nur dass Taras und Herakleia sich in wesentlichen Stuecken vielmehr
nach der Waehrung ihrer achaeischen Nachbarn richten als nach der
der sizilischen Dorer. Die Zeitbestimmung der frueheren Fahrten und
Ansiedlungen wird wohl fuer immer in tiefes Dunkel eingehuellt bleiben.
Zwar eine gewisse Folge darin tritt auch fuer uns noch unverkennbar
hervor. In der aeltesten Urkunde der Griechen, welche, wie der aelteste
Verkehr mit dem Westen, den kleinasiatischen Ioniern eignet, in den
Homerischen Gesaengen reicht der Horizont noch kaum ueber das
oestliche Becken des Mittelmeers hinaus. Vom Sturm in die westliche See
verschlagene Schiffer mochten von der Existenz eines Westlandes und etwa
noch von dessen Meeresstrudeln und feuerspeienden Inselbergen die Kunde
nach Kleinasien heimgebracht haben; allein zu der Zeit der Homerischen
Dichtung mangelte selbst in derjenigen griechischen Landschaft, welche
am fruehesten mit dem Westland in Verkehr trat, noch jede zuverlaessige
Kunde von Sizilien und Italien; und die Maerchenerzaehler und Dichter
des Ostens konnten, wie seinerzeit die okzidentalischen den fabelhaften
Orient, ungestoert die leeren Raeume des Westens mit ihren luftigen
Gestalten erfuellen. Bestimmter treten schon in den Hesiodischen
Gedichten die Umrisse Italiens und Siziliens hervor; sie kennen aus
beiden einheimische Namen von Voelkerschaften, Bergen und Staedten;
doch ist ihnen Italien noch eine Inselgruppe. Dagegen in der gesamten
nachhesiodischen Literatur erscheint Sizilien und selbst das gesamte
Gestade Italiens als den Hellenen wenigstens im allgemeinen bekannt.
Ebenso laesst die Reihenfolge der griechischen Ansiedlungen mit einiger
Sicherheit sich bestimmen. Als die aelteste namhafte Ansiedlung im
Westland galt offenbar schon dem Thukydides Kyme; und gewiss hat
er nicht geirrt. Allerdings lag dem griechischen Schiffer mancher
Landungsplatz naeher; allein vor den Stuermen wie vor den Barbaren
war keiner so geschuetzt wie die Insel Ischia, auf der die Stadt
urspruenglich lag; und dass solche Ruecksichten vor allem bei dieser
Ansiedlung leiteten, zeigt selbst die Stelle noch, die man spaeter auf
dem Festland dazu ausersah, die steile, aber geschuetzte Felsklippe, die
noch heute den ehrwuerdigen Namen der anatolischen Mutterstadt
traegt. Nirgends in Italien sind denn auch die Oertlichkeiten der
kleinasiatischen Maerchen mit solcher Festigkeit und Lebendigkeit
lokalisiert wie in der kymaeischen Landschaft, wo die fruehesten
Westfahrer, jener Sagen von den Wundern des Westens voll, zuerst das
Fabelland betraten und die Spuren der Maerchenwelt, in der sie zu
wandeln meinten, in den Sirenenfelsen und dem zur Unterwelt fuehrenden
Aornossee zurueckliessen. Wenn ferner in Kyme zuerst die Griechen
Nachbarn der Italiker wurden, so erklaert es sich sehr einfach, weshalb
der Name desjenigen italischen Stammes, der zunaechst um Kyme angesessen
war, der Name der Opiker, von ihnen noch lange Jahrhunderte nachher
fuer saemtliche Italiker gebraucht ward. Es ist ferner glaublich
ueberliefert, dass die massenhafte hellenische Einwanderung in
Unteritalien und Sizilien von der Niederlassung auf Kyme durch
einen betraechtlichen Zwischenraum getrennt war und dass bei jener
Einwanderung wieder die Ionier von Chalkis und von Naxos vorangingen und
Naxos auf Sizilien die aelteste aller durch eigentliche Kolonisierung in
Italien und Sizilien gegruendeten Griechenstaedte ist, worauf dann die
achaeischen und dorischen Kolonisationen erst spaeter erfolgt sind.
