Erster Abschnitt. Das Wesen als Reflexion in ihm selbst.
Das Wesen kommt aus dem Seyn her; es ist insofern nicht unmittelbar an
und für sich, sondern ein Resultat jener Bewegung. Oder das Wesen
zunächst als ein unmittelbares genommen, so ist es ein bestimmtes
Daseyn, dem ein anderes gegenüber steht; es ist nur wesentliches Daseyn
gegen unwesentliches. Das Wesen ist aber das an und für sich
aufgehobene Seyn; es ist nur Schein, was ihm gegenüber steht. Allein
der Schein ist das eigene Setzen des Wesens.
Das Wesen ist erstens Reflexion. Die Reflexion bestimmt sich; ihre
Bestimmungen sind ein Gesetztseyn, das zugleich Reflexion in sich ist;
es sind
zweitens diese Reflexions-Bestimmungen oder die Wesenheiten zu
betrachten.
Drittens macht sich das Wesen als die Reflexion des Bestimmens in sich
selbst, zum Grunde, und geht in die Existenz und Erscheinung über.
Erstes Kapitel. Der Schein.
Das Wesen aus dem Seyn herkommend scheint demselben gegenüber zu
stehen; dieß unmittelbare Seyn ist zunächst das Unwesentliche.
Allein es ist zweitens mehr als nur unwesentliches, es ist wesenloses
Seyn, es ist Schein.
Drittens dieser Schein ist nicht ein Äußerliches, dem Wesen Anderes,
sondern er ist sein eigner Schein. Das Scheinen des Wesens in ihm
selbst ist die Reflexion.
A. Das Wesentliche und das Unwesentliche.
Das Wesen ist das aufgehobene Seyn. Es ist einfache Gleichheit mit sich
selbst, aber insofern es die Negation der Sphäre des Seyns überhaupt
ist. So hat das Wesen die Unmittelbarkeit sich gegenüber, als eine
solche, aus der es geworden ist, und die sich in diesem Aufheben
aufbewahrt und erhalten hat. Das Wesen selbst ist in dieser Bestimmung
seyendes, unmittelbares Wesen, und das Seyn nur ein Negatives in
Beziehung auf das Wesen, nicht an und für sich selbst, das Wesen ist
also eine bestimmte Negation. Seyn und Wesen verhalten sich auf diese
Weise wieder als Andere überhaupt zu einander, denn jedes hat ein Seyn,
eine Unmittelbarkeit, die gegen einander gleichgültig sind, und stehen
diesem Seyn nach in gleichem Werthe.
Zugleich aber ist das Seyn im Gegensatze gegen das Wesen, das
Unwesentliche, es hat gegen dasselbe die Bestimmung des Aufgehobenen.
Insofern es sich jedoch zum Wesen nur überhaupt als ein Anderes
verhält, so ist das Wesen nicht eigentlich Wesen, sondern nur ein
anders bestimmtes Daseyn, das Wesentliche.
Der Unterschied von Wesentlichem und Unwesentlichem hat das Wesen in
die Sphäre des Daseyns zurückfallen lassen; indem das Wesen, wie es
zunächst ist, als unmittelbares seyendes, und damit nur als Anderes
bestimmt ist gegen das Seyn. Die Sphäre des Daseyns ist damit zu Grunde
gelegt, und daß das, was das Seyn in diesem Daseyn ist,
An-und-Fürsichseyn ist, ist eine weitere dem Daseyn selbst äußerliche
Bestimmung; so wie umgekehrt das Wesen wohl das An-und-Fürsichseyn ist,
aber nur gegen Anderes, in bestimmter Rücksicht.—Insofern daher an
einem Daseyn ein Wesentliches und ein Unwesentliches von einander
unterschieden werden, so ist dieser Unterschied ein äußerliches Setzen,
eine das Daseyn selbst nicht berührende Absonderung eines Theils
desselben, von einem andern Theile; eine Trennung, die in ein Drittes
fällt. Es ist dabei unbestimmt, was zum Wesentlichen oder
Unwesentlichen gehört. Es ist irgend eine äußerliche Rücksicht und
Betrachtung, die ihn macht, und derselbe Inhalt deswegen bald als
wesentlich, bald als unwesentlich anzusehen.
