Auf dem geebneten Platze exerzieren die Askari.]

Zu besonderer Freude erhielt ich ein Telegramm, das mit dem Namen des

Gouverneurs unterzeichnet war: „Spreche Ihnen und Ihren Mannschaften

meine Anerkennung und Dank aus.“

Die Boma bewährte sich an ihrem Platze sehr gut; sie lehnte sich

auf einer Seite an den Nebenarm des Flusses an, an dem eine Menge

Boote bereit lagen zum Übersetzen und um jederzeit nach der Küste

zurückkehren zu können.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses wohnten die friedlichen

Eingeborenen, die uns mit Eiern und Mehl versahen und Träger und Boten

stellten, wenn es gefordert wurde -- natürlich alles dies, wie in

Friedenszeiten, gegen Bezahlung. --

Arbeit gab es täglich. Ähnlich mag die Gründung einer Station vor

sich gehen; ich konnte mir vorstellen, welche Freude es macht, einen

Ort zu entwickeln, Anlagen und Wege zu schaffen und das Vertrauen der

Bevölkerung zu gewinnen.

Ein hoher Zaun aus eingerammten Bäumen umgab im Halbkreis den Platz,

auf dem die Zelte der Europäer, die Hütten der Askari, die Küchen, der

Eselstall und das Hühnerhäuschen verteilt waren. Am Tor befand sich die

Wache; dort saßen die Gefangenen, die Tags unter Aufsicht arbeiteten.

[Sidenote: Meine Askari.]

Vor der Umzäunung wurde ein großer Platz planiert und von Gras

gesäubert, um Übersicht zu bekommen. Täglich sah man Sergeant Kühn hier

mit den Askari exerzieren und in kurzer Zeit wurde aus zum Teil ganz

neu eingestellten Negern eine brauchbare Truppe. Man konnte beobachten,

wie das Beispiel einiger alter Sudanesen -- der beste Soldatentypus

unter den Negern -- bei meinen Leuten Nachahmung fand.

Die Uniform und die Waffen machten aus den unscheinbaren Buschnegern in

wenigen Wochen brauchbare Soldaten. Jeder füllte seinen Platz in der

Linie aus, wenn es zum Gefecht kam, und oft hatte ich das Gefühl, daß

von dem Geist, der in den wenigen geschulten Soldaten meiner Truppe

steckte, ohne weiteres dabei etwas in diese Mitkämpfer überging. Das

Zutrauen, das in sie gesetzt wurde, machte sie stolz und hob ihre

Leistungen. Sie schossen schlecht; aber darauf kam es auch weniger an;

wir Europäer und einige der älteren Askari trafen genug. Die übrigen

verlängerten die Schützenlinie, stärkten durch Knallen den moralischen

Eindruck und griffen herzhaft zu, wenn es galt, Gefangene zu machen.

Eines Morgens stand ich um vier Uhr auf, um auf dem Nordufer zu jagen.

Früh aufstehen mochte der eine Boy gar nicht; er reichte mir beim

Anziehen alle Sachen verkehrt und schlief oft zu meinem Vergnügen

während der Arbeit wieder ein. So nießte er mich auch heute plötzlich

im Dunkeln an, bekam eine Backpfeife und entschuldigte sich wieder

damit, er sei eingeschlafen.

[Illustration: Wasserbock vom Rufiyi.]

Ich fuhr zwischen dunklen Ufern stromab. Der Vollmond stand noch am

Himmel; sein Licht glänzte auf den Blättern der hohen Borassuspalmen

und erzeugte einen grellen Lichtstreifen auf der Rundung des Bootes.

Bald kamen wir in den breiten Hauptstrom und durchquerten ihn.

Der Nebel war so dicht, daß die Ufer nicht zu sehen waren. So kam es

auch, daß ich auf dem Nordufer ganz die Richtung verlor und nicht

wußte, wohin ich geführt wurde; und das hatte einen besonderen Reiz.

Wir gingen zwischen hohen Bananenstauden und durch ein schlafendes

Dorf. Ein Haus sah wie das andere aus; der Führer ging auf eine Tür

zu, auf die der Schatten des vorspringenden Daches fiel und klopfte:

„Hodi“! (anklopfen).

Stimme von innen: „nani“ (wer)?

Der Führer: „mi, Abdallah“ (ich).

Dann wurde ein Stück Holz zur Seite gedrückt und die Tür geöffnet; ein

Mann kam heraus und reihte sich in die Marschkolonne ein. Er ging vor

mir, wickelte sich das Lendentuch fester und drückte die Oberarme dicht

an den Leib, weil es kalt war.

Das starke Schilfgras an beiden Seiten des Weges war zum Teil

niedergebrannt.

Neben uns im Flusse brüllten die Nilpferde, die schon von der Äsung in

ihr schützendes Element zurückgekehrt waren.

Nach halbstündigem Marsche sagte der Führer: „Wir sind dicht bei der

Stelle, an der das Wild äst.“

Der Nebel war noch so dicht, daß man, auch als es allmählich hell

wurde, nicht fünfzig Schritt weit sehen konnte.

Gegen sechs Uhr ging ich langsam in das taufrische Gras hinein, das

zwischen daniederliegenden, trockenen Rohrstengeln als begehrte Weide

für das Wild emporsproß.

Der Nebel wurde dünner und man konnte auf weitere Entfernungen sehen.

Da zeichnete sich in dem Dunst, wie vor einem weißen Tuch, die Gestalt

einer Antilope ab: ein Wasserbock ohne Hörner. Das Tier wurde flüchtig;

ihm folgten noch andere, die im Nebel nicht zu erkennen waren.

Das Gehen in den niedergebrannten, durcheinander liegenden Rohrstengeln

wurde sehr beschwerlich, und war den nackten Füßen der Schwarzen eine

Qual.

[Sidenote: Jagd auf Wasserböcke.]

Kurze zeitlang war der Nebel vom Sonnenlicht durchtränkt, dann wurde

es plötzlich klar; vierhundert Schritt vor mir stand ein ganzes Rudel

Wasserböcke (von den Negern „Grungalla“ genannt). Sie ästen auf einer

weiten Grasfläche mit Termitenhügeln und einzelnen Baumgruppen.

Fünf stolze Böcke mit hohen, sanft gekrümmten Hörnern waren dabei.

Sie hatten uns bemerkt, kamen, als wir uns beobachtend hinter einen

Termitenhügel versteckten, schrittweis näher und suchten einen Platz

zum Ausgucken. Deutlich zeichnete sich zwischen den Lusern das

ebenmäßig gebogene Gehörn in der klaren Morgenluft ab.

Das Rudel zog nach links; ich kroch bis zu einem näher liegenden

Erdhügel vor und schoß auf etwa zweihundert Meter.

[Illustration: Neger vom Rufiyi haben ihre Waffen abgegeben und

Kriegssteuer gezahlt. Der Askari im Vordergrunde grüßt „durch

Stillstehen mit der Front nach dem Vorgesetzten“. Der Vorgesetzte bin

ich; ich stehe nämlich im Boot und photographiere im Vorbeifahren.

-- Rechts ist ein Zaun zum Schutz gegen die Krokodile in das Wasser

hineingebaut. An Vorsicht gewöhnt, stehen alle Neger zwei Meter vom

Wasser entfernt.]

Das ganze Rudel wurde flüchtig, der getroffene Bock aber brach in der

Flucht zusammen.

Ich setzte die Jagd fort, bis ich drei stattliche Böcke zur Strecke

hatte, ließ sie aufbrechen und folgte den übrigen Tieren noch einmal,

um zu beobachten.

Sie waren in hohem Gras zwischen Mangobäumen stehen geblieben. Einige

hatten sich niedergetan; ein Schmaltier äste; das Leittier sah nach

mir her und erkletterte einen hohen Erdhügel, auf dem es dann wie ein

Erzbild stand.

Während ich mit dem Doppelglas die Ebene weithin absuchte, sah ich

zu nicht geringem Schrecken plötzlich eine lange Reihe Eingeborener

mit Gewehren, Mann hinter Mann durch das Schilf ziehen. Der Ombascha

beruhigte mich sogleich: Die Leute trugen weiße Hemden und nicht die

blauen Lendentücher der Aufständigen, sie hatten also keine bösen

Absichten und wollten nur ihre Flinten zur Boma bringen.

An der Übersetzstelle holte ich sie ein. Sie kamen unter Führung

eines pflichteifrigen Jumben, der mir versicherte, daß nun in seinem

Machtbereich keiner mehr ein Gewehr habe.

Außer Wasserböcken gab es in der Nähe der Boma: Gnus, Riedböcke,

Buschböcke, Hartebeeste, Zwergantilopen und Warzenschweine.

Riedböcke -- die dem Rehwild so ähnlich sind -- waren besonders häufig.

Reizvoll waren Pürschgänge auf dem Südufer in der Richtung auf die

Berge, in dem sich die Feinde aufhielten. Nur wurden die Gänge dadurch

erschwert, daß man jedesmal eine kleine Streitmacht im Gefolge haben

mußte und sich von dieser nur in sehr offenem Terrain etwas absondern

durfte.

[Sidenote: Jagd auf Buschböcke.]

Da war ein beliebter Weg auf der Höhe eines Ausläufers der Berge mit

der Aussicht auf die Ebene, in der viele kleine, mit schwimmenden

Pflanzen ganz zugedeckte Teiche lagen. In diesen Teichen hielten sich

auch Flußpferde auf, und wenn sich die langen Rücken der Dickhäuter,

von Pflanzen wie mit einem Teppich bedeckt, durch das schlammige

Bassin schoben, saßen kleine, weiße Kuhreiher und braune Wasserhühner

obendrauf. Krokodile schien es hier nicht zu geben. Die Gebüsche rundum

zeigten ausgetretene Wechsel der Kiboko; ihnen folgend kam man an die

Stellen, wo die, überall nur vereinzelnd vorkommenden und deshalb bei

dem Jäger so beliebten Buschböcke gerne lagen. Diese schönen Antilopen

bevorzugen Gegenden mit ständigem Wasser. Zahlreich sind sie auch

in den Mangrovenwäldern im Mündungsdelta des Rufiyi, wo ich sie in

unmittelbarer Nähe menschlicher Wohnungen antraf. Sie entfernen sich,

ebenso wie die Riedböcke, nicht weit von ihrem Schlafplatze, wenn sie

auf Äsung ziehen.

