wie sie bei der Mauer sonst verwandt waren, die Aussenmauer sich erhob.

Der dahinter aufgeschuettete Erdwall scheint auf der oberen Flaeche eine

Breite bis zu etwa dreizehn Metern oder reichlich 40 roem. Fuss, die

ganze Mauerwehr mit Einrechnung der Aussenmauer von Quadern eine Breite

bis zu fuenfzehn Metern oder 50 roem. Fuss gehabt zu haben. Die Stuecke

aus Peperinbloecken, welche mit eisernen Klammern verbunden sind,

sind erst bei spaeteren Ausbesserungsarbeiten hinzugekommen. Den

Servianischen wesentlich gleichartig sind die in der Vigna Nussiner am

Abhang des Palatins nach der Kapitolseite und an anderen Punkten des

Palatin aufgefundenen Mauern, die von Jordan (Topographie der Stadt Rom

im Altertum. Bd. 2. Berlin 1885, S. 173) wahrscheinlich mit Recht fuer

Ueberreste der Burgmauer des palatinischen Rom erklaert worden sind.

^10 Ratio Tuscanica; cavum aedium Tuscanicum.

----------------------------------------------------- Die bildenden und

zeichnenden Kuenste sind juenger als die Architektur; das Haus muss erst

gebaut sein, ehe man daran geht, Giebel und Waende zu schmuecken. Es ist

nicht wahrscheinlich, dass diese Kuenste in Italien schon waehrend der

roemischen Koenigszeit recht in Aufnahme gekommen sind; nur in Etrurien,

wo Handel und Seeraub frueh grosse Reichtuemer konzentrierten, wird die

Kunst oder, wenn man lieber will, das Handwerk in fruehester Zeit Fuss

gefasst haben. Die griechische Kunst, wie sie auf Etrurien gewirkt hat,

stand, wie ihr Abbild beweist, noch auf einer sehr primitiven Stufe

und es moegen wohl die Etrusker in nicht viel spaeterer Zeit von den

Griechen gelernt haben, in Ton und Metall zu arbeiten, als diejenige

war, in der sie das Alphabet von ihnen entlehnten. Von etruskischer

Kunstfertigkeit dieser Epoche geben die Silbermuenzen von Populonia,

fast die einzigen mit einiger Sicherheit dieser Epoche zuzuweisenden

Arbeiten, nicht gerade einen hohen Begriff; doch moegen von den

etruskischen Bronzewerken, welche die spaeteren Kunstkenner so hoch

stellten, die besten eben dieser Urzeit angehoert haben, und auch die

etruskischen Terrakotten koennen nicht ganz gering gewesen sein, da die

aeltesten in den roemischen Tempeln aufgestellten Werke aus gebrannter

Erde, die Bildsaeule des kapitolinischen Jupiter und das Viergespann auf

seinem Dache, in Veii bestellt worden waren und die grossen derartigen

Aufsaetze auf den Tempeldaechern ueberhaupt bei den spaeteren Roemern

als "tuscanische Werke" gingen. Dagegen war bei den Italikern, nicht

bloss bei den sabellischen Staemmen, sondern selbst bei den Latinern,

das eigene Bilden und Zeichnen in dieser Zeit noch erst im Entstehen.

Die bedeutendsten Kunstwerke scheinen im Auslande gearbeitet worden zu

sein. Der angeblich in Veii verfertigten Tonbilder wurde schon gedacht;

dass in Etrurien verfertigte und mit etruskischen Inschriften versehene

Bronzearbeiten wenn nicht in Latium ueberhaupt, doch mindestens in

Praeneste gangbar waren, haben die neuesten Ausgrabungen bewiesen. Das

Bild der Diana in dem roemisch-latinischen Bundestempel auf dem Aventin,

welches als das aelteste Goetterbild in Rom galt ^11, glich genau dem

massaliotischen der ephesischen Artetuis und war vielleicht in Elea

oder Massalia gearbeitet. Es sind fast allein die seit alter Zeit in Rom

vorhandenen Zuenfte der Toepfer, Kupfer- und Goldschmiede, welche das

Vorhandensein eigenen Bildens und Zeichnens daselbst beweisen; von

ihrem Kunststandpunkt aber ist es nicht mehr moeglich, eine konkrete

Vorstellung zu gewinnen. Versuchen wir aus den Archiven aeltester

Kunstueberlieferung und Kunstuebung geschichtliche Resultate zu

gewinnen, so ist zunaechst offenbar, dass die italische Kunst ebenso wie

italisches Mass und italische Schrift nicht unter phoenikischem, sondern

ausschliesslich unter hellenischem Einfluss sich entwickelt hat. Es ist

nicht eine einzige unter den italischen Kunstrichtungen, die nicht in

der altgriechischen Kunst ihr bestimmtes Musterbild faende, und

insofern hat die Sage ganz recht, wenn sie die Verfertigung der bemalten

Tonbilder, ohne Zweifel der aeltesten Kunstart, in Italien zurueckfuehrt

auf die drei griechischen Kuenstler: den "Bildner", "Ordner" und

"Zeichner", Eucheir, Diopos und Eugrammos, obwohl es mehr als

zweifelhaft ist, dass diese Kunst zunaechst von Korinth und zunaechst

nach Tarquinii kam. Von unmittelbarer Nachahmung orientalischer

Muster findet sich ebensowenig eine Spur als von einer selbstaendig

entwickelten Kunstform; wenn die etruskischen Steinschneider an der

urspruenglich aegyptischen Kaefer- oder Skarabaeenform festhielten,

so sind doch auch die Skarabaeen in Griechenland in sehr frueher Zeit

nachgeschnitten worden, wie denn ein solcher Kaeferstein mit sehr alter

griechischer Inschrift sich in Aegina gefunden hat, und koennen also

den Etruskern recht wohl durch die Griechen zugekommen sein. Von

dem Phoeniker mochte man kaufen; man lernte nur von dem Griechen.

