Das Latein dieses Liedes und der verwandten Bruchstuecke der

Baliarischen Gesaenge, welche schon den Philologen der augustischen Zeit

als die aeltesten Urkunden ihrer Muttersprache galten, verhaelt sich zu

dem Latein der Zwoelf Tafeln etwa wie die Sprache der Nibelungen zu der

Sprache Luthers; und wohl duerfen wir der Sprache wie dem Inhalt nach

diese ehrwuerdigen Litaneien den indischen Veden vergleichen. Schon

einer juengeren Epoche gehoeren die Lob- und Schimpflieder an. Dass

es in Latium der Spottlieder schon in alten Zeiten im Ueberfluss gab,

wuerde sich aus dem Volkscharakter der Italiener abnehmen lassen,

auch wenn nicht die sehr alten polizeilichen Massnahmen dagegen es

ausdruecklich bezeugten. Wichtiger aber wurden die Lobgesaenge. Wenn ein

Buerger zur Bestattung weggetragen ward, so folgte der Bahre eine ihm

anverwandte oder befreundete Frau und sang ihm unter Begleitung eines

Floetenspielers das Leichenlied (nenia). Desgleichen wurden bei dem

Gastmahl von den Knaben, die nach der damaligen Sitte die Vaeter auch

zum Schmaus ausser dem eigenen Hause begleiteten, Lieder zum Lobe der

Ahnen abwechselnd bald ebenfalls zur Floete gesungen, bald auch ohne

Begleitung bloss gesagt (assa voce canere). Dass auch die Maenner bei

dem Gastmahl der Reihe nach sangen, ist wohl erst spaetere vermutlich

den Griechen entlehnte Sitte. Genaueres wissen wir von diesen

Ahnenliedern nicht; aber es versteht sich, dass sie schilderten und

erzaehlten und insofern neben und aus dem lyrischen Moment der Poesie

das epische entwickelten. Andere Elemente der Poesie waren taetig in dem

uralten, ohne Zweifel ueber die Scheidung der Staemme zurueckreichenden

Volkskarneval, dem lustigen Tanz oder der Satura (I, 44). Der Gesang

wird dabei nie gefehlt haben; es lag aber in den Verhaeltnissen,

dass bei diesen vorzugsweise an Gemeindefesten und den Hochzeiten

aufgefuehrten und gewiss vorwiegend praktischen Spaessen leicht mehrere

Taenzer oder auch mehrere Taenzerscharen ineinander griffen und

der Gesang eine gewisse Handlung in sich aufnahm, welche natuerlich

ueberwiegend einen scherzhaften und oft einen ausgelassenen Charakter

trug. So entstanden hier nicht bloss die Wechsellieder, wie sie spaeter

unter dem Namen der fescenninischen Gesaenge auftreten, sondern auch die

Elemente einer volkstuemlichen Komoedie, die bei dem scharfen Sinn der

Italiener fuer das Aeusserliche und das Komische und bei ihrem Behagen

an Gestenspiel und Verkleidung auf einen vortrefflich geeigneten Boden

gepflanzt war. Erhalten ist nichts von diesen Inkunabeln des roemischen

Epos und Drama. Dass die Ahnenlieder traditionell waren, versteht

sich von selbst und wird zum Ueberfluss dadurch bewiesen, dass sie

regelmaessig von Kindern vorgetragen wurden; aber schon zu des aelteren

Cato Zeit waren dieselben vollstaendig verschollen. Die Komoedien aber,

wenn man den Namen gestatten will, sind in dieser Epoche und noch

lange nachher durchaus improvisiert worden. Somit konnte von dieser

Volkspoesie und Volksmelodie nichts fortgepflanzt werden als das Mass,

die musikalische und chorische Begleitung und vielleicht die Masken. Ob

es in aeltester Zeit das gab, was wir Versmass nennen, ist zweifelhaft;

die Litanei der Arvalbrueder fuegt sich schwerlich einem aeusserlich

fixierten metrischen Schema und erscheint uns mehr als eine bewegte

Rezitation. Dagegen begegnet in spaeterer Zeit eine uralte Weise, das

sogenannte saturnische ^3 oder faunische Mass, welches den Griechen

fremd ist und vermutlich gleichzeitig mit der aeltesten latinischen

Volkspoesie entstand. Das folgende, freilich einer weit spaeteren

Zeit angehoerende Gedicht mag von demselben eine Vorstellung geben.

------------------------------------------ ^3 Der Name bezeichnet wohl

nichts als das "Liedermass", insofern die satura urspruenglich das beim

Karneval gesungene Lied ist. Von demselben Stamm ist auch der Saeegott

Saeturnus oder Saiturnus, spaeter Saturnus benannt; sein Fest, die

Saturnalien, ist allerdings eine Art Karneval, und es ist moeglich, dass

die Possen urspruenglich vorzugsweise an diesem aufgefuehrt wurden.

Aber Beweise einer Beziehung der Satura zu den Saturnauen fehlen, und

vermutlich gehoert die unmittelbare Verknuepfung des versus saturnius

mit dem Gott Saturnus und die damit zusammenhaengende Dehnung der

ersten Silbe erst der spaeteren Zeit an.

