Ahnung. Er wunderte sich aber am Morgen, daß sie alle schwer aus dem
Bett kamen, bedrückt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr,
als die Schwestern durch die Türspalte hereinriefen: "War's recht schön
heute nacht?" Als er aber gern erfahren hätte, von was die Rede sei,
bekam er ungeduldige Antwort: "Sei nur still, du wirst noch genug davon
hören." Sie waren sonst alle flinker als Frieder, heute aber kam dieser
zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit den Schwestern beim
Frühstück waren und von Marie und Anne wußten, daß die Brüder in der
Nacht fort gewesen waren. Diese zögerten aber immer noch, zu kommen.
Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muß es gesagt
werden, kommt!"
Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das
Wohnzimmer, wo Herr Pfäffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte.
"Nun," fragte er, "ist eure Expedition geglückt? Heute nacht um 11 Uhr
hat sich der Himmel so schön aufgeklärt, da dachte ich an euch, war
aber der Meinung, ihr würdet die Zeit verschlafen. War's denn nun
schön?"
Die drei waren so betroffen über die unerwartet freundliche Anrede, daß
sie zunächst gar keiner Antwort fähig waren. Frau Pfäffling ahnte
gleich Böses. "Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch
nicht gut? Oder habt ihr den Hausschlüssel verloren?"
"Das nicht."
"Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl näher und
sagte: "Ich will es ganz erzählen wie es war. Um ein Uhr sind wir
hinunter gegangen, ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken
gewesen—wie schön es da war, sage ich später. Um halb drei Uhr etwa
wollen wir wieder ins Haus, da ist die Türe von innen zugeriegelt."
"Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie
aus einem Mund.
"Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurück, wollten auf
den Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter
Mariannens Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das
hörte die Hausfrau und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir
sagten, wo wir herkämen und daß wir nicht hereinkönnten. Da riegelte
Herr Hartwig die Haustüre auf und ließ uns herein." Karl hielt inne.
"So habt ihr richtig die Hausleute gestört!" sagte Frau Pfäffling.
"Hättet ihr mir doch gesagt, daß ihr in dieser Nacht fort wollt, ich
würde euch vorher hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So
aber waren sie wohl ängstlich, als sie etwas hörten und haben deshalb
geriegelt. Habt ihr euch recht entschuldigt?"
"Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Köpfe. Herr
Pfäffling sah seine Söhne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht
alles gesagt."
"Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die
schlimme Botschaft aussprach: "Der Hausherr läßt dir sagen, auf 1.
Januar sei gekündigt."
Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der
Jammerschrei: "O hätten wir doch das Rufen gehört, wären wir doch
aufgewacht!" Herr Pfäffling aber sträubte sich, die Nachricht zu
glauben. "Es ist doch gar nicht möglich, daß das sein Ernst ist,
glaubst du das, Cäcilie? Kann das wirklich sein? Kündigt man, weil man
einmal im Schlaf gestört wird? Täten wir das? Mich dürfte man zehnmal
wecken und ich dächte noch gar nicht an so etwas. War er denn im Zorn,
was hat er denn sonst noch gesagt?"
"Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's
schon vorher ausgedacht hätte."
"Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu
begütigen? Ihr Stöpsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber
geklingelt? Ist unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Läuten? Die
Marianne rufen! Der Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!"
Frau Pfäffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes:
"Es ist gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht
verdient haben, sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie
in die Schule gehen, sieh, wie sie aussehen."
"Wie die Leintücher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch,
frühstückt!"
So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten
wirklich ihr Frühstück brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto
verschlangen ihr Teil mit wahrem Heißhunger, und als sie damit fertig
waren, griffen sie noch über zu dem Teil ihres Frieders, der vor
Horchen und Staunen noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch
nicht wehrte gegen den Übergriff; so etwas kam hie und da vor und heute
fühlte er, daß es so sein müsse.
