euch und das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als
ihr. Da ist zum Beispiel vorige Woche eine russische Familie
angekommen, Familie ersten Rangs, offenbar steinreiche Leute, gehören
zur feinsten Aristokratie. Haben fünf Zimmer im ersten Stock vorn
heraus gemietet. Sie beabsichtigen offenbar lange zu bleiben, sieben
riesige Koffer. Werden wohl die Revolution fürchten, haben ihr Geld
glücklich noch aus Rußland herausgebracht und warten nun in Deutschland
ab, wie sich die Dinge in Rußland gestalten. Gegen solche Gäste ist man
artig, das begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater,
sie möchte ihren beiden Söhnen Unterricht geben lassen von einem
Professor, welchen er wohl empfehlen könnte? Mein Vater verspricht ihr
sofort Auskunft, kommt natürlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit.
Nun heißt es: 'Rudolf, mach deine Aufwartung droben. Besprich die
Unterrichtsfächer, gib guten Rat, nenne feine Professoren mit
liebenswürdigen Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn Professoren
aufzufordern und den Unterricht in Gang zu bringen.'
"Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine
Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spürst gleich, daß du mit
wirklich Adeligen zu tun hast, und der große Herr mit seiner
militärischen Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem
Seidenkostüm imponieren dir, du mußt dich schon zusammennehmen. Die
zwei jungen Herrn sehen dich auch so an, als wollten sie sagen: Ist das
ein Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu reden oder nicht?
"Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblüffen. Es
hat ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen
Professoren gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, daß ich genug
zu laufen hatte, bis ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich
wohl noch nicht fertig, denn sie haben gestern ein Pianino gekauft,
eine Violine haben sie auch, da wird sich's um Musikunterricht
handeln."
Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht—wenn das ein Pfäffling
hört, so klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den
Musikunterricht geben?" fragte er.
"Weiß ich nicht."
"Meier, da könntest du meinen Vater empfehlen."
"Warum nicht, das kann man schon machen. Das heißt, für solche
Herrschaften muß man immer das feinste wählen."
"Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht."
"Wohl, wohl, aber so ein _Titel_ fehlt, Professor oder Direktor oder so
etwas, das hören sie gern."
"Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als
Direktor nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen
ist. Er hat schon seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren
für ihn. Nur ist es noch nichts geworden, weil erst gebaut werden muß."
"Dann kann ich wohl etwas für ihn tun," sagte Rudolf Meier
herablassend, "vorausgesetzt, daß sie sich bei mir nach dem Musiklehrer
erkundigen und nicht bei den Professoren."
"Dem mußt du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, mußt
du mit den Russen sprechen."
"Meinst du, da könnte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du
hast keinen Begriff von Umgangsformen."
"Nein," sagte Otto, "wie man das machen muß, weiß ich freilich nicht,
aber wenn _du das_ nicht zustande bringst, dann möchte ich wohl wissen,
was du kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar
nichts und dein Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal
in deinem Zentralhotel etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein
Schwindel."
"Ich vermag viel im Hotel."
"So beweise es!"
"Werde ich auch. Vergiß nicht, daß du mir deine Hefte versprochen
hast."
So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnügt heim, rief die
Geschwister zusammen und erzählte von der schönen Möglichkeit, die sich
für den Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum
Unterricht zu bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel
zu und kamen überein, daß sie den Eltern zunächst kein Wort sagen
wollten, es sollte nicht wieder eine Enttäuschung geben.
Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am nächsten Tag,
in einer Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen
Vater empfehle, gibst du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?"
"_Zehn_ Aufsätze," sagte Otto, "mach aber, daß es _bald_ so weit
kommt."
Einen Augenblick später traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und
erzählte ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause
vorüber war, faßte er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du
solltest das zurücknehmen, so eine Handelsschaft gefiele dem Vater
nicht. So möchte er die Stunden gar nicht annehmen. Sag du dem Rudolf
Meier, er soll seine Aufsätze selbst machen, zu solch einem Handel sei
unser Vater viel zu vornehm."
Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern
der Ärger eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter
Schwindler." So ging die Sache aus und die Kinder waren nur froh, daß
sie darüber geschwiegen hatten. Sie dachten längst nicht mehr daran,
als eines Nachmittags Wilhelm meldete: "Vater, der Diener vom
Zentralhotel hat diesen Brief für dich abgegeben, er soll auf Antwort
warten."
