eigentuemliche, von den caeritischen und ueberhaupt den etruskischen

Stadtmauern sich wesentlich unterscheidende Architektur der Mauern

von Pyrgi. Aethalia, "die Feuerinsel", mit ihren reichen Kupfer- und

besonders Eisengruben mag in diesem Verkehr die erste Rolle gespielt und

hier die Altsiedlung der Fremden wie ihr Verkehr mit den Eingeborenen

seinen Mittelpunkt gehabt haben; um so mehr als das Schmelzen der

Erze auf der kleinen und nicht waldreichen Insel ohne Verkehr mit dem

Festland nicht geschehen konnte. Auch die Silbergruben von Populonia

auf der Elba gegenueberliegenden Landspitze waren vielleicht schon den

Griechen bekannt und von ihnen in Betrieb genommen. Wenn die Fremden,

wie in jenen Zeiten immer, neben dem Handel auch dem See- und Landraub

obliegend, ohne Zweifel es nicht versaeumten, wo die Gelegenheit

sich bot, die Eingeborenen zu brandschatzen und sie als Sklaven

fortzufuehren, so uebten auch die Eingeborenen ihrerseits das

Vergeltungsrecht aus; und dass die Latiner und Tyrrhener dies

mit groesserer Energie und besserem Glueck getan haben als ihre

sueditalischen Nachbarn, zeigen nicht bloss jene Sagen an, sondern vor

allem der Erfolg. In diesen Gegenden gelang es den Italikern, sich der

Fremdlinge zu erwehren und nicht bloss Herren ihrer eigenen Kaufstaedte

und Kaufhaefen zu bleiben oder doch bald wieder zu werden, sondern auch

Herren ihrer eigenen See. Dieselbe hellenische Invasion, welche die

sueditalischen Staemme erdrueckte und denationalisierte, hat die Voelker

Mittelitaliens, freilich sehr wider den Willen der Lehrmeister, zur

Seefahrt und zur Staedtegruendung angeleitet. Hier zuerst muss der

Italiker das Floss und den Nachen mit der phoenikischen und griechischen

Rudergaleere vertauscht haben. Hier zuerst begegnen grosse Kaufstaedte,

vor allem Caere im suedlichen Etrurien und Rom am Tiber, die, nach den

italischen Namen wie nach der Lage in einiger Entfernung vom Meere

zu schliessen, eben wie die ganz gleichartigen Handelsstaedte an der

Pomuendung, Spina und Atria, und weiter suedlich Ariminum, sicher keine

griechischen, sondern italische Gruendungen sind. Den geschichtlichen

Verlauf dieser aeltesten Reaktion der italischen Nationalitaet gegen

fremden Eingriff darzulegen sind wir begreiflicherweise nicht imstande;

wohl aber laesst es noch sich erkennen, was fuer die weitere Entwicklung

Italiens von der groessten Bedeutung ist, dass diese Reaktion in Latium

und im suedlichen Etrurien einen andern Gang genommen hat als in der

eigentlichen tuskischen und den sich daran anschliessenden Landschaften.

Schon die Sage setzt in bezeichnender Weise dem "wilden Tyrrhener" den

Latiner entgegen und dem unwirtlichen Strande der Volsker das friedliche

Gestade an der Tibermuendung. Aber nicht das kann hiermit gemeint

sein, dass man die griechische Kolonisierung in einigen Landschaften

Mittelitaliens geduldet, in andern nicht zugelassen haette. Nordwaerts

vom Vesuv hat ueberhaupt in geschichtlicher Zeit nirgends eine

unabhaengige griechische Gemeinde bestanden, und wenn Pyrgi dies einmal

gewesen ist, so muss es doch schon vor dem Beginn unserer Ueberlieferung

in die Haende der Italiker, das heisst der Caeriten zurueckgekehrt sein.