Genauer betrachtet, wird das Wesen zu einem nur Wesentlichen gegen ein
Unwesentliches dadurch, daß das Wesen nur genommen ist, als
aufgehobenes Seyn oder Daseyn. Das Wesen ist auf diese Weise nur die
erste oder die Negation, welche Bestimmtheit ist, durch welche das Seyn
nur Daseyn, oder das Daseyn nur ein Anderes wird. Das Wesen aber ist
die absolute Negativität des Seyns; es ist das Seyn selbst, aber nicht
nur als ein Anderes bestimmt, sondern das Seyn, das sich sowohl als
unmittelbares Seyn, wie auch als unmittelbare Negation, als Negation,
die mit einem Andersseyn behaftet ist, aufgehoben hat. Das Seyn oder
Daseyn hat sich somit nicht als Anderes, denn das Wesen ist, erhalten,
und das noch vom Wesen unterschiedene Unmittelbare ist nicht bloß ein
unwesentliches Daseyn, sondern das an und für sich nichtige
Unmittelbare; es ist nur ein Unwesen, der Schein.
B. Der Schein.
1. Das Seyn ist Schein. Das Seyn des Scheins besteht allein in dem
Aufgehobenseyn des Seyns, in seiner Nichtigkeit; diese Nichtigkeit hat
es im Wesen, und außer seiner Nichtigkeit, außer dem Wesen ist er
nicht. Er ist das Negative gesetzt, als Negatives.
Der Schein ist der ganze Rest, der noch von der Sphäre des Seyns übrig
geblieben ist. Er scheint aber selbst noch eine vom Wesen unabhängige
unmittelbare Seite zu haben und ein Anderes desselben überhaupt zu
seyn. Das Andere enthält überhaupt die zwei Momente des Daseyns und des
Nichtdaseyns. Das Unwesentliche, indem es nicht mehr ein Seyn hat, so
bleibt ihm vom Andersseyn nur das reine Moment des Nichtdaseyns, der
Schein ist dieß unmittelbare Nichtdaseyn, so in der Bestimmtheit des
Seyns, daß es nur in der Beziehung auf Anderes, in seinem Nichtdaseyn
Daseyn hat; das Unselbstständige, das nur in seiner Negation ist. Es
bleibt ihm also nur die reine Bestimmtheit der Unmittelbarkeit, es ist
als die reflektirte Unmittelbarkeit, das ist, welche nur vermittelst
ihrer Negation ist, und die ihrer Vermittelung gegenüber nichts ist,
als die leere Bestimmung der Unmittelbarkeit des Nichtdaseyns.
So ist der Schein, das Phänomen des Skepticismus oder auch die
Erscheinung des Idealismus eine solche Unmittelbarkeit, die kein Etwas
oder kein Ding ist, überhaupt nicht ein gleichgültiges Seyn, das außer
seiner Bestimmtheit und Beziehung auf das Subjekt wäre. Es ist,
erlaubte sich der Skepticismus nicht zu sagen; der neuere Idealismus
erlaubte sich nicht, die Erkenntnisse, als ein Wissen vom Ding-an-sich
anzusehen; jener Schein sollte überhaupt keine Grundlage eines Seyns
haben, in diese Erkenntnisse sollte nicht das Ding-an-sich eintreten.
