Was wurde allein in der Familie Pfäffling gearbeitet an dem

Die Familie Pfäffling

Eine deutsche Wintergeschichte

von Agnes Sapper

1909

Meiner lieben Mutter

zum Eintritt in das 80. Lebensjahr.

Die Familie Pfäffling muß *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was

ich in diesem Buche zeigen möchte, das ist Deine eigene

Lebens-Erfahrung. Du hast uns vor Augen geführt, welcher Segen die

Menschen durchs Leben begleitet, die im großen Geschwisterkreis und in

einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, unter dem Einfluß von

Eltern, die mit Gottvertrauen und fröhlichem Humor zu entbehren

verstanden, was ihnen versagt war.

Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die

Erinnerung an Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du

die Beschwerden und Entbehrungen des Alters in geduldiger,

anspruchsloser Gesinnung erträgst so ist das nach deinem eigenen

Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist aus einer

entbehrungsreichen und dennoch glückseligen Jugendzeit.

Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte

möchte ich in diesem Buch der deutschen Familie vorführen.

Herbst 1906.

Die Verfasserin.

Inhalt

1 Wir schließen Bekanntschaft

2 Herr Direktor

3 Der Leonidenschwarm

4 Adventszeit

5 Schnee am unrechten Platz

6 Am kürzesten Tag

7 Immer noch nicht Weihnachten

8 Endlich Weihnachten

9 Bei grimmiger Kälte

10 Ein Künstlerkonzert

11 Geld- und Geigennot

12 Ein Haus ohne Mutter

13 Ein fremdes Element

14 Wir nehmen Abschied

1. Kapitel

Wir schließen Bekanntschaft.

Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit

hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in

die äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die

Infanteriekaserne, sehen den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz.

Aber vor diesem, etwas zurück von der Straße, steht noch ein letztes

Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem Schreiner Hartwig, bei dem

der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie in Miete wohnt.

Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein

Lagerplatz für Balken und Bretter, auf denen Knaben und Mädchen

fröhlich herumklettern, turnen und schaukeln. Meistens sind es junge

Pfäfflinge, die da ihr Wesen treiben, manchmal sind es auch ihre

Kameraden, aber der eine Kleine, den man täglich auf den obersten

Brettern sitzen und dabei die Ziehharmonika spielen sieht, das ist

sicher kein anderer als Frieder Pfäffling.

Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist übrigens der Hof

verlassen und niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach

den langen Sommerferien, wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer

Pfäffling, der schlanke Mann, der noch immer ganz jugendlich aussieht,

war schon frühzeitig mit langen Schritten den gewohnten Weg nach der

Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben. Sechs von seinen

sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Bücher und Hefte

zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange

Frühlingsstraße mußten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten

sich die Wege; die drei ältesten suchten weit drinnen in der Stadt das

alte Gymnasiumsgebäude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas

näher in die Töchterschule und Frieder, der noch in die Volksschule

ging, hätte sein Ziel am schnellsten erreichen können, aber das kleine

runde Kerlchen pflegte in Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr

Zeit zu lassen als die andern.

Im Hause Pfäffling war nach dem lauten Abgang der sieben

Familienmitglieder eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur

noch die Mutter zurück, und Elschen, das jüngste niedliche Töchterchen,

sowie die treue Walburg, die in der Küche wirtschaftete. Frau Pfäffling

atmete auf, die Stille tat ihr wohl. Was war das für ein Sturm gewesen,

bis der letzte die Türe hinter sich zugemacht hatte, und was für eine

Unruhe all die Ferienwochen hindurch! Während sie ordnend und räumend

von einem Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtäglich zu Mute. Sie

war von Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken

versunken, aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen großen

Familienkreis gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte,

plaudernde, fragende, musizierende Menschen um sie herum. Während nun

die Mutter sich der Ruhe freute, wußte Elschen gar nicht, wo es ihr

fehlte. Allein zu spielen hatte sie ganz verlernt. So ging sie hinunter

in den Hof, wo die großen Balken lagen. Oft hatte sie sich in den

letzten Wochen geärgert, wenn sie ängstlich auf den glatten Balken

kleine Schrittchen machte, daß die Brüder das so flink konnten und sie

ihnen immer Platz machen sollte. Jetzt hatte sie alle die Baumstämme

allein zu ihrer Verfügung, aber nun machten sie ihr keine Freude. Sie

ging weiter zu den Brettern, die übereinander aufgestapelt lagen. Dort

oben, wo ein kleines dickes Brett querüberlag, war Frieders

Lieblingsplatz, auf dem er immer mit der Ziehharmonika saß. Wenn er gar

zu lang spielte und sie nicht beachtete, war sie manchmal ungeduldig

geworden und hatte sogar einmal gesagt, die Harmonika sei eine alte

Kröte. Aber jetzt, wo es überall ganz still war, hätte sie auch die

Harmonika gern gehört. Sie setzte sich auf Frieders Platz und dachte an

ihn. Es war so langweilig heute morgen—fast zum weinen!

Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief:

"Elschen, flink, Essig holen!"

Einen Augenblick später wanderte auch Else die Frühlingsstraße

hinunter, zwar nicht mit den Büchern in die Schule, aber mit dem

Essigkrug zum nächsten Kaufmann.

Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner

Frau. Es waren schon ältere Leute und er hatte das Geschäft abgegeben.

