"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwöhnt bin,

und ich habe mich schon oft gewundert, daß Sie so heitern Sinnes auf

vieles verzichten, woran Sie gewiß zu Hause gewöhnt waren. Ich weiß,

daß Sie aus fein gebildeter Familie stammen."

"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhältnisse

schicken. Die äußere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein

Glück ruht auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben

damit gar nichts zu tun."

Ein paar Tage später brachte Fräulein Bergmann als Geschenk den Stoff

zu einer Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die

Türöffnung wurde nun elegant verkleidet und sah in der Tat hübsch aus,

die Kinder standen voll Bewunderung. Aber der schöne Stoff paßte nicht

so recht zum Ganzen, Fräulein Bergmann selbst war die erste, die das

bemerkte. "Es sehen nun allerdings die Möbelbezüge verblichen aus,"

sagte sie, "aber über kurz oder lang müßten diese doch erneuert

werden."

Herr Pfäffling war sehr überrascht, als er zum erstenmal durch die

Portiere schritt. Sie streifte dem großen Mann das Haar. Er sah sie

mißliebig an.

"Es ist ein Geschenk von Fräulein Bergmann," sagte Frau Pfäffling, "du

solltest ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt."

"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfäffling, "ich habe ja gar keinen

Sinn für so etwas, es fängt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu

unserer übrigen Einfachheit. Fräulein Bergmann mag sich Portieren in

ihr Zimmer hängen so viel sie will, aber unsere Zimmer müssen ihr schön

genug sein, so wie sie sind."

Bei Tisch saß er gerade der Portiere gegenüber; sie kam ihm wie etwas

Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Höflichkeit wahren und

sich nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Ärger zum ersten

hinzu. Walburg hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller

gewechselt. Die Kinder bekamen immer nur _einen_ Teller.

"Finden Sie nicht, daß es gegen den Schönheitssinn verstößt, wenn die

Kinder alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich

Fräulein Bergmann fragend an Frau Pfäffling.

"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben

Teller mehr aufzudecken, abzuwaschen und aufzuräumen ist schon ein

Geschäft."

"So viel könnte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das

Fräulein, "das ist doch solch eine Kleinigkeit."

Da fiel ihr Herr Pfäffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie,

geehrtes Fräulein, meine Frau als Hausfrau muß doch am besten wissen,

was in unsere Haushaltung paßt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind,

müssen Sie mit unserer Art vorlieb nehmen."

"Gewiß, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu

sehen, wie der Schönheitssinn so ganz vernachlässigt wird. Aber ich

werde gewiß nicht mehr darein reden, kein Wort mehr."

"Ja, darum möchte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr

Pfäffling, "und übrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles

ordentlich, schön und rein und ich möchte durchaus nicht, daß sie sich

noch mehr Arbeit macht, und wenn meine Kinder ihr nachschlagen, wird

man sie überall gern sehen."

"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fräulein und fügte

gekränkt hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluß der Mahlzeit

verlief in unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorüber war, zog

sich Fräulein Bergmann zurück.

"Sie ist beleidigt," flüsterte bekümmert eines der Mädchen dem andern

zu.

"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brüder, "warum mischt

sie sich ein!"

"Aber es ist doch wahr, daß Teller schnell abgewaschen sind!"

"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fräulein Bergmann sagt

und haltet gar nicht zur Mutter!"

Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr

Pfäffling bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins,"

sagte er zu seiner Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird

sich jetzt schon besser in acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart,

und mir ist ihr Dareinreden nicht so unangenehm, man macht doch seine

Sache nicht vollkommen und da ist es gar nicht übel, einmal zu

erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel mehr von der

Welt gesehen als ich."

Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die

beiden Frauen standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein

Bergmann machte von der Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen.

"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man

keinen eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf

diese Zeit der Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht

nach Herzenslust lesen, zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem

ich Muße dazu habe, so viel ich nur will, hat es seinen Reiz verloren."

Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen:

"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger

Arbeit beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine."

"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar

nicht. Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner

veränderten Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle

selbst, daß ich unausstehlich bin."

Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß

Fräulein Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr

Kritik und Einmischung gestattete.

Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte

sich kein Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles

zurück und brachte Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach

Fräulein Bergmanns Ansicht waren all diese kleinen Übelbefinden selbst

verschuldet, sie behauptete, solches bei ihren Zöglingen durch

sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben.

"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März,

"weißt du noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen

sieben ausgezogen, Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen.

Aber dieses Jahr ist es so kalt."

"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein,

schöner war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen

Familienkreis.

Sie saßen wieder einmal an dem weiß gedeckten Mittagstisch, nachdem

Herr Pfäffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare

streichen lassen, und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte.

