"Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war," sagte die

Mutter, "auch dann nicht, wenn die daheim es meinen. Laß dir nur das

Wiedersehen nicht verderben, wenn du nun siehst, daß manches in

Unordnung geraten ist während deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein

hier war so schön, das ist doch auch eines Opfers wert."

"Ja," sagte die Schwester, "du hast ja selbst gesagt, daß jeden Tag

irgend etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du

daheim bist. Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht

mehr als einundzwanzig Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht

beklagen, darfst nicht behaupten, daß dein Wegsein daran schuld ist,

und nicht gleich erklären: ich reise nie mehr."

Frau Pfäffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr

fern, nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riß

sich mit schwerem Herzen los von dem geliebten Mütterlein, von der

Schwester, die sie so treulich gepflegt hatte, und das Wort "auf

Wiedersehen" war ihr letzter Gruß aus dem abfahrenden Zug, als sie die

weite Heimreise antrat.

Noch immer war es draußen in der Natur kahl und winterlich, die drei

Wochen waren anscheinend spurlos vorübergegangen, noch war nirgends ein

Keimen und Sprossen, eine Frühlingsandeutung zu bemerken. Und doch

schien ihr die Zeit so weit zurück zu liegen, seitdem sie hieher

gereist war! Jetzt war ihr Herz noch vom Abschiedsweh bewegt, und doch

rührte sich schon und drängte gewaltig in den Vordergrund die Freude

auf das Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der so von Lieben

zu Lieben kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen wird. Wer

kann sich reicher fühlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim

reist?

Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes

doch nicht lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben

können. Die Kleinen hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis

Samstag schon halb vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran,

aber doch mit dem unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her

gehöre, je schwieriger die Lage im Haus war.

Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als

er am Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof

eilte. Er kam dort fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in

ungeduldiger Erwartung der Kinder, die von der Schule aus kommen

sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und winkte mit seinen

langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl und Otto

auftauchen sah.

Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof

begrüßen sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt," sagte er,

"und soll nicht gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an

den Marktplatz entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der

Frühlingsstraße und Elschen soll die Mutter an der Treppe empfangen,

denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause sein."

So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem

Vater an die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch

sie nicht vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges

Vorrecht. Sie standen alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter,

während der Zug einfuhr, entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus

dem Wagenfenster forschend nach ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie

sich dann plötzlich ihre Züge verklärten, als sie den Vater erblickte,

der, dem Schaffner zuvorkommend, die Türe ausriß und mit froher

Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half.

Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches

Wiedersehen und Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch

die Menge hinaus auf den Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte

zufrieden sein können mit ihrem Erfolg, denn die Verwunderung über der

Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu einstimmigem Ausdruck und

hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn nicht Frau

Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob die

Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung

erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise,

da kam aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob!

"Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von

euch krank sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich

nimmer geschrieben habe," entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort

lautete ein wenig bedrückt. Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa

vorgekommen ist, bekümmert mich gar nicht," sagte sie und drückte

glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn. "Hört nur, Kinder,"

sagte er lachend, "die Mutter ist ordentlich leichtsinnig geworden auf

der Reise." So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz, wo

ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten

und jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen.

Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der

Ecke der Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte

Frieder gewartet und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem

Augenblick, als die Familie um die Ecke bog, sah er doch gerade in

anderer Richtung.

"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o

Mutter!" rief er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn

zärtlich und sagte ihm freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines

Dummerle, wir sind ja jetzt wieder beisammen!"

"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber

die Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu

ihr auf, ging dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis

sie, im Hausflur angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um

darin die Jüngste aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang

und schon auf der Treppe mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß

soeben zum Empfang eine Torte geschickt worden sei von Fräulein

Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen großen, großen Kaffeekuchen

gebacken habe.

Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als

sonst. Sie hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht

vergessen können, an dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld

war. Was konnte man von Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau

Pfäffling verlassen, ihr hatte sie das Haus übergeben, und wenn sie

nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen hätte, so wäre kein

Unglück geschehen.

