Da ging die Türe auf, Frau Pfäffling kam herein und stand unvermutet

neben dem Mädchen, das ihren Schritt nicht gehört hatte. "Walburg, du

tust mir so leid," sagte sie und ihre Augen waren nicht tränenleer.

Walburg aber beherrschte ihre Bewegung und erwiderte in ihrer ruhigen

Art: "Draußen habe ich selbst erst gemerkt, wie schlimm das mit mir

geworden ist, ich habe kein Wort verstanden, sie haben mir's auf die

Tafel schreiben müssen und die Kinder haben gelacht. So wird er wohl

recht haben. Er war freundlich mit mir bis zuletzt, das Reisegeld hat

er mir zu zwei Drittel gezahlt und die Alte hat mir noch Kuchenbrot

mitgegeben. Sonst wäre alles recht gewesen, nur gerade eben die

Taubheit. Und sie sagen auch, ich könnte gar nicht mehr so reden wie

sich's gehört. Ich weiß nicht wie das zugeht, Sie verstehe ich doch

auch ohne Tafel und rede ich denn nicht wie früher auch?"

"Für uns redest du ganz recht," entgegnete Frau Pfäffling, "wir

verstehen uns und darum ist's am besten, wir bleiben zusammen. Uns

ist's lieb, daß du uns nicht verläßt, Walburg, du hast uns so gefehlt."

Da wich der starre, traurige Zug aus Walburgs Gesicht, und sie sah voll

Liebe und Dankbarkeit auf zu der Frau, die sich so bemühte, ihr, der

Tauben, Trostreiches zu Gehör zu bringen. Worte des Dankes fand sie

freilich nicht, aber mit Taten wollte sie danken; eilfertig griff sie

nach ihrer Hausschürze, band sie um und sagte: "Wenn der Herr heimkommt

und das Essen nicht gerichtet ist!"

Frau Pfäffling sagte an diesem Abend zu ihren Kindern: "Walburg ist so

traurig aus ihrer Heimat zurückgekehrt, sie hat weder Eltern noch

Geschwister mehr draußen, wir wollen uns Mühe geben, daß sie sich bei

uns recht heimisch fühlt."

"Ich gehe mit meiner Violine zu ihr," sagte Frieder, "den Geigenton

hört sie."

Da warnte Herr Pfäffling mit dem Finger und sagte: "Nach dem Abendessen

noch geigen? Wie heißt dein Vers?

"'Eine Stund am Tag, auch zwei,

Doch nicht mehr, es bleibt dabei.'"

Aber Frieder konnte nachweisen, daß er heute noch nicht zwei Stunden

gespielt hatte, ging hinaus in die Küche und machte mit denselben

Violinübungen, die sonst die Zuhörer in Verzweiflung bringen, dem

traurigen Mädchen das Herz leichter, denn es erkannte die

Anhänglichkeit des Kindes, und in die tiefe Vereinsamung, die ihr die

Taubheit auferlegte, drang der Ton der Saiten zu ihr als eine

Verbindung mit den Mitmenschen.

9. Kapitel

Bei grimmiger Kälte.

Das Neujahrsfest brachte grimmige Kälte, brachte Eis, mehr als zum

Schlittschuhlaufen nötig gewesen wäre. Schon beim Erwachen empfand man

die menschenfeindliche Luftströmung und es gehörte Heldenmut dazu, aus

den warmen Betten zu schlupfen. In Pfäfflings kalten Schlafzimmern war

das Waschwasser eingefroren, und man mußte erst die Eisdecke

einschlagen, ehe man es benützen konnte.

Als die Familie sich mit Neujahrswünschen am Frühstückstisch

zusammenfand, galt Herrn Pfäfflings erster Blick dem Thermometer vor

dem Fenster, und er mußte das Quecksilber in ungewohnter Tiefe suchen.

"Zwanzig Grad Kälte," verkündete er, "Kinder, das habt ihr noch nie

erlebt; und Walburgs Neujahrsgruß lautete: 'Die Wasserleitung ist über

Nacht eingefroren.'"

