beiseite, "warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf
diesen Vorwurf versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein
Möglichstes getan, daß man ihm glauben mußte. Die ganze
Geschwisterschar fing nun an, aufzubegehren über den unguten Mann, der
trotzdem auf der Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie zur Ruhe
wies; sie wollte noch genau hören, wie die Sache sich zugetragen, und
woher man seinen Namen gewußt habe. Das letztere konnte aber Wilhelm
nicht erklären. "Muß ich denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um
welche Zeit?"
"Um 11 Uhr."
"Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muß ich es
dem Professor sagen, dann erfährt es der Rektor und schließlich kommt
die Sache noch ins Zeugnis!"
"Natürlich erfährt das der Rektor," sagte Herr Pfäffling, "die anderen
sind jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!"
Es war eine Weile still, jedes dachte über den Fall nach. "Könntest du
nicht etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfäffling zu
ihrem Mann, "und ein gutes Wort für ihn einlegen?"
Herr Pfäffling überlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der
Musikschule, da kann ich unmöglich fort. Das muß er schon allein
ausfechten. Es kann ihm auch nicht viel geschehen, wenn es sich nur um
einen Schneeballen an die Schulter handelt; war auch gewiß sonst gar
nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum glauben!"
"Gar nichts, als daß die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen
haben, dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geärgert.
Besonders der Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl."
"Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heißt es mitgefangen,
mitgehangen." Elschen drückte sich an die Mutter und sagte kläglich:
"Jetzt wird Weihnachten gar nicht schön." Und es widersprach ihr
niemand, für diesen Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude
aus dem Hause gewichen.
Noch spät abends, im Bett, flüsterten die beiden Schwestern zusammen,
berieten, ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt würde,
und als Anne eben im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und
sagte: "Das ärgste ist mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der
Polizei hört, dann kündigt er uns!"
Da war es denn schon wieder in der Familie Pfäffling, das
Schreckgespenst, die Kündigung!
So bangen Herzens, wie am nächsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie
auf den Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein
Briefchen mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine
Angst, ein Unrecht ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr
doch angemerkt, wie unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte
zufällig gehört, wie der Vater zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von
vier Buben muß sich auf allerlei gefaßt machen."
In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Übeltätern zu
erkundigen. "Müßt ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die
übrigen Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen!
"Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu
Baumann, "dich hat der Schutzmann aufgeschrieben."
"Es ist nicht wahr."
"Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Nähe und habe es
deutlich gesehen."
Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als
der Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung
seiner Schüler und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn
Pfäfflings Brief reichte und er las, um was es sich handelte,
erkundigte er sich gleich, ob noch mehrere vorgeladen seien, und als er
hörte, daß Pfäffling der einzige sei, sagte er: "Dann möchte ich mir
auch ausbitten, daß die anderen sich nicht darum kümmern. Es ist schon
störend genug, daß einer vor Schluß der Stunde fort muß, gerade heute,
wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird. Wer sich
sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken
zusammen!"
So wurde äußerlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht
zu bemerken, wie dem einen Schüler das Herz klopfte vor innerer
Entrüstung, daß er allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen
vor Angst darüber, daß sein Betrug an den Tag kommen würde.
Kurz vor elf Uhr verließ Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors
das Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten
Gängen und auf der breiten Treppe, die nicht für so ein einzelnes
Bürschlein berechnet war, sondern für einen Trupp fröhlicher Kameraden.
Heute begleitete ihn keiner, den sauern Gang auf die Polizei mußte er
ganz allein tun. Und nun betrat er das große Gebäude, in dem er ganz
fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der Hand und las: Erster
Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner kümmerte sich um
ihn; vor mancher Zimmertüre standen Männer und Frauen und warteten. Nun
war er bei Nr. 10, die übernächste Türe mußte die richtige sein, Nr.
l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann—und das war Herr Pfäffling.
"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze
Qual, die Angst und die ganze Wonne der Erlösung. Herr Pfäffling faßte
ihn bei Hand. "Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht,"
sagte er, "jetzt komm nur schnell herein, daß wir bald fertig werden!"