Walburg hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Frau Pfäffling auf

dem langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis

erfahren hätte. Sie erwartete, daß Frau Pfäfflings erstes Wort ein

Vorwurf sein würde. Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort

fürchtete sie zu hören, das sie schon einmal schwer getroffen hatte,

das Wort: "ich will lieber eine, die hört!" Darum stand sie so starr

und stumm, daß Frau Pfäffling fast an ihr erschrak, als sie nun an der

Küchentüre vorüber kam. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke:

es ist _doch_ etwas Schlimmes vorgefallen, aber im nächsten Moment

sagte sie zu sich selbst: nein, du hast es nur vergessen, wie groß, wie

ernst, wie stumm sie ist, und sie reichte dem Mädchen mit herzlichem

Gruß die Hand. Walburg hörte den Gruß nicht, aber den Händedruck, den

freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde ihr leicht

ums Herz, die Dankbarkeit löste ihr die Zunge und ihr Gegengruß schloß

mit den Worten: "einen Lohn nehme ich nicht für das Vierteljahr."

Das waren freilich unverständliche Worte für Frau Pfäffling, aber ehe

sie noch nach Erklärung fragen konnte, wurde sie von den Kindern

angerufen: "Dein Koffer kommt, wohin soll er gestellt werden?" Sie ließ

ihn in das Schlafzimmer bringen und nahm aus ihrem Täschchen ein

Geldstück für den Dienstmann. Frieder, der neben ihr stand, sah

begierig in den offenen Geldbeutel. "Die Mutter hat noch viel Geld,"

rief er freudig den Geschwistern zu. "Seit wann fragt denn mein Frieder

nach Geld?" sagte Frau Pfäffling und bemerkte, als sie aufsah, daß die

Großen ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb

sie nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu

viel verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darüber

Vorwürfe. Aber viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben,

dadurch sollte kein Schatten auf das Wiedersehen fallen.

"Ja, ich habe noch Geld," sagte sie heiter zu den Kindern, "aber nun

kommt nur, der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schön

gedeckt, Walburg hat gewiß etwas Gutes gekocht."

Nun standen sie alle um den großen Eßtisch. "Heute betet die Mutter

wieder," sagte der Vater, "wir wollen hören, was ihr erstes Tischgebet

ist."

"Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut," sagte Frau

Pfäffling und sie sprach mit innerer Bewegung:

"Von Dank bewegt, o Gott, wir heute

Hier vor dir stehen!

Du schenkest uns die schönste Freude,

Das Wiedersehen.

Nun gehn wir wieder eng verbunden

Durch Lust und Leid,

In guten und in bösen Stunden

Gib uns Geleit!"

Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch für die Eltern Kaffee

machen müssen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu

gedeckt. "Sollen wir den Kaffee gleich bringen?" fragte Marie. "Ja,"

sagte die Mutter. "Nein, erst wenn ich rufe," fiel Herr Pfäffling ein

und schickte die Kinder hinaus. "Zuerst kommt etwas anderes," sagte er

nun zu seiner Frau, "zuerst kommt meine Beichte," und er führte sie an

den Schreibtisch und zog die kleine leere Schublade auf, deckte auch

das leere Käßchen auf, in dem sonst das Ersparte lag. Dieser Stand der

Dinge war schlimmer, als Frau Pfäffling gefürchtet hatte. "Ich habe

schon geahnt, daß mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist," sagte

sie, "aber daß _gar_ nichts mehr da ist, hätte ich doch nicht für

möglich gehalten, wie _kann_ man denn nur so viel verbrauchen, das

brächte ich ja gar nicht zustande!"

"Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich

gespart; gestohlen ist es, gestohlen!"

Herr Pfäffling erzählte den Hergang und auch, daß er gestern die

Nachricht erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien

festgenommen, aber das Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung

mehr, es zurück zu erhalten. Aber unentbehrlich war es und mußte auf

irgend eine Weise wieder hereingebracht werden.

Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluß

derselben war, daß Herr Pfäffling lebhaft rief: "Ja, so kann es

gelingen, das ist ein guter Plan!" Und fröhlich klang sein Ruf hinaus:

"Jetzt, Kinder, den Kaffee!"

