die Nase stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der
Baum, obwohl er nicht groß war, unbarmherzig auf die Schulter, man
mußte ihn oft von der einen auf die andere legen, und bei solch einem
Wechsel entglitt ihm das Papierchen mit der Adresse und flatterte zu
Boden, ohne daß die steife, von der Kälte erstarrte Hand es empfunden
hätte. Nun schmerzten ihn die beiden Schultern, er trug den Baum frei
mit beiden Händen. Aber da wurde Frieder hart angefahren von einem
Mann, der ihm entgegen kam: "Du, du stichst ja den Menschen die Augen
aus, halte doch deinen Baum hinter dich, so!" und der Vorübergehende
schob ihm den Baum unter den Arm. Nach kürzester Zeit kam von hinten
eine Stimme: "Du, Kleiner, du kehrst ja die Straße mit deinem
Christbaum, halte doch deinen Baum hoch!" Ach, das war eine schwierige
Sache! Aber nun war auch die Luisenstraße glücklich erreicht. Freilich,
die Adresse war abhanden gekommen, aber Frieder hatte sich das
wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43 und im zweiten Stock und bei einer
Frau Doktor, das mußte nicht schwer zu finden sein. In Nr. 42a wollte
niemand etwas von dem Baum wissen, aber in Nr. 42b bekam Frieder guten
Bescheid, das Dienstmädchen wußte es ganz gewiß, der Baum gehörte nach
Nr. 47, die Dame war zugleich mit ihr auf dem Markt gewesen und hatte
einen Baum gekauft. Also nach Nr. 47. Als man ihm dort seinen Baum
wieder nicht abnehmen wollte, kamen ihm die Tränen, und eine mitleidige
Frau hieß ihn sich ein wenig auf die Treppe setzen, um auszuruhen.
"In der Luisenstraße wohnt nur _ein_ Doktor," sagte sie, "und das ist
Dr. Weber in Nr. 24, bei dem mußt du fragen." Unser Frieder hätte nun
lieber in Nr. 43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei
die richtige Nummer, aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als
sich selbst, und so folgte er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43
vorbei bis an Nr. 24 und hörte dort von dem Dienstmädchen der Frau Dr.
Weber, sie hätten längst einen Baum und einen viel schöneren und
größeren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Tränen herunter, und als
er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz klar, wo er
jetzt hingehen wollte—heim zur Mutter. Es mußte ja schon spät sein,
vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die
Mutter Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es dürfe nichts, gar
nichts mehr vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim!
Und es war wirklich höchste Zeit.
Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun
aber Marie und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen:
"Frieder hat versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen
Vormittag weggeblieben!"
"Er ist gewiß schon längst bei den Brüdern, im Hof, auf der Schleife.
Sieh einmal nach ihm," sagten die Schwestern.
Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu
ängstigen, nicht sowohl für den kleinen Bruder—was sollte dem
zugestoßen sein—, aber wenn er nicht zu Mittag käme, würden sich die
Eltern sorgen und darüber ärgern, daß doch wieder etwas vorgekommen
sei. "Er wird doch kommen bis zum Essen," sagten sie zueinander und,
als nun die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von allerlei, nur
nicht von Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater heim,
fröhlich und guter Dinge und fragte gleich: "Ist das Essen schon
fertig?"
"Es ist noch nicht halb ein Uhr," entgegnete Karl, der die Frage gehört
hatte. "Es wird gleich schlagen," meinte der Vater, ging aber doch noch
in sein Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: "Wenn man
nur das Essen ein wenig verzögern könnte," sagte Karl.
"Das will ich machen," flüsterte Marie, ging in die Küche, zog Walburg
zu sich und rief ihr dann ins Ohr: "Frieder ist noch nicht daheim, der
Vater wird so zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht
machen, daß man später ißt?" Walburg nickte freundlich, ging an den
Herd, deckte ihre Töpfe auf und sagte dann: "Du kannst der Mutter
sagen, den Linsen täte es gut, wenn sie noch eine Weile kochen
dürften." Da sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs Ausspruch ging
von Mund zu Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die Linsen
ganz hart.
"So?" sagte sie verwundert, "mir kamen sie weich vor, aber wir können
ja noch ein wenig mit dem Essen warten."
"Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht," sagten die
Kinder.
So vergingen fünf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er
es nur mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf,
und bei seinem Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau
Pfäffling merkte jetzt, daß etwas nicht in Ordnung war und ging auch
hinaus. Da stand Frieder ganz außer Atem, mit glühenden Backen, den
Christbaum auf der Schulter und fragte ängstlich: "Ißt man schon?"
Als er aber hörte, daß die Mutter ihn nicht vermißt hatte, und sah, wie
man seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: "Stell
ihn nur ab, du glühst ja ganz," da wurde ihm wieder leicht ums Herz.
Sie meinten alle, der Christbaum gehöre Frieder. "Nein, nein," sagte
dieser, "ich muß ihn einer Frau bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie
heißt und wo sie wohnt." Da lachten sie ihn aus und wollten alles genau
hören, auch Herr Pfäffling war hinzu gekommen und hörte von Frieders
Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Nun komm nur zu Tisch, du
kleines Dummerle, du!"
Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte,
läßt sich denken.
Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner
rechtmäßigen Besitzerin bringen könne. "Einer von euch Großen muß mit
Frieder gehen, ihm helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfäffling.
"Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus
zu Haus laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen,"
entgegnete Karl.
"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem würde
ich mich schämen."
"So, so," sagte Herr Pfäffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß
wohl ich meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der
Ecke stand, hob ihn frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte
spassend: "So werde ich durch die Luisenstraße ziehen, eine Schelle
nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum gehört, der soll sich melden.'"
"Ich denke doch," sagte Frau Pfäffling, "einer von unseren dreien wird
so gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein
Kamerad denken sollte, daß er für andere Leute Gänge macht." Sie
schwiegen aber. Da setzte Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte
sehr ernst: "Kinder, fangt nur das gar nicht an, daß ihr meint: dies
oder jenes paßt sich nicht, das könnten die Kameraden schlecht
auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs
Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf
Meier ab."
Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit
Hilfe dessen und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der
Baum in die Luisenstraße Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte.
Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir
nichts daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich hätte gar nicht
gedacht, daß es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet."
"Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir
ein Trinkgeld gibt," sagte Karl.
"Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen
Pfennig mehr."
Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins
Zimmer kam und sagte: "Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum
so lang bleibt, tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit,
deinem alten Mantel schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt."
Diesem bestimmten Befehl gegenüber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto
mußte sich bequemen, Frieder zu begleiten.
Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstraße gekommen,
als Otto plötzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und
sagte: "Da vornen kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich
aus, wenn sie meinen, ich müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück
kannst du doch den Baum selbst tragen? Und kannst dich auch selbst
entschuldigen, nicht?"
"Gut kann ich," sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach
war das nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: "Dr.
Heller", das stimmte alles ganz gut mit dem Adreßbuch und oben im
zweiten Stock stand noch einmal der Name. Diesmal war Frieder an der
rechten Türe.
Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein
wenig mit ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht früher als
Frieder nach Hause kommen. Als er sich endlich entschloß, heim zu
gehen, war es ihm nicht behaglich zumute; es reute ihn doch, daß er den
Kleinen zuletzt noch im Stich gelassen hatte. In der Frühlingsstraße
wollte er mit dem Bruder wieder zusammentreffen. Er wartete eine Weile
vergeblich auf ihn, dann ging ihm die Geduld aus, vermutlich war
Frieder schon längst daheim. Er hoffte ihn oben zu finden, aber es war
nicht so, das konnte er gleich daran merken, daß er von allen Seiten
gefragt wurde: wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun mußte er freilich
erzählen, daß er nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 den Baum
getragen, und dann mit einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hörte
man auch schon wieder jemand vor der Glastüre, das konnte Frieder sein,
und dann war ja die Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der
kleine Unglücksmensch und hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie
trauten ihren Augen kaum. "Ja Frieder, hast du denn die Wohnung nicht
gefunden?" riefen sie fast alle zugleich. Da zuckte es um seinen Mund,
er würgte an den Tränen, die kommen wollten, und preßte hervor:
"Neunmal geklingelt, niemand zu Haus!" Sie waren nun alle voll Mitleid,
aber sie konnten auch nicht verstehen, warum er nicht oben oder unten
bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hatte er eben gar
nicht gedacht. "Deshalb gibt man solch einem kleinen Dummerle einen
größeren Bruder mit," sagte Frau Pfäffling, "aber wenn der freilich so
treulos ist und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten."
"Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht," rief Wilhelm, "ich gehe mit
dem Baum und das dürft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr
zurück," und flink faßte er den Christbaum, der freilich schon ein
wenig von seiner Schönheit eingebüßt hatte, und sprang leichtfüßig
davon.
In der Luisenstraße Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und
sofort rief das Dienstmädchen: "Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch
noch!" Eine lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: "Wo
bist du denn so lang geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar
nicht, dir habe ich keinen Baum zu tragen gegeben, der gehört nicht
mir."
Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen
jungen Pfäfflingen gemacht hatte.
"Der Kleine dauert mich," sagte die junge Frau. "Das zweite Mal, als er
kam, war ich wohl mit meinem Mädchen wieder auf dem Markt, ich habe
nämlich nicht gedacht, daß er noch kommt, und habe einen andern geholt,
ich brauche ihn schon heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da
konnte ich nicht warten. Was mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr
wohl schon einen zu Haus? Ich würde euch den gern schenken."
"Wir haben noch keinen," sagte Wilhelm.
"Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten
kleinen Dicken, der so viel Not gehabt hat, möchte ich noch einen
Lebkuchen schicken, den bringst du ihm, nicht wahr?"
Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnügt mit
seinem Baum heimwärts.
Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter
angezündet, als Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe
geraubt hatten, kamen eilig mit derselben herbei, als Wilhelm
klingelte, und ließen sie vor Schreck fast aus der Hand fallen, als sie
den Baum sahen. "Der Baum kommt wieder!" schrien die Mädchen ins
Zimmer. "Unmöglich!" rief die Mutter. "Ja doch," sagte Karl, "der Baum,
der unglückselige Baum!" "Gelt," rief Frieder, "es wird nicht
aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt!"
Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab
ihn Frieder: "Der ist für dich von deiner Frau Dr. Heller, und der
Baum, Mutter, der gehört uns, ganz umsonst!" Als Herr Pfäffling heim
kam, ergötzte er sich an der Kinder Erzählung von dem Christbaum, aber
er merkte, daß es Otto nicht recht wohl war bei der Sache, und wollte
sie eben deshalb genauer hören. "Also so hat sich's verhalten," sagte
er schließlich, "vor dem Lachen der Kameraden hast du dich so
gefürchtet, daß du den Bruder und den Baum im Stich gelassen hast? Dann
heiße ich dich einen Feigling!"
Weiter wurde nichts mehr über die Sache gesprochen, aber dies eine Wort
"Feigling", vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das
brannte und schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu
vergessen. Es war auch am nächsten Morgen, an dem vierten
Adventssonntag, Ottos erster Gedanke. Es trieb ihn um, er konnte dem
Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen. Da trachtete er, mit der
Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, daß er ihr nachging, und
ließ sich allein finden, in dem Bubenzimmer. "Mutter," sagte er, "ich
kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich ihn
um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er hält mich doch für
feig."
"Ja, Otto, er muß dich dafür halten, denn du bist es gewesen und zwar
schon manchmal in dieser Art. Immer abhängig davon, wie die anderen
über dich urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft
nur ankämpfen gegen die Feigheit, Beweise liefern, daß du auch tapfer
sein kannst."
Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurückkehrten,
fehlte Otto. Er kam eine ganze Stunde später heim und dann suchte er
zuerst den Vater in dessen Zimmer auf. Herr Pfäffling sah von seinen
Musikalien auf. "Willst du etwas?"
"Ja, dich bitten, Vater, daß du das Wort zurücknimmst. Du weißt schon
welches. Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt
gestanden und habe dann für jemand einen Baum heimgetragen. Drei von
meiner Klasse haben es gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld,
die ich bekommen habe." Da sah Herr Pfäffling mit fröhlichem, warmem
Blick auf seinen Jungen und sagte: "Es gibt allerlei Heldentum, das war
auch eines; nein, Kind, du bist doch kein Feigling!"
7. Kapitel
Immer noch nicht Weihnachten.
