den Tisch gebreitet und die kleinen Sachen darauf gelegt, die ich Ihnen
hier zusammen gerichtet habe, das wäre schon genug für Kinder, aber ich
denke mir, daß Sie noch von anderen Familien, denen Sie aushelfen,
etwas bekommen, oder nicht?"
"Frau Hartwig hat mich angerufen, ich solle nachher zu ihr herein
kommen, sie habe etwas für mich und die Kinder."
"So lange lassen Sie die Kleinen bei uns, und in einem andern Jahr
tragen Sie alles heimlich nach Hause, dann wird bei Ihnen der Jubel
gerade so groß wie im reichsten Haus, und Ihr Mann wird sich dann schon
auch daran freuen."
"Es ist wahr," sagte die Schmidtmeierin, "er hat am vorigen Sonntag
gezankt, weil ich den Kindern die neuen Winterkleider, die sie von der
Schulschwester bekommen haben, vor Weihnachten angezogen habe. Aber sie
haben so lang gebettelt und nicht geruht, bis ich ihnen den Willen
getan habe."
"Aber Schmidtmeierin, da würde ich doch lieber tun, was der Mann will,
als was die Kinder verlangen und erbetteln! Was wäre das jetzt für eine
Freude, wenn die Kleidchen noch neu auf dem Tisch lägen! So würde mein
Mann auch den Sinn für Weihnachten verlieren. Das müssen Sie mir
versprechen, Schmidtmeierin, daß Sie meine Sachen, und die von Frau
Hartwig, und was etwa sonst noch kommt, verstecken, und dann eine
schöne Bescherung halten. Wo können denn Ihre Kinder bleiben, solange
Sie herrichten, ist's zu kalt in der Kammer?"
"Kalt ist's, aber ich stecke sie eben ins Bett so lang!"
"Ja, das tun Sie. Und noch etwas: können die Kinder nicht unter dem
Christbaum dem Vater ein Weihnachtslied hersagen, aus der Kinderschule?
Das gehört auch zur rechten Feier. Und wenn Sie noch von Ihrem
Waschlohn ein paar Pfennige übrig hätten, dann sollten Sie für den Mann
noch einen Kalender kaufen, oder was ihn sonst freut, und dann erzählen
Sie mir, Schmidtmeierin, ob er wirklich keine Freude gehabt hat am
heiligen Abend, und ob es nicht schön bei Ihnen war."
"Ich mach's wie Sie sagen, Frau Pfäffling, und ich danke für die vielen
Sachen, die Sie mir zusammengerichtet haben."
"Es ist recht, Schmidtmeierin, aber glauben Sie mir's nur, die Sachen
allein, und wenn es noch viel mehr wären, machen kein schönes Fest, das
können nur Sie machen für Ihre Familie; fremde Leute können die
Weihnachtsfreude nicht ins Haus bringen, das muß die Mutter tun, und
die Reichen können die Armen nicht glücklich machen, wenn die nicht
selbst wollen."
Frau Pfäffling hielt die fremden Kinder noch eine gute Weile zurück;
als diese endlich heimkamen, waren alle Schätze im Schrank verborgen
und der Schlüssel abgezogen.
Da sich aber die Kinder schon darauf gefreut hatten, fingen sie an,
darum zu betteln und schließlich laut zu heulen. Damit setzten sie
gewöhnlich bei der Mutter ihren Willen durch. Heute aber nicht; "brüllt
nur recht laut," sagte die Schmidtmeierin, "damit man es im Nebenhaus
hört. Nichts Gutes gibt's heute, nichts Schönes, erst am Abend, wenn
ihr dem Vater eure Lieder aufsagt. Bei Pfäfflings ist's auch so."
Da ergaben sich die Kinder.
Frau Pfäffling und Walburg hatten noch alle Hände voll zu tun mit
Vorbereitungen auf das Fest. Aber die Arbeit geschah in fröhlicher
Stimmung. "Man muß sich seine Feiertage verdienen," sagte Frau
Pfäffling und rief die Kinder zu Hilfe, die Buben so gut wie die
Mädchen.