13. Kapitel

Ein fremdes Element.

Der gute Plan, den die Eltern ausgesonnen hatten, sollte am nächsten

Tag auch den Kindern mitgeteilt werden.

"Marianne wird keine Freude daran haben," meinte Frau Pfäffling.

"Nein," entgegnete Herr Pfäffling, "aber man muß ihnen die Sache nur

gleich im rechten Licht darstellen." Er rief die Kinder alle zusammen.

"Hört einmal," sagte er, "wir haben ein Mittel ausfindig gemacht, durch

das sich der Geldverlust wieder hereinbringen läßt. Zwei von euch

können uns allen helfen. Wer sind wohl die zwei Glücklichen? Ratet

einmal!"

Sie sahen sich fragend an "Wenn es gerade zwei sind, wird es Marianne

sein," schlug Karl vor.

"Richtig geraten. Aber wie?"

"Wenn sie nicht immer so schöne Kleider und seidene Zopfbänder tragen,"

meinte Wilhelm. Die Zwillinge musterten sich gegenseitig, und auch die

Blicke aller anderen ruhten auf ihnen. Die beiden Mädchen standen da in

ihren vertragenen schottischen Kleidern, mit grauen Schürzen, und ihre

blonden Zöpfe waren mit schmalen blauen Bändchen gebunden.

"Da werden wir keine großen Summen heraus sparen können," meinte Herr

Pfäffling, "eher könntet ihr Buben in der Kleidung etwas sparen, wenn

ihr eure Anzüge besser schonen würdet. Nein, das ist's nicht, wir

wissen etwas anderes."

"Etwas," setzte Frau Pfäffling hinzu, "das jeden Monat 20 Mark und noch

mehr einbringt."

Nun waren sie alle aufs äußerste gespannt. "Ihr erratet es nicht, ich

will es euch sagen," und Herr Pfäffling wandte sich an die Mädchen:

"Ihr Beiden zieht in die Bodenkammer hinauf, dann können wir euer

Zimmer an einen Zimmerherrn vermieten und schweres Geld dafür

einnehmen. Ist das nicht ein feiner Plan? Das muß euch doch freuen? Die

Mutter will alles Gerümpel aus der Kammer herausräumen und eure Betten

hineinstellen und im übrigen dürft ihr alles ganz nach eurem Belieben

einrichten; in eurem Reich da oben redet euch niemand darein; aus den

alten Kisten könnt ihr Tische machen und Stühle und was ihr nur wollt."

Die Zwillinge hatten zuerst ein wenig bedenkliche Gesichter gemacht,

aber zusehends hellten sich diese auf; jetzt nickten sie einander zu

und betätigten: "Ja, es wird sein!"

Gleich darauf erbaten sie sich den Kammerschlüssel, der sollte in

Zukunft auch ihr Eigentum sein und nun sprangen sie die Treppe hinauf

in großer Begleitung. Auch der Vater ging mit, sie aber waren doch die

Hauptpersonen. Sie schlossen ihr künftiges Revier auf. Es war ein

kleines Kämmerchen mit schrägen Wänden und einem Dachfenster. "Kalt

ist's da oben," meinte einer der Brüder. "Aber im Sommer ist's immer

ganz warm, das weiß ich noch vom vorigen Jahr," entgegnete Marie. "Da

hast du recht," bestätigte lächelnd der Vater, "und seht nur durch das

Fenster, wenn man den Kopf weit hinausstreckt, so hat man die schönste

Aussicht vom ganzen Haus. Und so gut vermacht ist die Kammer, nirgends

kann Schnee oder Regen durch; wißt ihr noch, wie Frau von Falkenhausen

in ihrer Lebensgeschichte erzählt, daß ihr in Afrika der Regen in ihr

Häuschen gedrungen ist, und die Betten wie in einem Teich standen? Und

wie eine dicke Schlange durch ein Loch am Fenster herein gekrochen ist?