Herr Pfäffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger
Erregung, so daß es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er
tief auf, seufzte: "O Marstadt, Marstadt!" und verließ das Zimmer, um
sich zum täglichen Gang nach der Musikschule zu richten. Rascher noch
als sonst eilte er durch den untern Hausflur, er hatte keine Lust, den
Hausherrn zu begegnen. Aber da wäre gar keine Gefahr gewesen, auch der
Schreiner wünschte keine Begegnung und wartete ab, bis alle Glieder der
Familie Pfäffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er das Haus verließ.
So gab es zwei Männer im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei
Frauen, die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem
Gedanken an die Sorge, die der Familie Pfäffling auferlegt wurde, jetzt
bei Beginn des Winters und nach der eben erlebten Enttäuschung durch
die Direktorsstelle. Und es kränkte sie, daß ihr Mann mit Recht von der
leichtsinnigen Gesellschaft da droben sprechen konnte. Sie hatte so
viel von der Familie gehalten, ja, sie spürte es erst jetzt recht
deutlich, eine wahre Liebe hatte sie für sie alle empfunden, ganz
anders als je für frühere Mietsleute. Sie mußte das alles mit Frau
Pfäffling besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, daß sie hinaufging.
Frau Pfäffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie
hatte so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des
echten christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewährt hatten. Wie
stimmte dazu die Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht
hinauszuschließen und dann noch zu kündigen, und das alles bloß wegen
einer gestörten Nachtruhe! Sie mußte sich das erklären lassen von Frau
Hartwig, aber mit ihr _allein_ wollte sie sprechen. So strebten die
beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet sich bald ein Weg.
Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien
benützten. Das war der große Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum
Wäschetrocknen und die Mange stand, zum Mangen und Rollen des
Weißzeugs. Die Hausfrau war mit einem kleinen Korb Wäsche
hinaufgegangen, fing an, das Rad zu drehen und zu mangen.
Frau Pfäffling konnte das unten gut hören. Nicht lange, so stieg auch
sie hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hören.
Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen fröhlichen Sinnes
miteinander herunter, zwischen ihnen gab es kein Mißverständnis mehr
und sie waren der guten Zuversicht, daß sich auch die beiden Männer
miteinander verständigen würden.
Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht
gestern Remboldt erzählt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der
Wache gesehen hat?"
"Ja, du warst ja dabei."
"Weißt du, wie man diese Sternschnuppen heißt? Ich habe es heute zum
erstenmal gehört, die heißt man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte
Frau Hartwig gar nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem
Mann zu denken gab. Sie wußte ja, daß mit dem richtigen Verständnis des
Wortes sein ganzer Zorn gegen die Familie Pfäffling schwinden mußte.
Sie wollte ihm gar nicht zureden, sein eigenes Gefühl würde ihn
treiben, zu tun, was recht war.
Am Nachmittag faßte er die drei Lateinschüler ab, als sie heimkamen. Er
ließ sich von ihnen genau erzählen, wie herrlich der Sternenhimmel
gewesen sei, und wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der
Leonidenschwarm hießen. Das wußte Karl: weil diese Sternschnuppen, die
da im November so massenhaft fielen, aus dem Sternbild des Löwen
ausgingen.
Während sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, daß der
Hausherr sie wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht,
und fingen an, auf seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er
nun mit all seiner früheren Freundlichkeit: "Seht, ich weiß eben gar
nichts von der Sternkunde, ich habe den Leonidenschwarm für einen
Verein oder dergleichen gehalten, mit dem ihr euch nachts herumtreibt.
Und so etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich werde euch doch
nicht bös sein, wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind nun
wieder gute Freunde. Sagt nur eurem Vater: die Kündigung gilt nicht!"
Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht,
Freundschaft und Fröhlichkeit im ganzen Haus.
Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnübungen zurückkehrten, trafen
sie an der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller
einen Vorrat Äpfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht,"
sagte sie und gab jedem einen Apfel.
"Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht,
damit deine Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen
jetzt immer ganz nahe am Geländer und wir Buben müssen ganz dicht an
der Wand gehen, dann werden deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh,
so hinauf und so wieder herunter." Um recht dicht an der Mauer zu
gehen, setzte er einen Fuß vor den andern, verlor das Gleichgewicht und
kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor die Füße der
erschrockenen Hausfrau.
Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung
zurückkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je
besser sie's meinen, um so ärger poltert's."
4. Kapitel
Adventszeit.
"Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reißen, das dünne
Blättchen, das allein noch den Weihnachtsmonat verhüllt?" Die jungen
Pfäfflinge standen alle in die eine Ecke gedrängt, wo der Kalender
hing, und stritten sich, halb im Spaß, halb im Ernst darum, wer den
Dezember aufdecken dürfe. Die Eltern, am Frühstückstisch, sahen auf.
"Buben, galant sein!" rief der Vater. Da traten die vier Brüder vom
Kampfplatz zurück. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht
erreichen, so kam das Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen
es miteinander," sagten sie. Da kam denn der erste Dezember zum
Vorschein, und zwar rot, denn es war Sonntag, und kein gewöhnlicher
Sonntag, sondern der erste Advent. Die schönste Weihnachtsstimmung
stieg auf mit diesem Tag und nicht nur bei den Kindern. Herr Pfäffling
stimmte unvermutet und ohne Begleitung an: "Wie soll ich dich empfangen
und wie begegnen dir, O aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier!"
Alle Kinder sangen mit, erste Stimme, zweite Stimme, je nach Begabung,
auch die Mutter, aber sie recht leise, denn sie allein von der ganzen
Familie war vollständig unmusikalisch und sang, wie Frieder einmal
gesagt hatte etwas anderes als die Melodie.
Bald darauf war es für diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit
sich zu richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige
nachmittags oder in den Kindergottesdienst. Frau Pfäffling wollte heute
mit ihrem Mann gehen, unter den Kindern gab es ein Beraten und
Flüstern. Als nach einer Weile die Eltern, zum Ausgang gerichtet, an
der Treppe standen und sich von den Zurückbleibenden verabschieden
wollten, fand sich's, daß es heute gar keine solchen gab, daß alle
sieben bereit standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer
soll dann aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfäffling
bedenklich.
"Es klingelt fast nie während der Kirchenzeit," versicherte der
Kinderchor.
"Aber wir können doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze
Prozession!" wandte Herr Pfäffling ein.
"Wir gehen drüben, auf der anderen Seite der Straße," sagten die Buben.
"Aber Walburg muß wenigstens wissen, daß sie ganz allein zu Hause ist,
hole sie schnell, Elschen," rief Frau Pfäffling. Als das Mädchen die
ganze Familie im Begriff sah, auszugehen, wußte sie schon, was man von
ihr wollte, und sagte in ihrer ernsthaften Weise: "Ich wünsche
gesegnete Andacht".
Draußen schien die Wintersonne auf bereifte Dächer, Sonntagsruhe
herrschte in der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche
einschlug, hatte die Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben
ließen aber, ihrem Versprechen gemäß, die ganze Breite der
Frühlingsstraße zwischen sich und den Eltern und Schwestern, bis nach
einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte. Da konnte er
nicht länger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester zu.
Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs
Haus. Wenn im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest
sprechen wollte, hatte die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das
dauert noch lange, lange, davon reden wir noch gar nicht, sonst werden
die Kleinen ungeduldig." So hätte sie auch gestern noch gesagt, aber
heute war das etwas ganz anderes, man feierte Advent, Weihnachten war
über Nacht ganz nahe gerückt. Im Dämmerstündchen zog Frau Pfäffling
Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weißt du denn noch, wie schön
der Christbaum war?"
Sie wußte es wohl noch, und als nun die Geschwister über Weihnachten
plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten
stand sie nicht hinter den Großen zurück, im Gegenteil, wenn sie mit
leuchtenden Augen vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine
Hauptperson, die allen die Freude erhöhte.
Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten
flüsternd, was sie den Eltern zu Weihnachten schenken könnten. Es
durfte kein Geld kosten, denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken,
die Geld kosteten, sprachen sie ganz verächtlich. "Es ist keine Kunst,
in einen Laden zu gehen und etwas zu kaufen, aber ohne Geld etwas recht
Eigenartiges, Schönes und Nützliches zu bescheren, das ist eine Kunst!"
