"Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die

Stiefel schon ausgezogen. Ihr müßt lieber die Stiefel dreimal aus- und

anziehen, als es darauf ankommen lassen, daß Walburg mitten am

Vormittag vom Kochen fortspringen muß."

So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und

am Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfäffling noch

einmal Nadel und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden

an einem Kinderkleid auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur

Bahn, ja aus dem Wagenfenster kamen noch hausmütterliche Ermahnungen,

bis endlich der Zug durch eine kaum hörbare erste Bewegung zur fertigen

Tatsache machte, daß Frau Pfäffling verreist war.

Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine

Weile im alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr

selbst nur das Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts

nützen konnte. Zugleich verschwanden auch die letzten Häuser und

Anlagen der Stadt, freie, noch mit Schnee bedeckte Äcker und Felder

tauchten auf, eine stille, einförmige Natur. Da machte sie es sich

bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab sich darein,

daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine

wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer

Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde.

Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann

mit den Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war.

Sie machten sich an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen

geregelten Gang. Nur Elschen lief an diesem Vormittag mit Tränen durch

die stillen Zimmer, die andern empfanden die Lücke erst so recht bei

dem Mittagessen. Es verlief auffallend still. Eigentlich war ja Frau

Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann und ihre Kinder waren

lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben können, eine

so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch gegeben.

Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung

hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das

zu tun machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch

ein, daß Karl für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto

und so nacheinander herunter, immer das ältere unter den Geschwistern

dem jüngern. Anfangs machte es den Kindern Spaß, aber es ging nicht

immer so friedlich und so säuberlich zu wie bei der Mutter, und Walburg

wunderte sich, daß sie bald eine noch fast gefüllte, bald eine ganz

leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein regelmäßiger

Verbrauch mehr wie bisher.

Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten

Abendstunden, wo sie allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe

gerückt und wußten doch nicht viel miteinander anzufangen, so glich das

Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die Vorschrift befolgt wird: Man

bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser nach den ersten Tagen.

Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese bildeten ein

gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn.

Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes

Wiedersehen zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht

ganz ohne Wehmut. Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges

Großmütterlein, das da im Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne

Hilfe von einem Zimmer in das andere zu gehen! Und wiederum, wo war

Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch deutliche Spuren hatte die

Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen eingegraben!

Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach

einigen Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden

wieder die geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu

trauriger Empfindung da, denn die _alte_ Frau hatte keine Schmerzen zu

leiden, sie genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege

der unverheirateten Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die

_junge_ Frau, wenn man Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit

solcher Liebe von ihrem großen Familienkreis und schien so gereift

durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen deutlich zum Bewußtsein kam,

das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit Köstliches gebracht.

Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde,

die noch ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte

die Schwester in das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte

Gastzimmer, zog sie an sich, küßte sie herzlich und sagte: "Cäcilie,

nun soll dir's gut gehen! Du wirst sehen, wie ich dich pflege!"

"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde."

"Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts

tue ich lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen

und herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das

anschlägt, da kann man viel erreichen in vier Wochen."

Frau Pfäffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du

das nicht in _drei_ Wochen erreichen?"

"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?"

"Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als daß ich

vier Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang

an vorgenommen, nach drei Wochen zurückzukommen, und habe gehofft, daß

du mich darin unterstützest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen

Haushalt, Mann, sieben Kinder und ein fast taubes Mädchen zu verlassen.

Es kommt so oft etwas vor bei uns!"

"Was soll denn vorkommen? Was fürchtest du?"

"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es ja selbst nicht vorher, aber

es ist so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme

Folgen haben könnte, bald hört einer nicht auf zu musizieren, wenn er

einmal anfängt, und selbst, wenn nichts Besonderes vorkäme, das

Alltägliche bringt schon Schwierigkeiten genug: Elschen muß vormittags

immer allein die Türe aufmachen und Bescheid geben, das ist unheimlich

in einer großen Stadt. Und wenn du immer noch nicht überzeugt bist,

Mathilde, dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn mein Mann

einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist

das wirklich genug und es wäre an der Zeit, daß ich wieder käme!"

"So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?"

"Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde,

wenn ich etwa nach zwei Wochen heimschreibe, daß ich schon in der

nächsten Woche komme. Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so

lebhaft wie früher und die meisten unserer Kinder haben sein

Temperament. Da gibt es nun bei solch einer Nachricht immer gleich

einen Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und hören können!"

Frau Pfäffling sah im Geist ihre fröhliche Schar, und ein glückliches

Leuchten ging über ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz

jugendlich, gar nicht pflegebedürftig aus.