------------------------------------------ Quod re sua difeidens -

aspere afleicta Parens timens heic vovit - voto hoc souto Decuma facta

poloucta - leibereis lubentes Donu danunt - Hercolei - maxsume - mereto

Semol te orant se voti - crebro condemnes Was, Missgeschick befuerchtend

- schwer betroffnem Wohlstand, Sorgvoll der Ahn gelobt hier, - des

Geloebnis eintraf, Zu Weih' und Schmaus den Zehnten - bringen gern

die Kinder Dem Hercoles zur Gabe - dar, dem hochverdienten; Sie flehn

zugleich dich an, dass - oft du sie erhoerest. In saturnischer Weise

scheinen die Lob- wie die Scherzlieder gleichmaessig gesungen worden

zu sein, zur Floete natuerlich und vermutlich so, dass namentlich der

Einschnitt in jeder Zeile scharf angegeben ward, bei Wechselliedern hier

auch wohl der zweite Saenger den Vers aufnahm. Es ist die saturnische

Messung, wie jede andere im roemischen und griechischen Altertum

vorkommende, quantitativer Art, aber wohl unter allen antiken

Versmassen sowohl das am mindesten durchgebildete, da es ausser anderen

mannigfaltigen Lizenzen sich die Weglassung der Senkungen im weitesten

Umfang gestattet, als auch das der Anlage nach unvollkommenste, indem

diese einander entgegengesetzten iambischen und trochaeischen Halbzeilen

wenig geeignet sind, einen fuer hoehere poetische Leistungen genuegenden

rhythmischen Bau zu entwickeln. Die Grundelemente der volkstuemlichen

Musik und Choreutik Latiums, die ebenfalls in dieser Zeit sich

festgestellt haben muessen, sind fuer uns verschollen; ausser dass uns

von der latinischen Floete berichtet wird als einem kurzen und duennen,

nur mit vier Loechern versehenen, urspruenglich, wie der Name zeigt,

aus einem leichten Tierschenkelknochen verfertigten musikalischen

Instrument. Dass endlich die spaeteren stehenden Charaktermasken der

latinischen Volkskomoedie oder der sogenannten Atellane: Maccus der

Harlekin, Bucco der Vielfrass, Pappus der gute Papa, der weise Dossennus

- Masken, die man so artig wie schlagend mit den beiden Bedienten, dem

Pantalon und dem Dottore der italienischen Pulcinellkomoedie verglichen

hat -, dass diese Masken bereits der aeltesten latinischen Volkskunst

angehoeren, laesst sich natuerlich nicht eigentlich beweisen; da aber

der Gebrauch der Gesichtsmasken in Latium fuer die Volksbuehne von

unvordenklichem Alter ist, waehrend die griechische Buehne in Rom erst

ein Jahrhundert nach ihrer Begruendung dergleichen Masken an nahm, da

jene Atellanenmasken ferner entschieden italischen Ursprungs sind und da

endlich die Entstehung wie die Durchfuehrung improvisierter Kunstspiele

ohne feste, dem Spieler seine Stellung im Stueck ein fuer allemal

zuweisende Masken nicht wohl denkbar ist, so wird man die festen Masken

an die Anfaenge des roemischen Schauspiels anknuepfen oder vielmehr sie

als diese Anfaenge selbst betrachten duerfen. Wenn unsere Kunde ueber

die aelteste einheimische Bildung und Kunst von Latium spaerlich

fliesst, so ist es begreiflich, dass wir noch weniger wissen ueber

die fruehesten Anregungen, die hier den Roemern von aussen her zuteil

wurden. In gewissem Sinn kann schon die Kunde der auslaendischen,

namentlich der griechischen Sprache hierher gezaehlt werden, welche

letztere den Latinern natuerlich im allgemeinen fremd war, wie dies

schon die Anordnung hinsichtlich der Sibyllinischen Orakel beweist, aber

doch unter den Kaufleuten nicht gerade selten gewesen sein kann; und

dasselbe wird zu sagen sein von der eng mit der Kunde des Griechischen

zusammenhaengenden Kenntnis des Lesens und Schreibens. Indes die Bildung

der antiken Welt ruhte weder auf der Kunde fremder Sprachen noch auf

elementaren technischen Fertigkeiten; wichtiger als jene Mitteilungen

wurden fuer die Entwicklung Latiums die musischen Elemente, die sie

bereits in fruehester Zeit von den Hellenen empfingen. Denn lediglich

die Hellenen und weder Phoeniker noch Etrusker sind es gewesen, welche

in dieser Beziehung eine Einwirkung auf die Italiker uebten; nirgends

begegnet bei den letzteren eine musische Anregung, die auf Karthago oder

Caere zurueckwiese, und es darf wohl ueberhaupt die phoenikische wie die

etruskische den Bastard- und darum auch nicht weiterzeugenden Formen der

Zivilisation zugezaehlt werden ^4. Griechische Befruchtung aber blieb

nicht aus. Die griechische siebensaitige Lyra, die "Saiten" (fides, von

sphid/e/ Darm; auch barbitus barbytos) ist nicht, wie die Floete, in

Latium einheimisch und hat dort stets als fremdlaendisches Instrument

gegolten; aber wie frueh sie daselbst Aufnahme gefunden hat, beweist

teils die barbarische Verstuemmelung des griechischen Namens, teils ihre

Anwendung selbst im Ritual ^5. Dass von dem Sagenschatz der Griechen

bereits in dieser Zeit nach Latium floss, zeigt schon die bereitwillige

Aufnahme der griechischen Bildwerke mit ihren durchaus auf dem

poetischen Schaue der Nation ruhenden Darstellungen; und auch die

altlatinischen Barbarisierungen der Persephone in Prosepna, des

Bellerophontes in Melerpanta, des Kyklops in Codes, des Laomedon in

Alumentus, des Ganymedes in Catamitus, des Neilos in Melus, der Semele

in Stimula lassen erkennen, in wie ferner Zeit schon solche Erzaehlungen

von Latinern vernommen und wiederholt worden sind. Endlich aber und vor

allem kann das roemische Haupt- und Stadtfest (ludi maximi, Romani)

