besteht. So sind die Mediae in den saemtlichen etruskischen Dialekten
untergegangen, waehrend die Umbrer g d, die Samniten d, die Roemer
g einbuessten und diesen auch d mit r zu verschmelzen drohte. Ebenso
fielen den Etruskern schon frueh o und u zusammen, und auch bei den
Lateinern finden sich Ansaetze derselben Verderbnis. Fast das Umgekehrte
zeigt sich bei den Sibilanten; denn waehrend der Etrusker die drei
Zeichen z s sch festhaelt, der Umbrer zwar das letzte wegwirft, aber
dafuer zwei neue Sibilanten entwickelt, beschraenkt sich der Samnite und
der Falisker auf s und z gleich dem Griechen, der spaetere Roemer sogar
auf s allein. Man sieht, die feineren Lautverschiedenheiten wurden von
den Einfuehrern des Alphabets, gebildeten und zweier Sprachen maechtigen
Leuten, wohl empfunden; aber nach der voelligen Loesung der nationalen
Schrift von dem hellenischen Mutteralphabet fielen allmaehlich die
Mediae und ihre Tenues zusammen und wurden die Sibilanten und
Vokale zerruettet, von welchen Lautverschiebungen oder vielmehr
Lautzerstoerungen namentlich die erste ganz ungriechisch ist. Die
Zerstoerung der Flexions- und Derivationsformen geht mit dieser
Lautzerruettung Hand in Hand. Die Ursache dieser Barbarisierung ist also
im allgemeinen keine andere als die notwendige Verderbnis, welche an
jeder Sprache fortwaehrend zehrt, wo ihr nicht literarisch und rationell
ein Damm entgegengesetzt wird; nur dass von dem, was sonst spurlos
voruebergeht, hier in der Lautschrift sich Spuren bewahrten. Dass diese
Barbarisierung die Etrusker in staerkerem Masse erfasste als irgendeinen
der italischen Staemme, stellt sich zu den zahlreichen Beweisen ihrer
minderen Kulturfaehigkeit; wenn dagegen, wie es scheint, unter den
Italikern am staerksten die Umbrer, weniger die Roemer, am wenigsten die
suedlichen Sabeller von der gleichen Sprachverderbnis ergriffen wurden,
so wird der regere Verkehr dort mit den Etruskern, hier mit den Griechen
wenigstens mit zu dieser Erscheinung beigetragen haben. 15. Kapitel
Die Kunst Dichtung ist leidenschaftliche Rede, deren bewegter Klang
die Weise; insofern ist kein Volk ohne Poesie und Musik. Allein zu
den poetisch vorzugsweise begabten Nationen gehoerte und gehoert die
italienische nicht; es fehlt dem Italiener die Leidenschaft des Herzens,
die Sehnsucht, das Menschliche zu idealisieren und das Leblose zu
vermenschlichen, und damit das Allerheiligste der Dichtkunst. Seinem
scharfen Blick, seiner anmutigen Gewandtheit gelingen vortrefflich die
Ironie und der Novellenton, wie wir sie bei Horaz und bei Boccaccio
finden, der launige Liebes- und Liederscherz, wie Catullus und die guten
neapolitanischen Volkslieder ihn zeigen, vor allem die niedere
Komoedie und die Posse. Auf italischem Boden entstand in alter Zeit
die parodische Tragoedie, in neuer das parodische Heldengedicht. In der
Rhetorik und Schauspielkunst vor allem tat und tut es den Italienern