Ja, eine so schwere Kunst ist das, daß sich die Beratung sehr in die
Länge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang heute immer
der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er mußte ihn
ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, daß ungnädige
Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Küche,
wo Walburg saß und in ihrem Gesangbuch las. Sie hörte diese Töne, und
da sie sich in ihrer Taubheit über alles freute, was bis an ihr Ohr
drang, schob sie ihm den Schemel hin, zum Zeichen, daß er sich bei ihr
niederlassen sollte. So kam die Adventsstimmung bis in die Küche.
Am nächsten Tag mußten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den
Hintergrund treten, denn in die Schule paßten sie nicht. Nur Frieder
wollte sie auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte
er nicht vergessen, er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen
und dort den Adventschoral vorspielen. Die Mutter hörte es und wunderte
sich: Er hatte sich noch nie zeigen oder vordrängen wollen mit seiner
Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich hören zu lassen. Sie mochte es
ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an ihrem kleinen,
bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner großen Harmonika in der
Hand, den Schulranzen auf dem Rücken, durch die Frühlingsstraße.
Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden
machte, bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen
bis zu der großen Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer
verließen und die Schüler sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber
es ging nicht so.
Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch
schon ein paar kecke Bürschchen zu: "Der Pfäffling hat seine
Ziehharmonika mitgebracht." Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob
Frieder denn mit dem großen Instrument zurechtkäme. Nun stießen ihn die
Kameraden von allen Seiten: "Spiel doch, gelt, du kannst es nicht?
Spiel doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder seinen Adventschoral,
vergaß seine vielen Zuhörer, vergaß die Schulzeit und sagte, nachdem er
fertig war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme."
Der Lehrer ließ ihn gewähren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhörten
und wie der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast
du das bei deinem Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte
Frieder, "Harmonika muß man nicht lernen, das geht von selbst."
"Das geht vielleicht bei euch Pfäfflingen von selbst, aber bei anderen
nicht. Was meinst du," sagte er zu dem, der am nächsten stand,
"könntest du das auch?" "O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und
zuziehen." "Du wirst dich wundern, wenn du es probierst!" entgegnete
der Lehrer, "aber jetzt: auf eure Plätze."
Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und mußte
spielen. Es kamen auch größere Schüler von anderen Klassen herbei und
die wollten nicht nur hören, die wollten es auch probieren. Die
Harmonika ging von Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer
riß sie dem andern mit Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte:
"Sie geht ja gar nicht, ich glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie
Frieder zurück und als er sie ansah, wurde er blaß und als er sie zog,
gab sie keinen einzigen Ton mehr. Da wurden sie alle still und sahen
betroffen auf den kleinen Musikanten.
"Wer hat's getan?" hieß es nun. Die Frage ging von einem zum andern und
wurde zum Streit, aber Frieder kümmerte sich nicht darum, er verwandte
keinen Blick von seiner Harmonika, er strich mit der Hand über sie, er
drückte sie zärtlich an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber
er wußte es ja schon vorher, daß ihre Stimme erloschen war und nimmer
zum Leben zu erwecken.
Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder
neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hören und nichts sehen von
ihnen. Er trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange
Frühlingsstraße nach Hause, rief die Mutter und drückte sich bitterlich
weinend an sie mit dem lauten Ausruf: "Sie ist tot!"
Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein
Heimatloser. Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Hände,
bewegte sie wie zum Ziehen der Harmonika und ließ sie dann ganz
enttäuscht sinken. Das bitterste an seinem Schmerz war aber die Reue.
Er selbst hatte ja seine Freundin den bösen Buben ausgeliefert. Hätte
er sie in der Stille für sich behalten und nicht mit ihr Ruhm ernten
wollen, so wäre sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half kein
Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, daß er vielleicht
eine neue Harmonika zu Weihnachten bekommen würde.
Aber etwas anderes half ganz unvermutet.
