zu setzen als die eines müden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr
einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, daß der
Wagenschlag für sie aufgerissen wurde wie für ein kleines Dämchen und
sie selbst sorgsam hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt
nicht ausgleite. Nun fuhren sie durch die schön beleuchteten Straßen,
dann durch die stillen Gassen der Vorstadt und endlich bogen sie in die
Frühlingsstraße ein. "Wenn der Vater nicht daheim ist, müssen alle
auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl und Otto, Marianne und
Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muß das Billet zu
rechter Zeit bekommen!"
In der Frühlingsstraße war abends kein großer Wagenverkehr, und Frau
Pfäffling, die bei den Kindern am Tisch saß, horchte auf und sagte:
"Sie kommen!" Herr Pfäffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin
und her wandelte, seine Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch
den Gedanken gestört wurde, wie viel schöner es wäre, heute abend
Musik, Musik erster Klasse, zu hören, als über Musik zu lesen, Herr
Pfäffling hörte auch das Geräusch des Wagens: "Das können die Kinder
sein, ob _sie_ wenigstens etwas gehört haben in der Künstlerfamilie,
singen, Klavier oder Violine?" Das mußte er doch gleich fragen, also:
die Treppe hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem Mann:
"Es hält eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die
Zeit kommt ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfäffling
stand inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte
fragen, aber so flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den
eifrigen Ausrufen seiner Kinder: "Wie gut, daß du zu Hause bist, Vater,
wir haben dir ja ein Billet, ein Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt
vom Künstler selbst!" Und wenn nun auch Herr Pfäffling nicht den
Freudensprung machte, den der kleine Edmund von ihm erwartet hätte,
enttäuscht wäre dieser doch nicht gewesen, denn dieser fröhliche Ausruf
der Überraschung, dieses stürmische Stufenüberspringen, um möglichst
schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Cäcilie!" der
durch die ganze Wohnung klang, war auch ergötzlich und herzerfreuend.
Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es
diesmal überlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag
herauskam. Frau Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht
überrannt zu werden, wollte eben die Haustüre zumachen, als sie die
Kleine, mit dem Spielzeug beladen, nachkommen sah. "Da hat es wieder so
pressiert," sagte sie vor sich hin, "daß sich keines die Zeit genommen
hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm die Hand und schloß
für sie die Haustüre, während oben schon die Tritte der Hinauseilenden
verhallten. Elschen fand es ganz natürlich, daß man sich nicht um sie
gekümmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude,
der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich grüßte sie die Hausfrau und
sagte, auf der Treppe zurückblickend: "Jetzt weiß ich es, Hausfrau, wie
du das machen mußt, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont
wird, du mußt nur dicke, dicke Teppiche legen; so ist es im
Zentralhotel und es sieht auch viel schöner aus als das Holz da!"
"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken
Teppiche, damit ich sie legen kann."
Bei Pfäfflings war große Bewegung, die Freude über das Konzertbillet
hatte sich allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten über die
Erlebnisse im Zentralhotel überstürzten sich, zugleich wurden die
Vorbereitungen für das Abendessen beschleunigt, damit Herr Pfäffling
und Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des Konzertes kommen konnten. Frau
Pfäffling hörte mit besonderer Teilnahme und auch mit Besorgnis von dem
kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl fühlt," sagte sie zu
Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit Spässen bei guter
Laune erhalten können!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und war zu
vergnügt über die Freikarte, als daß er von dem heutigen Abend irgend
etwas anderes als Erfreuliches hätte erwarten können. Er strahlte mit
dem ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinüber, der
ebenso strahlte, während sie beide das rasch erschienene Abendessen
verzehrten und sich dann unter allgemeiner Teilnahme und
Hilfsbereitschaft der Familie für das Konzert richteten. "Wenn der
Kleine aufgeregt wird oder nicht mehr spielen will," sagte Frau
Pfäffling zu Wilhelm, "so laß ihn sich zu dir setzen und erzähle ihm
allerlei, etwa von Frieders Harmonika und Geige oder von unserem
Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn du ihn immer zum Lachen
bringen willst. Weißt du, wenn man unwohl ist, mag man gar nicht
lachen, aber über dem Erzählen vergessen die Kinder ihre kleinen
Leiden." Da mischte sich Elschen ein: "Er ist ja gar nicht krank, er
hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und gelacht," sagte Wilhelm, "und
unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los mit ihm."
