Im Zentralhotel waren Zimmer bestellt für die Künstlerfamilie und ihre

Begleitung. Herr Pfäffling wußte das nicht, als er dem Hotel zuging, um

seine letzte Stunde bei der russischen Familie zu geben. Noch einmal

musizierten sie zusammen, weit über die festgesetzte Zeit hinaus, dann

nahm Herr Pfäffling Abschied. Der General und seine Gemahlin schienen

ihm ernst und traurig. Schwer lag auf ihnen der Gedanke, sich von den

Söhnen trennen zu sollen. Auf der Durchreise wollten sie die beiden

jungen Leute in Berlin zurücklassen. Schwer bedrückte sie auch der

jammervolle Zustand des Vaterlandes, in das sie zurückkehren mußten.

Unordnung herrschte im ganzen russischen Reich.

Bei diesem letzten Zusammensein schwand jede Schranke, welche durch den

großen Abstand der äußeren Stellung und Lebensverhältnisse zwischen den

beiden Männern etwa noch bestanden hatte; in offener Mitteilsamkeit und

warmer Teilnahme fanden und trennten sie sich.

"Unsere Söhne werden morgen noch zu Ihnen kommen," sagte der General,

"um sich bei Ihnen zu verabschieden und auch unseren Dank zu

überbringen. Übermorgen werden wir reisen. Das Konzert wollen wir noch

anhören, vielleicht sehen wir uns im Saal!"

Vom General und seiner Gemahlin freundlich bis zur Treppe geleitet,

verabschiedete sich Herr Pfäffling. Auf der Treppe mußte er Platz

machen. Ein prächtiger Blumenkorb wurde eben herauf getragen. Er war

für das Empfangszimmer des Künstlerpaares bestimmt. Eine gewisse Unruhe

und Erregung herrschte in dem ganzen Hotel. Um so mehr war Herr

Pfäffling verwundert, als ihn der Hotelbesitzer auf der Treppe einholte

und ruhig anredete. "Haben Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit

mir hier herein zu kommen?" fragte er, die Türe eines Zimmers

aufmachend. "Ich wohl," sagte Herr Pfäffling, "aber Sie sind heute

wieder vollauf in Anspruch genommen?"

"Allerdings, und man sollte meinen, ich hätte keinen anderen Gedanken

als meine Gäste, aber auch uns Geschäftsleuten steht das eigene Fleisch

und Blut doch am nächsten. Mir klingt heute in aller Unruhe immer nach,

was mir mein Sohn diesen Morgen geschrieben hat. Sie wissen es

vielleicht, daß er seit Weihnachten bei meiner verheirateten Schwester

ist. Sie, Herr Pfäffling, haben mir ja damals, als ich blind war, den

Star gestochen. Es war eine schmerzhafte, aber erfolgreiche Operation."

"Wenn sie erfolgreich war, so freut mich das herzlich, denn ich bin mir

sehr bewußt, daß ich sie mit plumper, ungeschickter Hand vorgenommen

habe. Was schreibt Ihr Sohn?"

"Anfangs wollte er sich nicht recht in das einfache Familienleben

finden, aber nun sollten Sie hören, wie er begeistert schreibt über

seine Tante, obwohl diese ihn fest führt, wie wichtig es ihm ist, ob er

ihr zum Quartalsabschluß ein gutes Zeugnis bringen wird und wiederum,

wie vergnügt er die Schlittenfahrten, die Spiele mit den Kindern

schildert." Herr Meier warf einen Blick in den Brief, den er ans seiner

Tasche zog, und schien Lust zu haben, ihn vorzulesen, aber er steckte

ihn rasch wieder ein, da ein Bursche eintrat und ihm eine ganze Anzahl

Telegramme überreichte, die eben eingetroffen waren.

"Ich will Sie nicht länger aufhalten," sagte Herr Pfäffling. "Ihre

Telegramme beunruhigen mich, auch höre ich unten immerfort das

Telephon."