Aber wohl ward in Suedetrurien, in Latium und ebenso an der Ostkueste

der friedliche Verkehr mit den fremden Kaufleuten geschuetzt und

gefoerdert, was anderswo nicht geschah. Vor allem merkwuerdig ist die

Stellung von Caere. "Die Caeriten", sagt Strabon, "galten viel bei den

Hellenen wegen ihrer Tapferkeit und Gerechtigkeit, und weil sie, so

maechtig sie waren, des Raubes sich enthielten." Nicht der Seeraub ist

gemeint, den der caeritische Kaufmann wie jeder andere sich gestattet

haben wird; sondern Caere war eine Art von Freihafen fuer die Phoeniker

wie fuer die Griechen. Wir haben der phoenikischen Station - spaeter

Punicum genannt - und der beiden von Pyrgi und Alsion bereits gedacht;

diese Haefen waren es, die zu berauben die Caeriten sich enthielten,

und ohne Zweifel war es eben dies, wodurch Caere, das nur eine schlechte

Reede besitzt und keine Gruben in der Naehe hat, so frueh zu hoher

Bluete gelangt ist und fuer den aeltesten griechischen Handel noch

groessere Bedeutung gewonnen hat als die von der Natur zu Emporien

bestimmten Staedte der Italiker an den Muendungen des Tiber und des

Po. Die hier genannten Staedte sind es, welche in uraltem religioesen

Verkehr mit Griechenland erscheinen. Der erste unter allen Barbaren,

der den olympischen Zeus beschenkte, war der tuskische Koenig Arimnos,

vielleicht ein Herr von Ariminum. Spina und Caere hatten in dem Tempel

des delphischen Apollon wie andere mit dem Heiligtum in regelmaessigem

Verkehr stehende Gemeinden ihre eigenen Schatzhaeuser; und mit der

aeltesten caeritischen und roemischen Ueberlieferung ist das delphische

Heiligtum sowohl wie das kymaeische Orakel verflochten. Diese Staedte,

wo die Italiker friedlich schalteten und mit dem fremden Kaufmann

freundlich verkehrten, wurden vor allen reich und maechtig und wie

fuer die hellenischen Waren so auch fuer die Keime der hellenischen

Zivilisation die rechten Stapelplaetze. Anders gestalteten sich die

Verhaeltnisse bei den "wilden Tyrrhenern". Dieselben Ursachen, die in

der latinischen und in den vielleicht mehr unter etruskischer Suprematie

stehenden als eigentlich etruskischen Landschaften am rechten Tiberufer

und am unteren Po zur Emanzipierung der Eingeborenen von der fremden

Seegewalt gefuehrt hatten, entwickelten in dem eigentlichen Etrurien,

sei es aus anderen Ursachen, sei es infolge des verschiedenartigen, zu

Gewalttat und Pluenderung hinneigenden Nationalcharakters, den Seeraub

und die eigene Seemacht. Man begnuegte sich hier nicht, die Griechen aus

Aethalia und Populonia zu verdraengen; auch der einzelne Kaufmann ward,

wie es scheint, hier nicht geduldet, und bald durchstreiften sogar

etruskische Kaper weithin die See und machten den Namen der Tyrrhener

zum Schrecken der Griechen - nicht ohne Ursache galt diesen der

Enterhaken als eine etruskische Erfindung und nannten die Griechen das

italische Westmeer das Meer der Tusker. Wie rasch und ungestuem diese

wilden Korsaren, namentlich im Tyrrhenischen Meere, um sich griffen,

zeigt am deutlichsten ihre Festsetzung an der latinischen und

kampanischen Kueste. Zwar behaupteten im eigentlichen Latium sich die

Latiner und am Vesuv sich die Griechen; aber zwischen und neben ihnen

geboten die Etrusker in Antium wie in Surrentum. Die Volsker traten in

die Klientel der Etrusker ein; aus ihren Waldungen bezogen diese

die Kiele ihrer Galeeren, und wenn dem Seeraub der Antiaten erst die

roemische Okkupation ein Ende gemacht hat, so begreift man es wohl,

warum den griechischen Schiffern das Gestade der suedlichen Volsker das

laestrygonische hiess. Die hohe Landspitze von Sorrent, mit dem noch