Sie war eine freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf

gute Erhaltung des Besitzes. Als diesen Morgen die Pfäfflinge

nacheinander die Treppe hinunter gesprungen waren, hatte sie zu ihrem

Mann gesagt: "Hast du schon bemerkt, wie die Treppe abgenutzt ist? Seit

dem Jahr, wo Pfäfflings bei uns wohnen, sind die Stufen schon so

abgetreten worden, daß mir wirklich bang ist, wie es nach einigen

Jahren aussehen wird." "Verwehr's ihnen, daß sie so die Treppen

herunterpoltern," sagte der Hausherr.

"Ich will gar nicht behaupten, daß sie poltern, sie sind ja

rücksichtsvoll, aber hundertmal springen sie auf und ab und es

pressiert ihnen allen so, ein Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie

müssen immer springen. Ich will sie aber gleich heute aufmerksam machen

auf die abgetretenen Stellen."

"Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewöhnen, springt

doch der Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewußt,

was es um so eine neunköpfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen

voriges Jahr selbst unsere Wohnung angeboten haben in ihrer

Wohnungsnot. Und jetzt haben wir sie, und zu kündigen brächtest du doch

nicht übers Herz."

"Nein, nie! Aber du auch nicht."

"Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, daß er Bretter für neue

Böden bereit hält," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand

bedenklich und sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch über die

Stufen, aber sie blieben doch abgetreten.

Die Vormittagsstunden waren endlich vorübergegangen, die kleine

vereinsamte Schwester stand am Fenster, sah die Straße hinunter und

erkannte schon von weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das

Haus zukam. Bald darauf tauchten zwei Mädchengestalten auf, das waren

die Zwillingsschwestern, die elfjährigen, Marie und Anna, die der

Bequemlichkeit halber oft zusammen Marianne genannt wurden. So rief

auch Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist schon im Haus und

Marianne sehe ich auch, aber sie stehen bei andern Mädchen und machen

gar nicht voran. Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei

Großen, jetzt muß ich entgegen laufen."

Die Schwestern hatten sich den Brüdern zugesellt und so kamen sie alle

zugleich ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor

Vergnügen entgegenrief: "Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder,

der zu hinterst war, aber die Schwestern hatten sie schon an beiden

Händen gefaßt und alle drängten der Treppe zu, als die Türe der untern

Wohnung aufging und Frau Hartwig herbeikam. Flugs zogen die Brüder ihre

Mützen, denn die Rücksicht auf die Hausleute war ihnen zur heiligen

Pflicht gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten Umzug in

dem Bewußtsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein.

So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet

ein wenig, Kinder, ich muß euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe

an, seht ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr

war davon noch keine Spur, wer hat das wohl getan?"

Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Köpfe. "Das habt ihr getan,"

fuhr die Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln

hundertmal auf und ab gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann

richtet ihr mir in _einem_ Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie

standen alle betreten da, die Blicke auf die Treppe gerichtet. So

schlimm kam ihnen diese wohl nicht vor, aber die Hausfrau mußte es ja

wissen! In diesem kritischen Moment kam Karl, dem großen, der Mutter

Hauptregel ins Gedächtnis: nur immer gleich um Entschuldigung bitten!

"Es ist mir leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das

erlösende Wort: "Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der große, an,

langsam und behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der

zweite und Otto, der dritte. Ihnen nach schlichen unhörbar Marie und

Anna mit Elschen. Nur Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und

deshalb den Schaden an der Treppe noch nicht hatte sehen können, der

verweilte noch und betrachtete nachdenklich die Stufen. Dann sagte er

zutraulich zu der Hausfrau: "Nur in der Mitte sieht man etwas, warum

denn nicht an den Seiten?" "Kleines Dummerle," sagte Frau Hartwig,

"kannst du dir das nicht denken? In der Mitte geht man wohl am

öftesten."

"So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite,"

und indem er dicht am Geländer hinaufstieg, rief er noch freundlich

herunter: "Gelt, so wird deine Treppe schön geschont?" "Ja, so ist's

recht," sagte die Hausfrau und indem sie wieder in ihre Wohnung

zurückkehrte, sprach sie so für sich hin: den guten Willen haben sie,

was kann man mehr verlangen?

Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog

ihn ins Zimmer und rief vergnügt: "Jetzt sind sie alle wieder da!"

Den Eßtisch hatte Frau Pfäffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft

hin und hergelaufen und hatte ihr erzählt, was Neues von der

Musikschule zu berichten war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so

öfter lief ihm eines in den Weg, so gab er das Wandeln auf und

klatschte mit seinen großen Händen, was immer das Zeichen war, zu Tisch

zu gehen. Da gab es schnell ein Schieben und Stuhlrücken und einen

Augenblick lautloser Stille, während die Mutter das Tischgebet sprach.

Es war nicht alle Tage dasselbe, sie wußte viele. Sie fragte manchmal

den Vater, manchmal die Kinder, welches sie gerne hörten und richtete

sich darnach. Heute sprach sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die

Arbeit, du gönnst uns die Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu."

Das Essen, das die große Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen,

aber das Tischgespräch wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie

kannten es schon, es war immer das gleiche beim Beginn des

Wintersemesters.

"Wir müssen jetzt ein Physikbuch haben."

"Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf

ich nimmer mitbringen."

"Zum Nähtuch brauchen wir ein Stück feine neue Leinwand."

"Bis Donnerstag müssen wir richtige Turnanzüge haben."

"In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln."