"Für dieses sorgt der Portier, und die Telegramme enthalten vermutlich

alle nur Zimmerbestellungen. Viele Fremde möchten da absteigen, wo sie

wissen, daß die Künstler ihr Absteigequartier genommen haben, besonders

auch die Berichterstatter für die Zeitungen, diese hoffen im gleichen

Hause etwas mehr zu hören und zu sehen von den Künstlern, als was sich

im Konzertsaal abspielt."

Herr Meier hatte einen Blick in die Telegramme getan: "Nur

Zimmerbestellungen," sagte er, "es ist aber schon alles bei mir besetzt

oder vorausbestellt. Ich muß für Aufnahme in anderen Häusern sorgen.

Mir ist es lieb, zu denken, daß Rudolf fern von dem allem an seiner

Arbeit oder auch beim Kinderspiel sitzt. Ich werde Ihnen immer dankbar

sein für Ihren Rat, Herr Pfäffling."

Die beiden Männer trennten sich und als Herr Pfäffling das Zentralhotel

verließ, dessen schöne Freitreppe er nun vielleicht zum letztenmal

überschritten hatte, wandte er sich unwillkürlich und warf noch einmal

einen Blick auf diesen Ort des Luxus und des Wohllebens zurück. Wie

wenig Unterschied war doch im Grund bei aller äußeren Verschiedenheit

zwischen dem, was hier und was im einfachen Hause die Herzen bewegte.

Der russische General, der reiche Geschäftsmann und er, der schlichte

Musiklehrer, schließlich hatten sie alle das gleiche Herzensanliegen.

Geld und Gut allein befriedigte keinen, um ihre _Kinder_ sorgten sie

sich, tüchtige Söhne wollten sie alle, und das konnte ein armer

Musiklehrer so gut oder leichter haben als die Reichen.

Am folgenden Morgen erschienen die beiden jungen Russen in der

Frühlingsstraße, um ihren Abschiedsbesuch zu machen. Herr Pfäffling war

in der Musikschule, seine Frau empfing mit Freundlichkeit diese beiden

Schüler, die ihrem Lehrer seine Aufgabe immer leicht gemacht hatten.

Die jungen Leute drückten sich nun schon gewandt in der deutschen

Sprache aus, baten Frau Pfäffling, ihren Dank zu vermitteln und teilten

ihr mit, daß die Eltern ihre Abreise noch um einige Tage verschoben

hätten, selbst noch einen Gruß schreiben und diesem das Honorar für die

Stunden beilegen wollten.

Unser Musiklehrer hätte sie noch in der Frühlingsstraße treffen müssen,

wenn er zur gewohnten Zeit heim gekommen wäre. Aber es hatte heute in

der Musikschule nach Schluß des Unterrichts eine sehr erregte

Besprechung zwischen den Lehrern der Anstalt gegeben, und Herr

Pfäffling kam später als sonst und nicht mit seiner gewohnten

fröhlichen Miene heim. Heute war er nicht, wie gestern, der Ansicht,

daß reich oder arm nicht viel zum Glück des Menschen ausmache! Der

Direktor hatte mitgeteilt, daß zu dem abendlichen Konzert nur eine

einzige Freikarte, auf seinen Namen lautend, für die Lehrer der

Musikschule abgegeben worden sei. Darüber herrschte große Entrüstung

unter den Kollegen. Manche konnten sich ja auf eigene Kosten noch

Plätze verschaffen, für Herrn Pfäffling war solch eine Ausgabe

ausgeschlossen. Seine Frau machte einen schwachen Versuch, ihn doch

dazu zu überreden. "Nein," sagte er, "ich säße nur mit schlechtem

Gewissen in dem Saal, habe ich doch noch nicht einmal die 60 Mark

beisammen für den Arzt! Wenn die Russen heute das Geld geschickt

hätten, das hätte mich vielleicht verführt. Die Leute sind auch so

gedankenlos, sie tun, wie wenn unser einem das ganz gleich wäre, ob man

auf das Stundenhonorar wochenlang warten muß oder nicht! Und die

Künstler! Wie leicht hätten sie noch eine Freikarte mehr schicken

können! Weißt du, daß Fräulein Vernagelding mit ihrer Mutter in das

Konzert gehen wird? Ich habe bisher nicht gedacht, daß ich neidisch

bin, aber: ich glaube wirklich, in diesem Fall bin ich es! Denke dir,

das junge Gänschen, das nicht hört, was recht und was falsch klingt,

soll diesen Kunstgenuß haben, und unsereines bleibt ausgeschlossen. Und

warum geht sie hin? Weil Mama sagt: Bei solch hohem Eintrittspreis sei

man sicher, nur die vornehmste Gesellschaft zu treffen! Und da soll man

nicht bitter werden!"