Wie wäre sie glücklich gewesen über ein so gutverwahrtes Kämmerlein!

Ja, Kinder, da habt ihr es schon besser."

Als sie herunter kamen, waren alle ganz von den guten Eigenschaften der

Kammer erfüllt.

Es galt nun einen Zimmerherrn zu suchen und sich der Hausleute

Erlaubnis zu sichern. Frau Pfäffling besprach die Sache mit der

Hausfrau und diese wiederum mit ihrem Mann. Da stieß die Sache auf

Widerstand. Herr Hartwig wollte nichts davon wissen, durchaus nichts.

Er meinte, es sei schon reichlich genug, wenn zehn Leute den obern

Stock bewohnten und Zimmerherrn seien ihm ganz zuwider. Er habe nie

welche gehabt und geduldet. Frau Hartwig legte viel gute Worte ein für

die Familie Pfäffling und schilderte ganz ideale Zimmerherrn, aber ihr

Mann blieb bei seinem entschiedenen "nein" und sie konnte nicht anders

als dieses Frau Pfäffling mitteilen.

"Es tut mir so leid," sagte sie, "aber ich kann nichts machen; mein

Mann sagt ja selten 'nein', aber wenn er es einmal gesagt hat, dann

bleibt er dabei. Er meint, wenn ein Mann 'nein' gesagt hat, dürfe er

nachher nicht mehr 'ja' sagen, sogar wenn er's möchte."

Dieser Bescheid war eine große Enttäuschung für die Familie. Herr

Pfäffling konnte wieder einmal den Hausherrn nicht begreifen. "Wenn ich

sehe, daß jemand nicht auskommt, lasse ich ihn doch lieber sechs

Zimmerherrn nehmen, als in Geldnot stecken," rief er, indem er lebhaft

den Tisch umkreiste. "Nicht mehr 'ja' sagen dürfen, weil man vorher

'nein' gesagt hat? Soll sich darin die Männlichkeit zeigen? Dann wäre

jedes eigensinnige Kind 'männlich'. Glaubt das nicht, ihr Buben," sagte

er, vor Karl stehen bleibend, "ich will euch sagen, was männlich ist:

Nicht nachgeben, wenn es gegen besseres Wissen und Gewissen geht; aber

_nachgeben_, sobald man einsieht, daß man falsch oder unrecht geurteilt

hat."

Als zwei Tage über die Sache hingegangen waren, ohne daß mit den

Hausleuten weiter darüber gesprochen worden wäre, traf Frau Pfäffling

zufällig oder vielleicht absichtlich mit Herrn Hartwig im Hausflur

zusammen.

"Es war uns so leid," sagte sie zu ihm, "daß wir keinen Zimmerherrn

nehmen durften, denn wir sind durch den Diebstahl ein wenig in die Enge

geraten. Aber da Sie einmal 'nein' gesagt haben, möchte ich Sie nicht

plagen, und es ist ja wahr, daß manche Zimmerherrn spät in der Nacht

heimkommen, Lärm machen und dergleichen. So müssen wir uns eben jetzt

entschließen, eine ältere Dame als Zimmermieterin aufzunehmen, da

fallen ja alle diese Schattenseiten weg. Es ist nur für uns unbequemer

und auch schwerer zu finden als ein Zimmerherr. Wenn Sie uns ein wenig

behilflich sein möchten, eine passende Hausgenossin zu finden, wären

wir Ihnen recht dankbar. Meinen Sie, wir sollen es in die Zeitung

setzen?"

"Ja," sagte Herr Hartwig, "das wird am schnellsten zum Ziel führen."

Sie besprachen noch ein wenig die näheren Bedingungen und ohne recht zu

wissen wie, war Herr Hartwig dazu gekommen, sich selbst um eine elfte

Hausbewohnerin für den obern Stock zu bemühen.

