Die oft gehörten Stimmen der kalten Nacht riefen heute nur: „Ruht!“

Es war, als höhnten sie über unsere Ohnmacht.

Hell strahlte die Venus über den Bergkamm; sie war meinen Augen der

Leitstern.

„Bana, wir werden in Wildgruben fallen!“ sagte der Makange, der vor

mir ging. Kurz darauf klang seine Stimme von unten, wie ein Vorwurf zu

mir herauf: „Siehst du!“ Und aus einer Grube zu meinen Füßen heraus

kletternd, sagte er: „Ja, so ist es, wenn man Nachts hier geht.“

„Das schadet dir doch nichts!“

„Es kann ein Leopard in der Grube sein.“

Ich ging voran und war kaum fünfzig Schritte gegangen, da fühlte ich

dünne Zweige unter mir federn und brechen, und mit Wucht fiel ich in

eine Grube. Ich blieb eine Weile darin sitzen und rief hinauf: „Es ist

sehr schön hier unten!“ Allein der Heiterkeitserfolg blieb diesmal

schwach.

Voran! Der Busch wurde dichter, fast undurchdringlich. Die Leute

blieben stehen; das dichte Gras wollte nicht weichen. Wie Filz waren

Zweige und Gräser durcheinander gewachsen; Dornen hielten. Unwillig

arbeitete ich mich vorwärts, fast erlahmte meine Kraft.

Da drängte sich Umnasi[19] vor mich, und er, der vom frühen Morgen

keinen Augenblick ohne Arbeit gewesen war, brach wie ein Stier durch

das Dickicht. So durchkreuzten wir eine düstere Waldecke. Da ertönte

von ferne das Quaken von Fröschen; das war die Richtung auf unser Lager!

Schilfgras, so stark und dicht, daß es dem Körper Widerstand bot,

sperrte den Weg; wieder war Umnasi vor mir, sprang hoch, warf sich

auf das Gras und drückte die hohen Massen der Halme mit seinem

Körpergewicht vor sich nieder; er hielt ein Beil in der Hand und

trug auf dem Rücken einen gefüllten Rucksack. Was dieser brave Neger

heute leistete, war bewundernswert. Er bahnte uns den Weg, bis ein

Feuerschein aus den Büschen zu uns herüberleuchtete.

[Sidenote: Ermattung.]

So erreichten wir spät in der Nacht todmüde das Lager.

Als ich einschlief, hörte ich noch die Unterhaltung der Neger. Alle

schimpften auf die niederträchtige Gegend, nur der unverwüstliche

Umnasi phantasierte ihnen zum Trotz, er wolle sich hier anbauen

und nicht mehr als Träger überall Dienst nehmen, er wolle zum

Bezirksamtmann gehen und ihm sagen. „Ich, der Umnasi, bin da, gib

mir drei Weiber, ich will jetzt eine Pflanzung anlegen. Und der

Bezirksamtmann sagt dann: ‚Gut, Umnasi, das freut mich, hier hast du

drei Weiber!‘ -- Dann werde ich hier ein Haus bauen und viel Geld

verdienen mit Mais, Mohogo, Reis, Matama, Bohnen, Ziegen -- -- --“

Neues Holz wurde auf das Feuer gelegt. Die Flammen leuchteten auf; ich

fiel in tiefen, erquickenden Schlaf.

[15] Der Kapbüffel, der eigentliche Kaffernbüffel ist wohl

ausgerottet; sein Gehörn unterscheidet sich von dem aller

anderen ostafrikanischen Büffel durch kappenartige Fortsätze

über der Stirn.

[16] Büffel.

[17] Der Tierfang in Gruben ist den Eingeborenen verboten,

weil eine verständige Ausübung der Jagd, ebenso wie eine

Aufrechterhaltung der Schongesetze damit unmöglich ist.

[18] Der ausgewachsene Kaffernbüffel ist etwa 2,60 Meter lang und

1,50 Meter hoch.

[19] richtig geschrieben: Mnazi = Cocospalme.

[Illustration: In Mombasa sah ich einen abnormen Elfenbeinzahn (linker

Zahn). Es ist zu bedauern, daß der Schädel zu diesem Zahn fehlt, der

Zahn beginnt schon, wo er in der Knochenhöhlung des Oberkiefers sitzt,

sich zu winden; der Schädel muß also ganz auffallende Spuren einer

schweren Verletzung tragen.]

Elefanten.

Am 18. Dezember 1905 schrieb ich in mein Tagebuch: „Es ist drei Uhr am

Morgen; ich kann -- nein, ich will nicht mehr schlafen.

[Sidenote: Ein Elefant an meinem Zelt.]