wo nicht seine Entstehung, doch seine spaetere Einrichtung nicht wohl

anders als unter griechischem Einfluss erhalten haben. Es ward als

ausserordentliche Dankfeier, regelmaessig auf Grund eines von dem

Feldherrn vor der Schlacht getanen Geluebdes und darum gewoehnlich bei

der Heimkehr der Buergerwehr im Herbst, dem kapitolinischen Jupiter und

den mit ihm zusammen hausenden Goettern ausgerichtet. Im Festzuge begab

man sich nach dem zwischen Palatin und Aventin abgesteckten und mit

einer Arena und Zuschauerplaetzen versehenen Rennplatz: voran die ganze

Knabenschaft Roms, geordnet nach den Abteilungen der Buergerwehr zu

Pferde und zu Fuss; sodann die Kaempfer und die frueher beschriebenen

Taenzergruppen, jede mit der ihr eigenen Musik; hierauf die Diener

der Goetter mit den Weihrauchfaessern und dem anderen heiligen Geraet;

endlich die Bahren mit den Goetterbildern selbst. Das Schaufest selbst

war das Abbild des Krieges, wie er in aeltester Zeit gewesen, der Kampf

zu Wagen, zu Ross und zu Fuss. Zuerst liefen die Streitwagen, deren

jeder nach homerischer Art einen Wagenlenker und einen Kaempfer trug,

darauf die abgesprungenen Kaempfer, alsdann die Reiter, deren jeder

nach roemischer Fechtart mit einem Reit- und einem Handpferd erschien

(desultor); endlich massen die Kaempfer zu Fuss, nackt bis auf einen

Guertel um die Hueften, sich miteinander im Wettlauf, im Ringen und

im Faustkampf. In jeder Gattung der Wettkaempfe ward nur einmal und

zwischen nicht mehr als zwei Kaempfern gestritten. Den Sieger lohnte

der Kranz, und wie man den schlichten Zweig in Ehren hielt, beweist die

gesetzliche Gestattung, ihm denselben, wenn er starb, auf die Bahre zu

legen. Das Fest dauerte also nur einen Tag, und wahrscheinlich liessen

die Wettkaempfe an diesem selbst noch Zeit genug fuer den eigentlichen

Karneval, wobei denn die Taenzergruppen ihre Kunst und vor allem ihre

Possen entfaltet haben moegen und wohl auch andere Darstellungen, zum

Beispiel Kampfspiele der Knabenreiterei, ihren Platz fanden ^6. Auch die

im ernsten Kriege gewonnenen Ehren spielten bei diesem Feste eine

Rolle; der tapfere Streiter stellte an diesem Tage die Ruestungen der

erschlagenen Gegner aus und trug ebenso wie der Sieger im Wettspiel

den Kranz, mit dem die dankbare Gemeinde ihn geschmueckt hatte.

----------------------------------------------------------- ^4

Die Erzaehlung, dass ehemals die roemischen Knaben etruskische wie

spaeterhin griechische Bildung empfangen haetten (Liv. 9, 36), ist

mit dem urspruenglichen Wesen der roemischen Jugendbildung ebenso

unvereinbar, wie es nicht abzusehen ist, was denn die roemischen Knaben

in Etrurien lernten. Dass das Studium der etruskischen Sprache damals

in Rom die Rolle gespielt habe wie etwa jetzt bei uns das

Franzoesischlernen, werden doch selbst die eifrigsten heutigen Bekenner

des Tages-Kultus nicht behaupten; und von der etruskischen Haruspicin

etwas zu verstehen, galt selbst bei denen, die sich ihrer bedienten,

einem Nichtetrusker fuer schimpflich oder vielmehr fuer unmoeglich (K.

O. Mueller, Die Etrusker. Breslau 1828. Bd. 2, S. 4). Vielleicht ist

die Angabe von den etruskisierenden Archaeologen der letzten Zeit der

Republik herausgesponnen aus pragmatisierenden Erzaehlungen der aelteren

Annalen, welche zum Beispiel den Mucius Scaevola seiner Unterhaltung

mit Porsena zuliebe als Kind etruskisch lernen lassen (Dion. Hal. 5,

28; Plut. Publ. 17; vgl. Dion. Hal. 3, 70). Aber es gab allerdings eine

Epoche, wo die Herrschaft Roms ueber Italien eine gewisse Kenntnis der

Landessprache bei den vornehmen Roemern erforderte. ^5 Den Gebrauch der

Leier im Ritual bezeugen Cic. De orat. 3, 51,197; Cic. Tusc. 4, 2, 4;

Dion. Hal. 7, 72; App. Pun. 66 und die Inschrift Orelli 2448, vgl. 1803.