"Oben auf dem Boden hängen noch die Strümpfe von der letzten Wäsche,"
sagte sie, "die sollten noch abgezogen werden. Das könnt ihr Buben
besorgen." Wilhelm und Otto sprangen die Treppe hinauf. Auf dem freien
Bodenraum war ein Seil gespannt, an dem eine ungezählte Menge
Pfäffling'scher Strümpfe hing. Walburg war eine große Person und
pflegte das Seil hoch zu spannen, die Kinder konnten die hölzernen
Klammern nicht erreichen, mit denen die Strümpfe angeklemmt waren.
"Einen Stuhl holen und hinaufsteigen," schlug Otto vor, aber Wilhelm
fand das unnötig, "Hochspringen und bei jedem Sprung eine Klammer
wegnehmen," so war es lustiger. Er probierte das Kunststück und brachte
es fertig, Otto gelang es nicht auf den ersten Sprung, und ein Trampeln
und Stampfen gab es bei allen beiden. Sie bemerkten nicht, daß die Türe
von Frau Hartwigs Bodenkammer offen stand und die Hausfrau, die eben
ihren Christbaumhalter hervorsuchte, ganz erschrocken über den
plötzlichen Lärm herauskam und rief: "Was treibt ihr denn aber da oben,
ihr Kinder?"
"Wir nehmen bloß die Strümpfe ab", sagte Otto. "So tut es doch nicht,
wenn man Strümpfe abzieht," entgegnete Frau Hartwig. "Wir müssen eben
darnach springen," sagte Wilhelm, "sehen Sie, so machen wir das," und
mit einem Hochsprung hatte er wieder eine Klammer glücklich erfaßt, der
Strumpf fiel herunter.
"Aber Kinder, so fallen sie ja alle auf den Boden!" sagte die Hausfrau.
"Es sind ja nur Strümpfe," entgegnete Wilhelm, "die sind schon vorher
grau und schwarz, denen schadet das nichts."
Eine kleine Weile stand Frau Hartwig dabei und machte sich ihre
Gedanken. Welche Arbeit, für soviel Füße sorgen zu müssen! Fast alle
Strümpfe schienen zerrissen! Und welche Körbe voll Flickwäsche mochten
sonst noch da unten stehen und auf die Hände der vielbeschäftigten
Hausfrau warten, die doch kein Geld ausgeben konnte für Flickerinnen!
Ob es nicht Christenpflicht wäre, da ein wenig zu helfen?
Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Brüder mit dem Bescheid
herunter: Die meisten Strümpfe seien noch zu feucht, die Hausfrau
meine, sie müßten noch hängen bleiben. Frau Pfäffling achtete im Drang
der Arbeit kaum darauf und dachte nicht, daß Frau Hartwig kurz
entschlossen den ganzen Schatz Pfäffling'scher Strümpfe
heruntergenommen hatte, und ihnen nun mit Trocknen und Bügeln viel mehr
Ehre erwies, als diese es sonst erfuhren. Dann stapelte sie den Vorrat
auf, legte sich das Nötige zum Ausbessern zurecht und sagte sich: Das
gibt auch eine Weihnachtsüberraschung und wird nach Jesu Sinn keine
Feiertags-Entheiligung sein.
Inzwischen war es Mittag geworden. Heute gab es bei Pfäfflings ein
kärgliches Essen. Mit Wassersuppe fing es an, und die Mutter redete den
Kindern zu: "Haltet euch nur recht an die Suppe, es kommt nicht viel
nach!" "Warum denn nicht?" fragte Elschen bedenklich. Die Antwort kam
von vielen Seiten zugleich. "Weil Weihnachten ist. Weißt du das noch
nicht? Vor dem heiligen Abend gibt es nie etwas ordentliches zu essen.
Die Walburg hat auch keine Zeit zu kochen." "Ja," sagte Frau Pfäffling,
"und selbst wenn sie Zeit hätte, heute Mittag müßte das Essen doch
knapp sein, damit man sich recht freut auf die Lebkuchen und auf den
Gansbraten, den es morgen gibt." Walburg brachte noch gewärmte Reste
vom gestrigen Tag herein, und als diese alle verteilt waren, sagte Herr
Pfäffling: "Wer jetzt noch Hunger hat, kann noch Brot haben und darf
dabei an ein großes Stück Braten denken!"