steileren, aber hafenlosen Felsen von Capri eine rechte, inmitten der

Buchten von Neapel und Salern in die Tyrrhenische See hinausschauende

Korsarenwarte, wurde frueh von den Etruskern in Besitz genommen. Sie

sollen sogar in Kampanien einen eigenen Zwoelfstaedtebund gegruendet

haben und etruskisch redende Gemeinden haben hier noch in vollkommen

historischer Zeit im Binnenlande bestanden; wahrscheinlich sind diese

Ansiedlungen mittelbar ebenfalls aus der Seeherrschaft der Etrusker im

kampanischen Meer und aus ihrer Rivalitaet mit den Kymaeern am Vesuv

hervorgegangen. Indes beschraenkten die Etrusker sich keineswegs auf

Raub und Pluenderung. Von ihrem friedlichen Verkehr mit griechischen

Staedten zeugen namentlich die Gold- und Silbermuenzen, die wenigstens

vom Jahre 200 der Stadt (550) an die etruskischen Staedte, besonders

Populonia, nach griechischem Muster und auf griechischen Fuss geschlagen

haben; dass dieselben nicht den grossgriechischen, sondern vielmehr

attischen, ja kleinasiatischen Stempeln nachgepraegt wurden, ist

uebrigens wohl auch ein Fingerzeig fuer die feindliche Stellung der

Etrusker zu den italischen Griechen. In der Tat befanden sie sich

fuer den Handel in der guenstigsten Stellung und in einer weit

vorteilhafteren als die Bewohner von Latium. Von Meer zu Meer wohnend

geboten sie am westlichen ueber den grossen italischen Freihafen, am

oestlichen ueber die Pomuendung und das Venedig jener Zeit, ferner ueber

die Landstrasse, die seit alter Zeit von Pisa am Tyrrhenischen nach

Spina am Adriatischen Meere fuehrte, dazu in Sueditalien ueber die

reichen Ebenen von Capua und Nola. Sie besassen die wichtigsten

italischen Ausfuhrartikel, das Eisen von Aethalia, das volaterranische

und kampanische Kupfer, das Silber von Populonia, ja den von der

Ostsee ihnen zugefuehrten Bernstein. Unter dem Schutze ihrer Piraterie,

gleichsam einer rohen Navigationsakte, musste ihr eigener Handel

emporkommen; und es kann ebensowenig befremden, dass in Sybaris der

etruskische und milesische Kaufmann konkurrierten, als dass aus jener

Verbindung von Kaperei und Grosshandel der mass- und sinnlose Luxus

entsprang, in welchem Etruriens Kraft frueh sich selber verzehrt hat.

Wenn also in Italien die Etrusker und, obgleich in minderem Grade, die

Latiner den Hellenen abwehrend und zum Teil feindlich gegenueberstanden,

so griff dieser Gegensatz gewissermassen mit Notwendigkeit in

diejenige Rivalitaet ein, die damals Handel und Schiffahrt auf dem

Mittellaendischen Meere vor allem beherrschte: in die Rivalitaet der

Phoeniker und der Hellenen. Es ist nicht dieses Orts, im einzelnen

darzulegen, wie waehrend der roemischen Koenigszeit diese beiden

grossen Nationen an allen Gestaden des Mittelmeeres, in Griechenland

und Kleinasien selbst, auf Kreta und Kypros, an der afrikanischen,

spanischen und keltischen Kueste miteinander um die Oberherrschaft

rangen; unmittelbar auf italischem Boden wurden diese Kaempfe nicht

gekaempft, aber die Folgen derselben doch auch in Italien tief und

nachhaltig empfunden. Die frische Energie und die universellere Begabung

des juengeren Nebenbuhlers war anfangs ueberall im Vorteil; die Hellenen

entledigten sich nicht bloss der phoenikischen Faktoreien in ihrer

europaeischen und asiatischen Heimat, sondern verdraengten die Phoeniker

auch von Kreta und Kypros, fassten Fuss in Aegypten und Kyrene und

bemaechtigten sich Unteritaliens und der groesseren oestlichen Haelfte

der sizilischen Insel. Ueberall erlagen die kleinen phoenikischen

Handelsplaetze der energischeren griechischen Kolonisation. Schon ward

auch im westlichen Sizilien Selinus (126 628) und Akragas (174 580)

