Alles drängte über eine Brücke und hier war es leicht, mit schnellen
Schüssen zu treffen.
Ich warf einen kurzen Blick auf meine Leute. Die Unteroffiziere und
Matrosen schossen ruhig. Sergeant Kühn hatte die unsichersten der
Askari in seine Nähe genommen. Diese führten die Ladegriffe noch so
exerziermäßig aus, daß man die „praktische Instruktion“ dazwischen zu
hören glaubte.
Nun folgte der letzte Anlauf den Abhang hinab, über die Brücke weg
in ein abgeerntetes Maisfeld. Die Neger liefen auf die Sandbänke und
stürzten sich in den Fluß; die Mehrzahl floh in westlicher Richtung.
Waffen, Patronentaschen und sogar den leichten, aus Pflanzenmark
hergestellten Kopfputz warfen sie fort, um schneller laufen zu können.
Wir waren bis aufs äußerste erschöpft und erhitzt, als ich das Gefecht
abbrach. Die Askari drängten sich um mich herum und schüttelten mir in
ihrer Erregung minutenlang die Hände.
Jeder wußte: Mühe und Anstrengung hatten sich heute belohnt, und die
überraschende Niederlage der Aufständigen würde großen Eindruck machen,
wenn nicht zum Frieden führen.
Als ich antreten ließ, hatte ich die bange Sorge um eigene Verluste,
aber es ergab sich zu aller Freude, daß nicht ein einziger fehlte;
mit geradezu unglaublichem Glück waren wir durch den Geschoßhagel der
Vorderlader hindurchgelaufen.
Die Überraschung der Aufständigen, die nicht Zeit hatten, sich ins Gras
niederzuwerfen, hatte das ihre dazu getan.
Der große Verlust des Gegners aber -- über siebzig Tote lagen allein
auf dem Kampfplatz -- mußte als ein Erfolg angesehen werden. Die
Schenzi waren mit dem Wahn zu Felde gezogen, daß ihre Waffen treffen
würden, und aus unseren Gewehren, durch die Macht der Zauberer, nur
Wasser kommen würde.
Jetzt waren sie eines anderen belehrt!
Ein Neger behauptete, er habe auch hinter uns ferne im Wald schießen
hören und ich war etwas besorgt um die Abteilung des Stabsarztes
Engeland, die verhältnismäßig schwach war, weil ich in der Zuversicht,
den Gegner nur ~vor~ mir zu haben, die meisten Kräfte an mich
genommen hatte. Doch bald traf die kleine Kolonne mit den Trägern
und Lasten ein und Stabsarzt Engeland freute sich mit mir über den
Erfolg des Tages, durch den mein ganzer, auf eigene Verantwortung
unternommener Zug eine Rechtfertigung fand.
Die Aufständigen waren nämlich auf dem Wege nach Osten gewesen, hätten
noch an demselben Tage die Landschaft Kooni erreicht und von dort
weiter die gut bevölkerten und reichen Landschaften nach der Küste
hin mit in den Aufstand gerissen und verwüstet, wenn ich ihnen nicht
begegnet wäre.
Auch hatten sie, wie später sicher festgestellt wurde, schon
Beziehungen zu Häuptlingen im Usaramobezirk (Daressalam; nördlich vom
Rufiyi), die sich nach der Niederlage am 21. August den Fall noch
einmal überlegten und ruhig blieben.
Nun kam es darauf an, festzuhalten, was durch den schnellen Vormarsch
und die entscheidenden Gefechte erreicht worden war. Von der Mündung
des Stromes bis nach der Landschaft Kibambawe hin war das Nordufer in
einer Linie von etwa 180 _km_ Länge gesichert durch friedliche
Neger, die durch unser Vorgehen das Vertrauen auf den Schutz der
Regierung behalten hatten.
Auf dem Nordufer war daher eine dauernde Botenverbindung mit Mohorro
möglich. Das Südufer mußte allerdings allmählich unterworfen werden und
das konnte nur geschehen unter Aufsicht eines Militärpostens am Rufiyi.
[Sidenote: Die Aufständigen vollständig zersprengt.]
