"Ich selbst nicht leicht, aber ich bin sehr gut über alle Gottesdienste

unterrichtet. Wir haben oft Gäste, die sich dafür interessieren, und

ich weiß auch allen, gleichviel ob es Christen oder Juden sind,

Auskunft zu geben über Zeit und Ort des Gottesdienstes, über beliebte

Prediger, feierliche Messen und dergleichen. Man muß allen dienen

können und darf keine Vorliebe für die eine oder andere Konfession

merken lassen. Wir dürfen ja auch Ausländer nicht verletzen und müssen

uns manche spöttische Äußerung über die Deutschen gefallen lassen. Das

bringt ein Welthotel so mit sich."

Herr Pfäffling sagte darauf nichts und Rudolf Meier war zufrieden. Das

"Welthotel" war immer der höchste Trumpf, den er ausspielen konnte, und

der verfehlte nie seine Wirkung, auch auf Herrn Pfäffling hatte er

offenbar Eindruck gemacht, denn der geringschätzige Blick, den er vor

der Stunde für ihn gehabt hatte, war einem andern Ausdruck gewichen.

Unten, im Hausflur, stand noch immer die Türe zu dem großen Saal offen,

die Dekoration hatte Fortschritte gemacht, Herr Rudolf Meier sen. stand

auf der Schwelle und überblickte das Ganze, und im Vorbeigehen hörte

Herr Pfäffling ihn zu einem Tapezierer sagen:

"An diesem Fenster ist noch Polsterung anzubringen, damit jede Zugluft

von den Gästen abgehalten wird."

Unser Musiklehrer, dem sonst, wenn er von seinen russischen Schülern

kam, die schönsten Melodien durch den Kopf gingen, war heute auf dem

Heimweg in Gedanken versunken. Er sah vor sich den tüchtigen

Geschäftsmann, der in unermüdlicher Tätigkeit sein Hotel bestellte, der

von seinen Gästen jeden schädlichen Luftzug abhielt, und der doch nicht

merkte, wie der einzige Sohn, dem dies alles einst gehören sollte, in

Gefahr war, zugrunde zu gehen. Herr Pfäffling war eine Straße weit

gegangen, da trieben ihn seine Gedanken wieder rückwärts. "Sprich mit

dem Mann ein Wort über seinen Sohn," sagte er sich, "wenn seinem Haus

eine Gefahr drohte, würdest du es doch auch sagen, warum nicht, wenn du

siehst, daß sein Kind Schaden nimmt, daß es höchste Zeit wäre, es den

schlimmen Einflüssen zu entziehen? Es sollte fortkommen vom Hotel, von

der großen Stadt, in einfache, harmlose Familienverhältnisse!" Während

sich Herr Pfäffling dies überlegte, ging er raschen Schritts ins

Zentralhotel zurück, und nun stand er vor Herrn Meier, in dem großen

Saal.

Der Hotelbesitzer meinte, der Musiklehrer interessiere sich für die

Dekoration und forderte ihn höflich auf, alles zu besehen. "Ich danke,"

sagte Herr Pfäffling, "ich sah schon vorhin, wie hübsch das wird, aber

um Ihren Sohn, Herr Meier, um Ihren Sohn ist mir's zu tun!"

Äußerst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach

einem anstoßenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestört. Wollen Sie

Platz nehmen?"

"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich stehe lieber," eigentlich hätte er

sagen sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespräch

begonnen, so trieb ihn der Eifer im Zimmer hin und her.

"Ich meine," sagte er, "über all Ihren Leistungen als Geschäftsmann

sehen Sie gar nicht, was für ein schlechtes Geschäft bei all dem Ihr

Kind macht. Ist's denn überhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie

ein Mann und ist doch kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der

tüchtig arbeitet und dann fröhlich spielt. Er aber tut keines von

beiden. In dem Alter, wo er gehorchen sollte, will er kommandieren, den

Herrn will er spielen und hat doch nicht das Zeug dazu. Er wird kein

Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein Christ, denn er

dünkt sich über alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem Hotel, fort

von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da könnte noch etwas aus

ihm werden, aber so nicht!"

Herr Pfäffling hatte so eifrig gesprochen, daß sein Zuhörer dazwischen

nicht zu Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und

kühl: "Ich muß mich wundern, Herr Pfäffling, daß Sie mir das alles

sagen. Wir kennen uns nicht und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur

ganz flüchtig. Mir scheint, Sie urteilen etwas rasch. Andere sagen mir,

daß mein Sohn der geborene Geschäftsmann ist und schon jetzt einem Haus

vorstehen könnte. Wenn er Ihnen so wenig gefällt, dann bitte kümmern

Sie sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes Kind wohl am besten und

werde für sein Wohl sorgen."