"Bitter?" wiederholte Frau Pfäffling, "du und bitter? Das ist gar nicht

zusammen zu denken."

Sie waren allein miteinander im Musikzimmer.

Frau Pfäffling sprach noch manches gute, beruhigende Wort, so lange bis

Elschen als schüchterner Bote eintrat und fragte, wann denn heute zu

Mittag gegessen würde? Mit dem schlechten Gewissen einer säumigen

Hausfrau folgte die Mutter augenblicklich der Mahnung. Herr Pfäffling

sah ihr nach; von Erbitterung war nichts mehr auf seinen Zügen zu

lesen, aber er sagte vor sich hin: "Das gibt eine öde Zeit, wenn sie

für vier Wochen verreist, ich wollte, es wäre schon überstanden."

Im Zentralhotel herrschte an diesem Tag Leben und Bewegung. Alle Zimmer

waren besetzt, Kunstverständige waren von nah und fern herbei geeilt,

alte Bekannte, neue Größen suchten das Künstlerpaar auf und das

Künstlerkind wurde liebkost, mit Bonbons überschüttet, aber dennoch

langweilte es sich heute und war verstimmt. Dem Fräulein, das für den

kleinen Künstler zu sorgen hatte und ihn an Konzerttagen bei guter

Laune erhalten sollte, wollte es heute nicht gelingen.

Am Nachmittag ließ die junge Mutter Herrn Meier zu sich bitten. Viele

Fremde der Stadt hätten ihn wohl beneidet um diese Audienz bei der

Künstlerin, um die Gelegenheit, die auch beim Sprechen so liebliche

Stimme der Sängerin zu hören und ihre anmutige Erscheinung zu sehen.

"Ich bin in Verzweiflung," sagte sie, "unser Edmund ist heute gar nicht

in Stimmung, und es wird mir so bang vor dem Abend. Denken Sie nur,

wenn das Kind sich weigern sollte, zu spielen, wenn es versagen würde

in dem Augenblick, wo alle auf ihn blicken? Er war noch nie so

verstimmt, sein Fräulein ist selbst ganz nervös von der Anstrengung,

ihn aufzuheitern. Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie mir ein paar

muntere Kinder verschaffen, Knaben oder Mädchen, die mit ihm spielen

und ihn zerstreuen, bis es Zeit wird, ihn anzukleiden. Bitte, bitte,

sorgen Sie mir dafür, nicht wahr, und so bald wie möglich. Auch etwas

Spielzeug wird zu bekommen sein, aber vor allem lustige Kameraden!"

"Ich werde dafür sorgen, gnädige Frau," versicherte Herr Meier, und

verließ das Zimmer. Die Wünsche der Gäste mußten befriedigt werden, das

stand ein für allemale fest bei dem Besitzer des Zentralhotels. Also

auch dieser Wunsch. "Wo bringe ich schnell muntere Kinder her?" fragte

er sich und dachte an seinen Sohn Rudolf. In solchen Fällen hatte

dieser ihm oft Rat gewußt, er kannte so viele Menschen. Ja, manchmal

war Rudolf doch tatsächlich nützlich gewesen. Bei diesem Gedankengang

sah Herr Meier wieder den Musiklehrer vor sich, und nun kam ihm in

Erinnerung: Dieser Mann sollte ja Kinder haben in jedem Alter und

munter, lebhaft, temperamentvoll mußten die Kinder _dieses_ Mannes

sicherlich sein. Er ging zum Portier: "Schicken Sie sofort eine

Droschke zu Musiklehrer Pfäffling in die Frühlingsstraße. Lassen Sie

ausrichten, der kleine Künstler habe Langeweile und ich ließe Herrn

Pfäffling freundlich bitten, mir sofort zwei oder drei seiner Kinder,

Knaben oder Mädchen, zur Unterhaltung des Jungen zu schicken. Auch

Spielzeug dazu, aber rasch!"