So gingen Vater und Sohn fröhlich und guter Dinge miteinander nach der
Musikschule und trennten sich, Herr Pfäffling, um seinen Platz in dem
schon dicht gefüllten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters
Billet nachträglich zu verdienen.
Er fand das Künstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn
begrüßten hier die Künstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Sängerin
allerlei Aufmerksamkeiten und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand
in schneeweißem Anzug da und lehnte das Lockenköpfchen an seine Mutter,
die in ihrem duftigen Seidenkleid reizend anzusehen war. "Sieh, da
kommt dein kleiner Freund," sagte Edmunds Vater, der Wilhelms
bescheidenes Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja keine
Purzelbäume," entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen.
"Das wäre hier wohl auch nicht gut möglich," sagte der Vater. Im
Hintergrund des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben
hielt sich das Fräulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt
hatte. Zu ihr ging er hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel
für Edmund mitgebracht, soll ich ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?"
"Später, wenn wir allein sind und Edmund schwierig wird," sagte das
Fräulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar Augenblicke später
kam geschäftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es Zeit, Herr
Weismann?" frug ihn der Künstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die
anwesenden Herrn verließen nun rasch das Künstlerzimmer, um sich an
ihre Plätze im Saal zu begeben, das Fräulein strich noch die Falten am
Kleide der Sängerin glatt, der Vater löste mit einer gewissen Strenge
die Hand des Kindes aus der der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu
Wilhelm," die Mutter drückte rasch noch einen Kuß auf die Stirn des
Kleinen, der sie betrübt, aber doch ohne Widerspruch losließ. Dann
öffnete Weismann eine Seitentüre, von der aus ein paar Stufen nach dem
erhöhten Teil des Saals führten, auf dem nun das Künstlerpaar auftreten
sollte. Wilhelm konnte von dem tieferliegenden Künstlerzimmer aus nicht
hinaufsehen, aber er hörte das mächtige Beifallklatschen, mit dem das
junge Paar empfangen wurde, dann schloß Weismann hinter ihnen die Türe
und von den wunderbaren Tönen, die nun im Saal die Menschenmenge
entzückten, drangen nur einzelne Klänge herunter in das Nebenzimmer.
Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms
hat unser kleiner Künstler," sagte er, und auf die bereit gelegte
Violine deutend, fragte er: "Ist dein Instrument schön im Stande?"
Edmund antwortete nicht.
"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fräulein, "sein Vater hat
vorhin darnach gesehen."
"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du
stehen sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weißt doch noch,
nicht ganz dicht am Flügel?" Es erfolgte wieder keine Antwort.
"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fräulein, "wenn
dich Papa so sähe!" Da ließ der Kleine den Kopf hängen und fing au zu
weinen. Erschrocken zog ihn das Fräulein an sich. "Sei nur zufrieden,
Kind," tröstete sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall
klatschen, wenn du mit verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die
Tränen, Weismann hielt es für klüger, sich zurück zu ziehen, Wilhelm
ließ den Kreisel tanzen; halb widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte
er selbst die Kunst, die seinen geschickten Fingerchen bald gelang. Er
vertiefte sich in das Spiel. Plötzlich horchte er auf. Ein
Beifallssturm dröhnte aus dem Saal.
"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Türe. "Nein, sie muß
noch einmal wiederholen," fügte er nach einer Weile gespannten Horchens
hinzu und kehrte wieder an sein Spiel zurück. "Bei mir ist das auch
manchmal so, ich mag nicht gern wiederholen, aber man muß."