Herr Pfäffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie

dieser vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, daß ich Sie

gekränkt habe. Das wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich

vergessen, was ich schon so oft bei den Eltern meiner Schüler erfahren

habe, daß es die Menschen nicht ertragen, wenn man offen über ihre

Kinder spricht und wenn es auch aus der reinsten Teilnahme geschieht.

Sagen Sie mir nur das eine, warum würden Sie es mir danken, wenn ich

Ihnen sagte: 'Ihr Kind ist in Gefahr, ins Wasser zu fallen,' und warum

sind Sie gekränkt, wenn ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr für seinen

Charakter?' Darin kann ich die Menschen nie verstehen!"

Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein,

verlangten Bescheid, und Herr Pfäffling machte rasch der Unterredung

ein Ende, indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser

Sache gekommen, ich sehe, Sie sind draußen unentbehrlich und will Sie

nicht aufhalten." Er ging, der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurück.

"Diese Sache ist mißlungen," sagte sich Herr Pfäffling, "ich habe

nichts erreicht, als daß sich der Mann über mich ärgert." Und nun

ärgerte auch er sich, aber nur über sich selbst. Warum hatte er sich

seine Worte nicht erst in Ruhe überlegt und schonend vorgebracht, was

er sagen wollte, statt diesen ahnungslosen Vater mit hageldicken

Vorwürfen zu überschütten? Nun ging er mit sich selbst ebenso streng

ins Gericht: "Nichts gelernt und nichts vergessen; immer noch gerade so

ungestüm wie vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und nachbedacht, trotz

aller Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst, auf die Leute

einzuwirken, so laß die Hand davon; kümmere dich um deine eigenen

Kinder, wer weiß, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen."

Nachdem sich Herr Pfäffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er

sich über Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen

eigenen Kindern. Nun kam ihm wieder die Pfäfflingsche Note in den Sinn:

eins bis zwei. Er dachte in dieser Richtung noch weiter nach, und die

Folge davon war, daß er nach seiner Rückkehr dem ersten, der ihm zu

Hause in den Weg lief, zurief:

"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich

will sie sehen!"

Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse

müssen her, der Vater will sie sehen!" flüsterte eines dem andern zu.

"Warum denn, warum?" Niemand wußte Antwort, aber jetzt half keine List

mehr, Marie mußte die Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck

und sie hinübertragen in des Vaters Zimmer.

"Ich habe das deinige ein wenig versteckt," sagte sie zu Wilhelm, als

sie wieder herüberkam, "vielleicht übersieht es der Vater."

Herr Pfäffling kannte seine Kinder viel zu gut, als daß er ihre kleine

List mit der guten Durchschnittsnote nicht durchschaut hätte. "Irgend

etwas ist sicher nicht in Ordnung," sagte er sich, "gewiß sind ein paar

fatale Dreier da, oder eine schlechte Bemerkung über das Betragen." Er

überblickte die kleine Ausstellung auf seinem Tisch. Da lag zuvorderst

Karls Zeugnisheft. Dies hielt sich so ziemlich gleich, jahraus,

jahrein, nie vorzüglich, immer gut. Es gab das Bild eines

gewissenhaften Schülers, aber nicht eines großen Sprachgelehrten.

Dann Otto. In den meisten Fächern I. So einen konnte man freilich gut

brauchen, wenn sich's um eine Durchschnittsnote handelte, der konnte

viele Sünden anderer gut machen.

Maries Heftchen zeigte die größte Verschiedenheit in den Noten. Wo die

Geschicklichkeit der Hand in Betracht kam und der praktische Sinn, da

war sie vorzüglich, in Handarbeit, Schönschreiben, Zeichnen, da tat sie

sich hervor, aber bei der rein geistigen Arbeit war selten eine gute

Note zu sehen. Und von Anne konnte man das auch nicht erwarten, denn

sie war von der Natur ein wenig verkürzt, das Lernen fiel ihr schwer,

ohne Maries Hilfe wäre sie wohl nicht mit ihrer Klasse fortgekommen,

aber die Lehrer und Lehrerinnen hatten sich längst darein gefunden, bei

diesen Zwillingsschwestern das gemeinsame Arbeiten zu gestatten und die

Marianne als ein Ganzes zu betrachten. So schlugen sie sich schlecht

und recht miteinander durch und unter Annes Noten glänzten doch immer

zwei I, durch alle Schuljahre hindurch: im Singen und im Betragen.