Die Aufständigen, die ich am 21. früh bei Kipo traf, waren aus den
Kitschi- und Matumbibergen südlich vom Rufiyi vor den Operationen des
Majors Johannes ausgewichen.
Daß ich sie an einem für ein Gefecht mir so außerordentlich günstigen
Platze traf, ist reiner Zufall gewesen. Ich habe das Nordufer später
noch genauer kennen gelernt; auf dem ganzen Wege von der Stelle, an
der die Aufständigen über den Fluß gesetzt waren, bis nach meinem
Ausgangspunkt Kooni hin ist nicht ein Platz, der annähernd den
erreichten Erfolg ermöglicht hätte; an jeder anderen Stelle wäre uns
höchstens die Spitze des Gegners schußrecht gekommen; die Neger hätten
sich in das Gras geworfen und es wäre nicht ohne schwere Verluste auf
unserer Seite abgegangen.
Bei Kipo aber öffnete sich das Terrain; links floß der Strom, rechts
lag ein großer See und die Höhe, die wir beim zweiten Vorlaufen
erreichten, beherrschte den schmalen Paß, auf dem der Gegner fliehen
mußte. Die völlige Überraschung der Aufständigen kam hinzu, um den
Eindruck unseres Erscheinens zu erhöhen.
Sie mögen anfangs gedacht haben, daß ihnen ein so kleines Häuflein
Soldaten nichts anhaben könnte und daß wir uns durch ihre große Zahl
einschüchtern lassen würden; als aber an ihrer Spitze gleich vierzehn
der unverwundbaren Krieger hinsanken, verloren sie den Kopf.
Hätte es nicht auch anders kommen können? Ich weiß es nicht; aber es
ist mir in Erinnerung, daß ich mich im ersten Augenblick, als ich die
endlose Reihe der schwarzen Krieger sah, fragte: „Wird diese Masse ins
Wanken kommen, oder werden sie sich entschlossen auf uns stürzen?“
Und wahrscheinlich hätte zaudern uns an diesem Tage einen Mißerfolg
gebracht.
Die Wirkung der Stahlmantelgeschosse aus den 98er Gewehren war viel
kleiner als die der Bleigeschosse aus den 71er Gewehren der Askari. Ich
habe selbst beobachtet, daß der erste Schwarze, den ich genau aufs Korn
nahm, erst beim dritten Schusse fiel; und ich hatte offenbar jedesmal
getroffen, denn der Leichnam wies nachher drei verschiedene Schüsse auf!
Da man den Angeschossenen doch nur in sehr seltenen Fällen helfen kann,
stände nichts im Wege, angefeilte oder Bleispitzengeschosse gegen
Aufständige zu verwenden. Die Qualen des Verwundeten werden abgekürzt
und vor allen Dingen wird der Gegner schneller kampfunfähig gemacht.
Ist doch die Wirkung der Bleigeschosse ebensogroß wie die der
angefeilten Geschosse und weshalb soll man sich dieser Wirkung begeben,
die man bei den Askarigewehren als vorteilhaft anerkennt? Wenn man
Neger schonen will, soll man überhaupt nicht schießen.
Etwas ganz anderes ist es, wenn ärztliche Hilfe, Verbandzeug und
Krankenpflege vorhanden sind, was bei Eingeborenenaufständen in Afrika
nie so ausreichend der Fall sein wird, daß man die Hilfe auch den
verwundeten Gegnern zuteil werden lassen kann. Man hat nämlich die Wahl
zwischen großen Erfolgen mit geringen Mitteln oder geringen Erfolgen
mit einer großen Ausrüstung (die an jeder schnellen Aktion hindert).
Das hat sich oft in dem ostafrikanischen Aufstand gezeigt. Und deshalb
kann man auch an Verbandzeug usw. nur das Allernotwendigste mitnehmen.
(Trotz diesen Erwägungen habe ich nur Vollmantelgeschosse verwendet,
schon um Ladehemmungen, die durch angefeilte Geschosse entstehen
können, auszuschließen.)
Das Mittagessen wurde im Dorfe gekocht; nach kurzer Rast marschierten
wir weiter in der Richtung, die der fliehende Feind genommen hatte. Ein
schmaler, aber guter Weg führte auf der Höhe des Rückens entlang, der
hier steil zum Fluß abfiel.