Im Zimmer Nr. 12 saß ein Polizeiamtmann.
Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache:
Wilhelm war angezeigt worden, weil er Herrn Sekretär Floßmann mit
Schneeballen getroffen, darnach in frecher Weise gelacht und das
Schneeballenwerfen in unmittelbarer Nähe fortgesetzt habe.
"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann.
"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber
weiter nichts." Nun mischte sich Herr Pfäffling ins Gespräch: "Du hast
mir erzählt, daß du dich ausdrücklich entschuldigt habest und sofort
heimgegangen seiest." Da lächelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte
wohl der Vater besänftigt werden, in Wahrheit verhielt sich's aber,
nach der Aussage des Herrn Sekretärs und des Schutzmanns ganz anders,
und Sie werden begreifen, daß ich diesen mehr Glauben schenke als dem
Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des Herrn Sekretär
Floßmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen eines
Vergehens entschuldigt hat."
"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfäffling, "daß sowohl Frechheit
als Lüge auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich wäre sonst nicht
mit ihm gekommen, sondern hätte mich seiner geschämt. Wäre es nicht
möglich, den Herrn Sekretär oder den Schutzmann zu sprechen?"
"Gewiß," sagte der Amtmann, "Herr Sekretär hat seine Kanzlei oben und
der Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen
Polizeidiener. "Bitten Sie Herrn Sekretär Floßmann, einen Augenblick zu
kommen und rufen Sie den Schutzmann Schmidt herein."
"Wir machen zwar gewöhnlich nicht so viel Umstände, wenn es sich um
solch eine Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie
es wünschen, können Sie von den beiden selbst hören, wie der Verlauf
der Sache war."
Ein paar Minuten später trat der Sekretär Floßmann und gleich darnach
der Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen
der Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte
noch weiter sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretär Floßmann ins Wort,
indem er sich an den Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn
gerade _diesen_ Jungen aufgeschrieben, den einzigen, der sofort
aufgehört hat zu werfen, und der sich in aller Form entschuldigt hat,
der mir selbst noch den Schnee abgeschüttelt hat?" und indem er auf
Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir zwei sind in
aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte ich
nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann ärgerlich an den
Schutzmann: "Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie möglich
gemacht?" Der rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfäffling,
den ich aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein
rotes Gesicht. Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?"
"Nein, aber es heißt keiner Wilhelm Pfäffling außer mir."
"Oho," sagte der Amtmann, "da kommt es auf eine falsche Namensangabe
hinaus, das muß ein frecher Kamerad sein. Kannst du dir denken, wer dir
den Streich gespielt hat?" fragte er Wilhelm. Der besann sich nicht
lange. "Jawohl," sagte er, "es ist nur ein solcher Gauner in unserer
Klasse."
"Wie heißt er?" Da sah Wilhelm seinen Vater an und sagte zögernd: "Ich
kann ihn doch nicht angeben?"
"Nein," sagte Herr Pfäffling, "du weißt es ja doch nicht gewiß, und
deine Menschenkenntnis ist nicht groß."
"Den Schlingel finde ich schon selbst heraus, den erkenne ich wieder,"
sagte der Schutzmann, "ich fasse ihn ab um 12 Uhr, wenn die Schule aus
ist."
Nun wandte sich der Amtmann an Herrn Pfäffling: "Ich bedaure das
Versehen," sagte er, und Wilhelm entließ er mit den Worten: "Du kannst
nun gehen, aber halte dich an bessere Kameraden und paß auf mit dem
Schneeballenwerfen, in den Straßen ist das verboten, dazu habt ihr
euren Schulhof!"
Vater und Sohn verließen miteinander das Polizeigebäude. "O Vater,"
rief Wilhelm, sobald sie allein waren, "wie bin ich so froh, daß du
gekommen bist! Mir allein hätte der Polizeiamtmann nicht geglaubt."