Der letzte Schultag vor Weihnachten war gekommen. Wer sich von der
Familie Pfäffling am meisten freute auf den Schulschluß, das war gerade
das einzige Glied derselben, das noch nicht zur Schule ging, das
Elschen. Ihr war die Schule die alte Feindin, die ihr, solange sie
zurückdenken konnte, alle Geschwister entzog, die unbarmherzig die
schönsten Spiele unterbrach, die ihre dunkeln Schatten in Gestalt von
Aufgaben über die ganzen Abende warf und die auch heute schuld war, daß
die Geschwister, statt von Weihnachten, nur von den Schulzeugnissen
redeten, die sie bekommen würden.
Sie saßen jetzt beim Frühstück, aber es wurde hastig eingenommen, die
Schulbücher lagen schon bereit, und gar nichts deutete darauf hin, daß
morgen der heilige Abend sein sollte. Die Kleine wurde ganz ungeduldig
und mißmutig. "Vater," sagte sie aus dieser Stimmung heraus, "gibt es
gar kein Land auf der ganzen Welt, wo keine Schule ist?"
"O doch," antwortete Herr Pfäffling, "in der Wüste Sahara zum Beispiel
ist zurzeit noch keine eröffnet."
"Da mußt du Musiklehrer werden, Vater," rief die Kleine ganz energisch.
Aber da alle nur lachten, sogar Frieder, merkte sie, daß der Vorschlag
nichts taugte, und sie sah wieder, daß gegen die Schule ein für allemal
nichts zu machen war.
Heute sollte sie das besonders bitter empfinden. Als sie nach der
letzten Schulstunde den großen Brüdern fröhlich entgegenkam, wurde sie
nur so beiseite geschoben; die Drei waren in eifrigem, aber leise
geführtem Gespräch und verschwanden miteinander in ihrem Schlafzimmer.
Es waren nämlich die Zeugnisse ausgeteilt worden, und da zeigte es
sich, daß Wilhelm in der Mathematik die Note "4" bekommen hatte, die
geringste Note, die gegeben wurde. Das war noch nie dagewesen, die Zahl
4 war bisher in keinem Zeugnisheft der jungen Pfäfflinge vorgekommen.
"So dumm sieht der Vierer aus," sagte Wilhelm, "was hilft es mich, daß
ein paar Zweier sind, wo das letztemal Dreier waren, der Vater sieht
doch auf den ersten Blick den Vierer."
"Ja," sagte Karl, "gerade so wie unser Professor auch in der schönsten
Reinschrift immer nur die eine Stelle sieht, wo etwas korrigiert ist."
"Wenn wir es nur einrichten könnten, daß wir die Zeugnishefte erst nach
Weihnachten zeigen müßten. Meint ihr, das geht?"
"Nein," sagte Karl, "man hat sonst jeden Tag Angst, daß der Vater
darnach fragt. Aber es kann freilich die Freude verderben; hättest du
es nicht wenigstens zu einem schlechten Dreier bringen können?"
Wilhelm blieb darauf die Antwort schuldig. Die Schwestern waren
inzwischen auch mit ihren Zeugnissen heimgekommen und suchten die
Brüder auf. Marie warf nur einen Blick auf die Gruppe, dann sagte sie:
"Gelt, ihr seid schlecht weggekommen?" und da keine Antwort erfolgte,
fuhr sie fort: "Unsere Zeugnisse sind gut, besser als das letztemal,
und der Frieder hat auch gute Noten. Dann wird der Vater schon
zufrieden sein."
"Nein," sagte Wilhelm, "er wird nur meinen Vierer sehen."
"O, ein Vierer?" "O weh!" riefen die Schwestern.
"So jammert doch nicht so," rief Wilhelm, "sagt lieber, was man machen
soll, daß der Vater die Zeugnisse vor Weihnachten nicht ansieht?"