"Wie wunderlich," begann Fräulein Bergmann, "daß Sie nicht ein

feststehendes Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus

vorgekommen. Das heutige hat kein gutes Versmaß. Wie vielerlei haben

Sie eigentlich?"

"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfäffling. "Ich denke, daß man

leichter mit dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn

es nicht jeden Tag das gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein

Gebet gedankenlos gesprochen wird."

"Ach, das können Sie doch nicht ändern. Ich bin nicht für solche

Neuerungen. Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war

es mit Herrn Pfäfflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau

liegt daran, in diese Form einen Inhalt zu gießen," sagte er lebhaft,

"und wenn Sie lieber die leere Form haben, so brauchen Sie ja auf den

Inhalt nicht zu horchen."

"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfäffling und legte beschwichtigend

ihre Hand auf seine trommelnde, "Fräulein Bergmann hat das gar nicht

schlimm gemeint!"

"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfäffling

begütigend. Im Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch

einsilbig. Aber nach Tisch rief Herr Pfäffling seine Frau zu sich in

das Musikzimmer. "Das ist ein unleidlicher Zustand," begann er, "dieses

Frauenzimmer ist die verkörperte Dissonanz und stört jegliche Harmonie

im Hause. So etwas kann ich nicht vertragen. Tu mir's zuliebe und mache

der Sache ein Ende. Wir finden wohl auch wieder eine andere Mieterin."

"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Türe weisen, das tut mir doch

leid für sie, wie soll ich denn das machen?"

"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu

kränken. Aber je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich

hinüber und mit ihr reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!"

"Nein, so plötzlich läßt sich das doch nicht machen, bis zum 1. April

mußt du dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfäffling, und während

sie ihrer Arbeit nachging, überlegte sie, wie sie die Kündigung

schonend begründen könnte. Fräulein Bergmann tat ihr leid, aber die

Rücksicht auf ihren Mann, auf Harmonie und Frieden im Hause mußte doch

vorgehen.

Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fräulein

Bergmann suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem

Tisch lagen Papiere ausgebreitet. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen,"

sagte das Fräulein, "hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten

Stellen hervorgesucht, möchten Sie diese nicht lesen? Ich muß Ihnen

sagen, daß ich mich ordentlich schäme über die Zurechtweisung, die ich

heute mittag erfahren habe; so etwas ist mir nicht vorgekommen in den

vielen Jahren, die ich in Stellung war. Aber ich fühle ja selbst, daß

ich unleidlich bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht so,

bitte, lesen Sie!"

Fräulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele

Jahre in ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tüchtigkeit

war in den Zeugnissen ausdrücklich ihre Liebenswürdigkeit, ihr Takt

hervorgehoben.

Indem Frau Pfäffling dieses las und überdachte, kam ihr plötzlich die

Erklärung dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fräulein Bergmann

wieder in das richtige Geleise zu bringen wäre.

"Ich glaube, Sie haben sich viel zu frühe in den Ruhestand begeben, und

das ist wohl der Grund für Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen.

Sie stehen im gleichen Alter wie mein Mann; wie käme es Ihnen vor, wenn

er schon aufhören wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch

sein Bestes leisten, und so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft,

und haben eine reiche Lebenserfahrung dazu. Sie könnten ein ganzes

Hauswesen leiten, eine Schar Kinder erziehen, und wollen hier in einem

Stübchen hinter den Büchern sitzen! Das ertragen Sie einfach nicht und

das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun in unser Hauswesen

unberufen eingreifen. Ihre besten Kräfte liegen brach! Wenn ich Ihnen

einen Rat geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle, und

zwar eine solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!"

Fräulein Bergmann hatte nachdenklich zugehört. "Ja," sagte sie jetzt,

"so wird es wohl sein. Ich kann die Untätigkeit nicht ertragen. Daß Sie

mir noch solch eine Leistungsfähigkeit zutrauen, das freut mich. Nur

schäme ich mich vor all meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen

Entschluß mitgeteilt habe, zu privatisieren. Es war mir damals eine

verlockende Stelle als Hausdame angetragen, ich habe sie abgelehnt."

"Ist sie wohl schon besetzt?"

"Vielleicht nicht. Es hieß, der Eintritt könne auch erst später

erfolgen."

"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?"

"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings hätte ich

keine passendere finden können. Meinen Sie, ich soll schreiben?"

"überlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darüber hingehen."

Eine halbe Stunde später hörte man Fräulein Bergmann mit eiligen,

elastischen Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post.

"Ich bin Fräulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam,

"sie ist gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt;

warum sie wohl gerade heute so vergnügt ist?"

Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in

Richtigkeit. Schon zum 1. April sollte Fräulein Bergmann sie antreten.