"Du hast dich auch nicht ordentlich verteidigt, hast ja nicht einmal
erzählt, wie der Verlauf war. Bei uns zu Hause hast du deine Sache viel
besser vorgebracht."
"Mir geht das oft so, Vater, wenn ich spüre, daß man mir doch nicht
glauben wird, dann mag ich gar nichts zu meiner Verteidigung sagen. Oft
möchte ich etwas erzählen oder erklären, wie es gemeint war, dann denke
ich: ihr haltet das doch nur für Schwindel und Ausreden, und dann
schweige ich lieber."
"Ich kenne das, Wilhelm, es kommt daher, weil es so wenig Menschen
genau mit der Wahrheit nehmen, dann trauen sie auch den andern keine
strenge Wahrhaftigkeit zu. Aber da darf man sich nicht einschüchtern
lassen. Wer recht wahrhaftig ist, darf alles sagen und Glauben dafür
fordern. Halte du es so, und wird dir etwas angezweifelt, so sage du
ruhig zu demjenigen: 'Habe ich dich schon einmal angelogen?' Aber
freilich mußt du sicher sein, daß er darauf 'nein' sagt."
Die Beiden waren inzwischen dem Marktplatz nahe gekommen, wo ihre Wege
auseinandergingen.
"War es dir recht ungeschickt, Vater, aus der Probe wegzukommen?"
fragte Wilhelm. "Höllisch ungeschickt!" sagte Herr Pfäffling, "ich
mochte den Grund nicht angeben, ich sagte nur schnell den
Nächstsitzenden etwas von Familienverhältnissen und lief davon; wer
weiß, was sie sich gedacht haben. Der junge Lehrer wird mich inzwischen
vertreten haben, so gut er es eben versteht."
"Ich danke dir, Vater," sagte Wilhelm, als er sich trennte, und ganz
gegen die Gewohnheit der Familie Pfäffling griff er rasch nach des
Vaters Hand, küßte sie und lief davon.
Als Herr Pfäffling zu der musikalischen Jugend zurückkam, sah er viele
freundlich lächelnde Gesichter und dachte sich: Die haben es doch schon
erfahren, daß du mit deinem Wilhelm auf der Polizei warst, es bleibt
nichts verborgen. "Darf man gratulieren?" fragte ihn leise eine
Bekannte, als er nahe an ihr vorbeiging. "Jawohl," sagte er, "es ist
gut vorübergegangen." Nach ein paar Minuten war er mit vollem Eifer bei
der Musik, und Wilhelm in gehobener Stimmung bei seinem griechischen
Schriftsteller.
"Dir ist es offenbar gnädig gegangen auf der Polizei," sagte der
Professor nach der Stunde zu Wilhelm.
"Ja, Herr Professor, es war eine Verwechslung, ich war gar nicht
aufgeschrieben worden, ein anderer hat meinen Namen statt seinem
angegeben."
"Wer? Einer aus meiner Klasse?"
"Wer das war, will der Schutzmann erst herausbringen," antwortete
Wilhelm.
Der Professor hatte kaum das Schulzimmer verlassen, als alle Kameraden
sich um Wilhelm drängten und näheres erfahren wollten, auch Baumann war
unter ihnen. Der eine, der schon am Morgen behauptet hatte, daß Baumann
aufgeschrieben worden sei, sagte ihm frei ins Gesicht: "Du hast den
falschen Namen angegeben." Da versuchte er nimmer zu leugnen, sondern
fing an, sich zu entschuldigen: "Dem Pfäffling hat das doch nichts
geschadet, für mich wäre es viel schlimmer gewesen. Du mußt mir's nicht
übelnehmen, Pfäffling, ich habe ja vorher gewußt, daß dir das nichts
macht."