Allein es scheint voellig unmoeglich, fuer diese Reihe von Tatsachen
auch nur annaehernd sichere Jahreszahlen festzustellen. Die Gruendung
der achaeischen Stadt Sybaris im Jahre 33 (721) und die der dorischen
Stadt Taras im Jahre 46 Roms (708) moegen die aeltesten Daten der
italischen Geschichte sein, deren wenigstens ungefaehre Richtigkeit als
ausgemacht angesehen werden kann. Um wieviel aber die Ausfuehrung der
aelteren ionischen Kolonien jenseits dieser Epoche zurueckliege, ist
ebenso ungewiss wie das Zeitalter der Entstehung der Hesiodischen und
gar der Homerischen Gedichte. Wenn Herodot das Zeitalter Homers richtig
bestimmt hat, so war Italien den Griechen ein Jahrhundert vor der
Gruendung Roms (850) noch unbekannt; indes jene Ansetzung ist wie alle
anderen der Lebenszeit Homers kein Zeugnis, sondern ein Schluss, und wer
die Geschichte der italischen Alphabete sowie die merkwuerdige Tatsache
erwaegt, dass den Italikern das Griechenvolk bekannt ward, bevor der
hellenische Stammname aufgekommen war, und die Italiker ihre Bezeichnung
der Hellenen von dem in Hellas frueh verschollenen Stamm der Grai oder
Graeci entlehnten ^1, wird geneigt sein, den fruehesten Verkehr der
Italiker mit den Griechen um ein bedeutendes hoeher hinaufzuruecken.
------------------------------------------- ^1 Ob der Name der Graeker
urspruenglich aus dem epirotischen Binnenland und der Gegend von
Dodone haftet oder vielmehr den frueher vielleicht bis an das Westmeer
reichenden Aetolern eigen war, mag dahingestellt bleiben; er muss in
ferner Zeit einem hervorragenden Stamm oder Komplex von Staemmen des
eigentlichen Griechenlands eigen gewesen und von diesen auf die gesamte
Nation uebergegangen sein. In den Hesiodischen Eoeen erscheint er als
aelterer Gesamtname der Nation, jedoch mit offenbarer Absichtlichkeit
beiseite geschoben und dem hellenischen untergeordnet, welcher
letztere bei Homer noch nicht, wohl aber, ausser bei Hesiod, schon
bei Archilochos um das Jahr 50 Roms (704) auftritt und recht wohl noch
bedeutend frueher aufgekommen sein kann (M. L. Duncker, Geschichte des
Altertums. Berlin 1852-57. Bd. 3, S. 18, 556). Also bereits vor dieser
Zeit waren die Italiker mit den Griechen soweit bekannt, dass jener in
Hellas frueh verschollene Name bei ihnen als Gesamtname der griechischen
Nation blieb, auch als diese selbst andere Wege ging. Es ist dabei
nur in der Ordnung, dass den Auslaendern die Zusammengehoerigkeit der
hellenischen Staemme frueher und deutlicher zum Bewusstsein gekommen
ist als diesen selbst, und daher die Gesamtbenennung hier schaerfer
sich fixierte als dort, nicht minder, dass dieselbe nicht gerade den
wohlbekannten naechstwohnenden Hellenen entnommen ward. Wie man es
damit vereinigen will, dass noch ein Jahrhundert vor der Gruendung Roms
Italien den kleinasiatischen Griechen voellig unbekannt war, ist schwer
abzusehen. Von dem Alphabet wird unten die Rede sein; es ergibt dessen
Geschichte vollkommen die gleichen Resultate. Man wird es vielleicht
verwegen nennen, auf solche Beobachtungen hin die Herodotische Angabe
ueber das Zeitalter Homers zu verwerfen; aber ist es etwa keine
Kuehnheit, in Fragen dieser Art der Ueberlieferung zu folgen?