Es war wieder Sonntag, der _zweite_ Advent, und wieder standen die
Kinder beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks für
die Eltern. Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen
getan hatte, er konnte ja kein Adventlied mehr üben, so zog ihn nichts
ab. Er hatte still zugehört, wie allerlei Vorschläge gemacht und wieder
verworfen wurden, nun mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf
den Balken, da kann man sich alles ausdenken, aber da oben nicht."
"So geh du hinunter und denke dir etwas für mich aus," sagte eines der
Geschwister. "Für mich auch!" "Und für mich," hieß es nun von allen
Seiten. Er war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren
großen Schal mit hinunter. Er ging auf das Plätzchen, das er so gern
mit seiner Harmonika aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er
wickelte sich ganz in das große Tuch, saß da allein, war vollständig
erfüllt von seiner Aufgabe, zweifelte auch gar nicht daran, daß er sie
lösen würde. Auf der Harmonika war ihm hier unten auch alles gelungen,
was er versucht hatte. Der kleine Kopf war fest an der Arbeit.
Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister
um ihn, und er, der in ihrem Rat noch nie das große Wort geführt hatte,
streckte nun seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da
nun gar kein Zweifel mehr sein könnte: "Du, Karl, mußt ein Gedicht
erdichten und du, Wilhelm, auf einen so großen Bogen Papier schöne
Sachen abzeichnen und Otto muß so laut, wie es der Rudolf Meier beim
Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und Marianne soll das
schönste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir zwei
können nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum
müssen wir solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal
Walburg sagt, Nußschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte
Zündhölzer, einen rechten Sack voll."
Jedes der Kinder dachte nach über den Befehl, den es erhalten hatte,
und fand ihn ausführbar. "Ich weiß, was ich zeichne!" rief Wilhelm,
"dich zeichne ich ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da
gestanden bist."
"Und ich mache ein Gedicht über unsern Krieg in Afrika, wenn der
Morenga darin vorkommt, dann gefällt es dem Vater." Sie waren alle
vergnügt. "Frieder," sagte Karl, "es tut mir ja leid für dich, daß du
deine Harmonika nimmer hast, aber mir bist du lieber ohne sie." Die
andern stimmten ein und Frieder machte nimmer das trostlose Gesicht,
das man die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum erstenmal fühlte er
sich glücklich auch ohne Harmonika.
Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es,
viele Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis
abhing. Die Fest- und Ferienzeit wollte verdient sein.
Unter den jungen Pfäfflingen war Otto der beste Schüler, und er galt
viel in seiner Klasse. Nun saß hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier,
der machte sich sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb
hatte. Er war der Sohn von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und
machte sich als solcher gern ein wenig wichtig. Alle Kameraden mußten
es erfahren, wenn hohe Persönlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und
wenn gar Fürstlichkeiten erwartet wurden, fühlte er sich so stolz, daß
sich's die andern zur Ehre rechnen mußten, wenn er sich an solchen
Tagen von ihnen die Aufgaben machen ließ. Er war älter und größer als
alle andern, weil er schon zweimal eine Klasse repetiert hatte; dessen
schämte er sich aber keineswegs, sondern sagte gelegentlich von oben
herab: "In solch einem Welthotel müsse selbstverständlich die
gewöhnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurückstehen."
Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gründe, warum er heute ein ganzes
Stück Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Frühlingsstraße
entgegengesetzt lag.
Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in
kurzem, schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier
ein feines junges Herrchen, mit tadellos gestärkten Manschetten und
Kragen nach neuester Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf
Größere bittend zu dem Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in
Verlegenheit, Pfäffling, wegen der griechischen Arbeit, die wir morgen
abliefern sollen. Es ist gegenwärtig keine Möglichkeit bei uns, all
dies Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres zu tun. Würdest du
mir nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, daß ich einige Stellen
vergleichen könnte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir wieder
einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze
deine Unterschrift unter den Klex."
Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen.
"Was tust du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?"
sagte Otto ärgerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles
abschreibst, aber ich kann dich gar nicht begreifen, daß du das magst."