Als die Schwestern das Gastzimmer verließen, hatten sie sich auf drei

Wochen geeinigt.

Die ersten Tage vergingen in stillem, glücklichem Beisammensein. Es war

für Frau Pfäffling eine Wonne, so ganz ohne häusliche Sorgen bei der

Mutter sitzen zu dürfen und zu erzählen. Teilnahme und volles

Verständnis war da zu finden für alles, was ihr Leben erfüllte, und

doch stand die Mutter selbst schon fast _über_ dem Leben. Einen weiten

Weg hatte sie in achtzig Jahren zurückgelegt und nun, nahe dem Ziel,

überblickte sie das Ganze wie aus der Ferne. Da sieht sich manches

anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der Höhe herab erkennt

man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hören wollte, der

konnte hier manch guten Rat für den eigenen Lebensweg bekommen. Frau

Pfäffling war von denen, die hören wollten.

In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag.

Zu diesem Familienfest fand sich unter andern Gästen auch Frau

Pfäfflings einziger Bruder ein mit seiner Frau und einer

fünfzehnjährigen Tochter, einem lieblichen, fein erzogenen Mädchen.

Diesen Bruder, der Professor an einer norddeutschen Universität war,

hatte Frau Pfäffling auch seit vielen Jahren nimmer gesehen, aber aus

der Ferne hatte eines an des andern Schicksal und Entwicklung stets

Anteil genommen, und so war es beiden eine besondere Freude, sich

einmal wieder ins Auge zu sehen.

"Wir müssen auch ein Stündchen herausfinden, um allein miteinander zu

plaudern," sagte der Bruder während des festlichen Mittagsmahls zu

seiner Schwester. Und als nach Tisch, während die Geburtstägerin ruhte,

eine Schlittenfahrt unternommen wurde, saßen Bruder und Schwester in

einem kleinen Schlitten allein. Hier, im nördlichen Deutschland, lag in

diesem Februar noch überall Schnee, die Bahn war glatt, die Kälte nicht

streng, die Fahrt eine Lust. Frau Pfäffling sah nach dem Schlitten

zurück, in dem mit andern Gästen ihre junge Nichte saß. "Wie reizend

ist sie," sagte Frau Pfäffling, "und so wohlerzogen. Wenn du meine

Kinder daneben sehen würdest, kämen sie dir ein wenig ungehobelt vor."

"Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als

du, sie gibt sich auch viel Mühe mit der Erziehung."

"Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem gröbsten, und man wird

damit oft kaum fertig."

"Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel

miteinander, wie ist das bei euch?"

"Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnügt miteinander.

Sie haben ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur

sollte man sich eben mehr mit dem einzelnen abgeben können."

"Hat man für die deinigen zu wenig Zeit, so für die unserigen zu viel.

Ich fürchte, daß sie gar zu sorgfältig beachtet werden. Jederzeit ist

das Fräulein zu ihrer Verfügung, außerdem haben wir noch zwei

Dienstmädchen, und mit unserem Jungen werden sie oft alle drei nicht

fertig."

So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die

häuslichen Verhältnisse, und dann wollte Frau Pfäffling Näheres hören

über einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwähnt hatte. Er

beabsichtigte in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen,

dabei durch Süddeutschland zu kommen und die Familie Pfäffling zu

besuchen.

An diesen Plan schloß sich noch ein weiterer an, den der Professor nach

dieser Schlittenfahrt faßte und zunächst mit seiner Frau allein

besprach. Wenn auf der einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen

wenig, auf der einen Seite Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der

andern alles reichlich, warum sollte man nicht einen Ausgleich

versuchen? Bruder und Schwägerin machten den Vorschlag, einen der

jungen Pfäfflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die Sache wurde

überlegt, und es sprach viel für den Plan. Frau Pfäffling wollte mit

ihrem Mann darüber sprechen, und wenn er einverstanden wäre, sollte der

Bruder auf der Osterreise sich selbst umsehen und wählen, welches der

Kinder am besten zu den seinigen passen würde. Das Auserlesene sollte

er dann auf der Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht

auf ein baldiges Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie

wieder ab, und in der Umgebung der achtzigjährigen Mutter wurde es

still wie vorher.

Frau Pfäffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie

erfuhr doch nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die

Losung ausgegeben: "Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet,

sonst ist der Mutter der Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst

mündlich erzählt." So gingen denn Nachrichten ab über gelungene

Mathematikarbeiten und neue Klavierschüler, über einen Maskenzug und

Fastnachtskrapfen, über Frieders regelmäßiges Klavierspiel und über der

Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese

Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb

verschwiegen.

Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr

Pfäffling von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an:

"Haben Sie heute nacht nichts gehört, Herr Pfäffling, nicht ein Stöhnen

oder dergleichen?"

"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich habe gar nichts Auffallendes

gehört."

"Aber es muß doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die

zweite Nacht, daß ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, daß eines der

Kinder so Heimweh hat, daß es bei Nacht laut weint? Aus einem der

Schlafzimmer kommt der schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in

Ordnung, ich habe schon die Kinder danach gefragt, aber nichts erfahren

können."

"Das will ich bald herausbringen," sagte Herr Pfäffling und ging

hinauf. Er fragte zunächst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam

die Tafelrunde an. Frische, fröhliche Gesichter waren es, die nichts

verrieten von nächtlichem Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings

blaß und überwacht aus, ernst und fast wie von Schmerz verzogen. Das

war Anne. Ihr mußte etwas fehlen. Er beobachtete sie eine Weile und

machte sich Vorwürfe, daß er das bisher übersehen hatte. Wenn die

Mutter dagewesen wäre, die hätte es bemerkt, auch ohne der Hausfrau

Mitteilung.

Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die

Schwestern zurück.

"Ist dir's nicht gut, Anne?" fragte er.

"O doch!" erwiderte sie rasch und wurde über und über rot.

"Du meinst wohl, in dem Punkt dürfe man lügen," entgegnete Herr

Pfäffling, "weil ich lieber höre, daß du wohl bist. Aber ich möchte

doch auch darüber gern die Wahrheit hören." Da senkte sie schon mit

Tränen in den Augen den Kopf, und Herr Pfäffling wußte, woran er war.

"Warum hast du denn geweint heute nacht?" fragte er, "wenn die Mutter

nicht da ist, müßt ihr mir euren Kummer anvertrauen." Das geschah nun

auch und er erfuhr, daß Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren

bei Nacht heftig geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingeträufelt,

das noch vom vergangenen Jahr dastand, und Umschläge gemacht, aber das

hatte alles nichts geholfen und erst gegen Morgen waren die Schwestern

eingeschlafen. So war es schon zwei Nächte gewesen. Sie hatten es dem

Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte nicht zum Ohrenarzt

geschickt werden, sie fürchtete die Behandlung, fürchtete auch die

große Neujahrsrechnung.

Am Nachmittag saßen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des

Arztes. Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern

vorgehalten, daß Anne so schwerhörig wie Walburg werden könnte, wenn

etwas versäumt würde.

Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei

Unzertrennlichen rührten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so

ängstlich aus wie die kranke, sie zuckte wie diese beim Schmerz, und

doch kam sie immer als treue Begleiterin. Diesmal konnte er beide

trösten. "Es ist nichts Schlimmes," sagte er, "das gibt keine so böse

Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel schüttet weg, das

macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes. Wenn eure

Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es

selbst einträufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruß, und das gehe

noch auf die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die

gehört dazu."

Darüber wurden die Schwestern so vergnügt, daß sie anfingen, mit dem

gefürchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch,

daß Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. "Hört die denn gar

nichts mehr?" fragte er.

"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr

sagen, aber es wird alle Jahre schlimmer."

"Geht sie nie zum Arzt?"

Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz

gewiß, daß man ihr nicht helfen konnte.

"Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen," sagte der

Arzt, "schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt

daheim, das gehe auch noch in die alte Rechnung."

Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten

sie sich, den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen

sie es auch Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um

sie handelte, und ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn

euere Mutter zurückkommt, werde ich so frei sein."

Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören.

Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum

gestrigen Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie

volle acht Tage früher heimkommen würde, als verabredet war.

In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen

vom Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen,

diese letzte Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter.

"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme," sagte

einmal Karl, "das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es

denn so zeitig? Der Kalender gehört eigentlich mir." "Ich," sagte

Frieder, "ich habe es manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir

zum Frühstück gekommen?" Es wurde noch weiter nachgeforscht, und da

stellte es sich heraus, daß Frieder immer schon abends den

Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. "Du meinst wohl, es kommt

dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?" sagte Karl und

wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er

Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen

Schulweg mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich

so nahegerückt.

Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg;

ja im Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die

jungen Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat

gesorgt und Walburg mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen.

Während dieser Zeit wurde geklingelt und Elschen lief herzu, um

aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn Pfäffling, dann nach dessen

Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß sie alle fort seien,

bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines Briefchen an

Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von ihm,

und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde.

Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den

Schreibtisch, wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte

der Herr, "du kannst nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann,

den Brief für deinen Vater lasse ich hier liegen." Elschen verließ das

Zimmer. Nach einer ganz kurzen Weile kam der Herr wieder heraus.

"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam

keine Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die

Treppe hinunter und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben

heraufkam.

"Wer war da?" fragte diese.

"Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins

Ohr; weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen

zu unbequem, Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim

Mittagessen fiel ihr die Sache wieder ein und sie erzählte sie dem

Vater. Dem kam es verdächtig vor. "Wo ist denn der Brief?" fragte er.

Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu finden! Und wo war denn—ja,

wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade jahraus, jahrein

seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit allen

sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum.

Oft schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in

dieser Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was

die Familie Pfäffling am Leben erhielt.

Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich

eingeschlichen, hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen,

keinen Pfennig fürs tägliche Brot!

Walburg wurde hereingeholt und über den "Herrn" ausgefragt. Man

brauchte ihr gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere

Schublade, die bestürzten Gesichter sprachen auch für sie deutlich

genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht und fragte bloß: "Gestohlen?"

Und nun flogen Vorwürfe hin und her.

"Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den

Schreibtisch!" warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. "Es war ja

gar kein Dieb, es war ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie

nahm sie in Schutz. "Sie kann nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein

Holz getragen habt, wegen euch hat Walburg hinunter gemußt!"

"Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken

lassen!" rief Herr Pfäffling immer wieder.

Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder

wagte zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir

wollen ihr schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal

niemand zu beruhigen, es war so traurig, zu denken, daß man sie mit

solch einer Botschaft empfangen sollte! Karl und Marie hatten leise

miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie jetzt, "wir alle zusammen

haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März kommt wieder dein

Gehalt. Wir sparen recht."

"Ja, ja," sagte Herr Pfäffling, "verhungern müssen wir nicht, ich habe

auch noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die

Steuer zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel

abgezogen hätte, wäre vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt

hin und wieder, bis ihn ein Wort Walburgs stillstehen machte, das Wort:

Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Dieb ausfindig gemacht

werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden konnte. Ja, sofort

Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. Elschen sollte

mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur schnell,

schon waren viele Stunden verloren!

Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie

setzten sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede

knöpfte ihr einen Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Häubchen, die

Brüder wollten ihr die Handschuhe anziehen, machten es verkehrt,

erklärten dann Handschuhe für ganz übertrieben und die Kleine sprang

ohne solche dem Vater nach, der schon an der Treppe stand und nun mit

so langen Schritten die Frühlingsstraße hinunterging, daß das Kind an

seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln mußte.

Von der Polizei brachten sie günstigen Bescheid zurück. Ein junger

Musiker, der angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel

betroffen worden und mochte wohl der Missetäter sein. Man hoffte, ihn

aufzufinden.

Es war gut, daß am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfäffling

abgegangen war, denn heute und in den folgenden Tagen hätte niemand

schreiben mögen. So aber kam es, daß sie gerade, während ihre Lieben in

großer Trübsal waren, einen dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus

dem ihr eine ganze Anzahl Briefblättchen entgegen flatterten, alle voll

Jubel über das unerwartet nahe Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte

seine Freude selbst aussprechen wollen. Nicht die leiseste Ahnung sagte

Frau Pfäffling, daß die Stimmung daheim inzwischen vollkommen

umgeschlagen war.

Herr Pfäffling ging gleich am nächsten Morgen auf die Polizei, um sich

zu erkundigen. Er erfuhr, daß bisher vergeblich nach dem jungen Musiker

gefahndet worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso

am nächsten Tag in frühester Morgenstunde auf der Polizei erschien,

wurde ihm bedeutet, daß er sich nicht mehr bemühen möchte, es würde ihm

Nachricht zukommen.

Darüber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, daß man die Mutter

mit einer so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, ließ gar nicht

die rechte Freude des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfäffling war

unschlüssig, ob er die Nachricht nicht doch vorher schriftlich

mitteilen sollte, zögerte aber noch immer in der Hoffnung auf Festnahme

des Diebes und fand endlich, als er sich zum Schreiben entschloß, daß

der Termin doch schon verpaßt sei und der Brief erst nach der Abreise

seiner Frau ankommen würde. So blieb denn nichts übrig, als der

Heimkehrenden schonend die Hiobspost mitzuteilen.

Für Frau Pfäffling war die Abschiedsstunde gekommen. "Ich wundere

mich," sagte sie zu Mutter und Schwester, "daß ich nicht noch einen

letzten Gruß von daheim bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung

sein?"

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 13 / 16 段