So fuhr denn mitten am Nachmittag ein Wagen in der Frühlingsstraße vor,

und der Kutscher richtete aus: "Herr Meier vom Zentralhotel lasse

bitten um zwei bis drei Stück Kinder, Buben oder Mädel, das sei egal,

sie sollten dem kleinen Künstler die Zeit vertreiben, weil er gar so

zuwider sei."

Diese Einladung erregte Heiterkeit bei den Eltern Pfäffling, und sie

waren gleich bereit, die Bitte zu erfüllen. Wer paßte am besten dazu?

Marianne war nicht zu Hause, Karl schon zu erwachsen, so konnten nur

Wilhelm und Otto, Frieder und Elschen in Betracht kommen. Otto

erklärte, er geniere sich. Wilhelm konnte das nicht begreifen. "Wie

kann man sich genieren, wenn man mit einem kleinen Buben spielen soll?

Dem wollte ich Purzelbäume vormachen und Spaß mit ihm treiben, daß er

kreuzfidel würde!"

"Gut," sagte Herr Pfäffling, "wenn es dir so leicht erscheint, wirst du

es auch zustande bringen. Und Frieder?"

"Der ist zu still," sagte die Mutter, "eher würde ich zu Elschen raten.

Wo ist sie denn? Ein Künstlerkind hat vielleicht Freude an dem

niedlichen Gestältchen."

"Meinst du?" sagte Herr Pfäffling zweifelnd, "ist sie nicht zu

schüchtern? Wir wollen sie fragen."

Sie suchten nach dem Kind. Elschen stand allein im kalten Schlafzimmer,

hatte in ihr eigenes Bett die Puppe gelegt, und als nun die Eltern und

Brüder unvermutet herein kamen, hob sie abwehrend die Hand und sagte

bittend: "Leise, leise, mein Kind ist krank!" Sie war herzig anzusehen.

Frau Pfäffling beugte sich zu ihr und sagte: "Ein wirkliches,

lebendiges Kind verlangt jetzt nach dir, Elschen. Der kleine

Violinspieler, von dem wir dir erzählt haben, ist so traurig, weil er

kein Kind in der Stadt kennt. Willst du zu ihm und mit ihm spielen?"

"Freilich," sagte Elschen mitleidig, "mein Kind schläft jetzt, da kann

ich schon fort."

Schnell waren die beiden Geschwister gerichtet, auch einiges Spielzeug

herbeigesucht und nun fuhren sie in der geschlossenen Droschke durch

die ganze Stadt, voll Freude über das unverhoffte Vergnügen.

Der Hotelbesitzer trat selbst herzu, als der Wagen vorfuhr, etwas

bange, ob entsprechendes herauskommen würde. Er öffnete den Schlag. Der

Anblick von Elschens lieblichem kleinem Persönchen erfreute ihn.

Behutsam hob er sie aus dem Wagen, stellte sie auf die Freitreppe und

sagte sich: "Das entspricht, wird sicherlich Beifall finden."

Inzwischen war Wilhelm mit Behendigkeit aus der Droschke gesprungen,

hatte das Spielzeug zusammen gerafft und war schon unter der großen

Haustüre. Lächelnd sah ihn Herr Meier an. "Ganz wie sein Vater,

langbeinig, hager und flink," dachte er und sagte befriedigt: "Nun

kommt mir, Kinder, ich will euch selbst einführen. Edmund heißt der

Kleine. Er ist ein wenig müde von der Reise, aber wenn ihr mit ihm

spielt, wird er schon lustig. Vom Konzert und von Musik müßt ihr nicht

mit ihm reden, das mag er nicht, er will nur spielen, er ist ganz wie

andere Kinder auch."