Ziemlich gleichmäßiger Buschwald stand zu beiden Seiten.
Mehrmals ging ich vom Wege ab, an den Abhang hinan und genoß den
schönen Blick von oben auf den breiten Fluß, die großen Inseln im Strom
und die fernen Wälder.
Gegen abend gingen wir zum Fluß hinab und erwarteten auf einer weit
vorgeschobenen Sandbank die Boote, die der Akide in einem Versteck
wußte. Gerade an der Stelle, die wir uns zur Überfahrt ausgesucht
hatten, schwammen zwei ungeheure Nilpferde im Wasser herum und die
Boote konnten nur durch geschickte Manöver ausweichen. Die Schwarzen
sahen immer ängstlich nach den Tieren und ruderten aus Leibeskräften,
sobald das Boot in tiefes Wasser kam.
Ganz unheimlich aber wurde es erst nach Anbruch der Dunkelheit, als wir
nur aus dem Schnaufen und dem unwilligen Brüllen merken konnten, wo
sich die Kibokos befanden; wir atmeten erleichtert auf, als sämtliche
Menschen, Reittiere und Lasten das Südufer erreicht hatten.
Der Proviant für die Europäer war fast zu Ende; drei Tage konnten wir
uns allenfalls noch durchschlagen. So war ich denn im Zweifel, ob
ich noch einen Zug in die Landschaft Mtanza unternehmen sollte, der
mindestens zwei Tage Zeit forderte.
Ein farbiger Händler kam und berichtete am nächsten Morgen über die
Lage in Mtanza.
Er schilderte, in welcher Verfassung die Aufständigen zurückgekommen
seien: Hals über Kopf seien sie in die Boote gestürzt, viele Verwundete
seien auf Bettstellen getragen worden; sie hätten die Nase voll.
Als ich noch überlegte was zu tun sei, kam ein Bote und brachte
einen Befehl von Hauptmann Merker aus Mohorro, ich sollte mit meiner
Expedition nach dort zurückkehren.
Am nächsten Morgen trat ich gerade rechtzeitig aus dem Zelt um zu
sehen, wie ein großes Flußpferd aus dem Schilf kam und über die
Sandbank hin langsam ins Wasser ging. --
Der Rückmarsch wurde begonnen und gegen Mittag dem gestrigen
Gefechtsfeld gegenüber gelagert.
[Sidenote: Geier auf dem Schlachtfeld.]
Mit vieler Mühe beschaffte mir der Akide ein Boot und ich fuhr hinüber.
Zahlreiche Geier und Marabus kreisten in der Luft über den Leichen und
saßen auf den Sandbänken. Ein großer Teil der Toten aber war schon in
der Nacht fortgetragen und wahrscheinlich begraben worden.
Die Leichen sahen entsetzlich aus; die schwarze Pigmentschicht der Haut
war geschwunden und durch ein unansehnliches Rot ersetzt. Hyänen und
Aasvögel hatten bereits ihre Schuldigkeit getan; die nahe dem Wasser
liegenden Kadaver waren den Krokodilen zugefallen.
Die Natur sorgt in der Wildnis aufs beste für Reinlichkeit und Ordnung.
-- Das Vorkommen von Hyänen und Geiern ist deshalb sehr gewünscht,
und in den Bergen, wo sie fehlen, verpesten die Toten monatelang die
Umgegend. --
[Sidenote: Ein Gefangener.]
Durch ziemlich gleichmäßige, ebene Landschaft erreichten wir gegen
Abend ein scheinbar verlassenes Dorf inmitten alter Flußbetten, die
zum Teil noch Wasserlachen aufwiesen. Da wir den ganzen Tag über keine
Aufständigen gesehen hatten, ließ ich mich, ganz entgegen meiner
bisherigen Vorsicht verleiten, auf ein großes Krokodil zu schießen,
das uns gewissermaßen den Zugang zum Wasser sperrte. Gleich darauf
sagte ein Askari: „Eben ist ein Schenzi da hinten von einem Dach
heruntergesprungen.“ -- Infolge meines Schusses natürlich: ich war
wütend auf mich selbst! Patrouillen wurden ausgeschickt und schließlich
ein Gefangener eingebracht.