Wenn der Buschbock im Schilf steht, kann er den Kopf so still halten,

daß die gewundenen, spitzen Hörner zwischen den vielen hochragenden,

spitzen und glänzenden Blättern gar nicht auffallen. Doch ist dies

nicht so wunderbar; denn die Antilopenhörner sind oft überhaupt schwer

zu erkennen und es gibt Lichtverhältnisse, bei denen sogar die großen,

halbmeterlangen Hörner eines freistehenden Wasserbockes auf dreißig

Schritt Entfernung übersehen werden; mir ist es wenigstens einmal

passiert, daß ich das Gehörn erst bei genauerem Hinsehen entdeckte,

weil die glatten Flächen der Hörner zu stark im Licht standen.

[Illustration: Ein Riedbock zur Strecke.

Ich mußte in dieser Zeit stets eine Bedeckung von Askari mitnehmen,

wenn ich auf die Birsch ritt. -- In den Morgenstunden trug ich eine

Mütze; wenn die Sonne höher stieg, nahm ich meinen großen Filzhut und

der Boy setzte sich meine Mütze auf. (Er hatte seine ‚kofia‘ darunter!)]

Eines Morgens sah ich auf dem genannten Wege zwei Stücke Wild hinter

einem Hügel verschwinden und sprach das eine als einen Bock an. Da

beide hintereinander standen, mußte ich nach dem Kopf schießen, um

nicht die Ricke mit zu verletzen. Der Bock stürzte auf den Schuß, kam

wieder hoch und verschwand im Schilf; auf dem Anschuß aber lag ein

Stück der eigentümlichen Hautzapfen, wie sie die Wiederkäuer im Geäse

haben.

Ich hatte den Bock also in den Unterkiefer geschossen und die

Weidmannspflicht gebot, alles zu tun, um ihn vor grausamem Hungertode

zu bewahren. Schnell wurden Ausguckposten auf Bäume und Hügel geschickt

und ein Treiben veranstaltet, da die Fährte in dem harten Boden

zwischen gebrannten und trockenen Rohrstengeln nicht zu finden war. Als

der Bock sich von beiden Seiten umstellt sah, blieb er stehen und wurde

von Treibern gesehen, die mich holten; so konnte ich ihm den Fangschuß

geben. Drei Stunden hatte dies sorgfältige Weidwerk gedauert; doch die

Befriedigung über den Erfolg lohnte jede Mühe.

Mehr in den offenen Akazienwäldern hielten sich Gnus und Hartebeeste.

Das sind ausgesprochene Herdentiere; die dritten im Bunde sind

gewöhnlich Zebra; doch bekam ich sie erst später und weiter westlich am

Utungisee zu Gesicht.

Die Gnus wurden in dieser Zeit in Herden gesehen, die nach

Geschlechtern getrennt waren. Es gingen zusammen: sechs Bullen und über

dreißig Kühe und Kälber.

Zwischen die letzten Vorläufer der Berge und die eigentlichen,

steilansteigenden Höhen war ein langes, stilles Tal geschoben, dessen

Wasser mit dem Rufiyi in Verbindung stand. In der Trockenzeit waren an

beiden Seiten breite, völlig kahle Uferränder, über die das Wild gehen

mußte, wenn es aus dem hohen Uferwald zum Wasser kam.

Unzählige Krokodile bewohnten das Gewässer, das malerisch zwischen

den Bergen lag. Flußpferde fühlten sich hier ganz sicher und durften

unbehelligt gelassen werden, weil sie auch in der Nähe keinen Schaden

anrichten konnten. In einem flachen Ausläufer des Sees sah ich Nilgänse

mit Jungen. Weiße Reiher, Pelikane, und Störche waren auch hier nur

in recht beschränkter Zahl; Flamingos habe ich am Rufiyi gar nicht

beobachtet.

[Illustration: Wasserbock.]

[Sidenote: Baumwolle.]

Hinter dem See hatten Eingeborene Baumwollfelder angelegt, denen man

ansah, daß die Neger über die neue Kultur noch nicht unterrichtet

waren: die Pflanzen waren sehr dicht aufgegangen und dann von den

Negern nicht gelichtet worden, so daß sie sich gegenseitig in die

Höhe trieben und keine Kapseln ansetzten. Ähnlich verfehlte Anlagen

gab es viele in den Bergen. An einigen Stellen standen die Stauden zu

dicht, an anderen fehlten sie ganz, und für Reinhaltung von Unkraut

war offenbar keine Hacke angerührt worden. Da mußten dann die Erträge

fehlen. Die Neger sahen nicht, was ihnen der Baumwollbau nutzen sollte

und so ist der Druck, den die Bezirksämter auf die Neger ausübten, um

sie zum Anbau von Baumwolle zu zwingen, eine der wenigen, sichtbaren

Ursachen des Aufstandes geworden.

[Illustration: Gehörn eines Gnubullen.]

Bevor private Unternehmer den Aufkauf, die Entkernung und den Versand

der Baumwolle in die Hand nahmen, wollte man diese Aufgabe den Kommunen

der Bezirke geben, um so den Anbau des wichtigen Ausfuhrartikels zu

fördern; die Jumben wurden zum Bezirksamt gerufen, bekamen Saat

ausgehändigt und wurden angeleitet, wie sie zu pflanzen sei. Jedes Dorf

sollte eine gemeinsame Baumwollpflanzung unterhalten, und der Erlös der

Ernte auf die Arbeiter verteilt werden.

Auch hierbei ließen sich die Dorfältesten zu Unterschlagungen

verleiten, und der Zwang, den sie auf die Arbeiter ausübten, wurde bei

dem geringen Erfolg doppelt mit Unwillen aufgenommen.

[Sidenote: Mein Vater.]

Eines Tages brachte die Post die frohe Nachricht, daß mein Vater in

Mohorro eingetroffen sei und versuchen wolle, zu mir zu kommen.

Das war eine große Freude. Wenn es schon an sich merkwürdig genug war,

daß ich meinen Vater hier draußen sehen sollte, so gewann dies freudige

Ereignis noch Bedeutung durch die Umstände, unter denen das Wiedersehen

stattfinden sollte.

Angeregt durch meine Schilderungen des Landes hatte er, der früher

schon in Amerika und Westindien wirtschaftliche Studien getrieben

hatte, sich entschlossen, Deutsch-Ostafrika selbst zu sehen, um als

Reichstagsabgeordneter ein eigenes Urteil über das Land zu bekommen.

Bei seiner Abreise aus Deutschland brach der Aufstand in der Kolonie

aus, und nun traf er mich mitten darin.

Mir war es lieb, daß ich ihm das Feld meiner Tätigkeit zeigen und ihm

die Beruhigung mitgeben konnte, daß die Gefahren und Strapazen, an die

man daheim immer zuerst denkt, aus der Nähe gesehen, gar nicht so groß

sind.

Der Ort Kipei, vier Stunden unterhalb meines Lagers, wurde als

Treffpunkt verabredet, und ich ging mit einer kleinen Askaribedeckung

dorthin.

Als ich über ein abgemähtes Reisfeld ritt, sah ich meinen Vater von der

anderen Seite kommen; mit Tropenhelm, in einem Khakianzug und mit einer

Pistole an der Seite.

Ich sprang aus dem Sattel und lief ihm entgegen.

Herr John Booth, ein alter Afrikaner, hatte ihn hierher begleitet und

wartete in dem Zeltlager am Flusse auf uns.

Zwei Tage blieben wir zusammen.

Wir ritten den Fluß hinauf, besuchten die heißen Quellen bei Utete,

die Plätze, an denen Gefechte gewesen waren und meine Boma in Mayenge.

Was die Fruchtbarkeit des Landes betraf, so fand mein Vater seine

Erwartungen schon jetzt weit übertroffen. Er bestätigte, was oft

ausgesprochen worden ist, daß man trotz den vielen Schilderungen

immer wieder dazu neigt, Begriffe zu verallgemeinern; daß selbst der

Gebildete in Deutschland zu leicht irgendeine Nachricht aus Afrika

auf alle afrikanischen Kolonien bezieht, und die widersprechenden

Beobachtungen mit der Zeit einen gewissen Zweifel an den wirklichen

Aussichten des Landes aufkommen lassen. Da hilft dann nur persönliche

Anschauung.

[Illustration: Ich hatte die große Freude, in der Aufstandszeit meinen

Vater zu sehen. Zwei Tage blieben wir zusammen, dann fuhr er stromab

zur Küste.]

Es ist falsch, zu sagen: „in Afrika“; denn Afrika ist groß und in

seinen Teilen zu verschieden. (Oder zu sagen: „der Neger“; gerade dies

hört man oft, und es ist noch viel verkehrter, als wenn jemand sagen

wollte: „der Europäer“.) Man kann die Landwirtschaft in Deutschland

auch nicht beurteilen, wenn man nur die Lüneburger Heide gesehen hat!

Gegen Abend des Tages nach unserm Zusammentreffen fuhren wir gemeinsam

mehrere Stunden weit stromabwärts und waren noch eine Nacht unter einem

Zeltdach zusammen. Am nächsten Morgen mußte mein Vater abreisen; denn

der Gouvernementsdampfer erwartete ihn zu bestimmter Stunde in Salale,

an der Mündung des Rufiyi.

Ich sah ihm noch lange nach, wie er im Boote stand und winkte, bis er

weit unten, hinter einer Biegung des Stromes meinen Blicken entzogen

wurde.

[11] Drei Rupien = vier Mark.

[Illustration: Schädel eines von mir erlegten, fast fünf Meter langen

Krokodils.]

Krokodile und Flußpferde.

„Es hat auf der Erde eine Zeit gegeben, in der die Kriechtiere das

große Wort führten,“ schrieb Brehm im „Tierleben“ am Anfang des

Abschnitts über die Panzerechsen, und an diesen Satz wird erinnert,

wer gesehen hat, wie die letzten Vertreter dieser Tiere in gewissen

Gegenden Ostafrikas noch heute ein Wort mitsprechen. Die Eingeborenen

sind machtlos dem „Leviathan“ gegenüber, wie der Dichter des Alten

Testamentes das Nilkrokodil nennt, der auch von ihm sagt: „Wenn du

deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß ein Streit sei, den du nicht

ausführen wirst.“ -- Mit Pfeil und Bogen, mit Speer- und Steinwürfen

ist dem Ungeheuer, das durch eine starke Schuppenhaut geschützt wird,

allerdings nicht beizukommen. Wohl werden einzelne, von Eingeborenen

mit List und großer Mühe erlegt, in Fischnetzen zufällig gefangen oder

auch geangelt; doch die Vermehrung ist so stark, daß die Krokodile nur

in Gegenden, die der Europäer mit seinen guten, treffsicheren Waffen

auf längere Zeit besucht, ganz vernichtet werden. Dem Gewehrgeschoß

bietet kein Krokodilpanzer erfolgreich Widerstand; kleine Krokodile

kann man sogar mit dem Schrotgewehr schießen.