Das letzte gemeinsame Mittagsmahl war vorüber, die Kinder freuten sich

unten, im Freien, der langersehnten warmen Frühlingsluft, Frau

Pfäffling war mit der Sorge um das Gepäck der Reisenden beschäftigt,

diese saß allein noch mit Herrn Pfäffling am Eßtisch.

"Wenn ich einmal alt und pflegebedürftig bin," begann Fräulein

Bergmann, "dann frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen möchten in

Ihr Haus. Ich kenne niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern

anvertrauen möchte, als Ihrer lieben Frau und den seelenguten

Zwillingsschwestern. Dann dürften Sie ja keine Angst mehr haben vor

meiner kritischen Art." Herr Pfäffling, der nach seiner Gewohnheit um

den Tisch gewandelt war, machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik ist

ja sehr viel wert, wenn sie nicht bloß aus schlechter Laune entspringt.

Solange Sie _alles_ tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo

wir in friedlicher Stimmung auseinandergehen, jetzt würde ich auf Ihr

Urteil viel geben. Sie sagten neulich, es sei alles unschön und unfein

bei uns—"

"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und überdies

wissen Sie wohl, daß alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen

war."

"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Äußerungen zugrunde. Möchten Sie

mir nicht sagen, was Ihnen unschön erscheint in unserem Hauswesen,

unseren Gewohnheiten?"

Fräulein Bergmann überlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht

aufrecht erhalten," und mit einem gutmütigen, aber doch ein wenig

spöttischen Lächeln fügte sie hinzu: "Unschön ist eigentlich nur

_eines_."

"Und zwar?"

"Darf ich es sagen? Nun denn: unschön kommt mir vor, wenn Sie so wie

jetzt eben im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt."

Herr Pfäffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne.

"Ihr Wilhelm fängt das nämlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben

Sie es noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter

Ihnen, immer die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen

Zusammenstoß zu vermeiden, da Sie oft mit einem plötzlichen Ruck

stehenbleiben. Es war sehr drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig

dabei."

"Das begreife ich!" sagte Herr Pfäffling, "und wenn mir schließlich

alle Kinder folgen würden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit.

Ich werde es mir abgewöhnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur

zu solchen übeln Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken

darüber—und nahm seinen Lauf um den Tisch wieder auf.

Fräulein Bergmann verließ lächelnd das Zimmer.

Im Vorplatz übergab Frau Pfäffling den vollgepackten Handkoffer an

Walburg. "Ist er nicht zu schwer?" fragte sie.

"O nein," entgegnete Walburg in ungewöhnlich lebhaftem Ton, "ich trage

ihn _gern_ fort."

Hatte sie auch nie die unfreundlichen Äußerungen gehört, die Fräulein

Bergmann über sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert

und war froh, daß diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wußte sie

nicht, fragte auch nicht darnach, es genügte ihr, daß offenbar niemand

unglücklich darüber war, Marianne vielleicht ausgenommen, aber die

würde sich bald trösten, und eine neue Mieterin konnte sich nach Ostern

finden.

Frau Pfäffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit

zur Bahn. Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustüre hinaus,

als Herr Pfäffling seine drei Großen herbeirief: "Nun helft mir die

Portiere abnehmen, daß man wieder Luft und Licht hat und frei durch die

Türe kann. Aber vorsichtig, die Mutter sagt, sie könne den schönen

Stoff gut verwenden!"

So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stühlen und hantierten

lustig darauf los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch

das offene Fenster von der Straße herauf Elschens Stimme ertönte, die

nach den Brüdern rief. Otto sah durchs Fenster und fuhr blitzschnell

wieder herein: "Fräulein Bergmann hat ihren Schirm vergessen, sie kommt

selbst herauf!"

"Geht hinaus, laßt sie nicht herein," rief Herr Pfäffling, "den

schmerzlichen Anblick soll sie nicht erleben!" Draußen hörte man auch

schon ihre Stimme: "Ich muß den Schirm im Eßzimmer abgestellt haben."

Richtig, da stand er in der Ecke! Wilhelm erfaßte ihn, blitzschnell

rannte er durch die Türe und konnte diese gerade noch hinter sich

schließen und Fräulein Bergmann den Schirm hinreichen. Sie hatte nichts

gesehen und eilte davon.

"Wenn sie nun zu spät zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr

Pfäffling überlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb

unten, einen traurigen Anblick bot. "Wir hätten eigentlich warten

können bis morgen."

Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk mußte vollendet werden; bald

sah alles im Haus Pfäffling wieder aus wie vorher; Fräulein Bergmann

kam nicht wieder, das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfäffling

kehrte mit Elschen allein zurück. "Sie läßt euch alle noch grüßen,"

berichtete sie, "ihr letztes Wort war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch

einmal ein schönes Tischgebet schicken!'"

Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er,

"wir singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu

gekommen." Er stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders

frisch und fröhlich klang, das war Fräulein Bergmann zu danken!

14. Kapitel

Wir nehmen Abschied.

Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet,

und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der

Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen

lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts

mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen,

innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den

seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten

Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen

waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.

Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt

worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch,

auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem

einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der

eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder

höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des

Elternhauses entfremdet würde.

Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während

desselben geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen

zeigen.

In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder

Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes.

Doch nur für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht

besser ausfiel als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm,

schlimm auch um die Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht

Karls Liebhaberei, der junge Lehrer und der Schüler hätten sie gleich

gerne los gehabt. Darum strebten die Brüder gleich aufeinander zu, als

die Klassentüre sich auftat und die Schüler herausdrängten. Über der

andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne Karl sein Zeugnis

hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl schon

manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt

und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater

noch zu erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als

er die Jungen mit den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen

sah, wußte er schon, daß es Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine

Durchschnittsnote nötig?" fragte er und überblickte das Zeugnis, und

war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder waren enttäuscht,

nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein müssen. "Hast

du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie.

"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind

wir noch in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so

vergnügt seid, ihr meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig,

aber ganz kann ich euch noch nicht davon entbinden, Wilhelm könnte

sonst gleich wieder rückfällig werden. Sagen wir _einmal_ statt zweimal

in der Woche." Sie machten lange Gesichter. "Und in den Osterferien gar

keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte der Vater hinzu. Da heiterten

sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens in den Ferien frei war,

im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr in einem hin.

Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder

vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die

Schwestern begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust

sämtliche Heftchen auf des Vaters Tisch ausbreiteten.

"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie

Elschen ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die

geheimnisvollen Ziffern zu deuten.

"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen

Übermut hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a

plus b ist? Das weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen

Vierer." Von allen Seiten kamen nun solch verfängliche Fragen und es

wurden ihr lauter Vierer prophezeit, bis ihr angst und bang wurde, sie

sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du gibst mir dann jeden Tag

Mathematikstunden!"

Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten

sie eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug

gekommen. Sie schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte.

Herr Pfäffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder

in Händen hatte und sah, daß es besser war als die früheren, trat ihm

wieder das Bild vor die Seele, wie der Kleine ihm die verhüllte Violine

mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes übergeben hatte. Er war seitdem ein

gewissenhafter und geschickter Klavierspieler geworden, aber die Liebe,

die er zu seiner Violine und auch zu der Harmonika gehabt hatte, die

brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem Herzen war er nicht

dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine erwähnt. Ob

sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater

hätte es gerne gewußt, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der

kleine Spieler seine Musikhefte beiseite räumte, redete er ihn darauf

an.

"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir

nicht mehr so leid, daß du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes

Gesicht machte das Kind, als diese Wunde berührt wurde, dann antwortete

er leise: "Ich möchte sie gar nicht mehr haben."

"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhören

kann, wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du _kannst_ nicht,

Frieder? Du _willst_ nur nicht, weil es dir schwer fällt; aber siehst

du nicht, daß wir alle aufhören, wenn wir müssen? Meinst du, ich möchte

nicht lieber selbst weiter spielen, als Fräulein Vernagelding Stunde

geben, wenn sie jetzt kommt? Meinst du, die Mutter möchte, wenn sie

nach Tisch in ihren schönen Büchern liest, nicht lieber weiterlesen als

schon nach einer halben Stunde wieder das Buch aus der Hand legen und

die Strümpfe stopfen? Und die großen Brüder möchten nicht lieber auf

den Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben unter

unserem Dach möchten nicht lieber für sich selbst Futter auspicken als

ausfliegen und ihre Jungen füttern, wie es der liebe Gott angeordnet

hat? Und der Frieder Pfäffling will allein dastehen auf der Welt und

sagen: 'Ich kann nicht aufhören'? Nein, der müßte sich ja schämen vor

den Tierlein, vor den Menschen, vor dem lieben Gott müßte er sich

schämen!"

"Ich kann auch aufhören," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim

Geigen nicht."

"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann

mitten im Geigenstrich aufhören und das mußt du auch lernen. Gib dir

Mühe, und wenn du dann fühlst, daß du einen festen Willen hast, so sage

es mir, dann will ich dir jeden Sonntag für eine Stunde deine Geige

geben."

Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem großen Schrank

deutend, der in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit

zärtlichem Ton: "Da innen ist sie!"

"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen

Willen bekommt und sie erlöst aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind;

Fräulein Vernagelding ist im Vorplatz, ich höre sie schon lange

plaudern mit Marianne, ich weiß nicht, warum sie nicht herein kommt."

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 15 / 16 段