Die Straßen waren ungewöhnlich still, wer nicht hinaus mußte, blieb

daheim am warmen Ofen und wer, wie die Briefträger, am Neujahrstag ganz

besonders viel durch die kalten Straßen laufen und vor den Häusern

stehend warten mußte, bis die Türen geöffnet wurden, der hörte manches

teilnehmende Wort. Frau Hartwig brachte ihnen bei jedem Gang eine Tasse

warmen Kaffees entgegen. Auch die Familie Pfäffling hatte ihr Päckchen

Glückwunschkarten und -briefe erhalten und unter diesen Briefen war

einer, der noch mehr als Glückwünsche enthielt. Es war die Antwort auf

Frau Pfäfflings Weihnachtsbrief und er brachte ihr eine warme,

dringende Einladung, sich zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter, der

im Februar gefeiert werden sollte, einzufinden, damit nach langen

Jahren der Trennung auch _einmal_ wieder die drei Geschwister mit der

Mutter in der alten Heimat vereinigt wären. So viel Liebe und

Anhänglichkeit sprach sich aus in den Briefen von Frau Pfäfflings

Bruder und Schwester, denen ein eigenhändiger, mit zitternder Hand

geschriebener Gruß der alten Mutter beigesetzt war, daß Frau Pfäffling

tief bewegt war und zu ihrem Mann wehmütig sagte: "Ach, wenn es nur

möglich wäre, aber es ist ja gar nicht daran zu denken! So weit fort

und auf ein paar Wochen, denn für einige Tage würde sich die große

Reise gar nicht lohnen."

Es kam ganz selten vor, daß Frau Pfäffling für sich einen Wunsch

äußerte, und so war es nur natürlich, daß es der ganzen Familie

Eindruck machte, wenn es doch einmal geschah.

"Geht es denn wirklich nicht, Vater?" fragte Karl.

"So ganz unmöglich kommt mir die Sache nicht vor," antwortete Herr

Pfäffling, indem er sich an seine Frau wandte, "jetzt, wo die Kinder

groß sind und Walburg so zuverlässig ist."

Frau Pfäffling wollte etwas entgegnen, aber der ganze Kinderchor

stimmte dem Vater zu, wollte gar keine Schwierigkeit gelten lassen und

versicherte, es sollte in Abwesenheit der Mutter alles so ordentlich

zugehen, wie wenn sie da wäre. Aber sie schüttelte dazu ungläubig den

Kopf und brach die Beratung ab, indem sie sagte: "Bei solch einer Kälte

mag man gar nicht an eine Reise denken, wir wollen sehen, was der

Januar bringt!"

Zunächst brachte er den Abschluß der Ferienzeit, die Schulen begannen

wieder. So warm wie möglich eingepackt machten sich die Kinder auf den

Weg. Freilich, die drei großen Brüder besaßen zusammen nur zwei

Wintermäntel, bisher waren sie auch immer gut damit ausgekommen, heute

hätte jeder gerne einen gehabt. Otto hatte sich einen gesichert, indem

er ihn schon vor dem Frühstück angezogen hatte. Nun standen Karl und

Wilhelm vor dem einen, der noch übrig war. "Dich wird's nicht so arg

frieren wie mich," sagte Wilhelm zum größeren Bruder und Karl, obwohl

er nicht recht wußte, warum es ihn nicht so frieren sollte, war schon

im Begriff, auf den Mantel zu verzichten, als Otto sich einmischte:

"Laß doch Karl den Mantel. In den obern Klassen hat doch jeder einen,

es sieht so dumm aus, wenn er allein keinen hat!"

"Dumm?" sagte Herr Pfäffling, "es sieht eben aus, als seien keine

großen Kapitalien da, mit denen man ungezählte Mäntel beschaffen

könnte. So ist's und deshalb darf es auch so aussehen. Übrigens, länger

als fünfzehn Minuten braucht ihr nicht zum Schulweg, ist das auch der

Rede wert, wenn man eine Viertelstunde frieren muß? Seid ihr so

zimpferlich?"

"Ich nicht," rief Wilhelm, "ich brauche auch nur zwölf Minuten," er

ließ den Mantel fahren und rannte davon.