gegruendet, schon von den kuehnen kleinasiatischen Phokaeern die

entferntere Westsee befahren, an dem keltischen Gestade Massalia erbaut

(um 150 600) und die spanische Kueste erkundet. Aber ploetzlich, um die

Mitte des zweiten Jahrhunderts, stockt der Fortschritt der hellenischen

Kolonisation: und es ist kein Zweifel, dass die Ursache dieses Stockens

der Aufschwung war, den gleichzeitig, offenbar infolge der von den

Hellenen dem gesamten phoenikischen Stamme drohenden Gefahr, die

maechtigste ihrer Staedte in Libyen, Karthago nahm. War die Nation, die

den Seeverkehr auf dem Mittellaendischen Meere eroeffnet hatte, durch

den juengeren Rivalen auch bereits verdraengt aus der Alleinherrschaft

ueber die Westsee, dem Besitze beider Verbindungsstrassen zwischen dem

oestlichen und dem westlichen Becken des Mittelmeeres und dem Monopol

der Handelsvermittlung zwischen Orient und Okzident, so konnte doch

wenigstens die Herrschaft der Meere westlich von Sardinien und Sizilien

noch fuer die Orientalen gerettet werden; und an deren Behauptung setzte

Karthago die ganze, dem aramaeischen Stamme eigentuemliche zaehe und

umsichtige Energie. Die phoenikische Kolonisierung wie der Widerstand

der Phoeniker nahmen einen voellig anderen Charakter an. Die aelteren

phoenikischen Ansiedlungen, wie die sizilischen, welche Thukydides

schildert, waren kaufmaennische Faktoreien; Karthago unterwarf sich

ausgedehnte Landschaften mit zahlreichen Untertanen und maechtigen

Festungen. Hatten bisher die phoenikischen Niederlassungen vereinzelt

den Griechen gegenuebergestanden, so zentralisierte jetzt die

maechtige libysche Stadt in ihrem Bereiche die ganze Wehrkraft ihrer

Stammverwandten mit einer Straffheit, der die griechische Geschichte

nichts Aehnliches an die Seite zu stellen vermag. Vielleicht das

wichtigste Moment aber dieser Reaktion fuer die Folgezeit ist die enge

Beziehung, in welche die schwaecheren Phoeniker, um der Hellenen sich zu

erwehren, zu den Eingeborenen Siziliens und Italiens traten. Als Knidier

und Rhodier um das Jahr 175 (579) im Mittelpunkt der phoenikischen

Ansiedlungen auf Sizilien bei Lilybaeon sich festzusetzen versuchten,

wurden sie durch die Eingeborenen - Elymer von Segeste - und Phoeniker

wieder von dort vertrieben. Als die Phokaeer um 217 (537) sich in Alalia

(Aleria) auf Korsika Caere gegenueber niederliessen, erschien, um sie

von dort zu vertreiben, die vereinigte Flotte der Etrusker und

der Karthager, hundertundzwanzig Segel stark; und obwohl in dieser

Seeschlacht - einer der aeltesten, die die Geschichte kennt - die