Frau Pfäffling begriff nicht die Blicke glücklichen Einverständnisses,
die die Kinder wechselten, während ihr Mann die Karte las, auf der
höflich angefragt wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und
Klavierstunden vorstellen möchte. Die Karte war an Herrn Direktor
Pfäffling adressiert, und als die Brüder diese Aufschrift bemerkten,
flüsterten sie lachend einander zu: Ein Schwindler ist er trotzdem, der
Rudolf Meier!
Der Diener des Zentralhotels bekam für die Überbringung einer so
erwünschten Botschaft ein so schönes Trinkgeld, wie er es von dem
schlichten Musiklehrer nie erwartet hätte, und als er Herrn Meier
senior ausrichtete, daß Herr Direktor Pfäffling noch diesen Nachmittag
erscheinen werde, fügte er hinzu: "Es ist ein sehr feiner Herr."
Bei Pfäfflings war große Freude. Otto erzählte alles, was Rudolf Meier
von dem Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hörten ihm
zu, er war stolz und glücklich und konnte gar nicht erwarten, bis der
Vater sich auf den Weg nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell
ging das nicht, im Hausgewand konnte man dort nicht erscheinen. Herr
Pfäffling suchte hervor, was er sich neulich zu seiner Vorstellung in
Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht wieder eine Enttäuschung
gibt," sagte er, während er sich eine seine Krawatte knüpfte, "wer
weiß, wie die hohen Aristokraten sich in der Nähe ausnehmen, mit denen
dieser Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfäffling hatte aber gute Zuversicht:
"Das erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen
gelten für ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere
Schüler bekommen als Fräulein Vernagelding."
"Ach, die Unglückselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr
Pfäffling, "ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurück sein, für
meine Marterstunde."
Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die
andern, er fühlte sich doch als der Anstifter des ganzen.
Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war
schon der Abenddämmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch
die Ganglampe war schon angezündet und von Marie und Anne in ihr
Stübchen geholt worden. Um fünf Uhr war Fräulein Vernageldings Zeit.
Frau Pfäffling wurde unruhig. So gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute
schien er sich doch zu verspäten. Nun schlug es fünf Uhr, es klingelte,
Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe herbei.
Zwischen Fräulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmählich
eine kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig
herbeikamen mit der Lampe und gefällig Hilfe leisteten bei dem Anziehen
der Gummischuhe, dem Zuknöpfen der Handschuhe und dem Aufstecken des
Schleiers, so freute dies das Fräulein und es plauderte mit den viel
jüngern Mädchen wie mit ihresgleichen. Als sie nun heute hörte, daß
Herr Pfäffling noch nicht da sei, schien sie ganz vergnügt darüber,
lachte und spaßte mit den Schwestern.
"Herr Pfäffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen
heißt so?"
"So heißen wir bloß miteinander," antworteten sie, "wir können es
eigentlich nicht leiden, jede möchte lieber ihren eigenen Namen, Marie
und Anne, aber so ist's eben bei uns."
Das fand nun Fräulein Vernagelding so komisch, daß ihr etwas albernes
Lachen über den ganzen Gang tönte. Sie hatte inzwischen abgelegt.
"Mutter sagte, Sie möchten nur einstweilen anfangen, Klavier zu
spielen," richtete Marie aus.
"Ach nein," entgegnete das Fräulein, "ich möchte viel lieber mit Ihnen
plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muß doch sein. Es
lautet nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnädiges Fräulein spielen
Klavier? und man muß antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint
Mama. Mein voriger Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer,
ich sei unmusikalisch. Herr Pfäffling ist schon mein vierter Lehrer.
Die Herrn wollen immer nur musikalische Schülerinnen, es kann aber doch
nicht jedermann musikalisch sein, nicht wahr? Man muß es doch auch den
Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?"
"Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da wäre es doch
zuviel für den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt
bloß die, die recht musikalisch sind."
Die drei Mädchen, an der Türe stehend, fuhren ordentlich zusammen, so
plötzlich stand Herr Pfäffling bei ihnen. Im Bewußtsein seiner
Verspätung war er mit wenigen großen Sätzen die Treppe heraufgekommen.
Fräulein Vernagelding tat einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie
mich erschreckt, Herr Pfäffling, aber wie fein sehen Sie heute aus, so
elegant." Herr Pfäffling unterbrach sie: "Wir wollen nun keine Zeit
mehr verlieren, bitte um Entschuldigung, daß ich Sie warten ließ."