keine andere Nation gleich. Aber in den vollkommenen Kunstgattungen
haben sie es nicht leicht ueber Fertigkeiten gebracht, und keine ihrer
Literaturepochen hat ein wahres Epos und ein echtes Drama erzeugt. Auch
die hoechsten in Italien gelungenen literarischen Leistungen, goettliche
Gedichte wie Dantes Commedia und Geschichtbuecher wie Sallustius und
Macchiavelli, Tacitus und Colletta sind doch von einer mehr rhetorischen
als naiven Leidenschaft getragen. Selbst in der Musik ist in alter
wie in neuer Zeit das eigentlich schoepferische Talent weit weniger
hervorgetreten als die Fertigkeit, die rasch zur Virtuositaet sich
steigert und an der Stelle der echten und innigen Kunst ein hohles und
herzvertrocknendes Idol auf den Thron hebt. Es ist nicht das innerliche
Gebiet, insoweit in der Kunst ueberhaupt ein Innerliches und ein
Aeusserliches unterschieden werden kann, das dem Italiener als eigene
Provinz anheimgefallen ist; die Macht der Schoenheit muss, um voll auf
ihn zu wirken, nicht im Ideal vor seine Seele, sondern sinnlich ihm vor
die Augen gerueckt werden. Darum ist er denn auch in den bauenden und
bildenden Kuensten recht eigentlich zu Hause und darin in der alten
Kulturepoche der beste Schueler des Hellenen, in der neuen der Meister
aller Nationen geworden. Es ist bei der Lueckenhaftigkeit unserer
Ueberlieferung nicht moeglich, die Entwicklung der kuenstlerischen Ideen
bei den einzelnen Voelkergruppen Italiens zu verfolgen; und namentlich
laesst sich nicht mehr von der italischen Poesie reden, sondern nur
von der Poesie Latiums. Die latinische Dichtkunst ist wie jede andere
ausgegangen von der Lyrik oder vielmehr von dem urspruenglichen
Festjubel, in welchem Tanz, Spiel und Lied noch in ungetrennter Einheit
sich durchdringen. Es ist dabei bemerkenswert, dass in den aeltesten
Religionsgebraeuchen der Tanz und demnaechst das Spiel weit
entschiedener hervortreten als das Lied. In dem grossen Feierzug,
mit dem das roemische Siegesfest eroeffnet ward, spielten naechst den
Goetterbildern und den Kaempfern die vornehmste Rolle die ernsten und
die lustigen Taenzer: jene geordnet in drei Gruppen, der Maenner, der
Juenglinge und der Knaben, alle in roten Roecken mit kupfernem Leibgurt,
mit Schwertern und kurzen Lanzen, die Maenner ueberdies behelmt,
ueberhaupt in vollem Waffenschmuck; diese in zwei Scharen geteilt, der
Schafe in Schafpelzen mit buntem Ueberwurf, der Boecke nackt bis auf
den Schurz mit einem Ziegenfell als Umwurf. Ebenso waren vielleicht die
aelteste und heiligste von allen Priesterschaften die "Springer"
und durften die Taenzer (ludii, ludiones) ueberhaupt bei keinem
oeffentlichen Aufzug und namentlich bei keiner Leichenfeier fehlen,
weshalb denn der Tanz schon in alter Zeit ein gewoehnliches Gewerbe
ward. Wo aber die Taenzer erscheinen, da stellen auch die Spielleute
oder, was in aeltester Zeit dasselbe ist, die Floetenblaeser sich ein.