Oben am Zimmer angekommen, klopften sie an und horchten auf das

"Herein", statt dessen hörten sie die Stimme eines Fräuleins. "Aber

Edmund, wer wird denn die Fensterscheiben ablecken?" "Was soll ich denn

sonst tun?" hörte man eine weinerliche Kinderstimme entgegnen. Da

lachte Wilhelm und sagte zu seinem Begleiter: "Der muß freilich arg

Langeweile haben! Ich will lieber gleich mit einem Purzelbaum herein

kommen." Herr Meier wußte nicht recht, ob er das gut heißen sollte,

aber er hatte inzwischen noch einmal angeklopft, das "herein" war

erfolgt und durch die geöffnete Türe kam Wilhelm auf dem Kopf herein

und einen Purzelbaum nach dem andern schlagend, auf weichen Teppichen,

die dazu sehr einladend waren, bis zu dem Kleinen am Fenster, der nun

laut auflachte und sagte: "Wie macht man denn das?"

Das Fräulein atmete erleichtert auf bei dieser willkommenen Ablösung in

ihrer Aufgabe, das Kind zu unterhalten. Die Sängerin, die aus dem

nebenan liegenden Zimmer unter die Türe getreten war, lächelte

freundlich und dankbar Herrn Meier zu, der sich sofort befriedigt

entfernte, und kam Elschen entgegen, die auf sie zuging. Das Kind hatte

ein Gefühl dafür, daß die Art, wie ihr Bruder sich einführte,

ungewöhnlich und vielleicht nicht passend war, und in der mütterlichen

Art, die sie von ihrer älteren Schwester überkommen hatte, sagte sie zu

der jungen Frau: "Wilhelm kommt gewöhnlich nicht mit Purzelbäumen

herein, bloß heute, weil er lustig sein will."

"Ein süßes Kind," sagte die junge Mutter zu dem Fräulein. "nun ist

Edmund versorgt und wir können ein wenig ausruhen. Lassen Sie die

Kinder nur ganz gewähren, solange sie nicht gar zu wild werden." Das

Fräulein schien dieser Aufforderung sehr gern nachzukommen, zog sich

mit einem Buch zurück und die Kinder blieben sich selbst überlassen.

Die Freundschaft war bald geschlossen. Der kleine Künstler hatte etwas

sehr Gewinnendes in seinem Wesen und ein anmutiges Äußeres. Weiche,

blonde Locken umgaben das feine Gesicht, alles an ihm war schön und

wohlgepflegt. Das ansprechendste waren seine großen, tiefblauen Augen,

die mit ihrem träumerischen Ausdruck ahnen ließen, daß diese

Kinderseele mehr als andere empfand. Während er mit den Kindern

spielte, sah auch er kindlich-fröhlich aus, sobald er aber still war,

lag ein ungewöhnlicher Ernst und eine Frühreife in seinem Gesicht, die

ihn viel älter erscheinen ließen.

Eine gute Weile belustigte er sich an Wilhelms Spässen und ergötzte

sich mit diesem, während Elschen zusah. Nun wandte er sich an sie. "Mit

dir möchte ich gerne tanzen," sagte er, "kannst du tanzen?"

"Ja," sagte die Kleine zuversichtlich.

"Was willst du tanzen?"

"Was du willst," antwortete sie freundlich, zum Erstaunen ihres

Bruders, der von der Tanzkunst seiner Schwester bisher noch nichts

gewußt hatte.

"Also Walzer," entschied der kleine Kavalier und wollte sein Dämchen

zum Tanz führen.

"Warte ein wenig," sagte Elschen, "Wilhelm muß mir das erst vormachen."

Dieser hatte zwar noch nie getanzt, aber ihm machte das keine Bedenken,

für so kleine Tänzer traute er sich dennoch zu, den Tanzmeister zu

machen.

"Bei Walzer zählt man drei," sagte er zur Schwester, "ich will dir

einen Walzer vorpfeifen."

Und er fing an, die Melodie zu pfeifen, den Takt dazu zu schlagen und

sich im Kreis zu drehen. Das Fräulein, im Hintergrund, verbarg hinter

ihrem Buch das Lachen, das sie bei diesem Tanzunterricht schüttelte.