"Und nun," sagte die Mutter, "hinaus aus dem Wohnzimmer; wenn ihr
wieder herein dürft, dann ist Weihnachten!" Da stob die ganze Schar
jubelnd davon; wenn man nicht mehr in das Zimmer herein durfte, ja dann
wurde es Ernst!
Die Eltern standen beisammen und putzten den Baum, Frieders Baum. Die
kleinen Schäden, die er auf seinen vielen Wanderungen erlitten hatte,
wurden sorgfältig verdeckt, und bald stand er in seinem vollen Schmuck
da, mit goldenen Nüssen und rotbackigen Äpfeln, mit bunten Lichtern und
oben auf der Spitze schwebte ein kleiner Posaunenengel. Es gab in
andern Häusern feiner geschmückte Tannenbäume mit Winterschnee und
Eiszapfen, es gab auch solche, die mit bunten Ketten und Kugeln, mit
Papierblumen und Flittergold so überladen waren, daß das Grün des
Baumes kaum mehr zur Geltung kam. Pfäfflings Baum hatte von all dem
nichts, er war noch ebenso, wie ihn Großvater Pfäffling und Großmutter
Wedekind vor dreißig Jahren ihren Kindern geschmückt hatten, und weil
ihre seligsten Kindheitserinnerungen damit verbunden waren, mochten sie
nichts daran ändern. Mit der Krippe, die unter dem Baum aufgestellt
wurde, war es anders. Die feinen Wachsfiguren, die Tiere, die dazu
gehörten, standen nicht jedes Jahr gleich. Nach den Bildern, die uns
schon die alten deutschen Künstler gezeichnet haben, und in denen
unsere Maler uns auch jetzt noch die heilige Nacht darstellen, nach
diesen verschiedenen Bildern wurden die Krippenfiguren in jedem Jahr
wieder anders aufgestellt, das war Herrn Pfäfflings Anteil an dem
Herrichten des Weihnachtszimmers. Wenn aber die Tische gestellt waren,
und wenn die mühsame Arbeit des Einräumens von Puppenzimmer, Küche und
Kaufladen begann, dann verschwand der Herr des Hauses aus dem Gebiet
und übernahm die Aufsicht über die mutterlose Kinderschar, damit sie
nicht in Ungeduld und Langeweile auf allerlei Unarten verfiel. Gegen
vier Uhr, als es dunkelte, zogen sie zusammen fort nach der Kirche, in
der jedes Jahr um diese Zeit ein Gottesdienst gehalten wurde, so kurz
und doch so feierlich wie kein anderer im Jahr: Ein Weihnachtslied, das
Weihnachtsevangelium und ein paar Worte, nur wie ein warmer
Segenswunsch des Geistlichen. Es war genug, um in den Herzen der jungen
und alten Zuhörer die rechte Weihnachtsstimmung zu wecken.
Frau Pfäffling hörte ihre Schar heimkommen, sie sah ein wenig heraus
aus dem Weihnachtszimmer und schob etwas durch den Türspalt, es war
eine Handvoll Backwerk, das etwas Schaden gelitten hatte durch die
Verpackung: "Das ist etwas zum versuchen," rief sie, "das ist
zerbrochen aus der Großmutter Paket gekommen, teilt euch darein! und
dann zieht frische Schürzen an und sagt auch Walburg, daß sie sich
bereit macht, nun wird bald alles fertig sein!" Der Mutter Angesicht
leuchtete verheißungsvoll, es rief auf allen Kindergesichtern das
gleiche Strahlen hervor.
Herr Pfäffling war bei seiner Frau, er half bei den letzten
Vorbereitungen. "Jetzt wären wir so weit," sagte er, "können wir den
Baum anzünden?"
"Wenn du einen kleinen Augenblick warten wolltest," erwiderte sie, "ich
bin so müd und möchte nur ein ganz klein wenig ruhen, um für den großen
Jubel Kraft zu sammeln."
"Freilich, freilich," sagte Herr Pfäffling, "die Kinder können sich
wohl noch eine Viertelstunde gedulden, setze dich hieher, ruhe ein
wenig und schließe die Augen."