---------------------------------------- Die Geschichte der italischen
und sizilischen Griechen ist zwar kein Teil der italischen; die
hellenischen Kolonisten des Westens blieben stets im engsten
Zusammenhang mit der Heimat und hatten teil an den Nationalfesten
und Rechten der Hellenen. Doch ist es auch fuer Italien wichtig, den
verschiedenen Charakter der griechischen Ansiedlungen daselbst zu
bezeichnen und wenigstens gewisse Grundzuege hervorzuheben, durch
die der verschiedenartige Einfluss der griechischen Kolonisierung
auf Italien wesentlich bedingt worden ist. Unter allen griechischen
Ansiedlungen die intensivste und in sich am meisten geschlossene war
diejenige, aus der der Achaeische Staedtebund hervorging, welchen die
Staedte Siris, Pandosia, Metabus oder Metapontion, Sybaris mit seinen
Pflanzstaedten Poseidonia und Laos, Kroton, Kaulonia, Temesa, Terina
und Pyxus bildeten. Diese Kolonisten gehoerten, im grossen und ganzen
genommen, einem griechischen Stamm an, der an seinem eigentuemlichen,
dem dorischen naechst verwandten Dialekt sowie nicht minder, anstatt des
sonst allgemein in Gebrauch gekommenen juengeren Alphabets, lange Zeit
an der altnationalen hellenischen Schreibweise festhielt, und der seine
besondere Nationalitaet den Barbaren wie den andern Griechen gegenueber
in einer festen buendischen Verfassung bewahrte. Auch auf diese
italischen Achaeer laesst sich anwenden, was Polybios von der
achaeischen Symmachie im Peloponnes sagt: "nicht allein in
eidgenoessischer und freundschaftlicher Gemeinschaft leben sie, sondern
sie bedienen sich auch gleicher Gesetze, gleicher Gewichte, Masse und
Muenzen sowie derselben Vorsteher, Ratmaenner und Richter". Dieser
Achaeische Staedtebund war eine eigentliche Kolonisation. Die Staedte
waren ohne Haefen - nur Kroton hatte eine leidliche Reede - und ohne
Eigenhandel; der Sybarite ruehmte sich, zu ergrauen zwischen den
Bruecken seiner Lagunenstadt, und Kauf und Verkauf besorgten ihm
Milesier und Etrusker. Dagegen besassen die Griechen hier nicht bloss
die Kuestensaeume, sondern herrschten von Meer zu Meer in dem "Wein-"
und "Rinderland" (Oinotria, Italia) oder der "grossen Hellas"; die
eingeborene ackerbauende Bevoelkerung musste in Klientel oder gar in
Leibeigenschaft ihnen wirtschaften und zinsen. Sybaris - seiner Zeit
die groesste Stadt Italiens - gebot ueber vier barbarische Staemme
und fuenfundzwanzig Ortschaften und konnte am andern Meer Laos und
Poseidonia gruenden; die ueberschwenglich fruchtbaren Niederungen des
Krathis und Bradanos warfen den Sybariten und Metapontinern ueberreichen
Ertrag ab - vielleicht ist hier zuerst Getreide zur Ausfuhr gebaut
worden. Von der hohen Bluete, zu welcher diese Staaten in unglaublich
kurzer Zeit gediehen, zeugen am lebendigsten die einzigen auf uns
gekommenen Kunstwerke dieser italischen Achaeer: ihre Muenzen von
strenger, altertuemlich schoener Arbeit - ueberhaupt die fruehesten
Denkmaeler von Kunst und Schrift in Italien, deren Praegung erweislich
im Jahre 174 der Stadt (580) bereits begonnen hatte. Diese Muenzen
zeigen, dass die Achaeer des Westens nicht bloss teilnahmen an der eben
um diese Zeit im Mutterlande herrlich sich entwickelnden Bildnerkunst,
sondern in der Technik demselben wohl gar ueberlegen waren; denn statt
der dicken, oft nur einseitig gepraegten und regelmaessig schriftlosen
Silberstuecke, welche um diese Zeit in dem eigentlichen Griechenland wie
bei den italischen Dorern ueblich waren, schlugen die italischen Achaeer
mit grosser und selbstaendiger Geschicklichkeit aus zwei gleichartigen,
teils erhaben teils vertieft geschnittenen Stempeln grosse duenne,
stets mit Aufschrift versehene Silbermuenzen, deren sorgfaeltig vor der
Falschmuenzerei jener Zeit - Plattierung geringen Metalls mit duennen
Silberblaettern - sich schuetzende Praegweise den wohlgeordneten
Kulturstaat verraet. Dennoch trug diese schnelle Bluete keine Frucht.
