erfahrungen gesammelt habe.
Die Nashörner sind Pflanzenfresser und haben keinen Grund, dem Menschen
nach dem Leben zu trachten, solange sie sich nicht belästigt und
angegriffen fühlen.
Dann allerdings beginnt die Gefahr, für die jeder, der von Jugend
auf dem Weidwerk huldigt und Soldat gewesen ist, doch wohl genügend
gerüstet sein dürfte!
Vergeblich bin ich mit der Kamera dem satten und deshalb
menschenscheuen Massailöwen nachgelaufen; ich habe keine Bilder
mitbringen können, weil die wenigen Löwen, die ich mit eigenen Augen
sah, flüchteten; scheuer waren, als alle anderen Tiere.
Aber Nashörner habe ich noch gefunden und photographiert.
Und von der erfolgreichsten Pirsch auf diese starken, ungeheuren
Dickhäuter will ich erzählen.
Während noch vor drei Jahren am Kilimandscharo Nashörner in der offenen
Steppe ein geradezu häufiges Wild waren, habe ich lange suchen müssen,
bis ich das erste Nashorn in so freiem Terrain traf, daß ich es
photographieren konnte.
Die Buren haben sich durch den leichten Verdienst locken lassen und
haben die Nashörner niedergeknallt, wo sie irgend zu erreichen waren.
Meist töteten sie die Tiere nur um die Hörner mitzunehmen.
Als ich nach Arusha kam, begegnete mir kurz vor dem Städtchen ein Neger
mit fünf Doppelhörnern, die sein „Herr“ erbeutet hatte. Das längste
Horn war handlang. Einige waren so klein, daß beide Hörner zusammen
noch nicht ein Pfund wogen. Für ein Pfund Horn wird am Kilimandscharo
vier Mark gezahlt; für den Preis eines Hasen wird ein solch wertvolles,
riesiges Tier getötet! Und alle fünf Nashörner brachten dem glücklichen
Schützen vierzig Mark ein; das ist soviel, wie er nach dem Jagdgesetz
für jedes einzelne Tier Schußgeld an den Staat zahlen müßte.
Aber ich will hier nicht von den Buren sprechen; sonst müßte ich auch
ihre großen Vorzüge und alle ihre Fehler nennen und dazu fehlt mir der
Raum. Außerdem glaube ich, hätten hundertundzwanzig Deutsche, unter
denselben Bedingungen (in derselben wirtschaftlichen Lage) an den Meru
gesetzt, nicht anders gehandelt, als die Buren es taten; und wenn jeder
einzelne nur soviel geschossen hätte, wie ein reisender Sportsmann
schießt, dann wären die Nashörner ja auch schon vernichtet. Die weißen
Männer sind den natürlichen Schätzen eines Landes gegenüber nicht
besser als jene Horden König Etzels. Darüber wollen wir uns nicht mehr
wundern. Und wenn von dreien, die hinausgehen, zweie erzogen sind, so
wird der dritte, unerzogene allein imstande sein, zu vernichten. Die
andern werden ihm bald helfen, weil ihre Enthaltsamkeit „doch nichts
nutzt“.
Es war während einer Jagdreise, die ich im Herbst 1906 in die
Massaisteppe machte; ich hatte sechzig Neger und keinen Europäer mit
mir.
An einem einsamen Berge in der Steppe hatte ich mein Lager
aufgeschlagen, um ungestört Löwen und Nashörner photographieren zu
können. Tagelang war ich vergeblich umhergestreift, ließ aber den Mut
nicht sinken, weil ich die Gegend täglich besser kennen lernte; weil
Löwen da waren und Nashörner zur Tränke kamen.
Eines nachts schlief ich dem Berge gegenüber in einem trockenen
Flußbett und erwachte, wie gewöhnlich, kurz vor Sonnenaufgang.
Schnell weckte ich die Neger, die mit mir gehen sollten, und ging auf
den Berg los.
Ich kam zu der ersten Wasserstelle, fand aber dort keine Spuren und
ging am Rande der Busch- und Graszone zu der zweiten Wasserstelle.
Die roten Böcke,[34] die ich täglich sah, standen wieder nahe beim
Wasser.