Jeder Europäer, selbst wer nicht Jäger ist, beteiligt sich eifrig an

dem Vernichtungskrieg, und auch ich habe, nachdem ich die grauenhafte

Gefahr, von Krokodilen gepackt und ersäuft zu werden, selbst in

der Nähe gesehen habe, eine Ehre darin gesucht, möglichst viele der

schädlichen Räuber auf die Schußliste setzen zu können. Meine ganze

Bleispitzenmunition widmete ich dem Schießsport auf Krokodile, und tat

es gern, weil unzuverlässige Patronen darunter waren, die Versager

gaben, und deshalb zu anderen Zwecken nicht verwandt werden konnten.

Die 11/12-Mantelgeschosse mit Bleispitze rissen sehr stark und waren

deshalb wirksamer als Vollmantelgeschosse.

[Sidenote: Dreihundert Krokodile.]

Nahezu dreihundert Krokodile rühme ich mich während des Aufenthalts in

Ostafrika ums Leben gebracht zu haben. Es ist das einzige Wild, bei dem

man die große Zahl der erlegten Tiere als Erfolg angeben darf, während

die Afrikaner einem durchaus nicht Bewunderung zollen und noch weniger

erfreut sind, wenn man sagt, man habe z. B. so und soviel Kuhantilopen

geschossen. Das Streben des passionierten Jägers geht in Afrika nicht

dahin, sich einer großen Strecke rühmen zu können, sondern eine

möglichst vielseitige Ausbeute zu haben und Erlebnisse auf alle Arten

Hochwild zu suchen. Große Strecken kommen aber doch vor, und reiche

Ausbeute an Trophäen läßt sich oft auf die besonderen Umstände bei

längeren Expeditionen zurückführen, wo Wild zur Verpflegung der Träger

und Soldaten geschossen werden mußte, ist also durchaus nicht immer zu

verurteilen.

Im Gegensatz dazu erfreut bei Krokodilen die hohe Zahl der vernichteten

Tiere, und Rekorde sind im Interesse der Menschen erwünscht.

Es soll über zwanzig verschiedene Arten von Krokodilen geben; in

Ostafrika haben wir es allein mit dem Nilkrokodil zu tun. Dies

bevorzugt Süßwasserseen und Flüsse, kommt nur ausnahmsweise in das

Salzwasser des Meeres und ist daher in den Buchten der Küste nur zu

finden, wo Flüsse einmünden.

Selbst an der Fähre, die den großen Verkehr auf der Karawanenstraße

über den Kingani vermittelt, kommen häufig Unglücksfälle durch

Krokodile vor, trotzdem hier schon unzählige Europäer den Tieren

nachgestellt haben.

Große Krokodile sind an der Küste jedoch schon selten, und in den

Mündungen des Kingani, des Sigi und Rufiyi habe ich nur kleinere

geschossen. Das Vorkommen eines besonders starken Ungetüms regt stets

die Jagdlust der nahen Europäer an; denn ein großer Krokodilkopf

mit fingerlangen, weißen Zähnen ist eine originelle, leicht zu

konservierende Trophäe.

Im Aufstand, bei tagelangen Märschen an Flußufern, an Seen und Tümpeln

entlang, sind mir unzählige Krokodile zu Gesicht gekommen; sieben

Menschen sind in meiner nächsten Nähe von Krokodilen geraubt worden.

Nicht von jedem Fall erfährt man; die Neger sind abstoßend gleichgültig

gegen geschehenes Unglück. Ein Schutztruppenoffizier erzählte folgendes

Erlebnis: Als seine Trägerkarawane durch einen Fluß hindurchging,

wurde ein Mann mitten aus der Reihe von einem Krokodil erfaßt und

fortgeschleppt; die anderen Träger gingen ruhig weiter, als ob nichts

geschehen sei. Der Offizier fragte einen der Neger darüber. Antwort:

„Ja mir passiert nichts, ich habe eine gute „_dawa_“.“[12] „Der

andere hatte aber doch auch Medizin?“ „Die wird wohl nichts getaugt

haben, meine aber ist gut!“

Von den Ägyptern wissen wir, daß sie die Krokodile einbalsamierten,

ihnen also eine gewisse göttliche Verehrung zukommen ließen. Allerdings

vermutet man, daß sie die Bestien erst selbst töteten und ihnen dann,

gewissermaßen zur Versöhnung, die Totenehren erwiesen. Bei den Negern

waren die Krokodile gefürchtet aber nicht verehrt. An einer Hütte

sah ich über der Tür ein rohes Relief, aus dem Lehm des Wandbewurfs

herausgeformt: die Gestalt eines Krokodils darstellend; niemand aber

wußte, ob es mehr sein sollte, als ein launiges Kunstwerk, das jemand

in einer Mußestunde zurecht geknetet hatte.

Obwohl jederzeit Menschen am Rufiyi durch Krokodile geraubt werden

können, ohne daß jemand davon erfährt, schieben die Anwohner des

Flusses das rätselhafte Verschwinden eines Menschen einer Schlange zu,

die im Flusse leben soll, die aber immer ein anderer gesehen haben

soll, nie der Vertrauensmann, den man gerade fragt.

Wenn die Neger an ein solches Tier glauben, zeigen sie offenbar ein

Bedürfnis, die Phantasie zu befriedigen.

Der große Wels, der sich tief in den Schlamm verkriecht, und das

unheimliche Krokodil genügen meiner Phantasie allerdings durchaus; denn

es sind groteske Tiere, und offenbar werfen die Neger die Eigenschaften

dieser beiden Flußbewohner zusammen, wenn sie von der ‚Hongo‘ sprechen.

[Sidenote: Krokodile.]

Als ich, aus Mangel an Streitkräften zu tatenlosem Warten genötigt,

wochenlang in meiner Boma bei Mayenge saß, hatte ich reichlich

Gelegenheit, Krokodile zu beobachten und zu erlegen. Obwohl

fast täglich vom Pallisadenzaun des Lagers aus nach den Tieren

geschossen wurde, lagen immer wieder welche da, angelockt durch die

Kadaver ihrer Brüder, die ihnen als Nahrung willkommen waren. Die

geschossenen Krokodile trieben nicht etwa -- wie man das oft in

Reisebeschreibungen ausgesprochen findet -- weit in dem Strom fort,

sondern erschienen, ebenso wie andere Kadaver, nach einigen Stunden,

an der Oberfläche und wurden dann, meist nicht weit von der Stelle,

an der sie geschossen waren, nahe am Ufer mit abgefressenen Füßen

gefunden. Wahrscheinlich hatten andere Krokodile sie beim Fressen

dort hingeschoben. Auch angeschossene sind durch die Gefräßigkeit

ihrer Brüder dem Tode geweiht. Ich habe gesehen, wie ein Krokodil,

das durch einen Bauchschuß verwundet war, wild im Wasser umhertobte,

während andere von verschiedenen Seiten herzuschwammen und es, gewiß

nicht bloß aus Neugierde, verfolgten. Der Geruchsinn soll schlecht

sein; dagegen scheint die Tatsache zu sprechen, daß die Krokodile

sofort herbeischwimmen, wenn ein Flußpferd verwundet wird, von gesunden

Tieren aber gar keine Notiz nehmen. Ich schoß einmal auf ein Flußpferd

und wußte nicht, ob ich getroffen hatte, weil ich ziemlich hoch über

den Fluß stand und das Geschoß ebensogut in das Wasser eingedrungen

sein konnte -- während Geschosse, die aus flachem Winkel fehl gehen,

gewöhnlich vom Wasserspiegel absetzen und pfeifend in die Luft

weiterfliegen. -- Da sagte ein Neger: „Du hast getroffen, riechst

du es nicht?“ In der Tat nahm ich, da wir halb unter Wind standen,

deutlich einen süßen Geruch wahr, den die Haut des toten Flußpferdes

ausdünstete. Kurz darauf erschienen zwei große Krokodile und schwammen

gegen Strom und Wind auf die Schußstelle los. Ob sie nur ihrem Gehör

gefolgt waren und vielleicht unter Wasser von dem Todeskampf Laute

vernommen hatten, die uns oben ganz entgangen waren? Es ist kaum

anzunehmen.

[Illustration: Die Krokodile ruhen gerne auf den Uferböschungen dicht

am Flusse. Oft habe ich sie quer über den Strom hin geschossen, oft

auch in dichtem Schilf bis auf wenige Schritte angepirscht.]

Auf der Stelle tödlich sind beim Krokodil nur Kopf- und Herzschüsse;

jedoch lähmen auch alle Schüsse, die die Wirbelsäule treffen, das Tier

so, daß es nicht mehr weiter kann.

Es gehört ein guter Schütze dazu, die kleine Hirnschale zu treffen,

die wie ein treibendes Stück Borke auf dem Wasser erscheint. Liegt

die lange Panzerechse aber breit auf dem trockenen Ufer, so ist sie,

wenigstens in der Horizontalen, kaum zu verfehlen und es kommt nur

darauf an, für das niedrige Ziel die Entfernung genau zu schätzen und

dann in der Vertikalen ganz sorgfältig abzukommen. Solche Treffer, auf

zwei bis dreihundert Meter aus Anschlag im Liegen über den Strom hin,

haben mich oft erfreut; das Krokodil zeichnet, wenn es getroffen wird,

jedesmal, indem es mit dem geöffneten Rachen schnell um sich haut, und

darf in der Schußliste notiert werden, auch wenn es noch die gelbe Flut

erreicht. Manchmal sieht man den Schwanz eines geschossenen Krokodils

beim Näherkommen noch halb am Strand; das Tier gleitet aber bald in

die Tiefe und ist wahrscheinlich tot. Aber wer wagt es, den Zackenkamm

anzufassen auf die Gefahr hin, im nächsten Moment mit einem Biß belohnt

zu werden; denn die Echse ist sehr wohl imstande, nach der eigenen

Schwanzspitze zu beißen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war in der Trockenzeit im Monat September und der Strom hatte seinen

niedrigsten Wasserstand.