Elschen war diesmal nicht so unglücklich wie früher über den

Schulanfang, sie nahm die Schultasche her, die sie zu Weihnachten

bekommen hatte, packte die Tafel aus, fing an zu schreiben, was sie von

Buchstaben kannte, und tröstete sich mit der Aussicht, daß nach den

Osternferien auch sie mit den Großen den Schulweg einschlagen würde.

So wohl es Frau Pfäffling tat, wenn ihre Kinder nach solcher Ferienzeit

wieder zum ersten Male in die Schule gingen, so freute sie sich doch

auf das erste Heimkommen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß Mann und

Kinder angeregt und von irgend welchen neuen Mitteilungen erfüllt,

zurückkommen würden. Um so mehr war sie überrascht, daß Marianne

diesmal weinend nach Hause kam. Die beiden Mädchen, obgleich sie gut

mit Wintermänteln versehen waren, weinten vor Kälte und die

Fingerspitzen wurden in der Wärme nur noch schmerzhafter, so daß sie

noch klagend im Zimmer herumtrippelten, als die Familie sich zu Tisch

setzen wollte. "Habt ihr denn eure Winterhandschuhe nicht angehabt?"

fragte Frau Pfäffling. Da kam ein kleinlautes "Nein" heraus und das

Geständnis, daß man sich den Mitschülerinnen mit den neuen, knapp

anschließenden Glacéhandschuhen habe zeigen wollen, die Fräulein

Vernagelding zu Weihnachten geschenkt hatte. Nun wurden die armen

Frierenden noch von den Brüdern ausgelacht.

"So, du lachst auch mit, Otto," sagte Frau Pfäffling. "Wenn du keine

Glacéhandschuhe trägst, so kommt es gewiß nur daher, daß du keine hast.

Aber Kinder, wer von euch eitel ist, der hat nichts vom Vater und ist

gar kein rechter Pfäffling, und das wollt ihr doch alle sein? Nun

kommt, ihr Erfrorenen, jetzt gibt es warme Suppe. Elschen und ich, wir

haben uns so gefreut, bis ihr alle heimkommt und von der Schule

erzählt. Kommt, wir wollen beten:

"Herr wie schon vor tausend Jahren

Unsre Väter eifrig waren,

Dich als Gast zu Tisch zu bitten,

So verlangt uns noch heute,

Daß Du teilest unsre Freude.

Komm, o Herr in unsre Mitte!"

Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfäffling erwartet hatte, allerlei

Mitteilungen. Über Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie

vergraben, jetzt, durch die Berührung mit der Außenwelt, erfuhr man

wieder, was vor sich ging. Herr Pfäffling hatte vom Direktor der

Musikschule etwas gehört, was ihn ganz erfüllte: Ein Künstlerkonzert

ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden. Ein Künstlerpaar, das

vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde hingerissen

hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch

meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die großen

Städte Europas sich hören lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise

zum erstenmal auch der kleine Sohn des Künstlerpaares als Violinspieler

Anteil, und die Zeitungen waren voll von überschwänglichen

Schilderungen des rührenden Eindrucks, den das geniale Violinspiel des

wunderbar begabten Knaben mache.

Freilich waren die Preise für diesen Kunstgenuß so hoch gestellt, daß

unser Musiklehrer nicht daran gedacht hätte, sich ein solch kostbares

Vergnügen zu gönnen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule

gegeben werden, und in solchem Fall war es üblich, daß die Hauptlehrer

der Anstalt Freikarten erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude

auf diesen großen Kunstgenuß hin, umkreiste vergnügt den Tisch, blieb

dann hinter seiner Frau Stuhl stehen und sagte: "Ich bekomme eine

Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem Bruder eine Freikarte zum

80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die Mutter muß sich zur

Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der Mutter mit dem

Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein.

Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer

war krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schüler war neu

eingetreten, ein anderer ausgetreten. Herr Pfäffling hatte nur mit

halber Aufmerksamkeit zugehört, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr,

der ihn aus seinen Gedanken weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier

erzählt?" fragte er Otto.

"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten."

"Hast du nichts näheres darüber gehört?"

"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich

weiß nicht mehr."

Herr und Frau Pfäffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand.

Gesprochen wurde nichts darüber, Herr Pfäffling sollte aber bald

näheres erfahren.

Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel,

im neuen Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt,

und selbst die russische Familie klagte über den kalten deutschen

Winter.

"Sie müssen von Rußland doch noch an ganz andere Kälte gewöhnt sein?"

meinte Herr Pfäffling.

"Ja, aber dort friert man nicht so, da weiß man sich besser zu

schützen. Alle Fahrgelegenheiten sind heizbar, alles ist mit Pelzen

belegt und Sie sehen auch jedermann in Pelze gehüllt auf der Straße.

Warum tragen Sie keinen Pelz bei solcher Kälte?" fragte die Generalin,

indem sie einen Blick auf Herrn Pfäfflings Kleidung warf. Ihm war der

Gedanke an einen Pelzrock noch nie gekommen. "Da gibt es noch vieles,

vieles Nötigere anzuschaffen, ehe ein Pelzrock für mich an die Reihe

käme," sagte er, "ich kann übrigens sehr rasch gehen und werde warm vom

Lauf, meine Hände sind nicht steif, wir können gleich spielen."

Am Schluß der Stunde erzählten die jungen Herren von dem Ball im Hotel.

"Es war sehr hübsch," sagten sie, "wir durften auch tanzen, der Sohn

des Besitzers, der viel jünger ist als wir, hat auch getanzt. Er ist

übrigens jetzt nicht mehr hier."

"Ja," sagte der General, "der Hotelier ist einsichtsvoller, als ich

gedacht hätte. Er sagte zu mir: 'Hier in diesem Hotelleben arbeitet der

Junge nicht, er kommandiert nur. Er soll fort von hier, in ein

richtiges Familienleben hinein.'"

Herr Pfäffling erkannte diese Worte als seine eigenen. "Der Mann hat

recht," fuhr der General fort, "wenn die Verhältnisse im Haus ungünstig

sind, ist es besser, ein Kind wegzugeben, und wenn sie im ganzen Land

ungünstig sind, so wie bei uns in Rußland, so ist es wohl auch besser,

die Kinder in einem andern _Land_ aufwachsen zu lassen. In Rußland

haben wir ganz traurige Zustände, die jungen Leute, die dort

aufwachsen, sehen nichts als Verderbnis überall, Unredlichkeit und

Bestechung sogar schon in den Schulen. Unsere eigenen Söhne haben von

dieser verdorbenen Luft schon mehr eingeatmet, als ihnen gut war. Meine

Frau und ich haben uns entschlossen, sie in einer deutschen

Erziehungsanstalt zurückzulassen, wenn wir nach Rußland zurückkehren,

was wohl in der nächsten Zeit sein muß. Wir stehen gegenwärtig über

diese Angelegenheit in Briefwechsel mit einer Berliner Anstalt."

Noch nie hatte der General so eingehend und offen mit dem Musiklehrer

gesprochen. Die Generalin sah ernst und sorgenvoll aus, die Söhne

standen beiseite mit niedergeschlagenen Augen. Herr Pfäffling fühlte,

daß diese reichen, hochgebildeten und begabten Leute auch ihren

schweren, heimlichen Kummer zu tragen hatten, und er sagte mit warmer

Teilnahme: "Jeder einzelne leidet mit, wenn sein Vaterland so schlimme

Zeiten durchmacht, wie das Ihrige. Möchte das neue Jahr für Rußland

bessere Zustände bringen!"

Als Herr Pfäffling kurz darauf die Treppe herunter ging, traf er

unvermutet mit Herrn Rudolf Meier sen. zusammen, der heraufkam. Einen

Augenblick zögerten beide. Sie hatten _ein_ gemeinsames Interesse, über

das zu sprechen ihnen nahelag. Aber an Herrn Meier wäre es gewesen, die

Sprache darauf zu bringen, wenn er nicht mehr zürnte. Er tat es nicht.

Mit dem höflichen aber kühlen Gruß des Gastwirts ging er vorüber,

gewohnheitsmäßig die Worte sprechend: "Sehr kalt heute!"

"Ja, 20 Grad," entgegnete Herr Pfäffling, und dann gingen sie

auseinander.