"O, das tut gut," antwortete sie und lehnte sich still zurück. Aber nur
drei Minuten, dann stand sie wieder auf. "Nun bin ich schon wieder
frisch, und ich kann jetzt doch nicht ruhen, ich spüre die siebenfache
Unruhe, die klopfenden Herzen der Kinder da draußen, wir wollen
anzünden." Bald strahlten die Lichter an dem Baum, die großen Kerzen in
den silbernen Leuchtern, die die Tische erhellten, und die kleinen
Lichtchen in Puppenstube und Küche. Und nun ein Glockenzeichen und die
Türe weit auf! Sie drängen alle herein, die Kinder und Walburg hinter
ihnen. Dem Christbaum gelten die ersten Ausrufe der Bewunderung;
solange er die Blicke fesselt, ist's noch eine weihevolle Stimmung, ein
Staunen und seliges Widerstrahlen; dann wenden sich die Augen der
Bescherung zu, nun geht die beschauliche Freude über, immer lauter und
jubelnder wird das Kinderglück.
War denn so Herrliches auf dem Gabentisch? Viel Kostbares war nicht
dabei, aber es war alles überraschend und jedes kleine Geschenk war
sinnig auf den Empfänger berechnet und manches erhielt durch einen
kleinen Vers, den der Vater dazu gemacht hatte, noch einen besonderen
Reiz. Wenn eines der Kinder nach den Eltern aufblickte, so sah es Liebe
und Güte, wenn es einem der Geschwister ins Gesicht sah, so glänzte
dies in Glück und Freude, und über all dem lag der Duft des
Tannenbaums—ja die Fülle des Glückes bringt der Weihnachtsabend!
Frau Pfäffling berührte ihren Mann und sagte leise: "Sieh dort, den
Frieder!" An dem Plätzchen des großen Tisches, das ihm angewiesen war,
stand schon eine ganze Weile Frieder unbeweglich und sah mit
staunenden, zweifelnden Augen auf das, was vor ihm lag: Eine Violine!
Und nun nahm er den kleinen Streifen Papier, der daran gebunden war,
und las das Verschen:
Fideln darfst du, kleiner Mann,
Vater will dir's zeigen.
Aber merk's und denk daran:
Immerfort zu geigen
Tut nicht gut und darf nicht sein.
Halte fest die Ordnung ein:
Eine Stund' am Tag, auch zwei,
Doch nicht mehr, es bleibt dabei.
"Mutter!" rief jetzt Frieder, "Mutter, hast du's schon gesehen?" Er
drängte sich zu ihr und zog sie an seinen Platz und fragte: "Darf ich
sie gleich probieren?" Und er nahm die kleine Violine, und da die
Geschwister ihm nicht viel Platz ließen, drückte er sich hinter den
Christbaum und fing ganz sachte an, leise über die Saiten zu streichen
und zarte Töne hervorzulocken. Und er sah und hörte nichts mehr von
dem, was um ihn vorging, und mühte und mühte sich, denn er wollte
_reine_ Töne, dieser kleine Pfäffling. Die Eltern sahen sich mit
glücklichem Lächeln an: "Dies Weihnachten vergißt er nicht in seinem
Leben," sagte Frau Pfäffling. "Ja," erwiderte ihr Mann, "und auf diesen
kleinen Schüler braucht mir wohl nicht bange zu sein!"
"Vater, hast du gesehen?" riefen nun wieder zwei Stimmen. "Was ist's,
Marianne?"
"Ein Päckchen feinste Glacéhandschuhe hat uns Fräulein Vernagelding
geschickt!"
"Was? Euch Kindern, was tut _ihr_ denn damit?"
"Wir ziehen sie an, Vater, viele Kinder in unserer Schule haben
welche."
"Nun, wenn nur ich sie nicht tragen muß!"
Es gab jetzt ein großes Durcheinander, denn die Brüder probierten ihre
neuen Schlittschuhe an, liefen damit hin und her, fielen auch
gelegentlich auf den Boden. Im untern Stock erzitterte die Hängelampe.
