Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefaßt. In ihrem kalten

Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto

beisammen und schrieben an die Söhne des Generals. Ihrer Entrüstung

über die schnöde Handlungsweise gaben sie in kräftigen Worten Ausdruck,

den Edelmut des Vaters, der aus Rücksicht auf den General diesem die

Schandtat nicht verraten wollte, priesen sie in begeisterten Worten,

schilderten dann die vielen Entbehrungen, die die Eltern sich auflegen

mußten, wenn eine so große Summe wegfiel, und wandten sich am Schluß

mit volltönenden Worten an das Ehrgefühl der jungen Leute mit der

Aufforderung, das Geld zurückzuerstatten. Otto mußte mit seiner

schönen, schulgemäßen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und

dann setzten alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an

Feodor, den älteren der beiden Brüder, die Berliner Adresse hatten sie

gelesen, es fehlte nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur

Schule konnte er in den Schalter geworfen werden. Mit großer innerer

Befriedigung legten sie sich nun in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin

mußte das Geld zurückkommen, an dem Erfolg war gar nicht zu zweifeln,

und welche Überraschung, welche Freude mußte das geben!

Es ist aber merkwürdig, wie die Dinge bei nüchternem Tageslicht so ganz

anders erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brüder am

nächsten Morgen auf dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum

lassen wir eigentlich den Vater unsern Brief nicht vorher lesen?"

Wilhelm und Otto wußten Gründe genug. "Weil sonst keine Überraschung

mehr dabei ist; weil die Eltern so ängstlich sind und keinen Verdacht

äußern wollen, während doch alles so klar wie der Tag ist; weil der

Vater die schönsten Sätze über seinen Edelmut streichen würde; weil

dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts würde; nein, wenn man

wollte, daß der Brief abging, so mußte man ihn heimlich abschicken,

nicht lange vorher fragen."

Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf

er den Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber

die Brüder drangen in ihn: "Jede Überraschung muß heimlich gemacht

werden, sonst ist's ja keine; du bist immer so bedenklich und

ängstlich, was kann denn der Brief schaden? Gar nichts, im schlimmsten

Fall nützt er nichts, aber schaden kann er nichts, das mußt du selbst

sagen." Karl wußte auch nicht, was er schaden sollte, und dennoch

wollte er durchaus auch beim zweiten Schalter den Brief nicht

herausgeben. "Die Eltern sind immer so sehr gegen alles Heimliche,"

sagte er, "und es ist wahr, daß schon oft etwas schlimm ausgegangen

ist, was wir heimlich getan haben. Ihr habt gut reden: wenn die Sache

schief geht, heißt es doch: Karl, du bist der Älteste, du hättest es

nicht erlauben sollen." Allmählich brachte er mit seinem Bedenken Otto

auf seine Seite, nur Wilhelm blieb dabei daß sie ganz übertrieben

ängstlich seien, und machte bei dem dritten und letzten Schalter einen

Versuch, Karl den Brief zu entreißen. Es gelang aber nicht, und da nun

Schulkameraden sich anschlossen, mußte die Schlußberatung auf den

Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben war: sie wollten der

Mutter von dem Brief erzählen, wie wenn dieser schon abgeschickt wäre.

Hatte sie dann nur Freude darüber, dann konnte man ihn ruhig einwerfen,

hatte sie Bedenken, so konnte man ihn vorzeigen. So wurde Frau

Pfäffling zugeflüstert, sie möchte nach Tisch einen Augenblick in das

Bubenzimmer kommen. Dort fand sie ihre drei Großen, die ihr nun

ziemlich erregt und meist gleichzeitig von dem Brief erzählten, den sie

gestern noch bei Nacht geschrieben, an den jungen Feodor adressiert und

heute morgen auf dem Schulweg mitgenommen hätten. Die kräftigen

Ausdrücke der Verachtung gegen die Handlungsweise der jungen Russen und

die Beschwörung, das Geld zurückzuerstatten, wurden fast wörtlich

angeführt.

Im ersten Augenblick hörte Frau Pfäffling mit Interesse zu, aber dann

veränderte sich plötzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast

entsetzt auf die drei Jungen und wurde ganz blaß. Sie erschraken über

diese Wirkung und verstummten.

"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr

auch an Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in

die Hand, die Söhne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel,

sondern in der Erziehungsanstalt und das könnt ihr glauben, der General

übergibt keinen Brief mit fremder Handschrift an seine Söhne, ohne ihn

zu lesen. Nun erfährt er durch euch auf die schroffste Weise eben das,

was der Vater vor ihm verbergen wollte. Es ist unverantwortlich, euch

so einzumischen in das, was euch nichts angeht!"

Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins

Wort fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfäffling war nicht

begierig, Entschuldigungen zu hören, und anderes glaubte sie nicht

erwarten zu können. Da drückte ihr Karl den Brief in die Hand und rief:

"Fort ist der Brief noch nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch

nicht so!"

"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfäffling, "habt ihr nicht gesagt, er

sei schon abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es wäre mir

schrecklich gewesen für den Vater, für den General und auch für euch,

denn wir hätten nie mehr etwas in eurer Gegenwart besprochen, hätten

alles Vertrauen in euch verloren, wenn ihr euch heimlich in solche

Dinge mischt!" Sie standen beschämt, denn wie waren sie doch so nahe

daran gewesen, das Heimliche zu vollbringen!

"Später, wenn ich Zeit habe, will ich den Brief lesen," sagte Frau

Pfäffling, "ich kann mir ja denken, daß ihr empört seid über die jungen

Leute, aber was nur ein Verdacht ist, darf man nicht aussprechen, wie

wenn es Gewißheit wäre. Wißt ihr nicht, daß oft schon die klügsten

Richter einen Menschen verurteilt haben, weil der schwerste Verdacht

gegen ihn vorlag, und später stellte sich doch heraus, daß er

unschuldig war? Man kann da gar nicht vorsichtig genug sein."

Herr Pfäffling bekam den Brief zu lesen. Er wurde nachdenklich darüber.

"So, wie die Kinder gerne geschrieben hätten," sagte er zu seiner Frau,

"so kann man freilich nicht schreiben. Aber der Gedanke, sich an die

Söhne zu wenden, ist vielleicht nicht schlecht. Bisher waren sie noch

unter der steten Aufsicht der Eltern, ich wüßte nicht, wie sie in

dieser Zeit das unterschlagene Geld hätte verausgaben sollen. Ich müßte

an sie schreiben, sobald der General und seine Frau abgereist sind. Der

Abschied wird den jungen Leuten gewiß einen tiefen Eindruck machen, der

General wird ernste Worte mit ihnen reden. Wenn sie in dieser Stimmung

einen Brief von mir erhalten und sehen, wie ich ihre Eltern gerne

schonen möchte, ist es nicht unmöglich, daß sie ihr Unrecht wieder gut

machen. Sie mögen ja schwach sein und leicht einer Versuchung

unterliegen, aber sie sind auch weichen Gemüts und zum Guten zu

bestimmen, ich will wenigstens den Versuch machen."

Frau Pfäffling saß in dieser Zeit viel am Bett der kleinen

Masernkranken. Ihr Mann mußte das Krankenzimmer meiden um seiner

Schüler willen. Aber wie eine Erscheinung stand er eines Tages

plötzlich vor ihr, warf ihr eine Handvoll Geld in den Schoß, rief

vergnügt: "Das Russengeld" und war in demselben Augenblick schon wieder

verschwunden.

Seine drei großen Jungen rief er zu sich, las ihnen den reuevollen

Brief der jungen Leute vor und gab in seiner Freude jedem der Drei ein

kleines Geldstück, weil sie ihn durch ihren Brief auf einen guten

Gedanken gebracht hatten. Aber Wilhelm wollte es nicht annehmen. War er

es doch gewesen, der darauf beharrt hatte, den Brief, ohne vorher zu

fragen, einzuwerfen. "Vater," sagte er, "du weißt nicht so genau, wie

die Sache zugegangen ist. Ich bin schon froh, daß nur kein Unheil

entstanden ist aus unserm Brief, eine Belohnung will ich lieber nicht

nehmen, die hat nur Karl verdient, gib sie nur ihm."

Noch am selben Abend erhielt der Ohrenarzt sein Geld, mit einer

Entschuldigung über die Verzögerung und der aufrichtigen Bemerkung, daß

es Herrn Pfäffling nicht früher möglich gewesen sei, die Summe

zusammenzubringen.

Der Arzt saß schon mit seiner Gemahlin beim Abendessen. "Ist denn der

Pfäffling nicht der Direktor der Musikschule, der neulich einen Ball

gegeben hat?"