Zu beiden Seiten sah man hohe Uferböschungen, von denen das Wasser

unaufhörlich Erde abbröckelte, um sie mit sich zu führen und weiter

unten wieder abzusetzen. Ältere Sandbänke lagen jetzt trocken und

boten, weit in den Strom vorgeschoben, den Krokodilen willkommenen

Platz zum Mittagsschlaf.

[Sidenote: Ansitz im Schilf.]

Auf einer solchen Sandbank stand dichtes, hohes Schilfrohr und der

Fluß machte gerade vor dem in sich angeschlossenen Rohrgebüsch eine

Biegung, so daß es möglich war, sich mit dem Boote lautlos treibend zu

nähern, ohne von der anderen Seite gesehen zu werden. Hier hatte ich

aus Sand und Rohrstengeln eine Hütte gebaut, und einen Gang durch das

Rohr geschlagen, um unbemerkt hineinzukriechen. Der Platz war besonders

geeignet, Krokodile, Flußpferde und Wasservögel zu beobachten.

Gegen die Sonne durch ein Flechtwerk geschützt, lag ich oft stundenlang

und sah den Tieren zu, die gar nicht merkten, wenn ich von hinten

vorsichtig in meine Hütte kroch.

An einem stillen, feierlichen Tage war ich gegen zehn Uhr vormittags

auf meinem Posten. Kein Wölkchen stand am Himmel und der Wind, der

frühmorgens aus Westen wehte, war allmählich eingeschlafen.

Zwei kleine Krokodile liegen auf Wurfweite vor mir; mit dem Doppelglas

kann ich jede Falte ihrer Haut sehen und sogar die länglichen

Augensterne erkennen. Die Tiere liegen ganz auf dem Trockenen;

plötzlich erscheint auf etwa zwanzig Schritt die flache Oberfläche

eines Krokodilkopfes, in langsamer Bewegung sich dem Ufer nähernd;

dahinter taucht der zackige Kamm des langen Schwanzes auf. Vorsichtig

bleibt das Tier, bewegungslos dicht am Ufer liegen und hebt sich erst

nach geraumer Zeit, langsam aus dem Wasser; beschreibt auf dem Sand

einen Halbkreis, läßt sich plötzlich schwer auf den Bauch fallen und

sperrt den Rachen weit auf. Da es sich in der Drehung von mir ab und

wieder dem Wasser zugewandt hat, kann ich nur einen Teil des Kopfes

sehen.

Stunden vergehen. Über die Sandbank kommen Nilgänse, die an einer

Lagune zur Äsung waren; graue Fischreiher, fleischfarbene Pelikane und

weiße Löffler fallen weiter unten ein; dazu setzen sich gelbschnäblige

Störche.

In meine Nähe scheint nichts mehr zu kommen; da ziele ich denn in aller

Ruhe auf den dicken Wanst des Drachenviehs, das in seinem bronzegrünen,

schwarz gefleckten Panzerkleide dicht vor mir liegt. Von hinten, etwas

seitlich soll ihm mein Geschoß in den Brustkorb dringen und das Herz

treffen -- -- -- Rrumms!

Blitzschnell fährt es mit dem Kopf vorne hoch und reißt den Rachen, der

von spitzen, weißen Zähnen starrt, weit auf, sinkt in sich zusammen,

klappt noch zweimal laut mit den Kiefern und verendet.

Die beiden anderen Krokodile waren auf den Schuß in das Wasser gestürzt

und die Vögel hatten sich in die Luft gehoben.

Der Drache ist tot und ich kann ihn in Ruhe betrachten.

Die Farbe seiner Haut ist nur oben und an den Seiten dunkel, die

Bauchseite zeigt ein feines Elfenbeinweiß. Der Rumpf ist langgestreckt,

der Schwanz seitlich als Ruder zusammengedrückt. Auf ihm laufen zwei

Kammreihen entlang, die sich am Ende zu einer vereinen.

Die Füße stehen nach den Seiten weg. Sie haben vorne fünf, hinten

vier Zehen, die durch Schwimmhäute verbunden sind und Krallennägel

tragen. Das kleine, grüne Auge wird durch drei Lider geschützt; die

Ohröffnungen können durch klappenartige Hautfalten, die Nasenlöcher,

die vorne im Oberkiefer liegen, durch Aneinanderdrücken ihrer wulstigen

Ränder geschlossen werden, wenn das Tier untertaucht.

Da die Gefährlichkeit der Krokodile sehr verschieden ist, kommt es

immer wieder vor, daß leichtsinnige Menschen verunglücken; wenn alle

Krokodile gefürchtet würden, wäre das nicht der Fall.

Da die Hauptnahrung der Tiere in Fischen besteht, gibt es Gewässer,

in denen die Krokodile ungefährlich sind, weil sie reichlich

Nahrung haben. Man sagt, daß sich in allen Gegenden, die von der

Kultur unberührt bleiben, der Bestand an Krokodilen und Fischen das

Gleichgewicht halten. Wenn nämlich die Raubtiere überhand nehmen,

beginnen sie sich bald, aus Mangel an Nahrung und der lästigen

Konkurrenz halber, gegenseitig aufzufressen und dann bekommen die

Fische wieder freiere Bahn. Auf Tiere, Wasservögel oder gar Menschen,

die zur Tränke kommen, sind die Krokodile demnach nicht angewiesen;

doch mag ihnen der Fischfang in manchen Gegenden so schwer fallen,

daß sie gerne jedem anderen Bissen auflauern, während sie an anderen

Plätzen mehr gesättigt sind.

Die Eingeborenen kennen meist die Krokodile in ihrer Nähe recht genau

und wissen auch einige Plätze, an denen sie getrost baden können.

Selten raubt das Krokodil aus flachem Wasser; denn seine Methode ist,

das Opfer mit dem Schwanz ins Wasser zu schlagen, zu packen und zu

ersäufen. Dazu ist ihm flaches Wasser nicht günstig. Während die Neger

da recht sorglos sind -- vielleicht auch, weil das Herannahen eines

Krokodils leichter zu bemerken ist -- vermeiden sie es, an tiefes

Wasser hinanzugehen und warnten mich jedesmal, wenn ich es tat.

In manchen Gegenden sind die Wasserschöpfstellen an steileren Ufern

durch Zäune geschützt, die in das Wasser hinein gehen, oder die Weiber

schöpfen vom hohen Ufer aus mit Kalebassen, die an langen Stangen

befestigt sind.

[Illustration: Trotz den Krokodilen sprangen die Neger über Bord, als

das Wasser flacher wurde und zogen das Flußpferd an eine Sandbank. --

Am Boot steht meine Büchse, ein Militärgewehr, dessen Holzbekleidung im

Gefecht bei Utete durch einen Schuß zersplittert worden war und das ich

mir dann zu einem leichten, handlichen Gewehr zurechtgestutzt hatte.]

[Sidenote: Flußpferde photographiert.]

Einmal führte mich mein Weg durch das Jagdschonrevier des

Kissakibezirks, und ich traf, wo der Mrokafluß in den Rufiyi mündet, im

Morgennebel drei Flußpferde, die in dem sumpfigen Uferrande ruhten. Ich

nahm die Kamera und ging, von Schilfstauden gedeckt, vorsichtig näher.

Der Boden war so weich, daß ich bis an die Knie einsank. Ich zog die

Kassette auf, machte die Kamera fertig und trat dann plötzlich hinter

dem Schilf hervor, so daß ich auf etwa fünfzig Schritt ganz frei vor

den Tieren stand.

Ein alter Flußpferdbulle mit plumpem, schwerem Kopf richtete sich mit

der Vorderhand auf und sah nach mir her, als ich die erste Aufnahme

machte. (Bild Seite 155.)

Während ich die Kassette umdrehte und die Kamera zum zweiten Male hob,

wurde er nach dem tieferen Wasser hin flüchtig. Auch die übrigen Tiere

erhoben sich jetzt jäh aus ihrem Schlafe, und waren in wenigen Sekunden

unter dem Wasserspiegel verschwunden.

Die Jagd auf Flußpferde ist da uninteressant, wo die Tiere in großer

Zahl und vertraut angetroffen werden; denn an solchen Stellen kann ein

sicherer Schütze Dutzende in kurzer Zeit schießen. Das ist keine Jagd.

Dagegen kann man von Jägerfreuden sprechen, wenn sich jemand mit vieler

Zeit und Mühe aus einer großen Herde den größten Bullen heraussucht

und ihn zur Strecke bringt; denn ein starker Flußpferdschädel mit hoch

aus dem Unterkiefer herausragenden, gebräunten Zähnen, ist eine schöne

Trophäe. Sie gewinnt dadurch, daß man erzählen kann, man habe außerdem

kein Stück der Herde angeschossen!

[Sidenote: Flußpferdjagd.]

Großen Reiz hat es auch, in versteckten Teichen nahe der Küste den

dort sehr seltenen und ungewöhnlich vorsichtigen, vielleicht sogar

gefährlichen Flußpferden nachzustellen.

Nicht gerne aber denke ich an zwei Schießereien zurück, zu denen ich

mich hergab, weil der Schaden, den die Flußpferde der Landwirtschaft

zufügten, die Neger zu berechtigten Klagen veranlaßten: Das auf

Flußpferde stehende Schußgeld von 26 Mark für jedes erlegte Tier war

gerade aufgehoben worden, weil die Dickhäuter in manchen Gegenden

derart überhand genommen hatten, daß sie eingeschränkt werden mußten.

Aus einer Landschaft besonders kamen immer wieder Klagen der Neger, die

Kibokos schliefen im Wasser neben den Feldern und trampelten nachts auf

Äsung in den Saaten umher, so daß kein Halm stehen bleibe.

Ich erlaubte deshalb dem Sergeanten, die Tiere abzuschießen. Er kam

zurück mit der Meldung, er habe beinahe zwanzig Stück in drei Stunden

zur Strecke gebracht. Am nächsten Tage brachten die Eingeborenen, froh

über dies Resultat, die abgeschnittenen Schädel, große und kleine, die

im Ufersande des Flusses vergraben wurden, damit die Zähne lose würden.

Anfangs glaubte ich, der Sergeant habe allzusehr unter den Tieren

aufgeräumt; denn acht Tage später kam ich an den Ort der Tat vorbei und

sah die vielen, großen Kadaver auf den Sandbänken liegen. Viele Hundert

Geier und Marabus standen dabei, und im Wasser schwammen unzählige

Krokodile. Lebende Flußpferde aber waren nicht mehr zu sehen.