Sie berieten und besannen sich eine Weile, ein Wort gab das andere und
zuletzt wurde beschlossen, die Noten sollten alle zusammengezählt und
dann die Durchschnittsnote daraus berechnet werden. Diese mußte, trotz
des fatalen Vierers, ganz gut lauten, so daß die Eltern wohl befriedigt
sein konnten. Die Mutter hatte überdies selten Zeit, die Heftchen
anzusehen, und dem Vater wollte man die schöne Durchschnittsnote in
einem geschickten Augenblick mitteilen, dann würde er nicht weiter
nachfragen; erst nach Neujahr mußten die Zeugnisse unterschrieben
werden, bis dahin hatte es ja noch lange Zeit, so weit hinaus sorgte
man nicht. Wilhelm war sehr vergnügt über den Gedanken, Otto, der das
beste Zeugnis hatte, war zwar weniger damit einverstanden, wurde aber
überstimmt, und sie machten sich nun an die Durchschnittsberechnung.
Wilhelm holte Frieder herbei, der hatte der Mutter schon sein Zeugnis
gezeigt, nun wurde es ihm von den Brüdern abgenommen. "Seht nur," sagte
Wilhelm, "wie der sich diesmal hinaufgemacht hat!"
"Dafür kann ich nichts," sagte Frieder, "die Mutter sagt, das kommt nur
von der Harmonika. Wahrscheinlich, wenn ich eine neue zu Weihnachten
bekomme, werden die Noten wieder schlechter. Gibst du mir mein Heft
wieder, Karl?"
"Nein, das brauchen wir noch, sei nur still, daß ich rechnen kann."
"Geh lieber hinaus, Frieder," sagte Marie mütterlich, "das Elschen hat
sich so gefreut auf dich," und sie schob den Kleinen zur Türe hinaus.
Es ergab sich eine gute Durchschnittsnote, und Marie wollte es
übernehmen, sie dem Vater so geschickt mitzuteilen, daß er gewiß nicht
nach den Heften fragen würde. Sie wartete den Augenblick ab, wo Herr
Pfäffling sich richtete, um zum letztenmal vor dem Fest in das
Zentralhotel zu gehen. An seinen raschen Bewegungen bemerkte sie, daß
er in Eile war. "Vater," sagte sie, "wir haben alle unsere Zeugnisse
bekommen und die Noten zusammengezählt. Dann hat Karl berechnet, was
wir für eine Durchschnittsnote haben, weißt du, was da herausgekommen
ist? Magst du raten, Vater?"
"Ich kann mich nicht mehr aufhalten, ich muß fort, aber hören möchte
ich es doch noch gerne, eine Durchschnittsnote von allen Sechsen? Zwei
bis drei vielleicht?"
"Nein, denke nur, Vater, eins bis zwei, ist das nicht gut?"
"Recht gut," sagte Herr Pfäffling; er hatte nun schon den Hut auf und
Marie bemerkte noch schnell unter der Türe: "Die Zeugnisheftchen will
ich alle in der Mutter Schreibtisch legen, daß du sie dann einmal
unterschreiben kannst." "Ja, hebe sie nur gut auf," rief Herr Pfäffling
noch von der Treppe herauf.
Die kleine List war gelungen, die Heftchen wurden sehr sorgfältig, aber
sehr weit hinten im Schreibtisch geborgen; ungesucht würden sie da
niemand in die Hände fallen.
Herr Pfäffling freute sich jedesmal auf die Stunden im Zentralhotel,
denn es war dort mehr ein gemeinsames Musizieren als ein Unterrichten
und so betrat er auch heute in fröhlicher Stimmung das Hotel. Diesmal
stand die große Flügeltüre des untern Saales weit offen, Tapezierer
waren beschäftigt, die Wände zu dekorieren, der Besitzer des Hotels
stand mitten unter den Handwerksleuten und erteilte ruhig und bestimmt
seine Befehle. "Das ist auch ein General," dachte Herr Pfäffling,
nachdem er einige Augenblicke zugesehen hatte. Große Tätigkeit
herrschte in den untern Räumen. An der angelehnten Türe des
Speisezimmers stand ein kleiner Kellner, die Serviette über dem Arm,
einige Flaschen in der Hand und sah zu, wie eben zwei hohe Tannenbäume
in den Saal getragen wurden. Aber plötzlich fuhr der kleine Bursche
zusammen, denn hinter ihm ertönte eine scheltende Stimme: "Was stehst
du da und hast Maulaffen feil, mach daß du an dein Geschäft gehst!" Es
war Rudolf Meier, der den Säumigen so anfuhr. Als er Herrn Pfäffling
gewahrte, grüßte er sehr artig und sagte: "Man hat seine Not mit den
Leuten, heutzutage taugt das Pack nicht viel." Eine Antwort erhielt
Rudolf nicht auf seine Rede, ohne ein Wort ging Herr Pfäffling an ihm
vorbei, die Treppe hinauf.