"Bewahre, du bringst auch alles durcheinander," sagte die Gattin, die

sich nicht durch Liebenswürdigkeit auszeichnete. "Der Pfäffling ist ja

bloß Musiklehrer. Es ist doch der, von dem man einmal erzählt hat, daß

er seine zehn Kinder ausschickt, um Wohnungen zu suchen, weil niemand

die große Familie aufnehmen wollte."

"O tausend!" rief der Doktor, "wenn ich das gewußt hätte, dem hätte ich

keine so gesalzene Rechnung geschickt!"

"Du verwechselst auch alle Menschen!"

"Die Menschen nicht, bloß die Namen; der Direktor heißt ganz ähnlich."

"Gar nicht ähnlich."

"Nicht? Ich meine doch. Wie heißt er eigentlich?"

"Mir fällt der Name gerade nicht ein, aber ähnlich ist er gar nicht."

"Doch!"

"Nein!"

Nachdem sie noch eine Weile über die Ähnlichkeit eines Namens

gestritten hatten, den sie beide nicht wußten, schob der Arzt das Geld

ein mit einem bedauernden: "Ändern läßt sich da nichts mehr."

Elschens Krankheit war gnädig vorübergegangen. Sie war wieder außer

Bett, hatte aber noch Hausarrest und viel Langeweile. So freute sie

sich über den heutigen Lichtmeßfeiertag, an dem die Geschwister

schulfrei waren. Am Nachmittag machte sie sich an Frieder heran, der

geigend in der Küche stand, und bat schmeichelnd, daß er nun endlich

aufhöre und mit ihr spiele. Er nickte nur und spielte weiter. Sie

wartete geduldig. Endlich mahnte ihn Walburg: "Frieder, hör auf, du

hast schon zu lang gespielt. Frieder, der Vater wird zanken." Da gab er

endlich nach, und Elschen folgte ihm fröhlich in das Musikzimmer, wo

die Violine ihren Platz hatte. Als Frieder aber sah, daß der Vater gar

nicht zu Hause war, nahm er schnell die Violine wieder zur Hand und

spielte. "Du Böser!" rief die kleine Schwester und Tränen der

Enttäuschung traten ihr in die Augen. Als aber nach einer Weile draußen

die Klingel ertönte, sah man ihr schon wieder die Angst für den Bruder

an: "Der Vater kommt!" rief sie und sah gespannt nach der Türe. Aber

ehe diese aufging, war Frieder mit seiner Violine durch die andere Türe

hinausgegangen und nun flüchtete er sich in das Bubenzimmer und spielte

und spielte. Da holte sich Elschen den Bruder Karl zur Hilfe.

"Frieder," sagte er, "ich rate dir, daß du jetzt augenblicklich

aufhörst, du hast gewiß schon drei Stunden gespielt!" Da machte der

leidenschaftliche Geiger ein finsteres Gesicht, wie es noch niemand an

dem guten, kleinen Kerl gesehen hatte, und sagte trutzig zu Karl: "Ich

kann jetzt nicht aufhören, ich spiele bis ich fertig bin."

In diesem Augenblick kam Frau Pfäffling herein, da stürzte sich Elschen

weinend auf sie zu und rief: "Alle sagen ihm, er soll aufhören und er

tut's doch nicht, vielleicht hört er gar nie mehr auf, sieh ihn nur

an!"

Aber durch diesen verzweifelnden Ausruf der Kleinen und vielleicht noch

mehr durch den Anblick der Mutter kam Frieder zu sich, ließ die Geige

sinken, legte den Bogen aus der Hand und senkte schuldbewußt den Kopf.

"Hast du gewußt, daß es über die Zeit ist und hast dennoch

weitergespielt?" fragte Frau Pfäffling. "Das hätte ich nicht von dir

gedacht, Frieder, wenn du über deiner Violine allen Gehorsam vergißt,

dann ist's wohl besser, das Geigenspiel hört ganz auf. Bleib hier, ich

will hören, was der Vater meint."

Frau Pfäffling ging hinaus, Frieder blieb wie angewurzelt stehen. Die

Geschwister sammelten sich allmählich um ihn, sie berieten, was

geschehen würde, drangen in ihn, er solle gleich um Verzeihung bitten,

und als nun die Eltern miteinander kamen, war eine schwüle Stimmung im

Zimmer. Frieder wagte kaum aufzusehen, aber trotzig schien er nicht,

denn er sagte deutlich: "Es ist mir leid."