nur halb so starke Flotte der Phokaeer sich den Sieg zuschrieb, so

erreichten doch die Karthager und Etrusker, was sie durch den Angriff

bezweckt hatten: die Phokaeer gaben Korsika auf und liessen lieber

an der weniger ausgesetzten lukanischen Kueste in Hyele (Velia) sich

nieder. Ein Traktat zwischen Etrurien und Karthago stellte nicht bloss

die Regeln ueber Wareneinfuhr und Rechtsfolge fest, sondern schloss auch

ein Waffenbuendnis (symmachia) ein, von dessen ernstlicher Bedeutung

eben jene Schlacht von Alalia zeugt. Charakteristisch ist es fuer die

Stellung der Caeriten, dass sie die phokaeischen Gefangenen auf dem

Markt von Caere steinigten und alsdann, um den Frevel zu suehnen,

den delphischen Apoll beschickten. Latium hat dieser Fehde gegen die

Hellenen sich nicht angeschlossen; vielmehr finden sich in sehr alter

Zeit freundliche Beziehungen der Roemer zu den Phokaeern in Hyele wie

in Massalia, und die Ardeaten sollen sogar gemeinschaftlich mit

den Zakynthiern eine Pflanzstadt in Spanien, das spaetere Saguntum

gegruendet haben. Doch haben die Latiner noch viel weniger sich auf die

Seite der Hellenen gestellt; dafuer buergen sowohl die engen Beziehungen

zwischen Rom und Caere als auch die Spuren alten Verkehrs zwischen den

Latinern und den Karthagern. Der Stamm der Kanaaniten ist den Roemern

durch Vermittlung der Hellenen bekannt geworden, da sie, wie wir sahen,

ihn stets mit dem griechischen Namen genannt haben; aber dass sie weder

den Namen der Stadt Karthago ^5 noch den Volksnamen der Afrer ^6 von den

Griechen entlehnt haben, dass tyrische Waren bei den aelteren Roemern

mit dem ebenfalls die griechische Vermittlung ausschliessenden Namen

der sarranischen bezeichnet werden ^7, beweist ebenso wie die spaeteren

Vertraege den alten und unmittelbaren Handelsverkehr zwischen Latium

und Karthago. ------------------------------------------------ ^5

Phoenikisch Karthada, griechisch Karchedon, roemisch Cartago. ^6 Der

Name Afri, schon Ennius und Cato gelaeufig - man vergleiche Scipio

Africanus -, ist gewiss ungriechisch, hoechst wahrscheinlich

stammverwandt mit dem der Hebraeer. ^7 Sarranisch heissen den Roemern

seit alter Zeit der tyrische Purpur und die tyrische Floete, und auch

als Beiname ist Sarranus wenigstens seit dem Hannibalischen Krieg in

Gebrauch. Der bei Ennius und Plautus vorkommende Stadtname Sarra ist

wohl aus Sarranus, nicht unmittelbar aus dem einheimischen Namen Sor

gebildet. Die griechische Form Tyrus, Tyrius moechte bei den Roemern

nicht vor Afranius (bei Festus p. 355 M.) vorkommen. Vgl. F. K.

Movers, Die Phoenicier. Bonn/Berlin 1840-56. Bd. 2, 1, S. 174.