Das seitherige Zimmer der beiden Mädchen wurde hübsch hergerichtet und

sie bezogen ihre Bodenkammer. Ein Inserat in der Zeitung erschien, und

nun kamen wieder einmal Tage, in denen sich die Kinder darum stritten,

wer die Türe aufmachen durfte, um etwaigen Liebhaberinnen das Zimmer zu

zeigen. Allzuviele erschienen nicht und Frau Pfäffling mußte erfahren,

daß die Frühlingsstraße "keine Lage" sei. Ihr selbst war auch nicht

jede von den wenigen, die sich meldeten, erwünscht; sie wollte nur das

Zimmer vermieten, nicht eine Kostgängerin an ihrem einfachen

Mittagstisch haben, kein fremdes Element in den vertrauten

Familienkreis aufnehmen. Aber als auf wiederholte Ankündigung die

Rechte sich nicht finden wollte, wurde Frau Pfäffling kleinmütig und

sagte zu ihrem Mann: "Mir scheint, wir müssen froh sein, wenn überhaupt

irgend jemand das Zimmer mietet, ich muß mich entschließen, auch die

Kost zu geben. Aber niemand begnügt sich heutzutage mit so einfachem

Mittagstisch, wie wir ihn haben."

"So machst du eben immer besondere Leckerbissen für solch eine

anspruchsvolle Dame und deckst für sie in ihrem eigenen Zimmer, dann

stört sie uns nicht," lautete Herrn Pfäfflings Rat.

Drei Tage später bezog Fräulein Bergmann das Zimmer. Pfäfflings durften

sich glücklich schätzen über diese Mieterin. Sie war eine fein

gebildete Dame, etwa Mitte der Vierziger. Erzieherin war sie gewesen,

meist im Ausland, hatte vorzügliche Stellen innegehabt und so viel

zurückgelegt, daß sie sich jetzt, nach etwa fünfundzwanzig Jahren

fleißiger Arbeit, zur Ruhe setzen und von ihrer Rente leben konnte. Sie

war gesund und frisch und wollte nun ihre Freiheit genießen, sich

Privatstudien und Liebhabereien widmen, zu denen ihr das Leben bis

jetzt wenig Muße gelassen hatte. Was andere Mieter abschreckte, der

Kinderreichtum der Familie Pfäffling, das war für sie ein

Anziehungspunkt, denn in der Wohnung, die sie zuerst nach dem Austritt

aus ihrer letzten Stelle bezogen hatte, war es ihr zu einsam gewesen.

Sie hatte es nur kurze Zeit dort ausgehalten und suchte jetzt eine

Familie, in der sie mehr Anschluß fände. Mit schwerem Herzen machte ihr

Frau Pfäffling das Zugeständnis, daß sie am Mittagstisch der Familie

teilnehmen dürfe.

"Ich konnte es ihr nicht verweigern," sagte sie zu ihrem Mann und fügte

seufzend hinzu: "Ursprünglich wollten wir freilich einen Herrn, der den

ganzen Tag fort wäre und nun haben wir eine Dame, die den ganzen Tag da

ist, aber ich glaube, daß sie keine unangenehme Hausgenossin sein

wird."

Nach den ersten gemeinsamen Mahlzeiten war die ganze Familie für

Fräulein Bergmann eingenommen. Sie war viel in der Welt herumgekommen,

wußte in anregender Weise davon zu erzählen und interessierte sich doch

auch für den Familienkreis, in den sie nun eingetreten war. Deutlich

war zu bemerken, daß sie sich von Frau Pfäfflings sinnigem Wesen

angezogen fühlte, daß sie Verständnis hatte für des Hausherrn

originelle Lebhaftigkeit und Anerkennung für der Kinder Bescheidenheit.

Freilich waren auch alle sieben voll Zuvorkommenheit gegen die neue

Hausgenossin. Hatte diese doch das Zimmer gemietet trotz der vielen

Kinder, und trotzdem die Frühlingsstraße "keine Lage" war. Überdies

flößten ihnen die feinen Umgangsformen und das sichere Auftreten der

ehemaligen Erzieherin Achtung ein. So ging anfangs alles aufs beste und

wäre auch wohl so weiter gegangen, wenn Fräulein Bergmann nicht das

Wort "ehemalig" vergessen hätte. Aber es dauerte gar nicht lange, so

gewann es den Anschein, als ob sie die Erzieherin der Kinder wäre; sie

ermahnte und tadelte sie, fragte nach den Schularbeiten, rief die

Schwestern zu sich in ihr Zimmer und ließ sie unter ihrer Anleitung die

Aufgaben machen. Die Mädchen, um deren Arbeiten sich bisher niemand

bekümmert hatte, fanden das vorteilhaft und kamen gerne, auch Frau

Pfäffling war anfangs dankbar dafür, aber die neue Einrichtung paßte

doch nicht zum Ganzen.