"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm,
"so etwas habe ich noch gar nicht gehört."
"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es
nachher schon hören," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem
Kreisel, und als nun die Sängerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl
geleitet, und dann von Weismann empfangen, wieder in das Künstlerzimmer
zurückkam, rief er ihr fröhlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?"
Die Mutter beugte sich zu ihm und sagte: "Gottlob, daß er vergnügt
ist!" und ein dankbarer Blick fiel auf Wilhelm.
Im Saal erklang der Konzertflügel.
"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an
das Fräulein wendend, fügte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist,
wenn das Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Früher war es mir
bange, wenn ich vorsingen mußte, aber seitdem das Kind öffentlich
spielt, hat diese große Angst jede andere vertrieben. Wir hätten es nie
anfangen sollen." Tröstend sprach das junge Mädchen der Mutter zu: "So
sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn alle Welt begeistert ist
von dem Kleinen, sind Sie doch glücklich und stolz, mehr als über Ihre
eigenen Erfolge. Er ist nun schon fünfmal aufgetreten und hat seine
Sache immer gut gemacht."
"Aber heute wird es anders werden," flüsterte die Mutter, "hat er nicht
auch trübe Augen? Edmund, gib mir deine Hände. Sie sind heiß, fühlen
Sie, Fräulein!"
"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Hände jetzt ruhen
lassen."
"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Hände dürfen
nicht müde sein vor dem Violinspiel."
Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschäftigung zu wissen.
Eine gelernte Kindergärtnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber
ihm war, als verlöre sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem
Augenblick an, wo er aufhören würde, den Jungen zu unterhalten. Also
_mußten_ ihm Gedanken kommen, Einfälle, um die Zeit zu vertreiben, und
sie kamen auch, und als der Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in
der Hand, unter lebhaftem Beifall den Saal verlassen hatte, fand er
Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit der Violine zu folgen.
"Nun wirst du hören, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama,"
sagte er munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr
war es seine Mutter. Sie flüsterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch
den Türspalt, wie er seine Sache macht!"
Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Künstlern, sah, wie
der Kleine, der mit freundlichem Beifall begrüßt worden war, in
kindlicher Weise den Gruß erwiderte und, von seinem Vater auf dem
Klavier begleitet, das Spiel begann. Wilhelm wurde durch den kleinen
Violinspieler an Frieder erinnert und deshalb kam ihm diese Leistung
nicht so wunderbar vor wie den Zuhörern im Saal. Mit denselben
träumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt, hatte
Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige.
Freilich war Frieder erst ein Anfänger auf diesem Instrument und dieser
Kleine war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die
Violine war ja klein und der Spieler hatte nicht den kräftigen Strich
eines Mannes. Aber reine, zarte, tief empfundene Töne wußte er zu
wecken und eine staunenswerte Gewandtheit zeigten die kleinen Hände.
Unter den Zuhörerinnen war manche zu Tränen gerührt, und als der letzte
Ton sanft verklungen war, rauschte ein Beifallssturm durch den Saal,
Blumen flogen, und eine junge Dame trat auf das Podium, um dem kleinen
Künstler ein Füllhorn zu überreichen, das auf sein kindliches Alter
berechnet war, denn während es nur mit Rosen gefüllt schien, waren
unter den Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe,
die Schätze zu sammeln. Man hörte die helle Kinderstimme ein
schlichtes, freundliches "Danke!" rufen.
In das Künstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu
gratulieren, und es kam so, wie das junge Mädchen voraus gesagt hatte:
die Mutter war über die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg
glücklicher, als über den eigenen; auch war es ihr nun leichter um das
Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal vorzuspielen, freilich ein
schwieriges und längeres Musikstück und ganz ohne Begleitung, aber sie
war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die begeisterten
Schilderungen einiger Freunde, die in das Künstlerzimmer eindrangen und
von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Fröhlich und siegesgewiß
trat das Künstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein zurück
bei dem Fräulein und dem treuen Kameraden.
Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine
weinerliche Stimmung und war nicht mehr heraus zu reißen, Wilhelm
mochte sich buchstäblich auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da
dachte er an seiner Mutter Rat, setzte sich neben den Kleinen und fing
an, ihm zu erzählen. Der lehnte sich an das Fräulein, und es dauerte
gar nicht lange, so fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Sie
ließen ihn ruhen, aber gegen den Schluß des Konzertabends, während sein
Vater allein spielte und schon am Ende des Stückes war, auf das Edmunds
Auftreten folgen sollte, mußte er doch geweckt werden. Die Mutter tat
es mit schwerem Herzen und unter zärtlichen Liebkosungen. Es kam ihr
grausam vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, daß sie
das Kind vorspielen lasse. Sie bemühten sich zu dritt um das Kind,
boten ihm Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien,
wohl aus dem Schlaf gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu
bestimmen vermocht, daß er noch einmal vorspiele.
Draußen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige
Erwartung des kleinen Künstlers, auf dessen Wiedererscheinen die große
Menge sich mehr freute als über die großartigen Kompositionen, die der
Vater ihr soeben vorgetragen hatte. Innen, im Künstlerzimmer, herrschte
Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf.
"Laß nun einmal die zärtlichen Worte," sagte der Künstler zu seiner
Frau, "sie helfen nichts mehr, wie du siehst; laß mich allein mit
Edmund reden." Er führte das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng
in die Augen.
"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und möchtest lieber zu
Bette gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe
doch dabei ein ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du mußt nur
ein einziges Stück spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht:
Die vielen Menschen haben die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen
dafür Musik versprochen und muß mein Versprechen halten. Du mußt das
deinige auch halten, dann erst darfst du dich zu Bette legen. Aber
eines will ich für dich tun, wenn du mir versprichst, daß du dich
tapfer hältst, ich will dir erlauben, daß du anstatt des schwierigen
Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die du so
gut kannst. Ich will es den Zuhörern sagen; wenn du das Stück recht
schön vorträgst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer
Viertelstunde ist es überstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann
verzeihen sie es dir, daß du so ein kurzes Stück spielst." Und er nahm
das Kind fest an der Hand, machte der Mutter, die sich von ihm
verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab dem Kleinen die
Violine, die er folgsam nahm und führte ihn die Stufen hinauf. "Vater,"
fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden,
auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um."
"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt
der Vater.
Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das
Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte
sich der Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des
Künstlers zugute zu halten, daß er sein Programm nicht einhält. Er
möchte Ihnen lieber eine Romanze von Beethoven als das Konzert von
Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches Klatschen bezeugte die
Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wußten, daß ihnen damit die
Freude verkürzt wurde. "Nun mach es um so besser," flüsterte der Vater
noch seinem Kind zu und stellte sich so, daß sie einander im Auge
behielten. Ihm war es, als müßte er unablässig durch seinen Blick die
Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten.
"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhörer, aber die
meisten hatten keinen Blick für den Vater, sie waren wieder hingerissen
von dem Knaben und seinem einschmeichelnden Spiel.
Es ging vorüber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit
erschienen, und diesmal kamen Beide wie träumend zurück zu der Mutter,
die den Kleinen in zärtlichen Armen empfing.
"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett,"
sagte der Vater zu dem Fräulein, "Wilhelm begleitet Sie hinüber zum
Droschkenplatz, nicht wahr?"
Am Schluß des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhörer
vor dem Künstlerzimmer, sie hofften, auch das Künstlerkind noch einmal
zu sehen. Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom
Zentralhotel sorgsam hatte erwärmen lassen.
Am nächsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des
Konzerts, und am übernächsten folgte eine Notiz: der kleine
Geigenspieler sei an den Masern erkrankt.