Edmund fuhr die Tanzlust in die Füße, er ergriff seine kleine Tänzerin.

Sie wäre ja keine Pfäffling gewesen, wenn sie den Rhythmus nicht erfaßt

hätte; niedlich tanzte das kleine Paar hinter dem pfeifenden, mit den

Fingern schnalzenden und sich drehenden Wilhelm einher. Das Fräulein

rief unbemerkt die Mutter des Kleinen herbei, auch der Vater trat unter

die Türe, sie sahen belustigt zu. "Eine solche Nummer sollten wir in

unserem Programm heute Abend einschalten," sagte er scherzend zu seiner

Frau, "das gäbe einen Jubel! Wem gehören denn diese Kinder?" fragte er

das Fräulein. Sie wußte es nicht.

"Der langbeinige, bewegliche Kerl ist zu drollig und das Mädchen ist

die Anmut selbst. Musikalisch sind sie offenbar alle beide."

Zwei Stunden waren den Kindern schnell verstrichen, nun mahnte das

Fräulein, daß es Zeit für Edmund sei, sein Abendessen einzunehmen und

sich umkleiden zu lassen für das Konzert. Als er das hörte, verschwand

alle Fröhlichkeit aus seinem Gesicht, er erklärte, daß er nichts essen

möge, sich nicht umkleiden und seine neuen Freunde nicht missen wolle.

Die vernünftigen Vorstellungen des Fräuleins, die zärtlichen Worte der

Mutter hatten nur Tränen zur Folge.

Wilhelm versuchte seinen Einfluß auf den kleinen Kameraden. "Du mußt

doch vorspielen," sagte er, "viele Hunderte von Menschen hier freuen

sich schon so lange auf das Konzert!"

"Geht ihr auch hin?" fragte der Kleine und ehe er noch Antwort hatte,

sagte er eifrig zu seiner Mutter: "Die Beiden sollen zu mir in das

Künstlerzimmer kommen, und den Abend bei mir bleiben, es ist immer so

langweilig, während du singst und Papa spielt."

Aber Wilhelm ging auf diesen Vorschlag nicht ein. "Wir können nicht

kommen," sagte er. "Elschen liegt um diese Zeit schon im Bett und ich

habe jetzt den ganzen Nachmittag nichts gearbeitet und habe viele

Aufgaben für morgen." Da flossen bei dem Kleinen wieder die Tränen, er

drückte sein Köpfchen an die Mutter und schluchzte: "Wenn er nicht

kommt, will ich auch nicht spielen, mir ist gar nicht gut." Es sah auch

tatsächlich ein wenig elend aus, das kleine Bübchen. Seine Mutter rief

den Vater zu Hilfe. "Sieh doch nur," sagte sie, "wie Edmund verweint

und jämmerlich aussieht! Was hat er nur? Er ist doch sonst so

verständig, aber heute will er nicht spielen. Ich werde Qualen

durchmachen, heute abend."

Der Vater stampfte ungeduldig mit dem Fuß. Edmund ergriff Wilhelms Hand

und hielt sie krampfhaft fest, um ihn nicht gehen zu lassen. Die beiden

Eltern besprachen sich eifrig miteinander, aber die Kinder verstanden

nichts davon, das Gespräch wurde in italienischer Sprache geführt.

Endlich wandte sich der Vater an Wilhelm: "Wir wären sehr froh," sagte

er, "wenn du zu unserem Kleinen in das Künstlerzimmer kommen und den

Abend bei ihm bleiben wolltest. Du müßtest eben deine Aufgaben einmal

bei Nacht machen. Ein frischer Junge, wie du bist, kann das doch wohl

tun? Wir verlangen auch diese Gefälligkeit nicht umsonst, wir bieten

dir dagegen ein Freibillet zu unserem Konzert an, das du gewiß jetzt

noch leicht an irgend jemand in deiner Bekanntschaft verkaufen kannst."

Bei dem Wort "Freibillet" hatte Wilhelms Gesicht hell aufgeleuchtet.