Ich bin geweckt worden; aber anders, als alle anderen Menschen heute

geweckt werden: ein Elefant hat mich geweckt. Und dafür danke ich ihm;

denn er hat recht, wenn er mir sagt: ‚Du Mensch, du kleiner, dürftiger

-- du, einer von denen, die die Welt verändern, die sie öde und leer

machen -- merk auf, wenn die Majestäten kommen; denn bald werden sie

nicht mehr sein; bald wird nur das Gedächtnis noch an sie erinnern;

ihre Herrlichkeit wird vergehen und du, du warst dann einer von denen,

die noch berufen waren, von ihrem Glanze zu erzählen.‘“

Ich lag in tiefem Schlaf.

Da reißt jemand an den Stangen meines Zeltes.

Ich richte mich auf im Bett: wo bin ich?

Stockduster.

Ich taste nach dem Kopfende meines Feldbettes, wo die Büchse steht, und

horche.

Da: „Kleng! -- kleng! --“ Irgend jemand vergnügt sich hier mitten in

der Nacht damit, eine Konservendose -- ich hatte am Abend eine Dose

Pflaumen öffnen lassen -- in gleichmäßigen Zeitabständen auf den Boden

zu werfen!

„Korrokón!“

„Tjarrr?!“

„Keléle?!“

„Ndófu!“[20]

Jetzt mußte ich einige Sekunden überlegen; denn mir war im ersten

Augenblick nicht klar, ob ich recht gehört hatte. Dann knöpfte ich

leise mein Zelt an der Rückseite auf und ging vorsichtig hinaus.

Da stand wirklich an einem großen Baume ein riesiger Elefant, und zwei

lange Zähne leuchteten an seinem Kopfe. Der hatte also mit meiner

Konservendose gespielt!

Der Askari kam heran.

„Weshalb jagst du ihn nicht weg?“

„Du hast es verboten!“ Da hatte er recht; aber das war mir denn doch

zu viel! Ich bückte mich, hob einen Knüppel auf, ging dicht an den

Elefanten hinan und warf ihm das Holz an den Kopf, daß es klappte. Er

schnaubte und lief davon. --

* * * * *

Das ist vor einer Stunde geschehen und jetzt sitze ich vor dem Zelt,

schreibe beim Schein einer Küchenlaterne und warte, daß es hell werde.

Eben brüllt ein Löwe. Von dem „Konzert“, von dem andere erzählen, habe

ich eigentlich noch nie etwas gehört; auch was ich jetzt höre, klingt

nur wie ein grimmiges, mißmutiges und faules Hineinknurren in eine

leere Tonne. Hier am Rufiyi scheinen Löwen und Elefanten eingesehen zu

haben, daß sie gegen die Stimme des Kiboko nicht ankommen können; auch

das Trompeten des Elefanten, das „markerschütternde“, habe ich noch

nicht gehört.

Elefant, Löwe und Büffel! Gibt es noch ein Revier auf dieser Erde, das

wertvolleres Wild beherbergt?

Gibt es eine größere Wildnis, als die, die mich hier mit wundervollem

Zauber umgibt?

Der größte der lebenden Dickhäuter; die starke und gewandte Katze;

der wilde Stier: wo dies Kleeblatt noch zu finden ist, da sind

paradiesische Zustände.

Ich weiß das; weiß, daß ich ein Glück genieße, wie es mir im Leben

nicht reiner wieder begegnen wird.

Fern von den Menschen; fern von Neid, Haß und Habgier; von den

Schmerzen und der Langeweile, die uns tagein, tagaus verfolgen und

peinigen.

Alles, was in Städten und Dörfern lebt, was gegen Not und Elend kämpft,

und mit ungestillter, unverstandener Sehnsucht ringt, liegt hinter den

blauen Bergen dort unten.

[Sidenote: Glücksgefühl.]

Ich bin hereingekommen in ein Paradies, und will es im Innern

festhalten und dem Geschick danken, das mir so hohes Glück beschert hat!

Ich will mir hier einen Schatz fürs Leben sammeln und nie vergessen,

daß ich in dieser Zeit frei von allem Leiden war; jung und stark und

gesund in einer Welt, die meinen Neigungen Nahrung gab.

An jedem Morgen empfinde ich das von neuem.

Wenn die Sonne aufgeht, kommt auch meine Freude wieder. Die Nacht ist

ein Warten; Andacht die Morgenstunde; Erfüllung der Tag.

Und der Abend ist ein rechter Abend, mit Müdigkeit und Frieden,

mit stillem Zurückschauen und ganz zarter Hoffnung auf eine neue

Lebenswelle, die der neue Tag bringt.

Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika · 第 28 / 34 题