"Mein Reißzeug sei ganz ungenügend."

So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war,

umdrängten die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der

kleine Volksschüler, hatte keine derartigen Wünsche, er nahm seine

Ziehharmonika und verzog sich; Elschen folgte ihm hinunter auf den

Balkenplatz, wo eine freundliche Herbstsonne die Kinder umfing, die

sich noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen konnten.

Herr Pfäffling suchte sich dem Drängen seiner Großen zu entziehen,

indem er hinüberflüchtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und

Stundenzimmer war. Dort wartete ein Stoß neuer Musikalien auf ihn, die

er prüfen sollte. Aber es währte nicht lang, so folgten ihm seine drei

Lateinschüler nach, und ein jeder brachte wiederholt sein Anliegen vor

und suchte zu beweisen, daß es dringend sei. "Ich glaube es ja," sagte

der Vater, "aber alles auf einmal können wir nicht anschaffen, ihr müßt

eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher sollte denn so

viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun wieder

Stundenschüler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr

Atlas, Reißzeug und die neuesten Ausgaben der Schulbücher bekommen,

aber jetzt reicht es nur für das dringendste." Herr Pfäffling zog eine

kleine Schublade seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war,

"Schaut selbst herein und rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war

nicht viel in der Schublade. Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und

miteinander zu beraten, was das Unentbehrlichste sei. "Für Marianne muß

auch noch etwas übrig bleiben," bemerkte der eine der Brüder, "bei ihr

gibt es sonst gleich wieder Tränen. Leinwand zu einem Nähtuch wollen

sie, ob das wohl recht viel kostet?"

So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab

und waren froh, daß das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte.

Es blieb kein großer Rest mehr in der kleinen Schublade.

Als kurze Zeit darauf die Lateinschüler und die Töchterschülerinnen

sich wieder auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfäffling zu

ihrem Mann in das Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen

beisammen saßen.

"Sieh nur, Cäcilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist

höchste Zeit, daß wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue

Schüler melden, die besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind

jetzt so viele Musiklehrer hier; von der Musikschule allein könnten wir

nicht leben."

"Es werden gewiß welche kommen," sagte Frau Pfäffling, aber sehr

zuversichtlich klang es nicht und eines wußte von dem andern, daß es

sorgliche Gedanken im Herzen bewegte.

In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der

wohlbekannte Klang der Harmonika. Frau Pfäffling trat ans offene

Fenster und sah die beiden kleinen Geschwister auf den Brettern

sitzend. "Es ist doch schon 2 Uhr vorbei," sagte sie, "hat denn Frieder

heute nachmittag keine Stunde?" und sie rief dieselbe Frage dem kleinen

Schulbuben hinunter. Die Harmonika verstummte, die Kinder antworteten

nicht, sie sahen sich nur bestürzt an und die Eile, mit der sie von den

Brettern herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu,

sagte genug.

"Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfäffling,

"daran ist wieder nur das verwünschte Harmonikaspielen schuld!" Als

Frieder die Treppe heraufkam—ohne jegliche Rücksicht auf abgetretene

Stufen—streckte der Vater ihm schon den Arm entgegen und nahm ihm die

geliebte Harmonika aus der Hand mit den Worten: "Damit ist's aus und

vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darüber vergißt!"

Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle

andern schon fort? Ist's schon arg spät?" fragte er, während er ins

Zimmer lief, um seine Bücher zu holen. Elschen stand zitternd und

strampelnd vor Aufregung dabei, während er seine Hefte zusammenpackte,

rief immer verzweifelter: "Schnell, schnell, schnell!" und hielt ihm

seine Mütze hin, bis er endlich ohne Gruß davoneilte. Auf halber Treppe

blieb er aber noch einmal stehen und rief kläglich herauf: "Mutter, was

soll ich denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur gleich: es tut mir leid,"

rief sie ihm nach. So rannte er die Frühlingsstraße hinunter und rief

in seiner Angst immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid." Die

Vorübergehenden sahen ihm mitleidig lächelnd nach—es war leicht zu

erraten, was dem kleinen Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb

drei Uhr, als er um die Ecke der Frühlingsstraße bog.

Herr Pfäffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in

seinen Schrank schloß. "Redlich abgenützt ist sie," sagte er sich, "sie

wird bald den Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in

Versuchung führen. Es hat wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten

zwei Jahren, an dem er sie nicht benützt hat. Er ist ein kleiner

Künstler auf dem Instrument, aber er weiß es nicht und das ist gut und

von den Geschwistern hört er auch keine Schmeicheleien, sie ärgern sich

ja nur über den kleinen Virtuosen. Ich wollte, ich hätte auch nur

_einen_ Schüler, der so begabt wäre wie Frieder! Aber daß er seine

Schule über der Musik versäumt oder ganz vergißt wie heute, das ist

doch ein starkes Stück am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und

nun wurde die Harmonika eingeschlossen.

War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als

letzter heraus. Die Geschwister daheim hörten von der kleinen

Schwester, was vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule

ergangen sein mochte. Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern

gesammelt, und die Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafür, daß es

glimpflich abgehen würde. Aber Frieder hatte einen neuen Lehrer, den

kannte man noch nicht und die neuen waren oft scharf. Als nun endlich

der Jüngste heimkam und ins Zimmer trat, wo sie alle beisammen waren,

sahen sie ihn begierig, zum Teil auch ein wenig spöttisch an. Aber das

Spöttische verging ihnen bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er sah

so kläglich verweint aus! Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen.