[Illustration: Ein erlegtes Flußpferd wird ans Ufer gewälzt.]

Drei Monate später -- ich hatte in der Zwischenzeit kein einziges

Flußpferd schießen lassen -- kam ich wieder an der Stelle vorbei

und traf zu meinem Erstaunen in der Nähe eines großen Dorfes drei

Flußpferdherden von zusammen etwa achtzig Köpfen. Die Neger waren

geradezu machtlos gegen diese Tiere und sagten, sie müßten auswandern,

wenn ich ihnen nicht helfen könnte. Darum entschloß ich mich, mit

Unteroffizier Lauer zusammen einige starke Bullen aus einer der Herden

abzuschießen.

Wir wählten zwei geeignete Plätze auf der hohen, sandigen Uferböschung

und legten uns in Anschlag.

Die Herde mußte, wenn sie stromauf entweichen wollte, an mir, stromab

an dem Unteroffizier vorbei und über flachere Stellen hinweg, was die

Flußpferde vermeiden, wenn Gefahr ist.

Weinrot und glänzend erschienen die Körper der plumpen Dickhäuter, wenn

sie auftauchten.

Wir hatten beide große Übung im Schießen und schossen nur nach dem

Gehirn. So brachten die ersten vier Schüsse vier Nilpferde zur Strecke,

die auf der Stelle tot waren. Dann bekam die Sache als Schießsport

einen gewissen Reiz; denn die Tiere steckten, vorsichtig gemacht, die

Köpfe nur auf Sekunden aus dem schützenden Naß, um fauchend Luft zu

schnappen und sich umzusehen. Da mußte das Ziel schnell erfaßt und

sofort geschossen werden, was um so schwerer war, als wir nur starke

Tiere schießen wollten und jedesmal die Frage erst beantworten mußten:

ist es ein großer Kopf? Und dann war er bereits wieder auf Minuten

verschwunden. Trotzdem hatten wir in kurzer Zeit acht starke Nilpferde

getötet. Ein angeschossenes Stück, das aus der Nase schweißte, machte

es uns recht schwer, weil es zwischen den gesunden auftauchte; als

wir auch dies zur Strecke hatten, hörten wir auf. Kein anderes Tier

war angeschossen! Wenn es auch kein Jagderfolg war, der Freude machen

konnte, war es jedenfalls ein Schießresultat, mit dem wir uns hätten

sehen lassen können.

Jetzt schickten wir Boten in die umliegenden Dörfer, und es kamen an

dreihundert Eingeborene mit Beilen, Messern und Stricken. Einbäume

wurden herbeigeschafft, und die erlegten Tiere mit vereinten Kräften

auf die Sandbänke gezogen. Auf den Lärm hin verließen einige der

überlebenden Dickhäuter das Schlachtfeld und rannten über die Sandbänke

in entferntere Wasserbecken.

Wo sie durch flaches Wasser hindurchliefen, spritzte es mit Getöse nach

den Seiten.

[Illustration: „Ein alter Flußpferdbulle richtete sich auf und sah

herüber, als ich hinter dem Schilf hervortrat.“ (Seite 152.)]

[Sidenote: Nutzen des Flußpferds.]

Leider konnten wir von der Beute nichts verwerten als die Zähne;

die Eingeborenen in der Gegend aßen das Fleisch nicht, während

andere Negerstämme sich darum reißen. Die Schwarte war so rissig

und durchlöchert, daß ich kaum ein gutes Stück fand, aus dem ich

Peitschen schneiden konnte. Die Decken der Tiere waren daher für uns

wertlos; auch die Händler hatten uns geantwortet, sie kauften keine

Flußpferdhaut. (Wie verschieden übrigens die Verhältnisse oft sind,

lehrt folgendes Beispiel: Die Inder in Mohorro kauften Wildhäute

zu bestimmten Marktpreisen nach Gewicht. Sie nahmen gern Felle von

Antilopen, Gnus und Schweinen, wollten mir aber mein Büffelfell

nicht abkaufen und nahmen keine Flußpferdhaut. Das hatte ich in

Erinnerung, als ich später am Kilimandscharo zwei Büffel schoß; und

ich verschenkte die Häute an meine Träger. Kurz darauf wurde ich

in Moshi nach den Fellen gefragt und erfuhr, daß sie dort ein ganz

besonders gut bezahlter und sehr gesuchter Artikel seien. Dagegen

wurden Antilopenhäute dort sehr schlecht bezahlt. Ähnlich ging es

mit Nilpferdhaut; am Rufiyi nahm sie der Händler nicht geschenkt; in

Daressalam und Sansibar boten die Inder hohen Preis. Das wußte ich

nicht, als wir die vielen Tiere schossen und so mußte das wertvolle

Material ungenutzt verfaulen.)

Es war auch ein Mangel an Erfahrung dabei, wenn ich glaubte, man könne

die Tiere nicht nutzen. Das habe ich später bei den Buren gesehen

und aus den Erzählungen südafrikanischer Jäger gelernt. Einer, der

die Jagd berufsmäßig ausübte, hätte vielleicht großen Gewinn daraus

gezogen, wenn er das Fell präparierte, die Knochen klein stampfte

zu Düngungszwecken und Leimfabrikation, das Fett zu Seife einkochte

und das Fleisch als Hühner- und Hundefutter trocknete. Ein feistes

Flußpferd liefert etwa achtzig Pfund Fett, das sehr gut schmeckt und

sich in den Tropen zum Braten besser eignet als irgend ein anderes

Fett. Die Buren räucherten sogar Speckseiten von Flußpferden.

Das Flußpferd hat überhaupt viel Ähnlichkeit mit dem Schwein -- bei

den Ägyptern hieß es „Flußschwein“. -- Sein Fleisch kann ich als

schmackhaft bezeichnen, wenngleich ich alle Fleischsorten, die ich

probierte, vom Elefanten bis zum Steppenhasen, bei der völligen

Unkenntnis meines Kochs, gleich schlecht zubereitet bekam.

Wenn der Abschuß großer Flußpferdherden noch irgendwo notwendig

wird, sollte man ihn Jägern überlassen, die damit Geld verdienen und

Nutzen aus den Tieren ziehen können. Insofern bedaure ich, daß wir

dort eingegriffen haben. Uns brachte es jedoch in gewisser Beziehung

auch einigen Nutzen: Die Eingeborenen sahen die Wirkung unserer

Waffen, waren dankbar für die Vernichtung der Tiere im Interesse der

Landwirtschaft, und dachten nicht mehr daran, auszuwandern.

Es war ärgerlich, daß die Neger kein Flußpferdfleisch essen wollten.

Vor zwanzig Jahren nämlich sollen sie es noch gerne gegessen haben.

Ihr Vorurteil kommt von den Mohammedanern; die essen kein Fleisch von

Tieren, denen nicht die Gurgel abgeschnitten wird, solange sie noch

leben. Wahrscheinlich weil eine solche Handlung bei den Dickhäutern

nicht auszuführen ist, verzichten die mohammedanischen Neger auf das

Fleisch.

Wenn ich auch sonst jede Äußerung religiösen Empfindens beim Neger

achtete, habe ich diese Angewohnheit lächerlich gemacht, wo ich immer

Gelegenheit dazu hatte.

Den armen Negern wird mit solch einem Vorurteil kein Gefallen getan,

und der Weiße kann in große Verlegenheit kommen, wenn er nichts Anderes

als Flußpferd hat, um seine Arbeiter zu verpflegen.

Wenn schon der Islam nicht die Religion ist, die diese Neger brauchen,

ist überhaupt kein Grund, auf religiöse Gebräuche Rücksicht zu

nehmen, die den kulturellen Aufgaben des Europäers geradezu entgegen

sind. (Menschenfresserei dulden wir nicht; auch wenn sie aus tiefer

Religiösität entspringt; den Massai zeigen wir, daß wir nicht

einverstanden sind, wenn sie Vieh rauben, weil ihre Religion sagt,

alles Vieh gehöre eigentlich den Massai.)

Es ist auch ein Jammer, daß die Küstenneger, seit sie sich Mohammedaner

nennen, Schweinefleisch verschmähen; gerade die ärgsten Feinde ihrer

Pflanzungen, die so sehr zahlreichen Warzenschweine und Wildschweine

werden von ihnen nicht gegessen und sie stellen ihnen nur aus Gründen

der Abwehr nach. Und was das schlimmste ist: Selbst in Zeiten der

Hungersnot überwinden sie den eingebildeten Ekel nicht und verhungern

lieber, als daß sie Schweinefleisch anrühren! Gier und Gefräßigkeit

kann man diesen Negern also nicht ohne Einschränkung nachsagen.

Die Erklärung für dies Verhalten liegt in folgendem: Es gilt als fein,

Suaheli zu sein, und dazu gehört die Nachahmung mohammedanischer

Gebräuche. Mancher Neger würde ohne Zögern Schweinefleisch essen, wenn

er mit dem Europäer allein wäre. Aber in Gegenwart anderer mag er sich

nichts vergeben. So kommt es, daß die Anwesenheit einer vornehm tuenden

Clique von „Suahelinegern“ in einer Expedition ansteckend auf alle

übrigen Neger wirkt. Wer die Gebräuche nicht mitmacht, wird „Schenzi“

genannt und hört so oft die Bemerkung: „er frißt ja Schweinefleisch“,

bis er es auch läßt.

Merkwürdig ist, daß dem Neger das Vorbild des Europäers, der doch

Schweinefleisch ißt, gar nichts gilt.

[Sidenote: Der Schächtschnitt.]

Ein anderes Vorurteil, das der Neger sehr zu seinem Schaden von dem

„Suaheli“ angenommen hat, ist, daß er nur Fleisch von Tieren ißt,

denen die Kehle durchgeschnitten wurde. Bei Haustieren ist das einfach

durchzuführen; bei Wild sehr schwer. Und das Schächten des Wildes ist

ein Brauch, den der deutsche Jäger nicht erlauben sollte.

Es geschieht nämlich auf folgende Art: Sowie ein Stück Wild vom Schuß

fällt, stürzen die Schwarzen mit ihren Messern darauf los, biegen ihm

den Kopf zurück und schneiden die Kehle durch. Der Anblick des so

zugerichteten Tieres ist häßlich; der Kopf hängt nur noch lose am Hals

und aus den geöffneten Halsschlagadern spritzt in hohem Strahl der

Schweiß hervor, weil das Herz noch in Tätigkeit ist.