Ebenso ward sie bei den Nenien angewandt (Varro bei Nonius unter

nenia und praeficae). Aber das Leierspiel blieb darum nicht weniger

unschicklich (Scipio bei Macr. Sat. 2, 10 und sonst); von dem Verbot der

Musik im Jahre 639 wurden nur der "latinische Floetenspieler samt dem

Saengern, nicht der Saitenspieler ausgenommen, und die Gaeste bei dem

Mahle sangen nur zur Floete (Cato bei Cic. Tusc. 1, 2, 3; 4, 2, 3; Varro

bei Nonius unter assa voce; Hor. carm. 4, 15, 30). Quintilian, der das

Gegenteil sagt (inst. 1, 10, 20), hat, was Cicero (De orat. 3, 51)

von den Goetterschmaeusen erzaehlt, ungenau auf Privatgastmaehler

uebertragen. ^6 Das Stadtfest kann urspruenglich nur einen Tag gewaehrt

haben, da es noch im sechsten Jahrhundert aus vier Tagen szenischer

und einem Tag circensischer Spiele bestand (F. W. Ritschl, Parerga zu

Plautus und Terentius. Leipzig 1845. Bd. 1, S. 313) und notorisch

die szenischen Spiele erst spaeter hinzugekommen sind. Dass in jeder

Kampfgattung urspruenglich nur einmal gestritten ward, folgt aus Liv.

44, 9; wenn spaeter an einem Spieltag bis zu fuenfundzwanzig Wagenpaare

nacheinander liefen (Varro bei Serv. georg. 3, 18), so ist das Neuerung.

Dass nur zwei Wagen und ebenso ohne Zweifel nur zwei Reiter und zwei

Ringer um den Preis stritten, folgt daraus, dass zu allen Zeiten in

den roemischen Wagenrennen nur so viel Wagen zugleich liefen, als es

sogenannte Faktionen gab und dieser urspruenglich nur zwei waren, die

weisse und die rote. Das zu den circensischen gehoerende Reiterspiel der

patrizischen Epheben, die sogenannte Troia, ward bekanntlich von Caesar

wieder ins Leben gerufen; ohne Zweifel knuepfte es an den Aufzug

der Knabenbuergerwehr zu Pferde, dessen Dionys (7, 72) gedenkt.