Zuerst wollte Frieder nicht recht herausrücken mit der Sprache, denn

der Vater war auch im Zimmer und das war in Erinnerung an sein

zürnendes Gesicht und die weggenommene Harmonika nicht aufmunternd für

Frieder. Aber Herr Pfäffling ging ans Fenster, trommelte einen Marsch

auf den Scheiben und achtete offenbar nicht auf die Kinder. Da hatte

Marie bald alles aus dem kleinen Bruder herausgefragt, denn sie hatte

immer etwas Mütterliches gegen die Kleinen, auch der Mutter Stimme. So

erzählte denn Frieder, daß der Lehrer ihm zuerst nur gewinkt hätte,

sich auf seinen Platz zu setzen, aber nach der Schule hatte Frieder

vorkommen müssen, ja und dann—dann stockte der Bericht. Aber die

Geschwister kannten sich aus, sie nahmen seine Hände in Augenschein,

die waren auf der Innenseite rot und dick. "Wieviel?" fragte Marie.

"Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der große. "Es kommt darauf

an, ob's gesalzene waren," und nun erzählte Wilhelm, der zweite: "Bei

uns hat einer auch einmal die Schule vergessen, dann hat er zum Lehrer

gesagt, er habe Nasenbluten bekommen und so ist er ohne alles

durchgeschlupft, der war schlau!" Da hörte auf einmal das Trommeln an

den Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um und sagte: "Der war

ein Lügner und das ist der Frieder nicht. Geh her, du kleines Dummerle

du, wenn dir der Lehrer selbst deinen Denkzettel gegeben hat, dann

brauchst du von mir keinen, du bekommst deine Harmonika wieder, aber—"

Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb,

denn in diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfäffling und

sagte eilfertig: "Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im

Bügelzimmer das Klingeln gehört und ihr seid vornen und achtet nicht

darauf!" Schuldbewußt liefen die der Türe am nächsten Stehenden hinaus

und riefen bald darauf den Vater ab, in freudiger Erregung verkündend:

"Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame mit einem Fräulein ist

da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie nun

fortgegangen wären!" sagte die Mutter vorwurfsvoll.

"Manchmal ist's recht unbequem, daß Walburg taub ist," meinte Anne und

Else fügte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmädchen, die hören ganz gut,

die hören sogar das Klingeln, wenn wir so eine hätten!" "Seid ihr ganz

zufrieden, daß wir unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfäffling,

"wenn sie nicht bei uns bleiben wollte, könnten wir gar keine nehmen,

sie tut's um den halben Lohn. Und _wieviel_ tut sie uns! Es ist

traurig, zu denken: weil sie ein solches Gebrechen hat, muß sie sich

mit halbem Lohn begnügen. Wenn ich könnte, würde ich ihr den doppelten

geben." Unvermutet ging die Türe auf und die, von der man gesprochen

hatte, trat ein. Unwillkürlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an

als sonst, sie bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das große

Brett voll geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Küche

hereintrug. Walburg war eine ungewöhnlich große, kräftige Gestalt und

ihr Gesicht hatte einen guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein

paar Jahren war sie aus einem Dienst entlassen worden wegen ihrer

zunehmenden Schwerhörigkeit, die nun fast Taubheit zu nennen war. Als

niemand sie dingen wollte, war sie froh, bei kleinem Lohn in der

Familie Pfäffling ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie nicht mehr das

Reden der Menschen hörte, hatte sie selbst sich das Sprechen fast

abgewöhnt. So tat sie stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand

wußte viel von dem, was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem

Gebrechen. Durch der Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen

Pfäfflinge wach geworden und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu

sein, griff Marie nach den Bestecken, um sie einzuräumen; die andern

bekamen auch Lust zu helfen, und im Nu war das Brett leer und Walburg

sehr erstaunt über die ungewohnte Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit

ist auch ein Lohn," sagte Frau Pfäffling, "wenn ihr den alle sieben an

Walburg bezahlt, dann—" "Dann wird sie kolossal reich," vollendete

Karl.

Unser Musiklehrer kam vergnügt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter

Anfang des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als

Schülerin angetragen. Zwei Stunden wöchentlich in unserem Haus. Das

Fräulein mag etwa 17 Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als

sei es noch ein dummes Gänschen, aber ein freundliches, es lacht immer,

wenn nichts zu lachen ist, und kam in Verlegenheit, als die Frau Mama

nach dem Preis fragte mit der Bemerkung, sie zahle immer voraus. Sie

zog auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und zählte das Geld auf den

Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die Dame, 'so

bringt man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl sie

sich, das Fräulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde

sein. Da ist das Geld, wirst's nötig haben," schloß Herr Pfäffling

seinen Bericht und reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder

drückten sich an die Fenster, sahen hinunter und bewunderten die Dame,

die mit ihrem seidenen Kleid durch die Frühlingsstraße rauschte,

begleitet von der Tochter, die mehr noch ein Kind als ein Fräulein zu

sein schien. "Hat je eines von euch schon diesen Namen gehört?" fragte

Herr Pfäffling und hielt ihnen die Visitenkarte der Dame hin. Sie

schüttelten alle verneinend, der Name war ganz schwierig

herauszubuchstabieren, er lautete: _Frau Privatiere Vernagelding_.

2. Kapitel

Herr Direktor?