"O, es war ein so reizendes Viertelstündchen," hörte man sie noch
sagen, ehe sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen
Augenblick nachher wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer
ein sicheres Zeichen war, daß Fräulein Vernagelding am Klavier saß.
"Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen
ist?" wurden Marie und Anne von den Brüdern gefragt. Sie wußten nichts
zu sagen, man mußte sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am
schwersten, und er paßte und spannte auf das Ende der Klavierstunde,
und im selben Augenblick, wo Fräulein Vernagelding durch die eine Türe
das Zimmer verließ, schlüpfte er schon durch den andern Eingang hinein
und fragte: "Vater, wird etwas aus den Russenstunden?" Herr Pfäffling
lachte vergnügt. "Wo ist die Mutter," sagte er, "komm, ich erzähle es
euch im Wohnzimmer," und schon unter der Tür rief er: "Cäcilie,
Cäcilie," und seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Küche
herbeigeholt werden. Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn
ich kaum meine Tassen abstellen darf, dann muß es auch im Zentralhotel
gut ausgefallen sein!"
"Über alles Erwarten," rief Herr Pfäffling, "eine durch und durch
musikalische Familie, die beiden Söhne feine Violinspieler, ich glaube
kaum, daß wir _einen_ solchen Schüler in der Musikschule haben, und
ihre Mutter spielt Klavier mit einer Gewandtheit, daß es ein Hochgenuß
sein wird, mit ihr zusammen vierhändig zu spielen. Aber nun will ich
euch erzählen. Im Vorplatz des Zentralhotels hat mich ein junges
Herrchen empfangen, den ich nach deiner Beschreibung, Otto, gleich als
Rudolf Meier erkannt habe. Der führt mich nun in einen kleinen Salon,
spricht mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich, der Schlingel,
kein Mensch denkt, daß man einen Schuljungen vor sich hat, der von so
einem Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte
mir nun, er habe es für besser gehalten, mich als Herr Direktor
einzuführen, und ich möchte nur auch meine Honoraransprüche darnach
richten, die Familie würde sonst nicht an den Wert meiner Stunden
glauben, solchen Leuten gegenüber müsse man hohe Preise machen. Dann
geleitete er mich die breite, mit dicken Teppichen belegte Treppe
hinauf. Rudolf Meier fühlte sich ganz als mein Führer, klopfte für mich
an und stellte mich dem russischen General als Herrn Direktor Pfäffling
vor. Eine Weile blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm Notiz
nahm, empfahl er sich.
"Der General ist schon ein älterer Herr mit grauem Bart und ist nicht
mehr im Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen
durchdringenden Blick. Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei
jungen Söhnen vor und bot mir einen Platz an. Aber sie waren alle
ziemlich zurückhaltend, vielleicht hatten sie nicht viel Vertrauen in
die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz unbestimmt
davon, daß die Söhne später vielleicht einige Violinstunden nehmen
sollten, und ich hatte das Gefühl: es wird nichts daraus werden. Die
Unterhaltung war auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht geläufig
Deutsch, versuchten es mit Französisch, als sie aber mein Französisch
hörten, da meinte die Dame, es gehe eher noch Deutsch.
"Mir wurde die Sache ungemütlich, es beengten mich auch die ungewohnten
Glacéhandschuhe, dazu mußte ich in einem weich gepolsterten, niedrigen
Lehnsessel ruhig sitzen und wußte gar nicht, wohin mit meinen langen
Beinen, dabei war es mir immer, als müßten sie mir ansehen, daß ich
kein Direktor bin. Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worüber
allerdings die Dame ein wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter
und sagte: 'Ich denke, es ist besser, wir machen ein wenig Musik, dabei
lernt man sich viel schneller kennen,' und ich fragte die Dame, für
welchen deutschen Komponisten sie sich interessiere? Sie schien etwas
überrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir recht war. Da ging ich
ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und fragte, aus welcher
Oper sie etwas hören wollte? 'Bitte, etwas aus den Nibelungen, Herr
Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch einmal nach
ihr um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfäffling; ich
wäre allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht
einmal, aber zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann
spielte ich.