"So? frage einmal meinen Vater, ob ihm so etwas nichts macht?" rief
Wilhelm, "du bist ein Tropf, ein Lügner, das sage ich dir; aber dem
Polizeiamtmann habe ich dich nicht verraten. Wenn dich der Schutzmann
nicht wieder erkennt, dann kann es ja wohl sein, daß du dich
durchgeschwindelt hast." Nun sprang einer der Kameraden die Treppe
hinunter, um zu sehen, ob ein Polizeidiener unten stehe. Richtig war es
so. Da wurde verabredet, Baumann in die Mitte zu nehmen, einige Größere
um ihn herum und dann in einem dichten Trupp die Treppe hinunter und
bis um die nächste Straßenecke zu rennen. So geschah es. Die meisten
Klassen des Gymnasiums hatten sich schon entleert; der Schutzmann stand
lauernd am Tor. Da, plötzlich tauchte ein Trupp von Knaben auf und
schoß an ihm vorbei, in solcher Geschwindigkeit, daß er auch nicht
_ein_ Gesicht erkannt hatte. Ärgerlich ging er seiner Wege, aber hatte
er den Übeltäter auch noch nicht fassen können, das war ihm jetzt
sicher, daß er zu dieser Klasse gehörte, und er sollte ihm nicht
entgehen.
Wie war für Frau Pfäffling dieser Vormittag daheim so lang und so
peinlich! Immer mußte sie an Wilhelm denken. 'Er hat gewiß nichts
getan, was strafwürdig ist,' sagte sie sich und dann fragte sie sich
wieder: 'warum ist er dann vorgeladen?' Gestern hatte sie in fröhlicher
Stimmung alles vorbereitet für das Weihnachtsgebäck, heute hätte sie es
am liebsten ganz beiseite gestellt, alle Lust dazu war weg. Sie mühte
sich sonst so gern den ganzen Vormittag im Haushalt und dachte dabei:
'Wenn Mann und Kinder heimkommen von fleißiger Arbeit, sollen sie es zu
Hause gemütlich finden.' Aber wenn die Kinder nicht ihre Schuldigkeit
taten, wenn sie draußen Unfug trieben, sollte man dann daheim Zeit und
Geld für sie verwenden?
In dieser Stimmung sah Frau Pfäffling diesen Morgen manches, was ihr
nicht gefiel. Im Bubenzimmer lagen Hausschuhe, nur so leichthin unter
das Bett geschleudert; häßlich niedergetreten waren sie auch, wie oft
hatte sie das schon verboten! Im Wohnzimmer lag ein Brief, den hätten
die Kinder mit zum Schalter nehmen sollen, alle sechs hatten sie ihn
sehen müssen, alle sechs hatten ihn liegen lassen, sogar Marianne, die
doch als Mädchen allmählich ein wenig selbst daran denken sollten, ob
nichts zu besorgen wäre! Das waren lauter Pflichtversäumnisse, und wer
daheim die Hausgesetze nicht beachtete, der konnte leicht auch draußen
gegen die Ordnung verstoßen. Aber freilich müßte die Mutter ihre Kinder
fester dazu anhalten, strenger erziehen, als sie es tat! Sie selbst war
schuld.
Elschen, die nicht wußte oder nimmer daran dachte, was die Mutter heute
bedrückte, kam in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung herbeigesprungen.
Walburg hatte ihr die Teigschüssel ausscharren lassen. "Mutter," rief
die Kleine, "die Backröhre ist schon geheizt!" Aber die Mutter hatte
heute einen unglückseligen Blick. An dem ganzen kleinen Liebling sah
sie nichts als drei Streifen, Spuren von Teig an der Schürze.