Sollte ich auch heute keinen Erfolg haben? Ich blieb stehen; stumm
standen auch meine Neger da.
Hoch über mir starrte die Steinkuppe des Berges kalt und unbewölkt in
den flimmernden Äther. Die letzten Sterne konnte ich gerade noch sehen,
wie sie herabsahen auf erwachende Menschen, auf Tiere, die zur Ruhe
gingen. Dann goß die Sonne ihr Licht über die krausen Baumwipfel und
traf mich noch nicht, denn ich stand im Schatten des Berges.
Es wird ein Tag wie viele andere; der müde Mittag kommt, der Hoffnung
und Kraft ganz klein sieht und der Abend, der neue Wünsche weckt für
den nächsten Morgen; der nächste, der bringt die Erfüllung!
Der Speerträger weckte mich aus meinen Träumen. „Weiter,“ sagte er
halb fragend, halb ermunternd. Und als läge alle Schuld des Mißlingens
bisher an uns, an mir und meinen Leuten, ermahnte ich sie noch einmal
und sagte in ernstem Ton: „Schari, ich trage die Büchse selbst; du
trägst nur das Doppelglas und gibst es mir, sobald ich stehen bleibe.
Hamiß, du bleibst dicht bei mir mit der Kamera und -- hab keine Angst!“
„Pangani, Muarico, Kinassa und Garehia, ihr haltet die Fährte, wenn
wir eine finden. Ihr andern alle bleibt etwas zurück. Keinen Laut! und
hinlegen, sobald Wild vor uns ist!“
Die Übersicht wurde weiter. Ich schickte einen Massai in die Ebene; der
sollte langsam in derselben Richtung gehen, wie wir, Bäume besteigen
und ausgucken, ob Löwen zum Walde gingen oder Nashörner vom Walde in
die Ebene.
Bald waren wir unterhalb der Stelle, an der ein Bergbach versickert.
Muarico zupfte mich am Rock. „Nashorn,“ flüsterte er, „kommt vom
Wasser, geht in die Ebene.“
„Nieder,“ winkte ich meinen Leuten; außer Muarico hatte keiner etwas
gesehen.
Ich drückte mich so schnell, als es ohne Geräusch möglich war, an die
Büsche hinan, auf die Muarico zeigte. Der kam nicht mit; er hatte vom
letzten Male genug!
[Illustration: Das Nashorn stand so, daß ich die Gestalt bis zu den
Füßen sehen konnte, fünfzehn Schritt vor mir.]
Aber ich fand einen ausgetretenen Wechsel mit der ganz frischen
Fährte eines Nashorns, konnte den schmalen, grasfreien Pfad fünfzig
Schritt weit hinabsehen und wußte, daß das Tier auf dem Heimweg war.
Ich sagte meinen Leuten, daß ich dem Wechsel folgen wollte und daß ich
das Nashorn so lange beobachten müsse, bis die Sonne hoch genug sei zum
Photographieren.
Die Fährte war so deutlich, daß ich, ihr folgend, laufen konnte.
Bevor ich die offene Steppe erreichte, sah ich den Massai von unten
gelaufen kommen. Er meldete, das Nashorn -- er mußte ja dasselbe Tier
gesehen haben -- gehe langsam in die Steppe.
„Hat es Wind?“
„Nein.“
[Sidenote: Hinter dem Nashorn.]
Ich lief so schnell ich konnte; als ich aus dem Walde kam, sah ich das
Tier. Endlich was ich ersehnte: Ein Nashorn, das mich nicht witterte,
in offener Steppe; also ganz in meiner Macht. Von mir hing es nun ab,
von meiner Kunst, unbemerkt zu bleiben und das Tier nach Herzenslust zu
beobachten, wie ich es früher mit dem Elefanten getan hatte.
Ich ließ die Leute in weiter Entfernung folgen, damit auch wechselnder
Wind dem Tiere nicht Witterung bringen könnte.
Alle Umstände waren für meinen Zweck günstig: Die Sonne hatte ich
im Rücken, den Wind im Gesicht. Und das schien so zu bleiben; denn
der schmale, ausgetretene Wechsel, in dem das Tier ging, behielt die
Richtung nach Westen.