Daheim angekommen, hörte Herr Pfäffling Frieders Violine. Wie der

kleine Kerl sie schon zu streichen verstand! Ob er wohl einmal ein

Künstler, ein echter, wahrer, gottbegnadeter Künstler würde? Aber wie

war denn das? Hatte Frieder nicht schon gespielt, lange, ehe sein Vater

sich auf den Weg zum Zentralhotel gemacht hatte? Spielte er wohl

seitdem ununterbrochen? Er ging dem Geigenspiel nach. Aus der Küche

erklang es. Neben Walburg, die da bügelte, stand der eifrige, kleine

Musiker, ein herzgewinnender Anblick. Aber Herr Pfäffling ließ sich

dadurch nicht bestechen. "Frieder, wie lange hast du schon gespielt?"

fragte er.

"Nicht lange, Vater."

"Nicht immerfort, seitdem du aus meinem Zimmer die Geige geholt hast?

Sage mir das genau?"

"Immerfort seitdem," antwortete Frieder und fügte etwas unsicher hinzu:

"Aber das ist doch noch nicht lang her?"

"Das ist über zwei Stunden her, Frieder, und hast du nicht auch schon

heute nach Tisch gespielt? Und sind deine Schulaufgaben gemacht? Ei,

Frieder, da stehst du und kannst nicht antworten! Nimm dich in acht,

sonst kommst du noch ganz um die Geige! Gib sie her, in _der_ Woche

bekommst du sie nimmer!" Herr Pfäffling streckte die Hand aus nach der

Violine. Der Kleine hielt sie fest. Der Vater sah das mit Erstaunen.

Konnte Frieder widerstreben? Hatte je eines der Kinder sich seinem

Befehl widersetzt? Aber nein, es war nur _ein_ Augenblick gewesen, dann

reichte er schuldbewußt die geliebte Violine dem Vater hin und ergab

sich.

Herr Pfäffling ging hinaus mit dem Instrument. Walburg hatte nicht

verstanden, was gesprochen worden war, aber gesehen hatte sie und sie

sah auch jetzt, wie sich langsam ihres Lieblings Augen mit dicken

Tränen füllten. Sie stellte ihr Bügeleisen ab, zog den Kleinen an sich

und fragte: "Darfst du denn nicht spielen?"

"Nicht länger als zwei Stunden im Tag," rief Frieder in kläglichem Ton.

"Sei nur zufrieden," tröstete sie ihn, "ich sehe dir jetzt immer auf

die Uhr." Frieder zog traurig ab; jede Stunde sehnte er sich nach

seiner Violine, und nun war sie ihm für eine ganze Woche genommen!

Aber auch Herr Pfäffling war nicht in seiner gewohnten fröhlichen

Stimmung. Ihm war es leid, daß der Unterricht in der russischen Familie

zu Ende gehen sollte, eine große Freude und eine bedeutende Einnahme

fiel damit für ihn weg, und dazu kam nun, daß er auf dem Tisch im

Musikzimmer eine Neujahrsrechnung vorfand, die, nachdem er sie geöffnet

und einen Blick auf die Summe geworfen hatte, ihn hinübertrieb in das

Familienzimmer zu seiner Frau.

"Cäcilie," rief er schon unter der Türe, und als er die Kinder allein

fand, fragte er ungeduldig:

"Wo ist denn die Mutter schon wieder?"

"Sie ist draußen und bügelt."

"So ruft sie herein, schnell, Marianne!"

Die Mädchen gingen eiligst hinaus: "Mutter, der Vater fragt nach dir."

Frau Pfäffling bügelte eben einen Kragen. "Sagt nur dem Vater, ich

komme gleich; ich muß nur den Kragen erst steif haben."

"Wir wollen lieber erst mit dir hineingehen," sagten die Schwestern und

in diesem Augenblick ertönte ein lautes "Cäcilie".

Daraufhin wurde der halb gebügelte Kragen im Stich gelassen. Frau

Pfäffling kam in das Zimmer und sah ihren Mann mit einer Rechnung in

der Hand. "Ist denn das nicht eine ganz unnötige Komödie mit der ewigen

Bügelei," fragte Herr Pfäffling, "die Kinder wären doch ebenso

glücklich in ungebügelten Hemden!" Auf diese gereizte Frage antwortete

Frau Pfäffling bloß wieder mit einer Frage: "Ist das die

Doktorsrechnung? Sie kann doch nicht sehr hoch sein?"