In der muehelosen, weder durch kraeftige Gegenwehr der Eingeborenen noch
durch eigene schwere Arbeit auf die Probe gestellten Existenz versagte
sogar den Griechen frueh die Spannkraft des Koerpers und des Geistes.
Keiner der glaenzenden Namen der griechischen Kunst und Literatur
verherrlicht die italischen Achaeer, waehrend Sizilien deren unzaehlige,
auch in Italien das chalkidische Rhegion den Ibykos, das dorische Tarent
den Archytas nennen kann; bei diesem Volk, wo stets sich am Herde der
Spiess drehte, gedieh nichts von Haus aus als der Faustkampf. Tyrannen
liess die strenge Aristokratie nicht aufkommen, die in den einzelnen
Gemeinden frueh ans Ruder gekommen war und im Notfall an der
Bundesgewalt einen sicheren Rueckhalt fand: wohl aber drohte die
Verwandlung der Herrschaft der Besten in eine Herrschaft der Wenigen,
vor allem, wenn die bevorrechteten Geschlechter in den verschiedenen
Gemeinden sich untereinander verbuendeten und gegenseitig sich
aushalfen. Solche Tendenzen beherrschten die durch den Namen des
Pythagoras bezeichnete solidarische Verbindung der "Freunde", sie gebot,
die herrschende Klasse "gleich den Goettern zu verehren", die dienende
"gleich den Tieren zu unterwerfen", und rief durch solche Theorie und
Praxis eine furchtbare Reaktion hervor, welche mit der Vernichtung
der pythagoreischen "Freunde" und mit der Erneuerung der alten
Bundesverfassung endigte. Allein rasende Parteifehden, Massenerhebungen
der Sklaven, soziale Missstaende aller Art, praktische Anwendung
unpraktischer Staatsphilosophie, kurz alle Uebel der entsittlichten
Zivilisation hoerten nicht auf, in den achaeischen Gemeinden zu wueten,
bis ihre politische Macht darueber zusammenbrach. Es ist danach nicht
zu verwundern, dass fuer die Zivilisation Italiens die daselbst
angesiedelten Achaeer minder einflussreich gewesen sind als die uebrigen
griechischen Niederlassungen. ueber die politischen Grenzen hinaus
ihren Einfluss zu erstrecken, lag diesen Ackerbauern ferner als
den Handelsstaaten; innerhalb ihres Gebiets verknechteten sie die
Eingeborenen und zertraten die Keime einer nationalen Entwicklung, ohne
doch den Italikern durch vollstaendige Hellenisierung eine neue Bahn zu
eroeffnen. So ist in Sybaris und Metapont, in Kroton und Poseidonia das
griechische Wesen, das sonst allen politischen Missgeschicken zum Trotz
sich lebenskraeftig zu behaupten wusste, schneller, spur- und ruhmloser
verschwunden als in irgendeinem anderen Gebiet, und die zwiesprachigen
Mischvoelker, die spaeterhin aus den Truemmern der eingeborenen Italiker
und der Achaeer und den juengeren Einwanderern sabellischer Herkunft
hervorgingen, sind zu rechtem Gedeihen ebensowenig gelangt. Indes, diese
Katastrophe gehoert der Zeit nach in die folgende Periode. Anderer
Art und von anderer Wirkung auf Italien waren die Niederlassungen der
uebrigen Griechen. Auch sie verschmaehten den Ackerbau und Landgewinn
keineswegs; es war nicht die Weise der Hellenen, wenigstens seit sie zu
ihrer Kraft gekommen waren, sich im Barbarenland nach phoenikischer Art
an einer befestigten Faktorei genuegen zu lassen. Aber wohl waren alle
diese Staedte zunaechst und vor allem des Handels wegen begruendet und