---------------------------------------------------------- Solcher

Art war das roemische Sieges- oder Stadtfest, und auch die uebrigen

oeffentlichen Festlichkeiten Roms werden wir uns aehnlich, wenn auch

in den Mitteln beschraenkter vorzustellen haben. Bei der oeffentlichen

Leichenfeier traten regelmaessig Taenzer und daneben, wenn mehr

geschehen sollte, noch Wettreiter auf, wo dann die Buergerschaft durch

den oeffentlichen Ausrufer vorher besonders zu dem Begraebnis

eingeladen ward. Aber dieses mit den Sitten und den Uebungen Roms so eng

verwachsene Stadtfest trifft mit den hellenischen Volksfesten wesentlich

zusammen: so vor allem in dem Grundgedanken der Vereinigung einer

religioesen Feier und eines kriegerischen Wettkampfs; in der Auswahl der

einzelnen Uebungen, die bei dem Fest von Olympia nach Pindaros' Zeugnis

von Haus aus im Laufen, Ringen, Faustkampf, Wagenrennen, Speer- und

Steinwerfen bestanden; in der Beschaffenheit des Siegespreises, der in

Rom so gut wie bei den griechischen Nationalfesten ein Kranz ist und

dort wie hier nicht dem Lenker, sondern dem Besitzer des Gespannes

zuteil wird; endlich in dem Hineinziehen allgemein patriotischer Taten

und Belohnungen in das allgemeine Volksfest. Zufaellig kann diese

Uebereinstimmung nicht sein, sondern nur entweder ein Rest uralter

Volksgemeinschaft oder eine Folge des aeltesten internationalen

Verkehrs; fuer die letztere Annahme spricht die ueberwiegende

Wahrscheinlichkeit. Das Stadtfest in der Gestalt, wie wir es kennen, ist

keine der aeltesten Einrichtungen Roms, da der Spielplatz selbst erst zu

den Anlagen der spaeteren Koenigszeit gehoert (I, 123); und so gut wie

die Verfassungsreform damals unter griechischem Einfluss erfolgt ist (I,

109), kann gleichzeitig im Stadtfest eine aeltere Belustigungsweise -

der "Sprung" (triumpus, 1, 44) und etwa das in Italien uralte und bei

dem Fest auf dem Albaner Berg noch lange in Uebung gebliebene Schaukeln

- mit den griechischen Rennen verbunden und bis zu einem gewissen

Grade durch dieselben verdraengt worden sein. Es ist ferner von dem

ernstlichen Gebrauch der Streitwagen wohl in Hellas, aber nicht in

Latium eine Spur vorhanden. Endlich ist das griechische Stadion (dorisch

spadion) als spatium mit der gleichen Bedeutung in sehr frueher Zeit

in die lateinische Sprache uebergegangen und liegt sogar ein

ausdrueckliches Zeugnis dafuer vor, dass die Roemer die Pferde- und

Wagenrennen von den Thurinern entlehnten, wogegen freilich eine andere

Angabe sie aus Etrurien herleitet. Demnach scheinen die Roemer ausser

den musikalischen und poetischen Anregungen auch den fruchtbaren

Gedanken des gymnastischen Wettstreits den Hellenen zu verdanken. Es

waren also in Latium nicht bloss dieselben Grundlagen vorhanden, aus

denen die hellenische Bildung und Kunst erwuchs, sondern es hat auch

diese selbst in fruehester Zeit maechtig auf Latium gewirkt. Die

Elemente der Gymnastik besassen die Latiner nicht bloss insofern, als

der roemische Knabe wie jeder Bauernsohn Pferde und Wagen regieren

und den Jagdspiess fuehren lernte und als in Rom jeder Gemeindebuerger

zugleich Soldat war; sondern es genoss die Tanzkunst von jeher

oeffentlicher Pflege, und frueh trat mit den hellenischen Wettkaempfen

eine gewaltige Anregung hinzu. In der Poesie war die hellenische Lyrik

und Tragoedie aus aehnlichen Gesaengen erwachsen, wie das roemische

Festlied sie darbot, enthielt das Ahnenlied die Keime des Epos, die

Maskenposse die Keime der Komoedie; und auch hier mangelte griechische

Einwirkung nicht. Um so merkwuerdiger ist es, dass alle diese

Samenkoerner nicht aufgingen oder verkuemmerten. Die koerperliche

Erziehung der latinischen Jugend blieb derb und tuechtig, aber fern

von dem Gedanken einer kuenstlerischen Ausbildung des Koerpers, wie die

hellenische Gymnastik sie verfolgte. Die oeffentlichen Wettkaempfe der

Hellenen veraenderten in Italien nicht gerade ihre Satzungen, aber

ihr Wesen. Waehrend sie Wettkaempfe der Buerger sein sollten und

ohne Zweifel anfangs auch in Rom waren, wurden sie Wettkaempfe

von Kunstreitern und Kunstfechtern; und wenn der Beweis freier und

hellenischer Abstammung die erste Bedingung der Teilnahme an den

griechischen Festspielen war, so kamen die roemischen bald in die

Haende von freigelassenen und fremden, ja selbst von unfreien Leuten.

Folgeweise verwandelte sich der Umstand der Mitstreiter in ein

Zuschauerpublikum, und von dem Kranz des Wettsiegers, den man mit Recht

das Wahrzeichen von Hellas genannt hat, ist in Latium spaeterhin kaum

die Rede. Aehnlich erging es der Poesie und ihren Schwestern. Nur die

Griechen und die Deutschen besitzen den freiwillig hervorsprudelnden

Liederquell; aus der goldenen Schale der Musen sind auf Italiens gruenen

Boden eben nur wenige Tropfen gefallen. Zur eigentlichen Sagenbildung

kam es nicht. Die italischen Goetter sind Abstraktionen gewesen und

geblieben und haben nie zu rechter persoenlicher Gestaltung sich

gesteigert oder, wenn man will, verdunkelt. Ebenso sind die Menschen,

auch die groessten und herrlichsten, dem Italiker ohne Ausnahme

Sterbliche geblieben und wurden nicht wie in Griechenland in

sehnsuechtiger Erinnerung und liebevoll gepflegter Ueberlieferung in der

Vorstellung der Menge zu goettergleichen Heroen erhoben. Vor allem aber

kam es in Latium nicht zur Entwicklung einer Nationalpoesie. Es ist die

tiefste und herrlichste Wirkung der musischen Kuenste und vor allem der

Poesie, dass sie die Schranken der buergerlichen Gemeinden sprengen und

aus den Staemmen ein Volk, aus den Voelkern eine Welt erschaffen. Wie

heutzutage in unserer und durch unsere Weltliteratur die Gegensaetze

der zivilisierten Nationen aufgehoben sind, so hat die griechische

Dichtkunst das duerftige und egoistische Stammgefuehl zum hellenischen

Volksbewusstsein und dieses zum Humanismus umgewandelt. Aber in Latium

trat nichts Aehnliches ein; es mochte Dichter in Alba und in Rom geben,

aber es entstand kein latinisches Epos, nicht einmal, was eher noch

denkbar waere, ein latinischer Bauernkatechismus von der Art wie die

Hesiodischen 'Werke und Tage'. Es konnte wohl das latinische Bundesfest

ein musisches Nationalfest werden wie die Olympien und Isthmien der

Griechen. Es konnte wohl an Albas Fall ein Sagenkreis anknuepfen, wie

er um Ilions Eroberung sich spann, und jede Gemeinde und jedes edle

Geschlecht Latiums seine eigenen Anfaenge darin wiederfinden oder

hineinlegen. Aber weder das eine noch das andere geschah und Italien

blieb ohne nationale Poesie und Kunst. Was hieraus mit Notwendigkeit

folgt, dass die Entwicklung der musischen Kuenste in Latium mehr ein

Eintrocknen als ein Aufbluehen war, das bestaetigt, auch fuer uns noch

unverkennbar, die Ueberlieferung. Die Anfaenge der Poesie eignen wohl

ueberall mehr den Frauen als den Maennern; Zaubergesang und Totenlied

gehoeren vorzugsweise jenen und nicht ohne Grund sind die Liedesgeister,

die Casmenen oder Camenen und die Carmentis Latiums, wie die Musen von

Hellas weiblich gefasst worden. Aber in Hellas kam die Zeit, wo der

Dichter die Sangfrau abloeste und Apollon an die Spitze der Musen

trat; Latium hat keinen nationalen Gott des Gesanges und die aeltere

lateinische Sprache keine Bezeichnung fuer den Dichter ^7. Die

Liedesmacht ist hier unverhaeltnismaessig schwaecher aufgetreten und

rasch verkuemmert. Die Uebung musischer Kuenste hat sich hier frueh

teils auf Frauen und Kinder, teils auf zuenftige und unzuenftige

Handwerker beschraenkt. Dass die Klagelieder von den Frauen, die

Tischlieder von den Knaben gesungen wurden, ist schon erwaehnt

worden; auch die religioesen Litaneien wurden vorzugsweise von Kindern

ausgefuehrt. Die Spielleute bildeten ein zuenftiges, die Taenzer und die

Klagefrauen (praeficae) unzuenftige Gewerbe. Wenn Tanz, Spiel und Gesang

in Hellas stets blieben, was sie auch in Latium urspruenglich gewesen

waren, ehrenvolle und dem Buerger wie seiner Gemeinde zur Zier

gereichende Beschaeftigungen, so zog sich in Latium der bessere Teil der

Buergerschaft mehr und mehr von diesen eitlen Kuensten zurueck, und um

so entschiedener, je mehr die Kunst sich oeffentlich darstellte und je

mehr sie von den belebenden Anregungen des Auslandes durchdrungen war.