Rudolf sah ihm nachdenklich nach. Es kam ihm öfters vor, daß er auf
seine verständigsten Reden keine Antwort bekam, und zwar gerade von den
Leuten, die er hoch stellte. Andere rühmten ihn ja oft und sagten ihm,
er spreche so klug wie sein Vater; ob wohl solche Leute, wie Herr
Pfäffling noch größere Ansprüche machten? Rudolf stellte sich die
Brüder Pfäffling vor. Wie kindisch waren sie doch im Vergleich mit ihm,
sogar Karl, der älteste; diesen Unterschied mußte ihr Vater doch
empfinden, es mußte ihm doch imponieren, daß er schon so viel weiter
war! Der kleine Kellner konnte es wohl noch bemerkt haben, wie
geringschätzig Herr Pfäffling an ihm vorübergegangen war: so etwas
erzählten sich dann die Dienstboten untereinander und spotteten über
ihn, das wußte er wohl. Ja, er hatte keine leichte Stellung im Haus.
Indessen war Herr Pfäffling die ihm längst vertraute Treppe
hinaufgesprungen. Droben empfing ihn schon das flotte Geigenspiel
seiner Schüler, und nun wurde noch einmal vor Weihnachten ausgiebig
musiziert.
"Es wird ein Ball im Hotel arrangiert zur Weihnachtsfeier," erzählte
ihm die Generalin am Schluß der Stunde, "es soll sehr schön werden."
"Ja," sagte der General, "der Hotelier gibt sich alle Mühe, seinen
Gästen viel zu bieten, er ist ein tüchtiger Mann und versteht sein
Geschäft ausgezeichnet, aber sein Sohn _spricht_ nur von Arbeit und tut
selbst keine! Der Sohn wird nichts."
Als Herr Pfäffling sich für die Weihnachtsferien verabschiedet hatte
und hinausging, sah er am Fenster des Korridors eben _den_ Sohn stehen,
über den einen Augenblick vorher das vernichtende Urteil gefällt war:
"Er wird nichts." Kann es ein traurigeres Wort geben einem jungen
Menschenkind gegenüber? Herr Pfäffling konnte diesmal nicht
teilnahmslos an ihm vorübergehen. Rudolf Meier stand auch nicht
zufällig da. Er wußte vielleicht selbst nicht genau, was ihn hertrieb.
Es war das Bedürfnis, sich Achtung zu verschaffen von diesem Mann. Ein
anderes Mittel hiezu kannte er nicht, als seine eigenen Leitungen zur
Sprache zu bringen.
"Wünsche fröhliche Feiertage," redete er Herrn Pfäffling an. "Für
andere Menschen beginnen ja nun die Ferien, für uns bringt so ein Fest
nur Arbeit."
Herr Pfäffling blieb stehen. "Ja," sagte er, "ich sehe, daß Ihr Vater
sehr viel zu tun hat, aber wenn die Gäste versorgt sind, haben Sie doch
wohl auch Ihre Familienfeier, Ihre Weihnachtsbescherung?"
"Ne, das gibt es bei uns nicht. Früher war das ja so, als ich klein war
und meine Mutter noch lebte, aber ich bin nicht mehr so kindisch, daß
ich jetzt so etwas für mich beanspruchte. Ich habe auch keine Zeit. Sie
begreifen, daß ich als einziger Sohn des Hauses überall nachsehen muß.
Die Dienstboten sind so unzuverlässig, man muß immer hinter ihnen her
sein."
"Lassen sich die Dienstboten von einem fünfzehnjährigen Schuljungen
anleiten?"
Rudolf Meier war über diese Frage verwundert. Wollte es ihm denn gar
nicht gelingen, diesem Manne verständlich zu machen, daß er eben kein
gewöhnlicher Schuljunge war?
"Ich habe keinen Verkehr mit Schulkameraden," sagte er, "in jeder
freien Stunde, auch Sonntags, bin ich hier im Hause beschäftigt."
"Sie kommen wohl auch nie in die Kirche?"