darum denn auch, ganz abweichend von den achaeischen, durchgaengig
an den besten Haefen und Landungsplaetzen angelegt. Die Herkunft,
die Veranlassung und die Epoche dieser Gruendungen waren mannigfach
verschieden; dennoch bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft
- so in dem allen jenen Staedten gemeinsamen Gebrauch gewisser moderner
Formen des Alphabets ^2 und selbst in dem Dorismus der Sprache, der auch
in diejenigen Staedte frueh eindrang, die, wie zum Beispiel Kyme ^3, von
Haus aus den weichen ionischen Dialekt sprachen. Fuer die Entwicklung
Italiens sind diese Niederlassungen in sehr verschiedenem Grade wichtig
geworden; es genuegt hier, derjenigen zu gedenken, welche entscheidend
in die Schicksale der Staemme Italiens eingegriffen haben, des
dorischen Tarent und des ionischen Kyme.
------------------------------------------------- ^2 So sind die
drei altorientalischen Formen des i, l und r, fuer die als leicht
zu verwechseln mit den Formen des s, g und p schon frueh die Zeichen
vorgeschlagen worden sind, in den achaeischen Kolonien entweder
ausschliesslich oder doch sehr vorwiegend in Gebrauch geblieben,
waehrend die uebrigen Griechen Italiens und Siziliens ohne Unterschied
des Stammes sich ausschliesslich oder doch sehr vorwiegend der juengeren
Formen bedient haben. ^3 So zum Beispiel heisst es auf einem kymaeischen
Tongefaess Tataies emi leyqthos. Fos d'an me klephsei th?phlos estai.
--------------------------------- Den Tarentinern ist unter allen
hellenischen Ansiedlungen in Italien die glaenzendste Rolle zugefallen.
Der vortreffliche Hafen, der einzige gute an der ganzen Suedkueste,
machte ihre Stadt zum natuerlichen Entrepot fuer den sueditalienischen
Handel, ja sogar fuer einen Teil des Verkehrs auf dem Adriatischen Meer.
Der reiche Fischfang in dem Meerbusen, die Erzeugung und Verarbeitung
der vortrefflichen Schafwolle sowie deren Faerbung mit dem Saft der
tarentinischen Purpurschnecke, die mit der tyrischen wetteifern konnte -
beide Industrien hierher eingebuergert aus dem kleinasiatischen Miletos
-, beschaeftigten Tausende von Haenden und fuegten zu dem Zwischen- noch
den Ausfuhrhandel hinzu. Die in groesserer Menge als irgendwo sonst im
griechischen Italien und ziemlich zahlreich selbst in Gold geschlagenen
Muenzen sind noch heute redende Beweise des ausgebreiteten und lebhaften
tarentinischen Verkehrs. Schon in dieser Epoche, wo Tarent noch mit
Sybaris um den ersten Rang unter den unteritalischen Griechenstaedten
rang, muessen seine ausgedehnten Handelsverbindungen sich angeknuepft
haben; indes auf eine wesentliche Erweiterung ihres Gebietes nach Art
der achaeischen Staedte scheinen die Tarentiner nie mit dauerndem
Erfolg ausgegangen zu sein. Wenn also die oestlichste der griechischen
Ansiedlungen in Italien rasch und glaenzend sich emporhob, so gediehen
die noerdlichsten derselben am Vesuv zu bescheidnerer Bluete. Hier
waren von der fruchtbaren Insel Aenaria (Ischia) aus die Kymaeer auf das
Festland hinuebergegangen und hatten auf einem Huegel hart am Meere eine
zweite Heimat erbaut, von wo aus der Hafenplatz Dikaearchia (spaeter
Puteoli), und weiter die "Neustadt" Neapolis gegruendet wurden.