"Das muß dir freilich leid sein, Frieder!" sagte der Vater. "Wenn du

bloß im Eifer vergessen hättest, daß du über die Zeit spielst, dann

könnte ich dir das leicht verzeihen, aber wenn du erinnert wirst, daß

du aufhören solltest und magst nicht folgen, wenn du mit aller Absicht

tust, was ich dir schon oft streng verboten habe, dann ist's aus mit

dem Geigenspiel. Was meinst du, wenn ihr Kinder alle nicht folgen

wolltet, wenn jeder täte, was ihm gut dünkt? Das wäre gerade, wie wenn

bei dem Orchester keiner auf den Dirigenten sähe, sondern jeder

spielte, wann und was er wollte. Nein, Frieder, meine Kinder müssen

folgen, mit deinem Violinspiel ist's vorbei, ich will nicht sagen für

immer, aber für Jahr und Tag. Gib sie her!"

Frieder, der die Violine leicht in der Hand gehalten hatte, drückte sie

nun plötzlich an sich, verschränkte beide Arme darüber und wich einen

Schritt vom Vater zurück. Sie waren alle über diesen Widerstand so

bestürzt, daß es fast einstimmig über aller Lippen kam: "Aber Frieder!"

Herr Pfäffling sah mit maßlosem Erstaunen den Kleinen an, der immer der

gutmütigste von allen gewesen war und der jetzt tat, was noch keines

gewagt hatte, sich ihm widersetzte. Einen Moment besann er sich, und

dann, ohne nur dem zurückweichenden nachzugehen, streckte er rasch

seine langen Arme aus, hob den kleinen Burschen samt seiner Violine

hoch in die Luft und rief, indem er ihn so schwebend hielt: "Mit Gewalt

kommst du gegen mich nicht auf, merkst du das?" und ernst fügte er

hinzu, als er ihn wieder auf den Boden setzte: "Nun gib du mir

gutwillig deine Violine, Frieder!" Aber die Arme des Kindes lösten sich

nicht. Von allen Seiten, laut und leise, wurde ihm von den Geschwistern

zugeredet: "Gib sie her!" und als Frau Pfäffling sah, wie er das

Instrument leidenschaftlich an sich preßte, fragte sie schmerzlich:

"Frieder, ist dir deine Violine lieber als Vater und Mutter?" Der

Kleine beharrte in seiner Stellung.

"So behalte du deine Violine," rief nun lebhaft der Vater, "hier hast

du auch den Bogen dazu, du kannst spielen, solang du magst. Aber unser

Kind bist du erst wieder, wenn du sie uns gibst," und indem er die Türe

zum Vorplatz weit aufmachte, rief er laut und drohend: "Geh hinaus, du

fremdes Kind!" Da verließ Frieder das Zimmer.

Draußen stand er regungslos in einer Ecke des Vorplatzes, innen

schluchzten die Schwestern, ergriffen waren alle von dem Vorfall. Herr

Pfäffling ging erregt hin und her und dann hinaus in den Vorplatz, wo

er Walburg mit so lauter Stimme, daß es bis ins Zimmer drang, zurief:

"Das Kind da soll gehalten werden wie ein armes Bettelkind. Es darf

hier außen im Vorplatz bleiben, es kann da auch essen und man kann ihm

nachts ein Kissen hinlegen zum Schlafen. Geben Sie ihm den

Küchenschemel, daß es sich setzen kann. Es dauert mich, weil es keinen

Vater und keine Mutter mehr hat."

Hierauf ging er hinüber in sein Zimmer. Frau Pfäffling zog Elschen an

sich, die sich nicht zu fassen vermochte. "Sei jetzt still, Kind,"

sagte sie, "Frieder wird bald einsehen, daß er folgen muß. Wir lassen

ihn jetzt ganz allein, daß er sich besinnen kann. Er wird dem Vater die

Violine bringen, dann ist alles wieder gut."

Als die Zeit des Nachtessens kam, deckten die Schwestern auch für

Frieder. Sie rechneten alle, daß er kommen würde. Herr Pfäffling, der

zum Essen gerufen war, ging zögernd, langsam an Frieder vorbei, der als

ein jammervolles Häufchen auf dem Schemel saß und die Gelegenheit, die

ihm der Vater geben wollte, vorübergehen ließ. Er kam nicht zu Tisch.

"Tragt ihm zu essen hinaus, soviel er sonst bekommt," sagte Herr

Pfäffling, "der Hunger soll ihn nichts zu uns treiben, die Liebe soll

es tun und das Gewissen."