November! Du düsterer, nebeliger, naßkalter Monat, wer kann dich

leiden? Ich glaube, unter allen zwölfen hast du die wenigsten Freunde.

Du machst den Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden

noch nicht. Aber zu etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmäßigen

Arbeit.

Was wurde allein in der Familie Pfäffling gearbeitet an dem großen

Tisch unter der Hängelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier

Brüdern schrieb der eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte

französisch, der vierte deutsch. Der eine stierte in die Luft und

suchte nach geistreichen Gedanken für den Aufsatz, der andere blätterte

im Lexikon, der dritte murmelte Reihen von Zeitwörtern, der vierte

kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde auch einmal

geplaudert und gefragt, gestoßen und aufbegehrt, auch gehustet und

gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter saß mit dem

Flickkorb oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still

beschäftigen sollte, was aber nicht immer gelang.

Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, saßen selten dabei. Sie hatten

ein Schlafzimmer für sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten

sie ungestört ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn

der Ofen, der darin stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern

wußten sich zu helfen. Sie lernten am liebsten aus einem Buch, dabei

rückten sie ihre Stühle dicht zusammen, wickelten einen großen alten

Schal um sich und wärmten sich aneinander. Nur mit der Beleuchtung

hatte es seine Schwierigkeit. Eine eigene Lampe wurde nicht gestattet,

es wäre ihnen auch nicht in den Sinn gekommen, einen solchen Anspruch

zu machen. Aber im Vorplatz auf dem Schränkchen stand eine Ganglampe.

Sie mußte immer brennen wegen der Stundenschüler, die den langen Gang

hinunter gehen mußten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfäffling seine

Stunden gab. Hatte aber ein Schüler den Weg gefunden und hinter sich

die Türe des Musikzimmers geschlossen, so konnten die Mädchen wohl auf

eine Stunde die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im

Vorplatz und manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es über den

Gang ging und begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern

kühl. Schlimmer war's, wenn sie etwa überhörten, daß die Musikstunde

vorbei war und die Schüler im Finstern tappen mußten. Dann erschraken

sie sehr, stürzten eilig hinaus, um zum Schluß noch zu leuchten,

entschuldigten sich und waren froh, wenn der Vater es nicht bemerkt

hatte.

Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fräulein Vernagelding

hatte Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hörten die Mädchen

das Spiel. Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe.

Aber die Stunde war noch nicht aus, sie lauschten und hörten den Vater

noch sprechen: "das ist doch nicht e, wie heißt denn diese Note?"

"Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen

wieder an ihre Arbeit. Aber Herr Pfäffling sagte nur noch etwas rasch

zu seiner Schülerin: "Ich glaube, es ist genug für heute, besinnen Sie

sich daheim, wie diese Note heißt," und gleich darauf kam Fräulein

Vernagelding heraus und stand in dem stockfinsteren Gang. Jede andere

hätte ihren Rückweg im Dunkeln gesucht, aber das Fräulein gehörte nicht

zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch einmal am Eckzimmer an

und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr Pfäffling, mir

graut so vor dem langen dunkeln Gang, würden Sie nicht Licht machen?"

Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner ängstlichen

Schülerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die

Schwestern mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in

Gegenwart von Fräulein Vernagelding gezankt, so daß dieser ganz das

Lachen verging und sie so schnell wie möglich durch die Treppentüre

verschwand. Das Arbeiten im eigenen Zimmer mußte also mit mancher

Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch nicht davon lassen.

So lernten denn die jungen Pfäfflinge an den langen Winterabenden, der

eine mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker

in der Schule, machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht

eben schlechte Zeugnisse nach Hause.

An einem solchen Novemberabend war es, daß Herr Pfäffling in das Zimmer

trat und seiner Frau zurief: "Cäcilie, komme doch einen Augenblick zu

mir herüber, aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Türe

zugemacht, als er ihr leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie

folgte ihm über den Gang, dieser war wieder stockfinster, aber sie

beachteten es nicht. Im Musikzimmer, wo die Klavierlampe brannte, lag

auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er ihn seiner Frau: "Lies,

lies nur!" und als er sah, daß sie mit der fremden Handschrift für

seine Ungeduld nicht schnell genug vorwärts kam, sprach er: "Die erste

Seite ist nebensächlich, die Hauptsache ist eben: Kraußold aus Marstadt

schreibt, es solle dort eine Musikschule gegründet werden, und er wolle

mich, wenn ich Lust hätte, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust hätte,

Cäcilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust hätte, in einer

größeren aufblühenden Stadt eine Musikschule zu gründen, alles nach

meinen Ideen einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor

zu werden, anstatt mich mit Vernagelding und ähnlichen zu plagen;

Cäcilie, hast du Lust, Frau Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit

fröhlichem Lachen seine eigenen Worte: "Ob ich Lust hätte? Wie kann man

nur so fragen!"

Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee

und besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet

eröffnete. Und sprachen so lang, bis Elschen herübergesprungen kam und

rief: "Walburg hat das Abendessen hereingebracht und nun werden die

Kartoffeln kalt!"

"Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfäffling neckend,

folgte Mutter und Töchterchen und war den ganzen Abend voll

Fröhlichkeit, ging singend oder pfeifend im Familienzimmer hin und her,

und die glückliche Stimmung teilte sich allen mit, obwohl nach stiller

Übereinkunft die Eltern zunächst vor den Kindern noch nichts von dem

unsicheren Zukunftsplan erwähnten.

