Die absolute Indifferenz ist die letzte Bestimmung des Seyns, ehe
dieses zum Wesen wird; sie erreicht aber dieses nicht. Sie zeigt sich
noch der Sphäre des Seyns anzugehören, indem sie noch als gleichgültig
bestimmt, den Unterschied als äußerlichen, quantitativen an ihr hat.
Dieß ist ihr Daseyn, womit sie sich zugleich in dem Gegensatze
befindet, gegen dasselbe als nur das an sichseyende bestimmt, nicht als
das fürsichseyende Absolute gedacht zu seyn. Oder es ist die äußere
Reflexion, welche dabei stehen bleibt, daß die Specifischen an sich
oder im Absoluten dasselbe und eins sind, daß ihr Unterschied nur ein
gleichgültiger, kein Unterschied an sich ist. Was hier noch fehlt,
besteht darin, daß diese Reflexion, nicht die äußere Reflexion des
denkenden, subjektiven Bewußtseyns, sondern die eigene Bestimmung der
Unterschiede jener Einheit sey, sich aufzuheben, welche Einheit denn so
sich erweist, die absolute Negativität, ihre Gleichgültigkeit gegen
sich selbst, gegen ihre eigene Gleichgültigkeit, ebenso sehr als gegen
das Andersseyn zu seyn.
Dieß Sich-Aufheben der Bestimmung der Indifferenz aber hat sich bereits
ergeben; sie hat sich in der Entwicklung ihres Gesetztseyns nach allen
Seiten als der Widerspruch gezeigt. Sie ist an sich die Totalität, in
der alle Bestimmungen des Seyns aufgehoben und enthalten sind; so ist
sie die Grundlage, aber ist nur erst in der einseitigen Bestimmung des
Ansichseyns und damit sind die Unterschiede, die quantitative Differenz
und das umgekehrte Verhältniß von Faktoren, als äußerlich an ihr. So
der Widerspruch ihrer selbst und ihres Bestimmtseyns, ihrer an sich
seyenden Bestimmung und ihrer gesetzten Bestimmtheit ist sie die
negative Totalität, deren Bestimmtheiten sich an ihnen selbst und damit
diese ihre Grundeinseitigkeit, ihr Ansichseyn, aufgehoben haben.
Gesetzt hiermit als das, was die Indifferenz in der That ist, ist sie
einfache und unendliche negative Beziehung auf sich, die
Unverträglichkeit ihrer mit ihr selbst, Abstoßen ihrer von sich selbst.
Das Bestimmen und Bestimmtwerden ist nicht ein Übergehen, noch
äußerliche Veränderung, noch ein Hervortreten der Bestimmungen an ihr,
sondern ihr eignes Beziehen auf sich, das die Negativität ihrer selbst,
ihres Ansichseyns, ist.
Die Bestimmungen, als solche abgestoßene, gehören aber nun nicht sich
selbst an, treten nicht in Selbstständigkeit oder Äußerlichkeit hervor,
sondern sind als Momente;—erstens der ansichseyenden Einheit angehörig,
nicht von ihr entlassen, sondern von ihr als dem Substrate getragen und
nur von ihr erfüllt; und zweitens als die Bestimmungen, die der
fürsichseyenden Einheit immanent, nur durch deren Abstoßen von sich,
sind. Sie sind statt Seyender, wie in der ganzen Sphäre des Seyns
nunmehr schlechthin nur als Gesetzte, schlechthin mit der Bestimmung
und Bedeutung, auf ihre Einheit, somit jede auf ihre andere und
Negation, bezogen zu seyn,—bezeichnet mit dieser ihrer Relativität.
Damit ist das Seyn überhaupt und das Seyn oder die Unmittelbarkeit der
unterschiedenen Bestimmtheiten ebenso sehr als das Ansichseyn
verschwunden, und die Einheit ist Seyn, unmittelbare vorausgesetzte
Totalität, so daß sie diese einfache Beziehung auf sich nur ist,
vermittelt durch das Aufheben dieser Voraussetzung, und dieß
Vorausgesetztseyn und unmittelbare Seyn selbst nur ein Moment ihres
Abstoßens ist, die ursprüngliche Selbstständigkeit und Identität mit
sich nur ist, als das resultirende, unendliche Zusammengehen mit sich;
so ist das Seyn zum Wesen bestimmt, das Seyn, als durch Aufheben des
Seyns einfaches Seyn nnt sich.