-------------------------------------------------------- ^11 Wenn Varro

(bei Aug. civ. 4, 31, vgl. Plut. Num. 8) sagt, dass die Roemer mehr als

170 Jahre die Goetter ohne Bilder verehrt haetten, so denkt er offenbar

an dies uralte Schnitzbild, welches nach der konventionellen Chronologie

zwischen 176 und 219 (578 und 535) der Stadt dediziert und ohne Zweifel

das erste Goetterbild war, dessen Weihung die dem Varro

vorliegenden Quellen erwaehnten. Vgl. oben 1, 230.

------------------------------------------------------ Auf die weitere

Frage, von welchem griechischen Stamm den Etruskern die Kunstmuster

zunaechst zugekommen sind, laesst sich eine kategorische Antwort

nicht geben; doch bestehen bemerkenswerte Beziehungen zwischen der

etruskischen und der aeltesten attischen Kunst. Die drei Kunstformen,

die in Etrurien wenigstens spaeterhin in grosser, in Griechenland nur in

sehr beschraenkter Ausdehnung geuebt worden sind, die Grabmalerei,

die Spiegelzeichnung und die Steinschneidekunst, sind bis jetzt auf

griechischem Boden einzig in Athen und Aegina beobachtet worden.

Der tuskische Tempel entspricht genau weder dem dorischen noch dem

ionischen; aber in den wichtigsten Unterscheidungsmomenten, in dem um

die Cella herumgefuehrten Saeulengang sowie in der Unterlegung eines

besonderen Postaments unter jede einzelne Saeule, folgt der etruskische

Stil dem juengeren ionischen; und eben der noch vom dorischen Element

durchdrungene ionisch-attische Baustil steht in der allgemeinen Anlage

unter allen griechischen dem tuskischen am naechsten. Fuer Latium

mangelt es so gut wie ganz an sicheren kunstgeschichtlichen

Verkehrsspuren; wenn aber, wie sich dies ja genau genommen von selbst

versteht, die allgemeinen Handels- und Verkehrsbeziehungen auch fuer die

Kunstmuster entscheidend gewesen sind, so kann mit Sicherheit angenommen

werden, dass die kampanischen und sizilischen Hellenen wie im Alphabet

so auch in der Kunst die Lehrmeister Latiums gewesen sind; und

die Analogie der aventinischen Diana mit der ephesischen Artemis

widerspricht dem wenigstens nicht. Daneben war denn natuerlich die

aeltere etruskische Kunst auch fuer Latium Muster. Den sabellischen

Staemmen ist wie das griechische Alphabet so auch die griechische

Bau- und Bildkunst wenn ueberhaupt doch nur durch Vermittlung der

westlicheren italischen Staemme nahegetreten. Wenn aber endlich ueber

die Kunstbegabung der verschiedenen italischen Nationen ein Urteil

gefaellt werden soll, so ist schon hier ersichtlich, was freilich in

den spaeteren Stadien der Kunstgeschichte noch bei weitem deutlicher

hervortritt, dass die Etrusker wohl frueher zur Kunstuebung gelangt sind

und massenhafter und reicher gearbeitet haben, dagegen ihre Werke hinter

den latinischen und sabellischen an Zweckrichtigkeit und Nuetzlichkeit

nicht minder wie an Geist und Schoenheit zurueckstehen. Es zeigt sich

dies allerdings fuer jetzt nur noch in der Architektur. Der ebenso

zweckmaessige wie schoene polygone Mauerbau ist in Latium und dem

dahinterliegenden Binnenland haeufig, in Etrurien selten und nicht

einmal Caeres Mauern sind aus vieleckigen Bloecken geschichtet. Selbst

in der auch kunstgeschichtlich merkwuerdigen religioesen Hervorhebung

des Bogens und der Bruecke in Latium ist es wohl erlaubt, die Anfaenge

der spaeteren roemischen Aquaedukte und roemischen Konsularstrassen

zu erkennen. Dagegen haben die Etrusker den hellenischen Prachtbau

wiederholt, aber auch verdorben, indem sie die fuer den Steinbau

festgestellten Gesetze nicht durchaus geschickt auf den Holzbau

uebertrugen und durch das tief hinabgehende Dach und die weiten

Saeulenzwischenraeume ihrem Gotteshaus, mit einem alten Baumeister zu

reden, "ein breites, niedriges, sperriges und schwerfaelliges Ansehen"

gegeben haben. Die Latiner haben aus der reichen Fuelle der griechischen

Kunst nur sehr weniges ihrem energisch realistischen Sinne kongenial

gefunden, aber was sie annahmen, der Idee nach und innerlich sich

angeeignet und in der Entwicklung des polygonen Mauerbaus vielleicht

ihre Lehrmeister uebertroffen; die etruskische Kunst ist ein

merkwuerdiges Zeugnis handwerksmaessig angeeigneter und handwerksmaessig

festgehaltener Fertigkeiten, aber so wenig wie die chinesische ein

Zeugnis auch nur genialer Rezeptivitaet. Wie man sich auch straeuben

mag, so gut wie man laengst aufgehoert hat, die griechische Kunst aus

der etruskischen abzuleiten, wird man sich auch noch entschliessen

muessen, in der Geschichte der italischen Kunst die Etrusker aus der

ersten in die letzte Stelle zu versetzen.

Römische Geschichte — Buch 1 · 第 26 / 26 段