"Else, dahin hast du deine Finger gewischt," sagte sie mit ungewohnter
Strenge, "gestern erst habe ich dir gesagt, du sollst deine Hände
waschen, und nicht an die Schürze wischen," und sie patschte fest auf
die kleinen Hände. Das Kind zog leise weinend ab, und die Mutter sagte
sich vorwurfsvoll: 'Deine Kinder sind alle unfolgsam!' Darnach ging sie
aber doch zum Backen in die Küche, das angefangene mußte trotz allem
vollendet werden. Sie wollte den Schlüssel zum Küchenschrank mit
hinausnehmen, fand ihn nicht gleich und dachte bekümmert: 'Wo die
Hausfrau selbst ihre Ordnung nicht einhält, muß freilich die ganze
Wirtschaft herunterkommen!' In dieser schwarzsichtigen Stimmung
vergingen ihr langsam die Stunden, und gegen Mittag sah sie in
ängstlicher Spannung nach den Kindern aus. Diese hatten sich alle auf
dem Heimweg zusammengefunden und in der Frühlingsstraße holte auch Herr
Pfäffling sie ein. Die Losung war nun: "Nur schnell heim zur Mutter,
sie allein ist noch in Angst, hat keine Ahnung, wie gut sich alles
gelöst hat. Wie wird sie sorgen und warten, wie wird sie sich freuen!"
Aber nicht nur Frau Pfäffling paßte auf die eilig Heimkehrenden, auch
Frau Hartwig sah heute Mittag nach ihnen aus, freilich aus einem ganz
andern Grund. Sie hatte diesen Morgen an die Haustüre einen großen
Bogen Papier genagelt, auf dem mit handgroßen roten Buchstaben
geschrieben stand:
Man bittet die Türe zu schließen!
Darüber lachte ihr Mann sie aus und versicherte, es würde gar nichts
helfen, die Pfäfflinge würden die Türe offen stehen lassen.
Die Hausfrau nahm ihre Mietsleute in Schutz. "Sie sind viel
ordentlicher, als du denkst. Wilhelm und Otto sind ja ein wenig
flüchtig, aber Karl ist immer aufmerksam und auch die Mädchen sind
manierlich; der kleine Frieder sogar wird zumachen, wenn er hört, daß
es mich sonst friert. Du wirst sehen, die Haustüre wird geschlossen."
Um das zu beobachten stand nun die Hausfrau am Fenster, sah wie die
Familie Pfäffling sieben Mann hoch heim kam—eifriger sprechend als
sonst, hörte sie die Treppe hinauf gehen—noch flinker als gewöhnlich,
ging dann hinaus, um nachzusehen und fand die Haustüre offen stehend,
so weit sie nur aufging.
Kopfschüttelnd schloß sie selbst die Türe. Aber sie verlor nicht den
guten Glauben an ihre Mietsleute. Sie hatte ihnen ja wohl angemerkt,
daß heute etwas besonderes los war.
Im Zimmer fragte Herr Hartwig: "Nun, wer hat denn zugemacht?" Etwas
kleinlaut erwiderte sie: "Zugemacht habe ich."
Droben herrschte nach überstandener Angst große Freude; auch Frau
Pfäffling war es wieder leicht ums Herz, glücklich und dankbar saß die
ganze Familie am Essen. Aber doch—zwischen Suppe und Fleisch—sagte die
Mutter: "Marianne, warum habt ihr den Brief nicht in den Schalter
geworfen?"
"Vergessen!"
"So geht jetzt und besorgt ihn."
"Aber doch _nach_ dem Essen?" fragte fast einstimmig der Kinderchor.
"Nein, nein, eben zwischen hinein, damit ihr es merkt. Ich kann euch
nicht helfen, ich hätte gar kein gutes Gewissen, wenn ich es nicht
verlangte." Da widersprach niemand mehr, die Mutter konnte man sich
nicht mit schlechtem Gewissen vorstellen. Die Mädchen gingen mit dem
Brief, Herr Pfäffling sah seine Frau verwundert an.
Sie ging nach Tisch mit ihm in sein Zimmer. Da sagte sie ihm, wie
schwer es ihr den ganzen Vormittag zumute gewesen sei, und es kamen ihr
fast jetzt noch die Tränen. Sie sprachen lange miteinander, dann kehrte
Herr Pfäffling in das Wohnzimmer zurück, wo die Großen noch beisammen
waren.