Zweites Buch
Das Wesen.
Die Wahrheit des Seyns ist das Wesen.
Das Seyn ist das Unmittelbare. Indem das Wissen das Wahre erkennen
will, was das Seyn an und für sich ist, so bleibt es nicht beim
Unmittelbaren und dessen Bestimmungen stehen, sondern dringt durch
dasselbe hindurch, mit der Voraussetzung, daß hinter diesem Seyn noch
etwas Anderes ist, als das Seyn selbst, daß dieser Hintergrund die
Wahrheit des Seyns ausmacht. Diese Erkenntniß ist ein vermitteltes
Wissen, denn sie befindet sich nicht unmittelbar beim und im Wesen,
sondern beginnt von einem Andern, dem Seyn, und hat einen vorläufigen
Weg, den Weg des Hinausgehens über das Seyn oder vielmehr des
Hineingehens in dasselbe zu machen. Erst indem das Wissen sich aus dem
unmittelbaren Seyn erinnert, durch diese Vermittlung findet es das
Wesen.—Die Sprache hat im Zeitwort: Seyn, das Wesen in der vergangenen
Zeit: gewesen, behalten; denn das Wesen ist das vergangene, aber
zeitlos vergangene Seyn.
Diese Bewegung, als Weg des Wissens vorgestellt, so erscheint dieser
Anfang vom Seyn und der Fortgang, der es aufhebt und beim Wesen als
einem Vermittelten anlangt, eine Thätigkeit des Erkennens zu seyn, die
dem Seyn äußerlich sey und dessen eigene Natur nichts angehe.
Aber dieser Gang ist die Bewegung des Seyns selbst. Es zeigte sich an
diesem, daß es durch seine Natur sich erinnert, und durch dieß
Insichgehen zum Wesen wird.
Wenn also das Absolute zuerst als Seyn bestimmt war, so ist es jetzt
als Wesen bestimmt. Das Erkennen kann überhaupt nicht bei dem
mannigfaltigen Daseyn, aber auch nicht bei dem Seyn, dem reinen Seyn,
stehen bleiben; es dringt sich unmittelbar die Reflexion auf, daß
dieses reine Seyn, die Negation alles Endlichen, eine Erinnerung und
Bewegung voraussetzt, welche das unmittelbare Daseyn zum reinen Seyn
gereinigt hat. Das Seyn wird hiernach als Wesen bestimmt, als ein
solches Seyn, an dem alles Bestimmte und Endliche negirt ist. So ist es
die bestimmungslose einfache Einheit, von der das Bestimmte auf eine
äußerliche Weise hinweggenommen worden; dieser Einheit war das
Bestimmte selbst ein Äußerliches, und es bleibt ihr nach diesem
Wegnehmen noch gegenüber stehen; denn es ist nicht an sich, sondern
relativ, nur in Beziehung auf diese Einheit, aufgehoben worden.—Es
wurde oben schon erinnert, daß wenn das reine Wesen als Inbegriff aller
Realitäten bestimmt wird, diese Realitäten gleichfalls der Natur der
Bestimmtheit, und der abstrahirenden Reflexion unterliegen, und dieser
Innbegriff sich zur leeren Einfachheit reducirt. Das Wesen ist auf
diese Weise nur Produkt, ein Gemachtes. Die äußerliche Negation, welche
Abstraktion ist, hebt die Bestimmtheiten des Seyns nur hinweg von dem,
was als Wesen übrig bleibt; es stellt sie gleichsam nur an einen andern
Ort, und läßt sie als seyende vor wie nach. Das Wesen ist aber auf
diese Weise weder an sich, noch für sich selbst; es ist durch ein
Anderes, die äußerliche, abstrahirende Reflexion; und ist für ein
Anderes, nämlich für die Abstraktion und überhaupt für das ihm
gegenüber stehen bleibende Seyende. In seiner Bestimmung ist es daher
die in sich todte, leere Bestimmungslosigkeit.
Das Wesen aber, wie es hier geworden ist, ist das, was es ist, nicht
durch eine ihm fremde Negativität, sondern durch seine eigne, die
unendliche Bewegung des Seyns. Es ist An-und-Fürsichseyn; absolutes
Ansichseyn, indem es gleichgültig gegen alle Bestimmtheit des Seyns
ist, das Andersseyn und die Beziehung auf anderes schlechthin
aufgehoben worden ist. Es ist aber nicht nur dieß Ansichseyn; als
bloßes Ansichseyn wäre es nur die Abstraktion des reinen Wesens;
sondern es ist ebenso wesentlich Fürsichseyn; es selbst ist diese
Negativität, das sich Aufheben des Andersseyns und der Bestimmtheit.