So waren auch eines Nachmittags die beiden Schwestern schon geraume

Zeit in Fräulein Bergmanns Zimmer, als Elschen bescheiden anklopfte.

"Marianne soll herüber kommen," richtete sie aus, "es gibt Ausgänge zu

machen." Die Mädchen standen augenblicklich auf, aber Fräulein Bergmann

hielt sie zurück: "Das eilt doch nicht so," sagte sie, "die Schularbeit

geht allem vor, das habe ich allen meinen Zöglingen eingeprägt. Die

Ausgänge könnten doch auch von dem Dienstmädchen gemacht werden."

"Walburg hat keine Zeit," entgegnete Elschen altklug, "und sie hört

auch nicht genug für manche Besorgungen."

"Dies taube Mädchen ist in jeder Hinsicht eine ungenügende Hilfe,"

sagte Fräulein Bergmann. "Nun geh nur, Elschen, und bitte deine Mama,

sie möchte den Schwestern noch ein halb Stündchen Zeit gönnen."

Es dauerte aber noch eine ganze Stunde, bis die Kinder herüberkamen.

"Ihr braucht länger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet,"

sagte Frau Pfäffling ärgerlich, "woher kommt denn das?"

"Weil Fräulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue

voraus erklärt. Sie sagt, so könnten wir bald alle Mitschülerinnen

überflügeln, und in der Schule würde jedermann staunen über unsere

Fortschritte."

"Das kann sein," entgegnete Frau Pfäffling, "aber dann hätte ich gar

keine Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum

lernen da und nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, daß ihr nicht in

die Dunkelheit kommt mit den Ausgängen." Sie kamen aber doch erst heim,

als es finster war. "Finden Sie das passend?" fragte Fräulein Bergmann

die Mutter, "sollten Sie nicht das Dienstmädchen schicken?"

"Walburg kann nicht alles besorgen."

"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie

vollends ganz taub ist, muß sie doch fort."

Diese Worte hörte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte

Walburg in der Küche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie

wohl bald ganz taub würde? Sie bemerkte seinen forschenden,

teilnehmenden Blick. "Willst du mir was?" fragte sie und beugte sich zu

ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und sagte ihr ins Ohr: "Ich mag

Fräulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg antwortete ausweichend:

"Man muß froh sein, daß man sie hat."

Ja, man war froh, daß man sie hatte, und nahm geduldig manche

Einmischung hin. Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veränderung

im Pfäffling'schen Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher

immer mit einem hellen Wachstuch bedeckt worden.

"Ich habe noch überall, wo ich war, weiße Tischtücher getroffen,"

bemerkte Fräulein Bergmann.

"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen

Haus," entgegnete Frau Pfäffling, "wir müssen jede unnötige Arbeit

vermeiden und die großen Tischtücher machen viel Arbeit in der Wäsche."

"Aber das Essen mundet besser auf solchen."

"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an

unserem Tisch."

Kurz darauf beanstandete Fräulein Bergmann, daß die Türe zum

Nebenzimmer regelmäßig offen stand. "Wir können dadurch beide Zimmer

mit _einem_ Ofen heizen," erklärte Frau Pfäffling.

"Aber dann sollten Sie die Türe aushängen und eine Portiere anbringen,

das würde sich sehr fein machen."

"Ja gewiß, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkäufe kann

ich mich nicht einlassen. Sie müssen bedenken, daß Sie nun nicht mehr

bei reichen Leuten leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind,

wenn es nur immer zum täglichen Brot reicht."

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 14 / 16 段