"Man könnte meinen, es sei ein Erdbeben, die da droben sind heute ganz
außer Rand und Band!" sagte Herr Hartwig zu seiner Frau.
"Weihnachtsabend!" entgegnete sie, und das eine Wort beschwichtigte den
Hausherrn. Auch hörte das Getrampel der Kinderfüße plötzlich auf, es
wurde ganz stille im Haus, nur eine einzelne Stimme drang bis in den
untern Stock: Otto deklamierte. Nacheinander kamen nun all die kleinen
Überraschungen für die Eltern an die Reihe, zu denen sich an jenem
Adventsonntag Frieder auf den Balken die Eingebung geholt hatte. Alles
gelang zur Freude der Eltern, zum Stolz unserer sieben!
In ihrer Küche stand Walburg und sorgte für das Abendessen. Auch für
sie war ein Platz unter dem Christbaum, und sie war freundlich bedacht
worden. Aber die Freude und innere Bewegung, die sich jetzt auf ihren
großen, ernsten Zügen malte, hatte einen andern Grund. Schon seit heute
morgen bewegte sie etwas in ihrem Herzen, das sie gern besprochen
hätte, aber es hatte sich kein ruhiges Viertelstündchen finden lassen.
Wenn jetzt Frau Pfäffling herauskäme, jetzt hätte sie vielleicht einen
Augenblick Zeit für sie, aber sie würde wohl schwerlich kommen. Während
Walburg sich darnach sehnte, war Frau Pfäffling ganz von ihren Kindern
in Anspruch genommen, aber einmal, als ihr Blick zufällig auf Walburgs
Geschenke fiel, die noch auf dem Tisch lagen, dachte sie an das
Mädchen. Warum war es wohl gar so kurz im Weihnachtszimmer geblieben?
Es war noch nicht Zeit, das Abendessen zu bereiten, warum verweilte sie
nicht lieber unter den glücklichen Kindern, anstatt einsam in der
kalten Küche zu stehen?
Frau Pfäffling ging hinaus, nach Walburg zu sehen. Die Mutter wurde
zuerst nicht vermißt, es gab ja so viel anzusehen und zu zeigen, und
der Vater war ja da, aber allmählich ging von Mund zu Mund die Frage:
"Wo ist denn die Mutter?" Herr Pfäffling schickte Frieder hinaus. Er
kam zurück mit dem Bescheid, die Küchentüre sei ganz fest zu und
Walburg rede so viel mit der Mutter, wie sonst nie. "Dann laßt sie nur
ungestört," sagte der Vater, "wenn Walburg einmal redet, muß man froh
sein."
Frau Pfäffling brachte aus der kalten Küche einen warmen, sonnigen
Ausdruck mit herein. Die Kinder zogen sie an ihren Tisch heran, aber im
Vorbeigehen drückte sie unvermerkt ihrem Mann die Hand und sagte leise:
"Ich erzähle dir später!" Als Walburg das Abendessen auftrug wechselten
sie einen vielsagenden Blick, und Marie sagte: "Unserer Walburg sieht
man so gut an, daß heute Weihnachten ist."
An diesem Abend waren die Kinder gar nicht zu Bett zu bringen, sie
wollten sich nicht trennen von der Bescherung. Es wurde spät, bis
endlich Herr Pfäffling mit seiner Frau allein war. "Du wirst nun auch
der Ruhe bedürftig sein," sagte er.
"Ja, aber eines muß ich dir noch erzählen, was mir Walburg anvertraut
hat. Sie erhielt heute einen Brief von einer alten Frau aus ihrem
Heimatdorf, die schreibt in schlichten, einfachen Worten, daß vor einem
Jahr ihr Sohn Witwer geworden sei und mit seinen drei Kindern und dem
kleinen Bauerngut hilflos dastehe. Er müsse wieder eine Frau haben, und
weil er Walburg von klein an kenne, möchte er am liebsten sie haben. Er
wisse wohl, daß sie nicht gut höre, aber das mache weiter nicht viel.