"Es war ein prächtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer
näher heran und hörten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, daß
wir uns verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann
Violine, und die Dame versicherte mich, daß vierhändiges Klavierspiel
ihre größte Passion sei und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag
ein bis zwei Stunden zu kommen. Zuletzt fragte der General noch nach
dem Preis, der war ihnen auch recht, eine unbescheidene Forderung
mochte ich nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier tun, wenn er seine
Hotelrechnung stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich fortging,
begleiteten die Herren mich ganz freundlich an die Türe, alle Steifheit
war vorbei und die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich
vergessen hatte.
"Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er
hat offenbar die Verhandlungen von außen beobachtet und wird morgen in
der Klasse wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt.
Er ist aber, wie mir scheint, nebenbei ein gutmütiger Mensch, schien
sich wirklich zu freuen, daß die Sache gut abgelaufen war, und
flüsterte mir zu: 'Sie sind von allen drei Herren zur Türe begleitet
worden, diese Ehre ist keinem der Professoren zuteil geworden.' Ich
habe ihm auch gedankt für seine Vermittlung, und wenn ich ihn öfter
sehe, werde ich ihm einmal sagen: Sei doch froh, daß du noch ein junger
Bursch bist, gib dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen,
als du bist! Er macht sich ja nur lächerlich; wer verlangt von ihm das
Auftreten eines Geschäftsmannes? Der General hat ihn natürlich längst
durchschaut."
"Ja, ja," stimmte Frau Pfäffling zu, "er soll von dir lernen, daß man
sich sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhöht haben."
"Ja," sagte Pfäffling vergnügt, "und daß man trotz allem Stunden
bekommt. Kinder, kommt mit herüber, jetzt muß noch ein gehöriges
Jubellied gesungen werden!"
Während im Haus Pfäffling in fröhlichem Chor gesungen wurde, sagte der
General im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher
Deutscher."
Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfäffling wird mir morgen
meinen Aufsatz machen."
Und Fräulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die
Marianne ist süß, ich möchte ihr etwas schenken." Da überlegte Frau
Privatiere Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer
Glacéhandschuhe."
5. Kapitel
Schnee am unrechten Platz.
Der Dezember war schon zur Hälfte vorüber, bis endlich, endlich der
erste Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten
Flöckchen stundenlang gleichmäßig zur Erde fällt und in einem einzigen
Tag das ganze Land überzieht mit seiner weichen, weißen Decke; der
alles verhüllt, was vorher braun und häßlich war, der alles rundet und
glättet, was rauh und eckig aussah. Immer ist sie schön, die
Schneelandschaft, aber am allerschönsten doch, wenn das lautlose Fallen
des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen
Weihnacht.
Dezember—Schnee—Tannenbaum—Weihnacht, ihr gehört zusammen bei uns in
Deutschland. In manchen Ländern hat man versucht, unsere Feier
nachzumachen, und wir wollen ihnen auch die Freude gönnen, aber solch
eine Sitte muß aus dem Boden gewachsen sein. Wenn man sie künstlich
verpflanzt, wird etwas ganz anderes daraus.
Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die
Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden
Kinder zu ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie
wurde es? Viele Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen
Kleidern. Sie versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde,
klatschten sie Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke
herunter, die man für sie hinaufgehängt hatte. Dann wurden die Lichter
ausgeblasen, damit kein Ästchen anbrenne und der Diener gerufen, daß er
sogleich den Baum, der in einem Kübel voll Erde steckte, zurücktrage zu
dem Gärtner, von dem er gemietet war. Keine Stunde war der Christbaum
im Haus gewesen, keinen Duft hatte er verbreitet.
"Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge
Deutsche und sah ihm wehmütig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei
doch unpraktisch, er nehme ja so viel Platz weg.
Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie gönnt dem
Christbaum nicht den Platz?
Im Dunkel des frühen Dezembermorgens waren die jungen Pfäfflinge durch
den frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit
dickbeschneiten Mänteln und Mützen angekommen. Im Schulhof flogen die
Schneeballen hin und her, und bis zu der großen Pause um 10 Uhr waren
die zahllosen Spuren der Kinderfüße schon wieder von frischem Schnee
bedeckt und die größten Schneeballenschlachten konnten ausgeführt
werden.
Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerückt, kniete da
und sah vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die
wie ein großer weißer Wall vor dem Kasernenzaun aufgetürmt lagen. Und
von diesem Zaun hatte jeder Stecken sein Käppchen, jeder Pfosten seine
hohe Mütze auf.