Die Neger plündern ein brennendes Dorf nach einem Gefecht.
Tief im unwirtlichen, wasserarmen Walde versteckt, hatten die
aufständigen Wapogoro, die sich nicht unterwerfen wollten, neue
Dörfer angelegt. Ich zog mit anderen Eingeborenen, die zu mir
hielten, dorthin, vertrieb die Aufständigen und ließ die Hütten
plündern und in Brand setzen. Man sieht die Neger mit Beute beladen
aus dem Dorfe herauskommen; der Rauch zieht durch den Wald.
[Illustration: Die Neger plündern ein brennendes Dorf nach einem
Gefecht.]
Die Askari meldeten eifrig, es sei alles fertig, um den Schenzi ins
Jenseits zu befördern und waren nicht sehr erfreut, als ich dazu keinen
Befehl gab; aber jetzt, wo unsere eigene Lage sicher schien, kam eine
Exekution nicht mehr in Frage.
Es widersprach mir aufs äußerste, diesem wehrlosen ein Leid zu tun,
wenn auch die Askari auf die Abzeichen hinwiesen, die der Gefangene
trug; das blaue Hüfttuch, die Patronentaschen und die schneeweißen
Klötzchen aus Matamamark, die er mit einem Bastfädchen über die glatte,
dunkle Haut seines Oberarms gebunden hatte.
Vielleicht hatte er sich aus Dummheit dem Aufstand angeschlossen;
vielleicht hatte die Uniform der Vaterlandsretter ihn gelockt oder ihm,
dem Hinterwäldler, die Kriegstrommel und das sichere Auftreten der
waffentragenden Männer ringsum Eindruck gemacht.
Nein! Keinem dieser Helden kann man es übel nehmen, wenn sie sich auf
die Waffen besinnen, und der Instinkt sie irre führt in dem Glauben,
daß ihr gemeinsamer Kampf unbequeme Zustände heben könne.
Also sei das unser Grundsatz: Schützen müssen wir uns, gleichgültig
ob durch Blutvergießen oder wie -- wenn wir Herren bleiben wollen,
wo wir doch nur das Recht des Stärkeren haben und das Vorrecht des
Kulturmenschen, der mehr braucht, als das Naturkind (nicht immer auch
geben kann und darf) aber Blutvergießen und Rachekrieg nur soweit es
die eigene Sicherheit fordert.
Wer wird sein Pferd, das für ihn Arbeit tut, erschießen, weil es
schlägt? War nicht vielleicht der Strang zu kurz; und die Peitsche
sollte helfen?
Wir waren nur wenige Stunden von Mayenge entfernt. (Dem großen
zerstörten Ort, bei dem ich drei Tage vorher gelagert hatte.) Da ich am
nächsten Morgen einen Angriff auf das Dorf unternehmen wollte, in dem,
wie ich glaubte, sich inzwischen wieder Aufständige hingezogen haben
würden, blieb ich auf der Halbinsel zwischen den Wasserläufen, um den
Soldaten Zeit zur Mittagsrast zu geben.
Dem Tierfreund kann ich diesen Platz empfehlen; hier ist wirklich gute
Gelegenheit, Krokodile zu beobachten. Wo man an einen Tümpel oder
Wasserlauf kam, bewegte es sich, und die langen, trägen Echsen ließen
sich in die trübe Flut gleiten. Wo sie still, zwischen Pflanzen halb im
Morast versunken lagen, waren sie kaum zu sehen; denn ihre Farbe ist an
Land und im Wasser gleich gut, um sie mit der Umgebung verschwimmen zu
lassen. Die Augen sogar haben dieselbe gelbgrüne Farbe wie der Panzer
und es ist unheimlich aus der Nähe die Bewegung der Augen in der trägen
Masse plötzlich wahrzunehmen.
In den Hütten vergraben wurde viel Reis gefunden, in Boote geschüttet
und den treu gebliebenen Negern des Nordufers geschenkt. Zur
Beaufsichtigung der Boote blieben mehrere Askari zurück, während der
Akide die Expedition nach einer Ansiedelung führte, die in Feldern und
Schilf versteckt an fließendem Wasser lag und sich als Lagerplatz für
die Nacht eignete; hier wurden die Zelte aufgeschlagen und im Dunkel
der Hütten das Abendbrot gekocht.