Die einheimische Floete liess man sich gefallen, aber die Lyra blieb

geaechtet; und wenn das nationale Maskenspiel zugelassen ward, so

schien das auslaendische Ringspiel nicht bloss gleichgueltig, sondern

schaendlich. Waehrend die musischen Kuenste in Griechenland immer mehr

Gemeingut eines jeden einzelnen und aller Hellenen zusammen werden und

damit aus ihnen eine allgemeine Bildung sich entwickelt, schwinden sie

in Latium allgemach aus dem allgemeinen Volksbewusstsein, und indem sie

zu in jeder Beziehung geringen Handwerken herabsinken, kommt hier nicht

einmal die Idee einer der Jugend mitzuteilenden, allgemein nationalen

Bildung auf. Die Jugenderziehung blieb durchaus befangen in den

Schranken der engsten Haeuslichkeit. Der Knabe wich dem Vater nicht von

der Seite und begleitete ihn nicht bloss mit dem Pfluge und der

Sichel auf das Feld, sondern auch in das Haus des Freundes und in den

Sitzungssaal, wenn der Vater zu Gaste oder in den Rat geladen war. Diese

haeusliche Erziehung war wohl geeignet, den Menschen ganz dem Hause

und ganz dem Staate zu bewahren; auf der dauernden Lebensgemeinschaft

zwischen Vater und Sohn und auf der gegenseitigen Scheu des werdenden

Menschen vor dem fertigen und des reifen Mannes vor der Unschuld der

Jugend beruhte die Festigkeit der haeuslichen und staatlichen Tradition,

die Innigkeit des Familienbandes, ueberhaupt der gewichtige Ernst

(gravitas) und der sittliche und wuerdige Charakter des roemischen

Lebens. Wohl war auch diese Jugenderziehung eine jener Institutionen

schlichter und ihrer selbst kaum bewusster Weisheit, die ebenso einfach

sind wie tief; aber ueber der Bewunderung, die sie erweckt, darf es

nicht uebersehen werden, dass sie nur durchgefuehrt werden konnte

und nur durchgefuehrt ward durch die Aufopferung der eigentlichen

individuellen Bildung und durch voelligen Verzicht auf die so

reizenden wie gefaehrlichen Gaben der Musen.

----------------------------------------------- ^7 Vates ist wohl

zunaechst der Vorsaenger (denn so wird der vates der Salier zu fassen

sein) und naehert sich dann im aelteren Sprachgebrauch dem griechischen

proph/e/t/e/s: es ist ein dem religioesen Ritual angehoerendes Wort

und hat, auch als es spaeter vom Dichter gebraucht ward, immer den

Nebenbegriff des gotterfuellten Saengers, des Musenpriesters, behalten.

---------------------------------------------- Ueber die Entwicklung der

musischen Kuenste bei den Etruskern und Sabellern mangelt uns so gut wie

jede Kunde ^8. Es kann hoechstens erwaehnt werden, dass auch in Etrurien

die Taenzer (histri, histriones) und die Floetenspieler (subulones)

frueh und wahrscheinlich noch frueher als in Rom aus ihrer Kunst ein

Gewerbe machten und nicht bloss in der Heimat, sondern auch in Rom

um geringen Lohn und keine Ehre sich oeffentlich produzierten.

Bemerkenswerter ist es, dass an dem etruskischen Nationalfest, welches

die saemtlichen Zwoelfstaedte durch einen Bundespriester ausrichteten,

Spiele wie die des roemischen Stadtfestes gegeben wurden; indes die

dadurch nahegelegte Frage, inwieweit die Etrusker mehr als die Latiner

zu einer nationalen, ueber den einzelnen Gemeinden stehenden musischen

Kunst gelangt sind, sind wir zu beantworten nicht mehr imstande.