Ein Billet, für den Vater natürlich, welch ein herrlicher Gedanke!

"Ja," rief er, "ja, ja, für ein Freibillet, wenn ich es meinem Vater

geben darf, will ich gern zu Edmund kommen und gern die ganze Nacht

durch arbeiten!" Und als er bemerkte, wie nun der Kleine plötzlich vom

Weinen zum Lachen überging, sagte er zu diesem: "Könntest du nur dabei

sein, wenn ich meinem Vater die Karte bringe und sehen, wie er sich

freut! Mein Vater ist wohl so groß wie die Türe da, und wenn er einen

Freudensprung macht, dann kommt er fast bis an unsere Decke. Weißt du

so!" und Wilhelm fing an, Sprünge zu machen, daß der kleine Kamerad

laut lachte und seine Mutter leise zu dem Fräulein sagte: "Nun führen

Sie ihn rasch zum Umkleiden, so lange er noch vergnügt ist," und dem

Kinde redete sie gütig zu: "Wenn du nun artig bist, Edmund, so kommt

heute abend Wilhelm zu dir." Darauf hin folgte der Knabe willig dem

Fräulein und sein Vater wandte sich an Wilhelm. "Das Konzert ist in der

Musikschule; neben dem Saal ist das Zimmer, in dem wir uns aufhalten,

so lange wir nicht spielen, du darfst nur nach dem Künstlerzimmer

fragen."

"O, ich weiß es gut," sagte Wilhelm, "neben dem Garderobezimmer liegt

es."

Der Künstler wunderte sich. "Du bist ja zu allem zu brauchen," sagte

er, "woher weißt du das Zimmer?"

"Mein Vater ist Lehrer an der Musikschule, ich habe ihn schon oft dort

abgeholt."

"Ah, Musiklehrer, und hat dennoch kein Billet genommen für unser

Konzert?"

"Nein," sagte Wilhelm, "aber kein Mensch in der ganzen Stadt kann sich

mehr darüber freuen, als mein Vater!"

Auch Elschen stimmte zu mit einem fröhlichen "ja, ja!" und dabei

schlüpfte sie, so schnell sie konnte, in ihren Mantel und beiden

Kindern war die Ungeduld, heimzukommen, an allen Gliedern anzumerken.

Die Karte wurde ihnen denn auch wirklich eingehändigt und nachdem

Wilhelm fest versprochen hatte, sich rechtzeitig im Künstlerzimmer

einzufinden und Edmund zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen, ihn zu

belustigen, ohne Lärm zu machen, wurden die Kinder entlassen.

Wilhelm faßte die kleine Schwester bei der Hand; "Jetzt nur schnell,

schnell, Elschen, wenn nur der Vater ganz gewiß zu Hause ist, es ist

schon sechs Uhr, um halb acht Uhr geht das Konzert an!"

So rasch eilten sie am Portier vorüber, daß dieser sie kaum mehr

erreichte, obwohl er aus seinem Zimmer ihnen nacheilte auf die

Freitreppe vor dem Hotel.

"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr dürft wieder heim fahren."

Wilhelm wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und

kommen viel früher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber

die Hand des großen, stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des

Knaben und hielt ihn zurück. "Herr Meier hat Auftrag gegeben, daß eine

Droschke geholt werden soll, es ist für dies kleine Mädchen ein weiter

Weg und draußen ist's kalt und dunkel; aber wenn du so Eile hast, so

kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen und einen Wagen

holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde im

Portierzimmer ein Sessel zurecht gerückt. Da saß sie neben zwei

riesigen Reisekoffern, und betrachtete die glänzenden Metallbeschläge.

"Das sind große Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen

bis nach Rußland."

"Dann gehören sie dem General," sagte Elschen, "der in der nächsten

Woche nach Berlin reist."

"Weißt du davon? Du hast ganz recht, das heißt, er reist schon morgen."

"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah

erstaunt auf die Kleine. "Das wäre das neueste, wer hat denn das

gesagt?"

"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren."

"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General

selbst hat heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen

vormittag. Horch, nun kommt schon dein Bruder mit der Droschke."

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 10 / 16 段