Bis jetzt hatte Herr Pfäffling noch nichts Neues oder Besonderes

entdecken können und nun hielt er Frieders Zeugnis in der Hand und

staunte. Was für gute Noten hatte sich der kleine Kerl diesmal

erworben! Fast in jedem Fach besser als früher und in einer Bemerkung

des Lehrers waren seine Fortschritte und sein Fleiß besonders

anerkannt! Wie kam das nur? Es mußte wohl mit der Harmonika

zusammenhängen, die ihm früher alle Gedanken, alle freie Zeit in

Anspruch genommen hatte! Herr Pfäffling hatte seine Freude daran und es

kam ihm der Gedanke, seine Kinder seien vielleicht doch nur durch die

besseren Zeugnisse auf den Einfall gekommen, eine Durchschnittsnote

herauszurechnen. Wieviel Heftchen hatte er schon gesehen? Fünf, eines

fehlte noch, Wilhelms Zeugnis, wo war denn das? Ah, hinter den Büchern,

hatte es sich wohl zufällig verschoben? Er warf nur einen Blick hinein

und die ungewohnte Form der Zahl IV sprang ihm ins Auge. Also das

war's! Mathematik IV. Das war stark. Herr Pfäffling lief im Zimmer hin

und her. Wie konnte man nur eine so schlechte Note heimbringen! Und wie

feig, sie so zu verstecken, und wie dumm, zu meinen, der Vater ließe

sich auf diese Weise überlisten! Schlechtere Noten konnte Rudolf Meier

auch nicht heimbringen.

Er nahm das Heftchen noch einmal in die Hand. Im ganzen war das Zeugnis

etwas besser als die früheren, also Faulheit oder Leichtsinn war es

wohl nicht, aber für die Mathematik fehlte das Verständnis.

Eine Weile war Herr Pfäffling auf und ab gegangen, da hörte er jemand

an seiner Türe vorbeigehen und öffnete rasch, um Wilhelm zu rufen. Es

war Elschen. Als sie den Vater sah, sprang sie auf ihn zu, sah ihm

fragend ins Gesicht und sagte dann betrübt: "Vater, du denkst gar nicht

daran, daß morgen Weihnachten ist!" und sie schmiegte sich an ihn und

folgte ihm in sein Zimmer. Er zog sie freundlich an sich: "Es ist wahr,

Elschen, ich habe nicht daran gedacht, es ist gut, daß du mich

erinnerst."

"Die andern denken auch nicht daran," klagte die Kleine, "sie reden

immer nur von ihren Zeugnissen und freuen sich gar nicht."

"So?" sagte Herr Pfäffling und wurde nachdenklich, "am Tag vor

Weihnachten freuen sie sich nicht? Nun, dann schicke sie mir einmal

alle sechs herüber, ich will machen, daß sie sich freuen!"

Wie der Wind fuhr die Kleine durch die Zimmer und brachte ihre

Geschwister zusammen. Nun standen sie alle ein wenig ängstlich auf

einem Trüppchen dem Vater gegenüber. Es fiel ihm auf, wie sie sich so

eng aneinander drückten. Aus diesem Zusammenhalten war auch die

Durchschnittsnote hervorgegangen.

"Ihr haltet alle fest zusammen," sagte er, "das ist ganz recht, nur

gegen mich dürft ihr euch nicht verbinden, mit List und

Verschwiegenheit, das hat ja keinen Sinn! Gegen den _Feind_ verbindet

man sich, nicht gegen den _Freund_. Habt ihr einen treuern Freund als

mich? Halte ich nicht immer zu euch? Wir gehören zusammen, zwischen uns

darf nichts treten, auch kein Vierer!"

Da löste sich die Gruppe der Geschwister und in der lebhaften, warmen

Art, die Wilhelm von seinem Vater geerbt hatte, warf er sich diesem um

den Hals und sagte: "Nein, Vater, ich habe dir nichts verschweigen

wollen, nur Weihnachten wollte ich abwarten, damit es uns nicht

verdorben wird, du bist doch auch mit mir auf die Polizei gegangen,

nein, vor dir möchte ich nie etwas verheimlichen!"