Der Betschausch mit sechs Askari war auf Patrouille ausgesandt und
kam nicht wieder; die in dem Dorf zurückgelassene Abteilung sandte
Meldung, ein Askari sei von einem explodierten Pulverfaß schwer
verletzt worden; ein Matrose litt stark unter Fieber und mußte alle
Energie zusammennehmen, um in der Marschordnung zu bleiben: durch diese
Zwischenfälle wurden die Aussichten für den kommenden Morgen etwas
beeinträchtigt, und ich mußte den Plan aufgeben, um zwei Uhr früh
aufzubrechen.
Das schadete auch nichts, wie sich herausstellte; denn als wir uns
nach mehrstündigem Marsche durch ebenes Schwemmland um acht Uhr am
Morgen Mayenge näherten, begegnete uns schon der Betschausch mit seiner
Patrouille und meldete, daß keine Aufständigen in weitem Umkreise zu
spüren seien; (er hatte am Abend vorher unser verstecktes Lager nicht
finden können und war, da ihm mein Plan, bei Tagesanbruch vor Mayenge
zu stehen, bekannt war, von selbst dorthin gegangen).
Ich lagerte an der alten Stelle und ich erwartete die angekündigte
Ankunft des Leutnant Spiegel, um dann den Rückmarsch nach Mohorro
anzutreten. Als Spiegel eintraf, erzählte er, daß Hauptmann Merker mit
ihm nach Mohorro geeilt sei, weil Gerüchte kamen, ich sei am Rufiyi von
Aufständigen eingeschlossen.
Leutnant Spiegel begann mit dem Bau einer Boma, während ich zum
Rückmarsch rüstete. Trotzdem der Bezirksamtmann, der persönlich böse
Erfahrungen mit den Nilpferden gemacht hatte, mir in seinen Briefen
mehrmals abriet, in Booten auf dem Strom zu fahren, entschloß ich mich,
die Europäer wenigstens alle in den Booten zu befördern, umsomehr, als
den Kranken der Marsch doch zu beschwerlich geworden wäre.
Den ersten Teil des Weges legte ich selbst jedoch zusammen mit den
Askari auf dem Südufer zurück, weil ich feststellen wollte, wie die
Ortschaften aussahen, die wir niedergebrannt hatten und ob die Neger
daran dachten, zurückzukehren, sich zu unterwerfen und die Häuser
wieder aufzubauen.
Der Marsch über Land bot nicht viel Neues; überall waren Anzeichen,
daß die Aufständigen die Umgegend noch nicht verlassen hatten und in
die Felder kamen, um die Reste der Feldfrüchte wegzuholen. Die Leichen
waren verschwunden und nichts verriet mehr, daß hier blutige Gefechte
stattgefunden hatten.
Am verabredeten Ort traf ich mit Stabsarzt Engeland und den Matrosen
zusammen, die den Weg in Booten zurückgelegt hatten.
Am folgenden Morgen fuhren wir alle in großen, geräumigen Einbäumen
stromab und hatten eine an Abwechselung reiche Fahrt; Flußpferdherden
wurden passiert, Kuhreiher in Flügen von zwanzig flogen vom Ufer auf,
an dem das Boot lautlos entlangglitt; kleine Königsfischer schwirrten
tief über das Wasser hin.
Am Ufer lagen Krokodile, auf die wir in tödlichem Haß schossen, wenn es
irgend Erfolg versprach; über die Resultate wurde Buch geführt.
So ging die Zeit schnell hin; die Matrosen sangen hinter uns in den
Booten.
Um sieben Uhr früh waren wir aufgebrochen und erreichten um acht Uhr am
Abend bereits Mohorro; auf dem Landwege hätten wir zu dieser Entfernung
mindestens zwei Tage gebraucht.
Das Bezirksamtsgebäude in Mohorro hatte Hauptmann Merker unterdessen
mit einem Drahtzaun umgeben lassen. Darin wurde nachts auch die
Viehherde der Kommune untergebracht.
Leutnant zur See Schröder war nach Kilwa kommandiert.
