Als Frau Pfäffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand

und reichte es ihr mit schmerzlichem Lächeln: "Da sieh, gestern abend

war ich so zuversichtlich, da habe ich für dich ein kleines Lied

komponiert, das wollte ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die

Kinder hätten im Chor den Schlußreim mitsingen dürfen, auf den jeder

Vers ausgeht:

"'Drum rufen wir mit frohem Sinn:

Es lebe die Direktorin!'

"Nun muß es heißen:

"'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn

Du wirst niemals Direktorin.'"

"Nein, nein," wehrte Frau Pfäffling, "du mußt es anders umändern, es

muß ausgedrückt sein, daß wir trotz allem einen frohen Sinn behalten."

"Für den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er

trübselig, "ich brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer

machen."

Sie sprachen noch lange von der großen Enttäuschung, und dann kamen sie

auf den beginnenden Winter zu sprechen, für den noch nicht so viel

Stunden angesagt waren als nötig erschien, um gut durchzukommen. So

erschien ihnen die Zukunft grau wie der heutige Novemberhimmel.

Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Türe

eine Kinderstimme: "Dürfen wir herein?"

"Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter

der Türe erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit

strahlendem Ausdruck, dann Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen,

Kaffee- und Milchkanne und stellten das alles vorsichtig auf den Tisch.

Die zwei Großen sahen zaghaft aus, wußten nicht recht, wie die

Überraschung wohl aufgenommen würde. "Was fällt euch denn ein, Kinder?"

fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die

Tränen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil

ihr fast nichts gegessen habt!" und Anne flüsterte der Mutter zu: "Von

unserem Geld, du darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus

und hörten eben unter der Türe, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann

kann ich freilich nicht zanken," so war also die Überraschung gut

aufgenommen worden.

Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfäffling,

die er sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich

vor, sich gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er

war sich keiner festtäglichen Stimmung bewußt! Aber man mußte es doch

schon den Kindern zuliebe tun, sicher würde Marie, das Hausmütterchen,

gleich nachher visitieren, ob auch die Kannen geleert seien. Diesem

festtäglichen Kaffee gegenüber wich die graue Novemberstimmung

unwillkürlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser Musiklehrer zu

seiner Frau: "Man müßte eben den Schlußreim so verändern:

"'Direktor her, Direktor hin,

Wir haben dennoch frohen Sinn.'"

Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es.

Frau Pfäffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fräulein

Vernagelding sein?"

"Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglückselige Stunde,

die hatte ich total vergessen, muß die auch gerade heute sein! Wenn ich

die jetzt vertrage, Cäcilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst

nicht, wie unmusikalisch das Fräulein ist!" Frau Pfäffling hatte das

Kaffeegeschirr rasch auf das Brett gestellt und war längst damit

verschwunden, bis Fräulein Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter

und Spiegel Toilette gemacht und ihre niedlichen Löckchen

zurechtgesteckt hatte. Herr Pfäffling nahm sich gewaltig zusammen, als

diese unbegabteste aller Schülerinnen sich neben ihn ans Klavier setzte

und mit holdem Lächeln sagte: "Heute dürfen Sie es nicht so streng mit

mir nehmen, Herr Pfäffling, ich konnte nicht so viel üben, denken Sie,

ich war gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in

Rosa."

"Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfäffling und trippelte bereits

etwas nervös mit seinem rechten Fuß. "Aber jetzt wollen wir gar nicht

mehr an den Ball denken, sondern bloß an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht

immer wieder f nehmen statt fis, das lautet greulich für mich. Schon

wieder f! Wieder f! Aber Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an

den gestrigen Ball!" "Nein, Herr Pfäffling," entgegnete sie und sah ihn

strahlend an, "ich denke ja an den morgigen Ball, was sagen Sie dazu,

daß ich morgen schon wieder tanze! Diesmal in Meergrün. Ist das nicht

süß?" Herr Pfäffling sprang vom Stuhl auf. "Süß, ja süß!" wiederholte

er, "aber zwischen zwei Bällen Sie mit der G-dur Tonleiter zu plagen,

das wäre grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie lieber heim

für heute."

"Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schülerin

empfahl sich mit dankbarem Lächeln und Knix.

Als Frau Pfäffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, daß

Fräulein Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal

entschieden mehr Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht.

Herr Pfäffling erzählte, daß ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube

aber nicht, daß es das Fräulein übelgenommen habe.

"Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekränkt sein,"

sagte Frau Pfäffling besorgt.

Unnötige Sorge! Als das tanzlustige Fräulein daheim von der abgekürzten

Stunde berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller

Herr. Er gönnt doch auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnügen. Wir

müssen ihm gelegentlich ein Präsent machen, Agathe."

3. Kapitel

Der Leonidenschwarm.

Samstag nachmittag war's und eifrige Tätigkeit in Haus und Hof. Frau

Pfäffling und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die

Hilfe von Marie und Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob

sie gerne das Geschirr in der Küche abtrockneten und mit Vorliebe den

Staub wischten, ob sie mit Lust die Leuchter putzten und mit Freuden

die Lampen, das wußte niemand, aber das wußten alle, daß diese Arbeiten

geschehen mußten und Walburg nicht mit allem allein fertig werden

konnte.

Die Brüder hatten auch für etwas einzustehen im Haus: Sie mußten

sorgen, daß in der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorrätig war.

Das hatten sie aber heute schon besorgt und nun waren sie in fröhlicher

Tätigkeit auf dem Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als

Soldat diente und durch den Zaun die Freundschaft mit den jungen

Pfäfflings pflegte, hatte gesehen, wie sie sich mühsam ein Sprungseil

zu spannen versuchten und nicht zurecht damit kamen. Darauf hatte er

ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe, und nun war er

herübergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders vonstatten.

Zwei Pfähle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in

verschiedener Höhe spannen ließ, ganz wie drüben auf dem

Militärturnplatz, nur daß auf kleinere Turner gerechnet werden mußte.

Frieder wurde herbeigeholt. Er war für einen Achtjährigen noch ein

kleiner Kerl und nicht so gewandt wie seine leichtfüßigen Brüder. Es

zeigte sich, daß man das Seil noch viel näher am Boden spannen mußte,

und als er seine ersten Sprungversuche machte und fest auf das Seil,

anstatt darüber sprang, lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen

früheren Kinderjahren, das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht

übel, um so weniger als Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika

genommen und umsonst probiert hatte, etwas Wohlklingendes

herauszulocken, bewundernd sagte: "Wie der Kleine nur so umgehen kann

mit dem großen Instrument, gestern haben ihm viele Soldaten zugehört,

da hat's geklungen wie das Lied: 'Wachet auf, ruft uns die Stimme'."

"Ja, das war's," sagte Frieder, "das lernen wir jetzt in der Schule."

"Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?"

"Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder

ganz erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da

wirst du sehen, wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine

Mitschüler." Frieder machte große Augen. Daheim war eigentlich immer

nur eine Stimme des Ärgers über sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er

sollte seine Harmonika absichtlich dahin mitnehmen, wo recht viele sie

hören würden? Zweifelnd sah er auf seine alte, treue Begleiterin.

Bisher hatten sie sich immer möglichst miteinander entfernt von allen

Menschen, und nun sollten sie sich vordrängen? Ihm kam es unbescheiden

vor, aber doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon, während

seine Brüder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzählte gern

von seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute

hatte er Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte

er, "vor dem Kasernentor. Da bläst einem der Wind eisig um die Ohren

und die Füße werden steif, wenn man nicht immerzu hin und her läuft.

Man hört auch gern seinen eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man

meint, man sei ganz allein auf der Welt. Es war so eine finstere Nacht,

kein Mondschein am Himmel und im Westen eine schwarze Wand, nur im

Osten war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor mir war der weite,

leere Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze Kasernenmauer, ganz

unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich der Wind

gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so hinausschaue,

wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in großem Bogen

über den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer

und zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn

mir zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet wäre, denn,

dachte ich, es sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz

feierlich zumute. Ich nahm mir aber vor: den Kameraden erzählst du das

nicht, sie meinen sonst, du flunkerst. Aber da kam morgens eine

Abteilung von einer nächtlichen Felddienstübung heim und die hatten es

auch beobachtet und fingen gleich davon an zu erzählen. Ihnen hat ihr

Hauptmann erklärt, daß alle Jahre in den Nächten um den 12. bis 15.