Sie lebten, wie ueberhaupt die chalkidischen Staedte in Italien und
Sizilien, nach den Gesetzen, welche Charondas von Katane (um 100 650)
festgestellt hatte, in einer demokratischen, jedoch durch hohen Zensus
gemaessigten Verfassung, welche die Macht in die Haende eines aus den
Reichsten erlesenen Rates von Mitgliedern legte - eine Verfassung,
die sich bewaehrte und im ganzen von diesen Staedten Usurpatoren
wie Poebeltyrannei fern hielt. Wir wissen wenig von den aeusseren
Verhaeltnissen dieser kampanischen Griechen. Sie blieben, sei es aus
Zwang oder aus freier Wahl, mehr noch als die Tarentiner beschraenkt
auf einen engen Bezirk; indem sie von diesem aus nicht erobernd und
unterdrueckend gegen die Eingeborenen auftraten, sondern friedlich
mit ihnen handelten und verkehrten, erschufen sie sich selbst eine
gedeihliche Existenz und nahmen zugleich den ersten Platz unter den
Missionaren der griechischen Zivilisation in Italien ein. Wenn zu beiden
Seiten der rheginischen Meerenge teils auf dem Festlande die ganze
suedliche und die Westkueste bis zum Vesuv, teils die groessere
oestliche Haelfte der sizilischen Insel griechisches Land war, so
gestalteten dagegen auf der italischen Westkueste nordwaerts vom Vesuv
und auf der ganzen Ostkueste die Verhaeltnisse sich wesentlich anders.
An dem dem Adriatischen Meer zugewandten italischen Gestade entstanden
griechische Ansiedlungen nirgends; womit die verhaeltnismaessig
geringere Anzahl und untergeordnete Bedeutung der griechischen
Pflanzstaedte auf dem gegenueberliegenden illyrischen Ufer und
den zahlreichen demselben vorliegenden Inseln augenscheinlich
zusammenhaengt. Zwar wurden auf dem Griechenland naechsten Teil dieser
Kueste zwei ansehnliche Kaufstaedte, Epidamnos oder Dyrrhachion (jetzt
Durazzo; 127 587) und Apollonia (bei Avlona; um 167 627) noch waehrend
der roemischen Koenigsherrschaft gegruendet; aber weiter noerdlich ist,
mit Ausnahme etwa der nicht bedeutenden Niederlassung auf Schwarzkerkyra
(Curzola; um 174? 580) keine alte griechische Ansiedlung nachzuweisen.
Es ist noch nicht hinreichend aufgeklaert, warum die griechische
Kolonisierung so duerftig gerade nach dieser Seite hin auftrat, wohin
doch die Natur selbst die Hellenen zu weisen schien und wohin in der Tat
seit aeltester Zeit von Korinth und mehr noch von der nicht lange nach
Rom (um 44 710) gegruendeten Ansiedlung auf Kerkyra (Korfu) aus ein
Handelszug bestand, dessen Entrepots auf der italischen Kueste die
Staedte an der Pomuendung, Spina und Atria, waren. Die Stuerme der
Adriatischen See, die Unwirtlichkeit wenigstens der illyrischen Kuesten,
die Wildheit der Eingeborenen reichen offenbar allein nicht aus,
um diese Tatsache zu erklaeren. Aber fuer Italien ist es von den
wichtigsten Folgen gewesen, dass die von Osten kommenden Elemente
der Zivilisation nicht zunaechst auf seine oestlichen Landschaften
einwirkten, sondern erst aus den westlichen in diese gelangten.