"Recht so, Wilhelm," antwortete Herr Pfäffling, "was käme denn auch

Gutes dabei heraus? Es ist viel besser, wenn ich alles erfahre, dann

kann ich euch helfen, wie auch jetzt mit dieser schlechten Note. Was

machen wir, daß sie das nächste Mal besser ausfällt? Nachhilfstunden

kann ich euch nicht geben lassen, die sind unerschwinglich teuer, mit

meinen mathematischen Kenntnissen ist es nicht mehr weit her, aber wie

wäre es denn mit dir, Karl? Du bist ja ein guter Mathematiker und hast

das alles erst voriges Jahr gelernt, du könntest dich darum annehmen.

Jede Woche zwei richtige Nachhilfstunden." Karl schien von diesem

Lehrauftrag nicht begeistert. "Ich habe so wenig Zeit," wandte er ein.

"Das ist wahr, aber du wirst auch keinen bessern Rat wissen und den

Vierer müssen wir doch wegbringen, nicht? Gebt einmal den Kalender her.

Von jetzt bis Ostern streichen wir fünfundzwanzig oder meinetwegen auch

nur zwanzig Tage an für eine Mathematikstunde. Fällt eine aus, so muß

sie am nächsten Tag nachgeholt werden. Ich verlasse mich auf euch.

Macht das nur recht geschickt, dann werdet ihr sehen, im Osterzeugnis

gibt es keinen Vierer mehr." Die Brüder nahmen den Kalender her,

suchten die geeigneten Wochentage aus und ergaben sich in ihr

Schicksal, Lehrer und Schüler zu sein.

"So," sagte Herr Pfäffling, "und jetzt fort mit den Zeugnissen, fort

mit den Mathematik-Erinnerungen; Elschen, jetzt ist's bei uns so schön

wie in der Sahara, wo es keine Schule gibt! Wer freut sich auf

Weihnachten?" Während des lauten, lustigen Antwortens, das nun erklang,

und Elschens fröhlichem Jauchzen ging leise die Türe auf, ein

Lockenköpfchen erschien und eine zarte Stimme wurde vernommen: "Ich

habe schon drei Mal geklopft, Herr Pfäffling, aber Sie haben gar nicht

'herein' gerufen."

Es war Fräulein Vernagelding, die zu ihrer letzten Stunde kam. Noch

immer hatte sie Herrn Pfäffling allein im Musikzimmer getroffen, als

sie nun unerwartet die Kinder um ihn herum sah, machte sie große,

erstaunte Augen und rief: "Nein, wie viele Kinder Sie haben!" aber noch

ehe sie langsam diese Worte gesprochen hatte, waren alle sieben schon

verschwunden. "Und jetzt sind alle fort! Wie schnell das alles bei

Ihnen geht, Herr Pfäffling, ich finde das so reizend!"

Die fliehende Schar suchte die Mutter auf und fand sie in der Küche.

Als aber Frau Pfäffling die Kinder kommen hörte, ließ sie sie nicht

ein, machte nur einen Spalt der Türe auf und rief: "Niemand darf

hereinschauen," und sie sah dabei so geheimnisvoll, so verheißungsvoll

aus, daß das Verbot mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Ja, jetzt

beherrschte die Weihnachtsfreude das ganze Haus und sogar aus dem

Musikzimmer ertönte nicht die Tonleiter, sondern "Stille Nacht, heilige

Nacht". Aber falsch wurde es gespielt, o so falsch!

"Fräulein," sprach der gepeinigte Musiklehrer, "Sie greifen wieder nur

so auf gut Glück, aber Sie haben einmal kein Glück, Sie müssen _die_

Noten spielen, die da stehen."

"Ach Herr Pfäffling," bat das Fräulein schmeichelnd, "seien Sie doch

nicht so pedantisch! Das ist ja ein Weihnachtslied, dabei kommt es doch

nicht so auf jeden Ton an!" Nach diesem Grundsatz spielte sie fröhlich

weiter und nun, als der Schlußakkord kommen sollte, hörte sie plötzlich

auf und sagte: "Ich habe mir auch erlaubt, Ihnen eine kleine Handarbeit

zu machen zum täglichen Gebrauch, Herr Pfäffling."

"Den Schlußakkord, Fräulein, bitte zuerst noch den Akkord!" Da sah sie

ihren Lehrer schelmisch an: "Den letzten Akkord spiele ich lieber

nicht, denn Sie werden immer am meisten böse, wenn der letzte Ton

falsch wird."