November herum so ein Sternschnuppenschwarm sei, der heiße der

Leonidenschwarm. In manchen Jahren sei er besonders reich und so in

diesem. Aber erst nach Mitternacht und man sehe es nur selten so schön

wie in der vergangenen Nacht, weil die Novembernächte meistens trüb

seien. Wenn's heute nacht hell wäre, ich wollte gleich wieder auf die

Wache ziehen um den Preis."

Karl, der große, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle

mit _einem_ Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mußten sie

sehen! Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und

von dem Balken aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die

Erlaubnis der Eltern zu bekommen war. Oder konnte man's ungefragt

unternehmen? Es war ja nichts Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die

Schwestern kamen dazu und wurden eingeweiht in den Plan. Da entschied

Marie, das praktische Hausmütterchen: "Ohne Erlaubnis geht das nicht,

weil es nicht ohne Hausschlüssel geht, die Haustüre wird nachts

geschlossen." Also mußte man bittend an die Eltern kommen. Der Vater

wollte nicht gern der Jugend den Hausschlüssel anvertrauen und die

Mutter meinte, so vom Bett in die Novembernacht hinaus würden sie sich

erkälten. Und alle beide fürchteten sie, die Hausleute möchten bei

Nacht gestört werden. Dagegen sagte der Vater, seine Buben dürften

nicht so zimperlich sein, daß sie nicht eine Stunde draußen in der

Winternacht aushalten könnten, und die Mutter erzählte, daß sie schon

von ihrer Jugend an den Wunsch gehabt hätte, so einen

Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brüder versicherten, daß sie

lautlos die Treppe hinunterschleichen würden. Da machte die kleine

Else, die gespannt zugehört hatte, ob die Brüder mit ihrer Bitte wohl

durchdringen würden, den Schluß, indem sie erklärte: "Also dann dürft

ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber doch war es nur

so eine halbe Erlaubnis, und die Brüder hielten es für klug, nimmer auf

das Gespräch zurückzukommen. Überdies fing es am Abend an zu regnen, ja

es regnete auch noch den ganzen Sonntag und niemand dachte mehr an die

Sternschnuppen. Als aber am Sonntag abend Karl zu Bett ging, bemerkte

er, daß am Himmel ein paar Sterne sichtbar waren. Wenn es nun doch

möglich würde? Er richtete seine Weckuhr auf 1 Uhr und konnte vor

Erwartung kaum einschlafen. Während nun Stille im ganzen Haus wurde und

die Nacht weiter vorrückte, lösten und verteilten sich am Himmel immer

mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern leuchtete hervor

und als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster huschte um zu

sehen, ob etwas zu hoffen wäre, strahlte ihm der klarste Himmel

entgegen, ja, er meinte sogar ein kurzes Leuchten wie von einer

fliegenden Kugel gesehen zu haben.

Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei

das ganze Haus aufzumuntern. Zum Glück lag das Bubenzimmer nicht neben

dem Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brüder hatten nicht

einmal mehr Lust zu dem nächtlichen Unternehmen, aber die stellte sich

wieder ein, sobald sie ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei

in aller Stille. Nebenan schliefen die Schwestern. Plötzlich ging die

Türe leise auf, ein Arm streckte sich herein und ein geheimnisvolles:

"Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!" wurde geflüstert; das große

warme Tuch flog herein, die Türe ging leise wieder zu. Mit klopfendem

Herzen nahm Karl den Hausschlüssel vom Nagel, in Strümpfen, die Stiefel

in der Hand, schlichen sie alle Drei über den Gang, und die Treppe

hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mußten doch die

Stiefel angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches

Geräusch, nicht ohne Geflüster. Auch der Schlüssel bewegte sich nicht

ohne metallenen Klang im Schloß und die Türe nicht ohne Knarren in den

Angeln. Hingegen ging sich's lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem

Balken, und als die Drei erst hinter den Brettern, nahe dem

Kasernenzaun waren, schien ihnen das Unternehmen gelungen.

Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas

gehört. Sie wußte zunächst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber

sie hatte das Gefühl: Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte

sich im Bett auf, horchte, vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten

Ton der sich schließenden Haustüre und dann ein Flüstern außerhalb

derselben. "Es ist jemand hinausgegangen," sagte sie sich, "wer hat

nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es war ihr

unerklärlich. "Es ist ungehörig," sagte sie sich, "wer solch nächtliche

Spaziergänge macht, der soll nur draußen bleiben," und rasch

entschlossen ging sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustüre

vor. Dann legte sie sich beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus

herein, ohne anzuklingeln; auf diese Weise wollte sie schon

herausbringen, wer hinausgeschlüpft war. War es jemand mit gutem

Gewissen, der mochte klingeln.

Auf Frieders hohem Brettersitz saßen die drei Brüder in der Stille der

Nacht und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In

wunderbarer Klarheit wölbte er sich über ihnen. Das war ein Schimmern

und Leuchten aus unendlichen Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so

schön gesehen. "Wenn auch weiter gar nichts zu sehen wäre," sagte Karl,

"so würde mich's doch nicht reuen, daß ich aufgestanden bin." "Mich

reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar nicht glaube, daß

einer von den Sternen auf einmal anfängt zu fliegen. Die stehen da

droben alle so fest!"

"Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten.

Ein heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen

dahin und war dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die

riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine

Strecke gewesen sein, größer als das ganze Deutsche Reich. Staunend

sahen die Kinder hinauf: da—schon wieder eine Sternschnuppe, größer als

die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder

eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in

gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit

vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die

Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich

sichtbar, es war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich

aber von Westen herauf immer größere Wolkenmassen und fingen an, die

Sterne zu verdunkeln. Endlich kam das Gewölk bis an die Himmelsgegend,

von der die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den

staunenden Blicken nicht länger das schöne Schauspiel vergönnt sein

sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze Herrlichkeit.

Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken würden

sich wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein

einzelner Stern. "Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto,

"nur die Wolken sind davor." Nun wurde es vollständig Nacht, und die

Brüder empfanden auf einmal, daß es kalt war und sie selbst müd und

schläfrig. Jetzt ins warme Bett zu schlüpfen, mußte köstlich sein! Also

kletterten sie herunter und gingen in der Stockfinsternis dem Haus zu.

"Hast du doch den Schlüssel, Karl?" "Jawohl, da ist er."

"Das wäre kein Spaß, wenn du den verloren hättest und wir müßten da

draußen bleiben in der Kälte!"

Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an

die Türe. Karl schloß auf und klinkte an der Schnalle, aber die von

innen verriegelte Türe ging nicht auf. "Was ist denn das?" flüsterte

Karl, drehte den Schlüssel noch einmal im Schloß auf und zu und klinkte

und drückte gegen die Türe, aber die gab nicht nach.

"Laß doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch

herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr.

"Laßt doch, ihr verdreht das Schloß noch," sagte Karl, "ihr seht doch,

es geht nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloß ist doch in

Ordnung, was hält die Türe zu?"

In leisem Flüsterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand

hat etwas vor die Türe gestellt, damit wir nicht hereinkönnen." "Oder

den Riegel vorgeschoben."

"Ja, ja, den Riegel. Natürlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat

das getan? Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen:

"Vielleicht der Vater, weil wir nichts gesagt haben!"

"Aber er hat es doch erlaubt!"

"Ich weiß nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?"

"Wir hätten vielleicht um den Hausschlüssel bitten sollen."

"So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehört, hat gemerkt, daß wir

ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muß ja so sein,

wer hätte es sonst tun sollen?"

Nach einigem Nachdenken über diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln

dürfen wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in

den warmen Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon

schlafen."

So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Sünder ums Haus herum und

suchten sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so

stockfinster gewesen wäre und die Bretter so naß und so hart und so

unbequem und wenn es nur vor allem nicht so bitter kalt gewesen wäre!