Selbst in den Handelsverkehr teilte sich mit Korinth und Kerkyra die
oestlichste Kaufstadt Grossgriechenlands, das dorische Tarent, das durch
den Besitz von Hydrus (Otranto) den Eingang in das Adriatische Meer auf
der italischen Seite beherrschte. Da ausser den Haefen an der Pomuendung
an der ganzen Ostkueste nennenswerte Emporien in jener Zeit nicht
bestanden - Ankons Aufbluehen faellt in weit spaetere Zeit und noch
spaeter das Emporkommen von Brundisium -, ist es wohl begreiflich, dass
die Schiffer von Epidamnos und Apollonia haeufig in Tarent loeschten.
Auch auf dem Landwege verkehrten die Tarentiner vielfach mit Apulien;
auf sie geht zurueck, was sich von griechischer Zivilisation im
Suedosten Italiens vorfindet. Indes fallen in diese Zeit davon nur die
ersten Anfaenge; der Hellenismus Apuliens entwickelte sich erst in einer
spaeteren Epoche. Dass dagegen die Westkueste Italiens auch noerdlich
vom Vesuv in aeltester Zeit von den Hellenen befahren worden ist und auf
den Inseln und Landspitzen hellenische Faktoreien bestanden, laesst
sich nicht bezweifeln. Wohl das aelteste Zeugnis dieser Fahrten ist die
Lokalisierung der Odysseussage an den Kuesten des Tyrrhenischen Meeres
^4. Wenn man in den Liparischen Inseln die des Aeolos wiederfand, wenn
man am Lacinischen Vorgebirge die Insel der Kalypso, am Misenischen die
der Sirenen, am Circeischen die der Kirke wies, wenn man das ragende
Grab des Elpenor in dem steilen Vorgebirge von Tarracina erkannte, wenn
bei Caieta und Formiae die Laestrygonen hausen, wenn die beiden Soehne
des Odysseus und der Kirke, Agrios, das heisst der Wilde, und Latinos,
im "innersten Winkel der heiligen Inseln" die Tyrrhener beherrschen oder
in einer juengeren Fassung Latinus der Sohn des Odysseus und der Kirke,
Auson der Sohn des Odysseus und der Kalypso heisst, so sind das alte
Schiffmaerchen der ionischen Seefahrer, welche der lieben Heimat auf
der Tyrrhenischen See gedachten, und dieselbe herrliche Lebendigkeit
der Empfindung, wie sie in dem ionischen Gedicht von den Fahrten des
Odysseus waltet, spricht auch noch aus der frischen Lokalisierung
derselben Sage bei Kyme selbst und in dem ganzen Fahrbezirk der
kymaeischen Schiffer. ------------------------------------------- ^4
Die aeltesten griechischen Schriften, in denen uns diese tyrrhenische
Odysseussage erscheint, sind die Hesiodische 'Theogonie' in einem ihrer
juengeren Abschnitte und sodann die Schriftsteller aus der Zeit kurz vor
Alexander, Ephoros, aus dem der sogenannte Skymnos geflossen ist, und
der sogenannte Skylax. Die erste dieser Quellen gehoert einer Zeit an,
wo Italien den Griechen noch als Inselgruppe galt, und ist also sicher
sehr alt; und es kann danach die Entstehung dieser Sagen im ganzen
mit Sicherheit in die roemische Koenigszeit gesetzt werden.
------------------------------------------- Andere Spuren dieser
aeltesten Fahrten sind die griechischen Namen der Insel Aethalia (Ilva,
Elba), die naechst Aenaria zu den am fruehesten von Griechen besetzten
Plaetzen zu gehoeren scheint, und vielleicht auch des Hafenplatzes
Telamon in Etrurien; ferner die beiden Ortschaften an der caeritischen
Kueste Pyrgi (bei S. Severa) und Alsion (bei Palo), wo nicht bloss die
Namen unverkennbar auf griechischen Ursprung deuten, sondern auch die