"Aber Sie können ihn doch nicht einfach weglassen?"

"Nicht? Das Lied könnte doch auch um so ein kleines Stückchen kürzer

sein?"

Darauf wußte Herr Pfäffling nichts mehr zu sagen. Er nahm ein in

rosenrotes Seidenpapier gewickeltes Päckchen in Empfang und sagte

zuletzt zu Fräulein Vernagelding, er wolle ihr nicht zumuten, vor dem

8. Januar wieder zu kommen. Darüber hatte sie eine kindliche Freude,

und diese Freude, vierzehn Tage lang nichts mehr miteinander zu tun zu

haben, war wohl die einzige innere Gemeinschaft zwischen dem

Musiklehrer und seiner Schülerin.

In vergnügter Ferienstimmung kam er in das Wohnzimmer herüber. Er hielt

hoch in seiner Rechten das eine Ende eines buntgestickten Streifens,

das über einen Meter lang herunter hing.

"Da seht, was ich erhalten habe!" sagte er, "was soll's denn wohl sein?

Zu einem Handtuch ist's doch gar zu schön, kannst du es verwenden,

Cäcilie?" Da wurde es mit Sachkenntnis betrachtet und als eine

Tastendecke für das Klavier erkannt.

"Und das soll ich in täglichen Gebrauch nehmen, immer so ein Tüchlein

ausbreiten?" rief Herr Pfäffling erschreckt; "nein, Fräulein

Vernagelding, das ist zu viel verlangt. Ich bitte dich, Cäcilie, ich

bitte dich, nimm mir das Ding da ab!"

Herr Pfäffling hatte bis zum späten Abend keine Gelegenheit gefunden,

seiner Frau von dem Gespräch mit Herrn Rudolf Meier sen. zu erzählen.

Nun waren die Kinder zu Bett gegangen, Karl allein saß noch mit den

Eltern am Tisch, und Herr Pfäffling berichtete getreulich die Vorgänge

im Zentralhotel. Er stellte sich selbst dabei nicht in das beste Licht,

aber Frau Pfäffling war der Ansicht, daß Herr Meier die Kritik seines

Sohnes wohl auch in milderer Form übelgenommen hätte. "Es gibt so wenig

Menschen, die sich Unangenehmes sagen lassen," meinte sie. "Und wenige,

die es taktvoll anfassen," sprach Herr Pfäffling und fügte lächelnd

hinzu: "wo aber zwei solche zusammen kommen, gibt es leicht ein

glückliches Paar, nicht wahr?"

Frau Pfäffling wußte, was ihr Mann damit sagen wollte, aber Karl sah

verständnislos darein. "Du weißt nicht, was wir meinen," sagte der

Vater zu ihm, "soll ich es dir erzählen, oder ist er noch zu jung dazu,

Cäcilie?"

"O nein," rief Karl, "bitte, erzähle es!"

"Soll ich? Nun also: Wie die Mutter noch ein junges Mädchen war und

dein Großvater Professor, da kam ich als blutjunger Musiklehrer in die

kleine Universitätsstadt und machte überall meine Aufwartung, um mich

vorzustellen. Fast zuerst machte ich bei deinen Großeltern Besuch. Es

war Regenwetter und ich trug einen langen braunen Überrock und hatte

den Regenschirm bei mir."

"Du mußt auch sagen, was für einen Schirm," fiel Frau Pfäffling ein,

"einen dicken baumwollenen grünen, so ein rechtes Familiendach, wie man

sie jetzt gar nicht mehr sieht. Mit diesem Überrock und diesem Schirm

trat dein Vater in unser hübsches, mit Teppichen belegtes

Empfangszimmer, und er behielt den Schirm auch fest in der Hand, als

mein Vater ihn aufforderte, Platz zu nehmen. Meine Mutter war nicht zu

Hause, so war ich an ihrer Stelle, und mir, die ich noch ein junges,

dummes Mädchen war, kam das so furchtbar komisch vor, daß ich alle Mühe

hatte, mein Lachen zu unterdrücken."

"Ja," sagte Herr Pfäffling, "du hast es auch nicht verbergen können,

sondern hast mich fortwährend mit strahlender Heiterkeit angesehen, und

um deine Mundwinkel hat es immerwährend gezuckt. Ich aber hatte keine

Ahnung, was die Ursache war. Dein Vater verwickelte mich gleich in ein

gelehrtes Gespräch, und wenn ich dazwischen hinein einen Blick auf dich

warf, so kam es mir wunderlich vor, daß du wie die Heiterkeit selbst

dabei warst. Aber nun paß auf, Karl, nun kommt das Großartige. Als ich

wieder aufstand, äußerte ich, daß ich im Nebenhaus bei Professer Lenz

Besuch machen wollte."