[Sidenote: Hinrichtung.]
Eine unangenehme Aufgabe harrte meiner: Ich sollte mit Hauptmann
Merker ein Kriegsgericht bilden, um vier Anführer der Aufständigen
abzuurteilen. Hier, wo man den Gefangenen nicht mehr ansehen konnte,
was sie verbrochen hatten, wurde mir das recht schwer.
Es schien ein großer Unterschied zu sein, zwischen diesen elenden
gefesselten, die von den Askari aus dem Untersuchungsgefängnis
gebracht wurden, und den trotzigen Kriegern bei Utete, die auf uns
geschossen hatten.
Notwehr und Krieg das eine; Justiz das andere. Nach langen Vernehmungen
wurden sie zum Tode durch den Strang verurteilt. Wie es meist bei
derartigen Gerichtssitzungen der Fall ist, leugneten die Angeklagten
alles und wußten von nichts; die Zeugen aber sprachen die schlimmsten
Beschuldigungen aus. Beiden darf man nicht glauben, und ist nur wenn
die Angeklagten bei der Tat ertappt wurden sicher, gerecht zu urteilen.
Als das Urteil bekanntgegeben wurde, blieben die Verurteilten ganz
ruhig. Einer aber sagte mit größter Gelassenheit plötzlich: „Laß meinen
Nachbar etwas von mir abrücken; er stinkt.“
Der lange vorbereiteten Hinrichtung zusehen zu müssen, war mir anfangs
peinlich; um so mehr war ich erstaunt, wie ruhig sich alles vollzog.
Ein Haufe von Menschen stand herum. Das Urteil wurde auf Kisuaheli
vorgelesen. Die Verurteilten sahen gelassen zu, wie einer nach dem
anderen den Wagen mit der Kiste bestieg und den Kopf in die Schlinge
steckte. Der Wagen wurde dann weggezogen, und der Körper hing mit dem
Kopf in der Schlinge. (Die Ärzte sagen, daß in demselben Augenblick
schon die Besinnung schwinde.)
Ein Askariposten blieb auf dem Richtplatz, während das Volk auseinander
ging. Weiber und Kinder hatten mit gleicher Neugierde dem Schauspiel
zugesehen. Bei vielen war ein gewisses Vergnügen an der Szene
unverkennbar; wie bei uns im Mittelalter.
Etwas aufregender soll die Hinrichtung der Hauptzauberer gewesen sein,
die schon vor meiner Ankunft stattgefunden hatte. Der eine hatte
gesagt: „Ihr könnt mich dreist aufhängen, ich bleibe doch leben und
komme wieder“, und hatte eine Rede an das versammelte Volk gehalten.
Als er dann gehenkt wurde, rutschte der Kopf aus der Schlinge; der
Verurteilte stieg aber sofort wieder auf den Wagen, um sich den Strick
von neuem umlegen zu lassen.
An dem Tage war zu fürchten, daß das Volk die Zauberer befreite.
[9] Spr. _kǒṓni_.
[10] Sprich: _Umbarási_.
[Illustration: Aufständige aus den Kitschibergen unterwerfen sich.]
Im Aufstandsgebiet.
Ich blieb nur einige Tage in Mohorro; als Hauptmann Merker wieder in
die Matumbiberge gehen wollte, rüstete ich mich aus, um ihn zum Rufiyi
zu begleiten und den Militärposten in Mayenge zu übernehmen.
Dem Bezirksamtmann Keudel lag sehr viel daran, daß ich am Rufiyi bliebe
und den errungenen Erfolg ausnützte; er gab mir aus den Beständen
des Bezirksamts mit, was ich irgend nötig hatte, um selbständige
Kriegsexpeditionen auszuführen: Zelte, Feldbetten, Kochgeschirr und die
Reittiere der Kommunalverwaltung.
Da Leutnant zur See Schroeder inzwischen abgerufen war, um einen
anderen Posten zu übernehmen, erbot sich Keudel sogar, für das
Matrosendetachement zu sorgen, während ich weg sei.
Auf meine Matrosen konnte ich mich verlassen; ich merkte, daß ich
nur gute Leute mitbekommen hatte, die stolz waren, wenn man sie
unbeaufsichtigt ließ, und wenn sie das Vertrauen, das ich in sie
setzte, verdienten. Dadurch war ich in der Lage, hinzugehen, wo ich
nötig zu sein glaubte.