Frau Pfäffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas
sehen," und schnell führte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und
öffnete das Fenster. Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus
vorbei, nach der Stadt zu, fuhr eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle
beladen mit Christbäumen.
"Christbäume, Christbäume," jubelte Elschen so laut, daß einer der
Fuhrleute, der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als
er das glückselige Kindergesicht bemerkte, rief: "Für dich ist auch
einer dabei!" Die Kleine erglühte vor Freude und winkte dem Schneemann
nach.
Aber alles auf der Welt ist nur dann schön und gut, wenn es an seinem
richtigen Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand
voll von diesem schönen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und
richtete dadurch Unheil an.
Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Straßenecke, wo
einige Lateinschüler mit Realschülern zusammentrafen, gab es ein
hitziges Schneeballengefecht. Wilhelm Pfäffling war auch dabei. Einer
der Realschüler hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen,
indem er sich hinter der Straßenecke verbarg, dann rasch hervortrat,
seinen Wurf tat und wieder hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die
anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber wollten sie ihn aufs Korn
nehmen. Es waren ihm einige tüchtige Schneeballen zugedacht, wurfbereit
warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken ließe. Jetzt wurde
eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war nicht
der Realschüler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen
flogen dicht an seinem Kopf vorüber, zwei trafen ihn ganz gleichmäßig
auf die rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz
für den Schnee!
Herr Sekretär Floßmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und
so schlecht empfangen wurde, stand still, warf böse Blicke und kräftige
Worte nach den Jungen. Daß sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus
Ungeschick geschehen, daß nun aber einige laut darüber lachten und
dicht an ihm vorbei weiter warfen, das war Frechheit.
Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehört, zu den frechen nicht.
Nach Pfäfflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und
erklärte das Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees
abschütteln. Der Herr schien die Entschuldigung gelten zu lassen und
Wilhelm ging nun seines Wegs nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Herr
Sekretär Floßmann, als er ein paar Häuser weit gegangen war, einem
Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und verlangte, er solle
die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das war nun
freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann
kommen sahen, liefen auf und davon.
Aber einen von Wilhelms Kameraden faßte er doch noch ab und fragte nach
seinem Namen. Der zögerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der
Kameraden war noch so nahe, um seine Antwort zu hören.
"Also, dein Name," drängte der Schutzmann. "Wilhelm Pfäffling," lautete
die Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde.
"Die Wohnung?"
"Frühlingsstraße."
"Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir
auf die Polizei willst." Er ließ sich's nicht zweimal sagen. Ein
"Wilhelm" war er allerdings auch, aber kein Pfäffling. Baumann war sein
Name.
"Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfäffling
schadet das nichts, der ist überall gut angeschrieben, aber bei mir ist
das anders, wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heißt's:
fort mit dir. Ich sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich
aufgeschrieben werden sollte, der Pfäffling hat ebensogut geworfen wie
ich."
Ahnungslos und mit dem besten Gewissen saß am nächsten Abend unser
Wilhelm an seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig
zerstreuter als sonst, denn er hatte sich heute bemüht, seinen Frieder,
mit der Harmonika in der Hand, abzuzeichnen, und da war Frieders
Gesicht so ausgefallen, daß allen davor graute. Nun mußte er
unwillkürlich auf seinem Fließblatt Studien machen über des kleinen
Bruders gutmütiges Gesichtchen, das sich über die biblische Geschichte
beugte, die vor ihm lag. Dazu kam, daß die Mutter und Elschen nicht am
Stricken und Flicken saßen, wie sonst, sondern Zwetschgen und
Birnenschnitze zurichteten zu dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor
Weihnachten gebacken wurde. So waren Wilhelms Gedanken heute zwischen
Weihnachten und Latein geteilt; er achtete gar nicht darauf, daß Herr
Pfäffling eintrat und gerade hinter seinen Stuhl kam.
"Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah
überrascht auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick.
"Was ist's, Vater?" fragte er.
"Das frage ich dich," sagte Herr Pfäffling, "ein Polizeidiener war da
und hat dich vorgeladen, für morgen, auf die Polizei. Was hast du
angestellt?"
"Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann
doch nicht sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn
getroffen haben, der gerade so ungeschickt daher gekommen ist?"
"Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet
ungeschickt geworfen haben. Könnt ihr nicht aufpassen?" rief Herr
Pfäffling, und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt
an des Vaters Hand, daß es klatschte.