Wenn sie einverstanden sei, möge sie in den Feiertagen einmal
herausfahren, daß man die Verlobung feiern könne und die Hochzeit
festsetze. Der Sohn hat dann noch an den Brief seiner Mutter unten
hingeschrieben, die Reisekosten wolle er zur Hälfte bezahlen. Walburg
kennt den Mann gut, denn sie waren Nachbarsleute, und sie ist ganz
entschlossen, ja zu sagen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das
freut für Walburg!"
"Das ist freilich ein unerhofftes Glück, aber wird sie denn einem
Haushalt vorstehen können bei ihrer Taubheit?"
"Wenn ihr die alte Mutter zur Seite steht, wird sie schon zurecht
kommen. Ein schweres Kreuz bleibt es freilich für sie, aber ich finde
es rührend, daß der Mann es auf sich nehmen will, um ihrer andern guten
Eigenschaften willen. Übrigens sagt Walburg, sie verstehe die Leute da
draußen viel besser, weil sie ihren Dialekt reden."
"Das kann wohl etwas ausmachen, und mich freut es für die treue Person,
wenn auch nicht für uns. Aber wir werden auch wieder einen Ersatz
finden."
"Nicht so leicht! Doch daran denke ich heute gar nicht. Am zweiten
Feiertag möchte sie hinausfahren auf ihr Dorf. Vorher wollen wir mit
den Kindern noch nicht davon sprechen, sondern ihnen erst, wenn Walburg
zurückkommt, sagen, daß sie Braut ist."
Während unten so von ihr gesprochen wurde, war auch Walburg oben in
ihrer Kammer noch tätig. Sie hatte zuerst in diesem ihrem eigenen
kleinen Revier noch einmal ihren Brief gelesen und nun kniete sie vor
der hölzernen Truhe, in der ihre Habseligkeiten säuberlich und sorgsam
geordnet lagen. Sie hatte schon seit Jahren die Bauerntracht nimmer
getragen, die in ihrem Dorf gebräuchlich war, jetzt wollte sie sie
hervorsuchen, sie sollte ja wieder zu den Landleuten da draußen
gehören. Der dicke Rock und das schwarze Mieder, das Häubchen und die
breite blauseidene Schürze, das alles lag beisammen, und sollte nun
wieder zu Ehren kommen!
Am zweiten Weihnachtsfeiertag, früh morgens, noch ehe es tagte, reiste
sie in ihrem ländlichen Staat in ihre Heimat.
Erst wenn Walburg fehlte, merkte man, wie viel sie im Haus leistete. Es
war gar kein Fertigwerden ohne sie. Und nun gar in solchen Ferientagen.
Wenn Frau Pfäffling drei ihrer Kinder dazu gebracht hatte, schön
aufzuräumen, so hatten inzwischen vier andere wieder Unordnung gemacht
und auf dem großen Weihnachtstisch nahm der Kampf gegen die Nußschalen
und Apfelbutzen kein Ende. Dazu kam der Kinderlärm. Die Schlittschuhe
lagen bereit, aber das Eis wollte sich bei der geringen Kälte nicht
bilden, und Frau Pfäffling hatte doch so viel Feiertagsruhe davon
erhofft! So lockte nichts die Kinder ins Freie, sie trieben sich alle
sieben lachend, spielend oder streitend herum und machten der Mutter
warm. Bis sie das Mittagessen bereitet und auf den Tisch gebracht
hatte, war sie fast zu müde, um selbst davon zu nehmen. Da sah Herr
Pfäffling nach den Wolken am Himmel, erklärte, das Wetter helle sich
auf und er wolle einen weiten Marsch mit den großen Kindern machen. Als
eben beraten wurde, ob Marianne auch mittun könne, kam eine
Schulfreundin und lud die beiden Mädchen zu sich ein. Das war ein
seltenes Ereignis und wurde mit Freude aufgenommen. So blieben nur die
beiden Kleinen übrig, die begleiteten ein wenig traurig die Großen
hinunter, kamen dann aber um so vergnügter wieder herausgesprungen. Die
Hausfrau hatte sie eingeladen, ihren Christbaum anzusehen und bei ihr
zu spielen.
So geschah es, daß Frau Pfäffling an diesem Nachmittag ganz allein war;
ihr Mann, die Kinder, ja sogar Walburg fort, so daß nicht einmal aus
der Küche ein Ton hereindrang. Wie wohl tat ihr die unerhoffte Ruhe!