Herr Kraußold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige

Aufregung hervorgebracht hatte, war Herrn Pfäffling aus früheren Jahren

gut bekannt, doch hatte er die Familie Pfäffling noch nie besucht. Bei

diesem Anlaß nun kündigte er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit

auf den nächsten Mittwoch an. Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen

und mit dem fünf Uhr Zug wieder abreisen. Herr Pfäffling war in einiger

Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein etwas verwöhnter Herr," sagte

er zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht viel Sinn für Kinder

hat, am wenigsten für sieben auf einmal. Sie sollten ganz in den

Hintergrund treten."

"Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stören die Kinder

nicht," sagte Frau Pfäffling.

"Aber zum Tee möchte ich ihn herüber ins Eßzimmer bringen. Die Kinder

können ja irgendwo anders sein, dann richtest du für uns drei einen

gemütlichen Teetisch."

Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, daß sie an diesem

Nachmittag möglichst unhörbar und unsichtbar sein sollten wegen des

erwarteten Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der

Vater zu den Kleinen: "Laßt euch nur nicht blicken, wer weiß, wie es

euch sonst geht, wenn der Kinderfeind kommt!"

Zunächst mußten alle zusammen helfen, die schönste Ordnung

herzustellen, bis der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein käme.

Das Wetter war leidlich, sie wollten sich unten im Hof aufhalten.

Am Fenster stand immer einer der Brüder als Posten und als nun der

Vater in der Frühlingsstraße in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn

auftauchte, rannte die ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und

verschwand hinter dem Haus. Dort war der Boden tief durchweicht und mit

dem zäh an den Fußsohlen haftenden Lehm ließ sich nicht gut auf den

Balken klettern. Elschen fiel gleich beim ersten Versuch herunter und

weinte kläglich, denn sie sah übel aus. Die Schwestern bemühten sich,

mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu säubern. Da tat sich ein

Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder, ihr macht

das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur

herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber

hinauf!"

"Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen kläglich.

"O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch

ein Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Füße

gut ab."

Die Mädchen ließen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wußte nicht

recht, ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den

Brüdern um, die waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch

lieber mit hinein zu der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die

Schwestern weg und bis er ihnen nach ins Haus ging, hatten sie eben die

Türe hinter sich geschlossen. Anklingeln wollte er nicht extra für

seine kleine Person. So hielt er sich wieder an seine treueste

Freundin, die Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den Thron, hoch oben

auf den Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choräle eingeübt, die

wollte er auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er sich

nun und hatte kein Verlangen mehr nach den Brüdern, obwohl er sie von

seinem hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem

Zaun, der den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz

trennte. Im Oktober waren neue Rekruten eingerückt, die nun täglich

ihre Turnübungen ganz nahe dem Zaune machten. Unter diesen Soldaten war

ein guter Bekannter, ein früherer Lehrling des Schreiners Hartwig, der

zugleich ein Verwandter der Hausfrau war und bei ihr gewohnt hatte.

Diesen nun in Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und Exerzieren

zuzuschauen, war von großem Interesse. Er kam auch manchmal an den Zaun

und plauderte freundschaftlich mit Karl.

Aufmerksam sahen die jungen Pfäfflinge nach dem Turnplatz hinüber.

Unter den Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung über

ein gespanntes Seil üben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt

dazu anstellten. Der eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder

einen Anlauf, um über die Schnur zu kommen und wenn es ihm fünfmal

mißlungen war, so kam er doch das sechste mal darüber und der Schweiß

redlicher Anstrengung stand ihm auf der Stirne. Die beiden anderen

Ungeschickten machten gleichgültige, störrische Gesichter und träge

Bewegungen. Als die Abteilung zur Kaserne zurück kommandiert wurde,

mußten sie nachexerzieren. Das war nun kein schöner Anblick. Dazu fing

es an zu regnen, große wässerige Schneeflocken mischten sich darunter,

und die kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespräch über

die unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen.

Sie wollten all diese Übungen schon vorher machen, gleich morgen sollte

da, zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an

Frieder vorbei; der hatte auch bemerkt, daß Schnee und Regen herunter

fielen und kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die

Brüder über ihn. Er würde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter.

Welche Schande, wenn ein Pfäffling so schlecht auf dem Turnplatz

bestünde. Es durfte nicht sein, daß er immer nur Harmonika spielte, sie

wollten ihn auch springen lehren, er mußte mittun, gleich morgen. Er

sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig bedenklich und mit Recht:

drei eifrige Unteroffiziere gegen _einen_ ungeschickten Rekruten!

Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben

die Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Mädchen,

die noch bei der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, daß

sie erkundigen sollten, wie es oben stünde. Marie wagte sich hinauf,

erschien bald wieder an der Treppe und winkte den anderen, leise

nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den Geschwistern, sie stellte

sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser vor.

"Er ist im Wohnzimmer," flüsterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer,

da hört man uns nicht."

Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das

Eckzimmer. Dort fühlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was

sie gerne gehabt hätten, von Büchern und Heften oder Spielen hier

nichts zu haben. So standen sie alle sieben herum, warteten und fingen

an, in dem kühlen Zimmer zu frieren, denn sie waren naß und

durchkältet. "Wir wollen miteinander ringen, daß es uns warm wird,"

schlug Wilhelm vor und Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich

nehme es mit der ganzen Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen

meine rechte Hand, du Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt

die Stühle aus dem Weg." Sie taten es und dann machten sie es den

großen Geschwistern nach. Das gab ein Gelächter und Gekreisch und aber

auch einen großen Plumps, weil Otto und Wilhelm zu Boden fielen.