Acht Tage später lag auch seine kleine Tänzerin Elschen masernkrank
darnieder, und wenn Frau Pfäffling an ihrem Bettchen saß, dachte sie
manchmal mit Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon öffentlich
auftreten mußte, ehe es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte.
Über diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen.
11. Kapitel
Geld- und Geigennot.
Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte
täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß
des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden
beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische
Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte
sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder
aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr
Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn
Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit
Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach
Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.
Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar
zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich
handelte und sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle
geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig
jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so
werden auch sie ihn kennen gelernt haben."
"Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt,
seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie
das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne
Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern
würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es
von Berlin aus geschehen werde?"
"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab,
ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas
anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die
Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das
Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus
allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die
Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es
scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas
reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt
übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die
Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die
Eltern schon über der russischen Grenze wären. Es ist gut, daß Sie
nicht noch ein paar Tage gezögert haben, diese Woche ist die Familie
noch beisammen in Berlin. Ich habe die Adresse des Hotels und ich will
sie Ihnen auch mitteilen, Herr Pfäffling. Wenn ich Ihnen raten darf,
schreiben Sie unverzüglich. Sie brauchen ja durchaus keinen Verdacht
gegen die jungen Herrn auszusprechen, es genügt, wenn Sie den Hergang
erzählen, der General ergänzt sich das übrige und so wie ich ihn kenne,
wird er Ihnen sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und
alles ist gut."
In voller Entrüstung erzählte unser Musiklehrer daheim von dem
offenbaren Betrug seiner jungen Schüler. "Es ist ein Glück," sagte er
dann, "daß mein Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich
schreibe gleich. Wir brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und
Nötigerem als diese leichtsinnigen Burschen."
Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfäffling in ganz veränderter
Stimmung, langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurück. "Cäcilie,"
sagte er, "was meinst du zu der Sache? Meine Feder sträubt sich
ordentlich gegen das, was sie schreiben soll. Was hilft es, wenn ich
auch nicht den geringsten Verdacht ausspreche, meine Mitteilung bringt
doch dem General die Nachricht von der verbrecherischen Handlung seiner
Söhne. Daß er ihnen so etwas nie zugetraut hätte, sieht man ja, er
hätte ihnen sonst das Geld nicht übergeben. Nun soll er das erfahren
müssen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die
ehrlose Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen können.
Sich so von seinen Kindern trennen müssen, das ist ein namenloser
Schmerz für Eltern. Soll ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert
Mark zu retten, was sagst du, Cäcilie?"
"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, daß du es über
dich bringst," entgegnete Frau Pfäffling.
"Und du? Würdest du es über dich bringen? Würdest du schreiben, trotz
all dem Leid, was daraus entstehen muß?"
"Ich würde vielleicht denken, früher oder später werden die Eltern doch
erfahren, wie ihre Söhne sind, und für die Jungen selbst wäre es
heilsam, wenn der Betrug nicht ohne Strafe für sie hinginge. Überdies
ist ja immerhin die Möglichkeit, daß wir einen falschen Verdacht haben
und das Geld vergessen oder verloren wurde, obwohl ich mir dann die
unwahre Aussage der Söhne über die verschobene Abreise nicht erklären
könnte. Die hundert Mark sind uns auch gar so nötig."
"Also du würdest schreiben, Cäcilie?"
Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiß nicht, ich
würde meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfäffling noch eine
Weile überlegend auf und ab. Die Augen seiner großen Kinder folgten ihm
mit Spannung. Sie waren alle empört über den Betrug, der an ihrem Vater
begangen war, hatten alle den Wunsch, der Vater möchte schreiben. Aber
sie wagten nicht, darein zu reden. Nun machte der Vater halt, blieb vor
der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert Mark lassen sich
verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen das
kleinere Übel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem
Wort: Den Nächsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den
russischen General ungeschrieben.