Wie viel ließ sich auch an solch einem stillen Nachmittag tun, an das
man sonst nicht kam! Es war schon ein Genuß, sich sagen zu dürfen: was
_willst_ du tun? Meistens drängten sich die Geschäfte von selbst auf
und hätten schon fertig sein sollen, ehe man daran ging. Eine Weile
ruhte sie in träumerischem Sinnen und über dem wurde ihr klar, was sie
tun wollte: "Mutter," sagte sie leise vor sich hin, "Mutter, ich komme
zu dir!"
Frau Pfäfflings Mutter lebte im fernen Ostpreußen, und seit vielen
Jahren hatten sich Mutter und Tochter nimmer gesehen. Die bald 80
jährige Frau konnte _nicht mehr_, und die junge Frau konnte _noch_
nicht die Reise wagen, die Kinder brauchten sie noch gar zu notwendig
daheim. Aber es war doch köstlich, das treue Mutterherz noch zu
besitzen, wenn auch in weiter Ferne. Seit langer Zeit hatte sie den
Ihrigen nur kurze, eilig geschriebene Briefe mit den nötigsten
Mitteilungen schicken können, jetzt wollte sie sich aussprechen, wie
wenn sie endlich, endlich einmal wieder bei der geliebten Mutter wäre.
Und es gab einen langen, langen Brief, in dem die ganze Liebe zur
Mutter sich aussprach, ja, in dem es fast wie Heimweh klang, aber das
konnte doch nicht sein, war Frau Pfäffling doch schon 18 Jahre aus dem
Elternhaus. Es stand in dem Brief viel von Glück und Dankbarkeit, viel
von des Tages Last und Hitze und davon, daß ihr Mann und sie noch immer
treulich an dem Trauungsspruch festhielten: Ein jeder trage des andern
Last.
Ihr Brief war fertig geworden beim letzten Schimmer des kurzen
Dezembertags. Jetzt, als es dunkelte, ging sie zum Christbaum und
zündete ein einziges Lichtchen an. Das warf einen schwachen Schein und
große breite Schatten von Tannenzweigen zeichneten sich an der Decke
des Zimmers ab. Es war eine feierliche Stille am Weihnachtsbaum und
Frau Pfäffling sagte leise vor sich hin: Nahet euch zu Gott, so nahet
er sich zu euch.
Eine Viertelstunde später mahnte die Glocke, daß wieder Leben und
Bewegung Einlaß begehre. "Nun werden die Kinder kommen," sagte sich
Frau Pfäffling. Sie fühlte sich wieder allen Anforderungen gewachsen,
fröhlich ging sie hinaus und sprach zu sich selbst: "Dein Mann soll
dich nicht so matt wiederfinden, wie er dich verlassen hat." Sie ging,
ihm und den Kindern zu öffnen, sie waren es aber nicht, die geklingelt
hatten, Walburg stand vor der Türe.
"Du kommst schon?" rief Frau Pfäffling erstaunt, "wir haben dich erst
mit dem letzten Zug erwartet."
"So kann ich das Abendessen machen," entgegnete das Mädchen.
"Kartoffeln zusetzen?"
"Ja, aber das ist mir jetzt nicht das wichtigste, sage mir doch erst,
wie alles gegangen ist," und da Walburg zögerte, fügte sie hinzu, "ich
bin ganz allein zu Hause." Und nun antwortete Walburg: "Er hat sich's
nicht so arg gedacht, er meint, für die Kinder wäre doch eine besser,
die hört." Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und ging die
Treppe hinauf in ihre Kammer. Sie wollte den bräutlichen Putz ablegen.
Sorgsam faltete sie die blauseidene Schürze, versenkte sie in die Truhe
und legte den Brief dazu, der sie zwei Tage glücklich gemacht hatte.
Dann schlüpfte sie in ihre alltäglichen Kleider, setzte sich auf die
alte Truhe und sah mit traurigen, aber tränenlosen Augen auf die kahlen
Wände ihrer Kammer. Es war so kalt und totenstill da oben, es war so
öde und leer in ihrem Herzen.