Zugleich aber ließ der Skepticismus mannigfaltige Bestimmmungen seines
Scheins zu, oder vielmehr sein Schein hatte den ganzen mannigfaltigen
Reichthum der Welt zum Inhalte. Ebenso begreift die Erscheinung des
Idealismus den ganzen Umfang dieser mannigfaltigen Bestimmtheiten in
sich. Jener Schein und diese Erscheinung sind unmittelbar so
mannigfaltig bestimmt. Diesem Inhalte mag also wohl kein Seyn, kein
Ding, oder Ding-an-sich zu Grunde liegen; er für sich bleibt wie er
ist; er ist nur aus dem Seyn in den Schein übersetzt worden; so daß der
Schein innerhalb seiner selbst jene mannigfaltigen Bestimmtheiten hat,
welche unmittelbare, seyende, andere gegen einander sind. Der Schein
ist also selbst ein unmittelbar Bestimmtes. Er kann diesen oder jenen
Inhalt haben; aber welchen er hat, ist nicht durch ihn selbst gesetzt,
sondern er hat ihn unmittelbar. Der leibnitzische, oder kantische,
fichtesche Idealismus, wie andere Formen desselben, sind so wenig als
der Skepticismus über das Seyn als Bestimmtheit, über diese
Unmittelbarkeit, hinausgekommen. Der Skepticismus läßt sich den Inhalt
seines Scheins geben; es ist unmittelbar für ihn, welchen Inhalt er
haben soll. Die leibnitzische Monade entwickelt aus ihr selbst ihre
Vorstellungen; aber sie ist nicht die erzeugende und verbindende Kraft,
sondern sie steigen in ihr als Blasen auf; sie sind gleichgültig,
unmittelbar gegen einander, und so gegen die Monade selbst. Ebenso ist
die kantische Erscheinung ein gegebener Inhalt der Wahrnehmung, er
setzt Affektionen voraus, Bestimmungen des Subjekts, welche gegen sich
selbst und gegen dasselbe unmittelbar sind. Der unendliche Anstoß des
fichteschen Idealismus mag wohl kein Ding-an-sich zu Grunde liegen
haben, so daß er rein eine Bestimmtheit im Ich wird. Aber diese
Bestimmtheit ist eine dem Ich, das sie zu der seinigen macht und ihre
Äußerlichkeit aufhebt, zugleich unmittelbare, eine Schranke desselben,
über die es hinausgehen kann, welche aber eine Seite der
Gleichgültigkeit an ihr hat, nach der sie ob zwar im Ich, ein
unmittelbares Nichtseyn desselben enthält.-2. Der Schein also enthält
eine unmittelbare Voraussetzung, eine unabhängige Seite gegen das
Wesen. Es ist aber von ihm, insofern er vom Wesen unterschieden ist,
nicht zu zeigen, daß er sich aufhebt und in dasselbe zurückgeht; denn
das Seyn ist in seiner Totalität in das Wesen zurückgegangen; der
Schein ist das an sich nichtige; es ist nur zu zeigen, daß die
Bestimmungen, die ihn vom Wesen unterscheiden, Bestimmungen des Wesens
selbst sind, und ferner, daß diese Bestimmtheit des Wesens, welche der
Schein ist, im Wesen selbst aufgehoben ist.
Es ist die Unmittelbarkeit des Nichtseyns, welche den Schein ausmacht;
dieß Nichtseyn aber ist nichts Anderes als die Negativität des Wesens
an ihm selbst. Das Seyn ist Nichtseyn in dem Wesen. Seine Nichtigkeit
an sich ist die negative Natur des Wesens selbst. Die Unmittelbarkeit
oder Gleichgültigkeit aber, welche dieß Nichtseyn enthält, ist das
eigene absolute Ansichseyn des Wesens. Die Negativität des Wesens ist
seine Gleichheit mit sich selbst, oder seine einfache Unmittelbarkeit
und Gleichgültigkeit. Das Seyn hat sich im Wesen erhalten, insofern
dieses an seiner unendlichen Negativität diese Gleichheit mit sich
selbst hat; hierdurch ist das Wesen selbst das Seyn. Die
Unmittelbarkeit, welche die Bestimmtheit am Scheine gegen das Wesen
hat, ist daher nichts anderes, als die eigene Unmittelbarkeit des
Wesens; aber nicht die seyende Unmittelbarkeit, sondern die schlechthin
vermittelte oder reflektirte Unmittelbarkeit, welche der Schein
ist;—das Seyn nicht als Seyn, sondern nur als die Bestimmtheit des
Seyns, gegen die Vermittlung; das Seyn als Moment.
Diese beiden Momente, die Nichtigkeit aber als Bestehen, und das Seyn
aber als Moment, oder die an sich seyende Negativität und die
reflektirte Unmittelbarkeit, welche die Momente des Scheins ausmachen,
sind somit die Momente des Wesens selbst; es ist nicht ein Schein des
Seyns am Wesen, oder ein Schein des Wesens am Seyn vorhanden, der
Schein im Wesen ist nicht der Schein eines Andern; sondern er ist der
Schein an sich, der Schein des Wesens selbst.