Jeder erfahrene Jäger weiß, daß es falsch ist, auf ein Stück Wild, das

vom Schuß fällt, sofort darauf loszugehen; denn oft kommt das Wild dann

in seiner Angst wieder hoch, wird weit flüchtig und kann dem Jäger

sogar verloren gehen. In anderen Fällen wird es dem Schützen durch das

Aufspringen der Leute unmöglich gemacht, ein zweites Stück des Rudels

zu schießen. Wer etwas von Jagd versteht, sollte deshalb gegen den

Gebrauch ankämpfen.

Es muß den Negern verboten sein, aufzuspringen, und die Jagdbegleiter

sind streng anzuhalten, im Grase liegen zu bleiben. Der erste, der an

das Wild hinantritt, ist der Schütze; mit fertigem Gewehr: andernfalls

kann ihm die Gelegenheit zu einem Fangschuß entgehen, durch den er das

Stück bestimmt in seinen Besitz bekommt.

Der Sinn des Schächtens ist: „Das Fleisch soll ausbluten“, und wer

jedesmal fragt, ob es geschlachtet ist? glaubt damit die Sicherheit

zu haben, daß er nie Fleisch von gefallenen Tieren bekommt. Die Neger

aber machen eine geistlose Handlung daraus, denn sie schneiden einer

Antilope auch noch den Hals durch, wenn sie vierundzwanzig Stunden nach

dem Schuß gefunden wird.

Schon daraus sieht man, daß man die Neger in solchen Gebräuchen oft

nicht ernst zu nehmen braucht.

Auch mir versuchten meine Askari und Träger einzureden, das Wild müsse

geschlachtet werden.

Ich drehte aber sofort den Spieß um und sagte, ich dürfe nicht von

geschächtetem Wild essen, deshalb verbiete ich es.

„Dann essen wir es nicht.“

„Es ist mir lieber, ihr verhungert, als daß ich hungern muß.“

Anfangs sahen die Strenggläubigen zu, ohne mitzuessen; sie hofften

immer noch, ich würde nachgeben und vielleicht erlauben, daß ein

besonderes Stück für sie geschlachtet würde. Später siegte der Hunger,

und im Verlauf der Expedition sprach kein Mensch mehr davon. Jedem

Neuling wurde gesagt: „Der Herr will es nicht.“

Viel schwieriger ist es bei privaten Expeditionen gegen solche

Vorurteile anzukämpfen, und ich werde darauf zurückkommen, wenn ich von

meiner Jagdreise in die Massaisteppe erzähle. --

* * * * *

[Sidenote: Geier und Marabu.]

Wenn man von Flußpferdjagden spricht, sind Aasvögel und Krokodile nicht

leicht davon zu trennen; sie finden sich schnell ein, und die Stelle,

an der ein erlegtes Nilpferd liegt, wird sehr bald zum Schauplatz eines

bunten Treibens.

Auf die Sandbank gezogen, nicht weit vom acht Meter hohen Schilfrohr

lag der Körper eines toten Flußpferdes. Ein langer Schnitt in die Haut

hatte den Aasvögeln die Möglichkeit gegeben, mit der Mahlzeit gleich zu

beginnen; (sonst müssen sie warten, bis der Körper gänzlich in Fäulnis

übergeht, da sie nicht imstande sind, die Haut zu durchschlagen).

Wohl hundert Geier saßen herum; einige auf, andere in dem Kadaver. Ein

Dutzend Marabu spazierten zwischen den Gruppen der Vögel hindurch.

Heiseres Gekrächze kam von dem Schauplatze.

Ich lag im Schilf und beobachtete. Ein Geier arbeitete in der vom

Wasser durchspülten, faulen Masse. Kopf und Hals verschwanden darin.

Ein anderer hatte ein Stück losgerissen, wollte sich dann auf die Seite

stehlen, wurde aber von drei Neidern verfolgt. Zwei andere rissen sich

mit langen Hälsen um einen Bissen. Der Marabu tat, als wenn er überall

Aufsicht ausüben mußte.

Gern nimmt er den Geiern Stücke ab. Sein langer, spitzer Schnabel ist

mit Recht gefürchtet. Dieser Schnabel eignet sich weit weniger als der

gekrümmte des Geiers zum Losreißen von Stücken Fleisch. Selten sieht

man daher den Marabu selber am Aas arbeiten; er nutzt die Geier dazu

aus. Große Stücke schlingt er auf einmal hinunter; die baumeln dann in

dem tief hinabhängenden Kropfbeutel.

„Schäbig ist der Marabu“ sagt Busch. Schäbig ist nur das Gefieder

seiner Kopf- und Halspartie; reich sein übriges Federkleid. Man meint,

er sei ein dürftiger Geselle in einem feinen, stahlblauen Gehrock. Ein

knallroter Fleck auf der Haut sitzt hinten im Nacken, wie um zu zeigen,

daß ein Vogel auch ohne Federn bunt sein kann. Das Männchen hat weiße

Ränder an den Deckfedern der Flügel. Sein Gefieder ist mehr graublau,

während das des Weibchens fast schwarz und einfarbig ist.

Der frische Wind wehte mir den Aasgeruch in die Nase. (Niemand sage:

Pfui, wie unappetitlich! Am ersten Tage, auch am zweiten, ja. Später

aber riecht es genau, wie Camembert; es ist Geschmacksache. Die

Schwarzen essen z. B. etwas angefaultes Fleisch sehr gerne; auch den

Marabu selbst essen sie. Vielleicht ist ihnen diese Fäulnis das, was

uns der Alkohol und der Käse). Hoch in den Lüften kreisen zwei weitere

Marabu. Hell leuchtet das weiße Gefieder der Brust, das sich bis unter

die Flügel fortsetzt. Wie ein Fähnchen flattert der leere Beutel am

Halse.

Nun heißt’s den besten aussuchen; mit dem Doppelglas natürlich. Es

ist nicht leicht; denn der größte Vogel hat oft die kleinsten Federn,

oder die Federn sind groß, aber der zarte Flaum ist schon abgenutzt.

Außerdem trägt der Marabu die sehr beliebten Federn nicht auf dem

Kopfe, wie manche Damen vielleicht denken. Wer da nicht genau hinsieht

und aussucht, wird oft unzufrieden sein über seine Beute. -- Da

ist einer! Jetzt mit der Büchse im Anschlag warten, bis er mir die

Seite zeigt, denn das beste ist, stets einen Flügelknochen mit zu

zertrümmern, dann kann der Vogel nicht mehr fortfliegen. Schuß; er

liegt.

Die andern fliegen auf, setzen sich aber gleich wieder, kommen heran,

sperren die Schnäbel auf, was stets Erstaunen, Schrecken, Angst

bedeutet und sehen erst mit dem rechten und dann mit dem linken Auge

zu mir herüber; ein umständliches Verfahren, zu dem fast alle Vögel

gezwungen sind, wenn sie die Absicht haben, stereoskopisch zu sehen.

(Die gelehrten Eulen machen eine Ausnahme.) Es ist kein Vogel mehr

darunter, der mir gefällt; ich trete aus meinem Versteck, da hebt

sich die ganze Schar der Riesenvögel und kreist, wie vom Wirbelwind

getrieben, über mir in der Luft. Zwanzig gute Federn hatte der erlegte

Marabu. Ich nahm die Federn an mich; der Balg mit seinem schneeweißen

Flaum und die großen Flügel wurden von den Askari mit Sorgfalt für

die Ngoma[13] in Daressalam präpariert. Das Fleisch bekamen die

Eingeborenen.

* * * * *

Während oben die Vögel an dem Kadaver eines Flußpferdes fressen, tun es

im Wasser gleichzeitig die Krokodile. Diese geben sich alle Mühe, die

Beute für sich allein zu reservieren und ins tiefe Wasser zu ziehen.

Gelingt es ihnen, dann folgen sie dem treibenden Körper. Einem zwölf

Fuß langen Krokodil habe ich einmal vom hohen Ufer aus den Garaus

gemacht, als es einem toten, treibenden Kiboko folgend, unmittelbar an

mir vorbeischwamm, um den aufgedunsenen Kadaver herum sah ich wohl ein

Dutzend der langen, grünen Köpfe.

Auf den Schuß zeichnete das große Krokodil; die übrigen entfernten sich

schnell und näherten sich dem gegenüberliegenden Ufer. Sie verloren

entweder die Spur des treibenden Körpers oder waren satt.

[Sidenote: Schlafende Krokodile.]

In der Nähe des Kadavers ruhen die Krokodile auf Sandbänken prall

vollgefressen; oft mit weit geöffnetem Rachen. Da ist es denn ein

besonderer Spaß, solch einen Schläfer in guter Deckung auf wenige

Schritte anzupürschen. Das gelingt stets, wenn er dicht an einer

hohen Böschung liegt. Aber auch auf freiem Sande geht es, wenn kein

anderes Krokodil in der Nähe ist und man den Schläfer genau von hinten

anschleicht. Wenigstens bin ich auf fünfzehn Schritt hinangekommen --

im ersten Falle sagen wir auf drei Schritt, d. h. eigentlich bis ich

unmittelbar über ihm stand. -- Der Schreck der Bestie, wenn man ihr

dann einen Knüppel aufs Rückgrat wirft! Wie elektrisiert schnellt sie

empor und plauzt ins Wasser.

Einmal wollte ich Flußpferde vom Boot aus photographieren. Der Strom

hatte nur wenig Wasser. Große Sandbänke lagen trocken, und an vielen

Stellen waren tote Buchten oder sogar kleine, abgeschlossene Teiche

entstanden. Von einem hohen Felsen aus konnte ich an dieser Stelle die

Krokodile zählen; Flußpferde steckten ihre Köpfe tief unter mir aus dem

Wasser; Nilgänse, Riesenreiher und Marabu standen am Ufer.

Ich ließ zwei Kanoes zusammenbinden und fuhr auf die Flußpferdherden

los, um Aufnahmen zu machen. Unteroffizier Lauer saß im linken, ich im

rechten Boot.

Die erste Herde tauchte unter, bevor ich eine Aufnahme gemacht hatte.

Eine andere Herde ruhte am Ufer, dicht hinter einem Felsen. Unser

doppeltes Boot trieb langsam an den Büschen entlang und an glatten

Steinen vorbei, die allmählich aus dem Wasser emporstiegen. In

schneller Fahrt wurde es um einen Felsvorsprung herumgerissen und

schoß dann in das seichtere Wasser einer kleinen Bucht hinein, in der

kein Strom war.