Während der Bezirksamtmann -- später war es Herr Graß -- mich in
Mohorro vertrat, half ich ihm fortan in seinen Geschäften im Bezirk.
„Krieg“ und Frieden scharf zu trennen wäre auch falsch gewesen; dieser
„Krieg“ war nur eine verschärfte Strafausübung und sollte möglichst
schnell zum wirklichen Frieden führen.
Ich nahm auf die neue Expedition von dem Bussarddetachement nur einen
Unteroffizier und drei Matrosen mit; außer diesen hatte ich nur Askari.
Am ersten Tage unseres Marsches überraschte uns nahe bei Mohorro ein
seltener Anblick: fünf Elefanten standen zwischen hohen Bäumen und
schienen zu ruhen.
Die Karawane hielt auf dem Wege; ich ging näher, ohne recht zu wissen,
ob ich mich auch zum Schuß entschließen sollte; denn eigentlich war
ich auf so hohe Begegnung nicht gefaßt gewesen und traute mir kaum
Erfolg zu, nach all dem, was ich aus dem Munde erfahrener Jäger
über die Schwierigkeiten eines erfolgreichen Schusses auf Elefanten
vernommen hatte. Mir war nur in Erinnerung, man solle von vorn auf den
Rüsselansatz und nicht aus zu geringer Entfernung schießen; sonst gehe
der Schuß zu steil hoch und verfehle das Gehirn. Mit diesen ziemlich
unklaren Vorstellungen ging ich an die Elefanten hinan und fragte mich
beim Anblick der Riesenschädel und der großen, glatten, erdfarbenen
Flächen vergeblich, wo eigentlich der Rüsselansatz zu suchen sei?
[Sidenote: Der erste Schuß auf Elefanten.]
Allein, die ganze Expedition wartete auf dem Wege und lange aufhalten
durfte ich sie nicht. Die Reittiere schrien laut; so zögerte ich nicht
mehr lange, blieb auf etwa hundert Schritte stehen, nahm einen großen
Elefanten, der mir die Stirn und beide gewaltigen Zähne zukehrte,
aufs Korn und schoß dahin, wo ich mir den Rüsselansatz dachte. Sofort
kam Bewegung in die plumpen Tierleiber; in wenigen Sekunden waren sie
zwischen Stämmen und Laub in einer großen Staubwolke verschwunden.
Ein Mißerfolg! Zu entschuldigen durch die ungewöhnlichen Umstände,
unter denen ich zum ersten Male auf das größte Wild der Erde zu Schuß
kam.
Selbstverständlich ließ ich an die Bäume am Wege Zeichen einhauen
und benachrichtigte den Bezirksamtmann, der, leider ohne Erfolg,
eingeborene Jäger auf die Fährte des angeschossenen Tieres schickte.
Da wieder Nachrichten kamen, das Nordufer sei gefährdet, gingen wir
am nächsten Tage auf einem kleinen Waldwege zum Rufiyi und setzten
nach dem Orte Ndundu über. Ich ging etwas vorweg, um ein Stück Wild
zur Verpflegung zu schießen; sah aber nur ein Warzenschwein, das ich
fehlte und einige Riedböcke, die schnell im hohen Grase verschwanden,
bevor ich schießen konnte. Nahe beim Strom kamen wir durch ausgedehnte,
abgeerntete Reisfelder der Warufiyi.
Am folgenden Tage ereignete sich ein kleiner Zwischenfall: ein Boot
mit Eingeborenen kenterte, als die Expedition über den Fluß setzte.
Sergeant Kühn und Matrose Homfeld sprangen sofort nach und wurden von
den ungeschickten Negern unter Wasser gezogen. Ich kam etwas später,
aber doch noch rechtzeitig, um dem Sergeanten zum Ufer zu helfen.
Es machte auf die Neger einen guten Eindruck, daß sie sahen, wie wir
für das Leben derer, die bei uns Dienst taten, uns selbst in Gefahr
begaben.