Anderseits mag wohl in Etrurien schon in frueherer Zeit der Grund gelegt

sein zu der geistlosen Ansammlung gelehrten, namentlich theologischen

und astrologischen Plunders, durch den die Tusker spaeterhin, als in dem

allgemeinen Verfall die Zopfgelehrsamkeit zur Bluete kam, mit den Juden,

Chaldaeern und Aegyptern die Ehre teilten, als Urquell goettlicher

Weisheit angestaunt zu werden. Womoeglich noch weniger wissen wir von

sabellischer Kunst; woraus natuerlich noch keineswegs folgt, dass sie

der der Nachbarstaemme nachgestanden hat. Vielmehr laesst sich nach

dem sonst bekannten Charakter der drei Hauptstaemme vermuten, dass an

kuenstlerischer Begabung die Samniten den Hellenen am naechsten, die

Etrusker ihnen am fernsten gestanden haben moegen; und eine

gewisse Bestaetigung dieser Annahme gewaehrt die Tatsache, dass die

bedeutendsten und eigenartigsten unter den roemischen Poeten, wie

Naevius, Ennius, Lucilius, Horatius, den samnitischen Landschaften

angehoeren, wogegen Etrurien in der roemischen Literatur fast keine

anderen Vertreter hat als den Arretiner Maecenas, den unleidlichsten

aller herzvertrockneten und worteverkraeuselnden Hofpoeten, und

den Volaterraner Persius, das rechte Ideal eines hoffaertigen und

mattherzigen, der Poesie beflissenen Jungen. Die Elemente der Baukunst

sind, wie dies schon angedeutet ward, uraltes Gemeingut der Staemme. Den

Anfang aller Tektonik macht das Wohnhaus; es ist dasselbe bei Griechen

und Italikern. Von Holz gebaut und mit einem spitzen Stroh- oder

Schindeldach bedeckt, bildet es einen viereckigen Wohnraum, welcher

durch die mit dem Regenloch im Boden korrespondierende Deckenoeffnung

(cavum aedium) den Rauch entlaesst und das Licht einfuehrt. Unter dieser

"schwarzen Decke" (atrium) werden die Speisen bereitet und verzehrt;

hier werden die Hausgoetter verehrt und das Ehebett wie die Bahre

aufgestellt; hier empfaengt der Mann die Gaeste und sitzt die Frau

spinnend im Kreise ihrer Maegde. Das Haus hatte keinen Flur, insofern

man nicht den unbedeckten Raum zwischen der Haustuer und der Strasse

dafuer nehmen will, welcher seinen Namen vestibulum, das ist der

Ankleideplatz, davon erhielt, dass man im Hause im Untergewand zu

gehen pflegte und nur, wenn man hinaustrat, die Toga umwarf. Auch eine

Zimmereinteilung mangelte, ausser dass um den Wohnraum herum Schlaf- und

Vorratskammern angebracht werden konnten; und an Treppen und

aufgesetzte Stockwerke ist noch weniger zu denken.

------------------------------------------------ ^8 Dass die Atellanen

und Fescenninen nicht der kampanischen und etruskischen, sondern

der latinischen Kunst angehoeren, wird seiner Zeit gezeigt werden.

----------------------------------------------- Ob und wieweit aus

diesen Anfaengen eine national-italische Tektonik hervorging, ist kaum

zu entscheiden, da die griechische Einwirkung schon in der fruehesten

Zeit hier uebermaechtig eingegriffen und die etwa vorhandenen

volkstuemlichen Anfaenge fast ganz ueberwuchert hat. Schon die aelteste

italische Baukunst, welche uns bekannt ist, steht nicht viel weniger

unter dem Einfluss der griechischen als die Tektonik der augustischen

Zeit. Die uralten Graeber von Caere und Alsium sowie wahrscheinlich auch

das aelteste unter den kuerzlich aufgedeckten praenestinischen sind

ganz wie die Thesauren von Orchomenos und Mykenae durch

uebereinandergeschobene, allmaehlich einspringende und mit einem grossen

Deckstein geschlossene Steinlagen ueberdacht gewesen. In derselben Weise

ist ein sehr altertuemliches Gebaeude an der Stadtmauer von Tusculum

gedeckt, und ebenso gedeckt war urspruenglich das Quellhaus (tullianum)