Ein starker Bulle stand ganz auf dem Trockenen, die übrigen fünf Tiere

halb im Wasser. Eins hatte seinen Kopf ausruhend auf den Rücken eines

anderen Flußpferdes gelegt und hielt uns die breite, borstige Schnauze

gerade entgegen.

Diesmal glückte es. Ich stand auf einem Feldstuhl, Lauer hielt mich an

den Fußgelenken fest. -- Die schwarzen Steuerer durchquerten die Breite

der Bucht, und bevor das Boot auf dem anderen Ufer mit sanftem Stoß

aufgehalten wurde, hatte ich eine Aufnahme gemacht.

Die Herde suchte das tiefere Wasser auf und mußte dicht am Boote

vorbei. -- Starke Wellen gingen von den plumpen Tierkörpern aus,

schlugen gegen die Bordwand und liefen schäumend über den Sand.

Wir waren sehr froh über das wohlgeglückte Manöver; frohlockten aber zu

früh!

[Sidenote: Vom Flußpferd in die Luft geworfen.]

Das Boot trieb wieder auf dem freien Strom und nahm Kurs auf ein

einzelnes Flußpferd, das den Kopf von Zeit zu Zeit aus dem Wasser hob;

ich wollte schießen. Auf hundert Meter tauchte der Kopf unter. Da ließ

ich bremsen, um in der Zeit, die der Dickhäuter unter Wasser zubringt,

nicht darüberhinwegzufahren. -- Plötzlich gab es einen starken Stoß --

-- -- ich fand mich im Wasser und tauchte auf: Das Boot, in dem ich

gesessen hatte, war zerbrochen, das andere lag auf der Seite. Hinter

mir rauschte es, ein großes Nilpferd durchquerte eine flache Stelle im

Strom.

Mein erster Gedanke war an Gewehr und Kamera; doch bevor ich den Kopf

wieder in die gelbe Flut steckte, sah ich nach den Ufern, um mir die

Peilung einzuprägen. Wir trieben. -- --

Also erstmal zum Ufer mit allem, was noch oben schwamm! Das Boot wurde

auf den Sand gezogen. --

Ein Neger hatte die Ledertasche mit der Kamera und den Kassetten

ergriffen; das Wasser strömte heraus!

[Illustration: An den Kadavern der Flußpferde schoß ich zwei Marabu mit

einer Kugel.]

Mein Gewehr fehlte noch. Lauer und ich waren die ersten, die wieder

ins Wasser sprangen; keiner von uns dachte an die Krokodile. Die

Ruderer tauchten um uns herum; nach wenigen Minuten war auch das Gewehr

gefunden.

Vermißt wurden nur noch entbehrliche Dinge.

Leider mußte ich die Kassetten schnell öffnen und die Platten

herausnehmen, denn es war Wasser hineingedrungen; der schwarze Belag

blätterte von den Rückwänden ab, dennoch sind alle späteren Aufnahmen

gut gelungen.

Wir sprachen über den kleinen Unfall, der einen so harmlosen Ausgang

hatte. Mein Begleiter sagte, er wisse ganz genau, wie er durch die Luft

geflogen sei, ich sei in kürzerem Bogen ins Wasser gerutscht.

Es war merkwürdig, daß ich mich auf diesen Augenblick gar nicht

besinnen konnte; vielleicht hatte der starke Stoß mir für Bruchteile

von Sekunden die Besinnung geraubt. So erklärt sich auch nur, daß ich

mein Gewehr losließ.

Ich glaube nicht, daß das Flußpferd uns hat annehmen wollen, sondern

es hat in so flachem Wasser gestanden, daß das Boot es berühren mußte.

Da ist das Tier erschreckt losgesprungen, hat, vielleicht lediglich

durch eine kurze Bewegung seines starken Kopfes, das Boot in die Luft

geworfen und dann über die nächste Sandbank hin das Weite gesucht.

Es ist schwer, das Verhalten eines Tieres richtig zu beurteilen. Ich

bin der Ansicht, daß die Tiere im allgemeinen froh sind, wenn man

sie in Ruhe läßt, und daß sie nur, wenn man sie plötzlich stört und

belästigt, im ersten Unwillen sich ihrer Kraft bewußt werden und auf

den Störenfried drauflosrennen.

Die Tatsache war aber nicht zu leugnen, daß uns ein Flußpferd in die

Luft geworfen hatte, und wir waren froh, den Schreck so billig bezahlt

zu haben.

Völlig durchnäßt setzten wir die Verfolgung der Flußpferde in dem noch

schwimmenden Boote fort.

Ich wollte einen starken Bullen schießen und mich dadurch für den

Verlust der schönen Aufnahme schadlos halten.

Als ein starker Kopf die Augen und die Ohren aus dem Wasser steckte,

schoß ich. Der Schuß ging dicht vor den Augen durch den Schädel.

Einige Sekunden blieb das Flußpferd unter Wasser, dann sprang es

hoch heraus und schweißte stark. Mit geöffnetem Maul erschien es

immer wieder an der Oberfläche; es schien unfähig zu sein, in tiefem

Wasser aufzutauchen und suchte deshalb die Nähe einer Sandbank, wo es

halb aus dem Wasser herausstand und sich um nichts zu kümmern schien.

Wahrscheinlich war es vor Schmerz apathisch.

Ich ließ gerade auf das Tier zusteuern. Als wir ihm auf Bootslänge

nahe waren, erkannte es die Gefahr, wandte sich plötzlich um und fuhr

ungestüm auf unser kleines Boot los; ein schneller Schuß ins Gehirn

tötete das Flußpferd jedoch auf der Stelle, kurz bevor es das Boot

erreichte. Zweifellos hätte das schwer gereizte Tier uns gefährlich

werden können.

Den abgeschnittenen Kopf trugen acht Neger mit Mühe an einem langen

Baum; er mag wohl nahezu vier Zentner gewogen haben.

An diesem Tage konnte ich noch ein merkwürdiges Erlebnis aufzeichnen:

als wir unter einer etwa zwei Meter hohen, steilen Uferböschung

ziemlich geräuschlos entlang fuhren, sprang ein großes Krokodil dicht

über das Boot weg ins Wasser.

* * * * *

Ein andermal schoß ich zusammen mit Herrn Bezirksamtmann Graß eine

Flußpferdherde ab, in der einige angriffslustige Bullen waren. Die

Bootsunfälle, durch Angriffe der Flußpferde hervorgerufen, waren an

dieser Stelle so häufig, daß die Neger sich mit ihren Booten nicht an

der Herde vorbeizufahren trauten, wenn nicht ein Askari mitfuhr, (der

durch sein Knallen wahrscheinlich nur dazu beitrug, die Tiere noch mehr

zu reizen).

Der Strom war hier so tief, daß die Tiere entkommen konnten, indem sie

weite Strecken unter Wasser zurücklegten.

Wir mußten deshalb auf dem Ufer nebenherlaufen, um in einem neuen

Versteck schon in Anschlag zu liegen, sobald die Tiere an einer

entfernten Stelle wieder auftauchten.

[Sidenote: Jagd vom Boot aus.]

Oft habe ich Flußpferde mit dem Boot verfolgt und so geschossen. Bei

dieser Jagdart müssen die Ruderer genau auf jeden Wink des Schützen

achten, weil die Kunst darin liegt, an der richtigen Stelle zu sein,

wenn der Kopf des Tieres auftaucht. Dann erscheint die breite,

borstige Schnauze manchmal dicht vor dem Boot und wird im Schreck über

die so unerwartet nahe Gefahr unter kurzem Prusten wieder unter Wasser

gesteckt.

Die Begegnungen, die ich bei monatelangem Aufenthalt an Flüssen, Seen

und Sümpfen mit Flußpferden und Krokodilen hatte, sind zahlreich und

gaben mir viele Beobachtungen.

In manchen Gegenden ertönte der tiefe, urkräftige Baß der alten

Flußpferdbullen Tag und Nacht. Keine andere Tierstimme hat so ungeheure

Macht und Stärke. Aus Seen mit dichtem, üppigen Schilf und schwimmenden

Pflanzen dröhnt zur Mittagszeit das Grunzen, von dem man nicht weiß,

ob es Groll oder Wohlbehagen ausdrücken soll. Heiß brennt die Sonne

auf dem Wasser. Oft habe ich schweigend zugehört, wenn ich am Ufer in

einem der tief ausgetretenen Pässe saß, auf denen das Kiboko nachts dem

Wasser entsteigt.

[Illustration: Schädel eines von mir erlegten Nilpferds.

_Dr._ R. Kandt sagt sehr treffend: „Das Gebiß sieht aus, als wäre

dem Tier bei der Schöpfung eine handvoll Zähne in jeder Form und Größe

in den Rachen geworfen worden, von denen jeder gerade Wurzel faßte, wo

und wie er zufällig hinfiel“.]

Das Tierleben an solchem stillen Weiher zu beobachten, hat großen Reiz.

Der helle, melodische Schrei des weißköpfigen Adlers ertönt aus der

Luft. Blütenweiße Edelreiher, Schlangenhalsvögel und graue Fischreiher

sitzen auf kahlen Ästen der Uferbäume, die ebenso wie das hohe Rohr mit

den zierlich geflochtenen Nestern der gelben Webervögel übersät sind.

Da streicht ein Riesenreiher mit kupferrotem, im Bogen zurückgelegten

Hals über den See hin und fällt in meiner Nähe ein. Der „Korongo“[14]

steht vielleicht eine Stunde lang bewegungslos, bis er plötzlich mit

seinem Kopf nach unten fährt und mit einem zweipfündigen Fisch im

Schnabel langsam in ganz flaches Wasser schreitet, wo er den noch

Zappelnden bedächtig niederlegt.

Mit schwirrendem Flug kommt einer der bunten Königsfischer angeflogen

und setzt sich auf einen Zweig, dicht vor meiner Nase, so daß ich das

farbenprächtige Kleid bewundern kann. Der kleine Räuber ähnelt mit dem

großen, starken Schnabel dem Bolzen einer Armbrust.

Besonders stark sind die Flußpferde gegen Abend zu vernehmen; wenn

eins seine Stimme erhebt, ertönt fast ununterbrochen Antwort aus

entfernteren Herden.

Es wird noch lange dauern, bis das letzte Kiboko aus den Flüssen

Ostafrikas verschwindet; aber die an paradiesische Zeiten erinnernden

großen Herden Tag für Tag um sich zu sehen, das mag nicht mehr vielen

Jägern beschieden sein.