Karl blieb nur einen Augenblick liegen, dann sprang er auf: "Der Schal

reicht doch nicht für drei, ihr könnt ihn haben und ich laufe lieber

hin und her, wie wenn ich Wache hätte. Wer weiß, in drei Jahren muß

ich's ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brüder in das Tuch, wanderte

stramm hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das Soldatenleben.

Aber nach einer kleinen Weile hörte er einen seltsamen Ton. Was war

denn das? Er kam näher zu den Brüdern her—wahrhaftig, Otto schluchzte

und weinte ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun

aufgewacht und klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich

wieder aus seiner unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da

fühlte sich Karl als Ältester verantwortlich: "Die müssen ins Bett,"

sagte er sich, "sonst werden sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir

nicht die Marianne wach rufen können, damit sie uns ausriegelt." Da

waren die Verschlafenen gleich wieder munter. Sie gingen nach der Seite

des Hauses, wo das Schlafzimmer der Mädchen lag, und nun galt es so

laut zu rufen, daß diese aufwachten, und zugleich so leise, daß

Hartwigs, die unter ihnen schliefen, nichts hörten. "Marianne,

Marianne," klang es zuerst leise und allmählich lauter. Es ging aber

umgekehrt, als es hätte gehen sollen, die Schwestern hörten nichts und

die Hausleute wachten auf.

Die Hausfrau lächelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun

möchte man wieder herein." Sie erzählte ihrem Mann von der verriegelten

Türe. Er machte das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brüder

erschraken, als sie des Hausherrn Stimme hörten. Keiner rührte sich,

keiner antwortete. Der Hausherr starrte in die Dunkelheit hinaus,

lauschte—sah nichts, hörte nichts und schloß das Fenster. Eine gute

Weile blieben unsere drei Ausgestoßenen wie angewurzelt stehen. "Wir

wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und sie

tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in

der Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es

unbegreiflich, daß die Schwestern so fest schliefen.

"Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfäffling erkannt," sagte

die Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern

draußen sein in der kalten Nacht? Laß mich mal rufen, mich kennen sie

besser!" und leise öffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid

Ihr es, Kinder?" Auf diesen Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen

sie dreistimmig, näherten sich dem Fenster und sagten: "Wir wollten nur

Marianne rufen, damit sie uns hereinläßt." Die Hausfrau erschrak. So

hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Bösen hatte sie gedacht,

denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln würden, aber nicht

an die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten.

"Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur

hinaus?"

"Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie

vorwurfsvoll und schloß das Fenster.

"Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr,

"was ist denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da

schwärmen die Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen

Morgen?"

Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu

seiner Frau, "ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was nötig ist.

Wenn man nicht mehr seine Nachtruhe hat, nicht weiß, ob das Haus nachts

geschlossen bleibt, dann hört ja alles auf. Für solche Mietsleute

bedanke ich mich!"

Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob

den Riegel der Haustüre zurück. Die drei frierenden, übernächtigen

Kameraden sahen nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig maß sie mit

so verächtlichem Blick, daß ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung

entfiel, sie standen vor ihm wie das böse Gewissen. Er schob sie von

der Türe weg und den Riegel mit Gewalt wieder vor und dann sprach er

ruhig und deutlich den _einen_ Satz: "Sagt eurem Vater, auf ersten

Januar sei ihm die Wohnung gekündigt."

Ach, auf den nassen, harten Brettern draußen in der Winterkälte war es

den drei Brüdern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen

Betten, in die sie ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der

Meinung, der eigene Vater habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr

Fortgehen schon so schlimm aufgenommen, wie mußte er erst zürnen, wenn

er erfuhr, was daraus entstanden war! Und wie deutlich erinnerten sie

sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo der Vater von einem Haus zum

andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen war, weswegen? Wegen

der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kündigung

herausbeschworen, in ihren Augen das größte Familienunglück!

Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fühlten sich

ein wenig gedeckt dadurch, daß Karl, der große, der Anführer gewesen

war. Um so schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht

vorstellen, wie er am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte.

Er fand nur einen kurzen, unruhigen Schlaf.

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 2 / 16 段