Ich ging siebzig Schritt hinter dem Nashorn. In dem ganz offenen
Terrain sah ich jede Bewegung des Dickhäuters. Er ging durch ein
trockenes Flußbett, blieb am anderen Ufer stehen und knabberte Zweige
von einem Dornstrauch. Dann ging er weiter und hielt den Kopf gesenkt.
Alle zweihundert Schritte blieb er stehen, stellte sich, wie sichernd,
halb quer zum Weg und näßte.[35]
Eine halbe Stunde ging es so weiter.
Grantgazellen, die nahe am Wege standen, äugten neugierig auf den
plumpen Gesellen und auf mich, sein Gefolge. Sie flüchteten nicht; wir
sahen zu harmlos aus.
Von links kam ein Rudel Zebras mit dem Wind; zwölf bunte Steppenpferde.
Sie mußten mit dem Nashorn zusammentreffen.
Als sie mich auf hundert Schritt hatten, sicherten sie. Das Nashorn
ging weiter. Ich mußte folgen; denn ich durfte das Tier nicht aus den
Augen verlieren und mußte vermeiden, mit ihm unverhofft nachher wieder
zusammen zu treffen.
Als ich den Zebras näher kam, wurden sie flüchtig; die trockenen Gräser
knisterten und Steinchen gaben peitschenden Klang. Das Nashorn stutzte,
hob den Kopf und richtete die beiden Trichterohren nach dem Geräusch
hin.
Als das Klappern der Hufe hinterm Hügel verklang, stand das Tier noch
einen Augenblick bewegungslos, wie um zu überlegen. Es glaubte vor sich
die Gefahr, die es selbst nicht wahrgenommen hatte, die aber die Zebras
durch das Auge erkannt hatten.
Als sich nichts mehr rührte, bog das Nashorn mit rechtsum von seinem
Pfad ab und hielt eine westliche Richtung, genau in den Wind.[36]
Der Wind wehte mir jetzt gerade ins Gesicht und trug auch den im
trockenen Grase stärkeren Schall meiner Tritte hinter mich.
Es war beinahe acht Uhr, als die Sonne sich frei über die Wolken hob.
[Sidenote: Mit der Kamera bei dem Nashorn.]
Ich spannte die Kamera, ging auf mein Ziel los und machte die erste
Aufnahme auf fünfundzwanzig Schritt.
Während ich die Kassetten wechselte, ließ ich das Tier nicht aus den
Augen.
Es gehört eine ruhige Hand dazu und auch ein ruhiges Herz, dicht vor
einem Stück Wild mit den Ledertaschen, den Kassetten und dem Apparat
lautlos zu „arbeiten“, wenn man noch dazu die Büchse umgehängt hat. Ich
hatte alle Griffe so in der Übung, daß auch nicht das geringste Klappen
hörbar war. Selbst das Spannen des Verschlusses geschah lautlos, indem
ich, ähnlich wie man es bei einer Hahnflinte in der Nähe des Wildes
macht, beim Spannen den Abzug drückte.
Ich ging näher und wartete mit der Kamera im Anschlag, bis das Nashorn
den Kopf hob, und die beiden Hörner gut zu sehen waren.
Da knipste ich und blieb bewegungslos stehen, weil ein kleiner Vogel,
der sich gerade auf die Schulter des Nashorns gesetzt hatte, aufflog,
als der Schlitzverschluß rauschte. Das Rhinozeros hielt im Kauen inne
und horchte. Nach einigen Sekunden beruhigte es sich wieder und ging
langsam weiter.
Ich aber hatte in diesem Augenblick die Aufnahme gemacht, die auf Seite
273 wiedergegeben ist.
Die muskulöse, kräftige Gestalt des Nashorns kommt darauf gut zum
Ausdruck. Auf der Schulter sitzt der kleine Vogel.
In dem ungleichmäßigen, niedrigen und trockenen Grase standen einzelne
grüne Schlingpflanzen, die das Nashorn aufnahm.
Ich war jetzt so nahe, daß ich das Kauen hörte und machte eine Aufnahme
schräg von hinten. (Abbildung Seite 283.)