"Ja," sagte Frau Pfäffling "und ich wußte, daß Lenzens zwei Töchter

hatten, so kleinlich lieblos und spöttisch, daß jedermann sie

fürchtete. Ich dachte bei mir: wenn der junge Mann im Überrock und mit

dem Schirm in der Hand bei Professer Lenz in den Salon tritt, so wird

er zum Gespött für den ganzen Kreis. Da dauerte er mich, und ich sagte

mir, ich sollte ihn aufmerksam machen, doch war ich schüchtern und

ungeschickt."

"Du hast mich auch bis an die Türe gehen lassen," fiel Herr Pfäffling

ein, "ich hatte schon die Klinke in der Hand, da riefst du mich an,

wurdest dunkelrot dabei und sagtest: 'Herr Pfäffling, wollen Sie nicht

lieber ihren Überrock und Schirm ablegen?' Ich verstand nicht gleich,

was du meintest, wollte dir doch zu Willen sein und machte Anstalt,

meinen Überrock auszuziehen. Da war es aus mit deiner Fassung, du

lachtest laut und riefst: 'Ich meine nicht, wenn Sie gehen, sondern

wenn Sie kommen!' Dein Vater aber wies dich zurecht mit einem strengen

Wort und setzte mir höflich auseinander, daß es allerdings gebräuchlich

sei, im Vorplatz abzulegen; du aber warst noch immer im Kampf mit der

Lachlust."

"Ja," sagte Frau Pfäffling, "so lange bis du freundlich und ohne jede

Empfindlichkeit zu mir sagtest: 'Lachen Sie immerhin über den Rüpel,

Sie haben es doch gut mit ihm gemeint, sonst hätten Sie ihm das nicht

gesagt.' Da verging mir das Lachen, weil die Achtung kam."

"Ja, Karl, so haben sich deine Eltern kennen gelernt," schloß Herr

Pfäffling.

8. Kapitel

Endlich Weihnachten.

Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute

ist Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an

keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht

und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so

dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch

der Mutter helfen aus Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um

6 Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob

gerne eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn

geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die

Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes

erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen

Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche

befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht

hätte.

Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der

etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus

dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die

allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber

damit war Frau Pfäffling nicht einverstanden. "Marianne," sagte sie,

"führt ihr die Kleinen in euer Stübchen und spielt ein wenig mit ihnen,

bis ich sie wieder hole." Als die Kinder weg waren, sagte Frau

Pfäffling: "Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie

ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir

einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?" "Ach,"

entgegnete die Frau, "darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder

nehmen es, wenn sie's kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken

will, sie kommen doch dahinter und dann betteln sie und lassen einem

keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist

auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa Gutes für sie bekommen

hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns

war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend."

"Wir sind auch keine reichen Leute, Schmidtmeierin, aber wenn ich auch

noch viel ärmer wäre, das weiß ich doch ganz gewiß, daß ich meinen

Kindern einen schönen heiligen Abend machen würde. Meine Kinder

bekommen auch nicht viel—das können Sie sich denken bei sieben—aber

weil keines vorher ein Stückchen sieht, so ist dann die Überraschung

doch groß. Glauben Sie, daß irgend eines von uns einen Lebkuchen oder

sonst etwas von dem Weihnachtsgebäck versuchen würde vor dem heiligen

Abend? Das käme uns ganz unrecht vor. Und wenn der Christbaum geputzt

wird, darf keines von den Kinder hereinschauen, erst wenn er angezündet

ist und alles hingerichtet, rufen wir sie herbei, mein Mann und ich,

und dann sind sie so überrascht, daß sie strahlen und jubeln vor

Freude, wenn auch gar keine großen Geschenke daliegen."

"Bei Ihnen ist das eben anders, Frau Pfäffling, mein Mann hat keinen

Sinn für so etwas und will kein Geld ausgeben für Weihnachten."

"Haben Sie kein Bäumchen kaufen dürfen?" fragte Frau Pfäffling.

"Das schon," sagte die Schmidtmeierin, "er hat selbst eines

heimgebracht und Lichter dazu."

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 7 / 16 段