Ob man die Krokodile auch einmal schonen wird und, wie es jetzt in

Nordamerika geschehen soll, durch strenge Strafgesetze vor Ausrottung

schützen, das glaube ich nicht. Wenigstens scheint es mir zweifelhaft,

weil ich noch gelernt habe, diese Tiere als gefährliche Feinde des

Menschen zu fürchten.

[12] „_Dawa_“, irgend ein Amulett, ein Stück Horn oder Metall, ein

Knopf oder Stein, etwas Sand oder Mehl in Blätter, Papier,

Tuch eingewickelt, gebunden oder genäht und an einer Schnur am

Körper befestigt.

Um sich solche „_dawa_“ zu beschaffen, laufen die Leute oft

sehr weit zu einem Zauberer, von dem sie gehört haben und

zahlen diesem einige Kupfermünzen dafür.

Im Aufstand fanden wir bei allen Gefangenen kleine Fläschchen

mit Wasser. Meist waren es blaue Gläser, wie sie die Inder

zu Schnupftabak verkaufen; das Wasser weihte der Zauberer

Hongo, der an den Panganischnellen des Rufiyi wohnte (an einer

Stelle, die gleich weit von allen umliegenden Bezirksämtern

und Militärstationen entfernt war). Nach seiner Gefangennahme

entstand sofort ein neuer Jumbe Hongo, dessen Zauberapotheke

uns bei dem Überfall von Nyamwera in die Hände fiel. Der

Kriegsruf der Aufständigen war: „_Maji, maji_ = Wasser,

Wasser“ und hatte sicher mit den Fläschchen etwas zu tun, die

die Krieger bei sich trugen.

[13] Ngoma heißt eigentlich „Trommel“ übertragen auch Tanzfest,

weil dabei die Trommel geschlagen wird.

[14] _korongo_ = eigentlich Storch.

[Illustration: Gehörn einer Elenantilope vom Rufiyi.]

Jagden im Busch.

Im Süden der Warufiyi wohnen die Wapogoro; in kleinen Dörfern und

einzelnen Hütten im Busch. Da sie nicht weiter behelligt wurden, kamen

sie nicht zur Unterwerfung, bildeten aber eine stete Gefahr für mich;

denn mit ihrer Hilfe konnten die Aufständigen leicht Einfälle in die

von mir geschützten Gegenden machen.

Ich wollte auch die Wapogoro zur Unterwerfung treiben und so einen

Stamm nach dem andern dem friedlichen Gebiete anschließen; deshalb zog

ich mit dem Unteroffizier und zwanzig Askari in das ziemlich schwach

bewohnte Land, in dem auch die Wasserstellen nach Süden immer seltener

wurden. Die Eingeborenen zeigten sich feindlich gesinnt, flohen jedoch

meist ohne Gegenwehr; ihre Dörfer wurden niedergebrannt und das

Getreide weggenommen.

Eines Tages lagerte ich am Ende eines langgestreckten Sees und schickte

einen Gefangenen zu den Aufständigen, mit der Aufforderung sich zu

unterwerfen.

Die Ufer des Sees säumte hoher Wald, der in lichten Buschwald überging;

an einer Seite war das Ufer unbewaldet, und eine Talmulde mit weiten

Grasflächen schloß sich an. Stark ausgetretene Wildwechsel mündeten am

Wasser.

Vom Lager aus konnten wir im See die Flußpferde beobachten und die

Uferpartien überblicken, an denen das Wild zur Tränke kam.

Da es bei meinem Hauptlager in Mtanza gar kein Wild gab, wollte ich

hier für meine Leute einen Vorrat schießen und hatte Träger genug

mitgenommen, um das Fleisch fortzuschaffen.

Als ich kurz nach Mittag das Lager in Begleitung des Unteroffiziers,

einiger Askari und Träger verließ, waren alle Vorbereitungen für die

Nacht getroffen; ein Dornverhau umgab in weitem Bogen die Zelte und

war nach dem Wasser zu offen. Die Schwarzen hatten sich kleine Hütten

gebaut und hockten im Schatten. Einige badeten in dem flachen Wasser

am Ufer des Sees; andere brachten Brennholz. Ein Flußpferd, das sich

von der Herde getrennt hatte, war nahe herangekommen und beobachtete

neugierig und ängstlich die Vorgänge im Lager. Von Zeit zu Zeit tauchte

es unter, und erschien bald danach laut prustend wieder mit dem Kopf

über der Wasserfläche. Die Neger freuten sich darüber ebenso wie ich;

man konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, daß das einzelne Tier

für die Sicherheit der ruhig im Hintergrund schlummernden Herde solch

Interesse an uns nahm.

[Sidenote: Birsch auf Riedböcke.]

An dem Rande eines Akazienwaldes pürschte ich entlang und brachte in

etwa zwei Fuß hohem, trockenem Grase bald einen Riedbock hoch, der nach

mehreren Fluchten verhoffte. Mit einem Hochblattschuß streckte ich

ihn im Feuer. Das blanke, starke Gehörn erfreute mich ebenso wie der

einwandfreie Schuß; es entsteht stets ein Gefühl von Sicherheit und

Befriedigung, wenn der Anfang der Jagd von Erfolg begleitet ist.

Ich ging nun quer über die Lichtungen; da wurden mehr Riedböcke

flüchtig, die alle trotz der heißen Nachmittagssonne und der Nähe des

schattigen Waldes im hellen Sonnenlicht ruhten.

[Illustration: Gehörn eines Swallahbocks (Schwarzfersenantilope.)]

Hier wurde ich auf einen Umstand aufmerksam, der mir schon öfter

aufgefallen war. In der Ferne sah ich einen Gegenstand von rotbrauner

Farbe, einem Stück Hochwild täuschend ähnlich, erkannte aber durch das

Doppelglas, daß es ein Termitenhügel von matt dunkelbrauner Farbe war.

Vor dem Hügel schwankten einige gelbe Gräser, die mit bloßem Auge nicht

zu erkennen waren. Sie gaben ihm die rötliche Färbung. Mehrmals sah ich

abwechselnd mit bloßem Auge und mit dem Glase hin; der Unterschied

war auffallend. Dem unbewaffneten, also auch dem schwächeren Auge

vermengen sich wie die Gegenstände, auch ihre Farben und bilden eine

neue Gesamtfarbe. Augen verschiedener Sehschärfe werden also oft im

Freien die Farben verschieden sehen. Das macht sich am häufigsten

bemerkbar, wo Sträucher und Gräser die Gegenstände mannigfach bedecken.

Ein Jäger mit scharfen Augen kann also an vielem vorübergehen, was ein

anderer nur zu leicht für Wild hält, weil er Umrisse und Farbe anders

wahrnimmt, als sie dem Kurzsichtigen erscheinen.

Die Landschaft nahm jetzt einen mehr parkartigen Charakter an; Gruppen

von Bäumen und Busch wechselten ab mit offenen Grasflächen, über die

einzelne Schirmakazien ihre weitausgelegten Äste breiteten.

Auf einer Lichtung stand ein Gnubulle, sah uns einen Augenblick

verdutzt an und flüchtete in langsamem Galopp.

[Sidenote: Schwarzfersenantilopen.]

Ein Rudel -- etwa vierzig -- Schwarzfersenantilopen tanzte plötzlich

zwischen den Bäumen. Das sah wunderbar aus. Zum ersten Male sah ich

die „Swallah“, wie sie von Jägern und Eingeborenen genannt werden.

Wie Gummibälle federten die Tiere wohl um das Dreifache ihrer eigenen

Größe hoch in die Luft. Ich war entzückt über den Anblick und freute

mich über das Bild, das um so schöner wirkte, weil sich die Tiere

zwischen den Gruppen der Büsche und Bäume, in die das helle Sonnenlicht

hineinfiel, wie zwischen Theaterkulissen bewegten. Die auffallend rote

Farbe der Antilopen stand in frischem Gegensatz zu dem hellen Grün der

Gräser und Büsche. Die Tiere sprangen nicht einmal alle in derselben

Fluchtrichtung, sondern hier und dort schnellte ein Körper hoch über

die anderen empor, und es sah aus, als sprängen sie übereinander weg.

[Illustration: 1. Buschbock vom Sigi; Ostafrika. 2. Giraffengazelle

aus der Massaisteppe. 3. Riedbock vom Pungwe; Südafrika. 4. Kudu vom

Kilimandscharo.]

Es gelang mir der Herde den Weg abzuschneiden und einem starken Bock,

der als letzter folgte, die Kugel zu geben. Er zeichnete auf den Schuß

und flüchtete mit dem Rudel; doch folgte ich den frischen Fährten

und ließ Leute zu beiden Seiten gehen. Nach beinahe einstündigem,

angestrengtem Suchen wurde der Bock nicht weit vom Anschuß verendet

gefunden. Mit etwas tiefem Lungenschuß hatte er sich nach zweihundert

Schritten von dem Rudel getrennt und sich nach weiteren zweihundert

Schritten niedergetan. Da nur wenig Schweiß in der Fährte lag, war es

nicht möglich gewesen, dem angeschossenen Tiere in dem von vielen Hufen

aufgewühlten Boden zu folgen.

Ich bewunderte die Farbe und den Glanz der Decke. Der Rücken ist

dunkelrot, an den Seiten wird die Färbung matter bräunlich und geht

unten und an der Innenseite der Läufe in reines Weiß über. Kräftige

Sprunggelenke und Sehnen an den Läufen befähigen das Tier, solche

Sprünge auszuführen, wie ich sie vorher sah. Die Decke liegt locker und

beweglich auf der fein ausgeprägten Muskulatur. An den Hinterläufen

befinden sich stark entwickelte, schwarze Haarbüschel; das Gehörn ist

glänzend schwarz poliert.

Da es mittlerweile spät geworden war, schlug ich die Richtung zum

Lager ein und traf auf einer Lichtung ein starkes Rudel Wasserböcke,

die mich nicht bemerkt hatten. Mehrere saßen im Grase, während zwei

Böcke sich gegenseitig verfolgten und dabei den Kopf wie zum Angriff

senkten. Junge Swallahböcke ästen zwischen den ersten Büschen am Rande

der Lichtung. Als mich die Tiere bemerkten, standen die Wasserböcke und

äugten nach mir, so daß ich die schön gezeichneten Köpfe aus der Nähe

sehen konnte.

Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika · 第 26 / 34 题