"Hört, ich möchte euch dreierlei sagen: Erstens: sorgt jetzt, daß vor
Weihnachten nichts mehr vorkommt, gar nichts mehr, denn bis man weiß,
wie die Sachen hinausgehen, sind sie doch recht unangenehm, besonders
für die Mutter. Zweitens: Sagt dem Baumann: er solle sich bei Herrn
Sekretär Floßmann entschuldigen, sonst werde es schlimm für ihn
ausgehen. Drittens: Walburg soll eine Tasse Kaffee für die Mutter
machen, es wird ihr gut tun, oder zwei Tassen."
Einer von Herrn Pfäfflings guten Ratschlägen konnte nicht ausgeführt
werden, denn Wilhelm Baumann wurde noch an diesem Nachmittag aus der
Schule weg und auf die Polizei geholt und war von da an aus dem
Gymnasium ausgewiesen.
Am Abend überbrachte ein Dienstmädchen einen schönen Blumenstock—eine
Musikschülerin ließ Frau Pfäffling gratulieren.
"Ich werde morgen hinkommen und mich bedanken," ließ Herr Pfäffling
sagen.
Ja, es gibt allerlei Freuden, zu denen man gratulieren kann! Warum
nicht auch, wenn ein unschuldig Verklagter freigesprochen wird? Oder
war etwas anderes gemeint?
6. Kapitel
Am kürzesten Tag.
Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Um dieselbe
Tageszeit, wo im Hochsommer die Sonne schon seit fünf Stunden am Himmel
steht, saß man heute noch bei der Lampe am Frühstückstisch, und als
diese endlich ausgeblasen wurde, war es noch trüb und dämmerig in den
Häusern. Allmählich aber hellte es sich auf und die Sonne, wenn sie
gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch ihre schrägen Strahlen
den Menschenkindern, die heute so besonders geschäftig durcheinander
wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich der
Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Jedermann wollte die
wenigen hellen Stunden benützen, um Einkäufe zu machen. Wieviel Gänse
und Hasen wurden da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbäume!
Auf den Plätzen der Stadt standen sie ausgestellt, die Fichten und
Tannen, von den kleinsten bis zu den großen stattlichen, die bestimmt
waren, Kirchen oder Säle zu beleuchten.
Mitten zwischen diesen Bäumen, von ihrem weihnächtlichen Duft und
Anblick ganz hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser
kleiner Frieder. Er hatte für den Vater etwas in der Musikalienhandlung
besorgt, kam nun heimwärts über den Christbaummarkt und konnte sich
nicht trennen. Nun stand er vor einem Bäumchen, nicht größer als er
selbst, saftig grün und buschig. Sie mochten vielleicht gleich alt
sein, dieser Bub und dies Bäumchen und sahen beide so rundlich und
kindlich aus. Sie standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet und
wie wenn sie zusammen gehörten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum.
"Du! dich meine ich, hörst du denn gar nichts; _so_ wirst du nicht viel
verdienen!" sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand
legte sich von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus
einem Traum, wandte sich und sah sich zwei Frauen gegenüber. Die ihn
angerufen hatte, war eine große, derbe Person, eine Verkäuferin. Die
andere eine Dame mit Pelz und Schleier. "Pack an, Kleiner, du sollst
der Dame den Baum heimtragen, du weißt doch die Luisenstraße?" sagte
die Frau und legte ihm den Baum über die Schulter.
"Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?" fragte
die Dame.
"O bewahre," meinte die Händlerin, "der hat schon ganz andere Bäume
geschleppt, sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm
heim gehen." "Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller," sagte die Dame.
"Sieh, auf diesem Papier ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur
nicht auf, daß dich's nicht in die Hände friert." Da Frieder immer noch
unbeweglich stand, gab ihm die Verkäuferin einen kleinen Anstoß in der
Richtung, die er einzuschlagen hatte.
Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der
andern, trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, daß
er mehr aus Mißverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wußte es
aber nicht gewiß. Die Damen konnten die Bäume nicht selbst tragen, so
mußten eben die Buben helfen. Er sah manche mit Christbäumen laufen,
freilich meist größere. Er war eigentlich stolz, daß man ihm einen
Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt nur die Brüder begegnet
wären oder gar der Vater!