Die Gerüchte über Unruhen im Ndundugebiet waren unbegründet; trotzdem
war es vielleicht gut, daß wir auf dem Nordufer marschierten, und auch
die Eingeborenen dort einmal Soldaten zu sehen bekamen.
Am dritten Tage trafen wir in Mayenge ein, wo Leutnant Spiegel
inzwischen mit Hilfe der treugebliebenen Neger der Umgegend aus starken
Pfählen eine Umzäunung errichtet hatte, die fortan als Boma diente und
mit Wohnräumen, Küche und Ställen ausgebaut wurde.
Aus Kooni kam Nachricht, daß Hauptmann Fonck von Daressalam eintreffe,
vor dem hatten die Eingeborenen, wie ich später merkte, großen Respekt;
sein Auftreten im Usaramobezirk, gleich zu Beginn des Aufstandes, rief
allgemeine Furcht hervor, so daß es hier nur noch zu lokalen Unruhen
kam, die Regierungsrat Boeder mit der Polizeitruppe beendete.
Mit Hauptmann Fonck war Stabsarzt Stierling, den ich als einen guten
Jäger schon früher kannte. Er schrieb mir einen Brief und bat um
Proviant, sie wären so schnell von Daressalam aufgebrochen, daß sie
sich nicht mehr hätten ausrüsten können und müßten von Huhn und Mohogo
leben.
Ich hatte selbst fast nichts; war aber doch in der glücklichen Lage,
mit Kleinigkeiten andern eine Freude machen zu können.
Nach langen Beratungen über die Anzahl der Askari, die ich
zurückbehalten sollte, ging Hauptmann Merker mit seiner Truppe nach
Süden in die Kitschi- und Matumbiberge und ich blieb allein mit zwei
Unteroffizieren, einem Sanitätsunteroffizier, drei Matrosen und
fünfzehn, zum größten Teil kranken Askari in der Boma; es war eine
recht kleine Truppe!
[Sidenote: Die Kriegssteuer.]
So waren mir die Flügel beschnitten und wenn mir nicht neue Askari
gesandt wurden, konnte ich meinen Forderungen den Negern gegenüber
nicht mit Waffengewalt Nachdruck geben. Aber vorläufig wirkten die
Gefechte der letzten Wochen nach; die Neger kamen, gaben Gewehre
ab und zahlten die geforderten Strafgelder. Als Bedingung für die
Unterwerfung hatte der Gouverneur festgesetzt: Die Aufständigen sollten
ihre Waffen abliefern, und jeder erwachsene Mann drei Rupien[11]
Kriegssteuer zahlen. Dies ließ ich durch die beiden Akiden an die
Jumben bekannt geben, soweit diese Dorfschulzen nicht auch im Busch bei
den Aufständigen weilten.
In Scharen, oft zu hunderten, kamen die Neger an, und wir hatten
alle Hände voll zu tun, das Kupfergeld zu zählen, die Namen der
Unterworfenen in eine Liste einzutragen und jedem seinen numerierten
Quittungszettel auszustellen; eine sonderbare Tätigkeit.
Anfangs waren die Namen nicht zu verstehen, bis man sich an den Klang
gewöhnt und sich ihre Schreibung erdacht hatte. Dazu war ein dauerndes
Hin- und Herfragen nötig, wobei der Akide oft erklärend dazwischen
kommen mußte, während einige Askari das Publikum mit dem Geschick von
Straßenpolizisten sortierten.
Um den Transport zur Küste zu sparen, ließ ich die Gewehre an Ort und
Stelle zerschlagen und in den Strom werfen, wo sie von Fafner, dem
großen Krokodil, wohl noch heute bewacht werden, damit sie nicht neuem
Frevel dienen.
Bald kam die Nachricht, zwanzig Askari seien für mich von Daressalam
nach Mohorro in Marsch gesetzt; bis zu ihrer Ankunft müsse ich mich
gedulden und, meinem Befehle gemäß, in Mayenge stehen bleiben. Die
wenigen Wochen dort erschienen mir wie eine Ewigkeit; als einzige
Abwechselung hatte ich die Jagd, die ich schon aus Rücksicht auf
Verpflegung meines Kriegslagers eifrig ausüben mußte.
[Illustration: Die Boma bei Mayenge.