So aß der Kleine außen im Vorplatz und so oft die Zimmertüre aufging,

kamen ihm Tränen, denn er sah die Seinen um die Lampe am Tisch sitzen

und sein Platz war leer. Aber er hatte ja seine Violine, nach dem Essen

wollte er spielen, immerzu spielen.

Im Zimmer horchten sie plötzlich auf. "Er spielt!" flüsterte eines der

Kinder. Von draußen erklang ein leiser Geigenton. Sie lauschten alle.

Drei Striche—dann verstummte die Musik. Die drei Töne hatten Frieder

wehgetan, er wußte nicht warum. Der kleine Geiger hatte früher noch nie

mit traurigem Herzen nach seinem Instrument gegriffen, darum hatte er

auch keine Ahnung davon, wie schmerzlich die Musik das Menschenherz

bewegen kann.

Nach einer Weile begann er noch einmal zu spielen, aber wieder brach er

mitten darin ab. Denen, die ihm zuhörten, ging es nahe, vor allem den

Schwestern.

"Die Marianne möchte hinaus zu Frieder," sagte die Mutter. Herr

Pfäffling verwehrte es nicht. Sie fanden ihn auf dem Schemel kauernd,

wie er die Geige auf seinen Knieen liegend mit schmerzlichem Blick

ansah. Sie setzten sich zu ihm und flüsterten mit ihm. Eine Weile

später, als Herr Pfäffling in seinem Musikzimmer war, kam ein

sonderbarer Zug zu ihm herein: Voran kam Frieder und trug mit beiden

Händen etwas, das eingehüllt war in Mariannens großen, schwarzgrauen

Schal. Es war fast wie ein kleiner Sarg anzusehen; ernst genug sah auch

der kleine Träger aus, die Schwestern folgten als Trauergeleite.

"Da drinnen ist die Violine," sagte Frieder zu seinem Vater, der

fragend auf die merkwürdige Umhüllung sah. Da nahm ihm Herr Pfäffling

rasch den Pack ab, legte ihn beiseite, ergriff seinen kleinen Jungen,

zog ihn an sich und sagte in warmem Ton: "Nun ist alles gut, Frieder,

und du bist wieder unser Kind!" Und Frieder weinte in des Vaters Armen

seinen Schmerz aus.

Später erst vertrauten die Schwestern dem Vater an: "Solang Frieder

seine Violine gesehen hat, war es ihm zu schwer, sie herzugeben, erst

wie wir sie zugedeckt haben und ganz eingewickelt, hat er sie nimmer

mit so traurigen Augen angesehen!"

Als Frieder längst schlief, sprachen seine Eltern noch über ihn. "Wie

kann man nur so leidenschaftliche Liebe für die Musik haben," sagte

Frau Pfäffling, "mir ist das ganz unverständlich."

"Von dir hat er es wohl auch nicht," entgegnete Herr Pfäffling und

fügte nachdenklich hinzu: "Ganz ohne Musik kann ich ihn nicht lassen,

das wäre, wie wenn ich einem Hungrigen die Speise versagen wollte. Ich

denke, am besten ist, ich lehre ihn Klavierspielen. Danach hat er bis

jetzt kein Verlangen und wird es leichter mit Maßen treiben."

"Ja, und lernen muß er es doch, denn daran wird man kaum zweifeln

können, daß er einmal ein Musiker wird."

Unser Musiklehrer sagte schwermütig: "Es wird wohl so kommen."

12. Kapitel

Ein Haus ohne Mutter.

So ganz allmählich und unmerklich war es gekommen, daß von Frau

Pfäfflings Reise zur Großmutter gesprochen wurde als von einer

ausgemachten Sache, obwohl niemand hätte sagen können, an welchem Tag

sie die Ansicht aufgegeben hatte, daß die Reise ganz unmöglich sei.

Nur "auf alle Fälle" entschloß sie sich zum Einkauf eines

Kleiderstoffs, und als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hörte man

Frau Pfäffling sagen: "Nicht zu lang, damit es nötigenfalls auch als

Reisekleid praktisch ist."

"Auf alle Fälle" nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu

sehen, wie sich die Reise praktisch machen ließe, und was sie gesehen,

trug sie "auf alle Fälle" in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht

reisen, wenn das Reisekleid fertig im Schrank hängt und die besten

Zugverbindungen herausgefunden sind? So war es denn wirklich soweit

gekommen, daß sich Frau Pfäffling anfangs Februar für einen bestimmten

Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte, die mit

herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloß, ob Frau

Pfäffling nicht mit leichterem Herzen reisen würde, wenn sie ihr

Elschen mitnähme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis.