An der Umgebung, den Büschen im Hintergrund, kann man sehen, daß
dieses Bild kurz nach der Aufnahme Seite 273 gemacht ist.
Dann ging ich vorsichtig zu meinen Leuten zurück und holte mir neue
Kassetten.
Die Neger waren weniger erstaunt als entrüstet über meine Dreistigkeit.
„_Haifai bana_,“ sagten sie: „das hat keinen Zweck,“ und Muarico
machte ein sehr ernstes Gesicht und sagte, ich würde dabei getötet
werden.
Als ich mich wieder mit aller Vorsicht in die Nähe des Nashorns
gepirscht hatte und ihm folgte, durchquerte ich eine kleine Talmulde
mit kniehohem, hellem, ganz trockenem Grase.
Das Nashorn stand am Ende des Tales, so daß ich die Gestalt bis zu den
Füßen hinab sehen konnte.
Noch eine Aufnahme.
Da hob das Tier den Kopf und zog unwillig den Wind durch die Nüstern.
Ich hatte gerade den linken Fuß angezogen, um ihn vorzusetzen.
Wie ein Erzbild stand der Koloß vor mir und horchte gespannt.
Ich durfte mich nicht rühren; aber es knisterte unter mir! Sollte der
Hund mir gefolgt sein? Nein, mein Fuß machte automatische Schwingungen
unter mir, und ich traute mich nicht, ihn in dem trockenen Grase
niederzusetzen.
Es ist ein verwünschter Augenblick.
Windstille: Das Nashorn wird mich hören. -- Da kommen Madenhacker,
kleine Vögel, angeflogen, setzen sich auf den Rücken des Nashorns
und flattern an den Ohren, picken an der Flanke in einer handgroßen
Wunde[37] und fliegen plötzlich mit lautem Gezwitscher nach den
nächsten Bäumen; dann kehren sie zurück und beunruhigen das Tier durch
ihr Umherflattern.
Ich kann nicht daran zweifeln, daß die kleinen Vögel ihren Gastgeber
vor einer Gefahr warnen, die er mit seinen Sinnen nicht erkennt. Er
fängt auch nicht wieder an zu äsen.
Plötzlich wendet er sich ganz mir zu. Ich stehe ohne Deckung; nicht ein
Strauch ist zwischen mir und dem Ungetüm.
Ich bemerke plötzlich, daß der Wind, der erst immer schwächer wurde,
mir leise, aber stetig im Nacken weht, und diese Erkenntnis bringt mir
einige Sekunden, in denen in mir der Wunsch, weit weg von hier zu sein,
den Reiz der Gefahr zu überwiegen droht.
Ich rühre mich nicht. -- Vielleicht wird sich das Nashorn noch einmal
beruhigen. Aber nein, der Wind kommt stärker durch: ich bin verraten,
ich fühle mich entdeckt! Was wird geschehen?
Jetzt zieht das Tier noch einmal laut den Wind durch die Nüstern und
tritt unruhig hin und her. Ich bücke mich kurz, lasse die Kamera ins
Gras fallen und fasse die Büchse. --
Es ist mir klar, daß ich stehen bleiben muß, um das Tier bis zum
letzten Augenblick zu täuschen.
An Verstecken war nicht zu denken und kein Baum in der Nähe, auf den
ich hätte flüchten können.
Das Tier geht einmal nach links, dann nach rechts, es scheint zu äugen,
doch seinen Augen nicht zu trauen.
(„_He dont believe his eyes_,“ sagte der Bur nicht oft so, in
reinem Englisch?)
Da gibt ihm die Nase Gewißheit; im Galopp stürmt es auf mich los, bei
jedem Sprung wild fauchend und prustend. Den Kopf hat es tief gesenkt.
[Sidenote: Ein Nashorn erlegt.]
Ich gehe ganz ruhig in Anschlag, lasse das wütende Tier nahe
herankommen, schieße auf den Kopf und springe im nächsten Augenblick
zur Seite. Die Schnelligkeit des Tieres ist so groß, daß es an mir
vorbeisaust.
Schnell folgen fünf Schüsse hinter die Schulter.
Das Nashorn bleibt stehen, dreht sich im Kreise und bricht zusammen.