"Sechzig Mark! Hättest du das für möglich gehalten?"

"Unmöglich! Sechzig Mark? Zeige doch nur! Die kleine Ohrenoperation von

Anne im vorigen Sommer fünfzig Mark?!" Bei diesem Ausruf sahen alle

Geschwister auf Anne, und diese fing bitterlich an zu weinen. Die

Tränen besänftigten aber den Vater. Er ging zu der Schluchzenden. "Sei

still, du armer Wurm," sagte er, "du kannst nichts dafür. Hast so viel

Schmerzen aushalten müssen, und das soll noch so viel Geld kosten! Aber

sei nur getrost, geholfen hat dir der Arzt doch, und wir wollen froh

sein, daß du nicht so taub geworden bist wie Walburg. Hörst du jetzt

wieder ganz gut, auch in der Schule?"

"Ja," schluchzte das Kind.

"Nun also, sei nur zufrieden, das Geld bringt man schon auf, man hat ja

noch das Honorar zu erwarten für die Russenstunden und andere

Rechnungen, als die vom Arzt, stehen nicht aus; nicht wahr, Cäcilie, es

ist doch immer alles gleich bezahlt worden?"

"Freilich," entgegnete sie, "aber ich kann es gar nicht fassen, daß

diese Ohrenbehandlung förmlich als Operation aufgeführt und angerechnet

wird. Ich war damals nicht dabei, Marianne ist immer ohne mich beim

Arzt gewesen und so schlimm haben sie es nie geschildert." Da sahen

sich die Schwestern ernsthaft an und sagten: "Ja, einmal war's

schlimm!"

Als Frau Pfäffling nach einer Weile wieder beim Bügeln stand, war ihr

der Kummer über die sechzig Mark noch anzusehen, während Herr Pfäffling

schon wieder guten Muts in sein Musikzimmer zurückkehrte und sich

sagte: "Es ist doch viel, wenn man es dahin bringt, daß die

Doktorsrechnung die einzige an Neujahr ist."

Sie war aber doch nicht die einzige. Keine halbe Stunde war vergangen,

als wieder so ein Stadtbrief an des Vaters Adresse abgegeben wurde, und

die Kinder, die denselben in Empfang genommen hatten, flüsterten

bedenklich untereinander: "Es wird doch nicht wieder eine Rechnung

sein?" Sie riefen Elschen herbei: "Trage du dem Vater den Brief

hinüber." Das Kind übernahm arglos den Auftrag und blieb, an den Vater

geschmiegt, zutraulich plaudernd bei ihm stehen. Er riß hastig den

Umschlag auf, eine Rechnung fiel ihm entgegen. Vom Buchhändler war sie

und lautete nur auf vier Mark, für eine Grammatik, aber sie empörte

Herrn Pfäffling fast mehr als die große Rechnung. "Wenn die Buben das

anfangen, daß sie auf Rechnung etwas holen, dann hört ja jegliche

Ordnung und Sicherheit auf," sagte er, indem er das Blatt auf den Tisch

warf und in der Stube hin und her lief: "Else, hole mir die drei Großen

herüber," sagte er, "aber schnell." Die Kleine ging mit besorgter

Miene, suchte Karl, Wilhelm und Otto auf und kam dann zur Mutter an den

Bügeltisch. "Es ist wieder etwas passiert mit einer Rechnung," sagte

sie, "und die Großen müssen alle zum Vater hinein. Sie sind gar nicht

gern hinübergegangen," fügte sie bedenklich hinzu. "Es geschieht ihnen

nichts, wenn sie nicht unartig waren," sagte die Mutter, aber nebenbei

wischte sie sich doch den Schweiß von der Stirne, trotz der zwanzig

Grad Kälte draußen und sagte zu Walburg: "Wieviel Kragen haben wir denn

noch zu bügeln, heute nimmt es ja gar kein Ende!" und Walburg

entgegnete: "Es sind immer noch viele da." Frau Pfäffling bügelte

weiter, sah müde aus und sagte sich im stillen: "Eine Wohltat müßte es

freilich sein, wenn man einmal ein paar Wochen ausgespannt würde!"