In diesem Augenblick ging die Türe auf; Herr Pfäffling hatte ahnungslos

seinen Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie

miteinander ins Musikzimmer. Nein, auch für einen Kinderfreund wäre

dieser Knäuel sich balgender Knaben und ringender Mädchen kein schöner

Anblick gewesen, und nun erst für den Kinder_feind_!

Er prallte ordentlich zurück. Elschen schrie beim Anblick des

gefürchteten Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen

Ausgang die Flucht, alle Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Türe

besann sich Karl, kehrte zurück, grüßte und sagte: "Entschuldige,

Vater, wir wollten drüben nicht stören, deshalb sind wir alle hier

gewesen," dann stellte er rasch die Stühle an ihren Platz und rettete

dadurch noch einigermaßen die Ehre der Pfäfflinge, die sich wohl noch

nie so ungünstig präsentiert hatten, wie eben diesem Fremden gegenüber.

Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfäffling zur

Bahn geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem großen Tisch im

Wohnzimmer und saßen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben,

doch war ihnen allen bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen

habe und was er sagen würde bei seiner Rückkehr von der Bahn; die

Mutter war ja nicht dabei gewesen, sie konnte es nicht wissen.

Nun kam der Vater heim. Eine merkwürdige Stille herrschte im Zimmer,

als er über die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und

betrachtete das friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie

nun wie Musterkinder ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige

Lämmlein, nicht wieder zu erkennen die wilde Horde von drüben!" Bei

diesem Scherzenden Ton wurde ihnen allen leicht ums Herz, sie lachten,

sprangen dem Vater entgegen und Elschen fragte: "Ist der Herr weit

weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schön da, wo er hin gehört?"

"Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er käme

oder wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfäffling hinzu, indem er

sich an seine Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Mühe mehr,

unser Hauswesen in stiller Vornehmheit zu zeigen und in künstliches

Licht zu stellen, denn so ein künstliches Licht verlöscht doch

plötzlich und dann ist die Dunkelheit um so größer."

Ein paar Stunden später, als Elschen längst schlief, die Schwestern

Gute Nacht gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im

sogenannten Bubenzimmer ihre Betten aufsuchten, saß Karl noch allein

mit den Eltern am Tisch. Seit seinem fünfzehnten Geburtstag hatte er

dies Vorrecht. Es wurde allmählich still im Haus. Auch Walburg hatte

Gute Nacht gewünscht; manchmal lag kein anderes Wort zwischen ihrem

"Guten Morgen" und "Gute Nacht".

Die drei, die nun noch am Tische saßen, waren ganz schweigsam und

bewegten doch ungefähr denselben Gedanken.

Herr Pfäffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, daß ich mit

meiner Frau von Marstadt reden könnte. Die Kinder sollen ja noch nichts

davon wissen. Er zog seine Taschenuhr—es war noch nicht spät. Dann ging

er auf und ab, sah wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser.

Frau Pfäffling dachte: Meinem Mann ist es lästig, daß wir nicht allein

sind, aber er möchte Karl doch nicht so früh zu Bett schicken. Nein,

diese Unruhe! Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut

und nicht ahnt, daß er stört.

Darin täuschte sich aber Frau Pfäffling, denn Karl dachte: Der Vater

schweigt und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Türe hinausginge, würden

sie reden, über Herrn Kraußold aus Marstadt, denn mit diesem hat es

eine besondere Bewandtnis. Nun zieht der Vater zum drittenmal in fünf

Minuten seine Uhr. Er möchte mich fort haben und doch nicht

fortschicken. Und die Mutter auch. Da ist's wohl angezeigt, daß ich

freiwillig gehe. Er klappte das Buch zu, stand auf und sagte: "Gute

Nacht, Vater, gute Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen."

"Gute Nacht, Karl."

Sie waren überrascht, daß er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte

Herr Pfäffling. "Oder hat er gemerkt, daß er uns stört," meinte die

Mutter. "Woran sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und

er hat gelesen."

"Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfäffling

lächelnd.

"Das muß ich noch erfahren," sagte Herr Pfäffling lebhaft und rief

seinen Jungen noch einmal zurück: "Sage offen, warum du so bald zu Bett

gehst?" Einen Augenblick zögerte Karl, dann erwiderte er schelmisch:

"Weil du dreimal auf deine Uhr gesehen hast, Vater."

"Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, daß

du Takt hast—übrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier

bleiben, dann wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir

besprechen." "Das meine ich auch," sagte Frau Pfäffling, "er wird nun

bald sechzehn Jahre. Komm, Großer, setze dich noch einmal zu uns."

Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fühlte er sich wie ein

Freund zu Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde

erfuhr er, was seine Eltern gegenwärtig freudig bewegte.

Als er sich aber eine Stunde später leise neben seine Brüder zu Bette

legte, da besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen

könnte, das Vertrauen der Eltern zu täuschen, und er fühlte, daß keine

Lockung noch Drohung stark genug wäre, ihm das anvertraute Geheimnis zu

entreißen.