Diese Karte, die Herr Pfäffling im Zimmer vorlas, brachte große

Aufregung in die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefühle

und Meinungen kund, bis der Vater die Türe weit aufmachte und den

ganzen aufgeregten Schwarm hinausscheuchte.

"Du hättest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir

entschlossen sind," sagte Frau Pfäffling.

"Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir

herüberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder."

"Ja, ja," erwiderte Frau Pfäffling lächelnd, "und warten, bis sie in

der Schule sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man

Pfäffling heißt!"

Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die

Kinder zurück. Frau Pfäffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf

sich gerichtet. Sie zog das Kind an sich. "Es kann nicht sein,

Elschen," sagte sie, "und ich will dir auch erklären warum. Bei einer

so weiten Reise ist auch der _halbe_ Fahrpreis schon teuer und selbst,

wenn ihn die gute Großmutter für dich zahlen wollte, könnte ich dich

doch nicht mitnehmen, denn wer sollte denn daheim die Türe aufmachen,

wenn es klingelt, während alle in der Schule sind? Walburg hört das ja

nicht und sie versteht nicht, was die Leute sagen, die kommen. Du mußt

unsere Pförtnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht daheim

wärest, könnte ich gar nicht reisen."

Das kleine Jüngferchen war verständig, es sah ein, daß es zurückbleiben

mußte. Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen,

denn was wußte Elschen von fremden Ländern und Menschen, von Reiselust

und Erlebnissen? Für sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und

Merkwürdiges genug brachte. So kam es zur Verwunderung der großen

Geschwister nicht einmal zu ein paar Tränen bei der kleinen Schwester,

die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie nicht mit hinunter

gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof!

Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfäffling war es

schwer ums Herz. Gut, daß Tag und Stunde längst festgesetzt waren,

sonst hätte sie ihren Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wußte,

wie sehnlich sie erwartet wurde, es gab kein Zurück mehr, es mußte

jetzt sein. Geschäftig ging sie heute, alles voraus bedenkend, hin und

her im Haus. Aber überall, wo sie auch war, in Küche, Keller und

Kammern, folgte ihr Frieder. Er störte sie nicht, wenn sie räumte,

überlegte oder anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein,

nahe, so nahe wie möglich. Sie spürte sein Heimweh. Es war ein langes,

stummes Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem

Augenblick, wo sie oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war.

"Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?"

"Was denn, Kind?"

Es wollte nicht über seine Lippen.

"Was, mein Kind, komm, sage es mir!"

"Daß ich die Violine lieber habe als dich und den Vater."

"Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem

Vater deine Violine gegeben. Ich weiß gut, wie lieb du uns hast. Darum

tut dir ja auch der Abschied weh. Aber es muß doch auch einmal sein,

daß ich zu meinem eigenen Mütterlein wieder gehe, eben weil man seine

Mutter so lieb hat, das verstehst du ja. Und denke nur, das

Freudenfest, wenn wir wieder zusammen kommen! Wie wird das köstlich

werden!"

So tröstete die Mutter den Kleinen und tröstete sich selbst zugleich.

Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein

Wort: "Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig

wegen seiner Violine, darum fällt ihm auch der Abschied besonders

schwer."

"Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es

schon gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige hätte,

neigt den Kopf nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten,

wie wenn er den Bogen führte, und dann hört er die Melodien, das sieht

man ihm gut an. Da tut er mir oft leid."

"Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die

erste Klavierstunde geben, darüber wird er die Violine vergessen. Und

wenn nun der Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am

Kasernenhof turnen könnt, dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm

Lust. Und noch etwas: ich meine, deine Mathematikstunden mit Wilhelm

werden nimmer regelmäßig eingehalten."

"O doch, Mutter."

"Oder sie sind so kurz, daß man nicht viel davon bemerkt?"

"Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewöhnlich nicht."

"Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fünfzehn Minuten; das ist

aber nicht genug, ihr müßt eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm

wieder eine so schlechte Note bekäme!"

"Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf

verlassen!"

Bald nachher rief Frau Pfäffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in

die Holzkammer.

"Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr," sagte sie,

"daran dürft ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg

muß in dieser Zeit alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch für Holz

und Kohlen sorgen."

Und nun ging's an die Mädchen. "Marianne, ihr müßt Walburg soviel wie

möglich alle Gänge abnehmen, solange ich fort bin."

"Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!"

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 12 / 16 段