-------------------------------------------- Der vereinigten Macht der

Italiker und Phoeniker gelang es in der Tat, die westliche Haelfte des

Mittelmeeres im wesentlichen zu behaupten. Der nordwestliche Teil

von Sizilien mit den wichtigen Haefen Soloeis und Panormos an

der Nordkueste, Motye an der Afrika zugewandten Spitze blieb im

unmittelbaren oder mittelbaren Besitz der Karthager. Um die Zeit des

Kyros und Kroesos, eben als der weise Bias die Ionier zu bestimmen

suchte, insgesamt aus Kleinasien auswandernd in Sardinien sich

niederzulassen (um 200 554), kam ihnen dort der karthagische Feldherr

Malchus zuvor und bezwang einen bedeutenden Teil der wichtigen Insel mit

Waffengewalt; ein halbes Jahrhundert spaeter erscheint das ganze Gestade

Sardiniens in unbestrittenem Besitz der karthagischen Gemeinde. Korsika

dagegen mit den Staedten Alalia und Nikaea fiel den Etruskern zu und die

Eingeborenen zinsten an diese von den Produkten ihrer armen Insel,

dem Pech, Wachs und Honig. Im Adriatischen Meer ferner sowie in

den Gewaessern westlich von Sizilien und Sardinien herrschten die

verbuendeten Etrusker und Karthager. Zwar gaben die Griechen den Kampf

nicht auf. Jene von Lilybaeon vertriebenen Rhodier und Knidier setzten

auf den Inseln zwischen Sizilien und Italien sich fest und gruendeten

hier die Stadt Lipara (175 579). Massalia gedieh trotz seiner Isolierung

und monopolisierte bald den Handel von Nizza bis nach den Pyrenaeen. An

den Pyrenaeen selbst ward von Lipara aus die Pflanzstadt Rhoda (jetzt

Rosas) angelegt und auch in Saguntum sollen Zakynthier sich angesiedelt,

ja selbst in Tingis (Tanger) in Mauretanien griechische Dynasten

geherrscht haben. Aber mit dem Vorruecken war es denn doch fuer

die Hellenen vorbei; nach Akragas' Gruendung sind ihnen bedeutende

Gebietserweiterungen am Adriatischen wie am westlichen Meer nicht mehr

gelungen, und die spanischen Gewaesser wie der Atlantische Ozean blieben

ihnen verschlossen. Jahr aus Jahr ein fochten die Liparaeer mit den

tuskischen "Seeraeubern", die Karthager mit den Massalioten, den

Kyrenaeern, vor allem den griechischen Sikelioten; aber nach keiner

Seite hin ward ein dauerndes Resultat erreicht und das Ergebnis der

Jahrhunderte langen Kaempfe war im ganzen die Aufrechterhaltung des

Status quo. So hatte Italien, wenn auch nur mittelbar, den Phoenikern

es zu danken, dass wenigstens die mittleren und noerdlichen Landschaften

nicht kolonisiert wurden, sondern hier, namentlich in Etrurien, eine

nationale Seemacht ins Leben trat. Es fehlt aber auch nicht an Spuren,

dass die Phoeniker es schon der Muehe wert fanden, wenn nicht gegen

die latinischen, doch wenigstens gegen die seemaechtigeren etruskischen

Bundesgenossen diejenige Eifersucht zu entwickeln, die aller

Seeherrschaft anzuhaften pflegt: der Bericht ueber die von den

Karthagern verhinderte Aussendung einer etruskischen Kolonie nach den

Kanarischen Inseln, wahr oder falsch, offenbart die hier obwaltenden

rivalisierenden Interessen. 11. Kapitel Recht und Gericht Das Volksleben

in seiner unendlichen Mannigfaltigkeit anschaulich zu machen, vermag

die Geschichte nicht allein; es muss ihr genuegen, die Entwicklung

der Gesamtheit darzustellen. Das Schaffen und Handeln, das Denken und

Dichten des einzelnen, wie sehr sie auch von dem Zuge des Volksgeistes

beherrscht werden, sind kein Teil der Geschichte. Dennoch scheint der

Versuch, diese Zustaende, wenn auch nur in den allgemeinsten Umrissen,

anzudeuten, eben fuer diese aelteste, geschichtlich so gut wie

verschollene Zeit deswegen notwendig, weil die tiefe Kluft, die unser

Denken und Empfinden von dem der alten Kulturvoelker trennt, sich auf

diesem Gebiet allein einigermassen zum Bewusstsein bringen laesst.