In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach

Marstadt, um sich dort den Herren vorzustellen, die über die Ernennung

des Direktors für die neu zu gründende Musikschule zu entscheiden

hatten. Es kam noch ein anderer, jüngerer Mann aus Marstadt für die

Stelle in Betracht, und nun mußte sich's zeigen, ob Herr Pfäffling

wirklich, wie sein Freund Kraußold meinte, die besseren Aussichten

habe. Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr Pfäffling

immer kleinmütiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling, wählen,

statt dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er

sich seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine

seitherigen Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen würden!

In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein

Freund Kraußold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so

wuchs seine Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus _einem_

Munde lautete das Urteil über seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu

jung zum Direktor" Und einmal, als er in Begleitung seines Freundes

über die Straße ging, sah er selbst den Jüngling, der sein Mitbewerber

war, und von da an war er beruhigt; das war noch kein Mann für solch

eine Stelle, der sollte nur noch zehn Jahre warten!

In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten.

Am Bahnhof von Marstadt bot ein Mädchen Blumen an. In seiner

hoffnungsfreudigen Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz

unerhörten Luxus: Er kaufte eine Rose. Sein Freund Kraußold sah ihn

groß an: "Zu was brauchst _du_ so etwas?"

"Für die zukünftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfäffling fröhlich,

und als sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst

hinzu: "Weißt du, sie hat es schon manchmal recht schwer gehabt in

unseren knappen Verhältnissen."

Sie verabschiedeten sich und Kraußold versprach, am nächsten Donnerstag

gleich nach Schluß der Sitzung ihm den Entscheid über die Besetzung der

Stelle zu telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfäffling seiner

Frau die Rose reichte, wußte sie alles, auch ohne Worte: seine

glückselige siegesgewisse Stimmung, seine Freude, daß er auch ihr ein

schöneres Los bieten konnte, das alles erkannte sie an der unerhört

verschwenderischen Gabe einer Rose im November!

Die Sache blieb nicht länger Geheimnis. Herr Pfäffling besprach sie mit

seinem Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt über die

geplante Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch

die Kinder hörten nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg

wurde es ins Ohr gerufen.

Je näher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den

Entscheid. Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraußold ein, der keinen

Zweifel mehr darüber ließ, daß Pfäffling einstimmig gewählt würde.

Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als

Herr Pfäffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu

Tisch wie gewöhnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer

aufmachen dürfte, wenn der Telegraphenbote klingeln würde. Die Mutter

hatte das aufmerksame Ohr einer Hausfrau, sie legte den Löffel aus der

Hand und sagte: "Er kommt." Einen Augenblick später klingelte es, und

von den dreien, die hinaus gerannt waren, brachte Wilhelm das Telegramm

dem Vater, der rasch den Umschlag zerriß. Es war ein langes, ein

bedenklich langes Telegramm. Es besagte, daß noch in der letzten Stunde

der Beschluß, im nächsten Jahre schon eine Musikschule zu gründen,

umgestoßen worden sei und man eines günstigen Bauplatzes wegen noch ein

paar Jahre warten wolle!

Herrn Pfäffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Füßen

weggezogen hätte, als er las, daß die ganze Musikschule, die er

dirigieren wollte, wie ein Luftschloß zusammenbrach.

O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestürzt sahen die Eltern aus,

wie starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den

Mädchen die Tränen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von

einem zum andern, weil sie gar nichts von dem allen verstand!

Frieder, der neben der Mutter saß, wandte sich halblaut an sie: "Es

wäre viel freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon

vorher ausgemacht hätten, und das mit dem Vater erst nachher."

"O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, daß alle

erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug wären wie du, aber die

sind so—ich will gar nicht sagen wie, das _kann_ man überhaupt gar

nicht sagen, dafür gibt es keinen Ausdruck!"

Frau Pfäffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre

wollen sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann wäre es

ja nicht so sehr ferne gerückt!"

"Es können auch fünf daraus werden und zehn," entgegnete Herr

Pfäffling, "inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins

richtige Alter und ich komme darüber hinaus. Nein, nein, da ist nichts

mehr zu hoffen, Direktor bin ich _gewesen_."

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und man hörte ihn über den

Gang in das Musikzimmer gehen. Die Kinder aßen, was auf ihren Tellern

fast erkaltet war. "Ich wollte, Herr Kraußold wäre gar nie in unser

Haus gekommen!" sagte Anne. Da stimmten alle ein und der ganze Zorn

entlud sich über ihn, bis die Mutter wehrte: "Herr Kraußold hat es nur

gut gemeint. Ihr Kinder habt überdies allen Grund, froh zu sein, daß

wir hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut wie hier außen in

der Frühlingsstraße. Für euch wäre es kein Gewinn gewesen."

"Aber für den Vater und für dich," sagte Karl, und er dachte an den

schönen Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht

anvertraut hatten. "Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich

kommen darüber weg. In der ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen,

aber dann stemmt man sich gegen das Ungemach und sagt sich: dies gehört

auch zu den Dingen, die uns zum besten dienen müssen, wie alles, was

Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muß ich's anpacken, damit

es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken.

"Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann

deckt den Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinübergehen. Nehmt

auch die Rose mit hinaus, die Blätter fallen ab."

Im Eckzimmer wanderte Herr Pfäffling auf und ab und wartete auf seine

Frau, denn er wußte ganz gewiß, daß sie zu ihm kommen würde. Sie hatten

schon manches Schwere miteinander getragen, und nun mußte auch diese

Enttäuschung gemeinsam durchgekämpft werden.

Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte · 第 1 / 16 段