Das Wesen als die vollkommene Rückkehr des Seyns in sich ist so
zunächst das unbestimmte Wesen; die Bestimmtheiten des Seyns sind in
ihm aufgehoben; es enthält sie an sich; aber nicht wie sie an ihm
gesetzt sind. Das absolute Wesen in dieser Einfachheit mit sich hat
kein Daseyn. Aber es muß zum Daseyn übergehen; denn es ist
An-und-Fürsichseyn, das heißt, es unterscheidet die Bestimmungen,
welche es an sich enthält; weil es Abstoßen seiner von sich oder
Gleichgültigkeit gegen sich, negative Beziehung auf sich ist, setzt es
sich somit sich selbst gegenüber, und ist nur insofern unendliches
Fürsichseyn als es die Einheit mit sich in diesem seinem Unterschiede
von sich ist.—Dieses Bestimmen ist denn anderer Natur, als das
Bestimmen in der Sphäre des Seyns, und die Bestimmungen des Wesens
haben einen andern Charakter als die Bestimmtheiten des Seyns. Das
Wesen ist absolute Einheit des An-und-Fürsichseyns; sein Bestimmen
bleibt daher innerhalb dieser Einheit, und ist kein Werden noch
Übergehen, so wie die Bestimmungen selbst nicht ein Anderes als
anderes, noch Beziehungen auf Anderes sind; sie sind Selbstständige
aber damit nur als solche, die in ihrer Einheit mit einander sind.
—Indem das Wesen zuerst einfache Negativität ist, so hat es nun die
Bestimmtheit, welche es nur an sich enthält, in seiner Sphäre zu
setzen, um sich Daseyn und dann sein Fürsichseyn zu geben.
Das Wesen ist im Ganzen das, was die Quantität in der Sphäre des Seyns
war; die absolute Gleichgültigkeit gegen die Grenze. Die Quantität aber
ist diese Gleichgültigkeit in unmittelbarer Bestimmung, und die Grenze
an ihr unmittelbar äußerliche Bestimmtheit, sie geht ins Quantum über;
die äußerliche Grenze ist ihr nothwendig, und ist an ihr seyend. Am
Wesen hingegen ist die Bestimmtheit nicht; sie ist nur durch das Wesen
selbst gesetzt; nicht frey, sondern nur in der Beziehung auf seine
Einheit.—Die Negativität des Wesens ist die Reflexion, und die
Bestimmungen reflektirte, durch das Wesen selbst gesetzte und in ihm
als aufgehoben bleibende.
Das Wesen steht zwischen Seyn und Begriff und macht die Mitte derselben
und seine Bewegung den Übergang von Seyn in den Begriff aus. Das Wesen
ist das An-und-Fürsichseyn, aber dasselbe in der Bestimmung des
Ansichseyns; denn seine allgemeine Bestimmung ist, aus dem Seyn
herzukommen, oder die erste Negation des Seyns zu seyn. Seine Bewegung
besteht darin, die Negation oder Bestimmung an ihm zu setzen, dadurch
sich Daseyn zu geben, und das als unendliches Fürsichseyn zu werden,
was es an sich ist. So giebt es sich sein Daseyn, das seinem Ansichseyn
gleich ist, und wird der Begriff. Denn der Begriff ist das Absolute,
wie es in seinem Daseyn absolut oder an und für sich ist. Das Daseyn
aber, das sich das Wesen giebt, ist noch nicht das Daseyn, wie es an
und für sich ist, sondern wie das Wesen es sich giebt, oder wie es
gesetzt wird, daher noch von dem Daseyn des Begriffs unterschieden.
Das Wesen scheint zuerst in sich selbst, oder ist Reflexion; zweitens
erscheint es; drittens offenbart es sich. Es setzt sich in seiner
Bewegung in folgende Bestimmungen,
I. als einfaches, ansichseyendes Wesen in seinen Bestimmungen innerhalb
seiner;
II. als heraustretend in das Daseyn, oder nach seiner Existenz und
Erscheinung;