Auch sie fehlen bei keinem Opfer, bei keiner Hochzeit und bei keinem
Begraebnis, und neben der uralten oeffentlichen Priesterschaft der
Springer steht gleich alt, obwohl im Range bei weitem niedriger, die
Pfeifergilde (collegium tibicinum, 1, 205), deren echte Musikantenart
bezeugt wird durch das alte und selbst der strengen roemischen Polizei
zum Trotz behauptete Vorrecht, an ihrem Jahresfest maskiert und suessen
Weines voll auf den Strassen sich herumzutreiben. Wenn also der Tanz als
ehrenvolle Verrichtung, das Spiel als untergeordnete, aber notwendige
Taetigkeit auftritt und darum oeffentliche Genossenschaften fuer beide
bestellt sind, so erscheint die Dichtung mehr als ein Zufaelliges und
gewissermassen Gleichgueltiges, mochte sie nun fuer sich entstehen oder
dem Taenzer zur Begleitung seiner Spruenge dienen. Den Roemern galt als
das aelteste dasjenige Lied, das in der gruenen Waldeseinsamkeit die
Blaetter sich selber singen. Was der "guenstige Geist" (faunus, von
favere) im Haine fluestert und floetet, das verkuenden die, denen
es gegeben ist, ihm zu lauschen, den Menschen wieder in rhythmisch
gemessener Rede (casmen, spaeter carmen, von canere). Diesen
weissagenden Gesaengen der vom Gott ergriffenen Maenner und
Frauen (vates) verwandt sind die eigentlichen Zaubersprueche, die
Besprechungsformeln gegen Krankheiten und anderes Ungemach und die
boesen Lieder, durch welche man dem Regen wehrt und den Blitz herabruft
oder auch die Saat von einem Feld auf das andere lockt; nur dass
in diesen wohl von Haus aus neben den Wort- auch reine Klangformeln
erscheinen ^1. Fester ueberliefert und gleich uralt sind die religioesen
Litaneien, wie die Springer und andere Priesterschaften sie sangen
und tanzten und von denen die einzige bis auf uns gekommene, ein
wahrscheinlich als Wechselgesang gedichtetes Tanzlied der
Ackerbrueder zum Preise des Mars, wohl auch hier eine Stelle verdient:
------------------------------------------------- ^1 So gibt der aeltere
Cato (agr. 160) als kraeftig gegen Verrenkungen den Spruch: hauat
hauat hauat ista pista sista damia bodannaustra, der vermutlich seinem
Erfinder ebenso dunkel war, wie er es uns ist. Natuerlich finden sich
daneben auch Wortformeln; so z. B. hilft es gegen Gicht, wenn man
nuechtern eines andern gedenkt und dreimal neunmal, die Erde beruehrend
und ausspuckend, die Worte spricht: "Ich denke dein, hilf meinen
Fuessen. Die Erde empfange das Unheil, Gesundheit sei mein Teil"
(terra pestem teneto, salus hic maneto. Varro rust. 1, 2, 27).
--------------------------------------------------------------------
Enos, Lases, iuvate! Ne velue rue, Marmar, sins incurrere in pleores!
Satur fu, fere Mars! Timen sali! sta! berber! Semunis alternei
advocapit conctos! Enos, Marmar, invato! Triumpe! ^2
-------------------------------------------------------------------- ^2
Nos, Lares, iuvate! Ne veluem (= malam luem) ruem (= ruinam), Mamers,
sinas incurrere in plures! Satur esto, fere Mars! In limen insili! sta!
verbera (limen?)! Semones alterni advocate cunctos! Nos, Mamers, iuvato!
Tripudia! Die ersten fuenf Zeilen werden je dreimal, der Schlussruf
fuenfmal wiederholt. Die Uebersetzung ist vielfach unsicher, besonders
der dritten Zeile. Die drei Inschriften des Tongefaesses vom Quirinal
lauten: ioue sat deiuosqoi med mitat nei ted endo gosmis uirgo sied
- asted noisi ope toitesiai pakariuois - duenos med feked (= onus me
fecit) enmanom einom dze noine (wahrscheinlich = die noni) med malo
statod. Sicher verstaendlich sind nur einzelne Woerter; bemerkenswert
vor allem, dass Formen, die wir bisher nur als umbrische und oskische
kannten, wie das Adjektiv pacer und die Partikel einom im Wert von
et, hier wahrscheinlich doch als altlateinische uns entgegentreten.
------------------------------------------------------------
an die Goetter Uns, Laren, helfet! Nicht Sterben und Verderben, Mars,
Mars, lass einstuermen auf mehrere. Satt sei, grauser Mars!
an die einzelnen Auf die Schwelle springe! stehe! tritt sie! Brueder
an alle Brueder Den Semonen, erst ihr, dann ihr, rufet zu, allen
an den Gott Uns, Mars, Mars, hilf!
an die einzelnen Springe! Brueder