Unsere Ueberlieferung mit ihren verwirrten Voelkernamen und getruebten

Sagen ist wie die duerren Blaetter, von denen wir muehsam begreifen,

dass sie einst gruen gewesen sind; statt die unerquickliche Rede durch

diese saeuseln zu lassen und die Schnitzel der Menschheit, die Choner

und Oenotrer, die Siculer und Pelasger zu klassifizieren, wird es sich

besser schicken zu fragen, wie denn das reale Volksleben des alten

Italien im Rechtsverkehr, das ideale in der Religion sich ausgepraegt,

wie man gewirtschaftet und gehandelt hat, woher die Schrift den Voelkern

kam und die weiteren Elemente der Bildung. So duerftig auch hier unser

Wissen ist, schon fuer das roemische Volk, mehr noch fuer das der

Sabeller und das etruskische, so wird doch selbst die geringe und

lueckenvolle Kunde dem Leser statt des Namens eine Anschauung oder doch

eine Ahnung gewaehren. Das Hauptergebnis einer solchen Betrachtung,

um dies gleich hier vorwegzunehmen, laesst in dem Satze sich

zusammenfassen, dass bei den Italikern und insbesondere bei den Roemern

von den urzeitlichen Zustaenden verhaeltnismaessig weniger bewahrt

worden ist als bei irgendeinem anderen indogermanischen Stamm. Pfeil und

Bogen, Streitwagen, Eigentumunfaehigkeit der Weiber, Kauf der Ehefrau,

primitive Bestattungsform, Blutrache, mit der Gemeindegewalt ringende

Geschlechtsverfassung, lebendiger Natursymbolismus - alle diese und

unzaehlige verwandte Erscheinungen muessen wohl auch als Grundlage der

italischen Zivilisation vorausgesetzt werden; aber wo diese uns zuerst

anschaulich entgegentritt, sind sie bereits spurlos verschwunden,

und nur die Vergleichung der verwandten Staemme belehrt uns ueber ihr

einstmaliges Vorhandensein. Insofern beginnt die italische Geschichte

bei einem weit spaeteren Zivilisationsabschnitt als zum Beispiel die

griechische und deutsche und traegt von Haus aus einen relativ modernen

Charakter. Die Rechtssatzungen der meisten italischen Staemme sind

verschollen: nur von dem latinischen Landrecht ist in der roemischen

Ueberlieferung einige Kunde auf uns gekommen. Alle Gerichtsbarkeit

ist zusammengefasst in der Gemeinde, das heisst in dem Koenig, welcher

Gericht oder "Gebot" (ius) haelt an den Spruchtagen (dies fasti) auf

der Richterbuehne (tribunal) der Dingstaette, sitzend auf dem Wagenstuhl

(sella curulis) ^1; ihm zur Seite stehen seine Boten (lictores), vor ihm

der Angeklagte oder die Parteien (rei). Zwar entscheidet zunaechst ueber

die Knechte der Herr, ueber die Frauen der Vater, Ehemann oder naechste

maennliche Verwandte; aber Knechte und Frauen galten auch zunaechst

nicht als Glieder der Gemeinde. Auch ueber hausuntertaenige Soehne

und Enkel konkurrierte die hausvaeterliche Gewalt mit der koeniglichen

Gerichtsbarkeit; aber eine eigentliche Gerichtsbarkeit war jene nicht,

sondern lediglich ein Ausfluss des dem Vater an den Kindern zustehenden

Eigentumsrechts. Von einer eigenen Gerichtsbarkeit der Geschlechter

oder ueberhaupt von irgendeiner nicht aus der koeniglichen abgeleiteten

Gerichtsherrlichkeit treffen wir nirgends eine Spur. Was die Selbsthilfe

und namentlich die Blutrache anlangt, so findet sich vielleicht noch ein

sagenhafter Nachklang der urspruenglichen Satzung, dass die Toetung

des Moerders oder dessen, der ihn widerrechtlich beschuetzt, durch die

Naechsten des Ermordeten gerechtfertigt sei; aber eben dieselben Sagen

schon bezeichnen diese Satzung als verwerflich ^2 und es scheint demnach

die Blutrache in Rom sehr frueh durch das energische Auftreten der

Gemeindegewalt unterdrueckt worden zu sein. Ebenso ist weder von dem

Einfluss, der den Genossen und dem Umstand auf die Urteilsfaellung nach

aeltestem deutschen Recht zukommt, in dem aeltesten roemischen etwas

wahrzunehmen, noch findet sich in diesem, was in jenem so haeufig ist,

dass der Wille selbst und die Macht einen Anspruch mit den Waffen in

der Hand zu vertreten als gerichtlich notwendig oder doch zulaessig

behandelt wird. Das Gerichtsverfahren ist Staats- oder Privatprozess,

Römische Geschichte — Buch 1 · 第 15 / 26 段