Der Schein ist das Wesen selbst in der Bestimmtheit des Seyns. Das,
wodurch das Wesen einen Schein hat, ist, daß es bestimmt in sich, und
dadurch von seiner absoluten Einheit unterschieden ist. Aber diese
Bestimmtheit ist ebenso schlechthin an ihr selbst aufgehoben. Denn das
Wesen ist das Selbstständige, das ist als durch seine Negation, welche
es selbst ist, sich mit sich vermittelnd; es ist also die identische
Einheit der absoluten Negativität und der Unmittelbarkeit. —Die
Negativität ist die Negativität an sich; sie ist ihre Beziehung auf
sich, so ist sie an sich Unmittelbarkeit; aber sie ist negative
Beziehung auf sich, abstoßendes Negiren ihrer selbst, so ist die an
sich seyende Unmittelbarkeit das Negative oder Bestimmte gegen sie.
Aber diese Bestimmtheit ist selbst die absolute Negativität und dieß
Bestimmen, das unmittelbar als Bestimmen das Aufheben seiner selbst,
Rückkehr in sich ist.
Der Schein ist das Negative, das ein Seyn hat aber in einem Andern, in
seiner Negation; er ist die Unselbstständigkeit, die an ihr selbst
aufgehoben und nichtig ist. So ist er das in sich zurückgehende
Negative, das Unselbstständige, als das an ihm selbst Unselbstständige.
Diese Beziehung des Negativen oder der Unselbstständigkeit auf sich,
ist seine Unmittelbarkeit; sie ist ein Anderes als es selbst; sie ist
seine Bestimmtheit gegen sich, oder sie ist die Negation gegen das
Negative. Aber die Negation gegen das Negative ist die sich nur auf
sich beziehende Negativität, das absolute Aufheben der Bestimmtheit
selbst.
Die Bestimmtheit also, welche der Schein im Wesen ist, ist unendliche
Bestimmtheit; sie ist nur das mit sich zusammengehende Negative; sie
ist so die Bestimmtheit, die als solche die Selbstständigkeit, und
nicht bestimmt ist.—Umgekehrt die Selbstständigkeit als sich auf sich
beziehende Unmittelbarkeit ist ebenso schlechthin Bestimmtheit und
Moment und nur als sich auf sich beziehende Negativität.—Diese
Negativität, die identisch mit der Unmittelbarkeit, und so die
Unmittelbarkeit, die identisch mit der Negativität ist, ist das Wesen.
Der Schein ist also das Wesen selbst, aber das Wesen in einer
Bestimmtheit, aber so daß sie nur sein Moment ist, und das Wesen ist
das Scheinen seiner in sich selbst.
In der Sphäre des Seyns entsteht dem Seyn als unmittelbarem, das
Nichtseyn gleichfalls als unmittelbares gegenüber, und ihre Wahrheit
ist das Werden. In der Sphäre des Wesens findet sich zuerst das Wesen
und das Unwesentliche, dann das Wesen und der Schein gegenüber; das
Unwesentliche und der Schein als Reste des Seyns. Aber sie beide, so
wie der Unterschied des Wesens von ihnen, bestehen in weiter nichts,
als darin, daß das Wesen zuerst, als ein unmittelbares genommen wird,
nicht wie es an sich ist, nämlich nicht als die Unmittelbarkeit, die
als die reine Vermittelung oder als absolute Negativität
Unmittelbarkeit ist. Jene erste Unmittelbarkeit, ist somit nur die
Bestimmtheit der Unmittelbarkeit. Das Aufheben dieser Bestimmtheit des
Wesens besteht daher in nichts weiter, als in dem Aufzeigen, daß das
Unwesentliche nur Schein, und daß das Wesen vielmehr den Schein in sich
selbst enthält, als die unendliche Bewegung in sich, welche seine
Unmittelbarkeit, als die Negativität und seine Negativität als die
Unmittelbarkeit bestimmt und so das Scheinen seiner in sich selbst ist.
Das Wesen in dieser seiner Selbstbewegung ist die Reflexion.