am Fusse des Kapitols, bis des darauf gesetzten Gebaeudes wegen die

Spitze abgetragen ward. Die nach demselben System angelegten Tore

gleichen sich voellig in Arpinum und in Mykenae. Der Emissar des

Albaner Sees hat die groesste Aehnlichkeit mit dem des Kopaischen. Die

sogenannten kyklopischen Ringmauern kommen in Italien, vorzugsweise in

Etrurien, Umbrien, Latium und der Sabina haeufig vor und gehoeren der

Anlage nach entschieden zu den aeltesten Bauwerken Italiens, obwohl der

groesste Teil der jetzt vorhandenen wahrscheinlich erst viel spaeter,

einzelne sicher erst im siebenten Jahrhundert der Stadt aufgefuehrt

worden sind. Sie sind, eben wie die griechischen, bald ganz roh aus

grossen unbearbeiteten Felsbloecken mit dazwischen eingeschobenen

kleineren Steinen, bald quadratisch in horizontalen Lagen ^9, bald aus

vieleckig zugehauenen, ineinandergreifenden Bloecken geschichtet; ueber

die Wahl des einen oder des anderen dieser Systeme entschied in der

Regel wohl das Material, wie denn in Rom, wo man in aeltester Zeit nur

aus Tuff baute, deswegen der Polygonalbau nicht vorkommt. Die Analogie

der beiden ersten einfacheren Arten mag man auf die des Baustoffs und

des Bauzwecks zurueckfuehren; aber es kann schwerlich fuer zufaellig

gehalten werden, dass auch der kuenstliche polygone Mauerbau und das

Tor mit dem durchgaengig links einbiegenden und die unbeschildete

rechte Seite des Angreifers den Verteidigern blosslegenden Torweg den

italischen Festungen ebensowohl wie den griechischen eignet. Bedeutsame

Winke liegen auch darin, dass in demjenigen Teil Italiens, der von

den Hellenen zwar nicht unterworfen, aber doch mit ihnen in lebhaftem

Verkehr war, der eigentliche polygone Mauerbau landueblich war und er

in Etrurien nur in Pyrgi und in den nicht sehr weit davon entfernten

Staedten Cosa und Saturnia begegnet; da die Anlage der Mauer von Pyrgi,

zumal bei dem bedeutsamen Namen ("Tuerme"), wohl ebenso sicher den

Griechen zugeschrieben werden kann wie die der Mauern von Tirynth, so

steht hoechst wahrscheinlich in ihnen noch uns eines der Muster vor

Augen, an denen die Italiker den Mauerbau lernten. Der Tempel

endlich, der in der Kaiserzeit der tuscanische hiess und als eine

den verschiedenen griechischen Tempelbauten koordinierte Stilgattung

betrachtet ward, ist sowohl im ganzen eben wie der griechische ein

gewoehnlich viereckiger ummauerter Raum (cella), ueber welchem Waende

und Saeulen das schraege Dach schwebend emportragen, als auch im

einzelnen, vor allem in der Saeule selbst und ihrem architektonischen

Detail, voellig abhaengig von dem griechischen Schema. Es ist nach allem

diesem wahrscheinlich wie auch an sich glaublich, dass die italische

Baukunst vor der Beruehrung mit den Hellenen sich auf Holzhuetten,

Verhacke und Erd- und Steinaufschuettungen beschraenkte und dass die

Steinkonstruktion erst in Aufnahme kam durch das Beispiel und die

besseren Werkzeuge der Griechen. Kaum zu bezweifeln ist es, dass die

Italiker erst von diesen den Gebrauch des Eisens kennenlernten und von

ihnen die Moertelbereitung (cal[e]x, calecare, von chalix), die Maschine

(machina m/e/chan/e/), das Richtmass (groma, verdorben aus gn/o/m/o/n

gn/o/ma) und den kuenstlichen Verschluss (clatri kl/e/thron) ueberkamen.

Demnach kann von einer eigentuemlich italischen Architektur kaum

gesprochen werden. Doch mag in dem Holzbau des italischen Wohnhauses

neben den durch griechischen Einfluss hervorgerufenen Abaenderungen

manches Eigentuemliche festgehalten oder auch erst entwickelt worden

sein und dies dann wieder auf den Bau der italischen Goetterhaeuser

zurueckgewirkt haben. Die architektonische Entwicklung des Hauses

aber ging in Italien aus von den Etruskern. Der Latiner und selbst der

Sabeller hielten noch fest an der ererbten Holzhuette und der guten

alten Sitte, dem Gotte wie dem Geist nicht eine geweihte Wohnung,

sondern nur einen geweihten Raum anzuweisen, als der Etrusker schon

begonnen hatte, das Wohnhaus kuenstlerisch umzubilden und nach dem

Muster des menschlichen Wohnhauses auch dem Gotte einen Tempel und

dem Geist ein Grabgemach zu errichten. Dass man in Latium zu solchen

Luxusbauten erst unter etruskischem Einfluss vorschritt, beweist die

Bezeichnung des aeltesten Tempelbau- und des aeltesten Hausbaustils als

tuscanischer ^10. Was den Charakter dieser Uebertragung anlangt, so ahmt

der griechische Tempel wohl auch die allgemeinen Umrisse des Zeltes oder

des Wohnhauses nach; aber er ist wesentlich von Quadern gebaut und

mit Ziegeln gedeckt, und in dem durch den Stein und den gebrannten

Ton bestimmten Verhaeltnissen haben sich fuer ihn die Gesetze der

Notwendigkeit und der Schoenheit entwickelt. Dem Etrusker dagegen blieb

der scharfe griechische Gegensatz zwischen der von Holz

hergerichteten Menschen- und der steinernen Goetterwohnung fremd; die

Eigentuemlichkeiten des tuscanischen Tempels: der mehr dem Quadrat

sich naehernde Grundriss, der hoehere Giebel, die groessere Weite

der Zwischenraeume zwischen den Saeulen, vor allem die gesteigerte

Schraegung und das auffallende Vortreten der Dachbalkenkoepfe ueber die

tragenden Saeulen gehen saemtlich aus der groesseren Annaeherung des

Tempels an das Wohnhaus und aus den Eigentuemlichkeiten des Holzbaues

hervor. --------------------------------------------------------- ^9

Dieser Art sind die Servianischen Mauern gewesen. Sie bestehen teils

aus einer Verstaerkung der Huegelabhaenge durch vorgelegte bis zu vier

Metern starke Futtermauern, teils in den Zwischenraeumen, vor allem am

Viminal und Quirinal, wo vom Esquilinischen bis zum Collinischen Tore

die natuerliche Verteidigung fehlte, aus einem Erdwall, welcher nach

aussen durch eine aehnliche Futtermauer abgeschlossen wird. Auf diesen

Futtermauern ruhte die Brustwehr. Ein Graben, nach zuverlaessigen

Berichten der Alten 30 Fuss tief und 100 Fuss breit, zog sich vor dem

Wall hin, zu dem die Erde aus eben diesem Graben genommen war. Die

Brustwehr hat sich nirgends erhalten; von den Futtermauern sind

in neuerer Zeit ausgedehnte Ueberreste zum Vorschein gekommen.

Die Tuffbloecke derselben sind im laenglichen Rechteck behauen,

durchschnittlich 60 Zentimeter (= 2 roem. Fuss) hoch und breit, waehrend

die Laenge von 70 Zentimetern bis zu drei Metern wechselt, und

ohne Anwendung von Moertel, abwechselnd mit den Lang- und mit den

Schmalseiten nach aussen, in mehreren Reihen nebeneinander geschichtet.

Der im Jahre 1862 in der Villa Negroni aufgedeckte Teil des

Servianischen Walls am Viminalischen Tor ruht auf einem Fundament

gewaltiger Tuffbloecke von drei bis vier Metern Hoehe und Breite, auf

welchem dann aus Bloecken von demselben Material und derselben Groesse,

Römische Geschichte — Buch 1 · 第 25 / 26 段