Inzwischen hatte Herr Pfäffling ein Verhör mit seinen Söhnen

angestellt, und Otto hatte gestanden, daß er bei Beginn des Schuljahrs

die Grammatik geholt hatte. Er suchte sich zu rechtfertigen: "Ich hätte

gerne die alte Ausgabe benützt," sagte er, "aber als sie der Professor

nur sah, war er schon ärgerlich und sagte: 'Die kenne ich, die habe ich

schon bei deinem ältesten Bruder beanstandet, und er hat sie doch immer

wieder gebracht, dann hat mich dein Bruder Wilhelm das ganze Schuljahr

hindurch vertröstet, er bekomme bald eine neue Auflage, und es ist doch

nie wahr geworden, aber zum drittenmal lasse ich mich nicht

anschwindeln. Die alte Auflage muß wohl noch von deinem Großvater

stammen?' So hat der Professor zu mir gesprochen, was habe ich da

machen können?"

"Mir hättest du das gleich sagen sollen, dann wäre sie bezahlt worden."

"Du hast damals gar nichts davon hören wollen," sagte Otto kläglich.

"Dann hättest du es der Mutter sagen sollen."

"Die Mutter schickt uns immer zu dir."

"Ach was," entgegnet Herr Pfäffling ungeduldig, "du bist ein Streiter;

wie du es hättest machen sollen, kann ich nicht sagen, jedenfalls nicht

so. Denkt nur, wohin das führen würde, wenn ihr alle sieben auf

Rechnung nehmen würdet. Wenn man so knapp daran ist wie wir, dann kann

man durchaus keine Neujahrsrechnungen brauchen, die Mutter und ich

bringen es immer zustande ohne solche, und ihr müßt es auch lernen.

Darum zahle du nur selbst die vier Mark. Du hast ja an Weihnachten Geld

geschickt bekommen?"

"Ich habe keine drei Mark mehr."

"Dann helfen die Brüder. Ihr habt es doch wohl gewußt, daß Otto die

Grammatik geholt hat? Also, dann könnt ihr auch zahlen helfen. Jeder

eine Mark, oder meinetwegen eine halbe, und die vierte Mark will ich

darauflegen. Aber springt nur gleich zum Buchhändler, zahlt und bringt

mir die Quittung, und am nächsten Neujahr kommt keine Rechnung mehr,

Kinder, nicht wahr?" Sie versprachen es, nahmen des Vaters Beitrag

dankbar entgegen und waren froh, daß die Sache gnädig abgelaufen war.

Das Geld wurde zusammengesucht, Otto wollte es gleich zum Buchhändler

tragen. Als er hinunterkam, hielt eben vor der Haustüre eine Droschke,

eine kleine Dame stieg aus, hinter Pelzwerk und Schleier hervor sah

Fräulein Vernageldings Lockenköpfchen. Sie kam zur Stunde. "Armer

Vater, auch das noch!" mußte Otto denken. Aber das Fräulein sprach ihn

freundlich an: "Es ist zu kalt heute, um zu Fuß zu gehen, wollen Sie

nicht auch fahren? Da wäre eben eine Droschke frei!"

"Danke, nein, ich gehe zu Fuß," entgegnete Otto, lief davon und lachte

vor sich hin über den Einfall, daß er zum Buchhändler fahren sollte.

Aber das Lachen verging ihm bald, es lacht niemand auf der Straße bei

zwanzig Grad Kälte!

10. Kapitel

Ein Künstlerkonzert.

Der Vorabend des Konzertes war gekommen, die ganze Stadt sprach von dem

bevorstehenden seltenen Kunstgenuß. Die schon früher Gelegenheit gehabt

hatten, die Künstler zu hören, stritten darüber, ob die entzückende

Stimme der Sängerin, die meisterhaften Leitungen des Klavierspielers

die Menschen von nah und fern herbei lockten oder ob das kleine

musikalische Wunderkind einen solchen Reiz ausübte.

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 9 / 16 段